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„Das antimilitärische Prinzip unser Mennonitentums ist doch ein sehr richtiges Prinzip, für einen Staat im ganzen, jedoch ist das für Heute noch Utopie“

Heinrich Dück, 25.08.1957

Heinrich Gerhard Dück, 1939

Heinrich Dück hat über Jahre Tagebücher geführt, wo er seine Ereignisse nieder schrieb. Ein Tagebuch kann eine tödliche Gefahr sein, wenn im Lande Terror herrscht und die Verwaltung vor Ort so und so viel Volksfeinde an die Erschießungskommandos zu liefern hat. Im Tagebuch könnten unerwünschte Informationen über revolutionäre Ereignisse stehen. Es könnte falsche Einstellungen des Autors verraten. Das wäre ein guter Grund, ihn zu verhaften. Die sicherste Überlebensstrategie in solchen Zeiten kann nur heißen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Mein Großvater vernichtete seine Tagebücher, die er im Ersten Weltkrieg und Anfang der 20-er Jahre führte. Und später, 1935, fing er wieder an zu schreiben. Aber diesmal sehr vorsichtig, man muss zwischen den Zeilen lesen können.

Diese zehn Hefte sind für mich sehr wertvoll. Sie umfassen den Zeitraum vom 1935 bis 1960. Dort hat er über schwere persönliche Schicksalsschläge seiner Familie berichtet aber auch über die Situation in Russland und Kasachstan vor, während und nach des zweiten Weltkrieges, über das traurige Los russischer Mennoniten unter dem kommunistischen Regime.

Die Tagebücher lagen bis 1990 in einem Koffer und warteten geduldig auf den richtigen Moment, um die ganze Geschichte zu erzählen. Mein Vater konnte sie sehr lange nicht lesen, weil es ihm zu sehr schmerzte. Die Erinnerungen gingen ihm unter die Haut. Mein Bruder Andrej und ich waren einfach zu jung und unerfahren, um es damals zu lesen, dazu kommt noch dass wir die Deutsche Sprache überhaupt nicht beherrschten.

1990 ist unsere Familie nach Deutschland ausgewandert. Weil wir nicht wussten, wo und wie wir unterkommen, hat mein Vater die Tagebücher  erst mal bei seinem Bruder Heinrich in Pavlodar gelassen. Zwei Jahre später beim Heimatbesuch brachten meine Mutter und mein Bruder die wertvolle Aufzeichnungen nach Deutschland mit. Hinzu kam der glückliche Umstand, dass uns der Cousin meines Vaters Marwood Dyck aus Kalifornien besuchte und sich bereit erklärte, die Tagebücher am PC abzutippen. Er hat sich diese riesige Arbeit gemacht, wofür unsere Familie ihm sehr dankbar ist.

 

Heft 1 - Chronik 1. 19.IV.35 - 31.XII.39 - Heinrich Dück

4.V.35   Es sind wohl schon 12 Jahre her dass ich nicht Tagebuch geführt habe, und auch jene Tagebücher und Memoiren, die ich im Laufe einiger Jahre mit großer Pünktlichkeit geschrieben, und in denen so manches aus meinem persönlichen Leben der Kriegszeit und besonders der Jahre 1919-1925 fixiert worden, sind leider abhanden gekommen.

Seit dem ich am 3 Juni 1923 meine geliebte Frieda unter ununterbrochenem segenspendenden Regen und dem Geleite unsrer Nächsten zum „Altar“ geführt und somit den Anfang zu unserm bis dahin so glücklichen Ehebunde gelegt hatte, schwanden mit den sich dann und wann einstellenden Stillen und einsamen Stunden meines „Junggesellenlebens“ auch die Musestunden zum Tagebuch schreiben.  Und trotzdem ich den großen Wert eines Tagebuches schon damals erkannt, fand sich jedoch im Laufe dieser verflossenen 12 Jahre scheinbar nicht mehr die passende Zeit und Stunde. so eine Chronik weiter zuführen, resp. von neuem zu beginnen.  Hierdurch habe ich denn nun unterlassen, so manche Bewandtnis aus der Geschichte meines persönlichen Lebens zu fixieren, die jetzt leider in Vergessenheit geraten ist.

Weil sich nun unser Leben durch Krieg, Revolution, Bürgerkrieg und darauffolgendem Sozialismus radikal von dem eintönigen Leben unsrer Väter unterscheidet, und wir von Tag zu Tag immer Neues erfahren und erleben, so ist für uns eine Familienchronik von weit größerer Bedeutung denn für unsre Vorfahren. Daher will ich nun versuchen (wenn auch mit großer Verspätung) noch mal ein Tagebuch zu beginnen um darin in Kürze systematisch niederzuschreiben über alles, was sich zuträgt und für mich und meine Familie von Bedeutung ist.

Bevor ich nun drangehe von heute zu schreiben, will ich diesem kurz ein Rückblick über die wichtigsten Etappen und Ereignisse unseres Familienlebens in chronologischer Form vorausschicken.

 

Eheurkunde

In dem ersten Jahre unsers Familienlebens bewohnten wir ein Zimmer (früher Vaters Sommerstube) unsers gemeinsamen Hauses.  Im Nachbarzimmer wohnte zeitweilig Witwe H. Neufeld und auf dem andern Ende des Hauses unsre Geschwister Franz Dück und Schwester Mariechen, mit denen wir auch etwa ein Jahr zusammen einen gemeinsamen Tisch hatten.  Infolge des Krieges, Hungerzeit usw. war unser gemeinsames Besitztum außer Haus und Hof  bis auf eine gemeinsame schwarze Kuh, einen karpfenrückigen schwarzen Gaul und einen Wagen zusammengeschmolzen.  Nur einen kleinen Teil unsrer Landanteile waren wir daher auch imstande gemeinsam mit dem Bewohner des Gartenhäuschen G.N. zu bearbeiten.  Dementsprechend waren ja dann auch die Einnahmen und unser Leben überhaupt.

 

Heinrich Dück, 1912
Frieda Cornies, 1911

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Am 28-II des außergewöhnlich schneereichen Winters 1924 wurde uns unser erstes Kindlein ein braunäugiger und brünetter Junge geboren, seinen äußeren Merkmalen und dem Namen nach einem Repräsentant der Mutterlinie, denn brünett ist seine Mutter und Großmutter und Hans hieß seiner Mutter einziger Bruder, ihr Vater, Groß- Ur- und Ururgroßvater.  An diesem so ernsten und wichtigen Tage stand Frieda außer nur ihre liebe Mutter zur Seite, die ich in aller Frühe und Eile von Blumstein (ihrem zeitweiligen Wohnort) geholt hatte.

Das erste Kind, 1924
Asovmeer, 1925
Frieda (steht), Hansi,Friedas Schwester Käte mit Tochter
Bald nach dem Zuwachs in unsrer Familie gründeten wir auch unsern eigenen Herd im eigentlichen Sinn des Worts und vergrößerten unser Quartier noch auf unser Nachbarzimmer und Küche.
Etwa eine Woche vor Hansis Geburt wurde ich auf einer Rayon
eine kleine Verwaltungseinheit in Russland, die dem Landkreis bzw. Stadtbezirk in Deutschland entspricht.
- Versammlung des Halbstädter Landwirtschafts- und Konsumgenossenschaft in Schönsee zum Verwaltungsmitglied für Landwirtschaft und Viehzucht gewählt. Diesen Posten mit etwaigen Veränderung und Definition der Funktionen habe ich über 5 Jahre und zwar bis zum Frühling 1929 bekleidet. Unter meiner Leitung und aktiver Mitwirkung hat das Kontrollwesen und Zuchtarbeit in der Zucht der Deutsch-roten Kuh und die kooperative Verarbeitung und der Absatz der Milchprodukte in dem Tätigkeitsrayon unsrer Genossenschaft (früherer Halbstädter Bezirk) seinen Anfang genommen und großen Aufschwung erlebt.

Im Juni 1924 fuhren Frieda´s Eltern und 3 Schwestern Gredl, Liesel und Marta mit einer großen Scharr mennonitischen Emigranten nach Nord Amerika, wo sie sich anfänglich in Vineland-Ontario niederließen und später nach Waterloo hinüber zogen.  Ein Jahr später folgten ihnen auch Frieda’s vierte Schwester Käte mit ihrem Mann K. Schröder und Kinder. Und noch ein Jahr später emigrierten meine Geschwister Gerhard, Jasch und Franz Dück mit Familien und Schwester Mariechen nach Ontario-Canada.

Wie Frieda´s Eltern so später ganz besonders meine Geschwister bemühten sich auch uns, d.i. mich und den Schwager P. Neufeld mit Familien, zur Emigration zu bewegen, was jedoch erfolglos blieb, da wir beide meinten uns von unserer öffentlichen Arbeit, in der wir standen, nicht trennen zu können, und anderseits, ich mich fürchtete in ein Land zu ziehen in dem ich weder Sprache noch Verhältnisse kenne und somit einer Exploitation ausgesetzt wäre;  zudem war ich auch der Meinung dass ein Teil der Auswanderer früh oder spät je nach Erfolg der wirtschaftlichen Aufschwünge in unserm Lande wieder zurückkehren würden.

Alle unsre Lieben in Ontario sind so noch gesund und am Leben mit Ausnahme Friedas Schwester Gredl, die einige Jahre nach ihrer Heirat mit Hans Sudermann der Kehlkopfschwindsucht zum Opfer gefallen ist.  Friedas jüngste Schwester Liesel und Marta sind dort auch schon glückliche Ehegattinnen und Mütter geworden. Erstere ist die Frau von Kornelius Unruh (früher Ohrloff) und letztere die Frau von Dietrich Wiens (früher Berdjansk) geworden.

Liesel und Korn.Unruh, 1929
Gredl und Hans Sudermann, 1926
Marta und Dietr. Wiens

Friedas Geschwister arbeiten ausschließlich in den Fabriken, während meine Geschwister sich wieder auf dem Lande aufhalten.  Schwester Mariechen hat in zwischen dort 4 Jahre studiert.

 

Mit dem Wiederaufbau in der Volkswirtschaft im allgemeinen hatte sich auch meine kleine Privatwirtschaft gehoben, und wenn ich am 1924 weder eine Kuh noch ein Pferd mein eigen nennen konnte, so hatte sich mir durch meinen Verdienst, der inzwischen von 50 bis auf 100 Rbl pro Monat gestiegen war, die Möglichkeit geboten, das nötige Minimum des lebenden Inventars für meine Wirtschaft anzuschaffen, um meine Familie zur Genüge mit Milch, Butter, Eier usw. versorgen zu können.  Es erübrigte sich auch noch so manches dieser Produkte für den Staat. Obzwar meine Wirtschaft nur winzig klein war, so hatte man doch seine Freude an dem eigenen Rassenvieh und Rassenhühner, wofür ich besondere Vorliebe und Interesse immer an den Tag gelegt habe.

Mein treues Pferdchen (anfänglich der kleine schwarze „Sokal“ und später der braune Orlower Hengst „Orlik“) haben mich reitlich Tag für Tag im Laufe von Jahre auf meinen improvisierten Zweiräder nach Halbstadt hin und zurück gebracht.

 

Am 12. X. 1925 erblickte unser zweites Knäblein, der blonde und blauäugige Heini, das Licht der Welt.  Wenn Hansi seinem Äußeren nach als Repräsentant der Linie seiner Mutter gelten kann, so kann man mit Recht Heini seinem Äußeren nach als Repräsentant der Linie seines Vaters gelten lassen.  Obzwar Heini anfänglich etwas an Rachitis zu leiden schien, so stand er doch seinem Alter entsprechend eher und flinker auf seinen Beinchen als Hansi, dem das Gehenlernen so manche Kopfbäulein gekostet. Eine üble Angewohnheit jedoch das Zungen lutschen hat er sich von Kind an angeeignet, das er bis heute, d.i. bis zum 9. Lebensjahr, noch nicht lassen kann.

 

Der 8 September 1928 beglückte uns mit der Geburt eines langersehnten Töchterchens, unsrer schönen blonden und blauäugigen Rita.  Unser holdes Mägdelein war mit besonders schöner und starker Konstitution ausgestattet, es wuchs und gedeihte zusehend.  Viel Glück und Freude hat uns dieses liebe Kind im Laufe ihres kurzen Lebens bereitet, um so grösser war auch das Leid und der Schmerz, als unsere heiß geliebte Rita durch den grausamen Tod nach kaum viertägigen Lungenentzündung am 18. Januar 1930 im Alter von 1 Jahr und 4 Monaten aus unsrer Familie gerissen wurde.  Obzwar Frieda durch den Tod zweier Geschwister und ich durch den Tod meiner lieben Eltern schon so manch schweres Leid erfahren hatten, so wollte uns dieses Herzeleid doch unerträglich scheinen, und es gebrauchte viele Jahre um diese tiefe Wunde zu heilen.

 

1929, Frieda mit Rita, Heini, Hansi und Heinrich
Rita
Heini und Hansi
Hansi, Heini Dück und Petja und Lika Neufeld

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Der Grabhügel unsrer entschlafenen Rita befindet sich neben den Gräber meiner lieben Eltern und Großmutter auf dem Blumenörter Friedhof, und ist mit einem schlichten schwarzen Holzrahmen geschmückt.

Im Dezember 1929 starb nach einigen Schlaganfällen unser Onkel Jak. Jak. Enns Tiege, der Halbbruder meiner Mutter, im 76. Lebensjahr.  Er war ein selbstbewußter und energischer Mann mit Lebenserfahrung und praktischen Sinn. Seine für bäuerlichen Verhältnisse oft außergewöhnliche Reisen bis über die Grenzen unsres Landes hatten seinen Gesichtskreis weit erweitert.  Was seiner materiellen Lage anbetraf, so hatte er es trotz allem nicht über das Niveau eines Mittelbauer gebracht.

 

Im Frühling 1929 nach fast 5 ½ jähriger Arbeit als Verwaltungsmitglied der Genossenschaft Molotschnaja trat ich auf eigenen Wunsch hin ab um mich mehr meiner Familie widmen zu können und mit meiner kleinen Privatwirtschaft auf 16 Hektar Land zu beschäftigen. Im Laufe meiner Arbeit in dieser Genossenschaft bin ich zweimal 1925 und 1928 in Sachen der Genossenschaft vor Gericht gewesen, jedoch beide mal gerechtfertigt worden.

Anno 1930 begann in unserm Rayon die Kollektivierung der Landwirtschaft, der zu folge sich auch in Blumenort ein Artel
im Russischen Kaiserreich ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen zur Organisation gemeinsamer wirtschaftlicher Aktivitäten. In der Sowjetunion war der Artel eine Form des genossenschaftlichen Zusammenschlusses.
bildete, dem sämtliche Bewohner des Dorfes beitraten. In die erste Verwaltung dieses Kollektivs wurden gewählt: Martin Horn (Vorsitzender), Peter Neufeld (Sekretär und Rechnungsführer), Abram Regier (Wirtschafter), Nikolaus Teichgröb (Feldbauleiter), u.a. Trotz der neuen Wirtschaftsweise ging die Arbeit flott von statten weil die Verwaltung aus arbeits- und organisationsfähigen Männer bestand und die Kollektivisten ihr Vertrauen schenkte und Folge leisteten. Erwähnte Personen mit Ausnahme von Peter Neufeld, der als Sohn eines großen Landbesitzer im Sommer 1931 ausgesiedelt wurde, haben über 3 Jahre das Kollektiv geführt. Der Vorsitzende, Martin Horn, der zwar gut von Natur, jedoch einen schwachen Willen und Ausdauer besaß, konnte den vielen Trinkgelegenheiten die sich auf seinen Fährten nach Halbstadt usw. boten, nicht genügenden Widerstand leisten und fiel schließlich diesem Laster mit all seinen Begleiterscheinungen anheim. Mit dem Scheiden des ersten Rechnungsführers, Peter Neufeld, eines erfahrenen Arbeiters, schwand auch zum grössten Teil die beständige Kontrolle in der Verwaltung über die Tätigkeit des Vorsitzenden, was zu immer grösserer Verantwortungslosigkeit in seiner Arbeit und schließlich zu seinem Fall führte. Die ganze Wirtschaft des Artels samt den Kollektivisten war hierdurch ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden.

Mit der Gründung von Viehfarmen im Rayon wurde auch in unserm Kollektiv der Anfang zu einer Milchwaren, Schweine und Hühnerfarm gelegt.  Im Januar 1931 wurde ich zum Viehzüchter auf der Farm angestellt.  In dem Vorsitzenden Martin Horn, der damals noch in voller Entfaltung seiner Arbeitskraft und Lust stand, und auch nicht wenig praktischen Sinn für die Viehzucht an den Tag legte, hatte ich in meiner neuen Arbeit eine gute Stütze und Berater.

Weil weder Kuh- Kälber- Schweine- Hühnerstall noch Siloanlage usw. im Kollektiv vorhanden waren, und gebaut werden sollten, und anderseits, weil die Arbeit auf den Farmen organisiert und sämtliche Bücher dazu angelegt werden mussten, hatte ich, als fast einziger von dem die fachmännische Leitung dieser Arbeit abhängig war, alle Hände voll zu tun, und eine gute Schule durch zumachen.  Von 4 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts war ich ununterbrochen täglich vernommen. Lange jedoch konnte meine verhältnismäßig nur schwache Gesundheit so eine anstrengende Arbeit nicht durchmachen und ich erkrankte im Spätsommer 1931 an eine hartnäckige Arithmie der Herztätigkeit und Miocarditis, die mich schließlich zum Krankenbett brachte.  Viele Monate wollte sich nicht eine Besserung in meinem Leiden einstellen, so dass ich mich dadurch schließlich veranlasst fühlte, eine leichtere Arbeit zu suchen.  Am 1. IV. 32 trat ich als Techniker in Zuchtangelegenheiten in den Dienst des Stützpunktes Südlichen Forschungsinstituts für Rindviehzucht. Diese Änderung meiner Arbeitsverhältnisse war von so ausschlaggebender Bedeutung, dass sie sich bald in der allmählichen Genesung meines Herzleidens bemerkbar machte. Obzwar wir anfänglich noch zu dritt arbeiteten, d. i. außer dem Leiter des Punktes Genosse Lewitzkij S. P. und mir noch ein Frl. Tschirwa als Statistiker, so arbeiteten wir im folgenden Jahr nur zu zweit: Lewitskij als Inspektor und ich als Instrukteur des staatlichen Zuchtbuches. 

 

Als ersehnter Ersatz für den Verlust unsres ersten Mägdeleins der verstorbenen holden Rita wurde uns am 15. IV. 31 ein niedliches blauäugiges und blondes zweites Mägdelein unsre Erika geboren.  Das Zimmer des Ohrloffer Krankenhauses, in dem Erika zuerst das Licht der Welt erblickte, war damals Mangels an Brennung halber nur kaum 5-6° warm.  Trotz dieser niedrigen Temperatur im Laufe der Woche, die Mutter und Kind da verbringen mussten, blieben sie beide schön gesund.  Unser liebes Kind gedeiht trotz andauerndem Mangel an den so nötigen Milchspeisen an Geist und Leib ganz gut.  Es scheint einen entschiedenen und festen Willen mit ins Leben bekommen zu haben.

 

Im Herbst 1932 machten unsre Jungen Hansi und Heini ihren ersten Schritt zur Schule und traten trotz Altersverschiedenheit beide zugleich in die erste Gruppe der Blumenörter Dorfsschule ein.  In den ersten 2 Jahren hatten sie einen älteren Lehrer D.Görzen, im 3ten Jahre einen jungen Lehrer K. Rempel.  Der Schülerbestand (etwa 40 an der Zahl) war zur Hälfte deutsch und zur Hälfte russisch.

 

Im Sommer 1932 erkrankte Hansi an einem sehr schweren Leiden einer Kopffurunkulose, während dem ein Teil seines Kopfes ganz mit Geschwüren bedeckt war, die ihm Tag und Nacht furchtbare Schmerzen zufügten. Nach viermonatlichem Behandeln seines Leidens auf Anweisungen verschiedener Ärzte mit ununterbrochene Kompresse des Kopfes, Milchspritzen usw. trat endlich eine Besserung ein.  An den Stellen der Geschwüre sind jedoch kahle vernarbte Stellen fürs ganze Leben zurückgeblieben.  Mit etwaiger Pflege seiner Haarfrisur werden diese kahlen Stellen am Kopfe wohl fast unbemerkbar zu machen sein.

Etwas später erkrankte Heini an einem chronischen Ohrenleiden, wodurch sein Gehör bedeutend herabgesetzt war. Eine gewisse Bleichsucht und allgemeine Schwäche seines ganzen Körpers war gleichzeitig zu bemerken, das wahrscheinlich auf etwaige Unterernährung zurück zuführen war.

Während dem Essen am Tisch konnte er unserm Gespräch nicht Folge leisten und saß meistens teilnahmslos daher. Ebenfalls konnte er auch schwer in der Schule dem Unterricht folgen, so dass er anfing vielen Schülern gegenüber zurückzubleiben.  Mehrere Ärzte die ihn auf sein Leiden hin untersuchten, konnten keine bestimmte Diagnose feststellen und somit auch keine erfolgreiche Behandlung unternehmen.  Eine einseitige Halsdrüsenoperation führte auch zu keiner Besserung; bis schließlich in dem heißen und trocknen Sommer des Jahres 1934 seine Taubheit mit einmal von selber schwand.

Im Laufe der letzten Paar Jahre nach dem ich einen Dienst angenommen und aus dem Kollektiv getreten war und dort mein letztes Inventar gelassen hatte, besaß ich außer meinem Quartier und einem Gemüsestück wohl gar nichts mehr. Die letzten 5 Hühner mussten im Frühling 1934 auch noch verkauft werden. Einige mal versuchte ich noch ein Schweinchen zu züchten, es kam jedoch nicht über 2 ½ - 3 Pud
Das alte russische Gewicht von 1 Pud entsprach einem Gewicht von 16,38 Kg.
Lebendgewicht, da es schon geschlachtet werden musste.

Auf unserm Hof waren inzwischen außer uns und Brauns noch 6 Familien (meistens russische) einquartiert. Ein jeder versuchte nun seine Privatwirtschaft anzulegen und begann mit Hühner, Ferkel und Kalb.  Die Sache wurde somit immer bunter und Grenzen waren keine mehr festzulegen.  Und wenn fremde hungrige Hühner die Hälfte unsrer Kartoffel aus der Erde hackten, wenn die gekaufte Holzblöcke vor unsrer Haustür oder sogar der Zaun neben dem Hause über Nacht verschwanden und den Junggesellen auf dem Hof ihr Zimmer erwärmte so musste man sich des Friedens halber damit ganz zufrieden geben und diese Angelegenheit mit Stillschweigen umgehen.  Haben daher mit unsern Haus- und Hofgenossen immer Frieden gehabt.

Weil ich nun meinen Dienst auswärts hatte, und uns unser Heim nichts mehr als ein x-beliebiges gemietetes Quartier sein konnte, so reifte die Frage eines Wechsels unsers Wohnorts immer mehr heran.

 

Genau 2 Jahre arbeiteten wir zu zweit im Stützpunkt des Forschungsinstitutes für Milchwirtschaft.  Unsre Arbeit bestand hauptsächlich in den Funktionen des Staatlichen Zuchtbuches, wobei wir verschiedene Kollektiv- und Sowjetwirtschaften mehrerer Rayone bereisten und Zuchtvieh ins Staatszuchtbuch eintrugen. Gleichzeitig wurde bei dem Besuch dieser Farmen die sämtliche Arbeit derselben geprüft und praktische Vorschläge gemacht.  Im April 1934 wurde das Staatszuchtbuch mit dem Inspektor Lewitskij aus dem Stützpunkt ausgeschieden und ich blieb einstweilen als einziger Arbeiter und gleichzeitiger zeitweiliger Leiter im Stützpunkt zurück. Fast bis Ende August arbeitete ich im Punkt allein und sammelte Material in den Zuchtwirtschaften fürs Institut.  Ende Juli wurde mir ein Dienst auf einer Versuchsstation im Kaukasus angetragen, wohin zugehen ich schon lange den Wunsch gehegt hatte. Auf meine wiederholte Bitte im Institut mich zu entlassen, bekam ich keine Antwort, bis ich schließlich selber nach Charkow ins Institut fuhr.  Anstatt jedoch entlassen zu werden, wurde ich direkt ins Institut übergeführt;  als neuer Leiter des Molotschansker Stützpunktes wurde ein Gen. Lintschenko P. J. bestimmt, der am 20.VIII.34 den Punkt von mir übernahm. Gleich darauf musste ich mit noch andern Arbeitern des Instituts auf den Sowjetgütern Akkermen Mogutschij, einigen Kommunen und Kollektivfarmen im Laufe von 3 Monate Material zur Erforschung der Vererbungsfähigkeiten einzelnen Zuchttiere sammeln, das von uns nach unsrer Rückkehr nach Charkow unter der Leitung des Aspiranten Udaljzow biometrisch bearbeitet wurde.  Mit  M.Udaljzov, einen jungen tüchtigen Gelehrten, wohnte ich bis zu meinem Urlaub im Januar 1935 in einem Zimmer des 3. Stockes unsers Instituts zusammen.

In den außergewöhnlich kalten Januarstagen l/J. trat ich meinen monatlichen Urlaub an und fuhr mit einem Korb voll frischen Brots nach Blumenort, wo meine Familie noch immer wohnte. In später Stunde des „Heiligen Abends“ alten Stils
Der Heilige Abend der russisch – orthodoxen Kirche ist der 6. Januar.
, bei über 25° Frost, ging ich schwer beladen durch die stillen und leeren Strassen von Tiege und Blumenort. Die Freude war sehr groß als ich meine liebe Familie, die sich des Frostes halber in ein Zimmerchen zurückgezogen hatte und schon schlief, überraschte.

Meine Urlaubszeit konnte jedoch nicht seiner Bestimmungen gerecht werden, da mir nebst Nahrungs- und Kleidungssorgen die ungeklärte Frage des Wie und Wohin der nächsten Zukunft besonders viel Sorge bereitete.  Im Februar nach Ablauf meines Urlaubs sollte ich wieder in die Arbeit nach Charkow zurück, ein Quartier jedoch für mich und Familie konnte man mir dort nicht versprechen.  Es blieb mir eigentlich nichts übrig, als getrennt von meiner Familie wieder weiterzuarbeiten, was ich nicht mehr weiter wollte und worauf ich aus materiellen Gründen und aus Gesundheitsrücksichten nicht eingeben konnte.  Anderseits wieder konnte meine Familie nach dem 1.I.35 d.i. nach der Kassierung der Brotkarten und Mehlspeisen, den ich allmonatlich meiner Familie bringen oder schicken konnte, nicht länger im Dorfe bleiben, wo kein Brot, Gritze, u.a. zu kaufen war. Inzwischen wurde uns noch von Frieda´s Tante Justel geraten in den Kaukasus zu gehen, wo es mit der Versorgungsfrage bedeutend leichter stand als in unserm Steppengebiet, das so sehr durch die Dürre und Missernte des Jahres 1934 gelitten hatte.

Nach langem Erwägen und Bedenken entschlossen wir uns schließlich einstweilen nach Melitopol zu ziehen. Die praktische Verwirklichung dieses Vornehmens schien jedoch ein fast undurchführbares Problem zu werden, denn einmal per Bahn mit „Hack und Pack“ diese 35 km hinüber zu ziehen wäre doch zu kompliziert und kostspielig, und wieder Fuhren bis dort zu bekommen schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.  Zwei Privatfuhrleute waren in unsrer Umgebung mir bekannt, die angenommen werden konnten: ein Deutscher mit einem improvisierten kleinen Wägelchen und noch kleinerem Pferdchen, jedoch mit hohen Preisen, und ein Russe mit etwas besserem Fuhrwerk.  Mit diesen Fuhrleuten, von denen einer 2 und der andre 8 km von uns entfernt wohnte, die Fahrt auch nur zu organisieren, war wohl schwerer als eine Reise nach Moskau zu machen, denn alles musste zu Fuß belaufen werden, wobei bald der eine bald der andere nicht zu Hause anzutreffen war.

In dem war das Februarwetter noch so unbeständig, bald Schnee, bald Regen und bald Tauwetter.  Genannte Fuhrleute wollten dann erst eine Fuhre hinüberfahren, um 2 Tage (wenn das Wetter günstig) die andre, und noch um 2-3 Tage die dritte.  Wenn man nun noch in Erwägung ziehen wollte und musste, dass Unterbrechung dieser Expedition durch ungünstiges Wetter eintreten und alles sich ins unendliche Ziehen könnte, anderseits mein Urlaub um einige Tage zu Ende sei, dann sobald ein Teil der Sachen nach Melitopol gebracht sein werden ,jemand von uns dort bleiben müsste usw., usw. so sah mir nach zweiwöchentlichem „Organisieren“ die Sache weit schwieriger als vorher. Wie ich nun gelegentlich erfuhr, dass das Blumenörter Artel in persönlichen Angelegenheiten mit 2 Wagen nach Melitopol zu fahren gedachte, und seiner Geldnot halber nicht abgeneigt wär, etwas dabei zu verdienen, und mich mit allem auf einmal hinüberzufahren, atmete ich recht erleichtert auf.  Zudem sollte das mir 100 Rubel kosten, während mit den Privatfuhrleute das Doppelte. 

Eines Abends wurden mir ein Leiterwagen und ein Bretterwagen auf den Hof gebracht, um am andern Morgen, früh loszulegen.  Mit Hilfe einiger Kollektivisten begann ich abends die im Laufe einer Woche schon gepackten Sachen aufzuladen, um früh morgens damit zu beendigen.  Über Nacht schneite es sehr, und wie wir trotzdem des Morgens mit Tagesanbruch mit dem Laden der Sachen fast zu Ende waren, wurde uns gemeldet, dass die Fahrt für Heute des Schnees halber eingestellt sei.  Alle Möbel und sonstige Sachen lagen mit Schnee bedeckt draußen auf den Wagen. Um nun wieder mal einen Tag weiter leben und essen zu können, musste das Notwendigste gesucht und von den Wagen herunter gebracht werden.  Inzwischen musste sondiert werden, ob und wann eigentlich losgelegt werden könnte.

Nach dem ich mich nun bereit erklärt hatte, die Zahlung für diese Fahrt auf 50% zu erhöhen, wurden mir gegen Abend 3 primitive Lastschlitten gebracht.  Es erforderte nun wieder Mühe, freie und willige Menschen zu finden, die mir in dem Einrichten der Schlitten und Umladen der Sachen behilflich sein würden.  Als guter Freund, Helfer und Berater erwies sich mir immer wieder J. J. Sudermann. Mit Tagesanbruch war alles umgeladen und zu je 2 Pferdchen vor den Schlitten vorgelegt.  Wie wir uns nun hoch auf die Schlitten gesetzt hatten (außer Frieda und Erika, die uns per Bahn folgen wollten) ging es mit „Hurra“ los.  Ich muss gestehen, dass ich während dem Verlassen meines Heims, wo ich mit einigen Unterbrechungen mein ganzes Leben verbracht hatte, absolut nichts innerlich erlebte; das hatte so seine berechtigten Gründe. Und so fuhren wir die Strasse meines Heimatdorfes entlang, nebenbei flüchtig von einem und dem andern der alten und neuen Nachbahren sich verabschiedend.  Eh wir nun bis zum Artelsstall, der sich am andern Ende des Dorfes befand, gelangten, kam man zu der Überzeugung, dass 2 Pferde den Schlitten nicht bis zur Stadt bringen könnten.  Es vergingen nun einige Stunden bis diese Angelegenheit wo gehörig besprochen, beschlossen, organisiert und endlich zu je noch ein Pferd beigespannt war und wir uns weiter auf den Weg begeben konnten.

Weil der Schnee nur lose lag und die Erde darunter nicht gefroren war, ging es auch mit 3 Pferde schwer, so dass beim Bergauf fahren hinter der Ohloffer Brücke ein Schlitten schon stecken blieb.  Nach langem Schelten wurde mit all’ den 3 Schlitten umgedreht und zurückgefahren. Es kostete mir dies selbstverständlich eine große Überwindung;  ich sah jedoch, es war nichts andres zu tun, als nur sich ins Unvermeidliche zu schicken. Erstaunt und fragend schauten uns auf dem Rückwege viele nach, die uns vor einer Stunde noch in die entgegengesetzte Richtung hatten fahren sehen. Mit noch viel größerer Verwunderung jedoch begegnete uns Frieda, die sich uns im Geiste schon fast auf dem halben Wege dachte.  Sie meinte sofort für uns wäre nun Zeit alles abzuladen und unser Vornehmen überhaupt einzustellen. Na, davon konnte ja keine Rede sein, aber fatal war unsre Lage ohne Zweifel.  Es musste nun wieder so viel abgeladen, als zum Essen und Schlafen nötig war.

Die Verwaltung des Artels war auch schon so weit die ganze Fahrt einzustellen.  Ich konnte jedoch nicht nachlassen, zumal meine Urlaubszeit schon abgelaufen war und ich meine Familie auf keinen Fall in Blumenort weiter lassen konnte. In der folgenden Nacht begann ein starkes Schneegestöber, so dass an Fahren gar nicht zu denken war.  Was bis jetzt von unsern Sachen noch etwas vom Schnee verschont geblieben, verschwand jetzt fast gänzlich unterm Schnee. Unsre Geduld wurde immer mehr auf die Probe gestellt.

Am 8. Februar dem Tage nach dem Schneegestöber 11 Uhr vormittags machten wir den letzten Versuch zu fahren. Obzwar ein Schlitten beim Überfahren des Eisenbahngrabens umküpfte, wobei Hansi kopfüber mit vielen Sachen in den tiefen Schnee des Grabens segelte, so ging die Fahrt im allgemeinen doch gut und um 6 Uhr abends erreichten wir unser Quartierchen in Melitopol auf der Nekrassowa Straße.   Wieder war es J. J. Sudermann, der in Artelangelegenheiten mitgefahren war und mir beim Abladen und Hereintragen meiner Sachen behilflich war, Obzwar wir den Ofen unsrer kleinen Lehmkate gut in Brand gesetzt hatten, waren doch unsre Möbel am andern Morgen noch ganz voll Eis und Schnee, der Erdfußboden kotig und die Luft blau voll Dunst.

Wie Frieda und Erika uns am dritten Tag nach unsrer Ankunft per Bahn folgte, hatte ich mit Hilfe meiner Cousine Luise Enns unser Quartierchen schon etwas eingerichtet. Um sich nun hier in unsrer engen und ungemütlichen Kat nicht unglücklich zu fühlen, hofften wir auch unser ungetrübtes Familienglück mit hier hergebracht zu haben und wollen uns bemühen, nicht zu oft uns an die schönen, geräumigen und hellen Häuser unsrer Dörfer zu erinnern. 

Einige Tage nach unsrer Ankunft in Melitopol konnten unsre Jungen ihren Unterricht in der 3 Klasse der deutschen Parallelklassen einer hiesigen russischen 7 klassigen Schule wieder fortsetzen.  Bis zur Schule haben sie etwas 1 ½ - 2 km  zu gehen, d.i. von unsrer „Krasnaja Gorka“ hinunter bis durchs Zentrum der Stadt.

Obzwar Lehrer Rempel in Blumenort unsern Jungen im Unterricht etwas mehr zu bieten im Stande war als ihre jetzige Lehrerin Genossin Frieda, so entwickelt das bunte Leben und Treiben der Stadt die Kinder im allgemeinen doch mehr. Sicher laufen sie auch der Gefahr entgegen mehr Böses zu sehen und zu hören als im Dorfe, was auf uns Eltern als Erzieher weit größere Pflicht auferlegt als früher auf unsre Eltern.

 

22-V-35 Am 5.II war meine Urlaubszeit abgelaufen und ich sollte eigentlich an diesem Tage im Institut in Charkow sein.  Aus oben erwähnten Gründen war ich jedoch nicht gefahren, hatte rechtzeitig eine motivierte Eingabe ins Institut eingereicht mit der Bitte, mich hier am Ort in der Forschungsarbeit auszunützen.  Ich wurde nun in den „Opornyj Punkt“ in dem ich bis zum August 1934 gearbeitet hatte, übergeführt.  Meine Arbeitseinstellung bekam ich auch weiter aus dem Institut, wohin ich dann auch meine gemachte Arbeit schickte.  Meine Gage musste ich jedoch ab 15.II aus dem Opornyj Punkt beziehen.

Da Leiter des „Opornyj Punktes“
Der „Stützpunkt“
noch immer Pont. Iw. Lindschenko war, den ich schon etwas als „Arbeiter und Administrator“ kennen gelernt hatte, so war ich wirklich verlegen und unglücklich, diesem Manne unterstellt zu sein.

Meine Meinung von ihm hat sich in diesen Monaten unsrer Zusammenarbeit nur noch bestätigt.  Er ist nicht fähig selber einer Arbeit zu machen, geschweige noch eine Arbeit zu leiten.  Zudem ist er ein unwahrer rücksichts- und verantwortungsloser Mann.  Sein ganzes Tun und Lassen ist nur darauf eingestellt, sämtliche Geldmittel, die durch den Opornyj Punkt aufzutreiben sind, an sich zu reißen.  Er verbringt daher auch seine ganze Zeit mit zwecklosen Reisen und Fahrten, die ihm ermöglichen sich Tage- und Reisegelder auszuschreiben. Um seine Unterstellten kümmert er sich fast gar nicht, weder um ihre Arbeit noch um ihre materielle Lage. Wagt jemand seinen ganzen Schwindell aufzudecken, den sucht er aus dem Wege zu schaffen, woher ihm alle Mittel gut genug sind.  Genug - ein Gauner und Affärist, dessen Treiben ganz bestimmt in nicht so weiter Ferne ein Ziel gesetzt werden wird.  Wäre sein leiblicher Bruder (hier etwas ausgelöscht) nicht bis vor kurzen noch Direktor des Forschungsinstitut gewesen und hätte er ihm nicht zum Teil aus Unwissen Vorschub geleistet, stand Pont. Iw Heute gewiss schon nicht mehr an der Leitung des Opornyj Punktes. Empörend und ärgerlich ist es, dass er mich in so schwierige materielle Lage gebracht hat; hätte ich auch nur einmal mein treffendes Geld von ihm bekommen, wären wir wohl sofort geschiedene Menschen gewesen und ich hätte anderorts mein Heil gesucht.

 

23-V-35.  Wir sind doch eigentlich schon gründlich ausgepowert: haben ein schlechtes Quartier, mangelnde Kleidung, schmale Kost, die fast ausschließlich aus Hirse und Brot in täglich zugemessenen Rationen besteht, besitzen weder Hühner noch irgend ein andres Haustier, haben kein Gemüse setzen können usw. usw. Zudem noch die oben erwähnte unsichere Einnahmsquelle- einfach fatal!

24-V-35. Heutige Preise auf Produkten
die Lebensmittel, Esswaren. Heinrich Dück benutzt stets dieses aus dem Russ. übernommene Wort, wenn er Lebensmittel meinte.
:

in den Läden à Kilo: Weißbrot - 2 Rbl, Schwarzbrot - 1-1,10; Hirsegritze - 2,70, Gerstengrütze - 3,20, Margarine - 5,70; Weizenmehl (85%) - 3,40; Sandzucker - 6, Stückzucker - 7;  Macaronen - 4,20; Nudeln - 4,10, „Povidlo (Jam)“ - 3,70 - 4,10;  Heringe u.a. Fische von 6,- u. höher,  Wurst - 6 - 14 u. höher; Konserven 3,-  u. höher,  Butter - 22,--, Käse 14,--, Kuchen von 5,-- u. höher,  Konfekt 5,50 u. höher „Pirolynye“ 54 Kop das Stück.

Auf dem Bazar: Kartoffel 1,20 das Klo, Milch 80 K - 1 R das Liter,  Öl - 14 R das Liter, Bohnen - 60 - 70 K. das Glas. Kerasin 2,50 K das Liter, Kohlen 3,-- das Pud.

Dementsprechend kostet uns durchschnittlich im Tag:  0,5 K Gritze, 3 K Brot, Öl, Povidlo, Milch, Zucker, Grüns, Kerasin u. Brennung - etwas 10 Rbl u. darüber. Dann kommt noch Quartier, Kleidung, usw.

 

7-VI-35.   Vom 27-V bis zum 2-VI besuchte ich in Angelegenheit unsers Stützpunktes 5 Staats-zuchtgüter „Ackermen“, „Mogutschij“ u. a. und 2 Kommunen.  Ich musste dabei wieder einige tüchtige Fußtouren insgesamt von 46 km machen. Zwar waren mir diese Fußtouren für Herz und Fuß direkt schädlich,  ich hatte jedoch Gelegenheit dabei, mich an den grünen wogenden Getreidefelder und Feldblumenduft zu ergötzen.  Es gehört dazu doch eine große Geduld bei kaum 3 km Stundengeschwindigkeit, mit alten abgetragenen Schuhen an den Füssen solch Strecken zu überwinden.  Man würde sich vielleicht auch noch leichter daran schicken, wenn man nie bessere Bewegungsmittel gekannt hätte.

Interessant zu sehen sind doch auf dem Staatsgute „Rosowka“ die „Gibriden“, das Resultat einer Kreuzung von Kuh und Sebustier, die zur Erhöhung des Fettgehaltes der Milch versuchtsweise durchgeführt wird. Einen wahren Genuss bietet mir der Anblick solch prachtvoll entwickelter typischer deutschroter Kühe mit hohem Milchertrag, wie sie die „Tichaja“ von Rosowka mit ihrem maximalen Tagesmilchertrag von 43 Liter eine ist. Der Kommune Namens „Kirow“ fehlt notwendig auf ihrer Milchfarm von etwa 700 Köpfe ein Zootechniker. Von dem Leiter dieser Farm wurde mir dringend an dies bezüglicher Antrag gemacht, wobei verhältnismäßig gute Bedingungen in Aussicht gestellt wurden, die wohl sofort meine heutigen Nahrungssorgen aufheben würden.  Nur schade, dass mir manche Bedenken gebieten, einstweilen davon abzusehen.

 

In einem Brief von Anna und Peter, der in meiner Abwesenheit eingelaufen ist, werden wir eingeladen zu ihnen nach Kr. Wischera hinüberzuziehen.  Obzwar so ein Schritt in manchen Hinsichten vielleicht auch ratsam wär, so würde ich wohl als letzten Versuch dieser Einladung Folge leisten.

 

Von einer erschütternden Familietragödie erfuhr ich, wie ich flüchtig spät abends auf der Durchfahrt durch Halbstadt bei meinem alten Freund u. Bekannten K. K. Fast ins Haus schaute.  Die ganze Familie saß tief in Trauer versunken und hatte vor einigen Stunden ihren ältesten (24j.)Sohn Victor, der sich durch einen Kopfschuss das Leben genommen hatte, begraben.  Er hat eine junge Frau (russ. Nat.) mit Kind hinterlassen. Etwa eine Stunde verweilte ich in ihrer Mitte und versuchte nach Kräften innige Teilname an ihrem furchtbaren Schmerz zu erweisen.

(Im Manuskript folgen etliche Zeilen, die gelöscht worden sind.)

 

Wie ich nach gewohnter Art den sandigen Weg durch die Kirschengärten von der Melitopeler Eisenbahnstation zu meinem ärmlichen Heim zurückkehrte, erblickte ich schon von Ferne auf der Strasse unter der spielenden Kinderschar unsern Hein und Erika.  Wie sie mich gewahr wurden, kamen sie mit großem Hurra aufgelaufen u. umschlungen zum Gruß meinen Hals.  Die erste Frage ist ja bei mir gewöhnlich nach dem Befinden der andern Familienglieder, gegeben, Falls nach meiner lieben Frieda und Hansi. Die Antworten waren gut u. nun ging’s mit unsrer Kleinen an der Hand froh u. dankbar ins Haus,  wo wir dann auf unsre „Mama“ u. Hansi warteten, die in die Stadt auf den Bazar gegangen waren. Neugierig u. fragend wird dann gewöhnlich von den lieben Kleinen nach meinem Gepäck geschielt, ob darin nicht vielleicht eine kleine Überraschung für sie wär. Ist dann nichts, so ist’s auch gut, denn die Kinder haben sich schon so zur knappen Zeit gewöhnen müssen. Glücklicherweise hatte ich die Möglichkeit gehabt, diesmal für unsre Küche etwas Butter u. Eier u. für die Kleinen einige Konfekt mit zu bringen.  Wenn die Konfekt auch nur geringer Qualität waren, so wurden sie aus reinem Taktgefühl mir zu lieb gelobt u. bewundert.

Zu den schönsten u. glücklichsten Stunden unsres Familienlebens gehörten immer die Stunden des Heimkehrens u. Wiedersehens mit Weib u. Kind, die man heiß liebt u. von denen man ebenso geliebt wird, u. um deren Wohl man stets während u. besonders in Stunden der Trennung besorgt ist.

(Etliche Zeilen sind hier gelöscht worden.)

 

11-VI-35.  Nach 4 tägigem Aufenthalt u. Arbeit im Opornyj Punk hab ich mich davon überzeugt, dass noch keine Aussichten auf Verbesserung der Lage im Opornyj Punkt vorhanden sind, im Gegenteil, dass der gegenwärtige Leiter des Punktes P. Lindschenko mit, ihm eigenen Abgebrühtheit u. Frechheit, sein Treiben so weiterzuführen sucht, weil er merkt, dass von der Leitung des Instituts, von der eventuell sein Entlassung abhängig wär, durch innere Streitigkeiten keine entschiedenes Handeln zu erwarten ist. Weil ich jedoch dieses nicht mehr so länger ansehen kann u. will, entschloss ich mich, mit meiner Arbeit im Oporn. P. zu brechen u. um Entlassung einzureichen,  was ich dann auch heute brieflich getan habe. Jetzt heißt es Fühlhörner nach neuen Arbeitsmöglichkeiten auszustrecken.

 

30-VI-35.  Die angeregte Frage um meine Entlassung aus dem Oporn. Punkt ist erst vorgestern den 28-VI in Halbstadt bei meiner Begegnung mit Lintschenko P. J. zum Abschluss gebracht worden.

Zwar ist mir vom Revisor Jeurawlew, der im Auftrage der Forschungsinstituts schon seit dem 12-VI die Arbeit des „Oporp.“ revediert, versichert worden, dass im Laufe von höchstens 1 - 2 Wochen die Leitung des Punktes gewechselt werden wird, so merk ich jedoch nicht, dass die so notwendige Gesundung des Punktes rasch und energisch vorgenommen werden wird.  Fast alles,  was Lintschenko P. J. auch jetzt noch unternimmt, bleibt in Kraft. Lintschenko wie auch der Revidor wollten mich zum Zootechniker der Versuchsfarm auf der Kom. „Mogutscha“ (wohin am 22-VI der Punkt übergeführt worden) heranziehen und versprachen mir 300 Rbl Monatsgage, kostenloses Quartier, billige Verpflegung u.s.w.  Wie versprechend dies nicht auch klang, so war ich mir darüber klar, dass unter gegebenen Umständen ich mit Familie nicht dahin gehen konnte.  Wiederholt versuchte man mich zu überreden; ich widerte jedoch nichts gutes mit dem ganzen „Oporpunkt“, überlegte reiflich und entschloss mich, den Komplikationen des Punktes auszuweichen und loszugehen.  Wenn ich nun sofort die mir noch treffenden 500 Rbl vom Oporp erhalten könnte, wäre der Unterhalt meiner Familie auf weitere 1 ½ - 2 Monate gesichert.  Ich zweifle jedoch sehr dran, ob ich je mal das Treffende ganz erhalten werde, und weil meine Barschaft (ready money) Heute nur sehr klein ist, so heißt es, rasch neue Einnahmequellen zu suchen. Nebenbei sei noch bemerkt, dass Lintschenko, so bald er mein Vorhaben loszugehen merkte, anfing mich bei den Viehzuchtorganisationen am Ort, die eventuell für meinen weiteren Dienst in Betracht kommen könnten, zu diskreditieren.  (Etliche Wörter sind ausgelöscht worden.)   Dass er zu so einer Niederträchtigkeit fähig war, hab ich schon mal in diesem Heft erwähnt.  Als ich ihm bei unsrer letzten Begegnung das Erwähnte frei u. offen vorhielt, bestritt er aufs äußerste etwas über mich gesagt zu haben, und fügte hinzu, dass das eine Provokation sei, um die Beziehungen zwischen ihm und mir, dem einzigen mit dem die noch normal seien, auch zu verderben.

 

Auf Seite 25 ist dem Heimkehren von einer meiner öfteren Reisen und Wiedersehen mit meiner Familie ein Paar Zeilen gewidmet.  Ich möchte hier auch noch kurz das Wegfahren u. Scheiden von meinen Lieben streifen. Auf derselben Strecke das schon erwähnten schmalen Sandweges, wo ich beim Heimkehren schon den Giebel unsres Häuschen gewahr werde, wo sich das Tempo meines Schrittes unwillkührlich verstärkt u. ungeduldig von ferne nach meinen lieben Kleinen ausschaue und das aufregende Freudengefühl der herannahenden Begegnung u. Begrüßung mit meinen Lieben kaum unterdrücken kann: erlebe ich beim Abreisen u. Scheiden das gerade Gegenteil.  Gewöhnlich gibt es in der letzten Stunde vor dem Abgehen zur Station noch immer etwas eilig zu, trotzdem eigentlich nicht viel was zuzubereiten ist, da ich außer meiner Aktentasche nur noch ein Handtuch u. ein Stückchen Brot und selten ein kleines Kissen und Decke mitnehme.  Oft ist man dann etwas missgestimmt.

Nach dem ich nun meinen Jungen ein Paar ermahnende Worte gesagt und sie gebeten habe, doch der Mama in meiner Abwesenheit durch Gehorsam und stete Bereitwilligkeit recht Freude zu bereiten und meiner Frieda einige herzliche ermutigende Worte zugerufen, verabschieden wir uns alle, wobei gewöhnlich das Küssen mit klein Erika kein Ende nehmen will u. dann geht’s in Begleitung von Frieda und Erika langsam den Weg entlang zur Station.  Trotzdem wir uns schon viele Hundert mal haben scheiden müssen, werden wir es doch nicht so viel gewöhnt, dass uns nicht immer wieder trotz ermunternder Worte beim Scheiden tiefe Wehmut überschleicht. Immer wieder sind wir dann ganz besonders mit meinen Dienst unzufrieden, der mit so viel Reisen verbunden ist. Nach etwa einen halben Kilometer gemeinsamen Weges wird noch mal Abschied genommen u. dann geht’s auseinander.  Bis ich in der schmalen Gasse verschwinde, begleiten mich Frieda und Erika mit ihren Blicken und Winken. Lange noch auf dem einsamen Weg zur Station kann ich den fernen Anblick meiner lieben Begleiter nicht vergessen, bis ich dann im Getriebe der Station u. des Zuges meiner Gefühle wieder Herr werde und bewusst meinem Reiseziel zufahre.

 

6-VI-35.  An den Tagen meiner Reise durch den Halbstädter Rayon am 27.-29.VI begann dort die Getreidemahd. Trotzdem die Getreidekäfer in diesem (wie auch im vorigen) Jahr wieder großen Schaden angerichtet haben, sind die Ernteaussichten im allgemeinen befriedigend.  Das Gemüse und besonders die Kartoffel leiden in letzter Zeit unter der herrschenden Hitze und Dürre.

 

Am 2-VII abends fuhr Frieda zusammen mit unsrer Nachbarin A. Ti. per Bahn nach Berdjansk und kam am folgenden Abend per Autobus zurück.  Trotz einer schlaflosen Nacht, die Frieda auf W-Tokmak hatte zubringen müssen, war die Fahrt für sie, die seit Februar nicht aus der Stadt hinaus gekommen war, doch erfrischend.  Bis zur Station begleitete ich mit den Kinder Frieda und ebenfalls nahmen wir alle sie auch bei der Rückkehr an der Haltestelle des Autobusse im Zentrum der Stadt in Empfang.

 

20-VII-35.  Es ist doch eine Genugtuung für mich, dass die besten und erfahrensten meiner bekannten Zootechniker, sobald sie von meinen Ausscheiden aus dem Stützpunkt erfahren haben, mich dringend baten zu ihnen auf Arbeit hinüberzugehen.  Es ist das ein Beweis dafür, dass ich mir durch meine 10 jährige Arbeit auf dem Gebiet der Viehzucht Achtung u. Anerkennung erworben habe.

Von den Staatszuchtgütern „Akkermen“, „Mogutschij“, und „K. Libknecht“ wird mir der Posten des „Zuchtbuchführers“ der Farm mit einer Monatsgage von etwas 250 - 275 Rubel  angetragen.  Dann werde ich noch von dem Viehzuchtartell „Astro“ Stalinoer Gebiet auch vom Donezk. Onopnyakj eingeladen, zu ihnen in den Dienst zu treten.  Trotzdem jedes dieser Angebote seine Vor- und Nachteile hat und ich daher recht erfahre, dass wer die Wahl hat, auch die Qual hat, so will ich zuerst mein Glück beim Donezk. Onopnyakj in Stalinoer Gebiet versuchen, wo mir dieselbe Arbeit angeboten wird, die ich bis heute getan habe und wohin ich zum 23.VII zu kommen brieflich versprochen habe. Falls mir diese Stelle nicht zusagen wird, so wird als zweites Zielwahl „Mogutschij“ in Betracht kommen.

Leider ist eine kleine Unterbrechung durch meinen Paßwechsel entstanden, dessen Zeit zu 9.VII abgelaufen war und dessen Wechsel erst am 25.VII. vollzogen werden wird.

 

28-VII-35.  Wie sonderbar es auch nicht klingt für unser Zeitalter, haben wir uns heute nach 12 jährigem Ehestand zum ersten mal mit unsern Kinder in einem Atelier eines Photographen photographieren lassen, während unsre Angehörigen drüben bei jeder Gelegenheit sich tippen lassen.  Trotzdem uns unser Budget so einen Luxus eigentlich nicht erlauben will, und wir auch immer wieder damit verzögerten, so taten wir es schließlich auf den Wunsch und Bitte unsrer Eltern und Geschwister hin, die nach so langer Trennung uns mal sehen möchten.

 

1935, Melitopol, v.links Heini, Frieda, Erika, Heinrich und Hansi
Melitopol

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1-VIII-35.  Am 25.VII. bekam ich schließlich meinen Pass und zu meinem Erstaunen, nur einen einjährigen.  Auf meine diesbezügliche Frage hin, wurde mir geantwortet dass ein Jahrespaß, der in einem andern Rayon erhalten ist, nur auf einen Jahrespaß zu wechseln ist.

Abends fuhr ich dann laut Verabredung mit der Tokmaker Bahn zum Donezk. Onopnij Punkt zur Station Schelannaja.   Nach 23 Stünde Fahrt mit 3 maligem Umsteigen erreichte ich mein Ziel.  Der Leiter des Punktes war nicht zu Hause und nur erst am andern Tage konnten wir zu unsern Verhandlungen geben.  Folgende Entschädigungsbedingungen für meine bevorstehende Arbeit wurden mir bekannt gegeben: 350 Rubel Monatsgage, Quartier, Beheizung und Überfahrt mit Familie frei, ein Geldvorschuß in Höhe von 300 Rubel.  Für meine Qualifikation in Viehzucht war dies ein anständiges Angebot.

Eine der Hauptbedingungen war bei mir jedoch die Schule für meine Jungen.  Mein Versuch, Quartier in dem 4 km entfernten deutschen Dorf Ebental mit einer 10-Klassen Schule zu finden, misslang für den ersten Fall.  Im Falle unsers Überziehens blieb uns somit nicht anders übrig als unsre Kinder in eine hinter der Bahnlinie gelegenen 4-Klassen Ukrainischen Schule zu schicken.

Dazu konnte ich mich nicht sofort entschließen und entschloss mich die ganze Frage einstweilen offen zu lassen und zurück nach Hause zu fahren.  Wären mir keine andre Angebote gemacht worden, hätte ich mich nollens vollens wohl sofort entschieden.

Zurück fuhr ich über Sinelnikovo (bei Dnepropetrovsk) wobei ich nur einmal umzusteigen hatte und in 9 Stunden schon in Melitopol war. Unterwegs hatte ich Zeit und Gelegenheit zu überlegen und ich kam immer mehr zu der Überzeugung, dass für heute für mich wohl am besten sei, trotz der ungünstigen Schulfrage, die Arbeit auf  Schelannaja anzunehmen.  Zu Hause gab es jedoch noch einen großen Kampf zwischen „Mogutschij“ mit Wohnort in Kleefeld und Schelannaja die richtige Wahl zu treffen.  Um einige Stunden jedoch schickte ich schon ein Telegramm nach Schelannaja, in dem ich meine Zusage meldete.  Eine telegraphische Rückantwort ließ auch nicht lange auf sich warten.  Und so stehen wir nun vor der Frage nach Schelannaja hinüberzuziehen, ich fahre am 3.VIII. abends und meine Familie einige Wochen später.

Am andern Tage nach meiner Rückkehr erkrankte ich an Disentheria.  Trotz der Krankheit fuhr ich gestern per Bahn nach Lichtenau und von dort spät abends per Hans Bärgs Rad bis zur Kommune „Mogutscha“ zum Opornyj Punkt, um noch mal zu versuchen etwas von meinem treffenden Gelde zu bekommen.  Der Leiter des Punktes Lintschenko war nach gewohnter Art nicht zu Hause und so musste ich unverrichteter Sache früh morgens wieder zurück zur Station und nach Melitopol.

Die Ernteergebnisse in dem Halbstädter Rayon sind doch bedeutend geringer als man erwartet hat.  Zum großen Teil wird wohl der Getreidekäfer die Schuld daran haben, da doch die angrenzenden Dörfer, die nicht vom Getreidekäfer besucht worden sind, einen bedeutend höheren Ernteertrag zu verzeichnen haben.  Interessant ist, dass die Vorwärtsbewegung der Käfer in der Richtung von Süd-Ost nach Nord-West geschah und dass der kleine Fluss „Molotschnaja“ mit seinen anliegenden Wiesen scheinbar eine gute Barriere für die Bewegung der Käfer gewesen ist wodurch die Felder an der nördlichen Seite des Flusses zum grössten Teil vom Käfer verschont geblieben sind.

 

4-VIII-35    Sitze auf der Station „Sinelnikovo“ von 8 morgens um 6 Uhr abends bis zur St. Schelannaja  meinem neuen Arbeitsort, weiterzufahren.  Gestern abends um 9 Uhr begleitete mich meine Familie von unsrer „Krasnaja Gorka“ bis in die Stadt, von wo aus ich per Autobus zu Station zu fahren gedachte. In dem Bewußtsein des herrannahenden Scheidens auf voraussichtlich 2 - 3 Wochen überschlich uns wie gewöhnlich eine Wehmut und besonders dann, als ich meine liebe Familie, nach dem ich mich eilig von ihr verabschiedet habe, neben der Haltestelle der Autobusse stehen lassen und selber mit einer ....29 in einer dunklen Strasse verschwinden musste. Etwa 2 Stunden vor unsern Abgehen von Hause besuchte mich noch H. Bärgmann („Orosander“) und lass mir seinen in russischer Sprache geschriebener und für die Melitopeler örtliche Zeitung bestimmter Artikel über Tierschutz vor.  H. Bärgman ist und bleibt doch ein eifriger Verfechter der Tierschutzsache.

Etwas später kamen noch zu uns meine Cousine geb. Mariechen Enns mit ihrem Mann P. D. Cornies der gegenwärtig in der Stadt in einer Ölpresse arbeitet und unweit von uns wohnt.  Es sind dies meine einzigen Verwandten in Melitopol, und trotzdem wir uns bis zum Frühling dieses Jahres eigentlich nur wenig gekannt, so sind wir rasch gute Freunde geworden. Die Mariechen ähnelt doch ihrem ganzen Wesen nach sehr ihrem Vater dem energischen Onkel Jak. Jak. Enns aus Tiege.

 

9-VIII-35 Bin schon in voller Arbeit auf meiner neuen Dienststelle.  Schon den 3. Tag befinde ich mich in dem Artel „Astra“, um Material zur Erforschung der Vererbungfähigkeiten der Zuchtstiere zu sammeln.  Die Buchführung der hiesigen Farm ist in gutem Zustande, so dass meine Arbeit die voraussichtlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen wird, wohl flott von statten gehen wird.  Heute fuhr mein Vorgesetzter „Bessarab“ mit noch 4 Spezialisten der Viehzucht zu einer Sitzung nach „Askania Nova“.  Ungefähr den 20. des Monats werde ich wohl meine Familie herüberholen. So lange muss ich eben ohne Familie leben, was mir recht schwer fallen will. Erhielt gestern den ersten Brief hier von meiner Frieda, in dem ein Zettelchen von „Storojuk“ dem neuen Leiter des Molotschansker Opornij in dem ich bis vor kurzen gearbeitet, sich befand, worin letzterer mich bittet zurück zu kommen.  Obzwar ich gerne in meine Heimat und bekannten Tätigkeitsrayon zurück kehren wurde so schreckt mich doch folgendes zurück was den Opornyj Punkt anbetrifft: der Opornyj Punkt ist von dem früheren Leiter desselben Lintschenko so diskreditiert worden, dass es in Zukunft für die Arbeiter desselben nicht so leicht sein wird sich Bahn zu schaffen. Dann ist die finanzielle Lage des Punktes sehr miserabel; dann gefällt mir der Ort nicht, wo sich der Opornyj Punkt befindet und schließlich ist damit zu rechnen dass Lintschenko um zu rächen dem Punkt noch so manchen Schaden zufügen kann. Genug, ich halte mich lieber ferne von so einer verworrenen Sache.

 

15-VIII-35.  Ruhe mich heute etwas von meiner Arbeit  (das Übrige dieses Blattes ist nicht zu lesen; die Wörter sind völlig ausgeblichen).

 

21.X.35.  Dass  ich fast 2 Monate nicht habe Zeit gefunden in diesem Heft meine gewöhnlichen Notizen zu machen zeigt davon, dass diese Zeit für mich eine drocke und bewegte Zeit gewesen ist.  Am 22.VIII. fuhr ich nach Melitopol um meine Familie nach meinem neuen Arbeitsort herüber-zuholen.  2-3 Tage nach meiner Ankunft in Melitopol wurde es noch nicht was mit unsrer Vorbereitung zur Reise, weil ich mich nicht sehr gesund fühlte und auch überhaupt etwas ausruhen wollte.  Dann ging’s jedoch ans Packen, weil mir etwa nur noch 5-6 Tage zur Verfügung geblieben waren. Weil Frieda und ich zu all dieser Arbeit nur allein waren, in unsern engen Zimmer kaum zu bewegen war, zudem es uns zum packen an so manchem fehlte, wie an Säcke, Strick, Kasten, Nägel usw.,  so gab es so manche Kopfzerbrechung und Anstrengung.  Sobald das Möbel und die größten Kasten entsprechend verpackt und beschnurrt waren, kostete es nicht wenig Mühe und Arbeit 27 Sachen mit Hilfe einer Fuhre der „...“ bis zur Frachtstation zu transportieren.  Als schließlich nach zweitägigem hin und her zwischen Station u. „...“ ich mit der langersehnten Fuhre vor unser Quartier gefahren war und sie mit Hilfe angenommener Männer geladen hatte, gelang es mir mit großer Mühe die Fuhre von unserm sandigen Hof und Strasse bis zur gepflasterten Strasse zu bringen.  Wie nun diese Sachen „mit mäßiger Geschwindigkeit“ abgegeben waren, ging’s sofort ans Packen all’ der Sachen, die mit uns per Bagage mitgehen sollten. Es waren noch über 30 kleinere Sachen, die ich in aller Eile gepackt, am andern Abend um halb 12 Uhr auf der Station Melitopol „als Gepäck“ abschickte. Etwa um halb eins nachts kehrten Hansi und ich zu Fuß von der Station in unser mit einem Nachtlämpchen schwach beleuchtetes leeres Quartier zurück, auf dessen Erddiele Frieda mit Heini und Erika an dem Handgepäck gelehnt schliefen. Um 2 Uhr nachts weckte ich einen Fuhrmann der auf unsrer Nachbarschaft wohnte, und uns zur Station fahren sollte, und wir verließen in Begleitung nur von unsrer Nachbarin Frau Töws unser 7 Monat bewohntes Quartier.  Etwa einen halben Kilometer um die dunkle Ecke der Strassen „Nekrasova und Karl Liebknecht“ herum begleitete uns noch unser fideles Hofhündchen, die schwarze „Roska“ und wir fuhren langsam durch die schwach beleuchteten stillen Strassen des schlafenden Melitopol hindurch zur Station, im Geiste sich verabschiedend von dem uns trotz daselbst erlebten Entbehrungen doch liebgewordenen Melitopol.

Weil zum 1. September einerseits die Kurortsaison endet und anderseits der Unterricht in den Lehranstalten beginnt, so sind um diesen Datum herum die Züge immer ganz besonders überfüllt, es ist daher kein Leichtes Fahrkarten zu bekommen.  Somit hatten auch wir mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen, da wir gerade in der Nacht vom 31. August auf den 1. September abreisen wollten. In Anbetracht erwähnter Umstände fügte die Bahnverwaltung unsrem Zuge auf der Station Melitopol einen extra Passagierwaggon hinzu und so kamen wir trotz unsern Befürchtungen mit unsern schläfrigen kleinen und 10 Handgepäck glücklich in den Zug hinein. Obzwar anfänglich keine freie Plätze zu sein schienen, stuckerte sich das während der Fahrt doch bald zurecht so dass wir alle sitzen konnten. Auch fehlte es sofort nicht an Reiseerlebnisse in dem wir zu sehen konnten, wie einer unsrer Reisegefährten einem andern, der eingeschlafen war, in aller Ruhe einen großen Koffer wegstahl.  Obzwar dieses Kunststück bei uns nicht zu einer Seltenheit gehört, gab es für unsre nächste Umgebung im Wagon dennoch Zeug eine Stunde und darüber davon zu sprechen und von ähnlichen Fällen und persönlichen Erfahrungen zu erzählen.

Auf der Station Sinelnikovo mussten wir etwa 10 Stunden auf den Zug, der uns bis zur Station Schelannaja bringen sollte, warten. Es war ein sonniger Tag und so machten wir es uns auf einem Rasen unweit der Station gemütlich. Unsre Reisesachen die aus 10 einzelnen unschönen und ungemütlichen Körben und Bündel bestanden, wurden uns bei jeder Weiterbewegung doch zur großen Last, denn ein jeder unsrer fünf Familienglieder (die kleine 4-jährige Erika nicht ausgenommen) hatte zu mindestens 2 Sachen zu tragen. Um 6 Uhr abends wurde „unser“ Zug angemeldet, doch zu unserm Bedauern mussten wir erfahren dass keine Plätze auf demselben vorhanden seien,  und wir somit auf den nächsten Zug, der am andern Morgen kommen sollte, warten müssten. Eine schöne Bescherung. Für gute Bezahlung gelang es uns jedoch mit Hilfe eines Gepäckträgers den Zug zu besteigen.  Obzwar die Einsassen des Waggons unsre Familie mit all dem Gepäck mit recht saurer Miene begegneten, so fanden wir auch hier bald Platz in einer lustigen musizierenden und singenden Männergesellschaft.

Spät abends stiegen wir in Begleitung von verdächtigen Personen auf der kleinen mit Petroleumlampen schwach beleuchteten Station Schelannaja ab.  Kaum 200 Schritt von der Station fanden wir auch unser zeitweiliges Quartier, welches aus 2 Zimmer und einem halbfertig gebauten Corridor bestand.  Es war um 12 Uhr abends.  Ohne lange zu denken spreiteten wir unsre Sachen auf der schönen Holzdiele aus und trotzdem diese improvisierten Lager nur dürftig waren, so schliefen wir dank unsrer Ermüdung doch sehr schön.

Am anderen Tage war auch schon die erste Partie unsrer Bagage da, die wir auf unsrer kleinen Wasserkarre ins neue Heim fuhren. Bis unsre Küche mit dem Nötigsten versorgt werden konnte, mussten wir uns dann und wann unser Essen aus der Küche des Sowjetgutes namens „Ruchimowitsch“ holen, welches meiner Familie oft nicht recht schmecken wollte.

Etwa eine Woche später mussten wir unser Quartier einem neu hinzugekommenen Dienstkollegen J. Maas, dem selbiges versprochen war, abtreten und ein andres, dass mir in Aussicht gestellt war, beziehen. Unsre inzwischen auf der Station angelandeten Möbel und Sachen wurden somit schon direkt ins neue Quartier gebracht. Was diesen Sachen anbetrifft, die mit mäßiger Geschwindigkeit transportiert worden, so ist auf Jeder der selben eine Spur der langen Reise in Form eines größeren oder kleineren Schaden zurückgeblieben. Einige Kasten sind zwecks Diebstahl unterwegs sogar aufgebrochen und etliche Sachen wie eine Säge und anderes daraus entwendet worden.  Das was wir somit auf den Transportspesen erspart, haben wir uns  mehrfache durch die Beschädigung der Sachen verloren.

 

22-XII-35.  Über 2 Monate sind es wieder her, dass ich des vielen und eiligen Arbeit halber nicht hab an dieses Heftchen denken können.  Nach vielen Wochen haben wir heute mal wieder einen Ruhetag.  Inzwischen ist es Winter geworden und draußen ist recht garstiges Wetter: Wind, Glatteis und Schnee.  Wären wir schon für den Winter zu genüge mit Brennung versorgt, wäre uns der Winter nicht schrecklich.  Bis heute jedoch werden wir nur von Tag zu Tag mit einige Eimer Kohlen versorgt.   Trotz des langen und schönen Herbstes ist man nicht fertig geworden unsern Punkt mit Brennung zu versorgen.  Jetzt wo der Winter da ist, die Wege schlecht und die Kohlen rarer werden, wird „ach und wehe“ geschrieen. Möchte man wenigstens für die Zukunft daraus Lehre ziehen. Unser eins hätte wohl etwas anders gehandelt und mehr System überhaupt in alle Arbeit hineingebracht.

 

Unser jetziges Quartier befindet sich am Straßenende einer kleinen Butterei und besteht aus 2 Zimmer, einem angebauten Corridorchen und einem kleinen Keller daneben. Einen Hof haben wir nicht, was uns keine Möglichkeit bietet wirtschaftlich etwas zu entwickeln. Anfänglich wollte unser Quartier daher meiner Frieda gar nicht gefallen, was bei ihr so manche Verstimmtheit hervorrief.  Zudem wollten sich unsre Jungen sehr schwer zur ukrainischen Schule schicken was uns recht viel Sorge bereitete.  Beide sollten eigentlich in die 4. Klasse eintreten; weil Heini jedoch bedeutend schwächer ist als Hansi so entschlossen wir uns ihn in der 3. Klasse zu belassen.  Hansi musste auf mein Bestehen in der 4. Klasse bleiben. Nach kurzer Zeit musste Heini in die 2. Klasse zurück, in der er dann auch bald mit den andern Schüler mitkam und heute sogar schon zu den besten Schüler gehört. Im Laufe von 2 Monat musste ich Hansi täglich im Lernen mithelfen; dank seinem Fleiß gelang es ihm alle Schwierigkeiten zu überwinden und allmählich in die Reihen der besten Schüler zu treten.  Viel Anstrengung Tränen und auch Gesundheit hat es ihm gekostet.  Heute jedoch sind die Jungen beide schon ganz im „Fahrwasser“ ihrer Schule.

Trotz steten Mangels an Geld haben wir uns etwas zum Winter anfertigen können: ca 30 Pud Kartoffel (zum Teil etwas angefroren), 10 Pud Gurken und  6 Pud Kraut.  Alles andre wie Brot, Öl, Butter, usw. kaufen wir uns nach Bedarf. Die gegenwärtigen Preise darauf sind: Schlichtbrot à Kilo - 90 Kopeken, Weißbrot - 1 Rubel 50 Kopeken, Kartoffel - 35 Kopeken, Zucker 3.60, Öl 12 - 13 Rubel, Butter - 15 Rubel, Milch - 1 Rubel,  Mehl 1.50 -2.20. Am Ort haben wir nur zwei kleine Läden: einer neben der Station und einer auf dem Sowjetgut.  Fleisch ist hier nicht zu haben.  Die nächsten Bazare sind Selidowko und Grischino 17 - 19 km. von uns entfernt.

Habe diese letzten Monate über eine dringende Arbeit gesessen, und zwar über die Bearbeitung eines Materials zur Erforschung der Vererbungsfähigkeiten der Zuchtstiere des Artels namens Petrowski (früher „Astra) und über dies Schreiben einer kurzen Geschichte der Herde dieses Arteles, welche zur Herausgabe des Donezzuchtbuches verlangt wurde.  Vor etwa eine Woche habe ich mein Material nach Stalino zur Übersetzung ins Ukrainische gebracht von woraus es diese Tage nach Kiew zur Herausgabe geschickt werden soll.

 

31-XII-35 - 9 Uhr abends.

Da wir um einige Stunden das alte Jahr 1935 abschließen, möchte ich in Paar Worten diesen Abschied kennzeichnen. Trotzdem diese Stunde doch eine wichtige ist, empfindet man leider dank der so grau dahineilenden Monate und Tage auch in dieser so feierlichen Stunde nichts besonderes. Das verflossene Jahr ist für mich und meine Familie ein besonderes Jahr gewesen, in dem wir unsern Heimatsort verlassen und nach dem schon zweimal unsern Wohnort gewechselt haben. Unwillkürlich fragt man sich was uns persönlich wohl das neu anbrechende Jahr bringen könnte. Trotzdem uns unser an Erfahrungen reiches Leben schon sehr anspruchslos gemacht hat, steigen doch einige bescheidene Wünsche in uns auf und zwar möchte das neue Jahr uns unsre Gesundheit u. Arbeitsfähigkeit erhalten, unsre persönlichen Lebensverhältnisse verbessern.

(Etwa eine anderthalbe Zeile wurde gelöscht.)

 

26-I-36.  Fast einen Monat sind wir schon ins Neue Jahr vorgerückt und so manches hat sich schon zugetragen, was uns den Anfang dieses Jahres getrübt hat. Einmal war es der Gesundheitszustand von Frieda’s Herz und Magen, der etwas 10 Tage unbefriedigend war und nur nach strenger Diät wieder besserte.

(Etwa zweieinhalbe Zeile ist gelöscht worden.)

Oft war es auch unsre Einsamkeit die auf uns und besonders auf Frieda schwer lastete.  Das andauernde ausbleiben jeglichen Nachrichten von unsern Lieben. (ein paar Wörter sind gelöscht worden) verstärkte noch das Gefühl der Einsamkeit.

(Wieder sind zwei Zeilen gelöscht worden)

Am 10.I. erhielten wir die traurige Nachricht von dem Tode unsres lieben Onkels Heinrich Dück, der schon am 8.XI.35 erfolgt war. Einen Tag später erhielten wir von Schwager Peter die Nachricht über eine schwere Erkrankung ihres Peti und den schwachen Gesundheitszustand von Schwester Anna. Einige Tage später schreibt Peter dass sie Peti schon ins Krankenhaus gebracht haben und er in schwerer Form an Lungenentzündung krank liegt.

Einige langersehnte Briefe von Friedas Eltern und Schwester Mariechen brachten etwas Sonnenschein in unsre trüben Tage hinein

Schon über eine Woche warten wir jetzt mit bangen Herzen auf Nachricht über den weiteren Verlauf von Petis Krankheit. Besonders drückend ist das Bewußtsein und der Umständen, dass Peti schon am 25. vorigen Monats erkrankt ist und daher schon unbedingt eine Entscheidung in seiner Krankheit eingetreten sein wird, während wir darüber nur erst nach zwei Wochen Nachricht erhalten können, weil die Briefe so lange unterwegs sind.

 

30-I-36.  Gestern erhielten wir einen Brief von Tante Heinrich Dück von Georgiyevsk (Kaukasus) in dem sie die letzten Tage u. das Sterben unsers lieben Onkels Heinrich Dück beschreibt. Nebst Leiden an Reumatismus, Miocarditis, Neurastenie etc. hat schließlich eine schwere chronische 2 Monat anhaltende Diarrhöe seinen Tod herbeigeführt. Onkel Heinrich Dück war der einzige Bruder meines Vaters.  Seine erste Frau, Tante Neta, war gleichzeitig die Schwester meiner Mutter. Kaum einige Jahre glücklicher Ehe starb ihm seine erste Frau, welche ihm 2 kleine Mädels Anna und Agnes hinterließ, von denen die älteste Anna, die in meinem Alter war, im Alter von 18 Jahren an Drüsenschwinsucht starb, während Agnes, verheiratet mit meinem Freund und Dienstbruder K. J. Wall, gegenwärtig in den Vereinigten Staaten lebt. Einige Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete Onkel Dück die Tochter seines Nachbars Pet. Friesen, Maria, die nun verwitwet mit 3 erwachsenen Kinder in Georgijevsk lebt. Onkel Heinrich Dück war von Natur aus ein aufrichtiger Charakter und mit stetem Frohsinn und Humor ausgestattet. Wohl von Kindheit an hat er stark an Neurastenie gelitten, was ihm ruhiges Denken und Handeln oft erschwerte. Die öfteren harten Schicksalsschläge in seinem Leben wie der frühzeitige Tod seiner jungen Frau, das Dahinscheiden seiner ältesten Tochter Anna, das schwere Leiden und Sterben seines ältesten Sohnes Heinrich und eines Töchterchen, das ständig drückende Kreuz durch das schwachsinnige Söhnchen Peter, und schließlich, die furchtbaren Erlebnisse mit den Machnowzen und Flucht aus der Heimat, hatte ihm sein schwaches Nervensystem und Gesundheit total zerrüttet und zu frühzeitiger Altersschwäche geführt. Nach dem all’ unsre Verwandten unser Heimatdorf verlassen hatten und nur wir 2 Familien aus unserm Verwandtenkreis zurückgeblieben waren, hatte sich unser Band mit H. Dücks noch enger zusammengeschlossen und unsre Beziehungen zueinander waren noch inniger geworden.  Onkel Dück war mir stets ein väterlicher Freund und wir hatten uns lieb. Es hat mich daher die Nachricht vom Tode des lieben Onkels sehr niedergedrückt und in tiefe Trauer versetzt.

 

31-I-36   Unter andern berichtet uns Tante Dück in ihrem Brief über einen sehr traurigen Fall. Es hat sich nämlich eins meiner früheren Schulgenossinnen aus Blumenort Helena Nic. Teichgröb, die in letzter Zeit mit ihrer Mutter und Geschwister in oder neben Chortiza wohnte, zwecks Selbstmord in den Dniepr gestürzt.  Man hat sie wohl noch lebendig aus dem Dniepr herausgeholt, sie ist jedoch noch auf dem Wege zum Arzt gestorben. Näheres darüber ist uns noch unbekannt. Welch tragisches Schicksal und was mag wohl diese arme Helene weit von ihrer Heimat bewogen haben, diesen äußersten Schritt zu tun. Jedenfalls werden es schwerwiegende Gründe und ein furchtbarer innerer Kampf gewesen sein, die die Arme in ihrer Einsamkeit zur Verzweiflung geführt hat. Dann war sie ein Glied aus dem Familienstamm Teichgröb aus Blumenort, in dem aus Generation in Generation in sehr hartnäckiger Weise eine Anlage vererbt wird, die dann und wann bei einem und dem andern dieses Stammes in Form von Schwermut und Selbstmordversuche zum Vorschein kommt.

 

Den ganzen Januar Monat steht die Temperatur auf 0 und darüber; wir haben bis jetzt wenig Schnee, dagegen viel und furchtbaren Dreck gehabt. Während wir im vorigen Jahre im Gegenteil einen außergewöhnlich kalten Januar mit 30° Frost und darüber hatten.

Seit einer Woche muss ich auf dem Nachbarsowjetgute einer Zuhörerscharr von ca 70 Melkerinnen, Viehwärter und Brigadiere
Führer einer Brigade (Gruppe von Arbeitern)
Vorlesungen in Viehzucht halten.

12-IV-36.  Es ist heute der 12. und somit haben wir unsern Ruhetag.  Und weil heute auch Sonntag ist, der auf dem Lande zum Ruhetag bestimmt ist, so fallen unsre Ruhetage zusammen.  Zudem soll heute auch noch Ostern sein. Es ist ein kalter Regentag.  Vor 2 Tage hatten wir noch Frost und Schnee.  Im Gemüsegarten wird noch nicht gearbeitet. Was dem Klima anbetrifft, so besteht doch ein großer Unterschied, wenigstens in diesem Jahr, zwischen dem Donezkbecken und den angrenzenden Gebieten in denen der Frühling schon weit vorgeschritten ist, während wir hier noch nur einen warmen Tag gehabt haben. Unsre Gegend hier liegt bedeutend höher über den Meeresspiegel, als die angrenzenden Gebiete. Der Frühling gefällt mir hier durchaus nicht.  Die Grippe findet hier einen sehr ersprießlichen Boden.  Ich mit meiner Familie komme daher fast nicht los von den Folgen der Grippe (Bronchitis, Schnupfen und dergl.).

Den 1.IV. das ist vor 12 Tage verlegten wir zum 3ten mal hier am Ort unser Quartier.  Wir wohnen gegenwärtig mit unserm Vorgesetzten in einem Hause. Unser jetziges Quartier besteht aus 2 Wohnzimmer, einer Küche, Corridor und Keller.  Seit dem wir aus Blumenort sind, haben wir so ein gutes Quartier nicht bewohnt.  Erlebten in dem selben auch schon Schiffbruch. Des Nachts am 9. dieses Monats hob der Sturm das Dach von unserm neugebauten Corridor herunter. Die ziegelnen Wände des Corridors schaukelten vom Sturm wie Rohr, so dass es direct lebensgefährlich war bei ihnen vorbeizugehen und daher wir anfänglich durchs Fenster unsern Ausgang suchen mussten. Die Wände sind nämlich auf eine halbe Ziegel gebaut. Obzwar die obersten Perle der Wände eingestürzt sind, haben wir auf den stehen gebliebenen Teil derselbe und provisorisch das Dach wieder hinaufgelegt. Die Qualität so mancher Arbeit lässt noch zu wünschen übrig.

15-IV-36.  Im Verlauf der letzten 2 Monate habe ich im Auftrage unsres Punktes 3 Reisen gemacht: die erste von 20 bis zum 28 Februar auf 3 Staatsgüter des Konstantinower Rayons, die zweite vom 8 bis zum 13 März nach Stalino und einige Kollektivfarmen des Mariupoler Rayons, und vom 5 bis zum 9 Aprill nach Stalino und Kollectivfarmen des Makejobu Rayons.  Während der ersten Fahrt in den Konstantinower (Konstantinovka) Rayon fiel einige Tage nach einander Schnee.  Die Strecken von der Station Drujkowka bis Sowchos Gornjak und zurück insgesamt 12 km, von der St. Konstantinowka bis Sowchose „Artjem 9" und zurück 18 km und von St. Kriwoj Torez bis Tscherbniowka 12 km habe ich bei 10-12° Frost und Sturm in tiefem Schnee zu Fuß zurückgelegt, eine Leistung die ich mir in heutigem Zustand selber nicht zugetraut hatte. Während der Fahrt vom 8 bis zum 13. März habe ich Gelegenheit zum ersten mal im Leben in Mariupol zu sein.  Ich hatte mir diese Stadt eigentlich kleiner gedacht.  Unwillkürlich erinnerte ich mich daran, dass meine Mutter etwas vor 60 Jahre noch als junges Mädchen mal in den damals noch schwachbesiedelten Steppen unweit Mariupols gelebt hat; wie sie mit 2 Halbbrüder und sechs jüngeren Schwester und ihrem Vater an der Spitze, unserm unternehmungsfähigen Großvater Jakob Enns, die Steppen urbar machten, Schafe züchteten und gegen Wolf und Natur ums Dasein kämpften.

Während meiner Reise vom 5 - 9.IV fuhr ich die Strecke von Stalino über Makeevka bis Charzysk per Autobus.  Da es den Tag und Nacht vorher geregnet hatte war furchtbarer Kot; meine Schuhe und Galoschen, die ich am Tage vorher herschöpft hatte und ganz durchnässt waren wollten nicht trocknen.  Trotzdem ich an der Grippe krankte setzte ich meine Reise fort.  Wenn man ähnliche Strecken macht, lernt man erst die Industrie des Donezkbecken kennen.  Die Stadt Makeevka mit ihrem Rauch und Dreck machte auf mich nicht einen guten Eindruck. In der Umgegend der Stationen Charzysk und Ilowajskoje musste ich mir die entsprechenden Kollektive auch zu Fuß aufsuchen.  Auf der St. Ilowajskoje erinnerte ich mich eines wichtigen Erlebnisses vor genau 18 Jahre und zwar im Aprill 1918 als ich als demobilisierter Soldat von der Türkischen Front zurück kehrend, auf der Station Ilowajskoje das zurücktreten der Roten Armee erlebte.

 

17-IV-36.  Wenn  man Frieden haben will, muss man friedliebend und weise sein. Wenn ich mich heute nicht hätte von diesem Vorsatz leiten lassen, wäre es doch wohl zu Streit gekommen, der unter Umständen auch zu weittragenden Folgen führen kann. Ich sitze nämlich heute in unsrer Kanzlei und höre draußen ein verdächtiges Schälten.  Ich geh’ hinaus und seh’ meine Jungen auf dem uns angewiesenen Gemüsestück mit den Spaten in Händen verdutzt dastehen, während Frau Maas, die Frau meines Collegen, scheltend auf sie drauflosgeht, ihnen die Spaten aus den Händen reißt und Anstalten macht, sie vom Hof zu jagen.  Ursache dieses Vorgehens war, dass sich unsre Jungens mit ihrem Jungen verstritten und sich mit Steine geworfen hatten.  Ich suchte die Sache in Frieden beizulegen, während meiner Stimmung nach, ich auch wohl etwas andres hätte gehandelt. Jetzt bin ich jedoch sehr froh, dass ich mich habe beherrschen können, denn andres seh ich keine Möglichkeit mit Maasen zusammen auf einem Hof und Garten zu wirtschaften. Für meine Frieda ist so was weit schwerer weil sie ähnliche Zwischenfälle viel tiefer persönlich erlebt und darunter daher viel mehr leidet.

 

13-VI-36.  Abends.  Sitze in einem Hotel in Konstantinovka, Donezkbecken und gedenke morgen früh per Arbeiterzug auf einige Viehfarmen des Konst-er Rayons zu fahren.  Gestern 12 Uhr abends fuhr ich von Hause, das ist von der St.Schelannaja.  Weil ich die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen habe, zudem gestern, meinen Ruhetag mit meinen Jungen auf unseren Kukurusenfeld verbracht habe, habe ich mich hier etwas länger aufgehalten um auszuruhen.

Das ich wiederum längere Zeit keine Notizen in meinen Tagebuch gemacht habe, zeugt davon, dass dazu keine Zeit vorhanden gewesen ist.

1936, Charkow, Forschungsinstitut für Viehzucht
Zeugnis als Instrukteur für künstliche Befruchtung der Haustiere

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Ungefähr den 19.IV.36 wurde mir von meinen Vorgesetzten gemeldet, dass die Stalinsche Gaulandabteilung vorgesehen hat, mich auf monatliche Kursen für künstliche Befruchtung ins Charkower Forschungsinstitut für Viehzucht zu schicken, die den 13.V beginnen sollten. Meine Frieda war gerade an der Grippe krank, und der Arzt der zum kranken Töchterchen unsers Vorgesetzten von 15 km her geholt worden und gelegentlich Frieda untersuchte, fand Lunge und Herz sehr angegriffen.  Ihre Temperatur war erhöht.  In diesem Zustande konnte ich Frieda auf keinen Fall allein lassen und nach Charkow fahren, zumal auch keine Hilfe für sie auf einige Tage zu finden war. Dank der Nachricht meines Vorgesetzten konnte ich in Abwesenheit einer Hilfe im Hause die nötigsten Arbeiten im Hause selber verrichten.  Zwei Tage nacheinander suchte ich in den umliegenden Dörfer nach einer Frau, die auf einige Tage in unser Haus kommen konnte.  Eines Tages Uhr 4 des Morgens ging ich in das von uns 7 km entfernten Dörfchen Gradowka, um dort unter den deutschen Familien jemand auf einige Tage zu finden. Trotz der Behilflichkeit unsrer Bekannten Lise Cornies musste ich unverrichteter Sache nach Hause gehen. Die Zeit drang, da in Charkow die Kursen schon begonnen hatten, anderseits musste im Gemüsegarten die Arbeit begonnen werden, usw.  Ich war schon so weit, mich ganz von den Kursen zu entsagen!

Inzwischen besserte sich jedoch Frieda’s Gesundheitszustand und ich entschloss mich wohl mit schweren Herzen nach Charkow zu fahren.  Die ersten und darauffolgenden Nachrichten von zu Hause waren ja befriedigend und so konnte ich ruhig und mit Erfolg die Kursen beendigen und mit einen Zeugnis als Instrukteur für künstliche Befruchtung der Haustiere den 18.V.36 nach Hause zurückkehren, wo ich zu meiner Freude meine Familie gesund und wohlbehalten antraf.

 

21-VII-36.  Aus dem Konstant. Rayon kehrte ich den 21.VI. zurück.  Weil eine Regenperiode eingetreten war, so hatte ich durch die täglichen Gewitterregen auf dieser Reise viel Unterbrechungen. In dem kleinen industriellen Städchen Konstantinovka möchte ich doch nicht wohnen, da die Luft durch den beständigen Rauch und Gas der Fabriken ziemlich ungesund sein muss.  Sobald ich mich der Stadt näherte (ebenfalls wie auch Makeevka) empfand ich den spezifischen Luftbestand schon auf der Zunge. Vom 2. - 7.VII.36. besuchte ich 3 Kollektive des Makeever Rayons und auf dem Rückweg fuhr ich durch Makeevka.  Die Strecke Makeewvka-Jesinowataja fuhr ich zum ersten mal, die macht doch einen Eindruck durch die an der Bahn gelegenen Industriewerke. Weil die Züge ziemlich überfüllt waren und beim Umsteigen nur schwer auf den Zug zu kommen war, so blieb ich auf der St. Otscheretina 12 km von Hause stecken und musste von abends bis morgens auf einen Zug warten und mühselig die ganze Nacht auf einem Tisch der schwach beleuchteten Wartesaal zubringen.

Unser lebendes Inventar besteht heute aus einem Schweinchen von 4 Monat, 1 Ferkel von 1 ½ Monat, 5 alten und 11 jungen Hühner und etwa 65 Kücheln und 2 Hähnen.  Im vorigen Jahr um diese Zeit hatten wir nichts davon. Haben einen ganz schönen Gemüsegarten auch ein Viertel ha. mit Mais. Ca 20 Pud Kirschen haben wir von den Acker zur Verfügung gestellten Obstbaumreihe geerntet. Seit dem 13.VII.36 ist Tante Justel mit ihren 2 Mädels Mika und Martha bei uns.  Sie sind gegenwärtig sehr behilflich in Kirschen pflücken und trocknen.

 

10-XII-36.  Fast 5 Monate wieder mal keine Notizen gemacht.  Immer fehlt die Zeit und auch der Wille dazu.  Will nun wieder kurz fixieren, was in diesen ca.  4 Monaten in meinem persönlichen Leben vorgefallen ist.

Lebenslauf 1.Seite (rus.)
Lebenslauf 2.Seite

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Joh. Cornies IV, 1936

Das Wichtigste, was in diesem Zeitabschnitt vorgefallen,  ist der Tod von Frieda’s Vater, meinen lieben Schwiegervater J. J. Cornies, der am 12.VII. dieses Jahres erfolgt ist. Weil der Gesundheitszustand des lieben Vaters dank seinem Herzleiden schon längere Zeit nicht besonders gut war, so war Frieda schon immer sehr darüber besorgt und fürchtete immer mal mit einer Trauernachricht überrascht zu werden, was denn auch im August, einen Monat nach Vaters Tod geschah. Wir alle, und besonders Frieda, hofften ihn noch immer einmal wiederzusehen.  Nebst dem Trauer und den schweren Verlust, quälte mich noch das Bewusstsein, dass meinethalben doch eigentlich Frieda mit ihren Eltern geschieden ist und nicht ihnen folgen konnte.

Der Hauptcharakterzug des lieben Schwiegervaters war wohl sein angeborener Frohsinn und seine Leutseligkeit, dank denen er immer, ob trübe oder heiter, mit gehobenen Haupte und frohem Mut seinen Weg weiter pilgerte.

Leider habe ich zu wenig Gelegenheit gehabt, ihn näher kennen zu lernen.

 

Habe in meiner Berufsarbeit inzwischen mal wieder zwei Reisen gemacht: eine vom 23.-26.VII. in den Kadijewer und Oljginer Rayon und die andre vom 3. - 8.IX. auf die Farmen des Konstantinover Rayons. Im August hatte ich meinen monatlichen Urlaub. Mitte August fuhr ich zu meiner früheren Dienststelle um meine alten Schulden einzukassieren. Mit Hilfe des Procurors und des neuen Leiters des Dnjepropetrowschen Stützpunktes gelang es mir schließlich die Sache zu erledigen.

Anfangs September begann der Schulunterricht für meine Jungen.  Die Schulfrage überhaupt hatte mich fast gezwungen, meinen Wohnort dahin zu verlegen, wo eine passende Schule war.  In Gesellschaft von Tante Justels Mädels fingen die Jungen an nach Ebental, 4 km von uns entfernt, zur Schule zu gehen, Heini in die 4. und Hansi in die 5. Klasse.  Vor 2 Jahren war Heini eigentlich mit Hansi in einer Klasse; weil er jedoch im verflossenen Schuljahr bis in die 2. Klasse der Ukrainischen Schule zurückgerutscht war, so wollte er jetzt nicht in die 4. Klasse der deutschen Schule.  Ich bestand jedoch darauf und zum Glück kommt er gut mit.  Jeden Tag früh morgens um Viertel auf Sieben gehen die Jungen in die finstre Ferne übers Feld der Bahn entlang nach Ebental und kehren um 2 Uhr nachmittag zurück.  Hansi ist besonders eilig des Morgens, während Heini sich immer etwas „tragen“ lässt.  Das schlimmste ist noch, dass die Jungen wie auch unsre ganze Familie, keine Galoschen haben.  Quartier haben wir auch noch keines für sie gefunden. Das erste Halbjahr geht bald zu Ende, der Winter ist jedoch noch vor uns. Die Zeugnisse der Jungen fürs erste Viertel sind gut,  Hansi’s sehr gut, denn er zählt zu den besten 3 seiner Klasse. Hansi ist ein kluger Junge, jedoch nicht sehr gesund.  Wenn Gesundheit und Verhältnisse es erlauben werden, konnte er es in seinem Wissen nochmal weit bringen.  Heini ist ein ganz guter Mathematiker, während in andern Fächern er noch keine besondere Anlagen zeigt. Bis Juli Monat laufenden Jahres konnte Heini noch immer nicht seine üble Angewohnheit „das Lutschen“ lassen. Seitdem jedoch Mika und Martha bei uns waren, nahm er sich in Acht und ließ diese böse Angewohnheit.

 

Zur landwirtschaftlichen Ausstellung im Oktober musste ich ca 2 Wochen ausschließlich Diagrammen und Zeichnungen machen, die uns einen Nebenverdienst von 150 Rubel brachten.

 

Am 24.XI.  laufenden Jahres schlachteten wir nach mehrjährigen Unterbrechung mal wieder ein Schweinchen von ungefähr 7 Pud Lebendgewicht.  Unsre Kost hat sich dadurch bedeutend gebessert.  Mit unsern Hühner haben wir gehörig Pech, denn fast jeden Tag verschwinden uns 1 - 2 Hühner.  Von 60 Küchel und  Hühner im Sommer sind uns heute nur noch 1 Hahn und 17 Hühnerchen geblieben.

 

6-I-37.  Wir sind schon den 6. Tag im neuen 1937ten. Jahr.  Wir erfreuen uns einer verhältnismäßig besseren Gesundheit, als zu Beginn des vorigen Jahres, was wohl unsrer verbesserten Nahrung zuzuschreiben ist. Das Neue Jahr begegneten wir im Kreise unsrer Dienstcollegen, mit denen gemeinsam wir ein Mal organisiert hatten.  Vorher hatten wir eine Bescherung für unsre Kinder unterm Neujahrsbäumchen.  An schönen selbstgebackenen Kuchen fehlte es auch nicht. Bis zum 10.I. haben unsre Kinder Ferien; sie ruhen sich gründlich aus. Mein gestriger Versuch für sie in Ebental Quartier zu finden, misslang.  Wahrscheinlich werden sie wieder tagtäglich zu Fuß zur Schule gehen müssen. Gestern fiel Hansi von einem Schlitten herunter, wobei er sich sehr den Hinterkopf gestoßen hat, was eine leichte Gehirnerschütterung zur Folge hatte.  Allem Anscheine nach dürfte es keine weiteren Folgen haben.

Heute wurde die Volkszählung durchgeführt.

 

1-II-37 Unsre Jungen sind auf einige Monate im Internat der Nikolajewer 10 Stuf. Schule untergebracht.  Beköstigt werden sie in der Artels Speisehalle.  In ihrem verhältnismäßig kleinen Zimmer stehen dicht nebeneinander 9 zweistöckige hölzerne Bettgestelle („Kojki“russisch).  Im Zimmer befinden sich somit 18 Schüler.  Die Schule ist noch nicht im Stande die ganze Schülerzahl, die über 400 Köpfe zählt, befriedigende Quartierverhältnisse zu schaffen.  Zum nächsten Schuljahr hofft die Schule die Quartierfrage besser lösen zu können.

 

 

18-XI-37.  Einige Notizen über unsern Gesundheitszustand.  Frieda fühlte sich besonders in der zweiten Hälfte des Sommers oft schwach und müde.  Dr. Strauss fand ihre Lungen nicht in Ordnung und riet wiederholt an, sie im Röntgenkabinet untersuchen zu lassen.  Zu diesem Zwecke waren Frieda und ich im Frühling schon mal nach Postyschewo und Ekononitscheskij Rudnick gefahren.  Konnten jedoch nichts ausrichten.  Und so verzog sich die Sache bis zum Herbst. Unter anderm machten wir auf oben erwähnter Reise eine Fußtour von Postyschewo bis Schelannaja. Wie Friedas Lungen nun schließlich durchleuchtet wurden, fand man zwischen der 2. u. 3. Rippe der rechten Seite einige Tbc. Stellen.  Der Arzt riet ihr nun an durch Arsenk-pillen, Leberthran und Hematogen ihren Ernährungszustand zu verbessern.  Gegenwärtig nimmt Frieda schon die 7. Flasche Hematogen ein.  Sie fing sich auch schon an zusehends aufzunehmen.  Seit 3 Wochen ist sie jedoch an eine hartnäckige Verdauungsstörung erkrankt. Tagtäglich einige Stunden nach dem Essen empfinden sie heftige Schmerzen in der Magen gegend.  Schon längere Zeit hält sie strenge Diät. Brieflich wandte ich mich um Rat an den alten und bekannten Dr. Ketat aus Muntau. Lange bekam ich keine Antwort, so dass ich schon zu dem Entschluss kam, dass Dr. Ketat entweder schon nicht auf alter Stelle wohne, oder überhaupt nicht mehr am Leben sei. Schließlich bekam ich einen Brief von seiner Frau, in dem sie schreibt, dass Dr. Ketat schon 8 Monat gelähmt im Krankenbett liegt und selber nicht schreiben kann.  Weiter schreibt sie dass Dr. Ketat laut meinem Schreiben den Zustand Frieda’s nicht für gefährlich findet und dass alles von normaler Ernährung und Vorbeugen irgend welcher Erkältung abhängig ist.  Der Brief stimmte uns froh einerseits und anderseits traurig, dass so ein Arzt, der Tausenden geholfen hat, gegenwärtig hilflos daliegen muss.

Am 28.IX. laufenden Jahres 4 Uhr morgens erlebte ich einen schweren Anfall, furchtbare Schmerzen im Rücken und ein Zittern des ganzen Körpers. Im Laufe von ca 1-1 ½ Stunden stiegen zweimal diese Schmerzen an. Wohltuend wirkte wärmen des Rückens. Frieda alarmierte unsre andern Hausgenossen und hauptsächlich meinen Vorgesetzten Jr. Al.Besarab. Letzterer fuhr eiligst nach Ebental zum Arzt. Wie nun der Arzt Dr. Strauss kam, waren die Schmerzen schon vorüber. Ich witterte einen Herzanfall und sagte ihm diese meine Meinung, zum Teil erklärte er sich auch einverstanden, fand meine Schmerzen jedoch nicht genügend charakteristisch für die sogenannte "Stenokardie" Am Tage vorher war ich mit unsern Jungen in der Stadt „Stalino" und hatte somit 24 Stunden nicht geschlafen. Kaum hatte ich mich hingelegt, so fing es an zu regnen und weil wir uns Kukurus
der Mais
- stroh gekauft hatten und der Haufen vom Wind zum Teil umgeworfen war, so eilten Frieda und ich im Regen den Haufen zurecht zu machen. Hierbei strengte ich mich sehr an wobei mein Rücken etwas feucht und kalt wurde. Alles dies war wohl der Grund meines plötzlichen Erkrankens. Sobald es möglich sein wird, will ich mich an einen guten Spezialisten für Herzleiden wenden um Klarheit über diesen Fall und über meinen Herzzustand zu bekommen.

20-XI-37.  Im Frühling laufenden Jahres kauften wir uns für 290 Rubel eine Ziege.  Am 1.IV. wurde sie Milch und brachte uns 3 weiße Zieglein.  Den Sommer über weideten unter unsern Kirschenbäumen die 4 Ziegen. Durchschnittlich gab die Ziege uns täglich 3-3 ½ Liter Milch. Gegenwärtig sind wir schon auf eine Kuh übergegangen die uns täglich 4-6 Ltr. Milch gibt.   Es ist dies für uns ein großer Reichtum.  Diese Kuh kauften wir für 800 Rubel aus der Zahl der von einem Artel ausbrakierten Kühen. Ein junges Zieglein haben wir für 100 Rubel verkauft und die andern 3 zum überwintern abgegeben, wofür mit einem jungen Zieglein bezahlt wird. Um einige Tagen wollen wir unser Schweinchen schlachten, dass ungefahr 9 Pud Lebendgewicht hat.  Haben Hühner auch Enten. Zwei Jahre haben wir gespart, um uns Schwein und Kuh anzuschaffen.  Mit der Kleidung steht es daher noch nicht sehr.  In Zukunft wollen wir allmählich auch hierfür sorgen.

 

 

15-XII-37.  Vor 3 Tagen d.h. am 12.XII.37 war der große Wahltag.  98,8% der Wahlberechtigten unsres Wahlreviers haben an der Wahl teilgenommen.

Schon mehrere Wochen haben wir ein sehr dreckiges Wetter.  Der Weg ist fast unpassierbar.  Die  t° steht noch immer über 0 so dass wir einige Befürchtungen über das Halten unsres Schweinefleisches haben.  Am 24.XI. schlachteten wir unser Schwein.

 

Unsre Jungen Hansi und Heini sind seit Ende November im Internat der Ebentaler Schule einquartiert und speisen in der Artelsspeisehalle.  Die Kost für beiden Jungen kostet etwa 150 Rubel monatlich.  Obzwar die Verhältnisse im Internat gegenwärtig besser sind als im vorigen Jahr, so ist es doch noch etwas enge, so dass unsre Jungen zusammen auf einem Bett liegen müssen.

 

Etwa den 20.XI. verließen Frieda die heftigen Magenschmerzen die sie fast einen Monat gequält haben.  Gegenwärtig kann Frieda wieder alles essen, wie vorher.

 

22-XII-37.  Eine warme Luftwelle aus dem Süden hält die Temperatur  bei uns und in der ganzen U.d.S.S.R. und nördlicher ziemlich warm 8 - 10°  In Simferopol sogar bis 21° am 17. dieses Monats, während in Narym40° unter Null steht.

 

10-I-38.  Wir sind schon 10 Tage im neuen 1938 Jahr vorgerückt.  Den Sylvesterabend feierten wir im Kreise unsrer Familie.  Unsre Kinder bekamen Geschenke.  Hansi ein Reißzeug, Heini eine Laubsäge mit sonstigen Gerätschaften und Erika eine Puppe.  Die Geschenke entsprachen ja den Wünschen der Kinder, so dass die Freude groß war.  Am Neujahrsabend hatten wir ein kleines Kinderfest organisiert in unsern Contor, an dem annähernd 20 Kinder teilnahmen. Gesang, Tanz und Deklamation um den Tannenbaum war Hauptbeschäftigung der Kleinen in dieser Abendstunde. Bis zum 13.I.  haben unsre Jungen ihre Ferien.  

Heute ist ein schöner Wintertag - still, heiter und viel Schnee. Gestern ging Frieda mit Erika zu Tante Justel nach B-dorf,  dass 3-4 km von uns entfernt liegt.  Etwas 2 Stunden hatte sie gebraucht um in diesem Schnee diese verhältnismäßig kurze Strecke zurückzulegen. Um halb 5 Uhr abends ging ich ihnen entgegen.  Nachdem ich fast eine Stunde in diesen Schnee geratet war, dämmerte es schon sehr und es fing stark an zu schneien.  Vom Weg war keine Spur mehr zu sehen.  Weil es inzwischen ganz finster geworden war und das Dorf nicht mehr zu sehen war, orientierte ich mich hauptsächlich nach der Windrichtung.  Ich erreichte ja dann auch bald das Dorf und fand Frieda mit Erika am warmen Ofen bei Tante Justel.  Sie hatten ja einen Versuch gemacht nach Hause zu gehen, aber des tiefen Schnee halber wagten sie nicht über die Steppe loszulegen.  Es wäre ja auch ganz unmöglich gewesen mit dem Kinde weiter zu kommen.  Der Schnee legte immer zu, so dass auch ich kaum wagte zurückzugehen und wir uns schon zum Nachtbleiben entschlossen. Unsre grösste Sorge war ja um was unsre Jungen nur denken und tun würden.  Unsre Sorge war ja auch nicht unbegründet.  Die Jungen fingen schließlich an zu weinen, als das Warten auf uns kein Ende hatte.   Unser Chef  gestattete denn auch vor den Schlitten zu spannen und uns entgegen zu fahren.  Um 10 Uhr abend schneite Heini bei Tante Justel herein um uns abzuholen.  Die Jungen und wir waren herzlich froh als wir wieder zu Hause in unserm Quartier zusammen waren. 

 

21-II-38.  Ein gelinder und heiterer Wintertag.  Gestern und Vorgestern tobte ein starker Schneesturm mit etwa 21° unter Null. Unsre Jungen waren zu Hause und gingen heute mit großer Verspätung zur Schule.  Hansi hat Vormittag und Heini Nachmittag Unterricht.  Sie wohnen im Schulinternat und speisen in der Artelsspeisehalle, was etwa 65 Rubel (ohne Brot) auf den Schüler pro Monat kostet.

Bis zur Hälfte Februar hatten wir sehr gelindes Wetter.  Seit einer Woche ist es kälter geworden. Das Neueste und Interessanteste, was in diesen Tagen geschehen, ist dass man die 4 Sowjet-polarforscher von der Eistafel herunter genommen hat.  Ihre Lage war ja seit 1.II.38 mit der Zerstückelung ihrer Eistafel verhängnisvoll geworden.  Wohl ein Jedermann folgt mit großer Spannung der Rettungsarbeit.  Gegenwärtig sind die „Papanins“ Leute in 2 Eisbrecher geborgen und fahren der Heimat zu.

 

17-III-38.  Gestern feierte ich meinen 46 Geburtstag.  Meine grösste Genügtuung, war dass ich mich mit meiner Familie einer verhältnismäßig befriedigender Gesundheit erfreuen durften, Nahrung, Obdach und Kleidung haben. Es war ein trüber, rauer und kotiger Tag.  Dafür war es jedoch in meinem Quartier schön warm, und weil in unserem Contor nicht geheizt wird, so arbeitete ich zu Hause. Hansi kam aus der Schule nach Hause um an unsrer Feier teilzunehmen. Einige Stunden verweilten wir uns beide am Billiardtisch. Hansi ist ein leidenschaftlicher u. guter Billiardspieler.  Heini dagegen hält sich nicht lange bei einem Spiel auf. Frieda hatte zu diesem Tag schöne Zwieback und Zuckerkuchen gebackt.  Sonst verlief ja der Tag wie ein gewöhnlicher Arbeitstag.  Wie gewöhnlich hatte Frieda es drock mit Koch- und Näharbeit.  Das öftere Umändern und Erneuern der Kleidungsstücke macht die Näharbeit besonders compliziert. Erika hat gegenwärtig starken Husten.  Zur völligen Genesung sollte sie eigentlich mal einige Tage ganz im Zimmer bleiben, was jedoch nicht möglich ist.  Um 10 Uhr morgens klopft es gewöhnlich an der Wand aus dem Quartier unsers Vorgesetzten.  Das Töchterchen unsers Vorgesetzten Ljolja Bessarab, die Alters und Spielgenossen unsrer Erika, ruft Erika zu sich zu Gast.  Und weil sie dort ihre aparte Kinderstube haben mit viel Puppen und sonstigem Spielzeug, so ist Erika dort ein beständiger Gast.  Zum Mittag und Abendessen wird sie dann durch ein verabredetes Signal (klopfen an der Wand) nach Hause gerufen.

 

Der heutige Tag ist bedeutend durch die Rückkehr nach Moskau der „Papaninzy“.  Ihre Reise von Leningrad bis Moskau und Empfang in Moskau sind wir am Lautsprecher gefolgt.  Solche Helden werden in der U.S.S.R. sehr geachtet und gefeiert.  Ihre Heldentaten spornen viele Tausenden zu neuen Heldentaten an.

 

Am 1.III. kehrte ich von einer Komandirowka (Staatsgut namens "Oktober Revolution") zurück.  Zu Hause traf ich Frieda und Hansi an der Grippe krank liegen. Weil gerade Ruhetag war, konnte ich meine Familie bedienen.  Erika und ich besorgten unsern Haushalt.  Ich melkte die Kuh und machte das Essen, während Erika die Zimmer auskehrte und das Geschirr wusch.  Sie zeigt bei der Arbeit eine große Geschicklichkeit.  In den kommenden 4 Tagen besorgte unsern Haushalt eine H. Bärgmann aus Ebental.  Als Frieda nach 5-6 Tagen gesund wurde, erkrankte ich, wobei die t°. bei mir auch bis 38° stieg. Heini und Erika sind bis heute an der Grippe nicht erkrankt, haben jedoch beide einen starken Husten.

 

Schickten vor einigen Tagen Schwester Anna 50 Rubel  und ein kleines Paketchen mit Speck.

 

22-III-38.  Heute ist der erste warme Frühlingstag.  Sofort sind auch schon die ersten Starre hier.

 

1 April 38.  Schon den dritten Tag haben wir wieder Schnee   t° 0.

Vorgestern morgens Uhr 4 kam ich von einer 4-tägigen Komandirowka nach Hause.  Wie ich von Hause fuhr, war das beste Frühlingswetter und zurück ging ich im tiefen Schnee von der Station. An demselben Tage fuhr auch Hansi als Erster seiner Klasse mit andern Schüler und Lehrer zur Olympiade nach Stalino.  Gestern morgens kam er zurück.  Er war ja sehr erbaut von dieser Reise. Hoffentlich wird diese ihn noch mehr zum tüchtigen Lernen anspornen. Heute beginnt wieder die Schule nach 7 tägiger Frühlingsferien.

 

Erika hat schon die 3. Woche Keuchhusten, selbiger quält sie sehr und besonders des Nachts im Schlaf.

 

17-IV-38.  Kehrte vor 2 Tagen von dem sogenannten Gelehrten Rat des Ukrainischen Forschungs -Instituts für Viehzucht aus Charkow zurück. Hatte Gelegenheit in das Leben und Treiben dieses Instituts etwas hineinzuschauen, viel Worte, viel Unkosten und wenig Resultate.

Vom 10. bis zum 14.III. hatten wir mal wieder ziemlich Schnee. Heute haben wir mal wieder unsre Ziegen nach Hause geholt aus ihrem Winterquartier.  Die alte ist tragend und die Junge leider nicht. Die Weidefrage ist für uns hier ein Problem.

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Hansi und Heini
St. Jelannaja. li. steht Heini, re. Hansi, erste Reihe re. Erika
Hansi und Heini, 1937
1938, Erika (re.) mit Freundin Larissa Bessarab

31-V-38.  Vor 2 Tagen hat es bei uns sehr schön geregnet.  Es war auch schon sehr Zeit.

Vom 5 bis zum 18-V nahm ich Teil an einer Gebiets-Veterinar-Zootechniker Kommission zur Auswahl von Zuchtbullen auf den Farmen von 5 Rayons des Donezkbecken.

Gegenwärtig geben die Prüfungen in den Schulen, womit unsre Jungen sehr beschäftigt sind, besonders Hansi. Heini macht sich weniger daraus, entsprechend sind ja dann auch seine Erfolge im Lernen.

Unsre Kuh wird schon das 2. Jahr gemolken und ist auch gegenwärtig noch nicht gedeckt.  Seit dem 19.V. geht sie auf der Weide neben dem Sowchos Bolschewik. Weil sie dort nächtigt muss Frieda immer früh morgens und abends zum Melken dahingehen (etwa 1 ½ km). Seit dem 9.V. ist auch unsre Ziege Milch.  Ihr Zieglein ist nach einer Woche gefallen.  Gegenwärtig wollen wir sie verkaufen.

 

3-VI-38.  Heute vor 15 Jahren trat ich in die Ehe.  Es war ebenfalls eine sehr regnerische Periode, wie auch gegenwärtig bei uns hier.  Gleichzeitig ist heute auch der Geburtstag von Frieda’s Mutter.  Wohnte sie näher, würden wir den heutigen Tag doch wohl gemeinsam etwas auszeichnen.  Jetzt wird er wohl unbemerkt vorübergehen.

Vorgestern hatten wir ungewöhnlich starken Hagel, welcher Obst und Gemüse ziemlich beschädigt hat.

 

25-VI-38.  In unserm kleinen Haushalt und Privatleben hat jeder Tag doch seine besonderen Sorgen, und am meisten noch wird die Hausfrau davon getroffen.  Es ist 9 Uhr morgens und welche Zwischenfälle haben meiner Frieda schon Sorgen gemacht.

1.  Weil wir unsre Kuh auf der Sowchosweide haben, wurde uns gestern ein Ha Kukurus zum jäten zugeteilt.  Erstens ist das Feld in diesem Jahr noch nicht gejätet und daher ziemlich verunkrautet und zweitens, ist es von uns etwa 4-5 km entfernt, so dass es etwas schwer werden wird, mit dieser Arbeit fertig zu werden.

2. Frieda borgte sich von der Nachbarin eine Buttermaschine, um unser gesammeltes Schmand- quantum zu buttern. Unserm Vorgesetzten wieder wollen die Nachbaren die Buttermaschine nicht borgen, weil ihnen verboten ist, aus unserm Wasserkran Wasser zu holen.  Die Frau des Vorgesetzten will jedoch die Buttermaschine von uns haben, Frieda ist jetzt in einer peinlichen Lage und weiß noch nicht wie sie dieses Problem lösen soll.

3. Unsre Kuh steht des Nachts in einem kleinen Ställchen unsers Mitarbeiters.  Wie Heine sie des Morgens herauslässt und die Tür öffnet, läuft eine Glucke hinaus, die von der Frau des Mitarbeiters am Abend vorher gekauft und gesetzt worden.  Weil die Glucke verschwunden ist, mussten wir ihr, um den Streit beizulegen, eine Glucke borgen, die wir am Abend vorher auch gesetzt hatten.

4. Der Frau unsers Vorgesetzten ist eine Glucke verschwunden.  Sie erzählt es meiner Frau und diese erzählt es gelegentlich der Frau eines andern Mitarbeiter, diese wieder sagt zum Dienstmädchen des Vorgesetzten, meine Frau habe gesagt das sei gelogen dass die Glucke fort sei; das Dienstmädchen selbstverständlich sagt es zu ihrer Wirten u. diese kommt zu meiner Frau und macht ihr strenge Bemerkungen.  Meine Frau wieder ist ähnliche „Unterhaltungen“ nicht gewöhnt und hat es tagelang damit schwer.

Diesen gemeinen Klatschbasen habe ich ihr Treiben schon lange im voraus verzeiht, dass jedoch gebildete Menschen, zu denen sich auch die Frau unsers Vorgesetzten zählt, so leichtfertig so einem Geschwätz Glauben schenken und bereit sind andre zu kränken die sich doch als solidere Menschen erwiesen haben, das ist doch empörend.  Na, der Klügere gibt nach und ich werde mir daher auch hieraus nichts machen und keine Auseinandersetzung, wie sehr es nicht auch nötig wär.

5. Gegen Abend spielte sich noch ein Inzident ab.  Es kam eine fremde Frau auf unsern Contorhof nach Wasser; als man ihr fragt wer ihr erlaubt hätte, berief sie sich auf mich, trotzdem ich sie nicht einmal gesehen habe.  Hierunter kommt die Frau unsers Vorgesetzten u. fragt unsre Aufräumerin, wer denn jener Frau erlaubt hätte Wasser zu nehmen, sie sagte, dass ich.  Daraufhin sagte sie, wenn ich sowas erlaube, könnte meine Frau selber anderwärts Wasser holen.  Ich bekam dies zu hören und empörte mich hierüber.

Auf meine Veranlassung kam es daher zu einem längeren Gespräch zwischen mir und meinem Vorgesetzten, was denn auch eine gewisse Entladung dieser Atmosphäre nach sich brachte.  Gemeine Charaktere sind damit beschäftigt, Unfrieden zwischen mir u. dem Vorgesetzten zu schaffen.  Falls die Geschichte zu bunt wird, werde ich hier das Feld räumen müssen.

 

25-VI-38.  Heute ist ein großer Festtag, der Wahltag in das „Parlament“ der U.S.S.R..  Alle 100% der Wähler haben an der Wahl teilgenommen.  Ein außergewöhnlicher Erfolg.

 

29-VI-38.  Frieda und Hansi gingen morgens auf den ganzen Tag auf das von uns 4 km entlegenen Kukurusfeld des Sowchos hacken.  Heini ging früh morgens mit unsrer Kuh auf die Weide u. weil die Kühe heute tuberculosiert werden, bleibt er dort.

 

29-VI-38.  Noch nie im Leben habe ich so was erfahren, wie heute.  Die Frau unsers Vorgesetzten kommt heute tobend in unser Arbeitszimmer herein gestürmt und lamentiert mich von oben bis unten runter, Frieda und ich, wir seien Klatschbasen, wir seien vor den Augen nur so schön und hinterrücks seien wir anders, usw , usw.  Sie ließ ja mich selbst verständlich nicht zu Wort kommen.  Ihr Mann, mein Vorgesetzter, war auch anwesend. Wie sie sich entfernte meldete ich meinem Vorgesetzten, dass ich so was nicht ertragen könnte u von hier gehen müsse. Er erwiderte ja ganz kategorisch. Auf jeden Fall ist mir jetzt deutlicher was ich in Bezug auf meine weitere Arbeit zu tun habe.

 

1-VII-38.  Es ist schon der 3. Tag nach unserm Inzident und ich kann das Empfinden der tiefen Kränkung durchaus nicht los werden.   Mein Vorgesetzter unternimmt auch nichts, um mich zu rehabilitieren.  Nur ein ganz leichtsinniger und prinzipenloser Mensch kann über so was gleichgültig hinüberweggehen. Ich will nun bis zu meinen Urlaub abwarten um dann Schritte zur Wechselung meines Arbeitsorts zu unternehmen.

 

3-VII-38.  Schon 3-4 Tage steht hier eine Tagestemperatur von 33-38° im Schatten und 45 in der Sonne.

 

4-VII-38.  Dieser Alpdruck, der im Zusammenhang mit der am 29.VI. erlittenen Kränkung entstanden ist, wirkt sich doch nachteilig auf meinen Herzenszustand aus.  Des Nachts empfand ich doch ziemlich Schmerzen in der Herzgegend.

 

7-VII-38.  Bis gestern hatten wir die furchtbare Hitze von 37-38° im Schatten und 46-48 in der Sonne.  Heute scheint es etwas kühler zu sein.  Einen großen Teil der U.S.S.R. hat diese Hitze betroffen.  Sogar in Moskau stand Vorgestern eine Hitze von 37.4° im Schatten.  In den letzten 40 Jahren soll dies der zweite Fall sein.  In meinem Arbeitszimmer ist die t° von 30 auf 28 gefallen. Erfrischend ist, wenn wir uns im schönen Teich der etwas 1 ½ - 2 km von uns entfernt ist, baden können.  Unsre beiden Jungen schwimmen schon großartig.

 

27-VII-38.  Schon eine Reihe Tagen fühle ich mich körperlich schwach. Wenn ich etwas angestrengt im Contor arbeite, so steigt mir der Schweiß heraus.  Habe begonnen Hematogen einzunehmen; gleichzeitig nimmt auch Frieda ein.  Hin und wieder des Nachts empfinde ich heftige Schmerzen im Herzen.  Muss mich mal wieder an einen Arzt wenden.

 

7-VIII-38.  Heute trete ich meinen zweimonatlichen Urlaub an.  Ob er nicht durch ein extra Arbeit unsers Instituts unterbrochen werden wird, lass ich noch dahingestellt.

 

7-X-38.  Zwei Monat sind herum und ich trete wieder an die Arbeit.

Wie ich vorausgesehen, wurde mein Urlaub auf 10 Tage unterbrochen durch ein Komandirowka mit 46 Spezialisten aus unserm Charkower Institut in den Tätigkeitsrayon der Halbstädter Staatszuchtstation. Was mir da im allgemeinen besonders auffiel waren die günstigen klimatischen Verhältnisse dieses Sommers im Gegenteil zu der Dürre bei uns. Eine großartige Arbusen
Wassermelone
-ernte war da, so dass ich mich in den Tagen nach alter Art gründlich an Arbusen ergötzt habe.

Wie ich in den Urlaub ging, hatte ich das Vornehmen, mich nach einem neuen Wohn- und Arbeitsort umzusehen.  Auf meine dies bezüglichen Versuche hin, hat sich jedoch nichts gefunden.  Inzwischen nahte der Herbst, während dem man sich zum Winter versorgen muss.

Zuerst holte ich mir von dem Gradower Schacht 3 Fuhren Kohlen für 150 Rubel.  Ungefähr 10 Tage beschäftigte ich mich mit Anschaffung von Grobfutter für unsre Kuh, und zwar kaufte ich zum Abmähen 6 Bretterwagen voll Kukurusstroh für ungefähr 150 Rubel,  3,5 Zentner Gerste für 233 Rubel. Dann richtete ich mir das für mich aus Lehmziegeln gebaute Ställchen ein.

Viel Sorgen macht uns wieder die Schule für unsre Jungen.  Hansi besucht die VII. und Heine die VI. Klasse der Nikolajewer 10 Stufige Mittelschule.  Hansi geht zur Schule Uhr halb 7 des Morgens und kehrt Uhr 2 Mittags zurück, während Heini Uhr 12 Mittags geht und erst Uhr 9 des Abends kommt. Weil es abends dann schon immer ganz finster ist, muss Heini schon bald im Schulinternat untergebracht werden.  Hansi später.  Das Internat ist jedoch ziemlich voll und die Kostfrage ist nicht so leicht zu lösen. Mit dieser Frage muss ich mich in diesen Tagen gründlich beschäftigen. In der Schule wird gegenwärtig zum grössten Teil in russischer Sprache unterrichtet.

 

17-XI-38.  Es ist trübes Novemberwetter.  Hatten vor kurzem auch schon bis 10° Frost.  Meine Berufsarbeit geht so ohne welche Veränderung seinen Weg weiter.

Hansi geht  jeden Tag des Morgens zu Schule.  Heini hat im Schulinternat schon ein Nachtquartier, kommt jedoch morgens immer nach Hause, bleibt zu Frühstück und Mittag und nimmt zu Abendbrot etwas Brot und Milch mit. Solange das Wetter noch günstig ist, muss das noch so weiter gehen, ändert es sich jedoch radikal, muss auch Hansi untergebracht werden.  Voraussichtlich bleibt die Kostfrage noch ein Problem für meine Jungen.

In den letzten Wochen hat sich unter den Kinder der Charlach sehr verbreitet, scheint jedoch jetzt schon etwas abzunehmen.

 

26-XI-38.  In der Familie und in meiner Arbeit alles beim Alten.  Frieda hat starken Husten.  Sie hat sich beim Reihenstehen nach Kartoffel ziemlich erkältet.  Es sind nämlich Kartoffel angekommen, welche in den letzten 4 Tagen zu 5 Kilo. à 35 Kopeken pro Mann verkauft wurden.

Frieda lässt sich einen Zahn kurieren, wozu sie schon zweimal nach Krasnoarmejsk gefahren ist. Vorgestern abends hatte ich heftige Schmerzen in der linken Seite der Brust.  Nachdem ich mir den Rücken am Herd gewärmt hatte, verschwanden die Schmerzen.

 

27-XI-38.  Sonntag. Ich arbeite im Contor.  Unsre beiden Jungen sind heute von der Schule frei.  Frieda, wie auch die Jungen stehen in der Schlange nach Kartoffel. Zu Hause hatte Frieda eine Ente zu Feuer gebracht, wonach ich hin und wieder aufpassen sollte.  Plötzlich kommt Erika ins Contor gelaufen mit der Nachricht dass unser Quartier voll Rauch ist und wohl etwas mit dem Braten nicht in Ordnung sei.  Zu meinem Erstaunen finde ich dass der ganze Braten verbrannt ist.  Inzwischen kommen Frieda und die Jungen mit Kartoffel, sie hatten ein jeder zu je zweimal 5 Kilogramm erhalten.  Der Braten war jedoch kaputt und nun hieß es schon in später Stunde eilig noch ein Mittag zu improvisieren.

 

19-XII-38.  Bin etwas "schäbig".  Sitze schon den fünften Tag zu Hause.  Meine Krankheit hat etwas gemeinsames mit Grippe, Angina und Bronchitis, von allem etwas.  Es ist die Folge von Erkälten während einer Komandirowka wobei ich in sehr kalten Zimmer schlafen musste.   Ich musste meine Komandirowka unterbrechen und nach Hause fahren. Meine häusliche Universalheilmittel wie Füßebrühen, „Banki“ setzen, Aspirin, Künäl(?), Kampferöl und Kompresse waren mit Erfolg angewandt, so dass sich die Erkältung nicht besonders entwickelt hat und ich morgen schon wieder an die Arbeit gehen kann.

Am andern Tage meiner Rückkehr von der Komandirowka wurde es sehr kalt bis über 20° und begann Schneegestöber. Unsre Jungen blieben daher einige Tage aus der Schule zu Hause.

Frieda hatte jedoch ziemliche Strapatzen durchzumachen: einmal, war in der Cooperation des Nachbarsowchos Manufactur angekommen, wovon wir etwas zu bekommen haften und Freida mit andern Frauen unsrer Mitarbeiter von früh Morgens bis Uhr 2 Nachmittags in allem Wetter in der Reihe stand. Verfroren und verzagt und ohne Erfolg kam sie zurück. Am andern Tag bekam sie  jedoch noch 10 Meter. Dann wurden in der (russ.) des starken Frostes halber unverhofft Kartoffel verkauft.  Frieda ging mit unsern Jungen dorthin und musste einige Stunden bei 21° Frost draußen und 15° im Speicher auf die Kartoffel warten. Etwa über 80 Kilogramm durfte sie kaufen.  Am andern Tag erwiesen sich davon etwa 25 Kilogramm gefrorene.

Dank dem starken Frost sind uns etwa 10 junge Hühner verfroren.  Sie sind etwas zu schwach gefüttert worden. Hatte Gelegenheit etwas Kleie zu kaufen, füttern daher Schwein, Kuh, Ziege, und Geflüget mit Kleie.

 

24-XII-38.   Der Frost gibt noch nicht nach, 15-20° unter 0.

Bin 5 Tage mit „Bonitieren“ von Milchvieh beschäftigt gewesen.  Des kalten und stürmischen Wetters halber, war dies schon noch eine schwere Arbeit.  Hatte dabei Gelegenheit die Vererbungseigenschaften einzelner Zuchtstiere zu studieren.

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1939 von links Frieda, Hansi, Erika und Heinrich
1939. Heinrich Dück, St. Jelannoe, Kontor

1939

10-III-39.  Seit dem 5.III. erkrankten Erika und ich und 3 Tage später auch Frieda an der Grippe.  Die Grippe tritt bei uns diesmal hartnäckiger auf wie sonst.  Ich habe sie nämlich in diesem Winter schon das 3. mal, was wohl noch nie dagewesen bei mir.  Seit gestern ist bei Erika und bei mir normale t°,  Frieda ist gerade mitten drin.

Seit Gestern ist wieder alles unter Schnee.  Heute taut es etwas.  Um 10 Tage beginnt der Frühling.  Seit Anfangs Dezember bis Mitte Februar hatten wir Schnee und Schlittbahn.  Zweite Hälfte Februar war Frost ohne Schnee. An Kohlen hat es bei uns nicht gemangelt.

Im Laufe von 1-2 Woche soll unsre Kuh kalben und unser Zieglein lahmen. Letzteres schien ja gust zu sein, auch von der Kuh hatten wir diesbezüglich keine Gewissheit.  Heute jedoch steht das schon außer Zweifel.  Vor einer Woche habe ich noch für 300 Rubel Heu und Spreu gekauft, so dass wir einigermaßen normal füttern können.

 

17-III-39.  Heute ist mein Geburtstag.  Ich bin 47 Jahre alt.   Wo sind nur die Jahre geblieben? Man will es schier nicht glauben, dass die Jahre schon so vorgeschritten sind. Zum Geburtstag brachte mir unsre Kuh ein Bullkälbchen. Wir alle freuen uns zur frischen Milch denn alle haben wir sie sehr nötig.

Haben wieder einen regelrechten Winter.

 

1-IV-39.  Vorgestern nachmittag hatten wir einige Stunden Gewitter und etwas Regen.  Heute wieder Schnee und Frost 5°. Nach den kurzen Frühlingsferien waren unsre Jungen heute wieder in der Schule.  Von nun an werden sie von Hause aus die Schule besuchen.

Am 27.III. brachte unser Zieglein uns ein Zwillingspärchen: ein Zieglein und ein Böcklein.  Letztere haben gegenwärtig ihr Plätzchen in der Küche beim Herd. Im Laufe der letzten 10 Tage haben wir uns alle dank der frischen Milch ziemlich erholt.

Vom halben März bis ungefähr 1.V. ist meine Hauptaufgabe im Dienst eine Monographie der Zuchtherde des Sowjetguts „Bolschwist“ zu schreiben.

 

19-IX-39.  Fast ein halbes Jahr keine Notizen gemacht.  Die großen und rasch aufeinander folgenden Weltereignisse kann man jedoch nicht unnotiert lassen.  Seit dem 1 September steht Deutschland und Polen im Krieg. Einigen Tage später erklärten England, Frankreich, Australien, Neuseeland und Kanada Deutschland den Krieg. In ca zwei Wochen hat Deutschland halb Polen inne.  Die polnische Regierung ist über Rumänien nach Frankreich geflohen. Am 17. Sept. morgens trat die Rote Armee der Ud.S.S.R. über die östliche polnische Grenze um das Leben und die Habe der westlichen Ukrainer und Weißrussen in Schutz zu nehmen. Am 16. September wurde der Konflikt zwischen Sowjetisch-mongolischen und Japanischen Militär an der mongolisch manchurischen Grenze beigelegt und das Militär abgeführt.

Im Frühling laufenden Jahres ist in Kaukasus meine Tante H. Dück und in Altonau mein Cousin Franz Neufeld gestorben.  Beide infolge Herzleiden.  Erstere hat sich das Herzleiden zum Teil durch viel schwere Erlebnisse mit ihren zwei Töchter und letzterer durch Trunksucht herzugezogen.

Vom 18. bis zum 23. August war ich auf der Moskauer landwirtschaftlichen Ausstellung, „Es ist ein großes Werk“. Vom 9. bis zum 13. dieses Monats war ich in Charkow im Forschungsinstitut für Viehzucht. Etwa bis zur Ernte hatten wir dann uns wann Regenwetter, so dass die Ernte der Kornfrüchte ganz gut ist.  Seit Beginn der Ernte ist es trocken und dürre.

Außer Frieda sind wir alle gesund.  Seit 2 Wochen hat Frieda oft heftige Schmerzen in der Magengegend.  Alles kurieren will noch nicht helfen. Außer dem lässt Herz und Lungen auch noch viel zu wünschen übrig. Führe ich ein sehr ruhiges Leben, ist mein Herzenzustand befriedigend.  Nach einer kleinen Überanstrengung jedoch folgt eine Herzarrythmie.

Seit dem 1. dieses Monats sind unsre drei Kinder in der Schule: Hansi und Heini in Ebental,  Erika hier in der Ukrainischen Schule an der Station. Letztere hat ja jetzt erst begonnen.

Schwester Anna wohnt seit Ende April wieder in Krasnowischersk, ihre Kinder sind jedoch bei ihren Verwandten H. Fr. im Kas. Gebiet.  Wo Peter sich befindet, ist unbekannt.

Haben aufregende zwei Wochen hinter uns.  Am 27.IX. erkrankte unsre Erika an der Grippe.  Die t° schwankte zwischen 37.4 morgens und 38.0 abends. Am 5-6 Tag stieg die t° bis über 39°.  Es fand sich Ausschlag im Gesicht. Dr. Strauss stellte Masern fest.  Gleichzeitig fand er auch die Lungen in Gefahr, was uns selbstverständlich sehr besorgt machte.  Der Ausschlag verbreitete sich rasch über den ganzen Körper und fing am 3. Tag auch schon an zu verschwinden.  Die t° hielt sich jedoch immer auf einer Höhe zwischen 37.5-38.8-39°.  Laut Feststellung des Arztes sei es die Entzündung in der rechten Lunge, die die t° verursache.  Etwas um den 5.-6.X . fand sich noch eine Komplikation: Ohrenentzündung.  Brust und Ohren befanden sich unter beständiger Kompresse.  Außerdem 4-5 Arten Arzneien zum einnehmen, Ohrentropfen, Augentropfen etc. Das Gehör war in folge der Ohrenentzündung sehr herabgesetzt.  Etwa den 16. Tag fiel die t° bis auf Normal.  Das Gehör ist bis heute noch nicht vollständig wieder hergestellt.  Im übrigen bessert sich Erikas Gesundheitszustand. All diese Komplikationen haben uns sehr viel Sorgen gemacht. Und Erikas Genesung stimmt uns sehr froh und dankbar.  Dr. Strauss hat sich viel Mühe gegeben.

Schon längere Zeit steht trübes und feuchtes Herbstwetter.

Der Krieg mit Polen hat mit dem vollständigen Verfall dieses Landes geendet, wobei die westliche Ukraine und Weißrussland an Sowjetrussland übergegangen sind. Der Krieg Deutschlands mit Frankreich und England dauert fort. Gegenwärtig wird viel von Friedenschließen gesprochen.  Wann und ob es Frieden geben wird, ist jedoch noch ganz unklar.  Sowjetrussland hat inzwischen 3 Verträge über gegenseitige Hilfen mit Estland, Lettland und Litauen geschlossen.

 

29-X-39.  Vom 13. bis zum 22.X. war Erikas Gesundheitszustand befriedigend, die Temperatur war normal und die Schmerzen in den Ohren verschwanden allmählich.  Da plötzlich am 22.X. verstärkten sich die Schmerzen im linken Ohr bei gleichzeitiger Temperaturerhöhung.  Am 24.X. wandten wir uns wiederum an Dr. Strauss, der uns nach der Untersuchung Erikas Zustand nach Stalino in die Zentralpoliklinik schickte. Am 25.X. morgens fuhren Frieda und ich mit Erika nach Stalino.  Einen ganzen Monat war sie schon nicht an die freie Luft gekommen, das Wetter war nebelig und kühl. Der Ohrenarzt der Zentralpoliklinik fand Erikas Ohrenerkrankung verdächtig auf Mastoiditis und schickte uns zur weiteren Untersuchung in das Krankenhaus namens Woraschilow.  Hart fanden die dejourierenden Ärzte es für nötig, Erika im Krankenhaus zu halten, weil eine operative Einmischung wohl erforderlich sei.

Der Abschied mit unserm Kinde war für beide Seiten sehr schwer, zumal uns das nachlässige und teilweise grobe Betragen der Schwestern bei der Annahme und Behandeln unsers Kindes sehr beunruhigte und Erika uns daher sehr dauerte. Nach der Annahme durften wir Erika nur durchs Fenster sehen und sprechen. Schweren Herzens fuhren Frieda und ich davon, und nicht wenig Tränen hat es Erika so auch Frieda gekostet. Erikas flehender und tränenvoller Blick pressten auch mir einige Tränen heraus, die ich jedoch rasch zu verdecken mich bemühte. Erst 3 Uhr morgens kamen Frieda und ich nach Hause. Halb acht Uhr morgens saß ich schon wieder im Zug und fuhr nach Stalino. In Stalino angekommen, kaufte ich rasch einige Äpfel und Gebäck und fuhr per Tram zum Krankenhaus. Nach einigem Umhergehen unter den Fenstern des Krankenhauses erblickte ich kaum durch das beschwitzte Doppelfenster das weinende Gesicht unsrer Erika. Der graue zu große Mantel, zusammengehalten mit den mageren Händchen, das bleiche Gesicht mit tränenvollen Augen, die verunstaltenden treppig geschnittenen Haare und das flehende kaum vernehmbare Bitten, sie doch aus dem Krankenhaus herauszuholen, machte mir das Herz doch schwer. Immer wieder ging ich ans Fenster und suchte Erika zu beraten und zu trösten. Die Ärztin ihrer Palat meinte, Erika werde wohl operiert werden müssen. Weil man jedoch noch weiter beobachten wolle, sei der Tag der Operation noch nicht bestimmt. Auf Erikas Bitte hin, versprach ich am nächsten Tag wieder zukommen. Nach meiner Rückkehr wurde Frieda schon etwas ruhiger und froher. Am 27. Morgens verspätete der Arbeiterzug auf eine Stunde und daher verspätete ich auch die andern Züge und kam statt 10 Uhr morgens erst 4 Uhr Tags im Krankenhaus. Unterwegs zum Krankenhaus begegnete ich einen Arzt aus der Ohrenabteilung, der mir zurief, dass ich mein Töchterchen schon abholen könnte, weil mit einer kleinen Operation im Ohr alles erledigt sei und nun weitere Ambulatorische Behandlung nötig wären. Ich war selbstverständlich erstaunt und zugleich sehr erfreut. Von ferne sah ich schon am Fenster Erikas Winken. Mit strahlenden Augen rief sie mir zu, dass sie schon nach Hause könne. Rasch setzte ich mich mit einigen dejourierenden
„Dienst tuenden und darum zu Entscheidung befugten“
Schwester in Verbindung und es dauerte auch nicht lange, dann kam Erika angekleidet zu mir ins Corridor. Glücklich und mit großer Freude gingen wir aus dem Krankenhaus und eilten zur Haltestation der Straßenbahn.

Trotz der verhältnismäßig kurzen Strecke zwischen Krankenhaus und unserm Wohnort (ca 40 km) dauerte es doch 10 Stunden bis wir zu Hause waren.  Etwa 20 Min vor 3 Uhr des morgens klopften wir ans Fenster unsers Quartiers, gleichzeitig klopften auch unsre Herzen in der Erwartung der unverhofften Begegnung. Als Frieda die Tür öffnete um vermeintlich nur mich hereinzulassen, lief Erika ihr in die Arme.  Das Glück, die Freude und Dankbarkeitsgefühl ist ja nicht zu beschreiben. Der Ausweis, der Erika aus dem Krankenhaus mitgegeben, ist kurz folgenden Inhalts: "Die Hauptdiagnose Otitis des linken Ohres und Paradantitis. Die Behandlung- Operativ und Ambulanz."

Friedas Magenschmerzen sind mit einmal verschwunden und sie kann wieder alles essen, ohne Magendrücken danach zu haben.

 

3-XII-39.  Nach einigen Tagen Schnee, haben wir gegenwärtig ungeheuren Kot und Dreck.  Wer nicht mit Stiefel oder hohe Galoschen versorgt ist, darf sich kaum auf die Strasse wagen: Es ist daher für unsre Jungen, die weder Stiefel noch Galoschen besitzen, ein sehr schweres Ding, die Schule zu besuchen.

Haben Heute ganz unverhofft Gelegenheit gehabt 2 ½ Zentner Kartoffel zu kaufen à 35 Rubel.  Aus dieser Not sind wir draußen.

Heute ist schon der 4. Tag, dass die Ud.S.S.R. mit Finnland im Kriege steht.

 

24-XII-39. Heute sind die Wahlen in die örtlichen Räte. Vor 3 Tagen am 21.XII. wurde von der ganzen Union J. Stalins 60. Geburtstag gefeiert.

 

26-XII-39.  Schlachteten vor einigen Tagen unser Schweinchen.  Es hatte wohl etwas über 6 Pud Gewicht.  Wäre noch Futter zu haben, hätten wir es noch nicht geschlachtet.  Jedenfalls haben wir mal wieder Fett und Fleisch.

 

31-XII-39. Der letzte Tag in diesem Jahr!  Aus den Dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gehen wir mit dem heutigen Tag hinaus.  Dieses Jahr schließen wir mit Krieg in Europa und Asien ab.  Sorgenvoll schaut man in die Zukunft und fragt sich an der Schwelle des Neuen 1940 Jahres, was dieses Jahr uns wohl bringen könnte.  Natürlich, wünscht sich ein Jedermann, (zwar nur zaghaft in Anbetracht der heutigen Lage), ein schönes Jahr. Wer weiß, zu was für einen Knoten sich die kriegführenden Mächte noch zusammen ziehen werden  und was für eine Gruppierung der Mächte wir an der Schwelle des 1941 haben werden.  Könnte es auch mit einem mal Frieden in Europa geben, oder ist auf  keine Vernunft und Menschlichkeit zu hoffen?! Jedenfalls sieht es Heute noch nicht danach.

Ich bin etwas in der Kratze, habe Angina und sitze daher zu Hause.  Hansi fuhr mit dem Arbeiterzug nach Krasnoarmejsk um eine kleine Tanne  zu kaufen.  Heini ist Heute Laufbursche.  Gleich des Morgens musste er nach Brot gehen, in dem Stationsladen bekam er keines, es gelang ihm jedoch in unserm Nachbarladen ein Graubrot zu kaufen.  Dann ging er auf die Post, um für Anna ein Paket mit etwas Schmalz, Wurst und getrocknetes Obst abzuschicken.  Leider wurde Heute auf der Post nichts angenommen.  Gegenwärtig ging er mit einem Zettel in den Getreideschützpunkt, den ich um etwas Hühnerfutter bitte.  Erika will mit Frau Bessarab und ihren Töchterchen zur „elka“ in den cobt. „Bolschewik“ fahren.

Frieda hat es wie gewöhnlich überdrock in unsrer Hauswirtschaft, sie macht fertig zum morgischen Neujahrstag und nebenan noch immer die laufenden Tagesarbeiten. Gesund ist Freida auch nicht; sie hat sich nämlich beim Reinmachen anfangs November erkältet und kommt bis Heute nicht vom Husten los. Jetzt nachdem wir wieder Schweineschmalz haben, kurieren sich Frieda und Hansi mit Milch und Schmalz.

Heute ist ein kalter und Schneeiger Wintertag.

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Familienchronik No. 2, 1940-1942 - Heinrich G. Dück

10-I-40.  Den 3. Tag schon haben wir außer gewöhnlich starken Frost — 34-35° unter 0. Zum Glück sind die Winterferien der Schulkinder noch nicht zu Ende, so dass unsre drei Schüler noch im Zimmer bleiben dürfen.

In unsern Quartier unterhalten wir den ganzen Tag Kohlenfeuer so dass die Temperatur bei uns drinnen befriedigend ist.  Furchtbar kalt jedoch ist es in unserm kleinen Lehmställchen, wo Kuh, Ziege und Hühner sich befinden.  Es ist fast nicht anzusehen, wie die Tiere frieren.  Die Hälfte der Hühner haben wir schon drinnen in der Küche.  Hätte man die Möglichkeit, etwas besser unsre Haustiere zu füttern, wäre die Gefahr des Erfrierens vielleicht nicht so groß.  Sollte der Frost jedoch nicht nachgeben, so sind unsre Tiere direkt in Gefahr.

 

13-I-40.  Vorgestern ist der Frost bis 42° gewesen.  Ganz unerhört für diese Gegend. Heute ist die  t° gestiegen bis - 8°.                               

Eine große Sorge für uns ist Frieda’s Gesundheitszustand.  Nach der Grippe fiebert sie jeden Abend.  Morgens ist die t° normal, abends - 37,2; die Wangen sind bei ihr dann gewöhnlich etwas gerötet.  Sie muss dann immer noch alle Hausarbeiten verrichten. Hinausgehen lassen wir sie nicht.  Die Kuh melk ich. Könnte sie doch mal ganz von jeglicher Arbeit befreit werden, so würde sie sich wieder erholen können.

 

23-I-40.  Es scheint wieder ziemlich schwer zu sein, unsre Jungen auf die Wintermonate in Ebental unterzubringen. Die grösste Schwierigkeit ist die Kostfrage. Obzwar wir schon Quartier für sie haben, so müssen sie noch gehen, weil die Kostfrage nicht gelöst ist. Hätten die Jungen besseres Fußzeug, so würden sie einfach den Winter über gehen.                     

Frieda’s Gesundheitszustand scheint mir jetzt etwas besser zu sein.  Die Temperatur ist schon längere Zeit normal, nur der Husten will noch nicht ganz schwinden.                     

Den 2. Januar schickten wir ein Paket mit etwas Schmalz und Wurst an Schwester Anna und ihre Kinder nach Krasnowischersk.  Haben bis Heute noch keine Bestätigung des Empfanges.

 

30-I-40.  Schon viele Jahre bin ich nicht so in Geldnot gewesen, als in diesem Januarmonat.  Habe darum Gestern einige Obligationen versetzt.                         

Etwa um eine Woche haben wir den halben Winter hinter uns.  Man freut sich schon wieder zum Frühling, denn der Winter bringt so viel Schweres mit sich: Beheizungs- Beleuchtungs- und Kleidungsorgen, Krankheiten usw.   Futter für Kuh und Hühner usw.

                       

12-III-40.  Wir haben einen außergewöhnlich beständigen und strengen Winter.  Die Schneedecke erreicht wohl durchschnittlich ca 3/4 Meter Dicke.  Heute Morgens hatten wir 22° Frost.

                         

Auffallend, dass wir schon das dritte Jahr um ein und dieselbe Zeit die Grippe im Hause haben, und zwar um den 10 März herum.  Heini blieb zwei Tage aus der Schule zu Hause um unsre Außenarbeit zu verrichten, damit Frieda und ich uns in unsrer Krankheit etwas mehr schönen könnten.

Im Zusammenhang mit der internationalen Lage verspürt man einige Schwierigkeiten.  Es ist knapp an Zucker, Mehl, Gritze usw.  Die Brotfrage ist geregelt. 

An freien Abendstunden lesen Frieda und ich Tschechows Bücher, die Hansi uns aus ihrer Schulbibliothek bringt, ergötzen uns sehr an Tschechows gesunden Humor. Lasen vor einigen Tagen eine interessante historische Erzählung von Schmidt “Lieghardus”.

Schon fast einen Monat besteht meine Arbeit in Zeichnen von Diagrammen. 2 Arbeiter sind aus unserm Opornyj Punkt ausgeschieden: Pawel Gordiewitsch Kowalew u. Moisy Lewin - beide Zootechniker.  Ersterer verließ unser Contor aus Familiengründen (seine Frau hatte ihn nämlich im Stich gelassen), letzterer - Lewin, ist an Tuberkulose erkrankt und liegt den 4. Monat in einem Krankenhaus neben Moskau.  Lewin ist noch ein junger Mann und hat vor 2 Jahren ein Odessaer Zoot. Institut beendigt.  Er war ein aufrichtiger und guter Mitglied in dem Kollektiv unsrer Arbeiter, wenn er auch nicht große Initiative und Fähigkeit in seiner Spezialität an den Tag legte. Kowalew wieder schien mir für echte Kameradschaft unfähig zu sein.  An seine Stelle ist jetzt ein neuer bei uns angetreten - Schustow.  Es scheint ein gebildeter und erfahrener Mann zu sein.

 

13-III-40.  Soeben wurde per Radio berichtet, dass SSSR und Finnland gestern den 12.III. Frieden geschlossen haben. Ein großes Ereignis.  Man fragt sich jetzt, wie dieses Ereignis sich auf den Verlauf des Krieges im Westen ausweisen wird.

Gestern hatten wir noch 22° Frost und Heute schon Tauwetter.  Wahrscheinlich gibt´s Frühling.

 

16-III-40.  Heute feiere ich meinen 48. Geburtstag.

 

23-III-40.  Noch immer Schnee und Frost (10° des Nachts).  Heute sind jedoch die ersten Stare erschienen, wahrscheinlich ist der wirkliche Frühling nahe.

 

24-III-40.  Soeben (halb zehn Uhr abends) erblickten wir eine seltene Naturerscheinung - das Nordlicht.  Zuerst erblickten wir eine breite rote Fläche am nördlichen Teil des Himmelsgewölbes, welche sich allmählich westlich bewegte und etwas um eine halbe Stunde allmählich erblasste und verschwand.  Anfänglich schien das etwas gestreift zu sein, von oben nach unten mit Spitzen an den Enden der Streifen; etwas später sah es aus wie eine rote Wolke.  Durch dieses Rot waren jenseits die Sterne zu sehen.

 

26-III-40.  Heute Morgen wurde per Radio berichtet, dass Vorgestern den 24. abends ein ziemlicher Magnetsturm bemerkt worden sei und hier und da im Reich das Nordlicht gesehen worden sei.  Zum ersten mal im Leben habe ich das Nordlicht gesehen.  Erinnere mich, das Vater oft von einem Nordlichtschein, gesehen von ihm in Blumenort wohl in den 80-er Jahre vorigen Jahrhunderts, gesprochen hat.  Für unsre Gegend ist das wohl eine sehr seltene Erscheinung.

 

1-IV-40.  Einige Tage hatten wir Tauwetter, so dass der Schnee schon fast verschwunden war.  Heute Nachts hatten wir wieder Frost und Schnee.

Heute waren unsre Kinder mal wieder in der Schule.  Eins der schwierigsten Fragen beim Schulbesuch ist die Kleidung und Fußzeug.  Die alten Schuhen und Galoschen wurden zum wiederholten mal wieder geflickt.  52 Rubel haben wir in den letzten Monat für Galoschenflicken gezahlt.  Auf dem Markt, sagt man, kostet ein Paar neue Galoschen 60-70 Rubel, während der eigentliche Preis nur 13-15 Rubel ist.

Schon 3 Wochen habe ich Husten, und weil das Wetter fortwährend so kalt und feucht ist, erkälte ich mich immer von neuem.

 

9-IV-40.  Über eine Woche hatte ich Halsschmerzen, noch immer eine Folge der Grippe, an der ich vor einem Monat krankte.  Kuriere mich mit verschiedenen Arzneien u. auch Hausmittel, so dass die Schmerzen schon fast verschwunden sind.

Gestern hatten wir kalten Regen.  Die Feldarbeit hat hier noch nicht begonnen.

 

11-IV-40.  Große Kriegsereignisse gehen plötzlich im Westen vor.  Vorgestern minierte die englisch-französische Meeresflotte die Norwegischen Gewässer, um Deutschland die weitere Zufuhr von Erz. zu verhindern, verletzte damit bewusst die norwegische Neutralität.  Als Antwort hierauf besetzte das deutsche Militär im Laufe des gestrigen Tages (9.IV.) ganz Dänemark und die Haupthaffenstädte Norwegens, die Hauptstadt Oslo einschließend. Dänemark leistete keinen Widerstand während das norwegische Militär sich widersetzte und somit in einen Kriegszustand mit Deutschland trat.  Scheinbar soll gleichzeitig den ganzen Tag über gestern eine Seeschlacht zwischen den vereinigten Seekräften England-Frankreichs einerseits und Deutschlands anderseits stattgefunden haben.

 

13-IV-40.  Zum ersten mal in diesem Jahr Wetterleuchten.

Vorgestern kehrte unser Dienstgenosse M. L. Lewin, nach 3-monatlichen Aufenthalt in einem Moskauer Krankenhaus für Tuberkulose, zurück.  Er ist scheinbar einstweilen nicht arbeitsfähig und soll noch in einen Kurort. Trotzdem sein Zustand schon noch versprechend ist, schaut er sehr pessimistisch und fast hoffnungslos in die Zukunft. Die Tuberkulose ist gegenwärtig ziemlich verbreitet.

 

16-V-40.  Die Ereignisse nehmen immer weitere Dimensionen an.  Am 10 dieses Monats früh morgens überschritt die deutsche Armee die holländische, belgische und luxemburgische Grenzen.  Gestern wurde schon berichtet dass die holländische Armee die Waffen gestreckt hat und somit Holland ganz in deutschen Händen ist. Man meint, dass die Welt war nie dagewesenen Kämpfen auf belgisch-französichen Boden steht. Es scheint so, als wenn auch Italien in diesen Tagen auf seiten Deutschlands heranstreben wird.  Ob dann die Türkei nicht sofort gegen Italien wird herantreten müssen, bleibt dahingestellt. Bei heutiger Kriegsführungsmethode gehen die Ereignisse doch rascher vor sich, es brauchte sich somit der Krieg in Europa nicht so in die Länge ziehen.

Was das mir ist, dass wir von Anna keine Nachricht bekommen.

 

18-V-40.  Gestern kalbte unsre Kuh, den 6. Mai lahmte unsre Ziege.  Wo und wie wir unsre Kuh weiden werden wissen wir Heute noch nicht, das ist ein ganzes Problem. Man hat wohl seine kleine Wirtschaft: eine Kuh, Ziege, Hühner, und darohne kommt man gar nicht fertig, jedoch Futter ist nicht zu haben.  Kritisch ist es auch mit der Beleuchtungsfrage, wir sitzen schon einige Wochen im Finstern.  Die Elektrizität arbeitet seit dem Herbst nicht und Kerosin ist hier nicht zu kaufen.

 

28-V-40.  Schon seit einigen Tagen ist der Ring um die Französisch-Englisch-belgische Armeen im Nordwesten Frankreichs und Südwesten Belgiens bis auf einen kleinen Teil des Pas-de-Calais Ufers geschlossen.  Nach deutscher Meinung, soll etwa eine Million Militär umzingelt sein. Unverhofft wurde Heute gemeldet, dass auf Befehl des belgischen Königs Leopold wider den Willen seiner Minister die belgische Armee die Waffen streckt.

 

11-VI-40.  Gestern kapitulierte der noch kämpfende Teil der norwegischen Armee.  Die  Verbündeten sind aus Narvik abgetreten.  Gestern hat Italien Frankreich und England den Krieg erklärt.

 

16-VI-40.  Nach langem Suchen habe Heute auf dem Bazar in Krasnoarmejsk ein monatliches Ferkelchen für 225 Rubel gekauft.

 

23-VI-40.  Heute morgens wurde per Radio gemeldet, dass gestern um 5 Uhr abends in Frankreich im Compienner Wald von deutschen und französischen Vertreter ein Vertrag über Wafenstillstand unterschrieben sei, und dass dieser Vertrag in Kraft trete 6 Stunden nach einem ähnlichen Abkommen zwischen Italien und Frankreich.  Die Bedingungen sind einstweilen nicht bekannt gegeben.

Im Laufe der letzten Tage haben Teile der Sowjetischen Armee Litauen, Lettland und Estland besetzt zur effektiveren Unterstützung des Paktes gegenseitiger Hilfe.

 

25-VI-40.  Heute halb zwei Uhr nachts wurde die Kriegstätigkeit zwischen Deutschland und Italien einerseits und Frankreich anderseits eingestellt.

Was der Entfernung meiner Dienststelle anbetrifft, so habe ich es sehr gemütlich, zu jeder Zeit kann ich aus dem Fenster unsers Contors mein Quartier und Hof und alles was da vorgeht sehen.  Ist das Fenster des Contors geöffnet, so höre ich auch oft, was da gesprochen wird von den Gliedern meiner Familie.

Gegenwärtig wird unser Herd draußen remontiert und das Schweinhock in Ordnung gebracht von unsern Jungen.

 

29-VI-40.  Gestern Uhr 2 tags traten Sowjetische Truppenteile in Besserabien und in die nördliche Bukowina ein.  Widerstand wird nicht geleistet und somit wird das bessarabische Problem auf friedlichen Wegen gelöst.

 

23-VII-40.  Vorgestern haben die neugewählten Parlaments Litauens, Lettlands und Estlands beschlossen, sich an die Sowjetunion anzugliedern.

Vorige Woche hat es hier 4 mal gut geregnet.  Habe kürzlich unsre Milchziege an Dr. Strauss für 350 Rubel und das Zieglein an einen andern für 100 Rubel verkauft.

 

18-VIII-40.  Schon seit dem 16. laufenden Monats bin ich im Urlaub.  Auf besondre Erholung sind einstweilen noch nur wenig Aussichten, zudem fehlt uns d.i. Frieda und mir eine gründliche geistige und physische Erholung, denn unser beider Gesundheitszustand lässt viel zu wünschen übrig; besonders Frieda fühlt sich schon über eine Woche nicht gut, physische Schwäche und Nervosität.

Von Schwester Anna bekamen wir vor kurzen einen Brief, der sehr mutlos klingt; sie hat noch immer keine Nachricht von Peter, und schaut daher sehr dunkel in die Zukunft. 

Es ist in diesem Jahr eine gute Apfelernte.  Uns ist 1/5 des Obstgartens unsers Contor für dieses Jahr zur Verfügung gestellt, wodurch wir mit Äpfel versorgt sind. Zwar hat man uns die besten Äpfel weg gestohlen, aber das muss man schon mit in den Kauf nehmen, wenn so viel Mitteilhaber an einem Garten sind; es bleibt damit nicht nur bei den Apfel, auch Zwiebel und Kartoffel verschwinden.  So was tuen wie man sagt “свои” und diese “свои” machen sich absolut nichts daraus, wenn man sie auch verdächtigt, wenn sie nur nicht dabei ertappt werden. In alle Seelenruhe fahren sie mit den gestohlenen Äpfel in die Stadt. Ne!  wann wird man wohl wieder unter ehrlichen Menschen wohnen können!

 

20-VIII-40.  Gestern und Vorgestern hat es fast ununterbrochen geregnet.  In unsrer Küche, Corridor und Ställchen regnete es gleichzeitig auch sehr.

 

31-VIII-40.  Bin in meiner Urlaubszeit schon zweimal in unsrer Gouvernementsstadt “Stalino” gewesen, einmal mit Heini und das zweite mal mit Hansi.  Habe auf diesen Fahrten etwas Äpfel (1 Pud) und Kartoffel (2 ½ Pud) verkauft, die Apfel zu 3 Rubel und die Kartoffel zu 5-7 Rubel das Kilo; kaufte mir 14 Kilo Mehl zu 5 Rubel das Kilo.  Zum ersten mal habe ich unsern Jungen Anzüge gekauft: Hansi zu 305 und Heini zu 240 Rubel.

Beschäftige mich schon mehreren Tage mit der Futter und Beheizungfrage, habe jedoch noch nicht erledigt.  Zum Kohlen kaufen bekomme ich noch immer keine Fuhre.  Weil es so viel geregnet hat, ist viel Nachwuchs auf den Feldern und somit waren gute Aussichten auf Herbstheu. Trotzdem die meisten Kollektive nur einen kleinen Teil dieses Grases selbst zu ernten in Stande sind, dürfen sie das übrige nicht verkaufen, trotz großer Nachfrage, weil das scheinbar dem Kollektivstatus widerspricht. Bin Heute den ganzen Tag mit dem Rad herum gefahren, um etwas solchen Grases zu kaufen, jedoch umsonst.

 

3-IX-40.  Habe Heute 2 ha Herbstgras gekauft zu 300 Rubel (à ha 150); fürs Mähen mit der Sense zahle ich 60 Rubel pro ha.

Den zweiten Tag sind unsre Kinder wieder in der Schule, die Jungen beide in der Ebentaler, und Erika auf der Station.

 

20-IX-40.  Habe in der letzten Zeit mehrere Unannehmlichkeiten und Sorgen gehabt.

Erstens, waren es Erikas Erlebnisse in ihrer Schule. Von ihren russischen Mitschülerinnen wurde sie immer geneckt und als “Nemka”
abschätzig „Deutsche“
ausgeschrieben. Ich bemühte mich sie zu beruhigen, als es jedoch zu weit getrieben wurde und ein Mädchen sie sogar mit der Schultasche an den Kopf schlug, ging ich zu dem leitenden Lehrer Putij und sprach meine Entrüstung über das Vorgefallene aus. Nachdem er nun entschieden seine Schüler zur Ordnung gerufen hat, ist scheinbar alles wieder gut und Erika besucht wieder freudiger ihre Schule.

Zweitens, hatte ich eine Auseinandersetzung mit meinem Vorgesetzten Besarab, während der er mich gründlich kränkte.  Am andern Tage schrieb ich an ihn ein Zettelchen, in dem ich entschieden und sachlich meine Meinung und Entrüstung über unsern Zwischenfall aussprach.  Laut seinem weitern Handeln ist zu ersehen, dass er die Sache gut machen will.

Drittens, macht mir unser Heu, mit dem ich mich fast meine halbe Urlaubszeit beschäftigt und fast 500 Rubel ausgegeben habe, viel Sorgen.  Immer wieder bekomme ich nicht unsre Contorpferde zum Überfahren, und das vierte mal ist es schon nass geregnet. 

Bin schon wieder fast eine Woche auf Arbeit nach meiner Urlaubszeit.  Meine Arbeit will noch nicht sehr von Statten gehen, bin gerade an der kompliziertesten Stelle des Selektionsplanes angelangt.

Hansi kam Heute Nachmittag krank aus der Schule, er klagt hauptsächlich auf Schmerzen in den Beinen.  Uhr 6 abends war seine t° 39°.

 

6-X-40.  Bin schon den 2. Tag heiser und ganz ohne Stimme.  Einige Tage vorher hatte ich etwas die Grippe und darauf Herzschmerzen, die bis Heute auch noch nicht ganz verschwunden sind.

Es ist schon längere Zeit kaltes und feuchtes Wetter.  Unser Herbstheu haben wir in Haufen,  es ist etwa 2,5-3 Tonnen. Zum ersten mal hier wird unsre Kuh im Winter von Heu leben.  Außerdem haben wir noch eine Tonne Kürbisse gekauft, womit wir unser Schweinchen und Enten füttern, denn Kraftfutter ist ja fast nicht zu haben. Brennmaterial haben wir noch keins zum Winter, trotzdem schon geheizt werden muss.  Dann fehlt es noch an Fußzeug eigentlich für alle in unsrer Familie.

Der Krieg dauert fort und droht auch noch grössere Dimensionen anzunehmen.  Vor kurzen ist in Berlin ein Dreibund zwischen Deutschland, Italien und Japan geschlossen worden.  Am meisten spürt Heute wohl London den Krieg. Wenn man sich abends schlaffen legt ist man doch froh, dass wir keinen Luftüberfall befürchten brauchen.

 

25-X-40.  Hatten eine ganze Woche schlechtes Wetter: Regen und Kot.  Es wirkte dieses Wetter auch sehr auf unser aller Gemüt, zumal die Dächer nicht in Ordnung sind und es in unsrer Küche, Korridor und Stall ziemlich durchregnete, die Kinder nicht genügend mit Fußzeug bestellt sind, wir bis jetzt noch keine Kohlen haben, die Rüben noch eingebracht werden mussten, der Geldmangel groß ist, die Gesundheit nicht befriedigend usw.

Heute ist es in der Natur wieder heiter, gleichzeitig sind die Gemüter wieder etwas heiter.  Nach gestrigem Frost fallen Heute sehr die Blätter.  Der Herbst ist da. Wie war der Herbst doch einst so schön.

 

26.X.40. Schon wieder Regen. Weil Morgen Ruhetag ist möchte ich gerne Heute Abends nach Stalino fahren, weil da Zucker zu haben sein soll und wir schon mehrere Monate keinen haben.  Zwar gibt man nur zu einem halben Kilo auf einmal.  Es mangelt mir nur an Geld.

 

27-X-40.  Gestern und Heute fast ununterbrochener Regen.  War in Krasnoarmejsk auf dem Bazar.  Kaufte 0,5 Liter Öl zu 12 Rubel, 1,5 Kilo Brot und 5 Kilo Gritze (immer zu einem halben Kilo).  Mehl und Zucker war nicht. Es war ein furchtbarer Dreck.  Gut, dass wir so nahe neben der Station wohnen.  Anderseits ist es auch wieder etwas ungemütlich weil man so oft mit Bagage und Nachtgäste belästigt wird.

 

31-X-40.  Seit Vorgestern haben wir Schnee und Frost.  Die Obstgärten sind noch grün voll Blätter und unter Schnee. Kürbisse, Rüben, Kartoffel und Kraut sind in den Nachbarkollektiven noch auf den Felde.  Die gute Ernte laufenden Jahres auf Spätfrüchte kommt somit nicht ganz zu Nutzen der Wirtschaften. 

Trotz des schlechten Wetters macht Frieda unser Quartier rein.

Heute ist der letzte Termin zum Schulgeld zahlen fürs erste Halbjahr.  Für beide Jungen muss ich 150 Rl einzahlen. Habe gestern hierzu Obligationen auf 600 Rubel Nominalpreis versetzt.

 

3-XI-40 Gestern hatten wir wieder Regen; Heute trübe und feucht; ein furchtbarer Dreck.

Am 28.X.40 hat der Krieg zwischen Italien und Griechenland begonnen.

Wir sind schon sehr beunruhigt darüber, dass keine Nachricht von Anna kommt!

 

10-XI-40.  Heute Morgens Uhr 4 hat ein und der andere bei uns der wach war, Erdstösse verspürt.  Per Radio wurde dann später berichtet, dass das Epizentrum dieses starken Erdbebens mit einem Radius von fast 2000 km sich in den Karpaten befindet etwa 100 km unter der Erdoberfläche.

Heute ist Neville Chamberlain im Alter von 72 Jahre gestorben.  Im Laufe der letzten Jahre leitete er die Weltpolitik deren Folge der heutige Krieg ist.  Unter der Last dieser Beschuldigungen trat er vor mehreren Monaten vom Posten des Premier der englischen Regierung ab, vor kurzem schied er ganz aus dem Bestand der englische Regierung und verließ auch den Posten als Leiter der Konservativen Partei.  Dieser ruhmlose Ausgang seiner persönlichen Lebenslaufbahn hat ihn doch wohl zu Grabe gebracht.

Heute fährt Genosse Molotov - das Haupt der Sowjetregierung, nach Berlin. 

Den zweiten Tag schon haben wir sonniges Wetter.

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Zeugnis, Kursen in Charkow

22-XI-40.  Ganz unerwartet bekam Gestern unser Contor von höher einen Befehl, alle Spezialisten außer unserm Vorgesetzten zu entlassen und zur Verfügung der Gebietslandabteilung zu schicken.   Zwei meiner Dienstkollegen werden Morgen abkommandiert, während ich noch einst-weilen bleibe und meine Arbeit zu Ende führen muss.  Mein Vorgesetzter will versuchen, mich irgend wie zu halten.  Gegebenenfalls könnte mir hier in der Umstand behilflich sein, dass ich kein diplomierter Zootechniker bin, sondern nur ein Praktiker.  Es würde mir doch sehr schwer fallen, mit meiner Familie bei gegenwärtigen Gesundheitszustand jetzt unmittelbar vor dem Winter Arbeits- und Wohnort zu wechseln. Wie sehnt man sich doch nach einem eigenen Heim! Na, bis jetzt hat es ja wunderbar gegangen und hoffentlich wird es wieder weiter gehen.

 

4-XII-40.  Nach furchtbaren Kot und Dreck haben wir einige Tage schon Frost, so dass mal wieder zu gehen und zu fahren möglich ist. Frieda war gestern nach dem 7 km entfernten Dorfe “Grodowka” gegangen, um etwas Öl zu kaufen; weil selbiges nicht sofort zu finden war, so ließ sie etwas Geld zu Öl bei unser Bekannten dort Luise Cornies, früher Hochfeld.  Außer ihr leben da noch mehr Deutsche.  Es erfrischt und ermutigt Frieda immer, wenn sie sich mal mit einer früheren guten Bekannten trifft und sprechen kann. Leider hat sie nur so wenig solcher nahen Bekannten hier im Donbass. Frieda ist schon von Kind auf und besonders in diesem Jahr mit Schwermut geplagt. Gegenwärtig sind es wohl Folgen ihrer Wechseljahren.  Im Kreise unserer lieben Verwandten alle und besonders der Mutter, würden solche Gemütszustände doch wohl nur selten sich geltend machen.

Heini kam gestern abend krank aus der Schule, er klagte auf Kopf- und Brustschmerzen, eine Folge einiger Missstände, er hat nicht genügend warme Kleidung und Fußzeug und zudem werden die Klassen nicht geheizt.  Abends stellte ich ihm Köpfe und Heute muss er im Zimmer bleiben.

Hatten Vorgestern Glück, gewannen 150 Rubel.  Die Geldnot war bei uns auch schon sehr groß.

Ich lese schon mehrere Wochen abends der Familie vor, zuerst die Geschichte “Olga und ihre Schwester” wobei auch Erika gut folgen konnte, und gegenwärtig “Dem Kampf der Buren für Heimat und Freiheit”.  Es fehlt uns an guter Literatur und dann noch an guter Beleuchtung.

 

20-XII-40.  Vom 11. bis zum 16. dieses Monats war ich auf einer Reise nach Charkow ins Forschungsinstitut für Viehzucht.  Es wurde dort nämlich der von mir zusammengestellte Plan in Selektion und Zuchtarbeit für’s Staatsgut “Bolschewik” durchgesehen und gut geheißen.  Gegenwärtig muss ich das Drucken dieses Planes auf der Schreibmaschine beschleunigen, um ihn zur Bestätigung ins Volkskommissariat für Staatsgüter vorstellen zu können. 

Inzwischen ist es Winter geworden.

Der Krieg dauert noch immer fort.  Deutschland versetzt England sehr harte Schläge aus der Luft, während sein Verbündeter - Italien, ziemlich Misserfolge erleidet wie an der griechischen, so auch an der ägyptischen Front.

 

                                                            1941

6-II-41.  Der erste Monat dieses Jahres hat uns unverhofft eine große Veränderung gebracht.  Am 10. Januar kam aus unserm Institut aus Charkow ein Vertreter mit dem Auftrag, unsern “Opornyj Punkt” binnen 2 Tage zu liquidieren und uns Spezialisten in die Kaderabteilung der Gaulandabteilung zu kommandieren. Das sämtliche bewegliche und unbewegliche Gut unsers Punktes ist den “Gosplemrassadnik” übergeben.  Seit dem 25.I. bin ich frei.  Unser Quartier steht uns bis zum Sommer noch zur Verfügung.

Im Laufe einiger Wochen muss ich wieder einen Dienst annehmen.  Einstweilen bieten sich folgende Aussichten, als Buchführer der Zuchtbücher im Staatsgut “Bolschewik” und eine ähnliche Arbeit im “Gosplemrassadnik”.

 

12-II-41.  Schon fast 2 Wochen ist Frieda krank.  Die Krankheit begann mit einer starken Angina;  binnen einer Woche jedoch war die Angina vorüber, und nun ist etwas auf den Lungen zurückgeblieben und abends ist daher die Temperatur immer etwas erhöht bis 37,2-37,3, zudem noch eine ziemliche Schwäche.  Ich bin sehr besorgt um Frieda’s Zustand.  All dieses legt sich noch schwer auf ihr Gemüt und macht ihren Zustand noch doppelt schwer.  Zum Glück bin ich ja jetzt etwas frei und kann sie im Haushalt ersetzen, aber auf die Dauer geht es ja nicht, weil ich unbedingt bald wieder einen Dienst annehmen muss; wann und wo ist mir Heute noch unklar, denn auf die mir vorhin in Aussicht gestellten Vakanzen ist wenig Hoffnung.

Es ist auch niemand zu finden, der uns zeitweilig im Haushalt helfen könnte.  Es fallen mir Heute die Worte meiner Schwägerin Tine bei, die sie bei ihrer Abfahrt vor 15 Jahre äußerte wie wir uns wohl allein in Krankheitsfällen zurechtfinden würden. Ja, damals waren wir noch jung und gesund und sahen keine Gefahren.  Heute ist es doch schon weit anders.

Eine besondre Sorge macht uns auch der Gesundheitszustand unsers Hansi.  Seit einigen Monaten bemerken wir bei ihm auch immer etwas Temperaturerhöhung abends, was von dem Arzt auf seine Lungen zurückgeführt wird.  Vor kurzem waren wir beide im Röntgenkabinet in Krasnoarmejsk; zu unsrer Genugtuung wurde an unser beider Lungen nichts gefunden.  Hansi nimmt jetzt ein neues Mittel gegen Tbc ein - Calat und außerdem noch Hematogen.  Er ist sehr pünktlich im kurieren.  Frieda ist darin das gerade Gegenteil, zu keiner Medizin hat sie Vertrauen. 

Vor kurzem erhielten wir einen Brief von Schwester Anna, in dem sie von Mariechens Brief schreibt; besonders erfreut uns die Nachricht, dass unsre Geschwister noch alle gesund und am Leben sind.

 

13-II-41.  Frieda’s Gesundheitszustand bessert sich noch gar nicht, abends ist noch immer etwas erhöhte Temperatur, zudem hat sie seit gestern noch heftigen Husten. Frieda empfindet jetzt eine besondre Sehnsucht nach ihrer Mutter, die sie schon 16 Jahre nicht gesehen hat.  Wie entfernt scheint einem Heute so ein Wiedersehen, und ob es je noch mal werden wird?!  Wir gerne möchte man sich noch mal mit all’ seinen Lieben sehen. Möchte Frieda sich nur bald wieder erholen von ihrer Krankheit.  

Wir lesen jetzt mit Frieda Tolstoy’s “Woskresenje”.

 

22-II-41.  Es ist kaltes und nasses Wetter.  Unsre Jungen gingen in all dem Kot ohne Galoschen zur Schule.  Weil sie beide u. so lange nach Brot stehen mussten, kommen sie nicht dazu, ihre Schularbeit zu machen.

Frieda hat sich noch immer nicht erholt von ihrer Krankheit, obzwar es mit ihrer Temperatur etwas besser steht.

Bin noch immer ohne Stelle,  trotzdem mir schon mehrere Arbeiten in Viehzucht angeboten worden sind.  Eins der Hauptfrage, woran die meißten Angebote scheitern, das ist die Quartierfrage.  Es ist möglich, dass sich meine Lage um 3 Tage d.i. dem 25.II. entscheiden wird.  Es wird mir nämlich der Posten als Inspektor für Rinderzucht unsres Gebiets angetragen.   Ich bin noch unentschlossen, denn diese Arbeit scheint mir zu verantwortlich zu sein, und anderseits ist es mir unangenehm, dass ich einen andern Spezialisten gleichsam verdrängen soll.  Möchte ich in dem entscheidenden Moment nur das Richtige treffen.

 

23-II-41.  Sonntag.  Heute Morgens erwachte ich etwas früh, als es noch ganz finster war; nach einigen Minuten überkam mir so ein Alpdrücken über unsre heutige Lage, dass ich das Licht anstecken und etwas aufstehen musste. Neben vielen Kleinen liegen mir zweit Hauptsorgen auf dem Herzen, Frieda’s Gesundheitszustand und mein Arbeitsuchen.

 

26-II-41.  Gestern musste ich mich im Облзо stellen, um endgültig über die Annahme der Stelle des Inspektor für Rinderzucht zu verhandeln.  Ich hatte mich schon entschlossen, ganz von diesem Angebot zu entsagen und mit diesem Vorsatz fuhr ich dorthin.  Man hat mich jedoch überredet, so dass  ich meine Einwilligung gegeben habe.  Falls nichts dazwischen kommt, trete ich Montag den 3.III. an die Arbeit.

 

17-III-41. Bin schon fast zwei Wochen wieder in Arbeit, jedoch nicht in der oben erwähnten Inspektion, sondern in der Staatszuchtstation für Rinderzucht, der das sämtliche Vermögen unsers Opornyj Punkt übergeben worden.  Unser Quartier ist uns somit einstweilen gesichert.  Bin als Inspektor für Zuchtarbeit angestellt. Mein Tätigkeitsrayon sind 13 Viehfarmen im Radius von ca 12-13 km. Es ist mir ein Pferd und Zweiräder zur Verfügung gestellt.  Das Zweiräder ist einstweilen im Remont, sodass ich reiten muss, wozu mir meine Jungen einen primitiven Sattel improvisiert haben. Werde fast jeden Tag unterwegs sein müssen, hoffe jedoch meistens zum Abend zu hause zu sein. Unsern Jungen ist es so was Neues, dass wir zur Verfügung ein Pferd haben, welches sie selber füttern und besorgen dürfen. Wie bescheiden sind doch nur ihre Wünsche! Sie dauern uns oft.

Gestern war mein neunundvierzigster Geburtstag; noch ein Jahr, und ich habe ein halbes Jahrhundert hinter mir.  Die zweite Hälfte meines Lebens ist doch eine sehr bewegte Zeit gewesen.  Wenn man zurückblickt, so merke ich, dass ich doch einige grobe Fehltritte gemacht habe.  Ich mag jedoch nicht zurückblicken, sondern nur vorwärts!

 

20-III-41.  Nach monatlichen Tauwetter und Dreck haben wir schon den 4. Tag Schnee und Frost bis 15°.  Die Starre, die schon einige Wochen hier sind, verstecken sich in ihre Nester und schauen am Morgen aus ihnen heraus.

 

30-III-41.  Sonntag.  Tauwetter und Dreck.  Haben nicht ein Paar gute Galoschen und Morgen müssen die Kinder wieder nach den kurzen Frühlingsferien zur Schule gehen.  Auch ich muss in meiner Arbeit fast jeden Tag unterwegs sein.  Der Productionsplan, den ich zusammenstellen musste und an den ich so furchtsam hinanging, hab ich Heute beendigt. Sobald Weg sein wird, trete ich an meine laufende Arbeit als Inspektor des Gosplemrassadnik.  Ich kann mir Heute noch nicht ein klares Bild davon machen, wie ich am produktivsten mir diese Arbeit einstellen soll.  Im großen und ganzen scheint mir diese Arbeit nicht einen genügend konkreten Charakter zu tragen.

Heute hatten wir das erste Gewitter.

 

1-IV-41.  Der erste warme und sonnige Frühlingstag.  O, wie sehnt man sich nach Frühling überhaupt! Möchte die Sonne, die uns in der Jugend geschienen, auch unsern Kinder so scheinen.

 

6-IV-41.  Sonntag.  Heute Morgens wurde berichtet, dass Sowjetrussland und Jugoslawien einen Freundschaftsbund geschlossen haben.  Uhr 1 und 15 Min. tags wurde berichtet, dass Deutschland seit Heute Morgens mit Griechenland und Jugoslawien in Kriegszustand stehe.

 

 

11-IV-41. Hatten eine Woche warmes Frühlingswetter und Sonnenschein; seit gestern kühl und Regen.

 

13-IV-41.  Es schneit.

Heute ist zwischen Sowjetrussland und Japan ein Vertrag über Neutralität zwischen beiden Reichen abgeschlossen.

 

30-IV-41.  Landregen.  Heute Morgen schlug die Nachtigall zum ersten mal unter unserm Fenster.  Es erinnerte uns dieses an frühere Zeiten und besonders an einzelne Episoden aus unsrer Jugendzeit: Frieda an eine Abschiedsstunde mit ihrer Lehrerin Frl. Klein, während der Hunderte Nachtigallen in ihrem Heimatgarten schlugen, mich, an den Mai vor 25 Jahren, als meine liebe Mutter am Unterleibtyphus krank lag und anfangs Juni starb, während dem die Nachtigallen besonders in den Nachtwachenstunden ununterbrochen in unserm Garten schlugen.

 

18-V-41.  Haben sehr viel Regen und immer kühles Wetter. Weil ich jeden Tag unterwegs sein muss, so habe ich in diesem Frühling schon viel Strapazen durchgemacht.

Erhielten Gestern einen Brief von Schwester Anna mit einer Photographie von Mariechen.  Anna ist doch sehr verlegen in ihrer Lage, und besonders Sorge trägt sie um ihre Kinder.  Ihr einziger Wunsch ist, noch mal mit uns zusammen zu sein.

 

1-VI-41.  Haben einen kühlen Mai hinter uns.  Das Wintergetreide steht daher auch sehr gut.  

Es ist Heute Sonntag.  Bis Mittag hatte ich es drock mit meiner Abrechnung für dem Plemrassadnik über den Zustand der Viehzucht in den Viehfarmen meines Tätigkeitrayons.  Dann half ich mit meinen Jungen meinem gegenwärtigen Chef Lisizyn seine Bagage hier auf der Station heben und auf den Wagen laden. Erst um 4 Uhr war die ganze Drockigkeit vorüber und wir konnten an Sonntagsruhe denken.

 

Wir stehen wieder vor großen Entscheidungen, die uns schwere Stunden bereiten.  Höchst wahrscheinlich stehe ich wieder vor Stellenwechsel.  Die mir beim Antreten dieser Stelle versprochene Monatsgage 525 Rubel wird mir mit einem mal streitig gemacht und statt 525 - 400 Rubel ausgezahlt.  Durch meinen früheren Chef Besarab hab ich die von 3 Monat abgebrochenen Verhandlungen mit der Oblpleminspektion wieder hergestellt; man wünscht mich dort auch gegenwärtig zumal der Posten als Inspector für Rindviehzucht dort gegenwärtig vakant ist.  Ich soll jetzt eigentlich handeln und dort einreichen.  Diese Entscheidung bereitet mir jetzt schwere Stunden.

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22-VI.  Sonntag.  Ein sehr ernster Tag.  12 Uhr 15 Min. meldete der Volkskommissar des Auswärtigen Amtes Genosse Molotow, dass Heute Uhr 4 des Morgens die Rote Armee von deutscher, finnländischer und rumänischer Seite angegriffen worden und somit der Krieg ohne Kriegserklärung begonnen habe.

 

23-VI Schon den 4. Tag Landregen. 

Zwar bin ich nicht abergläubisch, aber symptomatisch ist doch der Traum, den ich vom 21. auf den 22. des Nachts hatte: es erhob sich nämlich ein großer Sturm, der ganze Herden Kühe, Schafe und Pferde vor sich wegtrieb.

 

23-VII.  Genau vor einem Monat hatten wir Landregen; auch gegenwärtig haben wir schon 4 Tage Regen.  

 

7-VIII.  Immer viel Regen.  Die Ernteaussichten auf Wintergetreide, Hackfrüchte und Gräser sind sehr gut.

Ich bin in meiner Arbeit jeden Tag unterwegs.  Drei mal hat man mir schon mein Fahrpferd gewechselt u. taugen tun alle drei nicht viel was, und besonders, wenn man so wenig Korn fürs Pferd herausbekommt.  Gestern abend war mein Pferdchen auch ganz ermattet, so dass ich es die letzte Strecke am Zaum schleppen musste.  Das kostet dann immer viel Nerven und Zeit.

Haben “Pech”; unser Kuh ist das Euter von einer andern Kuh durchgestoßen, so dass die Milch durch die Wunde herauslief.

 

14-VIII-41.  Wieder “Pech”, Heinz hat sich den Fuß verrenkt und soll 2 Wochen mit geschientem Fuß sitzen.

Anderseits haben wir mal wieder 3 Tage kalten Landregen hinter uns.  Der grösste Teil des Getreides liegt noch in Klumpen auf den Feldern und fängt teilweise schon an durchzuwachsen.  Haben so eine reiche Ernte und leider gelingt es nicht sie ohne Verlust einzubringen.

In unsrer Küche und Corridor regnet es dann fast so wie draußen; wir alle und Frieda im besondern sind schon ganz verlegen darüber.  Zu remontieren sind wir das nicht im Stande. Dann haben wir schon mehrere Monate lang keinen Kerosin und sind vollständig ohne Beleuchtung.

 

24-VIII-41.  Wieder kalter Regen.  Gestern war ich in der grössten Verlegenheit.  In Dienstangelegenheiten war ich 15 km von Hause entfernt, schon den 3. Tag.  Gekleidet war ich in meinem ganz dünnen Sommeranzug und Leinwandschuhe.  Ich hatte kaum 2 km zu Fuß zurückgelegt, da fing es an zu regnen, ein kalter Regen mit Wind.  Ich war am Ende des Dorfes Galizinowka und eilte in ein Haus, um mich vor dem Regen zu schützen, der etwa eine Stunde anhielt.  Dann ging ich los; die Zeugschuhe wurden bald ganz nass und dreckig und unter einem Fuß hatte ich mir sofort eine tüchtige Blase angescheuert.  Nach 4 Stunden kam ich dann müde und matt zu Hause an, wo ich von Erika, unserm Töchterchen, empfangen wurde.  Frieda und Hansi waren nicht zu Hause.  Frieda war nach Ebental, 4 km entfernt, nach Brot gegangen, und Hansi war mit 20 Kilogramm Kartoffel per Bahn nach Yasniowataja nach dem Bazar gefahren, um etwas Geld zu machen. Abends, als wir alle wieder zu Hause waren, begann der Regen von neuen und dauerte die ganze Nacht fort. Am Abendbrottisch bei kümmerlichen Licht wurde dann lebhaft mit den Tageserlebnisse ausgetauscht.  Und unser Heinz, der mit seinem geschienten Fuß den Tag zu Hause verbracht, versucht seine Erlebnisse zu Hause in gewohnter humoristischer Weise wiederzugeben.

Weil wir besonders in letzter Zeit im Zeichen des nahenden grausamen Krieges leben, sind wir immer froh und glücklich, wenn wir noch alle zu Hause und zusammen sein können.

 

26-VIII-41.  Einen ganzen Tag hat es wieder ununterbrochen geregnet.  Ich sitze daher zu hause und konnte nicht ausgehen auf Arbeit.  Meine Arbeit überhaupt und gegenwärtig ohne Pferd besonders wird mir immer schwerer.  An und für sich ist diese Arbeit überhaupt sehr unproduktiv, ich finde daher auch keine Befriedigung in derselben.  Ich muss sie sobald wir möglich lassen.

 

4-IX-41.  Erika hat von ihrer Freundin, mit der sie 6 Jahre alle Tage zusammengewesen ist,  vor kurzem scheiden müssen. Larissa Besarab, das Töchterchen meines gewesenen Vorgesetzten und 6 jährigen Hausgenossen, ist mit ihren Eltern in die Stadt Stalino gezogen.  Die beiden Mädels haben im Laufe dieser Jahre sehr heiße Freundschaft gepflegt; meistens war Erika bei ihnen, weil die Larissa das einzige Kind in der Familie war und sie ein bedeutend geräumigeres Quartier hatten.  Durch Wandklopfen haben die beiden sich so manchmal signalisiert.

 

7-IX-41.  Sonntag.  Vor einigen Monaten dachten wir noch, wie schön, dass in unserm Reich Frieden ist und wir des Nachts ruhig schlafen dürfen.  Von Luftüberfälle wurde uns nur berichtet aus andern Länder.  Wie ganz anders ist es Heute; auch wir müssen schon des Nachts lauschen wenn es über uns summt, ob uns nicht eine Gefahr droht.  Wie ein Alp lastet der Krieg mit allem Drum und Dran auf uns.

Notizen aus einem Taschenbüchlein niedergeschrieben während meines Aufenthaltes in der “Trudowaja Armija”
oder abgekürzt „Trudarmee“ war eine militarisierte Form der Zwangsarbeit in der Sowjetunion während und nach dem Zweiten Weltkrieg von 1941 bis 1946. Betroffen davon waren vor allem Russlanddeutsche.

8-IX-41.  Ganz unverhofft wurden mir, Hansi und Heini Mobilisationsscheine eingehändigt, so das wir Morgen früh nach Awdegewka ins Rajwojenkomat uns stellen müssen.  Ein großes Ereignis in unsrer Familie.

 

11-IX-41. Den 3. Tag liegen wir schon im Park auf der St. Jasinowataja und warten auf Abtransport.  Lauter Deutsche. Verbrachten Heute noch einige schöne Abschiedsstunden im Kreise meiner lieben Familie.  Frieda und Erika besuchten uns hier und brachten uns nebst schönem Essen Winterkleider und Decken.  Auch Gestern waren die schon hier gewesen, hatten uns jedoch leider nicht gefunden, so dass sie sehr müde und furchtbar enttäuscht nach Hause ins leere zurück-gekehrt waren.  Die Scheidung war Heute sehr schwer.  Eine große Freude für uns war, dass im letzten Moment vor unserm Einladen Heini freigelassen wurde und er nach Hause Freida und Erika folgen konnte. Spät abends legte unser Zug in unbekannte Richtung los.

 

22-IX-41.  Nach elftägiger Reise in Güterzüge sind wir hier im Ural angekommen.

 

26-X-41.  Schwere Tage.  Hansi liegt schwer krank an Lungenentzündung oder Brustfellentzündung,  t° den 5. Tag über 39°.  Nichts Effektives wird seitens der Ärzte unternommen.  Als ob sich alle gegen uns verschworen haben. Über die Lage unsrer zurückgebliebenen Familien sehr beunruhigende Gerüchte.  Man befürchtet, dass auch sie von Hause weg sind.  Möchten sie nur nicht untergehen.  Werden wir uns noch mal wiedersehen?!

Erhielt Gestern eine Karte von Anna aus Krasnowyschersk, sie hat noch keine Nachricht von Frieda, trotzdem wir schon 7 Wochen von Hause sind.  Was soll man daraus schließen? So viel furchtbar bange Fragen.  

Haben sehr schwache Kost.  Fühle mich daher oft schwach.  Haben Schnee.  Rundum Stacheldrahtzaun und weiter mit Schnee bedeckten Tannen und Birken.

 

28-X-41.  Tauwetter.  Laut letzten Nachrichten soll die Hauptstadt des Donezkbecken von der Roten Armee verlassen worden sein.  Wie mag es nur mit unsern Familien dort sein?!

Von Hansi’s Gesundheitszustand habe ich Heute noch nichts Genaues erfahren. Wie oft ich des Nachts erweckte, verspürte ich ein Alpdrücken, das mich nicht verlassen will. Es ist die große Sorge um meine Familie und das Bewußtsein der Unfreiheit und völliger Ohnmacht etwas für die Familie tun zu können, Zudem der körperliche Schwächezustand.

Soeben erblickte ich durchs Fenster des Krankenhauses Hansi; er zeigte auf Schmerzen in der rechten Seite der Brust, ihm standen die Tränen in den Augen. Warum nicht Köpfe gesetzt werden, verstehe ich gar nicht. Wie würde man ihn doch pflegen zu Hause im eignen Heim.  Warum muss der Junge schon so viel leiden?!  Ob auch unsre andern beiden kleinen Kinder gegenwärtig bittre Not leiden?!

 

31-X-41.  Hansi’s Gesundheitszustand will noch gar nicht besser werden.  Die t° ist noch immer hoch.  Die Heilungsmethode ist sehr mangelhaft.  An allem fehlt es.  Zudem die Kost schwach.

Wozu hat man uns nur hier her geschleppt. Wo kann nur Frieda mit unsern andern zwei Kinder sein?! Jedoch, Mut!

 

31-X-41.  In der Dämmerungsstunde.  Rundherum ein Getöse und ein Gelache, und mir ist so schwer ums Herz, das ich mit Mühe die Tränen unterdrücken kann; es sind zunächst die Sorgen um mein Kind hier in dieser Lage.  Habe ihm eben ein ermutigendes Zettelchen im Krankenhaus geschickt.  Vorher schrieb ich eine Karte an Schwester Anna nach Krasnowyschersk.

 

1-XI-41.  Bin Heute sehr dankbar gestimmt; die t° meines Jungen ist Heute Morgen auf 37.4 gefallen.  Ich sprach mit ihm etwas durchs Fenster.

Laut Briefe einiger aus unsre Mitte (Woraschilovgrader) sind ihre Familien auf dem Wege nach Siberien. Wo mag wohl meine Familie sein?!

 

2-XI-41.  Heute erfuhr ich durch einen Sanitär des Krankenhauses zu meiner großen Freude, dass Hansi’s t° bis auf Normal gefallen sei.  Wahrscheinlich hat er die Krankheit überstanden, so dass er um 1-2 Tage vielleicht schon herausgeschrieben werden wird.  Die Hauptsache ist dann, wie er vor weitere Erkältung geschützt werden könnte.

 

3-XI-41.  Mit Hansi bessert es, die t° ist normal.  Gott sei dank.  Ich habe ihn schon einige Tage nicht gesprochen. Unser Leben geht so weiter.  Ich bin “учётчик- нарядчик” in einer Kolonne von 240 Jungen (16-17 Jahre).  Morgens Uhr 5 wird aufgestanden und Uhr 7 in den Wald auf Arbeit gegangen.  Unsre Speise ist 0,5 Kilogramm Roggenbrot und drei mal Suppe mit Roggenmehl Klössen den Tag.  Essbares privatim zu kaufen ist absolut keine Möglichkeit.

 

5-XI-41 Hansi ist noch immer im Krankenhaus, hat jedoch normale Temperatur.

Es gehen Heute Gerüchte,  dass der Präsident der Vereinigten Staaten Amerikas’s - Roosevelt in ultimativer Form von Deutschland die Einstellung des Krieges fordert.  Diese Gerüchte werden in verschiedenen Variationen kolportiert, man kann sich daher kein Bild über den genauen Inhalt dieses Ultimatum’s machen; wenn so eine Forderung überhaupt erfolgt ist. Mich interessiert gegebenenfalls nur, dass aus so autoritativer Stelle das Wort - Friede gefallen sein sollte und dass somit vielleicht schließlich mal Friedensverhandlungen angeleitet werden könnten und das Ende des Krieges nähergerückt wäre.

 

7-XI-41.  Soeben kehrte Hansi aus dem Krankenhause in unsern Barak zurück.  Es ist für mich eine große Freude.  Er ist schwach und blass.  Unser Wohnplatz im Barak ist etwa 2 Quadratmeter.  Es ist sehr feucht im Barak, die Decke und Wände sind beständig voll Tropfen.  Möchte diese Atmosphäre nur nicht nachteilig auf Hansi’s Gesundheit einwirken. Ich habe auch schon etwas darunter gelitten, hauptsächlich meine Luftröhren.  Hansi schläft gerade. Ich habe diese ganze Zeit in ihm einen innigen Freund gehabt.  Wir sind uns sehr viel näher getreten, als zu Hause. 

Möchte doch bald die Zeit kommen, wo unsre Familie wieder ganz zusammen sein könnte.  Wie wert werden wir das wieder schätzen.

Gestern machte ich ein großes Geschäft nach unsern Begriffen, ich vertauschte nämlich meine Zahnbürste auf 4 Zigarren Machorka, für die ich mir eine Portion (0,5 Kilo) Roggenbrot eintauschen kann.

 

12-XI-41.  30° Frost; für diese Jahreszeit für uns ganz was Unbekanntes und hier scheinbar ganz Gewöhnliches. Gegenwärtig zirkulieren wieder erregende Gerüchte, dass scheinbar den 3.X.41 unsre Familien von der St. Schelannaja evakuiert sein sollen. Wenn man darüber erst Gewissheit hätte.

Hansi ist im Gesicht etwas geschwollen.

Wann, wo und wie gibt’s nur ein Wiedersehen mit Frieda und Kinder ?!

 

19-XI-41.  Haben noch keine Nachrichten über das Befinden unsrer Familie. Laut einem Telegramm aus Irkutsk soll Frau Krüger aus Stalino in die Akmolinskaja Oblast evakuiert worden sein.  Hieraus ist anzunehmen, dass wahrscheinlich die Evakuierten aus unserm Gebiet alle dorthin evakuiert worden sind.  Laut einem andern Brief sollen “Nemzikes” die St. Isilkuj passiert haben, und zwar nach einer monatlichen Reise.  Sollte auch wirklich meine Familie dabei sein?  Wie wird sie das nur durchmachen.  Frost, schwache Kost, Krankheiten usw.?  Und wohin mag wohl die Richtung ihrer Reise sein?  Ich mag mich gar nicht da hinein denken.

Von Schwester Anna auch noch keine zweite Nachricht, warte mit Ungeduld.

Haben wieder 35° Frost.  Man hat immer Hunger.  Ach, wie gerne würde man sich mal wieder im Kreise seiner lieben Familie an den gedeckten Tisch setzen! Meine liebe Frieda bemühte sich immer unsern Tisch so gut wie möglich zu decken.  Wenn sie auch evakuiert sind, ist einstweilen alles dahin.  Doch und dennoch wollen wir den Mut nicht sinken lassen und auf einen guten Ausgang der Dinge hoffen!  Die Hauptsache ist jetzt das tägliche Brot, Obdach, Kleidung, Gesundheit. 

Hansi’s Gesundheit bessert nur langsam.  Dank unserm feuchten Barak habe ich mit meinen Kehlkopf Plage.

 

27-XI-41.  Hansi arbeitet gegenwärtig als Schüler in der Küche.  An und für sich ist es in der Küche dank dem Dunst, der feuchten Diele, des öfteren Zuges für Hansi’s Gesundheit nicht sehr gesund, die Nahrungsfrage ist jedoch Heute die Hauptsache und alles andre Nebensache.

Habe noch immer keine Nachricht von Frieda, Heini und Erika, was einem oft viel schwere Stunden und Tage bereitet. Von Schwester Anna auch noch nur eine Karte, datiert mit dem 15.X. laufenden Jahres.

Erwachte gestern ganz froh, denn ich hatte mich im Traume mit meiner lieben Frieda getroffen, sie sah so gesund u. froh aus; freudig erzählte sie mir, wieviel Schmalz sie von unsern beiden Schweinchen erhalten hatte. Möchte sich das doch in Wirklichkeit so verhalten.  Habe die letzten Wochen so viel Sorge getragen um das Befinden meiner lieben Familie. Heute wird wieder gesprochen, dass unsre Familien vielleicht doch zu Hause geblieben sein könnten.

Wann werden wir mal Gewissheit darüber bekommen?  und wann werden wir uns wiedersehen?!

 

29-XI-41.  Ich konnte mich soeben fast nicht der Tränen erwehren als ich mich mit hungrigen Magen an ein kleines Quantum ganz dünner Suppe setzte.  Man ist beständig hungrig, fühle mich daher ziemlich schwach.  Nur gut, dass Hansi in der Küche arbeitet und über einen Tag etwas mehr und dickere Suppe bekommt.

 

4-XII-41.  Vorgestern früh morgens brachte man uns eine langersehnte Nachricht von unsrer Familie — eine Karte von meiner lieben Frieda folgenden Inhalts.  15.XI.41.  “Vorgestern in Pavlodar angekommen, befinden uns neben der Station und warten auf weiter Beförderung in die Kolchose.  Wir sind gesund einstweilen, Erika fühlt sich schwach. Wenn Ihr Euch schon eingerichtet habt, macht es doch möglich, dass wir zu Euch kommen, denn Heini ist doch noch klein und ich nicht gesund.  Es ist sehr kalt.”

Nach 3 Monat haben wir schließlich mal Nachricht von unsrer lieben Familie; Gott sei dank, dass sie am Leben und leidlich gesund sind.  Die Karte  ist viel zu kurzen Inhalts.  Hundert Fragen entstehen sofort: wie lange gereist, was mitgenommen, welch ein Vorrat ist vorhanden. Wohin geht’s nun und was erwartet ihrer. Möchten sie nur schon Brot, Obdach, Kleidung und Beheizung haben und möchten nur erst direkten Briefwechsel hergestellt haben.

 

6-XII-41.  Bin sehr aufgeregt durch einen Brief den Nik. Esau von seiner Familie aus dem Pavlodarschen erhalten hat, wohin auch unsre Familie geschickt worden. Es sind nicht Produkte zu kaufen, ist auch keine Arbeit vorhanden.  Die Lage ist demnach dort fatal.  Sollte auch Frieda mit unsern Kleinen in solcher Lage sich befinden? Man kann nicht durchblicken.

 

11-XII-41. Bin krank an der Grippe, eine Folge des krassen Wetterwechsels,  vor 2 Tage 42° Frost, Heute 2°. Es sterben viel, Born aus Nordheim ist auch plötzlich gestorben.  Weber aus Ebental sieht wie viele andre auch sehr verändert aus, er meint, dass auf solche Art er auch nicht lange leben könnte.

J. Wiens - unser Nachbar von Jelanaja, hat auch Nachricht von seiner Familie von unterwegs vom 29.X.  Möchten wir nur erst mal beruhigende Nachricht von unsrer Familie haben.  Hätten sie nur Obdach, Brot und Brennung und Gesundheit.  Ich fürchte mir, dass meine liebe Frieda so sehr in Verlegenheit geraten wird.  Wie ist es doch für eine schwere Zeit. Es ist noch kein Ende abzusehen; scheinbar haben sich noch Japan und Amerika in den Krieg verwickelt.

Zu Zeiten will einem der Mut ganz sinken.  In solchen Stunden ist Hansi mir immer ein guter Tröster.  Leider ist seine Gesundheit noch nicht hergestellt. Unsre armen Kinder, warum müssen die so viel durchmachen?  Hansi, Heini Erika? Ich kann es manchmal fast nicht übers Herz bringen.  Und meine treue Frieda?! Bin ich nicht Schuld daran, dass wir hier sind?!  Nein, das ist zu schrecklich! Na, nach dieser Zeit muss wieder eine Friedenszeit folgen. Möchten wir nur alle leben und erhalten bleiben. 

 

14-XII-41.  Sehr gedrückte Stimmung: die Sorge um Frieda und die Kinder und uns. Wie wird nur der erste Brief von ihrem Bestimmungsort lauten?!  Laut Briefe vieler andern Evakuierten sind die dort in sehr schwere Verhältnisse gekommen: nicht Brot, nicht Arbeit, nicht Brennung, eine große Einöde, große Kälte, nicht Ärzte etc.  Wie nur meine liebe Familie dort fertig werden soll!  Möchten sie doch nicht untergehen. Und unsre Perspektiven hier?  So viel geschwollenen Menschen.  Eine schwere Entdeckung, dass auch ich schon dann und wann schwelle.  Furchtbar!! Ist jedoch, die Not am größten . . . 

Könnten wir auch noch mal überrascht werden und eher mit unsern Familien zusammen kommen?  Wie sollte das jedoch zugehen?  Viele schauen sehr dunkel in die Zukunft.  Ich will mich jedoch nicht von solchem Pessimismus unterkriegen lassen.

Wie kommt das nur, dass wir auf unsre 5 Karten an Schwester Anna noch nur eine Karte erhalten haben.

Wenn wir doch etwas Kumstblätter oder Futterrüben wo herkriegen könnten, daraus wurde unser geschwächte Organismus die nötigen Vitamine erhalten können. Wieviel haben wir von diesem allen zu Hause zurückgelassen.

Den ganzen Tag über sitze ich in dem dunklen Barak unter 240 Jungen.  Fortwährend hört man das Wort “Balanda” - so nennt man hier die Roggenklössensuppe. Eine große Bewegung wird durch das Brotverteilen hervor gerufen.  Alle Jungen setzen sich sofort hin und verspeisen ihre ganze Tagesration auf einmal mit Salz, um dann bis zum nächsten Abend ganz ohne Brot zu sein. 

Ist es möglich, das ich im Kreise meiner ganzen Familie in gesicherten Verhältnissen diese Zeilen noch mal lesen darf? Was wäre das für ein Glück.

 

16-XII-41.  Wie lastet doch so ein Alp auf uns. Mein Schwächezustand beunruhigt mich sehr.  Möchte doch die Ernährung besser werden.  Ich schleppe kaum meine Füsse. Heute Nacht habe ich wenig geschlafen, weil ich oft gerufen wurde.  Und Heute Morgens hat man stundenlang auf meinem schwachen Nervensystem herumgetapft.  Ich kann das einfach nicht mehr ertragen. Wann und wie wird man schließlich erlöst werden.

Keine nähere Nachricht von meiner lieben Familie. Schon viel schwere Zeiten habe ich durchgemacht, aber so was noch nicht. Immer wieder — Mut und Vertrauen. Wie sehnt man sich nach seinen Lieben! Wäre das persönliche Leben nicht bedroht, wäre man nicht so mutlos.

 

19-XII-41.  Noch immer keine Nachricht vom Bestimmungsort meiner lieben Familie.  Wie viel bange Fragen steigen immer wieder in einem auf.  Brot und Obdach, jetzt erst versteht man den vollen Wert dieser Begriffe.  Um 2 Tage beginnt der Zeitrechnung nach der eigentliche Winter, trotzdem es faktisch hier schon lange Winter ist. Was kann uns der kalte und lange Winter noch bringen?  Noch nie im Leben steh ich mit meiner Familie vor so ernste Fragen.  Ich hoffe jedoch dennoch auf das Durchdringen einiger Sonnenstrahlen für uns.  Drum nur Mut und wiederum Mut!!

 

21-XII-41.  Winters Anfang.  Wie furchtbar klingt das unsrer heutigen Lage, wo wir schon faktisch 2 Monate Winter haben und die Temperatur schon bis 43° Frost gefallen ist.  Das Schlimme dabei ist, dass auch meine liebe Familie aus unserm kleinen Heim herausgerissen ist und in dem kalten Siberien herumwandert. Möchten wir nur erhalten bleiben und könnten wir uns noch bald wiederfinden. Noch immer keine Nachricht von meiner Familie von Ort und Stelle.

 

Sonntag.  Soeben Mittag gegessen: 0,5 Liter Wassersüppchen und ein Stückchen Roggenbrot.  Dasselbe Morgens und Abends.  Es fehlt an verschiedenen Vitaminen. Als Ersatz der fehlenden Vitamine trinkt man hier “хвою” Abbrühsel von Tannennadel, furchtbar zuwideres Zeuch.

Lese zum ersten mal in 3 Monat ein Buch “Oberst Lorenz”.  Es ist den Tag über bei uns im Barak sehr finster und daher sehr schwer zu lesen.  Zeitungen bekomme ich vielleicht einmal im Monat zu Gesicht.  Wir sind ganz abgeschlossen vom menschlichen Leben.

 

23-XII-41.  Sind wir denn ganz verlassen?!

Habe mich eben gebadet und meine Kleider sind durch die Desinfektionskammer gegangen; ich bin noch nie im Leben so verlaust gewesen, als in den letzten Tagen und Wochen.

 

24-XII-41.  Abends.  O, was waren das immer für Stunden und Tagen in meiner Kindheit.  Könnte ich doch mit meiner Familie zusammen sein.  Meine liebe Frieda wird Heute besonders sehnsuchtsvolle Stimmung haben.

Erhielten soeben von Anna die Nachricht über Tante Justels Bestimmungsort im Altajer Gebiet.  Von Frieda und den Kindern noch immer nichts.

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25-Dezember 1941

Meine eigentliche Stimmung kann ich nicht wiedergeben. Wo und in was für Verhältnisse mag sich wohl Heute meine Familie befinden?

 

27-XII-41.  Endlich habe ich mal die Adresse und den Bestimmungsort meiner lieben Familie erfahren, und zwar durch einen Brief von Frau Esau an ihrem Mann Nik. Esau. Drei frühere Schulfreundinnen haben sich dort in der einsamen Sibirischen Steppe getroffen.  Wenn nicht materiell, so können sie sich doch moralisch unterstützen.  Ich bin sehr froh und beruhigt durch diese Nachricht.  Ich will sofort den ersten Brief an meine liebe Familie schreiben.

 

31-XII-41.  Halb zwölf Uhr abends.  Das 1941 Jahr das uns so viel Unglück überhaupt und im persönlichen Leben im besondern gebracht, geht zu Ende.  Noch nie im Leben sind so bange Fragen am Neujahrsabend in mir aufgestiegen. Eine Hauptfrage dominiert über alle Fragen ob, wo und wann wir uns mit den Lieben wiederfinden werden, und zweitens, was uns das 1942 Jahr bringen wird.  Mein Wunsch ist Frieden, Wiedersehen und ein Heim.

Vor einigen Stunden ist mein direkt Vorgesetzter Genosse Ernst arrestiert worden und ich bin an seine Stelle gesetzt worden, was mich durchaus nicht freut, da die Verantwortung u. die damit verbundenen Gefahren zu groß sind.

 

1-I-42.  Der erste Tag in einem Jahr wo die Fragen unsers Seins so unklar und dunkel scheinen, wie noch nie.

Ich freue mich, dass im Zusammenhang mit etwaiger Verbesserung meiner Ernährung, sich auch mein Gesundheitszustand etwas verbessert hat.

Soeben eine Karte an meine liebe Familie geschrieben.

 

3-I-42.  33° Frost.  Wann wird sich unsre Lage mal ändern?!  Ich nehme mich immer wieder zusammen, um mutig zu bleiben.

 

6-I-42. Noch immer keine direkte Nachricht von meiner Familie.  Um 3 Tage sind es schon 4 Monat, dass wir von einander sind.  Hin und wieder wird gesprochen, als wenn wir zu unsern Familien in die Landwirtschaft geschickt werden sollen. Möchte das doch geschehen.  Ich fürchte, dass meine Familie sich nicht zurechtfinden und darben wird. Man ist ganz abgeschlossen und erfährt weder was im Lande, noch in der Aussenwelt vorgeht.  Unser Leben geht furchtbar eintönig weiter.

 

10-I-42.  Man möchte doch so gerne noch etwas gute Tage im Kreise der Familie verleben. Jedoch, wo, wann und wie?!

Wie viel Nerven kostet doch mir allein u. in solchen Verhältnissen mit den mir unterstellten 240 Jungen fertig zu werden und Tag und Nacht mit ihnen zuzubringen. Ich muss so viel mit ihnen reden, dass ich fast immer heiser bin.

 

12-I-42.  Erhielt vorgestern eine Karte von Anna, in der sie berichtet, dass sie die erste direkte Nachricht von Frieda erhalten hat.  Frieda berichtet, dass sie wieder chronische Magenschmerzen hat.  Es ist mal ein Lebenszeichen von meiner Familie.  Ich hoffe in diesen Tagen auch den ersten Brief von Frieda zu erhalten. Übermorgen ist Annas Geburtstag, sie wird 54 Jahre alt und hat somit das Alter erreicht, in dem unsre lieben Eltern mal starben.

Man erschrickt unwillkürlich, wenn man sich da hinein denkt, denn man meint ja noch nicht gelebt zu haben und hofft noch immer auf ein schönes Leben im Kreise unsrer Lieben alle.

 

14-I-42.  Das erste Briefchen von Frieda, jedoch nicht an mich, sondern an N. Esau gerichtet, in dem sie nach uns anfragt.  Wie ist es mir so angenehm, diese mir so bekannte und liebe Handschrift zu lesen.  Zudem ist der Brief so sachlich und ruhig gehalten, was mich gewisser massen beruhigt.

Der Brief ist den 25.XII.41 geschrieben. Wie sehne ich mich schon nach einem Brief von meiner lieben Familie und noch mehr nach einem Wiedersehen.  Und diese Stunde muss und wird kommen.  Wie schrecklich ist es doch zu erfahren, wie bei vielen unter uns der Fall ist, das von ihren Angehörigen einige bei der Evakuation oder schon am Ort gestorben sind auf natürliche oder unnatürliche Weise.

 

16-I-42.  Trotzdem wir mitten im Wald sitzen, ist meine Kolonne von 240 Junge scheinbar nicht im Stande, unsern Barak mit Brennholz zu versorgen.

Gestern abends war ich unverhofft in Todesgefahr.  Ich fand nämlich als große Seltenheit in unsrer Abendsuppe ein Stückchen Pferdefleisch, welches mir im Halse stecken blieb und fast erwürgte.

 

18-I-42.  Wie oft habe ich nach Sonnenstrahlen hier im unfreundlichen Ural ausgeschaut, und wer hätte es geahnt das so ein heller Sonnenstrahl plötzlich durchbrechen würde.  Gestern ist Hans und Heute ich zum zurückfahren zu Familie bestimmt worden. Welch eine Freude, zur lieben Familie zurückkehren zu dürfen. Meine Familie ist ja viele Tausende km von Hause weggeschickt und hat hiermit unser letztes Hab und Gut verloren, aber das ist ja alles Nebensache.   Die Hauptsache sind die lieben Menschen.

Werden wir nochmal hier auf dieser Erde ein Stückchen ruhiges und gesichertes Leben finden?!  Eh’ der Krieg nicht zu Ende sein wird, ist nicht durchzublicken. Was erwartet uns jetzt bei der Familie?  Erholung, Ausruhen?! Das gerade Gegenteil; wieder von ganz neuem zu beginnen, zudem ohne jegliche Mittel in ganz neuen Verhältnissen Sibiriens

 

25-I-42.  Bin soeben aus dem Krankenhaus zurückgekehrt, wo ich ein Zettelchen an Nik. J. Esau übergeben lassen wollte.  Ich erfuhr nämlich Heute tags, dass N. Esau im Krankenhaus gebracht worden sei.  Weil unsre Familien in Pavlodarschen in einem Häuschen zusammen wohnen, so waren auch wir Männer uns dadurch näher getreten.  Wir hofften nun beide zusammen zu unsern Familien zu fahren.  Wie ich ins Krankenhaus komme, meldet man mir, dass N. Esau schon in den letzten Zügen liege.  Furchtbar erregt betrat ich das Krankenzimmer, in dem N. Esau lag.  Er lag besinnungslos und schwer atmend, t° - 35°. Diagnose - Avitaminose, Erschöpfung. Ob er bis Morgen noch leben wird, wird in Zweifel gestellt.  Wie gerne hätte ich noch mit ihm gesprochen, da ich voraussichtlich seine Familie antreffen werde. Sehr tragisch!

 

26-I-42.  Nik. Esau ist des Nachts gestorben und somit ist seine Familie, die er bald zu sehen hoffte, verwitwet und verwaist.  Wie traurig hier im grausigen Ural umzukommen.  Wie soll man dies nur seiner Familie zu wissen tun.

 

3-II-42.  Man wird ganz ungeduldig, dass sich das mit dem Abtransport der durch die ärztliche Kommission Befreiten so verzieht.

Aus dem Nachbar “Olp” sollen schon 150 Mann abgeschickt worden sein.  Gestern sind hier auf der Station 14 Waggon mit mobilisierte Deutsche aus dem Omsker Gebiet angekommen.  Man hofft, dass diese Transportmittel für uns zum Abfahren ausgenutzt werden sollen.

Wie kommt das nur, dass ich noch keine Antwort von Frieda habe.

 

5-II-42.  Große Freude, habe endlich mal Briefe von meiner lieben Familie.  Umsonst habe ich mich so vor dem ersten Brief gefürchtet; er klingt mutig und beruhigend.  Alle drei Lieben haben geschrieben Frieda, Heini und Erika.  Wie froh und dankbar bin ich, dass alle drei gesund und am Leben sind.  All’ zu gerne möchte ich sie jetzt endlich mal wiedersehen.

Bin Heute ziemlich müde, weil ich von Gestern Abends in der Küche dejourieren musste.

 

11-II-42.  Endlich ist die langersehnte Stunde der Errettung gekommen.  Hansi und ich sind schon den 2. Tag auf dem Zuge unterwegs ins Pavlodarsche zur Familie .  In 2 Tage sind wir leider nur 60 km gefahren.

In unserm Waggon befinden sich 50 Personen: 25 Erwachsene und 25 Jungen, letztere muss ich begleiten.  Auf den Weg bekommen wir zu je 7 Kilogramm Roggenbrot, 1 Kilogramm Hering.  Die Verteilung dieser Produkte unter 240 Mann machte mir viel zu schaffen.

Es kostete mir viel physische Anstrengung mit meinem Gepäck bis zu Station zu kommen. Sehr viele blieben für immer zurück.

 

14-II-42.  Wie die reisenden Tiere sind unsre Menschen, die dieses durchgemacht haben.  Von menschlichen Gefühlen absolut keine Spur mehr. Bittrer Kampf ums Dasein. 

 

17-II-42.  Es ist einfach eine Qual in so einem Zuge zu fahren, habe mich schon sehr erkältet.  Den 8. Tag fahren wir schon und haben wohl noch 1000 Km vor uns. Von beiden Seiten der Linie immer nur typische sibirische Landschaften: Ebene, Steppe und Wald; alles unter Schnee. Auf der Station Swerdlowsk wurden 7 Tote aus unserm Zuge getragen.

Nach fast 6 Monat sah ich gestern zum ersten mal wieder eine Kuh und trank ein halbes Liter Milch (10 Rubel)

 

20-II-42.  Zufällig erfuhren wir eben, dass auf der unteren “polka” unsers Waggons ein Toter liege.  Man nimmt das zur Kenntnis und das Gespräch und Tun und Walten geht seinen Gang weiter, als ob nichts geschehen sei.   Schon sehr viele sind auf solche Weise unterwegs gestorben und können schon nicht ihre Lieben erreichen. Furchtbar verrottet sind wir alle. Gestern wurde dieser Mann noch sehr grob behandelt und er selber schimpfte noch sehr.

Station Stavgarod, bald sind wir auf der Endstation Pavlodar.

 

27-II-42.  6 Tage sind wir schon in Pavlodar; diese Tage gehören zu den schwersten Tagen unsrer Reise.  Über 2 Tage wurden wir im Zuge zur Quarantäne gehalten, die Türen wurden versperrt und zum Essen war außer 0.4 Kilogramm Brot nichts zu haben.  Eines Abends mussten wir zur Badeanstalt, welche 3-4 km von der Station entfernt war.  Ich war schon so erschöpft. dass mir meine Füße nicht mehr tragen wollten; Hansi und ich blieben daher weit von der Kolonne zurück.  Ein kleines Stückchen Brot hätte mich schon etwas gestärkt.  Wer nur konnte, bettelte nebenan um Brot. Schließlich entschloss auch ich mich, um ein Stückchen Brot zu bitten.  Etwa 100 gr. Brot gelang es uns zu erbitten, das wir uns dann mit Hansi teilten.  Das war für mich und Hansi ein ganzes Erlebnis, denn diesen Schritt zu tun, fiel uns beide sehr schwer.

Nach dem Baden mussten wir nochmal wieder 2 km zurück, wo uns ein leeres Haus von 4 Zimmer für 170 Mann angewiesen wurde.  Wir mussten förmlich einer auf dem andern liegen und des Nachts bei absoluter Finsternis war nicht möglich hinauszugehen, um nicht auf Köpfe, Hände und Körper zu treten.  Es wurde jedoch die ganze Nacht hindurch gelaufen, was mit dem Schwächezustand der Menschen verbunden war.  Ein ununterbrochenes Aufschreien und furchtbares Schimpfen. Eine wahre Hölle. Da plötzlich bekam ich furchtbares Zahnweh mit sehr hartnäckiger Geschwulst an der linken Seite des Kinnbacken, das mir das Mund öffnen sehr erschwerte.  Die ganze Nacht hindurch wälzte ich mich hin und her auf dem Fußboden eingequetscht von allen Seiten mit Menschen.

Vorgestern wurde uns gemeldet, dass wir binnen 3 Stunden das Quartier räumen und die Stadt verlassen sollten.

Ich eilte in den Sowchostrest, um um eine Stelle als Zootechniker anzuhalten.  Eine Stelle wurde mir in Aussicht gestellt, wodurch wir dann in der Bans dieses Sowchos unterkommen konnten, was für uns in dem Moment eine Lösung unsrer schwierigen Lage war.  Brot hatten wir schon längere Zeit keines.  Es gelang uns, zwar mit großen Schwierigkeiten, einmal am Tage in einer “столовая” Suppe zu erhalten.

Die 5 Monat im Ural haben mich nicht so körperlich heruntergebracht, als die letzten 2 Wochen, unsrer Reise. Wann werden wir mal schließlich bis zu unsern Lieben kommen?

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2-III-42.  Den 4. Tag unterwegs von Pavlodar.  Sitzen gegenwärtig im Sowchos “Bajgmus”, wohin wir vorgestern spät abends nach 2-tägiger Reise auf 2 mit Mehl beladenen Schlitten kamen.  Draußen ist gegenwärtig Schneegestöber. Meine Komplikation am Kinnbacken ist sehr hartnäckig und versetzt mir ziemliche Qualen; den Mund kann ich noch immer nicht öffnen.  Halten uns gegenwärtig im Quartier der Familie Mazek auf , mit der meine Familie in einem Waggon aus dem Donbass hierhergekommen ist; haben daher schon so manches von ihrer Reise hierher erfahren.

In Bezug auf meine Anstellung hier haben wir uns prinzipiell dahin geeinigt, dass ich nach meiner Genesung und Rückkehr erst angestellt werde. Wie genau man seinerzeit die Arbeitsbedingungen erwog und definierte, so wenig Ansprüche stelle ich Heute in Anbetracht der Notwendigkeit so rasch wir möglich einen Verdienst zu haben. Hansi und ich haben Heute beide von Frieda geträumt; vielleicht hat sie schon was von unserm Kommen erfahren und stark an uns gedacht.

 

Nach sechsmonatlicher Unterbrechung haben wir Heute zum ersten mal wieder etwas Gebratenes gegessen, undzwar etwas Speck bei Mazek.  Auf so was ist ja in Zukunft nur wenig Hoffnung, eh’ wir nicht wieder unser eigenes Schweinchen werden haben können.

 

4-III-42.  Befinden uns den 2. Tag in Katschiri (Maxim Gorkij) (jetzt Terenkol) im Kolchosquartier.  Durch Nachbaren und Kolchosniki aus Motogul haben wir jetzt die letzten und genauesten Nachrichten von unsrer lieben Familie erfahren, was mich sehr erfreut hat.  Noch ein Sprung von 40 km und wir sind bei den Lieben.  O, wie sehne ich mich nach ihnen, zumal ich so leidend gegenwärtig bin und die Pflege meiner lieben Frieda bedarf. Weil hier gegenwärtig alles mobilisiert wird, fürchtet man sich, nur zu bald wieder dranzukommen.

 

5-III-42.  Noch immer unterwegs.  Haben keine Produkte und auch nur ein Paar Rubel Geld und noch keine Gelegenheit weiter zu fahren.  Gedenken Heute zu Fuß loszulegen; wie ich das mit meinem schlimmen Fuß zustande bringen soll, weiß ich nicht.

Habe eben über 3 Stunden in der sogenannten “Stolowaja”
der Speise- oder Eßsaal
zugebracht und um etwas Suppe gebeten und umsonst. Wann wird sich das Elend mal aufhören?!

7-III-42.  Gestern spät abends haben wir uns nach sechsmonatlichen Scheiden alle wiedergefunden, und zwar in einem kleinen sibirischen Häuschen des Dorfes “Motogul”, Pavlodarschen Gebiet.  Es ist eine wunderbar gnädige Führung.  Frieda ist sehr abgemagert, Heini ist sehr gewachsen und sehr selbstständig geworden, am wenigsten hat sich Erika verändert.

Hatte eben eine schwere Mission zu erledigen, vor der ich mich schon lange fürchtete, und zwar Frau Käthe Esau die traurige Nachricht über den Tod ihres Mannes zu übermitteln.

 

8-III-42.  Einen Tag in meiner Familie verbracht.  Zu erzählen haben wir uns ohne Ende, denn erlebt haben wir ein jeder im einzelnen im Laufe eines halben Jahres mehr als die meisten früher im ganzen Leben.  

Die Freude über unser Wiedersehen ist unbeschreiblich, trotzdem sehr primitiven Lebensverhältnisse, in die wir hinein geraten sind. Hansi und ich haben uns schon sehr ergötzt an der ungewohnten Kost — dicker Weizenbrei und Schlichtmehlklöße, denn 6 Monat haben wir nur Suppen gegessen und nie etwas Dickes.  Unterwegs haben Hansi und ich viel gehungert, nur in den letzten 2 Tagen, als wir schon in Verbindung mit den Motoguler Kolchosniki kamen, war uns etwas mit Brot geholfen. Der Vorrat im Hause ist etwas 5 Kilo Weizen.

 

9-III-42.  Heute morgens wurde mir von der Verwaltung des hiesigen Kolchos der Posten als Leiter der Viehfarm angetragen.  Ich habe es einstweilen abgelehnt. Weil mein Fuß ziemlich angeschwollen ist, kann ich eigentlich noch nichts konkretes mit meiner Arbeit unternehmen.

Frieda und Hansi nahmen soeben eine Decke und etwas Watte und gingen auf die Suche nach Produkte. Frieda hat eine blaue Decke vertauscht auf 1 Pud Kartoffel und ½ Pud Weizen.

 

14-III-42.  Allem nach hat sich mein und meiner Familie weiteres Schicksal für die nächste Zukunft geregelt.  Ich habe nämlich eben die Stelle als Zootechniker auf eine der Farmen des Октябрьский совхоз angenommen.  Vor einem halben Jahr hätte ich mich wohl sehr bedacht, eh’ ich diese Stelle angenommen, zumal es da mit dem Kranken und Fallen des Jungviehes schlecht steht.  Heute jedoch, wo die Brotfrage alles entscheidet und ich mit meiner Familie ohne Brot sitze, ist keine Zeit lange zu bedenken. Sollte ich dann nicht leisten können, was andre leisten?!  

 

16-III-42.  Heute ist eigentlich ein sehr wichtiger Tag für mich, und zwar mein fünfzigster Geburtstag.  Wie würden wir diesen Tag doch kennzeichnen und feiern in normalen Verhältnissen. Zudem, alle meine Vorfahren und Verwandten befanden sich an ihrem 50. Geburtstage nach etwas 25 Jahren produktiver Arbeit in ihrer Wirtschaft in gesicherten materiellen Verhältnissen.

Und Heute?!  Ich mit meiner Familie bin so arm, wie nur jemand arm sein kann. — außer etwaigen Lumpen haben wir absolut gar nichts, keinen Stuhl, keinen Tisch, kein Bett usw. und nicht einmal einen eintägigen Vorrat von Produkte und auch nicht die Mittel dazu, selbige anzuschaffen.  Zudem schwache Gesundheit und Kräfte.

Morgens ging ich mit schlimmen Fuß nach dem 10 km entlegenen Staatsgut, wo ich in Arbeit zu treten gedenke.  Mit großen Schmerzen am Fuß legte ich mit großer Mühe diesen Weg durch die sibirische schneeige Steppe zurück.  Weil mein Fuß so schlimm ist, riet mir der Arzt, einst weilen noch nicht an die Arbeit zu treten.

 

17-III-42.  Kehrte 4 Uhr des Morgens von Sowchos mit einem Traktor zurück nach Motogul.  Ich war froh, dass ich meiner Familie ein Brot von 5 Kiligramm bringen konnte.

 

18-III-42.  Einem will die Lage manchmal ganz fetal scheinen. Ich kann nicht an die Arbeit treten weil es mit meinem Fuß immer schlechter wird und zum Arzt ist nicht zu kommen, weil er 10 km entfernt wohnt.  An Produkten haben wir etwa 5-6 Kilo hintersten Weizen behalten.  Unsre Wirtsleute, mit denen wir im Zimmerchen zusammen wohnen, wollen uns gerne los sein; es ist auch beinah nicht möglich so weiter zu leben. Mit einem Wort, wenig Perspektiven für Heute. Es geht noch immer weiter bergab.  Man frägt sich manchmal, wie tief es wohl noch hinunter gehen soll. Jedoch!  Mut!

Als täglichen Besuch haben wir Frau Käte Esau, die sich bei uns etwas Trost holen kommt.

Ich sitze mit bebummelten Fuß.  Erika remontiert Strümpfe und Handschuhe; hin und wieder hilft sie Heini das Jungvieh tränken, oder holt Buttermilch aus der Butterei.  Inzwischen spielt sie mit den Wirtsleuten ihr Kind auf der лежанка.  Erika ist sehr beliebt bei den Wirtsleuten.  Trotz der schweren Zeiten ist sie immer mutig und froh.  Frieda ist viel beschäftigt mit Getreide beischaffen und selbiges auf der Handmühle vermahlen.  Eine schwere Frage ist immer die Brennungsfrage.

 

19-III-42.  Noch immer Schnee und Frost.  Ach, das Sibirien.  Wie anders wird es doch schon in unsrer Heimat sein. Wann gibt’s nochmal einen Frühling in unserm Leben ?!

Frieda hatte soeben einen großen Skandal mit unsrer Wirten wegen ______. Es ist eigentlich auch eine peinliche und unangenehme Geschichte.  Ich bemühte mich ja mit der Frau die Sache beizulegen. 

 

20-III-42.  Heute Morgens, legte ich wieder los zum Sowchos, trotzt des schlimmen Fußes um an die Arbeit zu treten. Zu Frühstück stellte mir Frieda etwas Weizenbrei hin; die liebe Erika gab mir dazu ihr Stückchen “korjik”, das sie abends aufgespart hatte, denn sie war ja immer bereit alles abzugeben.  Frieda backte auf dem Herd noch einige “korjik” für jeden zu Frühstück.

Eh ich losging, kam mein liebes Kind und steckte mir noch rasch in die innerste Paltotasche einen korjik hinein.  Und so wanderte ich los und ahnte es nicht, dass ich mein liebes Kind zum letzten mal gesund gesehen hatte. Fand dann Gelegenheit etwas zu fahren.

 

23-III-42.  Den 3. Tag sitze ich im Sowchos “Октябрьский”.  Heute fahren wir auf die Farm die ich annehmen soll.  Weil die Lage da so katastrophal ist mit dem Fallen des Viehes, möchte ich im letzten Moment noch absagen.  Genug, Heute muss es sich entscheiden, ob ich hier antrete, oder nicht.  Möchte man nur das Richtige treffen.

 

24-III-42. Morgens, nach der ersten Nacht auf der Farm N3 Habe fast nichts geschlafen, so bissen mich die Wanzen. Zwar ist die Lage auf der Farm fatal, immer hin bin ich geneigt die Arbeit hier anzunehmen, denn ich kann keinen Tag länger ohne Verdienst leben.  Ich hoffe der verannahende Frühling wird die Lage auf der Farm verbessern.  Zudem sagt mir jedermann, dass ich doch nicht Schuld bin an dem Fallen des Viehes, da die Ursache weit zurück in der Vergangenheit liegt. 2 Uhr mittags. - Bin als Zootechniker auf der Farm N3 angestellt.  Jetzt heißt es arbeiten.  Möchte ich doch Erfolg haben.  So rasch wir möglich, muss meine Familie her.

 

29-III-42. Die ersten Tage meiner Arbeit sind sehr schwer; Sturmwetter.  Die Familie geht daher nicht hinüber zuholen, wodurch mein persönliches Leben sehr beschwert ist.  Auf der Farm will’s überall nicht klappen.  Die Kälber fallen ununterbrochen weiter.  Die Untersuchung seitens der Untersuchungsorgane werden immer weitergeführt. Immer Prokuror und sonstige Behörde.  Es wird fast unheimlich.

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Eine fast 4-monatliche Unterbrechung im Tagesbuchführen.

 

15-VII-42.  Steile Abgründe hinab!!  Wir dachten, die Täler seien schon so tief, die wir durchwalten mussten, und ahnten es nicht dass es noch sehr viel tiefer gehen sollte!  

 

Die Lage auf meiner neuen Dienststelle nahm mich so in Anspruch, dass ich nur kaum 3-4 Stunden den Tag schlaffen konnte.  Immer auf den Beinen, zudem der schlimme Fuß. Immer wieder bat ich darum mir doch zu erlauben, meine Familie zu holen, die etwas 27 km entfernt wohnte.  

Den 27. März - gegen Abend sagte mir unser Verwalter, dass mich meine Familie verlange und ich daher fahren konnte.  Es sagte es in so einem Ton, dass ich darauf nicht mal acht gab.  Ich entschloss mich den andern Tag des Morgens zu fahren. Des nachts schlief ich zum ersten mal in dem für uns fertig gemachten Zimmerchen.  Ich schlief auf dem Herd.  Morgens legte ich auf einem Frachtschlitten mit 2 Pferde los.  Es war kalt. Wie ich mich etwa um Uhr 3 dem Dörfchen Motogul nähere, begegne ich plötzlich einen Schlitten mit einem Pferdchen.  Nichts ahnend fahre ich aus dem Weg und erschrak, als auf dem Schlitten Heini und Frieda mit sehr ernsten Gesichtern erblickte.  Ich witterte sofort ein Unglück und eh’ ich noch herunter gestiegen, hatte mich Frieda schon in kurzen Worten informiert, dass sie Erika ins Krankenhaus fuhren und das sie sterbenskrank sei.  Ich eilte zum lieben Kind und rief sie; jedoch sie lag im Delirium und sprach ununterbrochen. Sie war den 3. Tag krank.  Mit einem Bläschen am Finger hatte die Krankheit begonnen und die t° war fast über 39° gestiegen. Ich setzte mich sofort auf ihren Schlitten und fuhr mit ihnen ab zurück zum Krankenhaus und Heins nahm meinen Schlitten und fuhr ins Dorf. Unser junges Pferdchen wollte nicht sehr, aber ich peitschte immer wieder auf, um keine Minute zu verlieren. Frieda meinte immer wieder, es sei schon zu spät, da unser liebes Kind schon sterbe. Im Krankenhaus wurden wir sofort angenommen und Erika ins Bett gelegt. Frieda durfte bei ihr bleiben und ich musste abfahren. Unterwegs hab ich zu Gott geschrieen und um die Errettung unsers einzigen Töchterchens gefleht. Abends kam ich zu unsern Jungen ins Quartier.  Futter für die Pferde hatten wir nicht.  Zu essen auch nicht was. Frieda und Erika waren nicht im Zimmer.  Trotzdem das kleine Zimmerchen voll war, war es doch so furchtbar leer. Am andern Morgen früh fuhr ich zum Krankenhaus und fand unser liebes Kind im schweren Zustand, die Halssehnen steif und der Kopf etwas nach hinten gezogen und fortwährend im Delirium. Meningitis stellten die Ärzte fest. Das war ja hoffnungslos und man wagte es kaum bei dieser Krankheit eine Genesung zu wünschen, das meistens der Blödsinn als Folge bleibt. Frieda und ich waren furchtbar verzagt.  Uns fehlte ein guter vertrauensvoller Arzt, wie etwa Dr Strauss, der unser liebes Kind so oft behandelt hatte.  Zweimal zu einer halben Stunde durfte ich bei ihr am Bette sein.  Erika sprach ununterbrochen deutsch und russisch von all den Tagessorgen, die uns allen so ganz in Anspruch genommen. Ich legte ihren Arm zweimal um meinen Hals; einmal drückte sie mich auch, was mir unwillkürlich die Tränen aus die Augen pressten.  Ich sprach mit ihr, sie antwortete auch so halb und halb; manchmal schaute sie auch mir ins Auge, aber meistens schweifte Blicke über einem hinweg. Sie war immer bewustlos und hat kaum was gespürt, was uns oft tröste.  Ich verabschiedete mich dann von meinem lieben, lieben Kinde, was mir so viel Sonnenschein in dieser so furchtbar dunklen Zeit war.  Ich merkte, wo es mit ihr hinging.

Der beständige Hunger und die physische Schwäche hatte unsre Gefühle etwas ausgestumpft und man empfand nicht so tief, wie jetzt nach fast 4 Monat, wo wir etwas gesättigter sind. Frieda blieb wiederum da und ich musste zurück, um zu packen und den andern Tag mit den Sachen und beiden Jungen zur 3. Farm loszulegen. Abends wie auch den andern Morgen hatten wir mit den Jungen nichts zu essen.  Wir packten unsre Sachen, legten sie des Morgens auf den Schlitten und fuhren ab.  Beim Krankenhaus angekommen, kommt uns Frieda schon entgegen, mit der furchtbaren Nachricht, das unser liebes Kind schon nicht mehr am Leben sei und 9 Uhr abends den 29 März gestorben sei.

Sterbeurkunde von Erika

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Wir standen zu viert draußen im Schnee beim Schlitten mit einem kleinem Häufchen Sachen und weinten.  Was nun zu tun?  Mit unserm ganzen Hab und Gut mitten auf der Strasse, arm und hungrig, hinter uns die schwere sorgenvolle Vergangenheit und das enge Quartierchen, aus dem sie uns schon mit Gewalt raus haben wollten, vor uns die dunkle Zukunft, der sehr schwere Dienst, hier im Krankenhaus der Leichnam unsers liebsten Kindes, zudem keine Teilnahme und absolut niemanden gingen wir was an. Wir standen im Schnee und berieten. Ich ging die entsprechenden Formalitäten im Dorfsrat zu erledigen und dann durch die Direktion etwas Brot zu verschaffen.  Trotz des großen Schmerzen aßen wir das Brot.  Wir entschlossen uns mit unsern Sachen weiter zu fahren, während Frieda dableiben und einen Sarg bestellen sollte und wir sie dann am andern Tag mit dem Leichnam zusammen holen wollten. Weil wir alle und auch Frieda so abgemagert und hungrig waren, konnten wir sonderbarer Weise die darauffolgende Nacht essen auch schlaffen.  Ich verschaffte etwas Mehl, Kartoffel und Eingelegtes. Heini fuhr den andern Tag mit einem Schlitten und Schimmel Frieda mit den teuren Leichnahm unsers lieben Kindes holen. Ich musste an die Arbeit und Hansi besorgte den Haushalt.  Das Wetter war schlecht, zuerst regnete es, dann schneite es und schließlich fing Schneegestöber an.  Wir waren sehr besorgt um Frieda und Heini mit der Leiche.  Immer wieder schaute ich aus, ob sie nicht schon kämen. Spät abends kamen sie schließlich auf, furchtbar verfroren, die Kleider hartgefroren. Den Sarg mit unserm lieben Kinde stellten wir in einem kleinen Polen gehörenden Scheuerchen von etwa 2 Meter lang,  und wir eilten hinein um unsre verfrorenen aufzuwärmen. Hansi hatte einen Borschtsch gemacht.  Als wir gegessen hatten, legten wir uns Heu hin und schliefen.

Um 4 Uhr Morgens musste ich ja wieder auf meine Arbeit, wärend Frieda mit den Jungen dann später in unserm kleinen Zimmerchen etwas Ordnung schafften;  die Wirtschaft borgte uns einen Tisch und eine Bank.  Mehr Möbel haben wir denn auch bis Heute keines.

Am 1 April - Schneegestöber; der Sarg mit dem Leichnahm unsers lieben Kindes war auch sehr beschneit.  Unsre Jungen mit noch einem Arbeiter der Farm versuchten das Grab in der durch und durch gefrorenen Erde zu graben. Vom ertsen auf den 2. April des Nachts hatten wir den Sarg mit Erika im Zimmer stehen.  Hatten schwere Stunden, und doch der große und beständige Hunger und die Mattigkeit machte es möglich, dass wir aßen auch schliefen. Meine liebe Frieda musste ganz allein unter viel Tränen die Leichnam unsers lieben Töchterchens fertig machen. Zu viert versammelten wir uns dann um den Leichnam unsers lieben Kindes. Eine furchtbar Einsamkeit in dem grausig kalten Sibirien.

Inzwischen musste ich immer wieder fort auf meine Arbeit und es waren nur Minuten die ich mir nahm, um zu Familie zu eilen.

Erst den 3. April des Morgens konnten wir unser liebes Kind zu Grabe tragen.  Wir stellten den Sarg auf einen kleinen Schlitten und unter Begleitung unsrer Familie von 4 Personen fuhren wir mit unserm lieben Kinde zum Kirchhof, welches unweit der Farm hoch am Ufer des Irtysch ebene gelegen ist. Es sind einige russische und kasachische Gräber. Unter großem Schmerz und viel Tränen begraben wir zu viert - d.i. Frieda, ich und unsre lieben Jungen unser teures Kind. 

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Somit war uns unser Sonnenschein in dieser so furchtbar dunkeln Zeit genommen.  Wir können es nicht fassen, dass das geschehen, und man will fast irre werden an allem.  Der Grabhügel ist immer aus unsrem einzigen Fensterchen zu sehen und besonders beim Abendbrot. Es vergeht nicht ein Tag, wo meine liebe Frieda, die elf Jahre ununterbrochen mit unserm lieben Mädel zusammen gewesen ist, nicht viel Tränen um unser Kind weint. Sie ist so viel allein, denn wir drei sind immer außerhalb des Quartiers auf Arbeit. Ich jedoch bin immer von 4-5 Uhr des Morgens bis 12 Uhr abends in gespannter Arbeit und man lässt mir keine Minute Zeit, an unsern großen Schmerz zu denken. Unsre lieben Jungen tragen auch sehr leid um ihr einziges Schwesterchen, sie verheimlichen jedoch ihre Tränen. Ach, unsre Einsamkeit! Wann werden wir noch mal mit unsern lieben allen zusammen sein können?!  Dann würde auch unser Schmerz etwas gelindert werden.

Unsre liebe Erika schlug ihrem Äußern und Charakter nach so ganz in die Linie meiner lieben Mutter. Sie war von Natur heiter und hatte einen festen Charakter, energisch und entschieden. Um sie scharrten sich bald viele andre Kinder, unter denen sie dann die leitende Rolle spielte.  Sie liebte die Arbeit und hatte Sinn für Schönheit und Ordnung.  In der Schule lernte sie immer alles auf Ausgezeichnet, auch die Nebenfächer wie Schönschreiben und Zeichnen. Sie hatte ein fein geschnittenes Gesicht mit steiler Stirn, feiner gerader Nase, fein geschnittenen Mund und tiefe kleine Augen, grau-blau, blondes Haar.  Sie war nicht groß und mager. Sie war ein wirkliches Band in unsrer Familie.  Ihre Liebe zu uns mochte sie immer wieder beweisen und mit den Worten “mein liebes Mamachen, mein liebes Papachen” umarmte sie uns dann immer, und wenn möglich, beide zusammen.  Ohne sie konnten wir uns daher unser Familienleben gar nicht denken. Im Essen war sie wählerisch und mochte wenig, aber gute Speisen. Kleinere Kinder liebte sie sehr und mochte sie gerne bedienen oder sonst mütterlich in Schutz nehmen. Sie schwärmte so für ihre liebe nahe Verwandte alle, die sie im Leben nicht gekannt, und die sie noch so gerne alle mal sehen möchte.  Sie war stolz darauf dass wir sie mit Onkel Peters Tante Anna vergleichten.  Erika hatte verhältnismäßig wenig Gelegenheit singen zu lernen; sie hatte jedoch eine schöne Stimme, die schon zu vibrieren begann. Sie hörte gerne, wenn Frieda und ich deutsche Lieder sangen, denn andre Gelegenheit gab´s keine. Besonders gerne hörte sie Weihnachtslieder.

 

17-VII-42.   Seit dem 28-VI bin ich krank an der Grippe, die mich furchtbar geschwächt und abgezerrt hat.  Etwa eine Woche lag ich im Ortjabischen Krankenhause.  Meine t° stieg einige Tage fast bis 40°.  Schon über 20 Jahre bin ich nicht so krank gewesen.  An meiner Statt war zeitweilig ein andrer Zootechniker angestellt.  Gegenwärtig jedoch bin ich ganz meines Posten enthoben und werde als Brigadier für Jungvieh und (russ.) angestellt. Man findet mich nicht für ganz tauglich für die Arbeit als Zootechniker solcher Farm - ich verfahre mit meinen Unterstellten zu milde und bin nicht genügend grob und energisch.  Mit einem Wort zu intelligent für diese sibirische Verhältnisse. Man braucht hier Brigadiere, aber nicht Zootechniker.

Habe eine furchtbar schwere Zeit hinter mir auf dieser Farm.  Über 2 Monate fiel das Jungvieh ununterbrochen, trotz all der Mittel, die angewandt wurden.  Bis 10 Stück jährige Kälber fielen an einem Tag.  Ich ging daher fortwärend unter der Last eines furchtbaren Alpes.  Tagtäglich kamen Komissionen, einzelne Vertreter, Spezialisten und Untersuchungsorgane, die die Sachlage untersuchten.  Kaum 10 Tage war ich in Arbeit, so passierte ein großes Unglück auf der Farm, des Nachts auf den 9.IV. bei Sturm Regen und Schnee stürzte ein Kälberstall zusammen, in dem sich annähernd 200 jährige Kälber befanden.  Ich war kaum eingeschlafen, so rief unser Politarbeiter zur Tür hinein, das ein Kälberstall eingestürzt sei und 144 Kälber erdrückt seien.  Ein furchtbarer Schreck, ich sah das Gefängnis schon vor Augen.  Alle Mannschaft war auf den Beinen und suchte mit Laternen in Schnee und Regen was zu retten sei. Faktisch waren nur annähernd 40 Stück zu Tode gekommen, sicher fielen in den kommenden Tagen noch viele von den erlittenen Verletzungen und Erkältung.

Der Grund des Kälberfallens war der, das alle jährigen Kälber  - etwa 400-500 Stück, an Hautkrankheit und Maulkrankheit erkrankt waren und infolgedessen furchtbar mager und erschöpft waren.  Kein Futter - weder Vollmilch noch Kraftfutter konnte sie wieder herstellen.  Und so ging es fort bis annähernd 400 Köpfe im ganzen gefallen waren. Der vorige (rus.), Veterinärfeldscher und ältester Zootechniker wurden als Hauptschuldner dieser Lage anerkannt und zu 5 bis 8 Jahren Gefängnis verurteilt. Unter dem Druck des furchtbaren Verlustes in unsrer Familie, des beständigen Alpdrükkens in meiner Arbeit, der Schlaflosigkeit und sehr knappen Kost , war mein Nervensystem und Körper furchtbar zugerichtet. Ende Mai fuhren wir mit unsrer Milchfarm auf die 50 km entfernten Weidesteppe über. Bis dahin waren die Kälber von 1942 noch immer schön gesund, und wenn das Fallen der älteren Kälber der früheren Leitung zur Last gelegt wurde, so konnte eventuell ein Abgang der jungen Kälber mir in die Schuhe geschoben werden.  

Kaum kamen wir zur Weidesteppe und hatten das Vieh untergebracht, so erkrankten die Kälber und in kurzer Zeit fielen etwa 30 Stück.  Das war ein neuer Schlag und machte mir viel Aufregung und schlaflose Nächte.  Die Kälber waren nämlich an Paratyphus erkrankt. Heute ist das Fallen ganz zum Stillstand gebracht. 

In Mai wurde Hansi und ich plötzlich in den (russ.) gefordert.  Auf sieben Tage sollten wir uns mit Produkte fertig machen.  Außer etwas Brot und Mehl konnten wir ja nichts mitnehmen.  Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von Frieda und Heins.  Wie groß war abends unsre Freude, als die Ärztliche Komission uns beide für untauglich gefunden und frei gelassen hatte.  Das war ein Sonnenstrahl in der so dunklen Zeit. 

Am meisten leidet Frieda unter dem Druck des großen Verlustes, in unsrer Familie, weil sie immer für sich allein ist während wir auf Arbeit sind.  Es vergeht kein Tag, wo sie nicht furchtbar weint und trauert um unser teures Kind.  Ich habe jetzt während meines Krankseins starke Sehnsucht nach meinem lieben Mädel empfunden.  Es dauert einem so furchtbar, dass unser liebes lebensfrohes und heiteres Kind in dieser schweren Zeit hat müssen untergehen und nicht schönere Tage erleben können.  Bei diesem Gedanken will einem fast das Herz  zerbrechen.  Uns scheint, als ob wir nie mehr werden froh werden können,  als ob wir nie mehr werden singen können, was wir bis dahin doch so viel getan.

 

21-VII-42.  Bin schon wieder den 4. Tag  krank, t° bis 38°. Kopfschmerzen und Genicksehnen und Kniesehnen Schmerzen.  Puls immer über 100.  Wenn sich das mit meiner Krankheit in die Länge zieht, ist es nicht ausgeschlossen, dass ich von meiner gegenwärtigen Stelle absehen werde. Man möchte mir nicht gerne von hier weg, weil man hier regelmäßig 3 Liter Schleudermilch den Tag bekommt.

Hier in den Birkenwälder sind viel Erdbeeren;  Frieda hat auch soeben einige Eimer voll getrocknet.  Wie man die dann weiter ausnützen wird, wissen wir noch nicht.  Wir wohnen in kleine mit Lehm beschmierte Strandhäuserchen. Rundherum sind wir mit Wiese und Birkenwäldchen umgeben.  Unsre Jungen arbeiten schon einige Wochen in der Heuernte und voraussichtlich werden sie bis spät in den Herbst hinein dort arbeiten.  Sie wohnen dort in Heubuden. Es sind hier viel Wölfe und so manches Fohlen und Schaf wird zerrissen.  Heute wurde von unsern Frauen etwa 2-3 km ab 5 junge Wölfe angetroffen.

Im Mai und Juni Monat waren hier furchtbar viel Mücken, eine wahre Plage.  Heute sind sie weg.  Sonst gibt’s hier kein Ungeziefer, weder Schlangen noch Spinnen und dgl.

 

24-VII-42.  Bin schon den 6. Tag wieder krank, t° steigt bis 38,5°.  Gestern und Heute fühle ich mich schlecht. Kopfschmerzen und Hitze und schwaches Herz.  Zudem keine Medizin.  Meine Lage ist daher ziemlich fatal. Habe nur noch 2 Tage Befreiung, dann soll ich mich an eine medizinische Kommission wenden, falls die t° noch weiter so bleiben wird.  Solche Kommission wäre vielleicht in Katschiri 60 km entfernt.  Fuhrwerk wird einem keines zur Verfügung gestellt.  Zudem ist mein Zustand der Art, dass ich auch nicht große Stecken machen kann.  Nach jeder Fahrt zum Arzt verschlechtert sich mein Zustand und besonders nach der vorgestriger Fahrt. 

 

27-VIII-42.  Gestern fiel die Temperatur bis auf normal, habe viel geschwitzt und bin sehr schwach.

Im Laufe dieser Tage sind unsre Jungen beide vom Heuschlag zum ersten mal hier gewesen, zuerst Hansi, dann Heini - letzterer ist noch hier.  Sie kommen beide, um wenigstens einen Tag mal nach der ununterbrochenen schweren Arbeit bei ihren Eltern zu sein, etwas die Kleider waschen und remontieren zu lassen.  Hansi hatte einen schlimmen Arm, wurde jedoch vom Feldscher nicht auf einen Tag frei gelassen, so dass er mit schweren Herzen abfuhr, einmal weil ich so krank war und zweitens weil er auf Unausnehmlichkeiten hoffte seitens unsern Vorgesetzten, weil er eigentlich nicht befragte Erlaubnis herzukommen hatte. Wie es dann mit ihm ausgefallen ist , wissen wir noch nicht, jedenfalls hat man mit Akt aufstellen gedroht.  Heinz kam zu Fuß von der Zentral-(russ.) 28 km nach Hause; ganz abgekoddert.  Frieda hat rasch gewaschen und geflickt, so viel wie möglich, fast Flick auf Flick.

 

28-VII-42. Meine t° ist unter normal, bin daher sehr schwach.  Bin jedoch schon den zweiten Tag auf Arbeit des (russ.) der Farm.

 

30-VII-42. Die Kämpfe an der Front gehen ununterbrochen fort; laut letzen Nachrichten sollen die Städte Woronesch, Wolgograd, und Rostow gefallen sein.

 

6-VIII-42.  So öde und leer ist es in unsrer Familie da Frieda und ich schon fast zwei Monate ohne Kinder leben müssen.  Vor einem Jahr war unsre Familie noch in vollem Bestand und in verhältnismäßig normalen Lebensverhältnissen.  Heute sind wir alleine, wohnen in einem kleinen Hüttchen und unsre Ernährung heute ist nur einige Liter Schleudermilch und 0,6 Kilogramm bitteres Roggenbrot auf die Person.  Weiter haben wir absolut gar nichts - nicht eine Kartoffel und nicht einen Löffel Mehl.  Haben zwar einige Kilogramm Hafer, haben jedoch keinen Apparat zum selbigen zu Gritze oder Mehl verarbeiten.

 

10-VIII_42.  Jetzt da ich mehr sesshafte Arbeit tue und nicht so überbürdet bin mit Arbeit wie bis jetzt,  überkommt mir oft so ein Sehnen nach meinen lieben verschiedenen Kindern, dass mir sehr beklommen wird und nach hinauslaufen ist.  Zudem noch unsre furchtbare Einsamkeit.

 

12-VIII-42.  Frieda ist schon den 2. Tag Kuhhirte;  als Gehilfe hat sie 2 Kinder - ein estischer Junge und ein russisches Mädel.  Wer hätte das geahnt, dass Frieda nochmal in Sibirien wurde Kühe weiden im Alter von 46 Jahren. Es hat des Nachts 2 mal sehr geregnet, so das es in unsrer Hütte ziemlich durchregnete.

 

13-VIII-42.  Es wird schon kühl hier in Sibirien.  Ach, könnte man doch zum Winter wieder zurück in unsre Gegend. Heute morgens eilte Frieda und ich zum Brunnen, um Wasser für die Kuhherde aufzuholen; inzwischen ging sie Frühstück essen, um fertig zu sein, wenn die Herde gemolken ist. Dann jagt sie die Herde ab.  Ich sitze an der Halbmonatsrechnung. Es ist bald Mittag u. wir haben eigentlich nichts, wovon wir Mittag machen könnten, nur etwas Schleudermilch, was wir auch zu Frühstück hatten.   Wie lange werden wir noch so in Not leben?!

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15-VIII-42.  Frieda ist gestern zur Farm gefahren, wo sie unsre Jungen auf der Heuernte besuchen und unsre Kartoffel behäufeln will.  Sie fuhren Gestern Uhr 6 des Abends zu viert auf einem Zweiräder mit 2 Kühen bespannt und einem Fass mit Milch und einem Bidon mit Käse beladen.  Sie wollten die ganze Nacht hindurch fahren, um heute Morgens anzukommen.  Frieda wird sehr ermüden und wohl auch frieren denn es ist schon kühles Wetter.  Ich bin jetzt ganz allein, habe nichts zum kochen, ernähre mich den Tag über von Schleudermilch und Brot.          

 

16-VIII-42.  Hab wieder Unruhe und Unannehmlichkeiten.  Unser neue Zootechniker ist erkrankt und heute auf einige Tage weggefahren und mir die Leitung übertragen.  Wäre alles in Ordnung, hätte ich auch nichts dagegen.  Man hat jedoch Gestern eine sehr erregende Entdeckung gemacht - es sind nämlich in einer unsrer Kälberherde 4 Kälber an Maulkrankheit erkrankt.  In Anbetracht der furchtbaren Erfahrung unsrer Farm im vorigen Winter und Frühling, wo annähernd 400 Köpfe infolge dieser Krankheit fielen, ist dies eine sehr drohende Erscheinung.  Zudem soll ich mir ganz die Leitung über das Jungvieh übernehmen. Wann wird man mal Ruhe und dauernde Ruhe im eigentlichen Sinne dieses Wortes haben?!

 

18-VIII-42.  Heute morgens habe ich bei meiner Arbeit schon gründlich gefroren und wie schön und warm wird es in unsrer Gegend sein, zudem das Obst, Gemüse usw.  Ach, wann kommen wir wieder dahin.

 

1-IX-42.  Vor einigen Tagen fuhr ich mit meiner Monatsrechnung zur 55 km entlegenen “Farm”.  Nahm etwas Käse mit, um unsern Jungen in ihrer schweren Feldarbeit etwas Freude zu bereiten. Hansi traf ich auf dem Hin-  auch Zurückwege.  Heini kam den 2. Abend direkt von der Arbeit auf den Heuschlag zu mir.  Ich hatte ihn schon einige Weilen nicht gesehen.  Nachdem ich mich über dem Befinden und Arbeit erkundigt, gab ich ihm etwas Käse, Pomidoren und ein Paar Stück gebratene Leber, die wir von der vor kurzen von den Wölfen zerrissenen Kuh bekommen hatten. Ich begleitete ihn dann etwas auf seinen Rückweg.  Es war finster Abend und er sollte eine gerade  Strecke über die Wiese zu ihrem Lager zurücklegen.  Er freute sich , dass er einige Tage bis einem Kilo Brot verdiene, weil er die Norm des Heufahrers manchmal überfüllte.  Anfänglich habe er sich nach uns gebangt, während jetzt es schon ginge. Gesund sei er sonst,  an die Arbeit müsse er jedoch gründlich dran.

Am andern Tage abends musste ich zurück auf die 55 km entlegenen Weidesteppe.  Ich fuhr bei Hansi, der auf der Haferente arbeitet, an.  Er hatte an dem Tage gerade Unglück gehabt.  Er war von der Deichsel seines Leiterwagens heruntergefallen und unters Vorderrad gekommen.  Er emphand jetzt Schmerzen an der rechten Seite der Brust.  Der Verwalter sagte ihm nur, er soll nicht schlafmützig sein und sofort wieder weiter arbeiten. Es war 10 Uhr abends und der Mond war noch nicht aufgegangen.  Wir setzten uns auf einen Trog, aus dem meine Pferde aßen und aßen zusammen etwas Käse, Pomidoren und Arbus.  Den Rest der Käse  und einige Pomidoren schüttelte ich ihm in die Mütze hinein.  Nach innigem Gespräch über unser gegenwärtiges Familienleben, verabschiedeten wir uns und ich fuhr ab.  Morgens um 7 kam ich erst “zu Hause’ an.  Die ganze Strecke von über 50 km traf ich nur einmal Menschen.

Ich war sehr besorgt,  wie ich Frieda antreffen würde, denn ich hatte sie krank verlassen.  Zu meiner großen Freude war sie schon wieder hergestellt.  Ich konnte ihr eine Freude bereiten mit Pomidoren, 5 Arbusen und 5 Kilo Schlichtmehl.

 

7-IX-42.  Mit den Wölfen nimmts ganz überhand.  Vorgestern traf unsre Veterinärfeldscherin 2 Wölfe am Tage ganz nahe bei unsrer Farm.  Wie ich eine Stunde später in eine andre Richtung fahre, treffe ich auf einer Stelle vier Wölfe. Zum ersten Mal in meinem Leben in der freien Natur so eine Gruppe Wolfe gesehen. Bin wieder zeitweilig als Zootechniker unsrer Farm angestellt, eigentlich bis zur Genesung unsrer Zootechnikerfrau, die im Krankenhaus liegt.

 

8-IX-42.  Habe Heute bis Mittag Kühe geweidet.  Früh morgens wurde ich geweckt, weil man eine Melkerin mit gestohlener Milch gefasst hatte.  Es ist eine junge deutsche Frau.  Wir müssen Heute noch entsprechende Schritte ihr gegenüber unternehmen.  Einstweilen ist sie als Melkerin heruntergenommen. Mir scheint’s so, dass alle hier auf der Farm, denn irgend wie sich Gelegenheit bietet, Vollmilch stehlen.  Ich kann wohl mit Bestimmtheit behaupten, dass wohl nur ich allein hierin noch eine Ausnahme bilde.  Und unsre nächsten Vorgesetzten, denen dieses Diebstahl bekannt ist, nehmen wenig Notiz davon, und lassen sich von den Großen unter ihnen für einen Eimer Kartoffel, etwas Schmand und Eier bestechen.  Wo will das hinaus !?

 

20-IX-42.  Frieda ist gegenwärtig Melkerin und zudem Heute noch Dejourierende, so dass sie voll auf zu tun hat.  Das Melken würde ihr an und für sich nicht so schwer fallen, da die Kühe hier gegenwärtig nur wenig Milch geben und Frieda von ihrer Gruppe 8-10 Kühe nur 25-30 Liter melkt.  Besonders schwer fällt ihr das Wasserraufholen und Centrifuge drehen. Morgens fragte sie schon, was für ein Tag wohl heute sein möge; ich weiß das schon lange nicht mehr, da ich jegliche Rechnung hierin verloren habe, und es überhaupt auch schon keinen Sinn mehr hat, danach zu achten.  Jetzt gegen abend sagt Frieda, dass es Heute wohl Sonntag sein müsse. 

 

Nach zweitägigem kalten und stürmischen Wetter, ist heute mal wieder ein stiller und sonniger Tag. Heute trauern wir beide mal wieder ganz besonders um unser liebes Mädel und so manches tritt wieder in Erinnerung aus der Vergangenheit, wo wir so glücklich mit unserm Kinde noch zusammen waren.  Ganz besonders glückliche Stunden erlebten wir vor einem Jahr auf der Station Jasniowataja. als Frieda und Erika uns vor unsrer Abreise nach dem Ural besuchten.  Unter vielen Hunderten unsers Gleichen, saßen wir auf dem Grase im Parke und feierten unsern Abschied; unser liebes Kind lag auf meinem Schoß und schlief, denn sie war müde von der physischen und geistigen Anstrengungen der letzten 2-3 Tage.  Es waren sehr innige und glückliche Stunden.  Ich kann jedoch nicht vergessen wie erregt sie auf unsre und besonders Friedas Tränen vor unserm Abschied schaute. Wie fehlt uns unser liebes Kind in unsrer so furchtbaren Einsamkeit!  Nein, es scheint so, als wenn wir nie mehr werden froh sein können.  Alles hat seinen Wert verloren.  Nur noch ein Wiedersehen mit unsern lieben Geschwister könnte uns etwas aufrichten. Wir warten heute eigentlich auf unsern Hansi, da ich unsern Vorgesetzten gebeten habe, Hansi seines Gesundheitszustandes halber etwas frei zu lassen.  Wann werden wir mal wieder mit unsern Kinder zusammen leben können; wann werden wir mal wieder unser Familienleben wiederherstellen können?! Ach, diese furchtbare Einsamkeit! Von Natur aus waren eigentlich jegliche pessimistischen Stimmungen immer fremd - und Heute gibt’s Stunden . . . nein!  So darf ja man nicht!

 

1-X-42.  Es wurde uns berichtet, dass unser Hansi schon seit Gestern morgens zu Fuß unterwegs zu uns ist.  Die Uhr ist schon elf und bis jetzt war noch immer keine Spur von ihm, was uns sehr beunruhigt, da die Wölfe bei uns schon sehr frech geworden sind. Soeben erblickte ich durchs Fenster wie Frieda auf dem Wege nach Holz einen Fußgänger herzlich begrüsst, es ist unser Junge.  Gott sei dank!  Sofort müssen sie beide in unser Hüttchen eintreten.  Wann werden wir mal wieder zusammen in friedlichen Familienverhältnissen leben können?! 60 Kilometer zu Fuß; auf einem Fuß einen unterwegs gefundenen Galoschen, auf dem andern Fuß ein Stück Kalbsleder. 

 

11-X-42.  Vor 1-2 Jahren habe ich manchmal gedacht an die Zeit, wenn man ganz alt sein wird, die Kinder alle schon von Hause sein werden und man dann allein sein wird und wie es dann doch einsam sein müsste.  Und heute scheint die Zeit für uns schon da zu sein; wollen jedoch hoffen, nicht für immer.  

Bin schon eine Woche ganz allein in diesem sibirischen Walde, Frieda ist auf dem Sowchos und gräbt die Kartoffel aus, unsre Jungen sind seit dem Frühling auf der Heuernte; und so sind wir auf 3 Stellen zerstreut etwas 50 km von einander, und weil es keine Ruhetage gibt, so gibt’s auch keine Gelegenheit zusammen zu sein. Das sibirische Wetter scheint schon ziemlich unfreundlich zu werden und so sind wir immer der Gefahr ausgesetzt uns zu erkälten, und besonders unsre Jungen die bis vor kurzen noch in ihren Heubuden Tag und Nacht wohnten; zudem die dürftige Kleidung und Nahrung. Mein Lehmstrauchhüttchen ist trotz des öfteren Heizens kalt, weil der Wind durch Tür und Dach pustet. 2 mal den Tag koch ich mir etwas Essen. Weil ich so sehr vernommen bin und ich keine Auswahl in den Produkten habe, steht mit meinem Tischzettel nur ärmlich. Prips
ein typisch mennonitisches Getränk, das einen koffeinfreien Kaffee aus gemahlenem Weizen immitiert
des Morgens, Prips des Abends und dann und wann eine Milchmus aus Schleudermilch. Gestern schrieb mir Frieda gelegentlich, dass ihr die Schleudermilch schon sehr fehle. Hansi klagt, dass ihm die Arbeit einfach zu schwer wird und er doch möchte irgendwie auf eine andre Arbeit übergehen. Leider verfügen wir nicht frei über diese Frage.

Heute vor Sonnenaufgang ging ich in den Birkenwald nach Strauch, eine Stille herrschte im Walde, wir man sie bei uns nicht gekannt, die Erde liegt voll gelben Blätter und man geht wie auf Teppiche.  Wunderschöne Natur. Die Sehnsucht jedoch nach unsern lieben Mädel, die Sehnsucht nach unsern glücklichen Familienleben, nach unsern lieben allen, nach unser Heimat, nach einen Heim, nimmt jegliche Freude an dem was noch schön genannt werden könnte.

 

12-X-42.  Den Tag über regnete es Heute.  Ich bin noch immer ganz allein.  Stopfte eben die Ritzen in unsrer Tür zu, denn der Wind schlägt gerade an sie heran; auch im Dach, was gleichzeitig auch die Decke unsers Zimmers bildet, war noch ein Loch, das ich mit Lehm und Erde zu schüttete.  Das Herdchen, welches Frieda und ich vor kurzen aufgeklebt haben, habe ich angeheizt und hoffe diese Nacht etwas wärmer zu haben.  Sitze bei Licht, das ich vor kurzem aus einem kleinen Fläschchen und Wollfäden konstruiert habe, und mache die Halbmonatliche Abrechnung über Milchproduktion und Viehbestand unsrer Farm. Die Wölfe hier werden immer frecher; gestern Abend haben sie auf dem Hof ein Rind zerrissen. 

Mein Pelz ist schon sehr zerrissen, und es sind fast keine Knöpfe mehr dran; meine Schuhe trage ich auch ohne Schnüre. 

 

15-X-42.  Regen und kalter Wind; Frieda ist seit gestern unterwegs von der Farm hierher; wie wird sie nur frieren. Wahrscheinlich geht sie jetzt zu Fuß zwischen den Zentraljnaje und Motogul.  Wie viel Strapazen muss man doch jetzt immer wieder durchmachen.  Möchte sie sich nur nicht erkälten.  Und unsre Jungen — wie mag’s den nur gehen in diesem rauhen Wetter und dann in den provisorischen Hütten. Gestern überkam mir im Zusammenhang mit all diesem eine schwere Stimmung; die furchtbare Einsamkeit! zudem die große Armut.

Erfuhr eben, dass Frieda sich nicht wohl gefühlt haben soll, was mich jetzt noch mehr beunruhigt.  Sie hat es zu schwer mit dem Kartoffelgraben gehabt.  Möchte sie nur erst mal wieder gesund und wohl erhalten bei mir sein. Leider wird sie sich nicht hier ausruhen können, denn um 1-2 Tagen sollen wir zurück nach der Farm übersiedeln.

 

16-X-42.  “Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!”

Mein ganzes Leben lang hab ich nicht so viel geseufzt, wie im Laufe dieses verflossenen Jahres.  Möchten doch noch schönere Zeiten kommen. Immer wieder schaue ich durchs Fenster hinaus ob Frieda noch nicht kommt. Was ist doch das Leben ohne nahen lieben Menschen.  Das Wort von der Liebe ist doch ein sehr wahres Wort. Wie ein Alp lastet auf einem diese liebeleere Umgebung.

 

3-XI-42.  Noch immer tiefer scheinen uns die Wege zu führen. Alle Deutsche hier — Männer und Frauen, im Alter von 16 bis 45 (Frauen) und 55 (Männer) müssten vor 5 Tage auf medizinische Komission, um in die “Trudarmee” zu mobilisieren.  Ich mit meinen 2 Jungen sind für tauglich erklärt worden und müssen in die Trudarmee.  Einstweilen arbeiten wir weiter, Frieda ist sehr mit Flicken und Nähen beschäftigt.  Große Sorgen steigen in uns auf — einmal, müssen wir Frieda hier ganz allein lassen ohne irgend welchen auch den kleinsten Vorrat von Produkten, zweitens, wo wir hin werden, was wir dort tun sollen und wie die Lebensmöglichkeiten dort sein werden.  Sehr dunkel will uns alles scheinen. Wie ist doch die Zeit so furchtbar schwer und wann wird in unserm Leben mal wieder die Sonne aufgehen?! Man möchte hier doch nicht untergehen.  Möchten wir doch erhalten bleiben und bald wieder für immer zusammen bleiben können!

 

17-XI-42.  Haben schon vollständigen Winter,  etwas Schnee und großer Frost.  Von Tag zu Tag warten wir auf unsre Mobilisation.  Fertig sind wir nicht, da wir keinen Vorrat von Produkten haben.  Schon viele Monate keinen Tropfen Fett oder Milch.  Haben Heute auch nicht ein Gramm Mehl; nur etwas kleine (wir Haselnüsse) Kartoffel und unsre Tagesration Brot.  Wir wollen versuchen, für Erikas noch gebliebenen Kleidchen  und Schuhen etwas Produkten einzutauschen.

Gegenwärtig arbeitet Heini als “Konjuch” und Hansi als Ochsenwärter auf der Farm. Ein Schwerpunkt in allem ist die Kleidung und Fußzeug.

 

20-XI-42.  Wieder ein neuer Abschnitt eine neue Etappe in unserm Leben.  Gestern früh morgens erhielten wir ein Thelephonogram aus dem Dorfsrat, mit der Verfügung, dass wir uns am andern Tage des Morgens ins “Woenkomat” zu stellen haben.  Bis spät in die Nacht hinein nähte und flickte Frieda.  Des Morgens musste Hansi, Heini und ich uns von Frieda verabschieden, um sie ganz allein zu lassen, allein unter diesen fremden herzlosen Menschen.  Zudem hat sie außer einen sehr kleinen Vorrat von kleinen Kartoffelchen absolut keine Lebensmittel.  Eine sehr schwere Lage;  Wie das weiter soll — darüber kann man nicht denken. Und so geht’s wieder in eine dunkle Zukunft hinein.  Ob, wann und wo wir wieder zusammen sein können, ist unsre bangste Frage.

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Heft 3 - 1942 - 1944 - Heinrich Dück

 

 

(Dieses Heftchen ist recht zerlumpt, auf schlechtem Papier und meistens mit Bleistift geschrieben.  So manches ist nicht mehr zu lesen. Das erste Heftblatt ist oben zerrissen und sehr zerlumpt. Die erste Seite ist nicht zu lesen außer einige Wort.)

..........................

Sie (Frieda) ging mit den anderen Frauen zurück  .....;  ich schaute ihr nach bis sie hinter einem Hause verschwand. Wie ist das Sibirien doch so schwer und wann wird dieses Abschiednehmen einmal ein Ende haben. Meine liebe Frieda ist jetzt ganz allein geblieben, unter den fremden lieblosen Menschen. ...... Zukunft ist für sie und uns dunkel. ................... Ochsen ...... 90 km. ..... Heute früh ...... mit Pferden vorausgefahren war .... einige hundert Mann in zwei ..... Bahnstation ....... wohin ...... noch unbekannt ...... Die verflossenen ...... haben wir ausschließlich von aufgekochtem ..... Brot gelebt.

 

21-XI-42.  Die Nacht hindurch haben wir gesessen, schon 5 unnormale Nächte hinter uns.  Die Jungen waren Heute auf Arbeit;  sie bekommen dafür einen Teller Suppe ohne Brot.  Kamen soeben müde zurück;   zu schlaffen sind wiederum keine Plätze.  Hansi wollte fast verzagen.  Heini steht ganz wortlos mitten unter der dichtgedrängten Menschenmenge und sucht, wo er sich setzen könnte.  Am Tage wurde uns gemeldet dass unser Brot uns bis zum Bestimmungsort reichen soll, das wäre wohl noch auf 2 Wochen, während unser Brot schon zu Ende geht.  Es ist zum verzweifeln.   Wie das enden soll, weiß  ich gar nicht.  Das wäre einfach furchtbar

 

.......... ich um ärztliche Untersuchung ....... Ich habe nämlich eine bittere Entdeckung gemacht, meine Füße sind geschwollen.  Ich fühle mich ziemlich schwach. Heini ging mit dem ..... um bei der umliegenden ...... etwas aus zu betteln.

Erfuhr gestern, dass unser Onkel Jak. Warkentin hier in Sibirien schon gestorben ist.  Ebenfalls der alte Onkel Heinr. Wiens, der auf (russ.) unser Nachbar war.

 

28-XI-42.  Seit Gestern Abend sitzen wir schon im Zuge im “Pulman” (russ.).  Befinden uns auf der Strecke zwischen Slawgorod u.......  Heini hat seine Brotration schon auf.  Brot wird uns noch keines in Aussicht gestellt.

 

29-XI-42.  Omsk.  Den 3. Tag unterwegs per Bahn.  Die Brotfrage zu unterwegs ist noch nicht gelöst.  Fahren scheinbar in das Samara (Kuybyshev) Gebiet.

 

__-__-42.  Haben nichts zu essen, schauen wie die andre sich Gritze kochen und (russ.) backen. Unerhörte Preise: für ein Brot von 2 - 3 Kilo fordert man 300 Rubel

 

1-XII-42.  Wiederum nichts zu essen. Fühlen uns schon ganz schwach.  Gestern aßen wir etwas Kartoffel  und Kartoffelkuchen für 45 Rubel.

 

2-XII-42.  Den 5. Tag im Zuge.  Am Tage im Halbdunkel, 2 kleine Fensterchen (20X30 cm) hoch oben im “Pulmann” , so dass man nicht hinaus schauen kann, wenn die Tür geschlossen ist; des Nachts haben wir nicht Licht. Die Nächte sind sehr lang — erstens, weil wir Dezember Monat haben und zweitens, weil wir vom Osten in den Westen fahren. Liegen des Nachts auf dem Fußboden; des Nachts wird immer über uns umhergetrampelt. Bekamen Gestern abends zum ersten mal unterwegs etwas Brot - zu 400 gr, von dem wir zu 200 gr. des Abends und 200 gr. Heute Morgen aßen.  Dem Heini fiel es sehr schwer, sein Stückchen zu Heute Morgen zu lassen. Des Nachts überkam mir eine sehr wehmütige Stimmung, es wurden nämlich Lieder gesummt, die unsre liebe Erika oft lustig sang.  O, wie presst einem das Herz zusammen wenn man an die selige Zeit zurück denkt, wo wir noch alle zusammen waren. Und Heute?!

 

4-XII-42. Gestern kamen wir hier an unserm Bestimmungsort Buguruslan (Orenburger Gebiet) an.  Haben seit gestern gründlich gefroren und gehungert.  Wir wurden nämlich in ein Kaserne untergebracht, in der die Hälfte der Fenster und das eigentliche Dach fehlt.  Beheizung auch nicht vorhanden.  Draußen starker Frost und Schnee. Schon den 16. Tag keine heiße Speise; nur Wasser und Brot, zudem des letzten 6 Tage nur einige Hundert Gramm Brot den Tag.  Es werden auch Heute noch keine Anstalten gemacht, uns Essen zu geben.  Eine verzweifelte Lage.  

Endlich mal nach 16-tägiger Unterbrechung eine heiße Suppe gegessen.  Heini kaufte auf den Bazar etwas Kartoffel und gelbe Rüben zu 2 mal kochen (60 Rubel) und Hansi kochte eine Suppe.  Sie schmeckte vortrefflich. Hunger ist der beste Koch.  Vielleicht gibst Heute auch noch etwas Brot.

 

5-XII-42.  Bekamen Gestern abends unsre Brotkarte auf 800 gr. Brot täglich und 500 gr. Zucker monatlich 

 

_-XII-42.  Die Lebensverhältnisse sind noch sehr schwer, es kostet furchtbar viel Mühe unsre Brotration zu bekommen.  Heini hat Gestern von früh morgens bis spät abends mit nassen Füßen in der (russ.) nach Brot verbracht. Es soll einmal den Tag Suppe geben, es ist uns jedoch noch nur einmal gelungen, alle drei in der (russ.) zu essen.  Hin und wieder kaufen wir uns etwas Kartoffel zu 100 Rbl der Eimer.  Hirse und Mehl kostet 2000 Rubel das Pud. Heute ist Schneegestöber, alle Kleider und ___Filzstiefel sind nass und zu trocknen sind keine Möglichkeiten.  Hansi steht auf der Station Wache.  Ich habe mich Heute furchtbar müde gegangen in den tiefen Schnee.  Wie sehnt man sich nach normalen Leben.  Wann wird mal der furchtbare Krieg ein Ende haben?!

 

15-XII-42.  Hatte es einige Tage sehr drock, man hatte mir nämlich beauftragt 4 Tage eine Badeanstalt zu verwalten und ca 1000 Personen durchzulassen.  Tag und Nacht musste ich dabei sein .... die Badeanstalt ununterbrochen arbeiten. Weil Heinz nur schlechtes Fußzeug hat, braucht er noch nicht auf Arbeit gehen.  Heute morgen ging er in die Nachbardörfer und brachte etwa einen Eimer Kartoffel mit, die er sich zusammen gebettelt hat, da wir nur einmal den Tag einen Teller Suppe erhalten, sind diese Kartoffeln für uns eine große Unterstützung. In unseren Barak befinden sich über 500 Personen.  Die Luft in der Baracke ist ... ganz nebelig und rauchig.  Fast ohne Ausnahme husten alle Bewohner dieser Baracke.  Heins schickte Heute einen Brief an Frieda.

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27-XII-42. Bin diese ganze Zeit so mit Arbeit überbürdet, dass ich gar nicht zum Tagebuchschreiben komme; arbeite in einem kleinen Kontorchen. Mein Vorgesetzter ist ein furchtbar nervöser und böser Mann. Habe noch nie so einen direkten Vorgesetzten gehabt. Ein ruhiges Gespräch ist mit ihm ganz unmöglich. Meine Jungen sind beide in Wattenanzügen und Burstiefel eingekleidet. Heinz arbeitet im Wald, Hanz als “Grustschik”
Lastträger
. Im Geiste bin ich meisten bei meiner Frieda; wie es ihr wohl gegenwärtig ergehen mag, besonders in diesen Tagen um den 25 Dezember und Neujahr herum, in ihrer furchtbaren Einsamkeit. So manche Träne wird es ihr wohl wieder kosten; Frieda meint immer, sie sei überhaupt zur Einsamkeit bestimmt. Wie hat sich unser Leben doch so ganz anders gestattet, als das Leben unsere Geschwister und wie leicht hätten wir doch auch den Weg gegangen sein! Die einzige Sorge ist, möchten wir doch erhalten bleiben und bald uns wiedersehen könnten. Wie ungeduldig schaue ich schon nach Nachricht von Frieda aus.

 

30-XII-42.  Hans ging vor einigen Tagen in ein Nachbardorf (Mordwinendorf) um etwas Kartoffel zusammen zubetteln.  Zum ersten mal im Leben machte er solchen Versuch; ungefähr einen Eimer voll brachte er zurück; außerdem hat man ihn mal gut satt gefüttert mit Kartoffelkuchen und Brot.  Er war ganz zufrieden mit seinem Erfolg.

 

4-I-43.  Schon den  4. Tag im Neuen 1943. Jahr.  Was uns dieses Jahr wohl bringen mag, das fragt sich wohl ein jeder in der Welt und mehr  wie  je;  und besonders die, die ihre Scholle haben verlassen müssen und sich nun in Not und Elend herum stoßen müssen.  Ein heißester Wunsch — Familie, Heim und Heimat. 

 

7-I-43.  Anderthalb Monat schon ausschließlich mit Schnee Hände und Gesicht gewaschen und nicht abgetrocknet. Mein Lager, auf dem ich schlafe, bekomme ich nicht zu sehen, denn im Finstern gehe ich des Morgens und im Finstern komme ich abends und Licht haben wir nicht.

 

17-I-43.  Vor einer Woche bekam ich die erste Nachricht von Frieda; der Brief hat mich sehr beruhigt, denn Frieda scheint sich so leidlich eingerichtet zu haben.  Möchte sie nur gesund und erhalten bleiben und möchte unsre Trennung nicht zu lange sein.  

Ich sitze gerade im bunten Gewirr unserer Baracke, wo 470 Mann ein jeder das Seine treibt; und meistens ist jedermann mit Essen machen beschäftigt — auf zwei brenn... Klick will ein jeder das Seine kochen — d.i. Kartoffel oder Kirbis.  Da gibt’s dann so manchen Streit am Herd. 

Erhielt eben einen mündlichen Gruß von Heins, der im Wald arbeitet und den ich schon über 2 Wochen nicht gesehen habe. Hans ist auf командировка in die Dörfer nach Fuhrwerk gefahren. Es steht schon 4 Tage starker Frost - 48° 

Heute morgens lag ein Toter unter uns.  - Hanke; Gestern nahm er sich noch vor Heute in die Stadt zu gehen, und heute tot. Ein Deutscher, stammend aus Ostpreußen. Heute schrieb ich eine Karte an Frieda.

 

20-I-43.  So ein unfreundlicher kalter Winter ist doch in diesem nördlichen Teil Russlands; wie viel schöner war es doch bei uns im Süden, wenn es da auch oft sehr dreckig war.  In unserm Baracke ist es doch feucht und kalt; die Luft ist ... ganz blau voll Dunst.  Vom Husten komme ich gar nicht los.  Hansi ist noch immer nicht zurück aus seiner командиривка, und Heinz, der im Wald arbeitet, habe ich auch schon mehrere Wochen nicht gesehen.  Er hat schon seinen einzigen ... Rock auf dem Bazar für 300 Rubel verkauft, um Kartoffel zu kaufen.  Es gibt dafür 1 ½ Pud Kartoffeln.  Man hätte den Rock bedeutend teurer verkaufen können.  Hansi ist in solchen Geschäften bedeutend vorsichtiger. Die Jungen, die anno 1927 geboren sind und mit uns mobilisiert und hierher gebracht worden sind, werden jetzt zurück gelassen.

 

3-II-43.  Wieder schwerer wird´s für mich - Hansi ist gestern ins Krankenhaus gebracht, was ich nur spät abends erfuhr.  Morgens klagte er schon, dass ihm nicht recht wohl sei und dass ich doch seinen Puls und t° untersuchen sollte.  Den Puls fand ich erhöht, aber die t° schien uns normal.  Habe mich getäuscht.  Heute Abend nach der Arbeit will ich unbedingt ins Krankenhaus, um mich um seinen Zustand zu erkundigen und wenn möglich besuchen.

 

11-II-43. Etwas nach einer Woche ist Hansi wieder aus dem Krankenhaus zurückgekehrt und heute morgens wieder auf командировка gefahren.  Heinz war eine Nacht hier; sie wurden aus einen Wald in einen andern übergeführt. Heinz fühlt ja sich verhältnismäßig gut.

 

19-III-43. Ich bin so apathisch geworden, dass ich schon ganz aufgehört habe, Tagebuch zu schreiben.  Das Leben geht so monoton weiter - von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends bin ich auf Arbeit; abends sitze ich auf meinen “...” in Halbdunkel und Rauch und schaue regungslos dem Getriebe in der Baracke zu.  Es geht abends in der Baracke wie auf einem Bazar, man hört fortwährend ausrufen: “кто продаёт хлеб"- "кому хлеба", "кому крупы" usw.

Ein jeder denkt, wie er was zu essen bekommt.  Etwas zu kochen, ist so viel wie unmöglich für mich, erstens muss Holz sein und dann muss Platz am Herd sein;  es sind 4 Herde auf 500 Mann.  Gewöhnlich esse ich dann den Rest von meiner Tagesbrotration auf  und lege mich schlafen.  Oft rauche ich dann noch eins mit meinem Nachbar “Fetter” Schneider.  Zum Trinken ist in der Baracke abends gewöhnlich nichts zu haben, geschweige noch aufgekochtes Wasser. Die nassen Burrstiefel sind auch nicht zu trocknen.

 

20-III-43.  Heute ist ganz unverhofft Heini mein Besuch; er ist zu Fuß aus dem Wald gekommen - 20 km.  Er ist ganz verrissen; er ist zum Arzt gekommen, weil er die Krätze hat.  Hansi leidet auch dran.  Wann ist das mal dagewesen, dass in unsrer Familie jemand an der Krätze krankt?!

Endlich erhielten wir Gestern abends ein Briefchen von Frieda; seit den 4. Januar hatten wir auch schon keine briefliche Nachricht von ihr.  Ich freute mich sehr zu diesem Lebenszeichen von ihr.  Es geht Frieda nicht allzu best; die Arme muss jetzt so schwer arbeiten, zudem die furchtbare Einsamkeit.  So schade, dass es mit meinem Freikommen einstweilen durch ist.  Mehrere in meinem Alter sind schon nach Hause gefahren.

Feierte vor 3 Tage meine 51. Geburtstag.  Mit bangem Herzen frag ich mich, was mir wohl dieses Jahr bringen könnte. Zunächst ist es nur ein Wunsch — ein Wiedersehen und Zusammensein mit den Lieben.

 

21-III-43.  Heute habe ich Ruhetag, war des Morgens auf den Bazar gegangen, wo ich einen Eimer Kartoffel für 120 Rubel kaufte.  Heinz ist Gestern wieder in den Wald gegangen, Hansi ist nach Getreide gefahren und auch schon den 4. Tag nicht zu Hause.

Mein Lager in der Baracke ist über der Schusterkammer gelegen.  Die Schuster gehören in unsern Verhältnissen zu denen, die man beneidet, einmal weil sie drinnen arbeiten können und zweitens, weil sie viel verdienen und verhältnismäßig gut essen.  Von allen Seiten wird geguckt, wie sie sich auf ihrem Herdchen kochen und backen und am Schustertisch essen. 

In der ganzen Baracke wird nur das Saratowsche Deutsch gesprochen, das ich sehr schwer verstehe.  Hin und wieder hört man nur platdeutsch sprechen.

Schon 4 Monate habe ich mich nur immer mit Schnee gewaschen, etwas die Augen und das Gesicht.

 

29-III-43.  Heute ist der Todestag unsres lieben, lieben Kindes — unsrer teuren Erika.  Ein Jahr ist es her, dass unser Teuerstes von unsrer Seite geschieden.  Furchtbar viel Tränen hat es in diesem Jahr in unsrer Familie gekostet; es ist kaum ein Tag vergangen, dass meine liebe Frieda  nicht bitterlich geweint hat.  Und Heute scheint einem die Wunde noch gerade so frisch zu sein, wie vor einem Jahr. Was mag wohl meine liebe Frieda heute wieder in ihrer furchbaren Einsamkeit durchmachen.  Wie gerne wär ich bei ihr.  Ach, möchte sie doch gesund, stark und mutig bleiben. Nur eine bessere Zeit im Kreise unsrer Lieben könnte vielleicht etwas unsern Schmerz lindern.  Ist dieses jedoch möglich?! Gebe Gott! Und der Krieg, das furchtbare Elend, geht in früherer Intensität weiter.  Furchtbar viel Menschenleben kostet es gegenwärtig wieder; und kein Ende ist noch nicht abzusehen. Auf meine Eingabe, mich frei zu lassen, bekomme ich noch immer keine Antwort, fürchte mich auch zu fragen, um nicht eine abschlagende Antwort zu bekommen. Und so heißt es wieder, mutig vorwärts!!

 

10-IV-43.  Abends, sitze auf den "нары" unserer Baracke in dem Gewirr von 450 den Bewohner dieser Baracke. Schmutz und Dreck, unbeschreiblich.  Eine ganze Woche hatten wir nicht elektrische Beleuchtung, des Nachts stockfinster; daher ein Gestöhne und Gefluche; heute Morgen war ein Toter unter uns, Gestern — zwei, vorgestern einer.  Darunter solche, die schon frei waren und nach Hause fahren dürften.  Bin allein; meine Jungen sind gegenwärtig nicht bei mir — Heinz ist im Wald und Hansi schon 10 Tage unterwegs nach Getreide. Es ist schon Frühlingswetter und im Zusammenhang hiermit Sehnsucht nach wirklichen Frühling im Leben. Soeben wurden Briefe gebracht; ich warte vergebens nach Briefen, schon seit Ende Februar keine Nachricht von meine Frieda.  Wie mag es der Armen nur ergehen.  Mein Bemühen loszukommen ist noch immer vergebens. Möchte das doch gelingen. Bekommen gegenwärtig nur 500 gr. Brot den Tag und eine entsprechende Produktenkarte.  Die Ernährung ist sonst schwach; fühle mich auch schon bedeutend schwächer.  Kaufte mir heute 800 gr. Brot für 60 Rubel.

 

27-XI-43.  7 Monate nichts geschrieben.  Werden die Verhältnisse immer schwerer und das Tal immer tiefer, das man durchwalten muss, wird man schließlich ganz still. — беспросветно— wie man im russischen sagt.  Besonders schwer wirkten auf mich ein die Nachrichten von Frieda’s Lage — ohne Obdach, Nahrung, Kleidung und Arbeit, bei schwacher Gesundheit.  Die Farm, auf der wir in Kasachstan wohnten, hat Frieda verlassen, weil sie nicht im Stande war, die Arbeiten auszuführen, die man ihr auftrug.  Und so ist sie ohne Brotration und ohne Geld, sie bittet daher um Geld.

Den 10-XI schickte ich ihr 300 Rubel  telegraphisch auf  Frau A. Esau’s Namen, weil wir noch keine genaue Adresse von Frieda haben.  Ich will versuchen, allmonatlich soviel an sie zu überweisen.  Habe eine Decke und einen Matrazbezug, die ich verkaufen will.  Dies ist meine einzige Geldquelle.  Leider sind die Preise auf solche Sachen auf dem Markt sehr gefallen.  Zudem brauch auch ich Geld zum Leben 500-600 monatlich und erhalte nur 150 Rubel.  Erhielten vorgestern von Frieda einen Brief,  adressiert an Heinz zu seinem Geburtstag.  Frieda schreibt, dass sie schließlich ein Quartierchen gefunden in Osmirigesk, hat noch keine Arbeit und krankt an den Zähnen, vermutet Zynga.  Ach, die arme Frieda.  Weil ich voraussichtlich nächstens auf Komission geschickt werden soll, hege ich leise Hoffnung loszukommen.  Wie glücklich würden Frieda und ich sein.  Wenn sie auch schon fast alle Sachen verkaufte, so könnten wir doch bei etwaiger Gesundheit unser Fortkommen finden. Trotzdem ich ein Briefchen an Frieda fertig habe, habe ich vorsichtshalber nichts von dieser Komission erwähnt;  was wäre das für eine Überraschung. Unsre Jungen bleiben ja dann allein ohne mich hier.  Sie müssen ja schon auf eignen Füßen stehen, denn ein jeder von uns ist nur ___ im Stande für sich zu sorgen, weil ein jeder seine Arbeit, seinen Lohn und Brotration hat.  Ich habe jedoch sie immer überwachen können, was in diesen Verhältnissen hier von sehr großer Bedeutung ist.  Gesundheitlich können sie dieses Leben hier weit leichter ertragen, als ich.   Für mich und meiner Gesundheit ist dieses Kasernenleben schon von großem Nachteil,  empfinde so manche Schwäche, worunter chronischer Bronchit, den ich bis jetzt nicht gehabt. Frieda seufzt im Brief, wann wir doch wieder ein glückliches Familienleben haben werden. Hierbei empfinde ich einen großen Schmerz, denn ich frage mich heute, ob ohne unsre liebste Erika ein glückliches Familienleben möglich ist.  So darf man jedoch nicht, trotzdem es einem heute so scheinen will, als wenn mit unserm liebsten Kinde auch unser Glück zu Grabe getragen ist.

 

5-XII-43.  Erhielt in diesen Tagen 3 Briefe, einen von Schwester Anna und einen von Frieda.  Anna schreibt, dass sie einen Brief mit 2 Photographien von Mariechen erhalten hat, auf einer Photographie ist Mariechen mit Tante Unger, auf der andern - Gerhard, Jasch und Franz.  Somit sind sie noch alle am Leben, was mich sehr freut  und die Hoffnung gibt, dass wir uns vielleicht noch mit ihnen nochmal sehen werden.  Frieda schreibt, dass sie an der Maulkrankheit erkrankt ist und schon die 3. Woche kuriert.  Dann schreibt sie, dass sie sich immer wieder sehr erniedrigen lassen muss und dass sie jetzt noch die gebliebenen Sachen wie Haarmaschine, Wanduhr, Fleischmaschine verkaufen will, um etwas Lebensmittel zu verschaffen;  sie wartet auf Geld von uns.  Wie gerne würde ich selber zu ihr.  Morgen ist Komission und somit ein wichtiger und entscheidender Tag für mich. Möchte es mir doch gelingen, um zu Weihnachten bei ihr zu sein. Wann kommt doch mal die Stunde, wo wir wieder zusammen und in unserm Heim sein werden.  Wann wird der Krieg und dieses Elend mal ein Ende haben.

 

Am 10-XII-43 wurde ich von einer medizinischen Komission in Buguruslan für weitere Arbeit dort für unfähig erklärt und aus der Arbeitskolonne demobilisiert.  Ich war selbstverständlich sehr erfreut, denn es galt Frieda aus ihrer Not zu retten.  Die Vorbereitungen zur Abfahrt gingen verhältnismäßig rasch, den 20.XII. waren Dokumente und Produkte (7 Kilogramm Brot) auf den Händen.  Meine Jungen besuchten mich noch beide zum Abschied: mit Hansi verabschiedete ich mich auf der Station beim Arbeiterzug abends, mit Heini bei der Post neben der Station.  Trotzdem es Hansi schwer fiel, so war er doch mutiger, weil er sich besser zurechtfindet in jenen Verhältnissen.  Heini war etwas gedrückt und schweigsam weil es ihm materiell nicht sehr geht.

Den 21.XII. des Nachts fuhr ich mit noch 2 Demobilisierten von Buguruslan los.  Ich hatte 2 Gepäck, einen Sack mit etwas Kleider und einige Sachen und einen Sack mit Brot und einem primitiven Schlittchen.  In Tscheljabinsk mussten wir umsteigen.  Hier erkrankte ich an Durchfall.  Die weitere Reise bis Tatarka ging normal; es war enge im Zuge, sodass ich die 2 Nächte im Zuge nicht schlaffen konnte.  In Tatarka mussten wir fast 2 Tage auf unsern Zug nach Pavlodar warten.  Hier erkrankte ich noch an die Grippe.  Nach 5-tägiger Reise per Bahn kam ich in Pavlodar an. Ich hämmerte rasch mein Schlittchen, über das man im Zuge oft spottete, zusammen und ging in die Stadt,  nahm mir auf einen Tag ein Quartierchen für 20 Rubel,  kaufte mir auf dem Bazar ein Paar Eier zu Medizin gegen Durchfall und legte den andern Morgen los, denn Fahrgelegenheiten erboten sich in der Stadt keine.  Etwa 4-5 km außer der Stadt nahm mich ein Lastauto mit und fuhr mich 70 km für 70 Rubel.  Bis Katschiri ging ich zu Fuß und nächtigte 2 mal.  Die 3. Nacht war ich in Katschiri  und ahnte nicht, dass auch Frieda gerade dort sei.  Morgens ging ich weiter  und traf am Ende des Dorfes den ersten Bekannten - den Schriftführer von der 3. Farm, auf der ich gearbeitet. Ich hatte noch 15 km bis Osmirijesk.  Ich wurde sehr müde und musste oft ausruhen.  Wen man nicht bat, mit zu nehmen, half nichts, musste nur ruhig zu Fuß ....  Der Pulsausfall,  den ich seit über einen Monat wieder empfinde, wurde durch diese Anstrengungen immer häufiger.  Plötzlich hörte ich hinter mir rufen.  Ich schaute mich um  und sah etwa einen Kilometer hinter mir eine Person winken;  dies könnte doch in dieser fremden Schneesteppe weiter keiner sein als Frieda.  Ich ließ mein Schlittchen stehen  und ging ihr entgegen.  Und wirklich - es war meine vereinsamte liebe Frieda.  Wir fielen uns um den Hals.  Welch eine Freude.  Man hatte Frieda gesagt dass ich in dieser Richtung gegangen sei,  und sie eilte mir nach.  Frieda fand ich sehr verändert — sehr mager und gealtert, eine Folge jähriger furchtbar schwerer Zeit.  Wir zogen nun mein Schlittchen zusammen weiter und kamen sehr müde zum Abend nach Osmirijesk. Ja, wohin nun, denn ein beständiges Quartier hatte Frieda nicht.  Man erlaubte uns zu nächtigen in einem Häuschen, wo Frieda zeitweilig ihre Sachen untergebracht hatte. An Ausruhen für mich war nicht zu denken.  Kein Heim  und kein Brot — das ist was Furchtbares.

Am andern Tage fand ich ein Quartierchen bei einer russischen Frau auf 10 Tage.  Dann ging ich auf der Suche nach Produkte und erwischte für 3 Frauenkämme 1 Pud Kartoffel;  Frieda kaufte etwas Fische und Milch.  Jetzt fing ich an nach Arbeit auszuschauen und fand selbige in Katschiri in der Landabteilung als участковый зоотехник.   Nun galt es uns mit unsern bißchen Sachen hierher nach der neuen Arbeitsstelle über zufahren.  Dies dauerte fast   eine Woche und war mit viel Strapazen, Frieren und Hunger verbunden.  Wange und Nase ist mir mehrere mal angefroren, da es mehrere Tage etwa 40° kalt war.  Endlich kamen wir hierher und fanden ein Quartierchen.  In der ersten Nacht merkte ich schon dass Frieda krank sei und heute ist der 6. Tag  und Frieda liegt den 2. Tag schon im Krankenhaus; die Ärzte stellen Flecktyphus bei ihr fest. Große Sorge erfüllt mein Herz.  Eine furchtbare Einsamkeit!  Ist es möglich, dass uns je noch mal die Sonne aufgehen wird und wir unter unsern Lieben weilen können werden ?! Wie unmöglich will einem das Heute scheinen.  Zudem bin ich schon 3 Wochen und Frieda über 3 Monat ohne Brot. O Gott, erbarm Dich unser!

 

16-I-44.  Es geht noch immer tiefer ins Tal hinab, statt etwas Freude, nur Leid und Leid.  Ich habe fast keine Kraft und Mut noch etwas zu notieren.

 

18-I-44.  Wie schwer ist mir ums Herze in meiner Einsamkeit; meiner lieben Frieda Zustand wird immer schwerer. Gestern sagte mir der Arzt dass es wohl nicht Typhus sei, heute jedoch kam er und sagte, dass es Flecktyphus ist.  Ich besuchte sie heute und sprach mit ihr durchs Fensterchen im Corridor.  Mir schien es so, als wenn sie etwas im Delirium war.  Ich soll an die Arbeit treten, ich habe jedoch keine Kraft dazu;  ich bin furchtbar geschlagen.  Zudem in einem neuen Quartier, wo die Wirtsfrau wohl unzufrieden, dass wir ihr so eine Krankheit ins Haus gebracht haben und sie mit ihrer Familie in Gefahr gebracht. Kann Gott sich meiner erbarmen?! 

 

3 Uhr nachmittags — war eben bei meiner lieben kranken Frieda im Krankenhaus und brachte ihr ein Stückchen Butter. Frieda spricht sehr erregt und ernst;  sie wollte mich nicht gehen lassen, weil sie meint es gehe mit ihr dem Ende zu. Sie sprach nur von Gott und Ewigkeitsfragen. O, wie ist es so schwer.  Wie gerne möchte ich bei ihr bleiben und nicht von ihr gehen.  Man erlaubt es jedoch nicht.  Das Herz will einem darüber brechen. Schon so viel Schweres durchgemacht — sowas jedoch noch nicht.

 

19-I-44.  Zwar die t° bei Frieda etwas gefallen, so ist sie immer im Delirium

 

3-II-44.  Mit Frieda bessert es, Gott sei Dank, allmählich.  Es fehlt jetzt an der guten Kost.  Von guter Kost ist ja jetzt keine Rede, von Kost überhaupt nur.  Zum großen Glück haben wir uns 13,5 Kilo Mehl für ein paar neue Wattenhosen eingetauscht; davon kochen wir uns jeden Tag zu morgen und Abends eine Mehlsuppe.

Nach etwas 10 tägigem sehr starken Frost (bis 50° ) haben wir heute einen gelinden sonnigen Tag.   Man spricht von viel ... die dieser Frost mit sich gebracht hat.

 

Eine große Sorge für mich war die Verpflichtung die ich mich in Bezug der Beheizung übernommen hatte — und zwar 2 Fuhren Holz bis zum April zu liefern.  Ich sah einfach keine Möglichkeit, diese zu vollführen.  Heute habe ich meiner Wirtin einen Matrazeüberzug stat Holz gegeben;  bis zum 15-IV ist die Quartier- und Beheitzungsfrage somit erledigt.

 

7-II-44.  Kehrte gestern zu Frieda in unser Quartier zurück.  War glücklich, dass ich ein Pud kleine Kartoffel für 175 Rubel gekauft hatte und Frieda bringen konnte, ebenfalls 1 Kilo Zwiebeln.  Bin jetzt fast ohne Geld.  Aus dem сельпо hab ich für Januarmonat statt 11 schließlich nur 3 Kilo Mehl bekommen.  Das ist alles was ich für Januar bekomme. Wie man durchkommen soll bis zum Sommer oder Frühling, weiß ich Heute nicht, man darf auch gar nicht so weit voraus denken. Mir ist furchtbar schwer ums Herz. Habe mir mehrer mal das Gedicht “Es wird nicht dunkel bleiben” durchgelesen.  Wie gerne möchte ich das fest glauben. O Gott, neige dein Ohr herab zu mir und sei mir gnädig!


Kein Brot schon die 4. Woche;  mein Vorrat ist etwa 1 ½ Kilo Kartoffel, ½ Kilo Hirsemehl und  etwas Butter.  All mein Bemühen, heute etwas einzutauschen, war vergebens.  Ich soll an die Arbeit treten; ja, wie kann ich das. Im erwähnten Gedicht heißt es: “Es lässt dich nicht dem Sorgengeist zur Raube; . . . Hinweg den Sorgengeist.  Gott hilft dir schon.”

 

20-I-44.  Und wirklich, heute ist schon Hoffnung, die t° ist zwar 38 abends, aber Frieda ist nicht mehr im Delirium . Sie ist furchtbar schwach und hat keinen Appetit.

 

22-I-44.  Gott sei dank! mit Frieda fängt’s  an zu bessern.  Die t° fällt; sie ist sehr schwach, hat wenig Appetit. Mein kleiner Produkten Vorrat ist zu Ende; noch immer kein Brot; ich fühle mich daher sehr schwach. Bei Hilty heißt es auf einer Stelle: “Durch!”  Das muss wohl auch meine Devise  sein in dieser so furchtbar schweren Zeit. 

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Heft 4 - Familienchronik, 1944-45 - Heinrich Dück

 

(Heft 4 ist in ein ehemals ansehnliches Album geschrieben, das mit eine, verzierten Einband aus Leder versehen ist und mit einer Schließe aus Metall geschlossen werden kann. Die Vorsatzblätter sind mit goldfarbigem Laub verziert.

Es war offensichtlich ein Geschenk, das Heinrich Dück im April 1922 seiner Verlobten machte. Es findet sich ein loses Blatt, mit einem von Heinrich Dück gemalten Bilde verziert, auf das er geschrieben hat:

"Wohl dem, der noch in der Tiefe seiner Seele den mächtigen Durst nach Reinheit und Wahrheit besitzt; es ist die Grundlage auf der heute Tugend erblüht. Von Deinem Heinr(ich) Dück."

Es findet sich auf einem der Blätter noch ein weiteres mit "H.D." signiertes Bildchen, das zwei Schwäne mit vier Jungschwänen auf einem See zeigt.

Die Seiten sind aus der Bindung gelöst. Die Chronik ist ganz klein mit Bleistift auf Seiten ohne Linien geschrieben.)

 

 

 

5-III-44.  Noch immer haben wir sibirischen Winter-Frost und tiefen Schnee. Zwar ist es heute etwas wärmer.  Die Krähen - die ersten Zugvögel hier, sind jedoch noch nicht da. Nein, nur fort  aus diesem unfreundlichen kalten Sibirien!

Sonntag. Sind glücklich und dankbar, dass wir wieder etwas zu essen haben; bekamen gestern unsern Februar “Pajek”
Portion
- 5 Kilo Mehl (Weizen und Hirsemehl); außerdem mahlten wir nur noch etwa 4 Kilo Mehl auf einer Handmühle (ein Gemisch von Weizen und Hirseabgang). Außer diesem Mehl haben wir ja denn auch nichts, weder Kartoffel, noch Zwiebel, noch Fett, oder sonst was. Kochen uns dann jeden Morgen auf den ganzen Tag Mehlsuppen, wenn möglich, backen wir uns dazu ein Paar “Korjiki”. Unser Ofen wird nur einmal des Morgens von der Wirtin geheizt, wir müssen dann alles für den ganzen Tag kochen.

Empfinde schon den 4. Monat wieder mein altes Herzleiden, nämlich den Pulsausfall.  Je nach den Anstrengungen ist er häufiger oder seltener.  Muss oft große Strecken zu Fuß gehen, nach dem ich dann mehrere Tage besonders leide. Wann werden sich mal wieder meine Lebens- und Arbeitsverhältnisse so gestalten, dass ich von dieser Herzaritmie loskommen könnte. Ich weiß nicht, ist es Täuschung oder nicht, dass mich jetzt öfter ein leises frohes Hoffnungsgefühl überkommt.

Schwester Anna schreibt in einem Brief, dass laut einer Photographie, die sie von Mariechen erhalten, unsre drei Brüder gut aussehen;  Jasch und Franz haben sich ziemlich aufgenommen. Wann werden wir noch mal so ein normales Leben führen können, wie unsre Geschwister drüben. 

Laut letzte Nachrichten sind ja unsre Jungen, Gott sei dank, gesund und am Leben.

  

9-III-44.  Scheinbar sind Friedensverhandlungen zwischen Russland und Finnland im Gange. Zwar verhält sich Finnland abschlägig zu den von Russland gestellten Bedingungen. Sollte dies der Anfang von Verhandlungen im weiteren Sinn schon sein ?!  Das wäre sehr erwünscht.

War Vorgestern gelegentlich in Motogul und begegnete Frieda’s Freundinnen - die beiden Frau Esau.  Sie leben in furchtbaren Elend und hungern förmlich, besonders Katja Esau.  Letztere ist mit ihren Kindern furchtbar ärmlich gekleidet.

  

10-III-44.  Frieda hat heute wieder ein Malariafieber Anfall.

 

 

14-III-44.  Sollte wirklich der Friede nahe sein?  Es wird von Vorhandlungen gesprochen.  Leider bekommt man keine Zentralzeitungen zu Gesichte, um wenigstens etwas auf dem Laufenden zu sein. 

 

 

16-III-44.  Heute ist eigentlich mein Geburtstag.  52 Jahre alt und besitze heute absolut gar nichts.  Ich bin so arm, wie früher wohl kaum der ärmste Bettler gewesen ist.  Gestern morgens wollte mich der Sorgengeist über unsern auf 2 Tage nur noch gebliebenen Mehlvorrat ganz unterkriegen; denn außer etwa 1-2 Kilo minderwertigem Mehl hatten wir absolut gar nichts Essbares.  Ich ertappte mich jedoch in meinen Kleinmut und Unglauben und fuhr voller Hoffnung auf Arbeit in die Kollektive, um nebenbei mein Glück zu versuchen.  Dankbar kehrte ich soeben zurück mit 2 Pud Kartoffel, 1 Pud Hirseabgang, 5 Kilo Hirsegritze, 1 Kilo Mehl und 1 Kilo Brot.  Über “Bitten und Verstehen”.  Frieda und ich sind daher sehr glücklich und dankbar. Eine gewisse Misstimmung hat die Kränkung, die unsre Wirtin Frieda zugefügt hat in uns hervorgerufen.  Man muss jedoch ähnliche Taktlosigkeiten heute mit in den Kauf  nehmen und ganz übersehen, denn anders wird man nicht fertig.

 

17-III-44.  Ach, wieviel bittre Pillen muss man doch immer wieder herunterschlucken.  Heute morgens wieder Grobheiten seitens unsrer Wirtin;  laut ihren Worten, hat sie noch nie solche Quartieranten gehabt, wie uns.

 

21-III-44.  Frühlingsanfang.  Ein wirklich sonniger und warmer Tag, daher schmilzt der Schnee auch sehr zusammen; die Felder sind jedoch noch alle unter Schnee.  Allman wartet mit Ungeduld auf das Schwinden des Schnees, einmal um das Vieh hinausführen zu können, das ohne Futter steht und durchweg furchtbar mager ist, und anderseits, was viel wichtiger, um Ähren lesen zu können, weil selten jemand noch Brot isst.

Immer wieder Demütigung und Selbstbeherschung.  Wann wird die Rechtlosigkeit und Knechtschaft einmal ein Ende haben.  Wann gibt’s mal Frühling in unserm Leben? Wann wird mal dieser bittre Kampf ums Dasein und diese Not ein Ende haben;  Ich soll heute was tun, denn man beauftragt mir, Kurse in Viehzucht zu organisieren, ich bin jedoch infolge der heutigen Stimmung wie paralysiert:  Ich muss mich doch wieder aufrichten und trotz geistiger und physische Schwäche mutig und vertrauensvoll vorwärts.  Denn zur Genüge habe ich schon in diesen Monaten erfahren, wie rasch uns immer wieder Hilfe zu teil wird.

 

 

22-III-44.  Regen und kalter Wind.  Bin heute den Morgen über schon mit nassen Füssen herumgelaufen nach Milch und “Pajek”, alles umsonst.  Meine Leinwandschuhe, die ich jetzt trage, sind auch nicht für den sibirischen Frühling geeignet.

 

 

24-III-44.  Trotz des Schnees zwitscherte vor unserm Hause heute der erste Star.  Freude und Wehmutsgefühl. Könnte man ihn doch fragen, wo er gewesen ist und wie es dort aussieht.  Hätte ich Flügel......

Hab Heute Glück gehabt — 5 Kilo Mehl erobert.  Gott sei Dank! Zu zweit mit Frieda haben wir heute zu Frühstück einen ganzen Grapen Suppe aufgegessen.  Vor 3 Jahre wären wir das mit unsrer ganzen Familie von 5 Personen nicht im Stande gewesen. 

Trotzdem nur hin und wieder die Felder vom Schnee befreit sind, werden schon sehr Ähren gesammelt.

 

25-III-44.  Heute erwachte ich von einem Traum; es wurden nämlich die Viehherden eiligst nach Hause getrieben, damit alle zu Hause wären, weil scheinbar ein Ereignis im Lande geschehen sein sollte. Ob der Traum etwas zu bedeuten hätte!  Ich erinnerte mich soeben an einen Fall aus meiner Schulzeit, wie wir 25 Schüler an der Zahl in unserm Kommerzschulinternat demonstrativ den Mittagstisch bei Nürnberg verließen, weil uns die Gelberübensuppe nicht gefallen wollte.  Wie gerne hätte ich die heute zu Mittag gegessen.  Unser Mittag war heute eine Suppe von Hirseabgang; empfinde danach ziemliches Magendrücken.

 

 

30-III-44.  Gestern war der Todestag unsrer lieben, lieben Erika.  Trotz der zwei Jahre seit ihrem Tode, will es mir heute noch manchmal fast unglaublich scheinen, dass sie nicht mehr lebt.  Wie ist der Schmerz und die Sehnsucht nach ihr doch so groß.  Nur der christliche Glauben an ein Wiedersehen dort oben kann solche Wunden heilen. Wie gerne hätten wir diesen Tag gestern so ganz unsrem Kinde gewidmet; in diesen grauen und rohen Verhältnissen ist jedoch kein Gedanke dran.  Im Kreise unsrer Lieben, wenn das uns nochmal vergönnt sein wird, wollen wir’s tun.

Fühle mich Heute sehr müde, weil ich 2 Tage Ähren auf einem Gerstenfelde, das etwa 6 Klm entfernt ist, gesammelt habe.  Hätte man sich das in seiner Kindheit denken können, das man im Alter von 52 Jahre, vom Ährenlesen abhängig sein wurde?

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1-IV-44.  Seinerzeit hatte man an diesem Tage auch noch Zeit, sich über jemand lustig zu machen und zu “aprillen”. Heute jedoch kennt man nur furchtbaren Ernst, von Spaß und Lachen, keine Spur mehr, wenigstens für uns, und wieviel Jahre schon.

Gestern gingen Frieda und ich auf einem Gerstenfeld Ähren lesen.  Auf dem stundigen Wege dorthin hatten wir mal etwas Gelegenheit unter uns zu sein und frei mit einander zu sprechen.  Denn immer sind wir gezwungen unter fremden und nicht wohlgesinnten Menschen uns zu befinden, Tag und Nacht.  Um nicht anstößig zu werden, behelfen wir uns meistens der russischen Sprache. Wie wird man so müde von all diesem Gebärden und wann werden wir mal wieder freie Menschen sein!

Bin gerade in Verlegenheit.  Erhielt soeben per Post einen schriftlichen Befehl, 2 wöchentliche Viehzuchtkurse in einem 12 km von hier entlegenem Dorfe zu organisieren.  Beginn der Kurse den 25.III., während wir heute schon den 1 April haben.  Anderseits erhielt ich vorgestern ein Telephonogramm, sofort nach Katschiri zu die Landabteilung zu kommen. Transportmittel besitze ich keine und Gelegenheit zum Fahren bietet sich keine. Zudem macht mir mein Herzleiden heute viel zu schaffen.

Soeben wurde mir per Telephon gemeldet, dass ich Übermorgen des Morgens unbedingt in der Landabteilung mich zu stellen habe, Gelegenheit zu Fahren doch keine.  Werde doch wohl Morgen des Morgens zu Fuß loslegen; 40 km.

 

3-IV-44.  Bin noch immer nicht weg nach Katschiri. Habe gestern unnötig eine Strecke von 16 km gemacht um von dort aus zu fahren.  Will heute zu Fuß loslegen.  Es ist wieder ziemlich kalt. Wir müssen uns doch immer wieder bücken und alles gefallen lassen.  Der Junge unsrer Wirten, ein 12-jähriger Grünschnabell, hat Frieda und auch mich heute schon ziemlich grob und frech behandelt.  Wir müssen zu allem still sein.

 

7-IV-44.  Soeben zurückgekehrt aus Katschiri.  Wäre ich jemals früher sowas im Stande gewesen, hin ging ich die 40 km zu Fuß und zurück ritt ich diese Strecke auf einem mageren Gaul ohne Sattel.  Auf dem Hinwege sah ich ein schauerliches Bild etwa 7-8 km vor Katschiri.  Nähe am Wege lag der Leichnam einer deutschen Frau und wie man sagte, hatte der schon einige Wochen da gelegen.  Es war nämlich eine halb verhungerte Frau, die auf der Suche nach Produkten auf dem Rückwege dank ihrer Schwäche nicht bis zum Ziel kommen konnte und im Schnee am Wege ihren Tod finden musste.  Ein Mägdelein von 6 Jahre wartet auch jetzt noch auf ihre so jämmerlich umgekommene Mutter.

Vorgestern war ich im Woenkomat
Kriegskommissariat
auf Komission und bin für untauglich erklärt worden.

11-IV-44.  Habe mal wieder eine ziemliche Fußtour gemacht; wollte durchaus etwas Mehl erobern, jedoch ohne Erfolg. Frieda und ich sind heute beide ziemlich gedrückt unter der Last der physischen und seelischen Schwächen und der ununterbrochenen Sorgen um das Bisschen Mehl, dass wir jeden Tag zu unsern Suppen brauchen.

Wollten heute sonst unser Quartier wechseln, konnte jedoch in der Herde das Pferd nicht finden, welches uns zur Verfügung gestellt ist.  Eine neue Sorge.

 

12-IV-44.  Soeben in ein andres Quartier zu Deutschen hinüber gezogen.  Zweimal mit dem Kinderwägelchen war all’ unser Hab und Gut hinübergebracht, während vor gar nicht so langer Zeit zurück, wir zu unsern Sachen noch 3-4 Leiterwagen brauchten. Und wenn es noch einmal zurück in unsre Gegend gehen wird, werden wohl nur noch 2 Gepäck übrig bleiben.

 

16-IV-44.  Ostern.  War so glücklich dass ich Gestern 7 Kilo Mehl ins Haus bringen konnte.  Wir können uns daher heute Rübensuppe erlauben und einige “Korjiki” dazu.  Frieda hat gestern einige Kilo Haferähren gesammelt.

Die Rote Armee beendigt in diesen Tagen die Befreiung der Ukraine von dem Feinde.  Wer hätte das vor etwa 1 ½ Jahre zurück voraussehen können.

 

18-IV-44.  Frieda hat in 2 Tage schon 3 Malariafieberanfälle gehabt. 

Habe mir von dem hiesigen Krankenhaus einen Unterwagen geborgt, etwas Geschirr zusammengebastelt, einige Stecke und Äste auf den Wagen gelegt und will somit meinen Gaul eben in die Kolchose auf Arbeit fahren.

Bekamen Gestern 2 Briefe von Hansi und Heini; letzterer war zu Besuch bei Hansi, denn sie hatten sich schon seit Dezember nicht gesehen und daher sich zu ihrem Wiedersehen sehr gefreut. Wann werden wir mal wieder im Familienkreise zusammen sein können.  Wie scheint einem das bei heutiger Situation so aussichtslos. 

 

21-IV-44.  Frieda hat wieder schweren Husten mit Auswurf und geschwollene Füße.  Der schwachen Kost wegen kann sie körperlich gar nicht emporkommen. Habe heute 6-7 Stunden auf einem Gerstenfeld zugebracht und Ähren gelesen, vielleicht einen Eimer voll Ähren.  Für einen Mann überhaupt und besonders in so einem Alter und mit solcher Gesundheit ist das Bücken doch eine sehr schwere Sache.

 

24-IV-44.  Besitzen schon ein halbes Jahr kein Handtuch und kein Taschentuch mehr.

 

27-IV-44.  Frieda und ich sind beide matt und müde, denn wir haben Gestern und Heute Gerstenähren gesammelt, insgesamt vielleicht 5 Kilo Gerste; Gestern abends verbrauchten wir zur Abendsuppe unser letztes halbes Pfund Mehl, außerdem wir nicht ein Gramm Produkte besaßen.  Trotzdem Frieda krank ist und ich auf Arbeit sollte, waren wir notgedrungen uns auf solche Weise für einige Tage wieder etwas Produkte zu verschaffen.  Wir mahlen diese Gerste auf einer primitiven Handmühle und kochen uns dann zu Morgens, Mittags und Abends etwas Gerstengritzsuppe und essen dieses mit Wohlgeschmack, ohne Brot natürlich.  Trotzdem Frieda für uns beide einen kleinen Grappen voll dieser Suppe kocht, will es immer nicht reichen.  Wir müssen doch schon eine gründliche Magenerweiterung haben.

Vorgestern abends kam an die Tür unsers Hauses eine 60 jährige deutsche Frau gekrochen und bat uns Einlass.  Unsre Wirtin, der diese Frau schon öfters lästig geworden war, weil sie selber nur vom Ähren lesen lebt und immer nur einen Vorrat auf 1-2 Tage besitzt, wies der Frau ab und erbot sich sie bis zum Krankenhaus zu bringen.  Zu zweit brachten wir sie bis zum Krankenhaus und ließen sie vor der Tür sitzen, damit sie selber um Einlass bitten sollte, denn andernfalls hätte unsre Wirtin sie wieder zurücknehmen müssen.  Wie das denn nun ausgefallen, wissen wir nicht, erfuhren nur, dass sie heute begraben sein soll — ein Opfer des Hungers.

Laut letzten Brief ist Hansi von Buguruslan nach Kujbeschew  geschickt worden, wo sie ihrer 100 Mann an der Zahl einen Kessel von etwa 5,5 Tausend Pud schwer von eines  Anhöhe auf die Wolga herunterlassen sollen. 

Bin schon 4 Monat in Sibirien und noch keine Niederschläge gewesen.  Nur immer Wind.  Es wird jetzt angefangen zu säen.

 

28-IV-44.  Trotzdem ich doch nur klein gewachsen bin, stoße ich mir immer wieder den Kopf an den Türengerüsten, die hier in den sibirischen Lehmhütten sehr niedrig gebaut sind.  Die Dächer sind meistens ganz flach und aus Lehm gebaut.  Nach dem Heizen kriecht man aufs Dach und stopft mit Lappen den Schornstein zu.  Im Großen und Ganzen sind die Häuser trotz der großen Fröste warm.  Die Lehmfußböden werden sehr oft beschmiert, wovon die russischen Frauen überhaupt gute Meister sind.

Habe heute zum ersten mal hier in Sibirien für Frieda 100 Gramm geringer Sorte Konfekt kaufen können.  Habe lange schriftlich und mündlich drum einkommen müssen.

 

30-IV-44.  Noch nie im Leben hab ich so viel mit Kletten  zu tun gehabt wie hier in Sibirien.  Der Körper ist mir schon ganz verbissen, es bleiben Spuren zurück bis über eine Woche. Überall werden schon Kartoffel gesetzt und mir gelingt es noch immer nicht, etwas Setzkartoffel zu erwischen.

 

6-V-44.  Seit 3-4 Tagen grünen die Birken hier.  Die hiesige Nachtigall, die seit 2 Tagen zu hören ist,  ist nur eine klägliche Parodie auf unsre Nachtigall im Melitopler Rayon. Gestern hatten wir einen schönen Landregen.  Es ist eigentlich der erste Niederschlag, seit dem ich hier bin.

Endlich ist’s mir gelungen 2,5 Pud Kartoffel zum setzen einzutauschen für eine weiße “Bajka” Decke.

Weil wir nichts mehr zum Essen hatten, borgte Frieda Gestern ein Kilo Gerste.  Heute wollen wir daher Ähren lesen gehen, um diese Schuld abzugeben und noch etwas für uns zu sammeln.

Sah Gestern im Regen ein schauerliches Bild, neben dem Dorf, wo ich war, kam eine deutsche Frau vom Walde her gekrochen, ganz durchnässt, verhungert und halb irrsinnig, jämmerlich um Hilfe rufend.  Es fanden sich doch einige barmherzige Frauen, die sie auf einer Karre ins Dorf brachten.

Erhielt heute zum ersten mal einen Brief von unserm Cousin Peter Dück aus der “Trudarmee”.

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10-V-44.  Gestern und  Heute wieder kalt, so dass man Pelz, Pelzmütze und Handschuhe tragen muss.

 

11-V-44.  Es ist alles unter Schnee.  Zu Morgen haben wir nichts mehr zu essen; zu dem, nicht ein Kopejcken Geld. Setzten Heute etwas Kartoffel, d.h. Kartoffelaugen.

 

16-V-44.  Heute haben wir den ersten heißen Tag.  Setzten Gestern Kartoffelaugen von 2.5 Pud Kartoffeln, besetzten damit 0,05 ha. Vorgestern gelang es mir für Heini’s Hosen 20 Kilo Weizen einzutauschen. Unsern Mehl “pajek” für April und Gage für März noch immer nicht erhalten.

 

24-V-44. Frieda’s 48. Geburtstag.  Man muss sich wirklich bemühen, dass man in diesen Verhältnissen so was nicht vergisst.  Zum Unterschied zu den andern Tagen kauften wir uns Heute 1 Liter echte und 3 Liter Schleudermilch. Im ganzen haben wir 0,07 ha.  mit Kartoffeln besetzt.  Zum ersten mal im Leben ausschließlich Kartoffelaugen gesetzt. Interessant, was das geben kann.

27-V-44. Wir sind beide verstimmt weil es so ungemütlich ist in unserm Quartier; man hat kein Plätzchen in den beiden gemeinsamen Zimmer, wo man ruhig sitzen und ungestört was tun, sprechen oder lesen könnte. Weil dieses Haus für 2 Kolschose als “Postojalyj”
eine Herberge, in der Fremde untergebracht werden.
dient, so sind hier immer Menschen, immer wird gekocht und gegessen. Der Wirtin gegenüber weiß man gar nicht, wo unsre Pflichten als Quartierante beginnen und aufhören. Es braucht viel Brennung, von dem ich das Meiste stelle. Wenn wir nur erst mal ein Zimmerchen für uns finden könnten; oder, was tausend mal erwünschter wär, wenn wir hier fort und in den Süden fahren könnten.

30-V-44.  Immer wieder muss man den Pelz anziehen, denn es ist kalt und regnerisch. Wie sehn ich mich in dieser so grauen Zeit manchmal nach der kindlichen Liebe unsrer teuren Erika.  Mit ihr ist scheinbar alles Schöne ins Grab gesunken.  In diesen Tagen empfinde ich es wieder ganz besonders.

 

3-VI-44.  Heute sind es 21 Jahre her, seit unsrer Hochzeit.  Wie rasch ist diese Zeit verflossen und wie schrecklich viel schon erlebt und durchgemacht.  Hatten einen glücklichen Familienkreis und heute sind wir zu zweit allein geblieben, zu dem in diesen so furchtbar schweren Verhältnissen.  Morgen ist Pfingsten; jedoch keine Spur von der herrannahenden Festlichkeit; denn wir haben kein Mehl um uns wenigstens etwas Brot zur Suppe zu backen.

 

4-VI-44.  Pfingsten, jedoch nur nominell. Es hat gestern schön geregnet.  Unsre ganze Hoffnung setzen wir jetzt auf die Kartoffel, die wir gesetzt haben. Bekamen Gestern einen Brief von Heini, in dem er schreibt, dass er auch etwas Kartoffel und Gemüse gesetzt hat.  Dann, dass er anfängt zu schustern und sich damit etwas Milch verdient.

Vorgestern war ich bei meinen Vorgesetzten in Katschiri.  Meine Arbeit wurde getadelt und mir wurde vorgeworfen, dass ich wenig tue.  Etwas versuchte ich ja mich zu verteidigen, unter anderm wies ich darauf hin, dass ich ja fast nichts zu essen habe, weil ich meinen mir treffenden “Pajek” nicht erhalte.  Ach, wie müde wird man von diesem unnötigen Gespräch.

 

9-VI-44.  Gestern Glück gehabt — etwa 20 Kilo Weizen erwischt. Gestern hatten wir einen Platzregen mit starkem Hagel; alles Gepflanzte in den Gemüsegärten wie Pomidoren und Kraut ist total zerschlagen.

Scheinbar soll die “zweite Front” auf Frankreichs Territorium eröffnet sein.  Kann’s eine Wendung im Kriege geben?!

 

12-VI-44.  Soeben von meiner Arbeit aus Motogul zurück gekehrt.  In diesem Dorf, wo mein liebstes Kind - unsre unvergessliche Erika ihre letzten Lebenstage verlebt hat, erinnerte mich alles so sehr an sie, dass ich, um mich der Tränen zu erwehren, entschieden diese schweren Gedanken und Erinnerungen abschütteln musste. Die beide Frau Esau, die ich gelegentlich besuchte machten auf mich ihrer Armut wegen einen schweren Eindruck.  Zu Hause warteten auf mich 3 Briefe: von Schwester Anna, Cousin Peter Dück, und Tante Justel.  Aus P. Dücks Brief erfahren wir, dass Tante Enns wohl noch lebt, aber dass Pet. Dav. Cornies gestorben ist.  Tante Justel schreibt, dass sie sehr gealtert hat. Anna erlebt große materielle Schwierigkeiten und sehnt sich sehr in ihrer Einsamkeit.

 

17-VI-44.  Kalter Landregen. Haben ein neues Quartier bezogen, bestehend aus einem Wohnzimmer und einer Küche. Sind mal für uns allein.  Soeben einen Brief von Hansi erhalten.

 

19-VI-44.  Schwebe wieder in Furcht.  Es ist nämlich eine Beratung in Katschiri in der Landabteilung, auf der ich auch sein sollte.  Es regnete jedoch Vorgestern, so dass ich mich nicht mit meinem Gaul und Wagen auf den Weg zu begeben riskierte.  Per Telephon gelang es mir nicht mit meinem Vorgesetzten zu sprechen und so blieb ich zurück. Mein Dienstkollege Plotnikow, ein großer Egoist fuhr mit 2 guten Pferde dorthin, konnte mich jedoch nicht mitnehmen; er ist noch nicht zurück, und so befürchte ich jetzt, man wird mir dieses Ausbleiben sehr rügen.

 

23-VI-44.  Eine bittere Enttäuschung, auf der Hälfte unsres Kartoffelstücks sind nur etwa 20% Kartoffel aufgegangen. Diese Kartoffelaügelchen hatten nämlich vor dem Setzen etwa 10 Tage gelegen und waren etwas “verschimmelt”.  Die andern, die frisch gesetzt sind alle aufgegangen.  Ein russisches Sprichwort lautet: “где тонко там и рвётся”; in Vergleich zu andern haben wir nur wenig gesetzt, und davon gedeiht nur ein Teil, während bei andern alles hübsch aufgegangen.  Leider waren wir gezwungen zwei Fliegen auf einen Schlag zu schlagen: die Kartoffel zu essen, auch zu setzen.  Na, wenn das gebliebene gerät, wirds schon irgend wie werden.

 

30-VI-44.  Es gibt Tage wo man wie in eine Sackgasse hineingeraten ist. Unsre Produkte und Geld sind ganz zu Ende. Meinen Wagen, den ich zeitweilich im Gebrauch hatte, hat man mir samt Geschirr wieder abgenommen, so dass ich wie entwaffnet dasitze.  Den letzten Riemen, mit dem ich mein Pferd zu Nacht gespannt hatte, hat man mir fortgestohlen und das Pferd hat daher auf fremden Gemüsestück Schaden angerichtet.  Mein Beil ist mir Heute zerbrochen.  Ich fühle schon längere Zeit allerhand Gebrechen wie Reumatismus.  Frieda ist ganz verlegen, denn sie weiß nicht, wovon gekocht werden soll usw.

 

2-VII-44.  Heute zum Abend haben wir noch etwa 2 glas Mehl und dann nichts mehr.  Einem wird ganz beklommen darüber, denn wir wissen nicht,wo wir´s hernehmen sollen. Jedoch - mehr Vertrauen.

 

4-VII-44.  Gestern borgte Frieda etwa ein Kilo Roggenmehl und holte aus der Molkerei etwas Molke  und kochte daraus zu Mittag und Abends Mehlsuppe.  Mir war nicht sehr wohl danach.

Heute, Gott sei dank, sind wir schon wieder etwas aus der Not — erhielt auf der Post meine Monatsgage für Mai - 360 Rubel und dann gelang es uns für ein Paar Unterhosen 5 Kilo Weizen und 3 Kilo Roggenmehl einzutauschen. 

 

8-VII-44.  Kehrte Gestern von einer 3-tägigen Reise zurück.  Brachte 3 Kilo Hirsegritze mit.  War in Motogul, in dem Dörfchen, wo unsre liebe Erika ihre letzten Lebenstage verlebt hat. Wie schwer war mir ums Herz, als ich den Weg durchs Wäldchen ging, auf dem ich den letzten Gang mit meinem Kinde zusammen machte. Sehr viel Menschen kranken in dem Dorfe an Fleckenthyphus, unter anderm auch Katja - Frau Esau. 

 

15-VII-44.  Haben schon den 3. Tag Regen; Ernteaussichten sind daher verhältnissmäßig gut.  Roggen fängt man schon an zu mähen.

Erhielten vor einigen Tagen 2 Briefe von Hansi, auf die wir schon sehr gewartet hatten.  Er ist von Kujbyschev die Wolga hinauf weiter geschickt worden.  Es muss das eine malerische Gegend sein.  Frieda und ich haben ihm sofort geantwortet.  Hansis Briefe klingen immer wehmütig, während Heinis im Gegenteil.  Hansi klagt in jedem Brief über seine Gesundheit und Lebensverhältnisse. Heini nicht in einem Brief.  So verschieden sind die Kinder doch geartet. Heini hat es daher weit leichter in diesen so schweren Verhältnissen.

Es nimmt ganz überhand mit den Wölfen, fast jeden Tag richten sie hier oder dort Schaden an.

 

20-VII-44.  Wir kommen noch immer nicht aus der Krisis hinaus, die Uhr ist zwölf und wir haben absolut kein Gramm Produkte wovon Mittag zu kochen wär.  Machten schon Versuche etwa ein Kilo Mehl zu borgen, jedoch vergebens.

Mein rechtes Auge entzündet sich von Zeit zu Zeit; ich war dies bezüglich soeben beim Arzt, welcher meinte dass es eine Art Etsenia sein könnte, was ja sehr unangenehm wär.

Frieda behäufelt Kartoffel unsrer Nachbaren und verdient somit etwas Milch.

Gott sei dank;  man fängt schon an Roggen zu mähen.

Oft trifft man hier neben den Birkenwäldchen  Flächen mit Weidenbüschen an, welches sehr gutes Material zum Körbe flechten liefern.  Habe soeben mehrere Besen von solche Weiden geflochten.

Hier in Pavlodarschen braucht man keine Chausseen, denn jeder Feldweg ist immer hart, glatt und trocken und für jedes Auto passierbar.

 

22-VII-44.  Mit Not und Müh ist es mir Heute gelungen, 4 Kilo Mehl im Сельпо auf Rechnung des Juli-Pajek auszubitten.

 

30-VII-44.  Habe in einigen Tagen eine Tour zu Pferd etwa 180 km gemacht; Pferd und Sattel nur sehr mangelhaft. Die Glieder schmerzen mir von so einer Reise. Bin in der Rayonlandabteilung um Entlassung eingekommen, um in ein Kollektive einzutreten.  Einstweilen hat man mich nicht entlassen, und obs was werden wird, weiß ich Heute noch nicht. Ich will jetzt während meinen Besuchen der Kollektive Umschau halten.

 

3-VIII-44.  Schon den 3. Tag herbstliches kühles Wetter, trotzdem wir eigentlich nur Mitte Sommer haben.  Dieses Wetter wirkt mir sehr drückend auf Stimmung u. Gemüt, was früher nie der Fall gewesen.  Und besonders Gestern als ich durch die sibirischen Dörfer und Steppen ritt.  Wehmütig stimmten mich die Erinnerungen an die weite und nahe Vergangenheit und besonders die Erinnerungen an das noch vor kurzem so glücklichen Familienleben im Kreise unsre drei lieben Kinder und den Tod unsrer unvergesslichen teuren Erika.  Alles scheint dahin zu sein, nichts Hoffnungsvolles sieht man in der Zukunft mehr. Die große schwere Sorge um unsre Zukunft im engeren und weiteren Sinne.  So mancher Seufzer und inbrünstiges Gebet steigt dann in der Einsamkeit empor.  Auch den Tränen wehrt man nicht. Wie ich nun so sinnend und eine wehmütige eigene Melodie summend ritt, die Beine nach einer Seite des Pferdes übergelegt, wurde ich plötzlich aus meiner trüben Stimmung aufgerüttelt, mein phlegmatisches Pferdchen blieb stehen, hob den Kopf in der Höhe und spitzte die Ohren. Ich dachte sofort an Wölfe.  Der Gaul erledigte jedoch seine natürlichen Bedürfnisse und ging dann seinen Tempo weiter.  Es ist doch wohl eine Täuschung, dachte ich. Wir hatten uns jedoch kaum einige Schritte vorwärts bewegt, so sprang links vom Wege aus dem Kraut erst einer und dann der zweite Wolf heraus; sie liefen einige hundert Meter vom Wege ab und blieben stehen, nach allen Seiten schauend. Die fühlen sich hier jetzt als die Herren der sibirischen Steppe und fügen tagtäglich so manchen Schaden der Viehzucht zu. Ich beobachte sie lange und war somit aus meinem schweren Traum aufgewacht; etwa um eine halbe Stunde kam ich an einen kleinen See, der voller wilden Enten wimmelte, die in mir meine alte Leidenschaft als Jäger wachriefen. 

Allmählich neigte sich die Sonne dem Untergang zu und färbte den Abendhimmel mit seinen Wolken, wie gewöhnlich hier in den sibirischen Steppen, mit roten und goldenen Farben.  Sobald die Sonne hinter den weiten Steppenhorizont verschwand, wurde es auch bald finster; am entgegengesetzen Horizont stieg dann der Vollmond auf.   Die Natur bleibt sich treu, während alles andere eine furchtbare Veränderung erlebt hat.  Ach, wieviel Lebenslust und Freude entsprossen in mir seiner Zeit uns den Eindrücken der Natur.  Und jetzt?  Alles ist in uns zertreten. Etwa um Uhr 10 kam ich dann nach “Hause”,  zu meiner einsamen Frieda in unser leeres Häuschen. Ich war froh, dass ich ein Kilo Roggenbrot ins Haus bringen, und Frieda war froh, dass sie mir Roggengritze mit Schleudermilch vorstellen konnte. Wir waren froh und glücklich, dass wir wieder zusammen waren, denn um uns her nah und fern ist alles fremd, keine Liebe und keine Innigkeit. Tassen und Teller haben wir schon lange nicht mehr; dass ist jedoch auch nicht die Hauptsache beim Essen. Nach den Abendbrot legten wir uns zur Ruh auf dem Lehmboden in einer Ecke unsres leeren Zimmerchen.

 

9-VIII-44.  Wiederum Pech, mein Gaul ist Gestern Nachts verschwunden.  Auf welche Art ist mir unklar.  Ich nächtete nämlich auf der Viehfarm des kollektivs “Ukrainez”.  Wie gewöhnlich, hatte ich meinen Gaul frei herumgehen, weil er bis dahin noch nie den Ort verlassen hat, an dem ich ihn loslasse.  So auch hier.  Ich schlief draußen und sah ihn um 12 Uhr abends noch auf den Hof kommen; und morgens keine Spur von ihm.  Alles habe ich rundum der Farm durchsucht.  Drei Möglichkeiten seines Verschwindens sind vorhanden: entweder haben ihn die Wölfe genommen, oder er ist fortgelaufen, oder man hat ihn gestohlen.  Falls ersteres passiert sein sollte, müßten seine Überreste doch in der Nähe zu finden sein, was nicht der Fall ist;  sollte er weggelaufen sein, müsste er irgend wo in den Nachbardörfern sein, wo er bis jetzt auch noch nicht entdeckt ist;  ist er jedoch gestohlen, so wird er schwer in der Waldgegend zu finden sein.  Jedenfalls, ist es für mich eine sehr heikle Sache, einmal, dass ich zu Fuß weiterhin meine Arbeit ausführen muss, und zweitens, was das Schlimmste, dass ich materiell für den Gaul vor der Rayonlandabteilung verantworte. Im Zusammenhang mit dem Geschehenen habe ich mich Gestern sehr müde gegangen, was sich sehr nachteilig auf meinem Herzenszustand auswirkt, und zweitens, außer den beständigen materiellen Sorgen, noch diese große Sorge.

Haben einige Tage schon heißen Südwind, worunter die Spätkulturen schon sehr gelitten haben, insbesondere die Hirse, welche in der Nahrungsfrage eine große Rolle spielt; auch die Kartoffel leiden ziemlich, wodurch die großen Hoffnungen auf eine gute Kartoffelernte schon sehr gescheitert sind.

 

11-VIII-44.  Gott sei Dank, mein Pferd hat sich wieder gefunden, eine große Sorge weniger.

 

13-VIII-44.  Sonntag.  Wie sehnt man sich nach einem Sonntag, wie man den in seiner Jugend gehabt.  Heute jedoch, ist immer Alltag und zudem sehr grauer Alltag — wie in bezug der Kleidung, so auch in bezug dem Essen und der Arbeit. Mir ist heute unwohl; es ist das eine allgemeine Erscheinung, dass hier nach den frischen Kartoffel einem übel wird, was man doch früher nie gehört und gekrankt hat. Frieda hat soeben zu Frühstück ein halb Liter voll- u. ein Liter Schleudermilch gekocht, um eine Milchmus zu kochen.  Sie kocht und singt den Chorall “Wer nur den lieben Gott lässt walten . . .”  Leider haben wir wie gewöhnlich kein Brot zur Suppe.

Interessante giftige Pilzen gibt es hier, die als Fliegengift dienen.  Ich brachte Gestern zum ersten mal so eine nach Hause, zerschnitt sie, und heute sind die meisten Fliegen schon gefallen.

 

14-VIII-44.  Es hat mir mal wieder heute Morgen so viel Nerven gekostet, denn einige Stunden hab ich müssen mein Pferd suchen.  Habe dabei wunderbare Erfahrungen gemacht in Gebetserhörung.

 

20-VIII-44.  Sonntag.  Gestern war starker Sturm mit Staub.  Heute trüber Herbsttag.  Diese Jahreszeit war früher doch immer eine recht schöne Zeit, denn man erntete fast ohne Ende vom Feld und Garten.  Ach! das schöne Obst, Arbusen und Gemüse.  In jedem Haus der schöne Apfelgeruch; dann das verschiedene Gebäck mit Obst usw. - ein wahrhaftes Paradies.  Gestern war der russische Apfelfeiertag;  dann kamen gewöhnlich die russ. Frauen in unsre Dörfer gefahren mit Enten und Gänse Obst eintauschen — eine Ente für ein Merka Birnen usw.

An diesem Tag jägerte ich als Jüngling gewöhnlich auf Juschanlee bei Reimers mit meinem Jugendfreund Heins Klassen. Das waren herrliche Tage! Die Jagd auf Rebhühner in den heißen Vormittagsstunden am Rande des Waldes und in dem Schatten der langen Alleen. Dann das Mittag im halbdunklen kühlen Esssaal des prachtvollen Schlosses, der Gänsebraten, der Wein und die wunderschönen großen Arbusen. Dann die Nachmittagsruhestunde auf den weichen Ledermöbel im Kabinett des Jungen Gutbesitzers; die duftenden Zigaretten.  Überall Äpfel und Apfelgeruch. Die sorgenlosen Unterhaltungen über Jagt, Hunde und Pferde.  Die Hoffnungsvollen Stimmungen im Zusammenhang mit der herannahenden Schulzeit, dem Wiedertreffen der Schulkameraden und sonstigen schönen Begegnungen. Nur Sonne und Sonnenschein! Das war einmal. Unwillkürlich möchte man eine Parallele ziehen, ich will meinen Geist jedoch etwas in jener Zeit verweilen lassen.

Gestern wurde ich mal wieder an die grausame Realität der heutigen Sittlichkeitsniveau erinnert, denn ich war unwillkürlich Zeuge eines Familiendramas eines alten russischen Ehepaares; sie hatten wohl schon über 25 Jahre zusammen gelebt und jetzt Ehebruch.  Leider ist dies jetzt an die Tagesordnung.

Ich hoffe, dass ehe ich diesen Album voll geschrieben haben werde, der Krieg zu Ende sein soll; denn mehr Papier zum Tagebuchschreiben werde ich wohl keinen auftreiben können; der Papierstift, mit dem ich schreibe ist kaum 2 cm lang.

 

1-IX-44.  Schon wieder nähern wir dem Herbst und wie steht es mit unsrer Bereitschaft zum Herbst und Winter?! Soll ich in diesem Dienst bleiben, oder mich mit Gewalt losmachen und in einem Kolkos gehen?!   Auf welche Art verschaffen wir uns Brot und Fett Stoffe?!  Zum Glück werden wir wohl Kartoffel haben.

Kehrte Gestern von einer mühseligen Fahrt zurück.  Ich war nämlich in die Rayonlandabteilung herausgerufen mit meiner Abrechnung über meine Arbeit für August.  Dann wurde mir gemeldet, dass ich eine Ziege für 208 Rubel erhalten könne in einem Kasachendorfe 30 km noch hinter Katschiri.  Trotzdem ich Uhr 1 von Katschiri losfuhr, kam ich erst abends im Regen dorthin. Niemand von den Vorgesetzten war zu Hause, was mich in ziemliche Schwierigkeiten versetzte im bezug des Quartiers und Ernährung.  Vom Schriftführer einem alten Deutschen Lehrer mit Namen Annert wurde ich im Contor untergebracht, wo selbst im Nebenraum eine arme deutsche Familie - Frau und 4 kleine Kinder, mit Namen Kowalski, wohnte; es erwies sich später, dass ihr Mann mir gut bekannt sei noch aus der Trudarmee in Buguruslan. Es war ein rauher regnerischer Tag, wie bei uns im November Monat.  Zwei Nächte musste ich dort verbringen. eh ich mal meine Ziege erhalten konnte.  Ich hatte somit einen ganzen Tag Zeit von meinem Quartier aus das Kasachische Dorf und Umgegend zu besehen.  Recht unheimlich sah das Dorf aus, die Häuser “sehen aus wie Ruinen, kein Mensch zu sehen”,  einmal weil alle Mann auf dem Felde sich Tag und Nacht befindet, dann weil es fast ununterbrochen regnete.  Hie und da läuft mal eine Frauengestalt mit langem Rock und noch längeren Hosen und schleierartigen Kopfbedeckung mit einer Schale über die Strasse nach Glut; um Feuer zu machen.  Trotz des grauen Tages und totem Eindruck des Dorfes, war mir die Natur der Umgegend doch interessant — unweit das bewaldete Ufer des Irtysch und von beiden Seiten des Dorfes zwei See mit sumpfigen flachen Ufer;  in den Seen wimmelte es förmlich voll wilden Enten, Gänse und Schwäne. Vor einigen Jahrzehnten hätte ich mich mit meinem Hunde und Flinte gerne da auf mehrere Tage niedergelassen. Wie weit entfernt ist doch die Zeit,  in der ich mich noch von den Träumen der Zukunft ließ. — und Heute — die furchtbare graue Wirklichkeit, die ich mir nicht mal hätte träumen lassen.

Abends erhielt ich dann endlich eine Ziege; weil jedoch weder die Farmleiterin noch Hirten die russische Sprache beherrschten, konnte ich schwer Auskunft erhalten über die mich bei diesem Kauf interessierenden Fragen wie Alter, Milchergiebigkeit und sonstige Eigenschaft der Ziege; musste mich daher mit der mir gebotenen Ziege begnügen;  sie ist ja jung und soll scheinbar im Dezember lahmen,  was mich dann auch bewog, diese Ziege zu nehmen.  Um 6 Uhr des Morgens fuhr ich dann mit der Ziege ab und kam erst den andern Morgen Uhr 6 nach Fedarovka (70 km); die letzte Strecke machte ich in besonders finstrer Nacht und Regen.  Mein Pferd, das schwach und ermattet war, bewegte sich kaum.  Ich verließ mich ganz aufs Pferd, denn selber konnte ich mich zwischen den Wälder und Regen und Finsterniß nicht mehr orientieren.  Aus Ungeduld sang ich dann mal den Choral “Wer nur den lieben Gott lässt walten”, ebenfalls aus Ungeduld ließ die gebundene Ziege einen unnatürlichen Schrei aus;  niemand außer vielleicht Wölfe und Birkhühner werden Zeuge von unsrer Nachtfahrt gewesen sein.

Es sind Heute wohl schon 5 Jahre her, seitdem der Krieg in Europa begonnen hat.  Wie viel große Sorgen sind im Zusammenhang mit diesem Kriege für uns persönlich entstanden, denen ich noch nie ein Wörtchen in diesem Buche gewidmet, die jedoch wie ein Alp stets — während auf Herz und Gemüt lasten. Jedoch, Reden ist Silber, und Schweigen ist Gold; und Vorsicht ist die Mutter der Weisheit.

 

5-IX-44.  Ein sehr trüber und regnerischer Tag, was sehr im Mähen und Dreschen hindert.  Habe eben 3 Briefe geschrieben - an unsre beiden Jungen und an Anna.  Gestern bekam ich einen Brief von unserm Cousin Peter J. Dück und vor einigen Tagen von der Cousine Lena Friesen (Enns).

 

6-IX-44.  Den dritten Tag Regen.  Das Getreide wächst in den Mandeln.

 

7-IX-44.  Heute mal wieder ein schöner sonniger Spätsommertag.  Wann werden wir das mal wieder von unserm persönlichen Leben sagen können?!

Die bangen Fragen um unsre Zukunft und besonders der Zukunft unsrer Kinder machen uns immer größere Sorgen. Heute Nacht raubten mir diese Sorgen den Schlaf. Wo man geht und wo man steht, fährt und reitet fleht man zu Gott um ein Heim im Kreise der Lieben, um tägliches Brot, um ein Wiedersehen mit den Lieben, um Gemeinschaft mit lieben Menschen, um eine Heimat.

Gestern um die Mittagszeit kam ich im Regen geritten; da lüftete sich endlich nach dreitägigem fast ununterbrochenen Regen, der blaue Himmel am Horizont.  Was für eine Sehnsucht rief diese Erscheinung in mir hervor nach dem sichtbarwerden des geschwundenen blauen Himmels in unserm Leben - in dieser so grauen Zeit.

 

16-IX-44.  Haben gegenwärtig schon fast eine Woche schönes sonniges Wetter.  Drei Tage haben Frieda und ich unsre Kartoffel gegraben.  Die Kartoffelernte hat uns ganz überrascht, denn es hat mehr gegeben als wir erwartet.  Zudem sind es fast ausschließlich große Kartoffel, wie wir noch nie gehabt.  Es werden im ganzen wohl annähern 45 Pud sein. Über Bitten und Verstehen. Kartoffel essen wir jetzt drei mal den Tag; es fehlt jetzt noch etwas Vorrat am Mehl, Fettstoffe und Milchprodukte. 

Diese 3 Tage auf dem Kartoffelfelde hatten wir so etwas unsre Sommerfrische.  Die Mittagsstunden verbrachten wir im Schatten der Sonnenblumen.  Haben uns sehr viel schöne Erinnerungen aus dem guten “Früher” wach gerufen.  Viel hat Frieda aus ihrem Hause und Familie und besonders von ihrem Großvater erzählt. Eine große Freude erlebten wir noch, erhielten nämlich von der Post auf dem Wege ins Feld 3 Briefe: 2 von Hansi und einen von Anna.  Anna schreibt, dass sie nach 9 Monaten einen Brief von Schwester Mariechen erhalten, in dem selbige unter anderm schreibt, dass Friedas Mutter noch lebt und dass auch die übrigen alle noch leben.  Franz seine Irene und Gerhard’s Walter sollen geheiratet haben.  Wirklich auffallend, dass die andern heiratsfähigen Verwandten nicht heiraten.  Es ist das da doch wohl ein schweres Problem; die materielle Sicherstellung wird da doch wohl eine entscheidende Rolle spielen. Es beunruhigt uns, dass wir schon so lange keine Nachricht von Heins haben.

Habe Gestern mein Pferd in ein Kollektiv abgegeben auf 10 Tage um Heu für dasselbe zu verdienen.

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22-IX-44.  Hatten Gestern Herbstanfang;  haben schon den 3. Tag kalter Wind und Regen.  Gerade diese Tage war ich zu Fuß in die Kolchose gegangen, und somit ziemliche Strapazen durchgemacht, zwei Nächte auf Tische ohne Unterlage zugebracht und Gestern den ganzen Tag über nasse Füße gehabt und viel gefroren.  Weil wir nicht Gefäße haben, waren wir abends nicht imstande weder genügend Wasser anzuwärmen noch worin die Füße zu brühen.  Wunderbar, wie man mit so viel körperliche Gebrechen solche Strapazen ohne die gewohnte Vorsichts- und Heilmethode ohne besondre Folgen noch immer davon kommt, was man früher nie für möglich gefunden.

Hatte das Glück wiederum ein gebackenes Brötchen von 2 Kilo und 10 Kilo Weizen ins Haus zu bringen.

Während ich dies schreibe singt Frieda von der schönen Maienzeit, wo die Welt so rosig und das Herz so weit;  wie klingt das jetzt nach unsern jahrzehntelangen bittersten Lebenserfahrungen so ganz anders, als vor 25-30 Jahre zurück.  Gott sei Dank, dass wir doch schon hin und wieder mal singen können.

 

24-IX-44.  Schon 5 Tage Landregen.  Sonntag.  Hackte Holz, schälte Kartoffel und machte Feuer, nachdem Frieda Glut von der Nachbarin gebracht hatte.  Inzwischen, während Frieda am Herd schaffte, lass ich aus Hilty’s “Glück” vor, den Abschnitt “Tröstet mein Volk”.  Es ist so recht ein Wort für uns.  Dann lasen wir uns aus “Johann Cornies” den Abschnitt “Cornies als Mensch”.  Mit aller Gewalt hat uns dieses in unsre früheste Vergangenheit zurück versetzt. Es ist doch ein Vergeben gegen Geschichte und Kultur, dass das alles in den Kot getreten ist.

 

27-IX-44.  Ich bin eigentlich sehr nervös, denn ich wollte gleich morgens wegreiten und konnte im Laufe von 3 Stunden mein Pferd nicht fangen;  ich ging schließlich davon und ließ es auf dem Felde. Meine Berufsarbeit bleibt sehr zurück;  meinen Wagen hat man mir wieder weggenommen;  Pajek erhalten wir schon 2 Monate keinen;  haben noch kein Heu;  Holz ebenfalls noch keinen Vorrat während es schon kalt wird; das Mehl ist auch schon wieder zu Ende; Fettstoffe haben wir noch keine;  Geld ist auch nicht vorhanden;  fühle mich nicht gesund, denn ich habe schon den 4. Tag Durchfall, über einen Monat Gelenkreumatismus, Augenentzündung; Herzbeschwerden, etc.   Alles so perspektivlos - wie soll man dann nicht mutlos werden. Doch nein, so geht es nicht, denn Mut verloren, alles verloren. Drum frisch mit Gottes Hilfe, den Kopf wieder empor und mutig vorwärts, denn ich hoffe, dass schließlich auch für uns das Verschen zutreffen wird: “Wenn die Stunde sich gefunden, bricht die Hilf mit Macht herein.”

 

30-IX-44.  Erhielten soeben einen Brief von Hansi in dem er auch von Heini berichtet, von dem wir schon 2 Monate keine Nachricht hatten.  Heins ist scheinbar aus dem Wald nach Buguruslan übergeführt.

Frieda hilft schon den 4ten Tag unsrer Nachbarin Kartoffel graben; sie hofft damit etwas Butter zu verdienen; ich brachte ihr die Nachricht von unsern beiden Jungen aufs Kartoffelfeld.

 

11-X-44.  Haben mehrere Tage schönes Wetter gehabt.  Habe mir 2 Wagen, etwa 4 Zentner Heu gebracht.

Erhielten Vorgestern 3 Briefe: von Heins, Schwester Anna und Pet. Dück.  Heins berichtet dass er aus dem Wald nach Pochwistnewo übergeführt worden ist, woselbst er als Montagnik in einem Sawod arbeitet.  Er ist schlecht mit Kleider und Geld bestellt.

Anna bangt sich sehr in ihrer Einsamkeit und möchte so gerne zum Winter mit jemand von den übrigen zusammen sein.  Wenn das nicht so umständlich wär, müsste sie einfach hierher kommen.

Pet. Dück schreibt, dass er mit seinem Töchterchen sonst ganz gut lebt; von Halbstadt er erfahren habe, dass es ganz zerstört sei; dass er ferner auf eine Herausforderung von Aluschta hoffe. 

Remontiere Heute meine Burrstiefel.

Brot und Kartoffel essen wir Heute, Gott sei dank, es fehlt an Fettstoffe und Milch.

 

18-X-44.  Habe keinen Wagen, so dass ich nichts anfangen kann, trotzdem der Winter vor der Tür steht.  Ich kann nicht weit voraus sehen, was mir Heute Nachts schlaflose Stunden bereitete.  Ich will jedoch nicht unruhig werden und mehr Vertrauen haben.

 

24-X-44.  Haben schon mehrere Tage schönes sonniges Wetter; hätte ich jetzt einen Wagen, könnte ich mir Holz und Heu anfertigen.  Es ist jedoch kein einspänniger Wagen zu haben.  Ich hatte drei Tage zur Verfügung ein Wägelchen das eigentlich nach normalen Begriffen fast kein Recht hatte ein Wagen genannt zu werden; und so brachte ich mir aus einem Kollektiv 1 Zentner Kraut und aus einem andern 9 Pud Kartoffel, was für uns von großer Bedeutung ist.            

Die Birkenwälder stehen schon ganz ohne Laub.  Wohl alle Zugvögel - auch die Krähen, sind schon weg. Und wir dürfen noch immer nicht weg von hier.

Frieda ist mit Frau Silbernagel, die zu unsern einzigen und besten Freundin hier am Ort gehören, nach Brennung - Wehrumt, ins Feld gegangen. Tausende Hektar sind hier mit Mannhohem Wehrumt  bedeckt.

 

26-X-44.  Unser Frühstück heute bestand aus Kartoffel mit Schallen und Salz, schwarzen Prips, rohen Zwiebel und trocken Brot.  In Vergleich zu einigen Monat zurück ist dies was prachtvolles; im Vergleich jedoch zu normalen Zeiten - ein sehr ärmliches Essen.

 

27-X-44.  Wieder einmal Tage, wo alles misslingt.  Der Winter naht und ich kann nichts anfangen, weder in meiner Berufsarbeit, noch für mich persönlich,habe ein Pferd zur Verfügung, jedoch keinen Wagen,  zudem hat das Pferd eine tiefe eitrige Wunde am Widerrist.

 

29-X-44.  Abends.  Es schneit draußen zum ersten Mal in diesem Herbst. Ach, wie freute man sich früher zum ersten Schnee und jetzt, das gerade gegenteil.  Die großen Sorgen — unser Brotvorrat sind 7 Kilo Mehl; Kartoffel und Kraut haben wir; Fett, Fleisch und Milch — keine; Holz und Heu nur etwas.

 

6-XI-44.  Des Nachts kehrte ich von Katschiri zurück.  Das war mal wieder eine mühselige nervenaufreibende Fahrt, bei wenig Schnee auf Schlittenkufen mit meinem schwachen, faulen und nickschen Gäulchen in drei Tagen etwa 100 km gemacht.  Die rechte Hand schmerzt mir ziemlich von den fortwährenden Peitschen. Auf unsrer Beratung in der Landabteilung wurden uns wie gewöhnlich Rüffel erteilt.  Die Arbeit verlangt man aber nach unsern Arbeitsmöglichkeiten fragt niemand, denn da sieh’ zu, wie du fertig wirst.  Oft gebraucht man noch den Ausdruck “wofür bekommt ihr dann Geld?” — einfach lächerlich!  denn alles was man im Monat nur für meine Arbeit gibt hat nach früheren Begriffen den Wert von 25 Kopeken. Auf den Bazar, wo ich mir etwas Geld machen wollte, konnte ich nichts erledigen.

 

8-XI-44.  Gestern abends besuchten Frieda und ich unsren einzigen hier am Orte guten Bekannte und Freunde - Silbernagels — Mutter, Sohn mit Frau (russische).  Sie luden uns zum Kaffe ein, was wir zum ersten mal in Sibirien erfahren haben.  Das Gebäck, das ja aus grauem Mehl und ohne Zucker gebacken, schmeckte vortrefflich und seit dem Donbass hatten wir schon sowas nicht gegessen. Unsre Unterhaltung war auch mal einen ganz andern Thema wie gewöhnlich in den letzten Jahren gewidmet, und zwar der Literatur, Kunst und Musik. Beschauten mal alle uns noch gebliebenen Photographien, die Folge eine tiefe Wehmut und Sehnsucht.

8 Uhr abends; wiederum muss man sich fürchten, habe bis jetzt mein Pferd im Felde gesucht und es nicht gefunden. Weil es gespannt ist, habe ich besondre Furcht, dass es nicht von den Wölfen überfallen werden möchte.

 

9-XI-44.  Früh morgens ging ich schon im Feld auf die Suche nach dem Gaul.  In großer Gelassenheit stand er gespannt im Schnee etwa 2,5 km vom Dorfe entfernt.

 

13-XI-44.  Gott sei dank, haben mit eine mal einen Vorrat von 3 Pud Mehl, welches ich Gestern aus Motogul gebracht habe, 2 Pud und 400 Rubel für 3 Meter Zeuch und ½ Kilo vom Kolchos herausgeschrieben.

Auf dem Rückwege erblickte ich ein interessantes Bild, für mich als Jäger, neben einem Birken Wäldchen sassen auf der Erde und auf den Bäumen etwa 150 schwarze Birkhühner, die sonst nur einzeln in den Wälder anzutreffen sind.

Haben gegenwärtig nur wenig Schnee, aber schon Frost von 15°.

In den Oktoberfesttagen ist doch ziemlich Schnaps getrunken worden, besonders von den leitenden Personen der Kollektive; so z. B. in Motogul 33 Liter á 340 Rubel!

 

24-XI-44.  Haben sehr kalte Tage; Frost über 30° mit Wind.  Bin die ganze Zeit unterwegs gewesen und habe daher in meiner dürftigen Überkleidung sehr gefroren.  Soll morgen wieder fahren, und zwar nach Katschiri - 40 km. Frieda hat sich sehr aufgenommen und ist korpulent geworden; leidet daher etwas an Asthma.  Ganz besonders leidet ihr Gemüt in beständigem Trauer und Sehnsucht nach unsrer lieben Erika.  Sie ist zu viel ganz allein. Ich komme mehr unter Menschen und leide daher in dieser Hinsicht weniger. Die Sorge um unser täglich Brot ist, Gott sei dank, weniger geworden, denn wir haben schon einen Mehlvorrat von 3 Pud, ein halb Kilo Butter, Kartoffel und Kraut.

 

29-XI-44.  Kehrte Heute Nachts mit einem обоз von Katschiri zurück.  Die Zehen an beiden Füssen sind mir etwas angefroren und daher gegenwärtig sehr schmerzhaft. Etwa 5 Tage haben wir schon 40° Frost.

Laut letzten Brief von Hansi, war er gerade erkrankt, was uns sehr beunruhigt.

 

6-XII-44.  Haben vorgestern telegraphisch angefragt nach Hansi’s Gesundheitszustand.  Warten mit Ungeduld auf Antwort.

Holte Gestern unsre Ziege nach Hause aus der Herde in einem Kasachendorfe.  Sie ist hochtragend.  Weil es im Ställchen so kalt ist, haben sie in der Küche untergebracht. Unser Pferdchen ist an einer Hautkrankheit erkrankt, der jetzt in den kalten Tagen besonders stark sich verbreitet.  Dank dieser Krankheit und dem minderwertigen Heu ist das Pferd sehr mager.  Da ich jetzt mit dem Pferd nicht in die Kolchose fahren darf, bin ich ganz in eine Sackgasse geraten mit meiner Arbeit.

Der Rheumatismus fängt mich immer mehr an zu plagen.

Mit den Pferden verfährt man hier ganz anders, wie wir es gewöhnt sind.  Einmal werden die im Winter bei großem Frost und tiefen Schnee geweidet.  Dann, wenn man eine große Strecke gefahren ist und das Pferd erhitzt ist, wird dasselbe auf mehrer Stunden draußen in großer Kälte und Wind hingestellt "на выстойку", so das es ganz bereift und “flattert”.

 

8-XII-44.  Holte Vorgestern uns ein Winterschweinchen von 2 Pud schwer.  Erhielt es auf Verfügung der Landabteilung für erniedrigten Preis zu 6.5 Rubel das Kilo Lebendgewicht (208 Rubel).  Weil wir nicht Futter haben und es füttern können, sind wir gezwungen, es zu verkaufen oder zu vertauschen.

Erhielten Gestern einen Brief von Anna, in dem sie schreibt, dass Lika sie herausruft, aber sie der Transportschwierigkeiten im Winter nicht wird fahren können.  Im großen und ganzen geht es ihr nicht sehr. Schickte ihr Gestern 50 Rubel, die wir ihr seid dem Winter noch schuldig waren.

Von Hansi noch immer keine Nachricht.

Pajek bekommen wir schon 4 Monat gar keinen.

 

10-XII-44.  Sonntag.  Er ist jedoch wie die andern Tage, voller Sorge und Arbeit. Ach, man möchte mal diesen Alp, zu dem wir uns eigentlich im Laufe der vielen, vielen Trübsalsjahren fast gewöhnt haben, abschütteln und uns mal wieder aufrichten.  Kein Funken Licht am Horizont unsers Lebens.  Frieda sagt, dass sie an nichts mehr denken kann, was nicht aufs Gemüt drückt. Jedoch, Mut! mit Gottvertrauen! 

 

13-XII-44.  Soeben gefrühstückt; hatten mal eine Fleischsuppe, und zwar von Pferdefleisch.  Am Ofen hatten wir uns zu Frühstück platziert in dem unser Koffer uns als Tisch diente.  Meine Eltern, die die einzigen Photographien an der Wand (siehe unten) sind, schauten ruhig aus besseren Zeiten her auf uns hernieder.  Ich sagte, was die wohl zu unsrer Armut gesagt hätten. Wir sind jedoch sehr dankbar zu dem was wir haben, im Vergleich zu dem, was wir vor 6-7 Monaten hatten, als wir noch förmlich hungerten. 

Vorgestern bei nahe 40° Frost musste ich in ein Kollektiv 18 km entfernt fahren, zudem gerade gegen Wind.  Mein krankes mageres Gäulchen schleppte den Schlitten nur kaum kaum.  Auf Peitschenhiebe reagierte es gar nicht.  Ein Knittel half etwas mehr.  Wieviel Nerven hat mir dieses Pferd schon gekostet und wann komm ich von dem los. Ich fürchte nur, es kann noch bei mir fallen, weil man mir kein Heu verschafft und zweitens die Hautkrankheit an ihm nicht kuriert, weil keine Mittel zu haben sind.

 

 

Mutter von Heinrich Dück, Anna Dück, deb. Enns
Vater von Heinrich Dück, Gerhard Dück

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17-XII-44.  Die Kälte hat nachgelassen und die Fenster sind teilweise abgetaut, so dass man wieder hinaus schauen kann.  Einige Wochen waren unsre kleinen Fensterchen so befroren dass es recht dunkel im Zimmer war und es Frieda besonders schwer aufs Gemüt drückend wirkte. Von den Vögel im Dorf sind nur die Elster und Sperlinge zurückgeblieben und auf dem Felde die schwarzen Lerchen und weißen Eulen, im Walde und Feld die Birkhühner und weißen Rebhühner.

 

Haben von Hansi noch immer keine Nachricht. Ach! die schweren Sorgen um unsre Jungen! Lasen uns gestern Abend aus Hilty’s “Glück” “Tröstet, tröstet mein Volk”.

 

Hilty’s “Glück”, das zufällig nach Sibirien hinübergerettet ist, ist zu meinen Wegweiser zu Gott geworden. Immer wieder lese ich diese zwei Bände und immer wieder find ich Neues darin. Wie gerne möchte man mal moderne Literatur über die höchsten Fragen lesen; denn einige Jahrzehnte sind wir schon hierin zurückgeblieben. Man ist doch nicht für so eine Wüste geschaffen in der wir jetzt leben müssen. Ich fürchte, wir verkümmern ganz an Geist und Leib, falls die Verhältnisse noch lange so bleiben, denn die entsprechenden Kräfte wollen zuweilen versagen unter der Last der Furcht und Sorgen.

 

Wurde unterbrochen, denn ich musste Frieda’s geschorenes graues Haar mit einem Stückchen hölzernen Kammes kämmen, denn Spiegel haben wir keinen.

 

 

 

18-XII-44.  Schon im Dunkeln kehrte ich zu meiner einsamen Frieda zurück; es sind das immer glückliche Stunden. Abends, wenn Frieda am Herd mit dem Abendbrot zu tun hat, heize ich mit Wermut den Herd, wobei ich mich immer nach dem Frieren am Tage wärme.

 

Von einem halben Litter gekaufter Milch hatte Frieda eine schöne Milchmuß gekocht.  Nach Abendbrot während Frieda strickte durchblätterte ich die schöne Sammlung deutscher Dichtungen “Für Geist und Herz”, wobei ich die für uns gegenwärtig passensten und schönsten Gedichte und Lieder vorlas; die meisten Lieder sangen wir, was uns mit Wehmut an die Zeit erinnerte in der wir sie gesungen und an die Lieben erinnerte, mit denen wir sie gesungen. Draußen heult der sibirische Wind. Die Augen schmerzen mir vom Lesen bei so jämmerlicher Beleuchtung. 

 

 

 

21-XII-44.  Gott sei Lob und Dank!  endlich Nachricht von Hansi durch einen Brief vom 28.XI, dass er gesund und am Leben ist.  Ach, was haben wir uns gefürchtet und gesorgt um unsern lieben Jungen, nachdem wir die Nachricht von seinem Erkranken erhielten.  Er schreibt dass er jetzt schon das 4. Neujahr in der Trudarmee begegnen muss, und dass die schönsten Jahre seines Lebens so vergehen müssen.  Na, ich hoffe doch bestimmt, dass unsre Jungen, wenn sie nur am Leben und gesund bleiben an Seele, Geist und Leib noch einer guten Zeit entgegen gehen.  Könnten wir noch ein Stückchen dieser guten Zeit mit ihnen zusammen verleben.

 

 

 

24-XII-44.  Es ist noch nachts, wieviel jedoch die Uhr ist weiß ich nicht. Bin in einer sehr schwierigen Lage, aus der ich nicht weiß wie ich hinaus kommen soll. Mein Pferd, das man mir anvertraut hat, ist so schwach dass es nicht auf kann und sich hin und her wälzt.  Wie man den Zustand des Pferdes nun qualifizieren wird und ob man mich für diesen Zustand verantwortlich machen wird, davon hängt so viel ab. Wie nun das Pferd wieder auf die Beine bringen?! Gutes Futter hab ich keines und wie soll ich jetzt mit so einem Pferde dazu kommen.  Mit Brot und Heizmaterial geht’s auch zu Ende, wie dann weiter ohne Pferd? Gott hilf mir.

 

 

 

25-XII-44.  Was für ein bedeutender Tag und zugleich, wie grau in unseren Verhältnissen.  Weihnacht!  Wie klang es eins so schön und wie erfüllt es uns Heute mit Wehmut bei den Erinnerungen an die glücklichsten Weihnachtstagen der weiten Vergangenheit. Gestern abends kam zu uns unsre gute Bekannte Frau Silbernagel; sie brachte etwas Bohnenkaffee mit und so stellten wir uns einen Kaffee an, den wir zu dritt tranken.  Am Ofen hatten wir dazu unsern primitiven hölzernen Tisch hingestellt und borgten uns von dem Nachbar noch eine blecherne Tasse, weil wir nur zwei haben.  Als Weihnachtsgebäck dienten trocken Brot und einige Pyrogki mit Kürbisse. Es schmeckte vortrefflich. Dann lasen wir uns die Weihnachtsgeschichte und sangen aus dem Gesangbuch Weihnachtschoräle.  Es war segensreich.

 

Heute von Morgen an wieder die großen Tagessorgen.  Das Pferd ist erster Linie. Wie das nur noch werden wird. Das Holz im Ofen wollte nicht brennen. Was wir schönes schon Heute erlebt, das ist ein Brief von Hansi.

 

 

 

26-XII-44.  Bin sehr verstimmt und weiß einfach nicht, was tun.  Aus der Rayonlandabteilung macht man mich ganz verantwortlich für mein Pferd.  Man befiehlt mir es ins Zimmer zu nehmen und drin zu halten.  Die Wirtin des Hauses protestiert dagegen.  In der Kollektivstall nimmt man es nicht auf, weil es die Krätze hat; und so muss es liegen bleiben, wo es liegt. Es komme jetzt eben, was da komme. Ich glaube, Gott wird mich nicht verlassen.

 

 

 

27-XII-44.  Wind und kalt.  Die Lage mit meinem Pferd hat sich noch nicht geklärt; es wird mit ihm immer schlechter. Wenn es fallen sollte, ist für mich das Wichtigste, was man bei der Öffnung desselben finden wird, oder ob man nichts finden wird.  Im letzten Falle wird man mich beschuldigen, dass ich es so habe herunter kommen lassen, und dann ist es nicht ausgeschlossen dass man mich zum Bezahlen des Pferdes verurteilen wird. Ach! wann hätte man sich im Leben so viel Sorgen um so ein miseres Pferdchen gemacht. 

 

Wir wollen es gleich wieder umdrehen, habe mir dazu von guten Bekannten und jungen Freund Lehrer Vict. Ed. Silbernagel gerufen. Ich tränke das Pferd aus einer Flasche und füttere gedämpfte Spreu und Heu.  

 

 

 

29-XII-44.  Viel bittre Pillen hab ich Heute schon herunter schlucken müssen.  Mein Pferd hat man Heute ins Kollektiv hinübergefahren, um zu versuchen, ob es noch zu retten ist.  Man gibt ihm da Hafer und Heu. Wenn ich mein Bleiben hier nicht für zeitweilig ansah, und ich früh oder spät von diesen Leuten hier wegkomme, so würde ich durch die sarkastischen Bemerkungen, die man mir Heute machte, doch sehr gekränkt sein.  Ich bin auch so sehr geschlagen und niedergedrückt.  Herz und Nerven leiden sehr darunter. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen.

 

Gleich darauf haben wir auch etwas Freudiges erfahren, es fand sich nämlich ein Kaufmann auf unser Ferkel, da uns 3 Pud Weizen bieten und somit wir mal wieder etwas mit Brot versorgt sind.

 

 

 

31-XII-44.  Der letzte Tag im Jahre 1944.  Und der blutige Krieg wütet fort und rafft Millionen Menschenleben hinweg. Mit bangen Herzen steht man fragend an der Schwelle des Jahres 1945. Nach menschlicher Überlegung muss dieses kommende Jahr dem Kriege ein Ende machen, denn es scheint einem ganz unmöglich, dass das noch so lange weiter gehen könnte. Möchte Gott Frieden auf Erden geben!

 

Für uns persönlich war dieses Jahr auch ein Jahr des bittersten Kampfes ums Dasein. Gott hat uns hindurch geholfen, ihm sei Lob und Dank!  Die großen Sorgen und Kämpfen dieses Jahres haben mich näher zu Gott geführt. Der erste und letzte Monat dieses Jahres sind besonders schwer. Die nächste Zukunft wie in bezug meines Dienstes und Arbeit, ja auch inbezug meiner Versorgungsfragen, ist mir Heute nicht klar. Weil mein Herz und Nerven im Laufe der letzten Woche sehr gelitten haben, so wollen einem die Sorgen riesengroß scheinen und der Mut ganz schwinden.  Diese Verzagtheit jedoch ist ja an Zeiten von wenig Gottvertrauen. 

 

Daher wiederum mehr Vertrauen und Glauben und mit frischem Mut ins Neue 1945 Jahr!

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1945 ? !

 

3-I-45.  Am ersten Januar schließ ich eigentlich den Handel mit unserm Schweinchen ab.  Die Frau, die dieses Schweinchen kaufte,eine sehr bewusste Frau, ein echt sibirischer kalter Egoist, verstand es nach dem sie das Schweinchen schon einige Tage bei sich hatte, den vorher abgemachten Preis bis auf 2 Pud Weizen und 1 Kilo Speck herunterzudrücken.  Ich war gezwungen in meiner Lage auf diesen Preis einzuwilligen. Essen denn nun unsre Kartoffel jetzt mit etwas Fett, was doch ganz anders schmeckt und man sich viel gesättigter fühlt.  Mein Pferdchen ist inzwischen nach 3-tägigem Befinden im Kollektiv gefallen. Was das denn nun für Folgen für mich haben wird?!

Am ersten Januar fand ich auf der Strasse eine kleine Seltenheit, nämlich ein Päckchen (100 gr. ) leichten Tabaks. Gestern und Vorgestern schleppten Frieda und ich auf uns Burjan zum heizen von der Steppe, was uns und besonders Frieda ziemlich schwer fiel.

 

4-I-45.  Ich muss jetzt schließlich mal meine Arbeit fortsetzen und in die Kolchose fahren.  Es ist sehr kalt;  Pferd hab ich keins;  und so weiß ich nicht wie ich meine Pflicht nachkommen soll. 

 

12-I-45.  Wir sind jetzt gerade ein Jahr hier in Fedorowka.  Vor einem Jahr erkrankte Frieda an Flecktyphyus. Heute ist sie an der Grippe krank.  Sie hat sich nämlich vorgestern und gestern erkältet. Ich hatte mir im Nachbarkolchos einen Ochsen und Schlitten auf 2 Tage geborgt und so holten wir von der Steppe 3 Schlitten Wermut zum Heizen.  Beim Brechen dieses Wermuts wird man schwitzig und bei der hiesigen Kälte kann man sich dann leicht erkälten. Auf einige Wochen sind wir somit mit Beheizung versorgt.  

Erhielten diese Tage Briefe von Schwester Anna (deutsch geschrieben), von Pet. Dück, von Lena Enns, von Liesa Cornies und von unsern Jungen.

Anna schreibt, dass sie Frieda’s Brief an Mama, weiter befördert hat.  Anna erwartet Erlaubnis zur Ausfahrt nach Lika. Sie plagt furchtbar die Sehnsucht nach allen Lieben, morgen wird sie 57 Jahre alt.  Das Leben vergeht und wir haben in unsern Leben noch nicht normal gelebt.  

Peter Dück schreibt, dass er Erlaubnis zur Einfahrt nach Jalta hat, aber dass man ihn nicht loslasse.  Er habe erfahren, dass Halbstadt total vernichtet sei. 

Lena Enns berichtet uns die Adresse von ihrer Mutter.  Von Liesa Cornies haben wir den ersten Brief, er ist sehr innig gehalten.  Die nämliche Wehmut, wie in andern Briefen, dass das Leben vergehe, ohne gelebt zu haben und dass der einzige Wunsch sei, nur noch mal mit den Lieben zusammen zu kommen. Unter andern berichtet sie, dass mein kleiner Cousin Abr. Joh. Enns (früher Brasel) gestorben sei. 

Die Briefe unsrer Jungen beruhigen uns im Großen und Ganzen.  Sie haben ja so notlich ihr Fortkommen und sind, was die Hauptsache, bis dahin gesund.

Frieda plagt noch immer so die Schwermut, hauptsächlich wird diese Stimmung hervorgerufen durch die Sehnsucht nach unsern lieben, lieben Kinde.

 

13-I-45.  Gestern abends sind uns 2 schwarze Zieglein geboren, die wir hinter dem Ofen platzierten und uns nicht recht schlaffen lassen wollten. Zum ersten mal hier in Fedorowka durften wir uns ein Kilo Zucker und ein Päckchen Tabak kaufen.  Wollen für beides uns Produkte eintauschen.

 

16-I-45.  Haben recht kalte Tage; Gestern war es doch wohl bei 40°. Mit unsern Kartoffel sind wir ungefähr auf der Hälfte;  haben somit in 4 Monate zu zweit 25 Pud aufgegessen.  So ein Quantum reichte uns früher für den ganzen Winter.  Jedoch 3 mal den Tag Kartoffel?!

 

Ach die furchtbare Einsamkeit ist fast nicht mehr zu ertragen, daher auch der große Schmerz und das furchtbare Leid um unser liebes Mädel.  Im Kreise unsrer Lieben müsste die schwere Wunde doch anfangen zu heilen. Ich las heute den Brief, den Frieda an Liese Kornies schreibt und in dem sie das Dahinscheiden unsres lieben Kindes beschreibt. Dies hat mir wieder mit aller Gewalt die Wunde aufgerissen und mich tief traurig gemacht. Möchten wir doch bald aus dieser Einöde hinaus und in die Mitte unsrer Lieben kommen dürfen.

25-I-45. Zu heute Abend sollte ich eigentlich in die Landabteilung nach Katschiry, fuhr jedoch nicht, weil ich erstens kein Pferd habe, dann keinen Tulup
Schafspelz
und tüchtige Burstiefel
Filzstifel
, dann nicht Brot für mehrer Tage; dann so eine Fahrt wäre wieder ein Risiko für meine Gesundheit. Empfinde immer Schmerzen in den Schultern u. Armen. Frieda plagt noch immer die Schwermut, es geht mir daher so schlecht, sie während meinen Fahrten allein zu lassen. Sie schreibt jetzt einen Brief an Mutter und Geschwister.

Weil es mit unserm Brand zu Ende geht, wollen Frieda und ich heute noch aufs Feld nach “Polynj” gehen.

 

27-I-45.  Ganz unverhofft haben wir Quartier wechseln müssen, und zwar auf ein bedeutend Schlechteres.  Die Wirtin nämlich, die unser Quartierchen gekauft, wollte zu uns ziehen und mit uns zusammen wohnen.  Das fanden wir jedoch ganz für unmöglich und zogen vor, in ihr Quartierchen zu ziehen.  Es ist ein sehr baufälliges kasachisches Haus; nur ein Zimmerchen und hinter der Tür gleich der große sibirische Frost.  Die Platte auf den Herd ist geplatzt, von überall räuchert es, so dass Frieda und auch ich schon ganz verlegen sind.  Statt Keller ist ein großes Loch im Zimmer.  Die Wand rund herum nass.  Ziege, Zieglein und Henne sind auch im Zimmer.  Frieda wollte den Ofen heizen, da hört sie plötzlich was schnaufen im Ofenloch, es waren die beiden Zieglein.  Wäre das Feuer aufgeflammt, wären sie doch wohl kaputt gewesen.

 

29-I-45.  40° Frost.  Brennmaterial haben wir nur sehr wenig.  Wann werden wir mal wieder in gesicherten Verhältnissen leben können.  Ach die furchtbare Armut!

Es ist wahrscheinlich über 40°, denn ich bin heute zweimal von 5 - 10 Minuten draußen gewesen und einmal die Nase und das andre mal das Kinn angefroren. 

 

30-I-45.  Mit allem, was wir nur haben: Paltos und Pelz hatten wir uns Heute Nacht bedeckt und doch hat uns gefroren.  Gestern sind 43° gewesen.  Heute ist’s eben so kalt.  In unserm Zimmerchen sieht’s furchtbar aus, aus allem leuchtet die große Armut.  Rauch, Asche, Stroh, Holzspäne, Lem, Fenster und Tür voll Reif, Kartoffelschalen, Russ, nasse Lemwände, ungleicher Erdboden, Lumpen, verbrannte Hirsekörner, kaputtes Geschirr  usw., usw.;  alles zeugt von der fatalen Lage, in die wir geraten sind im Laufe einer ganzen Reihe von Jahre und der daraus entstanden Armut.  Verräuchert und schmutzig wie die Zigeuner.  Ziegen und Henne läuft im Zimmerchen herum. Vom Rauch tränen Frieda fortwährend die Augen und mir schmerzt der Kopf.  Man ist nervös und mürrisch, verwünscht die Häupter aller Länder, die den Krieg führen und nicht beendigen wollen; denn nur das Ende des Krieges ist noch unsre Hoffnung auf Errettung aus dieser furchtbaren Trübsal. Hätte man nicht einen inneren Halt und Vertrauen auf Gott (zwar oft sehr schwaches) wäre man schon ganz verzagt.  So war der heutige Morgen. Soeben las ich diese Notizen Frieda vor, die gerade noch in der Glut herumrührte und wir haben gründlich darüber gelacht und uns somit etwas aufgerichtet. Die großen Sorgen um Mehl, Brennung, Futter für die Ziege und bessere Quartierverhältnisse bleiben jedoch in ihrer vollen Realität bestehen.

Es soll Heute 47° Frost gewesen sein.

Wie hat man doch seiner Zeit auf die Armen herabgeschaut und wohl in seinem Urteil alle über einem Kamm geschoren. Jetzt erst hat man darüber ein richtiges Kriterium.  Unter den Druck des dauernden unverdienten Armut und darauf aussichtslosen bitteren Kampf ums Dasein drohen einem die Wellen über den Kopf zusammen zu schlagen.

 

31-I-45.  Es sind Heute 52° Frost gewesen.  So eine Kälte habe ich noch nicht erlebt.  Haben nur noch auf einige Tage Brennung;  heizen 2 mal den Tag und nur wenig - morgens etwas Holz und abends Burjan.

Erheilten Heute 3 Briefe — von Schw. Anna, Hansi u. meinem Freund Gerh. Barg (stammend aus Mariental)

Frieda und ich malten heute auf einer Handmühle einen Eimer Weizen, was uns sehr schwer fiel.

 

1-II-45. 

Und an jedem Morgen

Die selben, schweren Sorgen.

Doch wollen wir nicht zagen,

Trotz trüber, trüber Tagen.

 

3-II-45.  Der Frost hält noch immer an.  Gehe jeden Tag einmal aufs Feld nach “Polynj”.  Des Nachts ist’s im Zimmer immer sehr kalt.  Frieda hustet schon sehr.  Die Schwermut will sie noch immer nicht verlassen; alles quält sie und besonders die Missgriffe und Fehltritte der Vergangenheit, warum wir nicht ano dazumal nicht mit Eltern und Geschwister mit gegangen, dann wäre alles nicht; warum wir dies und das von unsern Sachen für Produkte in den verflossenen Jahren vertauscht haben, da wir jetzt bald ganz ohne Kleider und Bettzeug sein werden usw  usw.

Ich rate ihr nur vorwärts und nicht rückwärts zu schauen, denn letzteres hilft nichts und schadet nur.

 

6-II-45.  Habe Heute 16 km. zu Fuß in starkem Frost gemacht und nichts erreicht; kehrte daher ziemlich missgestimmt zurück.  Ich wollte eigentlich einige Tage weg bleiben, wovor Frieda sich sehr fürchtete.  Sie war daher sehr froh, als ich unverhofft zurückkehrte. Ich setzte mich sofort an den kasachischen Herd und fing an mit Burjan zu heizen, um mich zu wärmen.  Im Zimmer bleibt es trotzdem ziemlich kalt, feucht und ungemütlich. Frieda erinnerte sich an die schönen trockenen und warmen Zimmer ihres Elternhauses. Wann werden wir mal endlich auf diese Zeit als auf eine schwere nie mehr zurück kehrende Zeit zurückblicken können?!  Die Zukunft ist mir jedoch so unklar wie nur möglich.

Soeben haben wir uns recht aufgerichtet an Otto Funkes “So wenig Sonne”; das doch so recht für uns passt.

 

 

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Noch nie im Leben habe ich so viel Kumst
Sauerkraut
gegessen, als in diesem Winter, jeden Tag einige mal.

In später Abendstunde lasen und sangen Frieda und ich aus der Sammlung deutscher Dichtungen und es wurde uns zu einer glücklichen segensreichen Stunde, trotz kaltem und nassem Zimmer.

 

8-II-45.  Noch nie im Leben haben wir so ein kaltes Quartier gehabt.  Besonders frieren wir des Morgens beim Ankleiden.  Suchten Gestern schon nach einem andern Quartier, können uns jedoch schwer entschließen, bei jemand bei zuziehen und wieder einmal einen gemeinsamen Herd zu haben.  Die Kälte hält noch immer an, es ist doch wohl annähernd 40°.

 

9-II-45.  Gestern sind plötzlich alle Deutsche am Ort von der Behörde registriert worden; zufälliger Weise sind wir übergeschlagen.  Im Zusammenhang mit dieser Registration sind Gerüchte im Umlauf, dass alle Deutsche von hier an ihren früheren Wohnungsort zurück gestellt werden sollen. Gebe Gott, dass es mal endlich zu einer Besserung unsrer Lage geben möchte. Frau Silbernagel war eben bei uns zu Besuch und brachte uns diese Nachricht.

 

11-II-45.  Sonntag.  Weil wir in unserm Quartier so frieren und es so feucht und räuchrig ist, hatte ich mir fest vorgenommen, heute Quartier zu wechseln.  Des Morgens kamen jedoch zwei gute Bekannte, Vict. Ed. Silbernagel und Kaisen, und rieten mir entschieden ab, bei jemanden bei zu ziehen.  So hab ich’s wiederum eingestellt.  Ich gehe nervös den ganzen Tag herum, der Kopf schmerzt mir etwas, wahrscheinlich von dem Frieren des Nachts.  Die Beheizungsfrage macht mir die größten Sorgen.  Ich soll auch meine Arbeit in den Kolchosen durchführen, wovon in meiner Lage nichts wird.  Zudem ist die Kost nur schmal, haben längere Zeit kein Brot und Fett. Man sucht sich immer wieder aufzurichten, Gebet und Lesen der Bibel und der 2 Bände von Hilty und 1 Band von Otto Funke, welches unser einziger Bücherschatz ist. Diese letztgenannten zwei Schriftsteller haben doch solche Verhältnisse in denen wir schon so viel Jahre leben, nicht gekannt und nicht vorausgesehen, und dennoch finden wir in ihren Werken immer wieder Trost. Man wird so mat, so willenlos und unentschlossen, dass man oft nicht weiß, was und wie weiter.  Es kostet einem oft so viel Mühe sich zu entschließen aufs Feld nach Burjan zu gehen.

 

13-II-45.  Endlich ist’s mir gelungen, ein Pud Weizen auf der Mühle zu mahlen. Gestern brachte Frieda und ich einen Handschlitten voll Burjan vom Felde; es soll uns auf 3 Tage reichen.  Es ist eine mühselige und schwere Arbeit.

Es meinen einige, ob diese Registration der Deutschen nicht dazu diene, uns in die befreiten deutschen Gebiete zu schicken.  “Чем чёрт не шутит” sagt ein russisches Sprichwort.

 

15-II-45.  Habe gestern im örtlichen Kollektiv 4 Zentner Stroh für 58 Rubel. gekauft zum Heizen; das Schwergewicht ist nun das Herstellen desselben.

Frieda meinte eben, wie gerne man mal zu Frühstück Prips mit Milch und Butterbrot essen würde, oder gebratene Kartoffel. Die Hiesigen können sich das erlauben, aber wir kommen noch immer nicht so weit. Die Armut, die Armut! Wann kommen wir mal aus ihr heraus!

 

19-II-45.  Wiederum große Fröste bis 40°; und wir sitzen so gut wie ohne Brennung.  Gestern gingen Frieda und ich und hackten uns etwas Birken___, mit dem wir gestern abends und Heute Morgens geheizt haben. Haben abends Угар, wovon wir beide, und besonders Frieda erkrankt sind.  Frieda hat oft schwere Magenerkrankung, wobei sie Kopfschmerzen und Erbrechen hat; gewöhnlich ist es mit einem Tag abgetan.

Will heute versuchen, ob ich nicht schließlich das Stroh erhalten kann, das ich gekauft habe. Vorgestern ist mir mehrere mal Nase und Wange angefroren; Heute schält die Nase ab und ist etwas Wund.

 

20-II-45.  Endlich hab ich gestern abends mal einen Schlitten Stroh erhalten; die Beheizungsfrage ist somit auf einige Wochen gelöst.

Mit dem Ungeziefer muss man ununterbrochen kämpfen.  Wäsche zu wechseln haben wir keine, Frieda hat kein Hemd und ich ein sehr geflicktes.  Zum Baden oder Abwaschen fehlen die Gefäße und auch das warme Zimmer. Wir sind über ein Jahr ohne Eimer gewesen.  Haben uns jetzt einen aus 2 alte Eimer machen lassen für 40 Rubel.

 

22-II-45.  Haben schon den 3. Tag sehr kalten Nordwind.  Gott sei Dank, dass wir gerade zu diesen Tagen Stroh zum Heizen bekommen haben.

Gestern lasen wir über die Resultate der Konferenz der 3 Verbündeten - Amerika, England, und Russland, die in der Krim stattgefunden hat.   Ein schweres Urteil erwartet Deutschland nach seiner Niederlage. Die Rote Armee ist schon 35 km vor Berlin.  Falls keine radikale Veränderungen in Deutschlands Regierung in nächster Zukunft stattfinden sollten sind wohl noch große blutige Kämpfe in Frühling zu erwarten.

 

23-II-45.  Die Wasserbrunnen der Nachbar sind entweder zugeschneit oder zugefroren, jedenfalls ist kein Wasser darinnen.  Bei einem weitern Nachbar, wo noch Wasser ist, wurde uns nicht erlaubt Wasser zu nehmen. Wir müssen somit Schnee schmelzen, haben leider nicht Gafäße dazu.

Es gelang mir eben 2 Döschen Zündhölzer zu kaufen, welche uns dann schon bis Mai ausreichen müssen.  An einem Tage brauchen wir in der Regel 2 Zündhölzer.

 

24-II-45.  Schneegestöber.  Ich wollte morgens in Kolchose fahren, fand jedoch keine Gelegenheit.  Ich bin froh, dass ich in diesem Wetter zu Hause bin, denn dieses Wetter legt sich besonders schwer auf Frieda’s Gemüt.

 

25-II-45.  Über Nacht hat sich der Sturm gelegt und Heute Morgens war es ganz stille. Möchte sich doch auch der Sturm des Krieges mal über Nacht legen!

 

2-III-45. Trotz Märzmonat haben wir noch immer starken Frost;  bis Vorgestern hatten wir noch 35-40° mit starkem Wind.  Ich war unterwegs zu Fuß,  habe in 4 Tage 55 km gemacht.  Vorgestern abends machte ich 18 km zu Fuß gegen Wind und kam um 10 Uhr nach “Hause”.  Daraufhin hatte ich gestern sehr unnormalen Puls.  Frieda lag gestern den ganzen Tag wiederum schwer krank an ihren Magenanfällen.  Heute ist bei ihr wieder alles über. Unser nasses, kaltes, dunkles und räucheriges Quartier fördert unsre Leiden sehr. Frieda trug eben ein Brötchen zum Backen zu Silbernagels, denn in unserm Öfchen ist nicht zu backen.

Nach 10 monatlicher Unterbrechung haben wir Gestern einen Brief von T. Justel erhalten, in dem sie schreibt, dass Mika als табельщица in einer Sodafabrik arbeitet , Marta als Aufräumerin, sie selber verdient mit Stricken und kann im Winter nirgends hingehen, weil sie nicht Kleidung und Fußzeug hat.

Heute traf ich in einer Zeitung die Photographie den drei Vertreter Amerikas, Englands und Russlands auf der historischen Krimer Konferenz.  Churchill sieht es nicht wie einen Engländer; dem Aussehen nach muss er ein Humoristiker sein.  Roosevelt ist doch ein echter Anglosächsischer Typus; sympatisch.  Er erinnert mich auf diesen Bild sehr an unsre Tante Greta

 

9-III.45. Bin einige Tage mit meinem Vorgesetzten Ljamin in den Kolchosen herum gefahren. Nebenbei habe ich dem meine Lage geschildert; eins und das andere verspricht er ja zu verbessern. Erstens hat er mir wiederum ein Pferd zur Verfügung gegeben, was mir denn schon meine Lage inbezug auf Brennung und Futter erleichtert; will denn nun heute die Geschirr- und Schlittenfrage zu lösen versuchen.

Das Wetter ist wohl etwas gelinder, jedoch nach unseren südlichen Begriffen ziemlich kalt.

 

10.III.45. Habe heute Glück gehabt, es ist uns nämlich gelungen 1 Liter Öl aus MTS zu erhalten. Bekamen einen schönen Brief von Hansi, indem er Frieda tröstet und uns verspricht, die Gesundheit seines Leibes und Seele zu schonen.

 

12.III.45. Habe mir gestern einen Schlitten Roggenstroh zum Heizen gebracht; Victor Eduardowitsch Silbernagel war mir dabei behilflich; wir brachten auch für ihn einen Schlitten Stroh. Der ganze gestrige Tag, und zwar Sonntag, ging drauf. Weil wir beide nicht geübt sind in Laden von Stroh auf sibirische Schlitten, so kippte uns der Schlitten das erste und das zweite mal um und statt 3-4 Zentner aufzuladen hatten wir nur 2 Zentner geladen. Wir heizen jetzt schon etwa drei Tage, es ist daher in unserm Zimmer auch schon warm.

Schon längere Zeit erfahren wir nichts mehr von dem, was in der Welt vorgeht und die Ereignisse sind doch Heute von welthistorischer Bedeutung, jedoch keine vernünftige Zeitungen bekommt man zu Gesichte. Unsere bange Frage ist immer wieder- wann, wo und wie wird sich unsere persönliche Lage verändern. Sehr große Armut ist doch immer mit Schmutz und Ungeziefer verbunden; und wer dann noch keine Hoffnung auf Verbesserung seiner Lebensweise hat, dem muß doch alles über dem Kopf zusammenschlagen. 

 

19.III.45. Vor 3 Tagen feierte ich meinen 53. Geburtstag. Wenn ich an diesem Tag ein Fazit über mein Leben ziehen will (wie gebräuchlich), so muß ich ein sehr trauriges Resultat feststellen, und wenn es nur mir allein so erginge, so wäre es zum Verzweifeln; aber es gibt Heut zu Tage ähnlich hüben und drüben Millionen. Alleman hofft auf das baldige Ende des Uhrgrundes dieser verzweifelten Lage, auf das Ende des Krieges und auf den darauffolgenden Wiederaufbau des Volkswirtschaftlichen und persönlichen Lebens.

Bin mal wieder mein Pferd losgeworden, was mich wiederum sehr verstimmt, da ich wie gelähmt da sitze. Überhaupt ist mir die ganze Wirtschaft mit so einer Arbeit über.

 

20.III.45. Es wird wiederum gesprochen, als ob die Polen und Deutschen im April abgeschickt werden sollen. Wie ist unsere Zukunft doch so unklar.

 

21-III-45.  Frühlings Anfang.  In der Natur ist hier noch vollständiger Winter, kalt und Wind. Die Sonne geht zwar schon bedeutend höher.  Wo ist jedoch die Frühlingsstimmung?

Bin Heute apathisch, meine Vorgesetzten, meine ganze Arbeit und Menschen mit denen ich zu tun habe, sind mir überdrüssig. Man verkümmert an Geist und Leib, denn schon so viele Jahre keine Geistige Speise mehr, zudem die große materielle Armut. Die einzige Hoffnung setzt man auf das Ende des Krieges, welches im günstigen Fall noch einen neuen Lebensimpuls in mir entfachen könnte.

 

24-III-45.  Ich war in einige Kolchose gefahren wo ich einige Vertreter aus dem Rayon antraf, die auch in Sachen der Viehzucht da waren.  Ich wurde von ihnen angegriffen, einmal wegen meinem gefallenen Pferd und anderseits wegen meine Arbeit überhaupt.  Es sind grobe taktlose Menschen, die sich nichts daraus machen gemeinen zu kränken, oder direkt ins Unglück zu stürzen.  Wie ich Heute morgens nach Hause kam wurde mir gemeldet, dass ich das Pferd nicht mehr zu nehmen hätte, ein Glück, das ich mir wenigstens bei dieser Gelegenheit etwas Holz mitgebracht habe.

Heute Morgens war es wiedrum sehr kalt 25-30°

Erhielten unter anderes eine Karte von Lise Cornies, geschrieben auf Birkenbast. Von Heinz schon längere Zeit keinen Brief.

 

25-III-45.  Sonntag.  Schneegestöber.  Schwer lastet auf meinem Gemüt Heute meine ganze Lage.  So ein geistiger Zustand lähmt und nehmt mir jeglichen Willen.

 

27-III-45.  Schneegestöber.  Um einige Tage (30.III.) soll ich nach Katschiry in die Landabteilung.  Erstens, weiss ich nicht, wie ich ohne Pferd dahin kommen soll, dann weiß ich nicht, was ich über meinen Rayon berichten soll und drittens, weiß ich nicht, ob ich um Entlassung ankommen soll.  Dieser Zustand macht mich nervös.

Es logiert bei uns gerade eine Soja Petschonowa, eine frühere Mitarbeiterin in Viehzucht von der 3. Farm und heute Arbeiterin im Volksgericht. Weil wir nicht im Stande sind einem Menschen ein Nachtlager zu geben, so musste ich unserm Gast meine Paar Bretter abstehen und selber auf einer ganz schmallen Bank (etwa 4 Werschok
1 Werschok 4,445cm. Das Brett war demnach also 17,78 cm breit!
breit) die Nacht zu bringen. Wär es nicht so kalt und feucht hätte ich auf der Erde gelegen. Frieda bedauert, dass in Ermangelung naher Menschen, man gezwungen ist, sich so einem uns doch in allen Beziehungen fremden Menschen anzusprechen.

28-III-45.  Schneegestöber. Nord Wind.

 

4-IV-45.  Ich bin krank an der Grippe;  War 6 Tage unterwegs nach Katschiry und zurück.  Weil es jetzt schon einige Tage Tauwetter ist, hatte ich 2 Tage nasse Füsse, woduch ich mich dann so erkältet habe.  Auf den Hinwege nach Katschiry blieben wir in einem Kolchos 2 Tage eines sehr starken Schneegestöber halber stecken. Wenn man etwas krank ist und in so schweren Verhältnissen leben muss, sehnt man sich ganz besonders nach einem Heim , auf das doch jedermann ein Recht hat und unsre Väter in meinem Alter alle ohne Ausnahme besaßen.  Und jetzt ist es buchstäblich so, dass man nicht hat, wo man sein Haupt hinlegen kann.

Der Krieg  tobt und wütet noch so fort, Danzig ist gefallen, Königsberg und Breslau sind an der Reihe. Es geht im Osten wie im Westen sehr harte Kämpfe; es kostet daher sehr viel Menschenopfer. Ob es bald zur Endscheidung kommen kann?!

Weil man keine Wäsche zum Wechseln hat, keine Seife zum Waschen, keine Gefäße zum Wäsche kochen, und die Oberkleider auch nie gewechselt werden können, unterliegt man ganz im Kampf mit Läusen.

Heute sieht man hier am Ort in diesem Frühling zum ersten mal Krähen, die hier Zugvögel sind.

Vor 6 Tagen war der Todestag unsrer lieben Erika.  Drei Jahre sind seither vergangen und die Wunde ist so frisch wie zuvor.  Das ist und bleibt ein furchtbar schweres Thema.  Frieda leidet sehr unter diesem Schmerz.

 

5-IV-45.  Tauwetter.  Was soll man nur auf die Füsse ziehen, unsre Burrstiefel halten nur noch kaum zusammen; die Überreste unsrer Lederschuhe sind schon fast nicht mehr zu remontieren, nach früheren Begriffen eigentlich gar nicht mehr.  Wie wollen uns sogenannten Saradowschi Schuhe stricken lassen, um damit im Sommer zu gehen.

Nach siebenmonatlicher Unterbrechung habe ich schließlich den sogenannten Pajek für die 3 letzte Monate erhalten: 4 Kilo minderwertiges gemischtes Mehl, 3 Kilo Gerstenmehl, 6 Kilo Weizen und 3 Kilo Hafer.

Es starb hier gestern eine deutsche Frau von 56 Jahren in großer Armut. Ihr einziges Ziel war mit Betteln ihre kranke Tochter und 2 kleine Enkelinnen durch den Winter zu bringen. Schwer krank brachte man sie vor 2 Tagen aus einem 30 km entlegenen Dorfe, wohin sie betteln gegangen war. Ihre Enkelin- die einzige Ernährerin jetzt, bettelte heute vor unsrer Tür, erzählte von dem Unglück in ihrer Familie. Das 12-jährige Mädel sprach wie eine erfahrene Frau.

 

6-IV-45. Hatten zeitweilig ein geborgtes eisernes Bett und das ist uns gestern genommen. Liegen somit wieder an der Erde. Wir sind ganz mit der Brennung am Ende, haben noch auf einen Tag.  Wie ich jetzt bei diesem Tauwetter und mit meiner Grippe zu Brennung kommen soll, weiß ich wirklich nicht. Sonderbarer Weise hat es bis jetzt noch immer gegangen und es wird auch dieses mal wieder werden, wenn man nur festes Vertrauen hat auf den, der hilft. Aus unserm kleinen schiefen Fensterchen haben wir die Aussicht auf die "площадь" des Dorfes Fedarovka, in der Mitte desselben ist ein Wasserliman der größte Teil der площади ist schon schwarz, und nur die flachdächigen Häuser sind noch hohe Schneedünen.

 

7-IV-45. Ich bin noch immer nicht von der Grippe los. Gestern abends ermunterten wir uns durch Erinnerungen an die schönen reichen Hochzeiten aus unserer Jugendzeit- an die doppelte Hochzeit bei J. Neufelds auf Hochfeld, auf der Frieda eigentlich nicht gewesen ist, jedoch ihre Eltern, dann an Hochzeiten auf Silberfeld, auf denen ich nicht gewesen bin. Aus unsrer gegenwärtigen Armut aus gesehen waren das buchstäblich Märchen. Zum Beispiel die Hochzeit der Neufelds auf dem Sofigewer Hochfeld, an der wir beide, Frieda und ich teilnahmen und zufällig zu zweit das Brautpaar zur Trauung begleiteten. Was war da für ein Reichtum und Auswahl von Speisen und Getränke. Zum ersten mal traf ich mich da mit meinem Onkel Dtr. Fr. Dück aus Berdjansk. Am Abendbrotstisch saßen wir zusammen, aßen Gänsebraten, Schweinefleisch, Wurst, Käse, Butterbrot etc. etc. tranken Konjak mit 4 Sternchen, tranken Tee mit Köm und verschiedenes Gebäck dazu, und so die ganze Zeit. Es ist jedoch besser in dieser unsrer Lage uns den Mund nicht unnötig wässerig machen nach dem, was gar nicht zu erreichen ist.

 

10-IV-45. Es wird gesprochen, als ob Japan gestern mit Sowjetrussland die diplomatischen Beziehungen gebrochen hat.

 

12-IV-45.  Zu unsrer großen Erbauung in dieser so grauen Zeit lasen wir uns aus dem "Goldenen Märchenbuch"- die Erzählung "Heinichen" von Else Hofmann. Es stimmt uns so traurig, daß unsre Kinder nicht eine normale Kindheit, wie die unsre es war, haben können, sondern schon so früh eine so tiefe Lebensschule durchmachen müssen. Möchten sie nur an Seele und Leib gesund erhalten bleiben.

 

14-IV-45.  Nicht Japan hat die Beziehungen mit uns gebrochen, wie vor einigen Tagen erzählt würde, sondern unsre Regierung hat den Nichtangriffspakt mit Japan denunziert.

Der Präsident der Vereinigten Staaten Roosevelt ist vor 2 Tagen plötzlich gestorben. Noch vor einigen Tagen gab er den Befehl ab, dass alle Minister der Vereinigten Staaten und diplomatischen Vertreter in Europa auf ihren Plätzen bleiben sollten, da man in nächsten Tagen große Ereignisse in Europa erwarten könne.  Er wird es wohl nicht geahnt haben, dass sein Tod das grösste Ereignis der nächsten Tage sein wurde.

 

16-IV-45.  Gestern war der Geburtstag unsrer lieben unvergesslichen Erika; ihrer gedenkend sangen Frieda, ich und unsre gute Bekannte Frau Silbernagel einige Choräle und lasen uns eine passende Stelle aus Otto Funke. Es stimmte uns tief  traurig.  Zu dem diese furchtbare Armut und schweren aussichtslosen Verhältnisse.

Man hofft ja auf ein baldiges Ende des Krieges in Europa, weil Deutschland allem Anscheine nach vor seinem Zusammenbruch sich befindet.  Heute wurde gemeldet, dass englische Truppen in einer Salzgruft Deutschlands Geldschatz in Höhe von 100 Tonnen Gold gefunden haben.

 

19-IV-45.  Sehr müde und mit Blasen an den Fußsolen kehrte ich heute zu Fuß zurück aus einem Kasachendorf 18 km.;  habe in 3 Tage zu Fuß 45 km gemacht.  Sowas bin ich einfach nicht mehr im Stande.

Gestern sah ich den ersten Hasen hier in Sibirien.

 

22-IV-45.  Schon einige Tage und besonders heute großer Sturm.  Durch unsre Fenster pfeift der Wind, so dass es kalt im Zimmer ist.  Wir haben immer Furcht, dass unsre Wand noch einmal einfallen wird.

Es ist Heute Sonntag.  Ich schrieb einen Artikel über Kälberaufzucht für die örtliche Zeitung.  Man hat nur kein Papier und Tinte zum Schreiben. Materielle gibt mir diese Korespondenz ja nichts, man sieht jedoch dass ich was tue in meinem Berufe.

Wir haben kein Mehl mehr und es gelingt mir gar nicht etwas zu erwischen; mit den Kartoffel sind wir auch ganz am Ende.  Weil wir uns etwas Saatkartoffel kaufen wollen, können wir unser bißchen Geld auch nicht zu Milch verbrauchen. Ähren sind in diesem Jahr auch wenig zu lesen, da die Mäuse sie vernichtet haben, und so wird es bei uns wieder sehr kritisch mit dem täglichen Brot. In unsrer Mutlosigkeit lasen wir uns heute zum Trost aus Hilty’s Glück “Troster, tröstet mein Volk”.

Wir sind so besorgt darum, dass unser Heinz gar nicht mehr schreibt.  Habe daher heute eine Karte an meinem Freund Barg geschrieben, der da wo Heinz arbeitet Komendant ist.

In letzter Zeit sind wir gespannt in der Hoffnung dass uns mit einem mal die Nachricht vom Ende des Krieges in Europa überraschen könnte.

 

 

25-IV-45.  Mit dem Mehl waren wir gestern ganz am Ende und bald darauf erbot sich die Gelegenheit 10 Kilo zu billigen Preis zu bekommen.  Wir merken, dass wir von unserm Gott nicht im Stiche gelassen werden, wie groß die Nahrungssorgen nicht sind.

Von Treue in der Ehe ist rund um uns so viel wie gar nichts mehr zu finden.  Nächtigte heute in einer Familie, wo der Mann gleichzeitig ofiziell zwei Frauen hat und mit noch andern vorübergehende Verbindungen anknipft. Es ist schon ein älterer Mann. 26 Jahre in der Ehe, ein Vater vieler Kinder. Kein Hehl wird mehr daraus gemacht, so niedrig gefallen.

Es ist heute kalt und regnerisch.  Ich machte zu Fuß gegen Wind 12 km.  Habe 3 Kilo Setz-zwiebeln zu 20 à Kilo gekauft.

 

 

26-IV-45.  Otto Funke schreibt von einer Wüste und Einsamkeit, als er im Kurort Rehburg einige Zeit zubringen musste. Was sollen wir dann sagen in unsrer Einsamkeit und furchtbaren Armut.

Noch immer keine Nachricht von Heinz; was das nur ist?! Es wird berichtet, dass die Rote Armee schon in Berlin eintritt.

 

 

30-IV-45.  Haben schon den 3. Tag warmes und sonniges Frühlingswetter. Ich kam Gestern spät abends zu Fuß aus den Kolchosen.  Meine Füße sind von dem Gehen ganz wund. Ich konnte nirgends etwas Mehl oder Kartoffel bekommen.

Gespannt wartet man auf das Ende des Krieges mit Deutschland.

 

 

1-V-45.  Es wird berichtet, dass Deutschland scheinbar vor England und Amerika kapituliert, jedoch nicht vor Russland und dass Hitler nach Argentinien geflüchtet sei und Mussolini von Partisanen erschossen sei.  Große Ereignisse. Eines Abends zu Anfang des Krieges, wie wir noch im Donbass waren, sah ich einen Meteor im Westen hell aufflamen und verschwinden.  Ich machte dann zu Frieda die Bemerkung, ob Hitler nicht auch wie dieser Meteor da hell aufflamen und verschwinden könnte.

 

2-V-45.  Fast jeden Tag haben wir Wind; auch heute wieder Wind und Staub. Mit unsern Produkten geht’s ganz zu Ende.  Frieda war gestern daher ganz mutlos und ziemlich mißmutig.

 

7-V-45.  Obzwar unsre Kartoffel ganz zu Ende sind, so haben wir gegenwärtig wiederum ein Pud Mehl.  Die Saatkartoffel kosten schon 50 Rubel das Pud.  Während im vorigen Jahr um diese Zeit 4 - 500 Rubel.  Wir müssen uns Kartoffel zum Setzen auch zum Essen kaufen. Wir wollen noch Kartoffel setzen, trotzdem wir eigentlich auf einen Arbeitsort und zwar in Pavlodar rechnen. Unser Quartier ist uns wieder aufgesagt, so dass wir wechseln müssen.

Hatten gestern einen schönen Landregen.  Zudem war hier gestern Ostern.  Ich langweilte mich gestern den ganzen Tag und fror in einem Contor eines Kollektivs.

 

8-V-45.  Gott sei Dank!  von beiden Jungen haben wir heute Briefe bekommen.  Sie sind beide am Leben und gesund. Von Heinz hatten wir wohl schon 3 Monate keine Nachricht.  Ach, die Sehnsucht nach unsern Lieben im engeren und weiteren Sinne!  Ein Wiedersehen mit ihnen ist heute der heißeste und fast einzige Wunsch.  Allem andern irdischen gegenüber ist man schon ganz gleichgiltig geworden.  Es bedarf einer gründlichen Änderung allen Verhältnisse um wieder Interesse und Lebensfreude zu bekommen.

 

9-V-45.  Soeben kam zu uns unsre gute Bekannte Frau Silbernagel gelaufen mit der frohen Botschaft dass Gestern Abends in Berlin Frieden geschlossen ist. Gott sei Dank!

Ich werde telegraphisch nach Pavlodar in die Landabteilung herausgerufen.  Werde wahrscheinlich in Pavlodar Anstellung bekommen.

Ich prophezeite immer, dass dieses Heft mir bis zum Ende des Krieges ausreichen müsste.  Und wirklich, es sind noch 2 Blätter gelieben.

 

10-V-45.  Ich bin gegenwärtig in einer verzwickten Lage, das Quartier soll ich in einigen Tagen befreien, während ich eigentlich noch kein andres habe; Kartoffel müssen gesetzt werden, während ich weder Kartoffel, noch Land dazu habe; muss ich nach Pavlodar fahren. Wir besitzen eine einzige Henne die uns gegenwärtig fast jeden Tag ein Ei legt. Wenn wir somit 2 Eier gesammelt haben, dann kochen wir uns für jeden eins. Wenn man viel Hühner hat, dann weiß man das nicht, dass eine Henne auch schon noch zahm und klug sein kann.

Frieda ging zu einer russischen Bekannten um daselbst mit deren Tinte eine Karte an Mutter und Geschwister zu schreiben.  Sie schreibt schon das 3. mal in der Hoffnung, dass doch irgend ein Brief unsre Lieben drüben erreichen wird.  Antwort jedoch noch keine.

Ich sammelte inzwischen etwas Mist zum Heizen zusammen, denn der Burjam, den Frieda und ich gestern vom Felde holten ist schon bald wieder alle. 

 

19-V-45.  Gestern Abend kehrte ich mit einem gelegentlichen Lastauto von Pavlodar zurück.  Frieda hatte inzwischen Quartier gewechselt.  Durch unsre Ziege, die wir vorbeifuhren, merkte ich, wo ungefähr Frieda Quartier gefunden hatte. Eine ukrainische Frau zeigte mir dann schon bestimmt, wo unser zeitweiliges Quartier sei.  Die Tür war verschlossen; bald jedoch kam auch schon Frieda freudig auf mit einem Kessel voll Molke.  Sie berichtete mir, dass wir zwei Briefe, von unsern Jungen hätten und dass Hansi an Malaria kranke.  Ich berichtete, dass ich in Pavlodar einen Dienst angenommen hätte und wir daher uns zum überfahren fertig machen müssten.  Weil ich auf dieser 7 tägigen Fahrt ziemlich ausgehungert war, war ja die erste Frage Abendbrot machen,  Frieda kaufte ein Litter Milch, fügte noch ein Glas Ziegenmilch hinzu und kochte eine Kartoffelsuppe und Milchmus, was mir ja vortrefflich schmeckte und meine Verdauungsstörung sofort regelte.

Ich habe nun einen Dienst als Zootechniker in Zuchtarbeit der neu organisierten Pavlodarschen Staatszuchtstation angenommen und werde hinüberfahren sobald wir telegraphisch berichtet werden, dass ein Quartier dort für mich frei ist.  Einstweilen wollen wir hier noch Kartoffel setzen, und wenn wir fertig kommen, auch noch in Pavlodar.  Meine Verrechnung und Entlassung habe ich in der Rayonlandabteilung ohne weiteres bekommen.

Hin und zurück nach Pavlodar fuhr ich mit einem gelegentlichen Lastauto, wofür ich 250 Rubel zahlen musste.  Von hier bis Pavlodar sinds 150 km. Das Hinüberziehen wird ja mit viel Strapazen verbunden sein.

 

21-V-45.  Ich habe gestern einen schweren Tag gehabt.  Ich hatte nämlich die Erlaubnis, mir auf einige Tage einen alten Gaul aus einer Herde zu holen.  Ich ging des Morgens zu Fuß diese 27 km und ritt dann zurück auf diesen mageren Gaul ohne Sattel im Regen und gegen Wind.  Spät abends Uhr 11 kam ich durchnässt und verfroren zurück.

 

22-V-45.  Wir haben Gestern 2 ½ Pud Kartoffel zu 135 Rubel zum Essen und 2 Pud kleine für 110 Rubel zum Setzen gekauft.  Heute haben Frieda und ich 1/10 ha mit 2 Pud besetzt.  Das Kartoffelfeld ist 9 km vom Dorf entfernt. Ob wir sie noch ernten werden. Gestern ist mir mein einziges und letztes Hemd verbrannt.  Weil es fast ausschließlich aus Flicker bestand und hin und wieder all die unzähligen Nähten desinfiziert werden müssen, wollte ich es im Herd backen, und so bekam es des Guten zu viel und flammte auf. Wann ich jetzt wieder zu einem Hemd komme, weiß ich wirklich nicht. 

 

25-V-45.  Heute ist Frieda’s Geburtstag, 49 Jahre.  Leider haben wir heute nicht mal etwas Mehl, um Brot oder sonst was zu backen.  Wir hoffen jedoch bestimmt dass wenn wir am Leben und gesund bleiben,  nächsten  den 50. Geburtstag schon in besseren Verhältnissen werden feiern können.  So schön, das es mit Frieda’s Gemütsstimmung schon besser wird.

 

27-V-45.  Gestern war für uns ein wichtiger Tag.  Bevor wir nach Pavlodar hinüberziehen, wollten wir noch Erika’s Grab besuchen, denn wer weiß, ob wir noch je mal herkommen werden.

Aus grünen Birkenholz machte ich mit dem Beil ein Kreuz, brannte Erika’s Namen, Geburts- und Todes Jahr hinein und fuhren vorgestern los, um es aufs Grab zu stellen.  Wir nächtigten unterwegs in Basnakowo bei einer Frau Hildebrandt (Sukowsky), die seinerzeit in Grodowka im Donbass gewohnt hat.  Sie ist im Kolchos Kladowschtitza (Кладовщица) und konnte uns daher nach heutigen Begriffen gut aufnehmen und noch mit auf den Weg Eier, Brot, Gritze und Mehl geben.  Dank dem alten und schwachen Gaul und zerbrächligen Wagen, dauerte unsre Fahrt sehr lange.  Unter anderm mussten wir ein Rad am Wagen unterwegs wechseln.  Der ganze Weg war fast ausschließlich nur durch grüne Steppe.

Auf der 3. Farm angekommen, spannten wir neben dem “Kirchhof” aus und gingen das Grab unsers lieben Kindes suchen. Den ungefähren Ort, wo unser Kind liegt, konnten wir wohl feststellen, aber weil inzwischen an der selben Stelle noch mehrer Gräber entstanden sind und mehrere Särge bei einander stehen, und von vielen Gräbern nur kaum eine Spur zurückgeblieben ist, so sind wir uns nicht gewiss, ob wir unser Grabhügel erneuert haben, oder ob es vielleicht 2 - 3 Meter links ist.  Wir stellten das Kreuzchen auf und legten Feldblumen aufs Grab.  Unsre Herzen waren voller tiefer Schmerz und Sehnsucht nach unserm lieben Kind.  So manche Träne hat es uns wiederum gekostet. Unser Gebet am Grabe zu Gott war,  möchte er uns doch den Glauben und die Hoffnung auf eine Auferstehung und ein ewiges seeliges Leben stärken und uns in der Ewigkeit mit unserm lieben Kinde ein Wiedersehen schenken.  Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von dem Grabe unsers so heißgeliebten Kindes.  Um später vielleicht nochmal von einem Künstler ein Bild vom Grabe malen zu lassen, machte ich mit dem Stift eine kleine unvollkommene Zeichnung. Das Grab befindet sich am Ufer des Irtyschniederung, unten am Ufer steht eine Gruppe Pappellähnlicher Bäume, dahinter die überschwemte Niederung des rechten Irtyschufers, weiter ein ununterbrochener grüner Streifen des bewaldeten linken Irtyschufers.  Über dem Gewässer Möwen und sonstige Wasservögel.  In der entgegengesetzten Richtung zieht sich die unendliche grüne sibirische Steppe. Dies ist der Ort, an dem unser liebes Kind seinen letzten Ruheort gefunden hat. Wie gerne wir nicht aus dieser sibirischen Einöde hinaus möchten, schneidet uns doch tief schmerzhaft ins Herz der Gedanken davon, dieses liebe Grab hier zu verlassen.

Dann fuhren wir noch hinunter in den Sowchos (3. Farm), um uns noch mit unsern bekannten Arbeitern zu treffen.  Es war mir eine Genugtuung, dass alle meine früheren Unterstellten hier, ob Russe, Pole, oder Deutsche oder Kasache, mich freundlich begegneten.  Auf zwei Stellen bei meinen früheren Gurtapraw mussten wir einen Imbiss machen, und zwar “Ajran” essen. Im Großen und Ganzen leben sie alle sehr arm.  Etwa 2 Uhr des Nachts kamen wir zurück nach Fjedorowka; wir hatten die Strecke von 40 km in 10 Stunden gemacht.

 

28-V-45.  Es macht mich schon ganz nervös, dass ich noch immer keine Nachricht von Pavlodar habe, um hinüberfahren zu können.

Kühl u. Regen.

 

29-V-45.  Es sind schon 2 Wochen vergangen seit dem ich im Облзо mein Jawort gegeben habe und bis heute sitze ich noch hier und bekomme keine Telegraphische Nachricht, wie es dort mit dem Quartier steht.  Eine heikle  Lage. Habe schon 2 mal telegraphisch angefragt.

 

(Hier enden die Eintragungen in das reichlich zerfledderte, ehedem sicher schöne Buch, das mit wenigen Zeichnungen Heinrich Dücks versehen ist. Die Fortsetzung des Tagebuchs hat Heinrich Dück von hier ab auf bedruckte Registerblätter aus sehr minderwertigem grauen Papier mit Tinte geschrieben. Das Geschriebene ist oft übers Gedruckte geschrieben und so ist manches nicht einwandfrei zu lesen.)

 

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Fortsetzung unsrer Familienchronik.

3-VI-45.  Am 1.V. bekamen wir 2 Briefe von unsern Jungen; Gott sei dank; beide gesund. An dem selben Tag bekam ich endlich ein Telegramm von Pavlodar, laut dem für mich ein Quartier gefunden ist und ich sofort kommen soll.  Zum Unglück geht gegenwärtig keine Maschine  nach Pavlodar.

Gestern verkaufte ich unsre 3 Ziegen an den hiesigen Kolchos für 5 Pud Weizenmehl und 1 Pud Kartoffel. Unsre Sachen haben wir geschnürt und warten auf Fahrgelegenheit

Heute ist Sonntag;  Frieda ist mit Frau Silbernagel nach dem Kasachendorf  Kysyltir zu Besuch der Frauen Reupemmig und Wichert gegangen.

 

5-VI-45.  Endlich kam heute mal eine Maschine bei uns vorgefahren, um uns nach Pavlodar mit zu nehmen.  Weil es für uns zu dieser Stunde unerwartet war, so ging es sehr toll, eh wir alles gepackt hatten.  Groß jedoch war die Enttäuschung, als wir der Sachen halber dieses mal nicht mit konnten.  Jetzt heißt es wieder mit Geduld warten.

 

8-VI-45.  Wir sitzen schon den zweiten Tag in Pavlodar.  Gestern ___ _____ kam die MTG Maschine vorgefahren und wir durften unsre Sachen aufladen und abfahren.  Unser Freund Victor Eduardowitsch Silbernagel, der uns immer in Feodorowka zu Diensten gestanden hat, war uns auch hier beim Laden auf die hohe Maschine sehr behilflich.  Wir fuhren auf einem großen amerikanischen Lastauto ("американка") und trotz der großen Ladung und der vielen Passagiere, fuhr es sich sehr gut.  Um 7 Uhr abends kamen wir hier an.   Trotz dem man mir mit Unterschrift offizieller Personen telegraphiert hatte, dass für mich ein Quartier frei sei und ich schleunigst kommen sollte, ist kein Quartier vorhanden und sehr schwer eins zu finden. Ein guter Anfang; es ist gleich zu sehen, mit wem ich es zu tun habe und wonach ich mich zu richten habe.  Wir liegen mit unsern Sachen draußen;  zum Glück ist sehr schönes Wetter.

 

11-VI-45.  Wir befinden uns in einer sehr heiklen Lage;  haben bis heute noch kein Quartier.  Frieda will schon zurück nach Feodorowka.  In einigen Tagen muss sich unsre Lage klären, denn so geht das nicht lange.

 

13-VI-45.  Haben uns gestern ein Zimmer gemietet für 150 Rubel monatlich und das ist so eine Summe die wir auf die Dauer nicht zahlen können.  So ging es jedoch nicht länger.  Wir haben uns diese Nacht mal gut ausgeschlafen. Haben jeder ein Bett, haben Tisch, Stühle  und Radio.  Wir sind daher heute bedeutend besserer Stimmung. Heute war ich über den Irtysch mit der Fähre gefahren, denn jenseits des Irtysch hat man uns ein Gemüsestück von 4/100 ha abgeführt.  Es  ist Wiese, die urbar gemacht werden muss.

 

19-VI-45.  Wir bekommen regelmäßig unsre 800 gr. Brot täglich. Wir haben Aussicht in einigen Tagen die sogenannte “trockene Ration” zu bekommen, die aus wertvollen Produkten besteht. An meine Berufsarbeit bin ich eigentlich noch nicht getreten.  Mein Vorgesetzter, ein Kasach, ist erkrankt, und wie man vernimmt- an Syphilis.  Eine unangenehme Geschichte.  Im Großen und Ganzen scheint er ein Schuft zu sein.

 

 

Dieses Foto von Pavlodar wurde 1905 gemacht. Ich denke, dass Pavlodar in den 40-er Jahren nicht viel anderes aussah.
Pavlodar 1928
Irtysch, 2009

24-VI-45.  Jeden Tag fährt Frieda mit der Fähre über den Irtysch, um unser Gemüsestück zu umgraben und zu besetzen; das ist eine schwere Arbeit. Vor einigen Tagen hatten wir uns eine Frau angenommen für 150 Rubel 2/100 zu graben.  Auf ihre Bitte hin gab ich ihr 50 Rubel im voraus.  Sie ging mit Frieda aufs Gemüsestück, machte ein Paar Stiche mit dem Spaten und verschwand spurlos mit dem Vorwand sich etwas Essen auf dem Bazar kaufen zu wollen.  Durch Erfahrung wird man klug, aber nicht reich.  Ich merke schon, dass ich hier gründlich auf der Hut sein muss. Unsre anerzogene Bescheidenheit und Zuvorkommenheit, die ja schon im Laufe dieser ganzen Zeit sehr eingebucht hat, ist hier gar nicht am Platze. Besonders merke ich das in Bezug auf meinen Vorgesetzten dem gar nicht zu trauen ist.  Ich werde wohl gründlich aufdrücken müssen, mir zu meinem Rechte zu kommen. Wie wird man so müde in dem Umgang mit solchen charakterlosen Menschen, und wann wird man mal wieder in einer Mitte von aufrichtigen Menschen sein können, wie seinerzeit.

 

27-VI-45.  Ich bin heute von morgens an nervös aus folgenden Gründen: wir haben noch kein beständiges Quartier;  die Brennungfrage ist hier eine sehr große Frage und wir haben noch nicht ein Stückchen Holz; die Geldfrage ist noch gar nicht gelöst;  wir treten eigentlich noch gar nicht an unsre Berufsarbeit.  Was ist das nur für eine Lodderwirtschaft, und wie kann die nur bestehen?!

Bis Gestern hat Frieda noch  jeden Tag etwas Kartoffel gesetzt d.h. 1 - 2 Kilo, denn zuvor muss immer erst etwas Wiese umgegraben werden.  Die Erde ist sehr trocken und noch keine Kartoffel aufgegangen.

 

 

28-VI-45.  Haben einen großen Sturm und weil die Strassen unsrer Stadt Pavlodar furchtbar sandig sind, so ist die ganze Stadt in eine Sandwolke gehüllt.  Auf den Strassen und Höfen liegt der Sand wellenartig und stellenweise in hohen Dünen.

 

 

1-VII-45.  Gestern verkauften wir 11 Kilo Schlichtmehl an unsre Wirtin für 500 Rubel und heute habe ich mir für dieses Geld auf den Bazar ein Paar graue Burstiefel gekauft.

Vorgestern wurden uns auf unsre Karten aus dem geschlossenen “Raspredelitjel” 3.8 Kilo weißes Mehl, 1 Kilo Zucker, ½ Kilo Konfekt, 17 Eier, etwas Nüsse  und Bohnen Kaffee abgelassen.  Für heutige Verhältnisse ist das was Außergewöhnliches.  Mit zwei Glas Zucker haben wir unsrer Wirtin heute für den halben Monat Pacht bezahlt.  10 Konfekt verkaufte Frieda auf dem Bazar für 25 Rubel.  Ich kaufte für 8 Rubel 3 Stückchen Holz zum Heizen.

 

3-VII-45.  Haben nachträglich statt Fleisch noch 2.1 Kilo Butter für 24 Rubel á Kilo erhalten.  So viel Fettstoff haben wir schon viele Jahre nicht gehabt.

 

 

4-VII-45.  Erhielten Gestern hier den ersten Brief von Victor Ed. Silbernagel, in dem er unter anderm schreibt, dass es mit unsern Kartoffel dort in Feodorowka der Dürre halber nicht sehr sieht, was für uns nicht sehr erfreulich ist, da dass unsre einzige Ernteaussichten sind. Dann schreibt er, dass da scheinbar etwas Produkte speziell für die Deutschen angekommen sein sollen und dass Gerüchte am Umlauf seien,  laut welchen die Deutschen hier noch in diesem Sommer zurück gestellt werden sollen. Leider ist so wenig Grund, ähnlichen Gerüchten, wie gerne man nicht möchte, Gehör zu schenken. Was unser in Zukunft erwartet, ist mir so unklar, wie noch nie.

 

5-VII-45.  Die Brennungsfrage ist hier in der Stadt doch eine sehr heikle Frage und sogar jetzt im Sommer.  Wir freuten uns, dass wir einen Primus hatten und auf demselben unsre Speise kochen konnten;  gegenwärtig ist er des minderwertigen Petroleum halber verschlackt und in der hiesigen Werkstatt kann man ihn nicht reinigen.  Wir sind jetzt angewiesen, auf einem kleinen Dreifuß in der russischen “Pitsch” zu kochen, das braucht sehr wenig Holz.

Ach, wann werden wir mal in normalen Verhältnissen leben können, wo man nicht ununterbrochen unter den kleinen und großen häuslichen Krisen zu leiden hat.

 

6-VII-45.  Gestern schrieb ich zwei Briefe an unsre Junge.  Hansi drückt in seinem letzten Brief sein Bedauern darüber aus, dass die besten Jahren seines Lebens in so schweren Verhältnissen verlaufen müssen und fragt mich, was ich seinerzeit in diesem seinem Alter getan habe und wofür ich mich interessiert habe.  Worauf ich ihm antworte, dass ich in seinem jetztigen Alter die Mittelschule beendigte, im Laufe von 7 Monate meine Eltern verlor, zwei Monate nach dem Tode meiner Mutter der erste russisch-deutsche Krieg begann,  in den ich mobilisiert wurde und über 4 Jahre verbrachte; dass ich somit diese schwere Lebensschule einige Jahre später begonnen habe und dass  jeder, aus dem etwas Tüchtiges werden soll, einmal im Leben eine Leidensschule durchmachen müsse und dass  je eher,  je leichter. Darum solle er alles Niedrige und Gemeine lassen und die Reinheit seiner Seele bewahren, so werde das andre alles schon zufallen.  Ähnliches schrieb ich auch an Heini,  der nicht so ernst auf das Leben schaut, als Hans und uns daher etwas mehr Sorge bereitet. Was können wir jedoch Heute mehr an ihnen tun, als dann und wann einen innigen Brief zu schreiben und hauptsächlich für sie zu beten.

Wenn wir Eltern ihnen als sittlich hochstehende und nahe Menschen in Erinnerung geblieben sind und ganz besonders in Stunden der Versuchung, dann haben wir das in der Erziehung an ihnen erreicht,  was in den heutigen Verhältnissen und auch überhaupt unsre Pflicht gewesen.  Wo nicht, so haben wir das nicht erreicht.  Denn von Schule und Gesellschaft haben sie leider auf dem Gebiet der sittlichen Erziehung nichts erworben.

 

8-VII-45.  Sonntag.  Endlich hats mal etwas geregnet.  Möchte es noch gründlich regnen, damit es wenigstens Kartoffel geben möchte; mit dem Getreide soll es nicht sehr sehen.  Wir sind jetzt einen Monat in der Stadt und wissen daher nicht wie es auf dem Lande mit der Ernte aussieht.

Wohl noch nie im Leben habe ich mich so oft und regelmäßig gebadet, wie jetzt. Auch heute früh morgens hab ich mich gebadet; ich brachte gleichzeitig mit dem “ Koromyslo”
es ist der Waagebalken, der über die Schulter gelegt es ermöglicht, an beiden Seiten zwei Eimer zu befestigen und zu tragen.
zwei Eimer Wasser aus dem Irtysch mit; man muss dabei ein ziemlich steiles Ufer steigen.

Soeben wurde per Radio von einer Amnestie unsrer Regierung vieler Kategorien Verurteilten gemeldet.  Ob es auch Schwager Peter und ähnliche angehen wird?  Ob der liebe Schwager noch leben wird?!

8 Uhr abends - es regnet gerade ganz schön,  jedoch noch nie hab ich hier so ein Gewitterregen angetroffen, wie bei uns in den südlichen Steppen.

 

9-VII-45.  Es stellte sich heute in der Miliz heraus,  dass ich um hier in der Stadt eingeschrieben zu werden noch aus der Miliz in Katschiry ein Dokument haben muss, so dass sich diese Angelegenheit noch verzieht.

Mein Vorgesetzter dem ich Sonnabend ein heftiges Zettelchen geschickt hatte, kam heute zu mir ins Contor und klagte, dass er selber kein Geld habe, die Bank keins herausgebe und so dass er einstweilen mit Geld nicht helfen könne.  Wie ich mit dem überhaupt fahren werde, kann ich mir heute nicht vorstellen.

 

18-XII-45.

 

2-VIII-45.  Schon fast einen Monat keine Zeit gehabt Notizen aus meinem persönlichen Leben zu machen.  Auch jetzt eigentlich nicht, denn ich sitze in unserm Contor. Wohl ein deutsches Sprichwort lautet, dass gesprungene Tassen am längsten halten.  So kann es mir vielleicht mit meinem Vorgesetzten, einen charakterlosen Kasachen gehen. Anfänglich hab ich mir eigentlich ihm gegenüber Grobheiten erlaubt, in der Hoffnung, dass ich ihn zwingen können wurde, mit mir zu rechnen und schließlich mal Wort zu halten. Er lernt mich jetzt schon etwas kennen und bemüht sich, mir eine und das ander zukommen zu lassen.  

Aus dem sogen. “Suchoj Pajek”
Trockene Ration
erhielten wir Vorgestern 8 Meter Mann Manufaktur
gemeint sind Textilwaren.
, wohl minderwertige, aber für uns, die wir ganz abgerissen sind, sehr wertvoll. Quartier haben wir nach wie vor noch kein beständiges; zeitweilig wohnen wir im Vorzimmer unsres Contors mit unsrer Aufräumerin und ihrem Sohn zusammen, was sehr unbequem ist. Kochen können wir nur einmal den Tag.

Ich habe in der Miliz auch schon 100 Rubel Straffe zahlen müssen, weil wir in dem vorigen zeitweiligen Quartier nicht eingeschrieben waren.

Als Deutsche haben wir zum ersten Mal etwas Mithilfe und zwar zu je 2 Kilo Roggenmehl heraus bekommen.  Wenn das auch nicht viel was hilft, so ist das doch ein Zeichen, das man sich schon etwas unser annimmt. Es wird viel davon geredet, dass wir hier fortkommen werden.  Ob, wann, wie und wohin, bleibt uns ein Rätsel.

Habe schon eine 8 tägige Reise in die hiesige Kolchose gemacht und Anfang in meiner neuen Arbeit gelegt.

Wir bekommen in diesem Monat zu je 500 gr. Brot den Tag und weil wir Butter haben reicht es uns.

 

 

3-VIII-45.  Was das nur ist, dass wir keine Briefe von unsern Jungen erhalten.

 

7-VIII-45.  Weil wir unser Quartier gewechselt haben, findet uns der Postträger nicht.  So stellte es sich heraus, dass auf der Post schon 3 Briefe von unsern Jungen lagen, von Hansi zwei und von Heinz einen.  Hansi klagt in seinem Brief über physische Schwäche und Abmagerung.  Ich erinnere mich, dass ich in seinem Alter im Sommer immer abmagerte und im Winter mich aufnahm; dass ich damals wie auch später an Blutarmut litt.  Ich war auch immer wieder besorgt um meinen Gesundheitszustand. Ich hab ihm das im letzten Brief geschrieben. Heinz ist immer gesund, wenigstens berichtet er nie, dass ihm was schadet.  Es freut uns, dass er so gesund ist. 

Vom Nachbarhof  her hör ich dann und wann ein junges Hähnchen krähen, was mich immer etwas wehmütig stimmt, da es mich an die schöne Herbstzeit meiner glücklichen Jugend erinnert.

 

8-VIII-45.  Herbstliches Wetter, trübe, feucht und kalt. Sitze mit meinem Vorgesetzten in einem Kasachendorf, wohin wir gestern gekommen sind, um für ihn eine Kuh zu kaufen. Ich fühle mich immer so ungemütlich wenn ich mit den Kasachen an ihrem 15 cm hohen runden Tischchen sitzen und mit ihnen Tee trinken muss.  Einmal fällt mir’s sehr schwer dauernd platt auf dem Fußboden zu sitzen; dann sind die Kasachen so taktlos und schwätzen ausschließlich Kasachisch unter einander in deiner Gegenwart wovon man nichts versteht.  Sie machen sich auch nichts daraus, wenn sie über einen sprechen, noch dabei schauen und lachen.  Dann fühlt man sich erst recht dumm.

Gastriere ich allein bei ihnen auf meinen Berufsreisen, ist’s ja anders, weil mir dann mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.  Bin ich aber bei ihnen so wie jetzt als 5tes. Rad am Wagen und zu dem, bei dem Vorsitzenden des Kollektivs, dann ist die Lage nicht beneidenswert. Da sitzt ein rüstiger 70-jähriger Alter und fragt mich mit seinem gebrochenen russisch, wie alt ich wohl sei,  und als er erfuhr, dass etwas über 50, lässt er mir so anzuverstehen, dass er als 70 jähriger doch noch ein andrer Kerl sei und auch noch gute Zähne besitze. Das wäre ja alles harmlos und ich würde mich dran nicht kehren, aber weil ich so ärmlich gekleidet bin, mit zerissenen Schuhen , verschiedenen Strümpfen usw. worauf sie Aufmerksam werden und wie mir scheint Bemerkungen machen und ich dann mit den Füßen fast auf dem Tische sitzen muss und alle nach einem schaut wie man so ungeschickt sitzt, mit einer Hand auf der Erde stützend und mit der andern wie ein Einarmiger isst, wird man doch zu einer komischen Figur.

Wie oft man bei den Kasachen einkehrt, gibt es immer Tee mit kleine Stückchen Brot oder in Fett gebackene kleine runde “Baursak”.  Dann und wann gibt es auch ihr Nationalessen “Bisparmak”, gebratenes Schaffsfleisch mit “Lapscha”2.  Das gebratene Fleisch wird in einem großen Stück und in einem großen hölzernen Teller auf den Tisch gebracht.  Hier nimmt dann einer der Männer, wohl der Älteste, ein langes Messer und fängt an, das Fleisch in kleine Stück zu zerschneiden und dann geht’s ans Essen, selbstverständlich ohne Gabel und Löffel; alles krabbelt mit seinen fünf Fingern in dem Braten und der Soße herum und schlürft ein Stück nach dem andern von der Hand in den Mund. Brot, Kartoffel usw. wird dazu nicht gegessen.  Das Fleisch muss alles aufgegessen werden und wenn es auch mehrere Kilo auf den Mann ist.  Nachher wird dann aus einer Schüssel die Fleischbrühe getrunken und auch ohne Brot.  Oft kommt nach diesem noch Kumys (saure Stutenmilch).  Wie man sagt, hat man dies alles früher, als einzelne Kasachen noch tausende Pferde, Rinder und Schaffe besaßen in weit größerem Maßstabe betrieben und zwei Mann sollen im Stande gewesen sein gemütlich ein fettes Schaff  zu verzehren. Mit alle diesem mögen sie sich gerne prahlen. Das ist ja heidnische Sitte.

Die Männer kauen gewöhnlich Tabak, spucken dabei viel,  wobei der Speichel wie ein Pfeil aus dem Munde schießt.  Im besten und seltenden Falle hat man auf dem Tisch oder sonstwo ein kleines Spucknäpfchen, welches in die Hand genommen wird zum hineinspucken und wieder auf den Tisch gestellt wird.

Während dem Teetrinken sitzt die Hausfrau an der einen Seite des runden Tisches platt auf der Erde, neben sich den kochenden Samowar, Tassen und ein Schüsselchen mit Milch stehen.  Einem jeden wird eine Tasse Tee mit Milch, jedoch ohne Zucker zugereicht, während in der Mitte auf dem Tisch zerstreut das besagte Gebäck (“Baursak”) und getrockente Stücke Käse (“Kirtschiki”) liegen.  Es wird sehr viel Tee getrunken und verhältnismäßig wenig zugebissen.

Wer da fertig ist, der dreht seine Tasse um mit dem Boden nach oben, oder legt die Hand hinauf.  Im Großen und Ganzen sind sie in der Kultur noch rückständig.  Ich muss gestehen, dass ich unter ihrer Intelligenz noch keinen charakterfesten, soliden, aufrichtigen und absolut zuverlässigen Mann angetroffen.

 

 

11-VIII-45. Am 9-VIII-45 erklärte die Sowjetregierung Japan den Krieg. Gestern abends wurde schon per Radio berichtet, dass die Japanische Regierung auf die Deklaration der Verbündeten  vom 26.VII. und ihre vollständige Kapitulation, eingehe.

 

 

20-VIII-45.  Vorige Woche war ich auf einer Reise in einigen Kollektiven, um Jungvieh Simentaler Rasse auszulesen zur Verbreitung in andere Kollektive, einige Exponate für die landwirtschaftliche Ausstellung bei Alma Ata auszulesen und überhaupt die Arbeit in der Viehzucht der Kollektive zu inspizieren. Der Endpunkt war etwa 60 km von unsrer Stadt entfernt und weil der Weg dorthin dem Fluss Irtysch entlang geht, wo oft Lastautos fahren, erbot sich mir die Gelegenheit, hin auch zurück per Auto für Bezahlung selbstverständlich zu fahren.

Im Gewöhnlichen sind diese Autos mit Petroleumfässer beladen.  Zurück waren wir 10 Passagiere auf so einem Auto; die 10 stellten ein ganzes Internationes dar, denn es waren 3 Russen, 3 Deutsche, 2 Kasachen und 2 Inguschi.  Eine der Inguschki war eine recht anmutige, schöne junge Frau mit einem traurig ernsten Zug im Gesichte.  Sie stand im schwarzen Kleid an eine der Fässer gelehnt und trat ins Gespräch mit einer der deutschen Frauen, einer ärmlich gekleideten älteren Frau.  Es stellte sich heraus, dass sie beide vom Kaukasus seien.  Wehmütig sprach diese Inguschka in gebrochenen russisch, dass sie keine Hoffnung mehr habe und dass ihre einzige Freude darin bestehe, dann und wann im Traume den Kaukasus zu sehen. Mir schien sie wie eine Distelblume, die mit der Wurzel aus ihrenm Heimatboden ausgerissen ist und um sich hier in fremden Boden aklimatisieren soll.

Ein schauerliches Bild sah ich auf dieser Reise in einem Kollektiv.  Der Rechnungsführer des Kollektivs nämlich, sonst ein stattlicher hoher und junger Mann hatte eine typisch für Syphilitiker eingefallene Nase, auffallend große Oberlippe und Exema am Kinbaken.  Bei der ersten Begegnung mit ihm verdeckte er mit einer Hand so halb das Gesicht.  Seine Stimme war heiser.  Furchtbar schien mir die Lage und das Leben dieses Menschen zu sein, vor dem sich ein jeder schützt und so wenig wie möglich in Berührung zu kommen.   Wie viel trauriger schien mir jedoch dieser Fall, als ich erfuhr, dass er ganz unschuldig leidet und seinerzeit als Kind vom Vater angesteckt worden sei und schon seit seiner frühesten Kindheit somit seinen Geschwistern den Stempel der furchtbaren Syphilis in seinen verschiedenen Erscheinungen trägt; dass sein Vater an Syphilis gestorben sei. Dann stellte es sich heraus, dass er mit all seinen zersetzten Symptomen der Syphilis geheiratet und zwar eine junge gesunde Lehrerin des Dorfes zur Frau genommen habe, die gegenwärtig mit sehr fallen Gesicht, Exema an verschiedenen Stellen des Körpers und sonstige durch diese Heirat erworbene Leiden umherging.  Sonderbarer Weise haben sie anscheinend so lange wenigstens noch ein paar gesunde Kinder. Ein furchtbarer Fluch ruht doch auf so ein Vergehen auf Kind u. Kindes Kind.

Wie ich von Hause fuhr, kam ein bekannter Saratower Deutscher zu uns mit Nahm Reisch, der hierher zum Röntgen beordert war.  Trotzdem wir noch kein beständiges Quartier haben und gleichsam im Coridor unsres Contors wohnen, logiert dieser Gast auch heute noch bei uns und hat Frieda in meiner Abwesenheit etwas Gesellschaft geleistet. 

Gestern erhielten wir 6 m3 Holz, welches wir mit einer angenommen Fuhre von Ufer des Irtysch bis auf unsern Hof brachten.  Dieses Holz kostet uns um 1500 Rubel, 1200 Rubel bin ich jetzt noch schuldig.

Gestern kaufte ich mir auf dem Bazar ein Paar schwarze Tuchhosen für 650 Rubel und vor einer Woche eine Bluse für 500 Rubel  Und so kann ich mich schon etwas anständiger kleiden.  Jetzt fehlen mir noch Schuhe, Unterwäsche, Strümpfe und eine Mütze.  Und Frieda wartet auch darauf wann sie an die Reihe kommt mit dem Kleiderkaufen. Es ist doch ein großes Problem. 

In einer Woche haben wir unsrer großen Freude schöne 2 Briefe von unsern beiden Jungen bekommen.  Gott sei dank!

 

 

25-VIII-45.  Soeben einen deutschen Brief von Schwester Anna vom Ural erhalten.  Die Arme leidet sehr durch ihre Einsamkeit. Sie schaut so hoffnungslos auf ein Wiedersehen mit uns und unsern andern Geschwistern. Wie sind das nur alles für schwere Fragen und Probleme.  Ich bin gegenwärtig nicht geneigt so dunkel auf die Zukunft zu schauen; sicher, hat man sich schon überzeugen müssen dass in unsern Verhältnissen ähnliche Fragen sehr langsam gelöst werden und man schrecklich viel Geduld haben. Wer weiss, wie es mit Peter steht?!  Möchte der doch noch am Leben sein und zu seiner Familie in erster Linie zurück kehren dürfen. 

Der grosse Weltkrieg geht zu Ende; was wird der nur uns persönlich bringen?!  Gibt es noch für uns eine Reabilitierung oder bleiben wir schuldlos die Geachteten?!  Unsre armen Kinder!!

 

 

26-VIII-45.  Sonntag - Morgen.  Wir wohnen einstweilen noch im Vorzimmer unsres Contors, was selbstverständlich sehr ungemütlich ist wie fürs Contor, so besonders für uns.  Und besonders heute möchten Frieda und ich doch gerne ein Plätzchen für uns haben, um wenigstens ein andächtiges Stündchen für uns allein zu sein. Wie weit sind nur von uns ab die seligen Stunden der Andacht in unsern menonitischen Gemeinden, die wir seinerzeit Sonntag für Sonntag haben konnten. Alles dahin. Ob, wie und wann; diese bangen Fragen steigen immer wieder in uns auf. 

 

 

28-VIII-45.  Ich bin eigentlich etwas gedrückt, weiß aber noch nicht, ob es begründet ist.  Ich habe nämlich schon viele Monate neben der Nase ein Pickel, welches ich heute einem Chirurg zeigte, der mich zu Morgen beorderte, um einen andern Arzt zu Rate zu ziehen.  Und so leb ich jetzt in der Ungewissheit, ob es der Anfang von Krebs ist, oder ob es was harmloses ist.  Gebe Gott, dass es das Letztere sein möchte. Möchte man doch nicht noch tiefere Wege geführt werden, als man schon geführt worden ist.

Gestern haben wir bis spät in die Nacht neues Holz für unser Contor gefahren; fühle mich daher müde. Frieda ging eben an den Irtysch etwas waschen und ich will in die Bibliothek gehen, um Zeitungen zu lesen.

In der Poliklinik hatte ich heute Gelegenheit so manches zu beobachten.  Einmal war interessant die Manigfaltigkeit des Nationalen Bestandes der Patienten: Russen, Juden, Deutsche, Inguschi, Tschetscheny, Kasachen, Polen, Perser. So manches Elend bekommt man da zu sehen. Es wurde ein junger Kasach - Invalid des Krieges zum Verband geführt, das ganze Gesicht war verstümmelt, keine Augen und nur ein Stückchen der Nase war noch geblieben.  Ein furchtbares Schicksal. Jemand von den Patienten bemerkte von der Seite, wenn der arme Mensch doch schon ganz zu Tode gekommen wär, um sich nicht quälen zu brauchen.

Da kam ein altes Paar ärmlich gekleidet Tschetschenzy hinein; der Mann vollständig blind, geführt von seiner alten Frau.  Sie gingen ans Fenster der Registratur.  Auf der Frage, wie alt sie seien, antwortete er, dass er 80 und sie 75 Jahre alt wär;  auf die Frage, worüber sie wohl klagten, antwortete der Alte wieder, dass ihm Kopf und Bauch schmerze und ihr die Zähne; dies reif ein Lächeln bei der Registraturin und auch den übrigen Patienten hervor; auch sie selber fingen schließlich an zu lachen.  In mir rief da mehr Mitleid hervor, wie dieses alte Paar verschickt aus ihrem heimatlichen Kaukasus, hier jetzt in großer Armut ihr Alter verleben müssen.

 

29-VIII-45.  Gott sie dank, die Ärzte haben mich heute wieder etwas beruhigt, obzwar sie nicht gerade behaupteten dass dieses Pickel an der Oberlippe ein ganz harmloses sei.

 

 

31-VIII-45.  Haben auf unsre Karten etwas Produkte herausbekommen: 4,5 Kilo Hirsegritze, 3,8 Mehl, 0,5 Reis,  1.0 Zucker,  0,8 Öl,  1 Kilo Fische,  3 Kilo Käse, etwas Tee.  Es war bei uns auch schon sehr knapp.  Leider haben wir keine Kartoffel, und weil wir nicht ein Kopeken Geld haben, können wir uns auch keine Arbusen, Pomidoren, Gurken, usw. kaufen.

In diesen Herbsttagen hat man so manche Erinnerung an schöne Tage früher Zeiten. Dieser Herbstschrei der Krähe, der dann und wann über unsrer Stadt zu hören ist, erinnert mich überhaupt an den wunderschönen Spätsommer unsres Südens früherer Zeiten und besonders an meiner seligen Kindzeit wo wir unter unsern großen schattigen Eichen im heißen Augustmonat spielten während die Krähen in ununterbrochenen Geschrei eine Eichel nach der andern herunterpickten. An den Sonntagen standen unter den Eichen gewöhnlich Verdeckwagen unsrer Gäste, auf denen wir dann uns als Kinder besonders amusierten. Die prächtigen zuckerigen Arbusen oder die duftigen Äpfel, Birnen, Pflaumen usw.  standen uns zur Genüge zur Verfügung.  Sorgenlos im absoluten Sinne des Wortes verlief unsre Kindheit. 

Und was für eine Jugendzeit haben unsre Kinder?! Die grössten Sorgen, die es gibt, nämlich die beständigen Sorgen um das tägliche Brot verfolgen sie wie ein Gespenst auf Schritt und Tritt. Wann wird sich das einmal ändern?!

Weil wir schon längere Zeit kein Geld haben und heute für 10 Kilo Brot auf die kommenden 10 Tage einzahlen müssen, ging Frieda auf den Bazar mit dem Vorgestern erhaltenen halb Kilo Reis, um ihn zu verkaufen.

 

 

3-IX-45.  Heute feiert unser Land den Sieg über Japan, das gestern offiziell ganz kapituliert hat.  Ein klassischer Sieg über zwei einst große Reiche, wie ihn die Weltgeschichte noch nie gesehen hat. Gebe Gott, dass jetzt auch wahrer Friede auf Erden entstehe, wo ein jeder sich frei fühle und im Schweiße seines Angesichts in Ruhe und Frieden in seinen eigenen Heim und Kreise seiner Familie und in nächster Umgebung seiner Verwandten und lieben Freunden und Nachbaren sein Brot essen könne, denn nur da findet man Glück und Befriedigung.

Ich war heute Uhr 12 auf dem Platz des ersten Mai auf dem Miting, der mich traurig stimmte, weil er mich so sehr an ähnliche Feste erinnerte, an denen noch unsre Kinder alle lebten und bei uns waren, während wir heute mit Frieda ganz allein sind und keinen nahen Menschen neben uns haben. Heute, wo dieser furchbare Krieg mal ein Ende hat, wollen wir festen Mut fassen und auf ein baldiges Wiedersehen zunächst mit unsern Jungen und dann auch mit unsern andern Geschwister fest hoffen.

 

 

9-IX-45.  Heute des Nachts fiel mir ein Traum ein den ich vor 17-18 Jahre geträumt.  Mir träumte nämlich, dass bei unsren guten Bekannten Isaak Hildebrandt in Münsterberg das Dach seines Hauses brannte.  Is. Is. Hildebrandt, ein aktiver Gesellschaftsarbeiter besonders in Sachen der Viehzucht, lag damals gerade krank.  Während mein Schwager Pet. Jak. Neufeld und ich ihn besuchen und ich ihm meinen Traum erzähle, bemerkt er, dass das wohl so stimmen könnte und er wohl bald sterben würde.  Was denn auch um zwei Tagen nach unserm Besuche geschah. Origineller Traum. 

 

 

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Hansi (Johann Dick)

21-IX-45. Herbstanfang; jedoch faktisch hat der Herbst hier schon eher begonnen, denn es ist trübe und kühl.  Ebenso ist auch unsre Gemütsstimmung. Um jeden Preis soll ich mir ein Quartier suchen, denn unser Contor soll remontiert werden.  Schon mehrere Tage bin ich in der ganzen Stadt herum gelaufen und nach Quartier gesucht.

 

Erhielten vor 2 Tagen einen Brief von Hansi mit seiner Photographie.  Wir haben uns sehr dazu gefreut.  Er ist etwas mager und schaut so ernst.  Ach, diese Trennungen mit seinen Lieben, wie ist das doch so schwer und wann werden diese unendlichen Leiden einmal ein Ende nehmen.   Es ist gar nicht durchzublicken.  In diesem unendlichen Warten und Hoffen vergeht ein Jahr nach dem andern und somit das ganze Leben.  Wann gibt’s einmal eine Freiheit?!  Und womit haben wir das  nur verdient. Wo ist nur die Gerechtigkeit.  An wen kann man nur appelieren?!

 

13-X-45.  Seit dem 24 September haben wir schon unser Quartier gewechselt.  Wohnen jetzt in eine Küche, die als Durchgangstube für unsre Wirtsleute dient.  Wir haben unsern Herd für uns allein, was ja von sehr großer Bedeutung ist für eine Hausfrau.  Wir müssen 50 Rubel Pachtgeld im Monat zahlen.  Dieses Quartier ist etwas ein km von unserm Contor entfernt. Unsre Wirtin mit 2 Töchter sind intelligente Menschen; schwer ist nur mit ihren Kinder fertig zu werden. Weil es nicht ein apartes Zimmer ist, ist es nicht gemütlich.  Bietet sich was Besseres, so werden wir wohl wieder wechseln.

Es ist schon ganz Herbst geworden.  Kartoffel haben wir noch keine.  Nach Feodorowka zu fahren und unsre Kartoffel dort auszugraben hat sich mir keine Gelegenheit geboten. Ich habe unsern dort angeboten, die Kartoffel auf die Hälfte auszugraben.  Wir haben jedoch noch keine Nachricht von dort. 

Mein Vorgesetzter ist nach Moskau gefahren und die ganze Arbeit in unserm Pleinrassadnik mir überlassen.  Es hatte gerade einen kapitalen Remont unsers Contors begonnen, den ich jetzt weiterführen muss. 

Der große Weltkrieg hat sich wohl gelegen.  Die Kanonen haben aufgehört zu donnern, der politische Himmel ist doch noch nicht ganz entladen.  Nicht ein schönes Symptom ist der Ausgang der Conferenz des Aussenministerrates in London.

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Heft 5 - Familienchronik - 10-XI-45 - 47 - H. Dück

(Das Heft besteht aus vielen mit einem weißen Nähfaden offensichtlich nachträglich zusammen gehefteten Blättern, die in der Mitte gefaltet wurden. Es ist überwiegend mit Tinte geschrieben worden. Die Schrift ist überwiegend gut zu lesen.)

 

10-XI-45.  Haben schon recht kalte Tage und meistens mit starkem Wind. Der Irtysch ist schon ganz voll Eisschollen.  Schnee noch fast keiner. In stürmischen Tagen ist es in unserm Zimmer recht kalt.

Vor kurzem hat man uns über einen halben Kubikmeter Holz weggestohlen. Weil am Werktage nicht Zeit ist, hatten Frieda und ich uns vorgenommen, Sonntag unsere sich draußen befindlichen Holzstämme zu versägen und in den Saraj
der Schuppen
zu bringen, und in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag wurde ein Teil des Holzes gestohlen. In unsern Verhältnissen ist das ein großer Verlust.

Von unserm Heinz haben wir schon über 2 Monate keine Nachricht, was uns schon sehr beunruhigt.  Habe schon an ihn telegraphiert, aber noch keine Rückantwort.  Von Hansi bekommen wir regelmäßig Briefe und seine Briefe sind recht innig.

Erhielten Gestern einen Brief von unserm Cousin Franz Dück, der uns die schaurige Nachricht mitteilt, dass seine Schwester Katja sich im Dezember 1942 das Leben genommen hat.  Wirklich ein schweres Schicksal wobei doch die beiden Dückstöchter - Ella (etliche Wörter könnten gelöscht worden sein, obwohl der Text auch so sinnvoll erscheint.) so viel Schweres in ihrem Eheleben d.h. mit ihrem Mann und Katja zuerst ein uneheliches Kind, was ihrer Mutter so viel Schmerz bereitete und zuletzt in ihrer Einsamkeit und Verzweiflung Selbstmord durch Vergiftung mit Seifsoda. Wäre diese Zeit nicht gekommen, wäre so ein Elend nicht über diese liebe Familie gekommen.

Gestern ist mein Vorgesetzter von seiner 35 tägiger Reise von Moskau zurückgekehrt.

 

21-XI-45.  Haben schon eine Woche Wind und starken Frost.  Der Irtysch ist schon ganz unter dickem Eis.  Schnee ist noch verhältnismäßig wenig.

Ich müsste eigentlich dringend in die Kollektive, um das Rindvieh zu bonitieren, aber mein Vorgesetzter hält mich noch immer zurück, denn er interessiert sich sehr wenig für die eigentlichen Pflichten seines “Gosplemrassadnik”.

Er hat es drock mit Spekulation — etwa 10,000 Rubel hatte er mit nach Moskau, auf 1900 Rubel hat er Rechnung vorgestellt, das übrige Geld hat er im Laufe einer Woche in der Bank eingetragen.  Er versucht uns die Augen auszuwischen, indem er sagt, dass er seine Kuh hat verkaufen müssen und dergleichen.  Das ist alles Schwindel.  Ohne Zweifel hat er durch Regierungsinstitutionen zu billigen Preisen Ware erhalten für unsern Rassadnik, die er jetzt für sich persönlich zu erhöhten Preisen realisiert.

Dieser Art Leute ist absolut nicht zu trauen; man ist jedoch vollständig ihnen unterstellt.  Oft erinnere ich mich in solchem Falle an das von Hilty in senem “Glück” zitierte Buch von einem russischen Staatsmanne deutscher Nationalität “Wie es möglich ist, ohne Intrige, im beständigen Umgang mit Schlechten durch die Welt zu kommen”.

Vor kurzem fand ich auf dem Wege zum Contor einen goldenen “Kaufmannsring” mit der 56 Probe.  Leider ist der nicht so leicht zu verkaufen.  Das wäre uns dann eine schöne materielle Hilfe.

Frieda hat jeden Tag bis Mittag immer in der Stadt herumzulaufen, erstens nach Brot, welches nur selten zu einer bestimmten Zeit zu haben ist;  dann geht sie nach Buljan, welcher uns das nötige Fett ersetzt; dann zum Irtysch nach Wasser. Oft muss dann noch zum Bazar oder in den sogenannten “Sakrytyj” gegangen werden, um zu erfahren, ob nicht was zu haben ist wie Zündhölzer, oder Produkte.  Weil hier so viel Wind ist und Frieda oft an Asthma leidet, sind diese Gänge für sie oft sehr beschwerlich.

Gestern musste sie gegen starken Wind zum Irtysch nach Wasser gehen; sie war ganz verzagt im Kampfe mit dem Wind; da merkte sie am Ufer der Irtysch im grössten Sturm und Kälte wie zwei Mädel lustig mit dem Schlittchen das Ufer herabglitten, was sie sofort mutiger machte.

 

25-XI-45.  Sonntag.  Schon 3 Tage lang will ich mit meinen Kolleginnen in die Kollchosy fahren, finden jedoch keine passende Fahrgelegenheit.  Von so einem Arbeitssystem wird man recht müde.

Noch nie im Leben haben Frieda und ich so viel Holz sägen und spalten müssen, wie jetzt.  Zum Glück haben wir unsere eigene Ziehsäge, die ich kürzlich auf dem Bazar gekauft und einen Bock, wozu uns der Tischfuß dient. Weil wir heute nicht sehr geübt sind im Sägen, so macht uns die Arbeit oft nervös und gründlich müde.

 

10-XII-45.  Heute morgens Uhr 5 kehrte ich von meiner zweiwöchentlichen Komandirowika zurück.  Haben sehr viel Strapazen durchgemacht und hauptsächlich während dem Überfahren aus einem Kollektiv ins andere. Drei mal hatten wir zu 40-50 km. zu machen.  Weil es mit dem Pferdebestand nur schwach steht in den meisten Kollektiven, so wurden wir mit Ochsen gefahren.  Nach 10-15 km fingen sie gewöhnlich schon an zu versagen. Schlittenbahn war keine und so musste meistens zu Fuß gegangen werden neben dem Schlitten, was in dem sibirischen Schnee eine furchtbar schwere Sache ist.  Gewöhnlich ging es dann bis spät in die Nacht hinein.  Wenn man dann so spät abends in ein Kollekiv kommt, müde, abgemattet und hungrig, so dauert´s noch gewöhnlich sehr lange bis man untergebracht wird.  Oft bleibt man dann auch noch ohne Essen. Gestern  jedoch erreichten unsre Strapazen ihrem Höhepunkt.   Wir wollten nämlich aus dem letzten Kollchos nach Beendigung unsrer Arbeit in die Stadt zurückgestellt sein.  Erst um die Mittagszeit war ein Lastschlitten, bespannt mit 2 schwachen Pferden, fertig zum Fahren.  Außer Heu, Hafer und sonstige Sachen von über 2 Zentner Gewicht, wurden noch 8 Mann mit Pelze und Gepäck hinaufgesetzt.  Es war einem jeden klar, dass diese Pferdchen einen so beladenen Schlitten überhaupt und geschweige 45 km ziehen könnten.  Nach einem halben km mussten auch schon alle Passagiere herunter steigen und zu Fuß gehen.  Und so ging es, kleine Ausnahmen ausgeschlossen die ganze Strecke.  Abends fing es an zu schneien, so dass der Weg verschneite und wir anfingen zu irren.  Diese ganze Strecke von 45 km begegneten wir kein Dorf.  Etwa rum 12 Uhr nachts hatten wir den Weg ganz verloren und irrten in tiefen Schnee umher.  Dank der Windrichtung und dem dann und wann hinüberschallenden Lokomotivpfiff, fanden wir uns in der Hauptrichtung zurecht.  Fast 5 Stunden wateten wir in tiefen Schnee bis wir die Stadt erreichten.  Jede 10-20 Minuten mussten wir und Pferde ausruhen.

Uhr 5 morgens klopfte ich am Fenster unsers Quartierchens und hörte zu meiner großen Freude auch schon die Stimme meiner Frieda. Wenn man so unter ganz fremden und so kalten Menschen dauernd gewesen ist, freut man sich ganz besonders einen lieben nahen Menschen wieder zu treffen und besonders in unsrer heutigen Lage.  Leider traf ich Frieda nicht ganz gesund an; sie krankt nämlich über eine Woche an der Grippe, und weil sie immer allein war, hat sie sich gar nicht schonen können.

Frieda machte rasch Feuer, kochte etwas Tee und machte Gritze heiß, etwas Brot und Butter hatte ich mitgebracht, und so hatte ich ein schönes Essen.  Während dem Essen erzählte mir Frieda von den schönen Briefen, die sie in meiner Abwesenheit erhalten hatte.  Nämlich die langersehnte Nachricht von Heinz durch seinen Vorgesetzten Barg G. J. welcher unter anderem schreibt, dass Heinz schön gesund; ein hübscher Jüngling sei und sich leicht in allen Verhältnisse zurecht findet.  Dass das Ausbleiben der Briefe von ihm nur dadurch zu erklären wäre, dass er mit noch 200 Mann in die Kolchose zum Dreschen geschickt worden sei.  Diese Nachricht von unserm Jungen hat uns sehr erfreut und beruhigt.

Einen andern Brief haben wir von Schwester Anna, in dem sie schreibt, dass sie zu Petja nach Karpinsk im Ural übergesiedelt sei und dass sie sich bemühen will , auch nach Lika hinzubekommen. Wann werden die einmal aus dem nördlichen Ural fort können?!

Soeben auch einen Brief von Hansi erhalten.  Der Junge ist so besorgt darum, dass die Jahre vergehen und er zu keiner Spezialität kommt. 

 

16-XII-45.  Sonntag.  Mein erster Ruhetag in den letzten 4 Wochen.  Haben großen Frost draußen und ziemliche Kälte in unserm Zimmer.  Es wird recht ungemütlich.  Frieda hustet daher sehr. Habe eben 2 Briefe an unsre Jungen geschrieben.  Frieda brachte unsre Ration Brot (0,8 kg) aus dem “ Oblso “.  Ich war inzwischen noch in die Stadt gegangen, um zu erfahren, ob ich nicht meine alte Goldkronen irgend wie verwerten könnte.  Dann hab ich etwas unsre Ziehsäge mit dem Beil geschränkt, denn später wollen wir noch Holz sägen, um Vorrat für die Tage zu machen, in denen ich wieder von Hause sein werde.  Während wir Mittag machen und mit Frieda zusammen sind, wollen wir aus Hilty’s "Glück" uns eine Andacht lesen.

Das ist so unser Sonn- und Ruhetag.  Uns mal sonntäglich anzuziehen, können wir nicht, da wir nur jeder ein Complekt Kleider haben und Wäsche wechseln, schon überhaupt nicht, weil wir schon fast ein Jahr keine Wäsche haben.  Am Sonntag eß ich 3 mal, während am Werktag nur zweimal.

Abends.  Hielt mich etwa 2 Stunden in der Bibliothek auf und studierte unter anderm den Prozess in Nürnberg. Es ist doch furchtbar, was Deutschland sich hat zu Schulden kommen lassen. 

 

23-XII-45.  Sonntag.  Soeben zurückgekehrt von einer 5 tägigen Komandirowka in die Kolchose.

Heute morgens war es 29° kalt und ich war 37 km von hier entfernt.  Ich hatte große Sorge darüber, wie ich nur in dieser Kälte ohne Tulup, bis zur Stadt kommen könnte.  Wie ich nur mit meinem Gepäck auf den großen Weg kam, kam auch schon ein amerikanisches Lastauto mit Weizen gefahren, mit dem ich dann für 40 Rubel bis zu Stadt fahren konnte.  Es war gegen Wind und daher sehr kalt.  Ich hatte jedoch die Möglichkeit mich hinten tief im Auto etwas in Schutz zu setzen; denn hoch oben hätte ich wohl kaum eine halbe Stunde ausgehalten.  Von dem Hin- und Herschleudern im Auto wurde ich fast seekrank; denn mir wurde recht übel.  Obzwar Frieda wohl auf mich wartete, war es doch eine frohe Überraschung.

Zwei schöne Briefe sind inzwischen angekommen, von unserm ältesten Jungen und von meine Cousine Lise Enns. Hansi ist sonst schön gesund, nur ist ihm ein Finger an der linken Hand verwundet, wobei wohl der Nagel heruntergeschlagen ist. Hansi hat es in letzter Zeit schwer damit, dass er noch keine Spezialität besitzt. 

Lise Enns schreibt, dass ihre Schwester Lena einige Wochen ganz wahnsinnig gewesen sei, dass sie gegenwärtig doch schon wieder genese.  Die beiden Schwestern haben viel durchgemacht und aus Lieses Brief ist ein fester Gottesglaube zu sehen. 

Für einige Zeit werde ich wohl nicht in Komandirowka fahren brauchen, denn ich muss jetzt das Fazit über diese einmonatliche Reise in die Kolchose ziehen.

 

24-XII-45.  Was war dies doch für ein wichtiger Tag immer in der weiten Vergangenheit unsers Lebens, und was ist dies für ein wichtiger Tag Heute und Morgen überall, wo noch Weihnachten gefeiert wird.  Wie waren wir immer so glücklich an diesen Tagen mit unsern lieben Kinder. Wenn es auch damals schon verhältnismäßig ärmlich war, so war es doch wunderschön und wir waren glücklich.  Heute sind Frieda und ich allein, unsre Jungen schon das vierte Jahr fern von uns und unser Liebling ruht schon das vierte Jahr im Grabe.  Rundherum keine Spur von Weihnachten.  Wir persönlich empfinden große Armut.  Und doch stimmt es uns dankbar, dass wir unser täglich Brot haben; zwar sind es nur 400 gr auf  jeden.  Leider haben wir jetzt keine Butter und können uns auch nur selten etwas Milch erlauben.  Zu Heute abends will Frieda etwa ein halb Kilo Mehl zu Kuchen verbacken und wollen im Stillen etwas Heiligen Abend feiern. 

Draußen ist gegenwärtig grosse Kälte; ohne Überkleider können wir schon längere Zeit in unserm Zimmer nicht sitzen. 

Wann und wo werden wir noch mal Weihnachten feiern können?! 

Wer recht frei und unabhängig sein will, der muss so wenig wie möglich von andern annehmen, und besonders von solchen, die es nicht ohne Selbstsucht tun. Geben ist viel seliger als nehmen. Dies empfinden besonders edel geartete Naturen. Und wenn man noch so arm ist, so bleibt man ein freier Mensch, wenn man entsagen kann, sich nach der Decke streckt und so wenig wie möglich annimmt.

 

27-XII-45.  Haben sehr kalte Tage, wohl über 30°.  Per Radio im Wetterbericht wurde gemeldet, dass Heute in Leningrad 13°, Moskau 8°, Kijev 1° und im Nord Osten Russlands 40° Frost sei.  Wie gerne würde man mal weg aus diesem kalten Gebiet in den Westen. Es wäre erträglich, wenn man nicht so arm wär und es einen an allem fehle und in erster Linie an einem warmen Wohnzimmer.

Ich bin Heute mal wieder durch meinen Vorgesetzten verstimmt worden.  Am Schluss unsrer Arbeit kommt er und meldet mir, dass ich wieder auf Komandirowka fahren soll und zwar bis zum 5 Januar.  Ich protestierte heftig dagegen, da ich doch nur vor 3 Tagen aus einer einmonatlichen Komandirowka zurückgekehrt sei, erkältet und müde sei, eine ganze Reihe persönlicher Angelegenheiten zu erledigen hätte und zudem die ganze Jahresschlußarbeit auf mir liege. Zudem habe ich doch keine Überkleider für diesen sibirischen Winter. Er besteht jedoch auf seinem.  Ich werde noch versuchen mich zu sträuben.

Auf den Rat eines Arztes hin hat Frieda sich röntgen lassen; man findet einige Stellen in ihrer rechten Lunge.  Jetzt soll sie sich in ein Krankenhaus für Tuberkulose wenden.  Möchten die nur das richtige finden, um Frieda bald wieder ganz auszuheilen.

 

28-XII-45.  42° kalt.  Ach, das Sibirien!

Heute hatte ich wieder eine scharfe Auseinandersetzung mit meinen Vorgesetzten;  trotz  allem soll ich auf eine Woche wieder in die Kolchose fahren.  Von Rücksicht ist bei so einem Egoist und Schuft keine Spur.  Man muss sich immer wieder schicken in die Zeit.  Anders zu handeln wäre für mich auch unklug.

 

1946

 

1-I-46.  Der erste Tag im neuen 1946 Jahr.

Wie auch immer und jedesmal stehen wir Heute fragend am ersten Tage des Neuen Jahres, was uns dasselbe wohl bringen könnte.

Ob es uns das Leben und die Gesundheit erhalten wird; ob es uns eine Verbesserung der persönlichen materiellen Lage bringen wird; ob es uns ein Wiedersehen mit unsern lieben Jungen bringen wird; ob es uns wieder ein Heim und eine Heimat bringen wird; ob es uns endlich auch ein Wiedersehen mit unsern Lieben Geschwister alle bringen wird?!  Das sind alles große Fragen und in unsern Verhältnissen große Probleme. 

Seit Vorgestern abends bis Heute Morgens lag ich im Bett, weil ich die Grippe habe.  Heute fühle ich mich schon besser.  Frieda kommt auch immer aus einer Erkältung in die andre, unser Quartier ist und bleibt ungemütlich kalt und feucht; draußen bleibt’s auch noch immer sehr kalt 30 - 40°.  Jeden Tag muss nach Brot gelaufen werden, was gewöhnlich einige Stunden in Anspruch nimmt; dann zum Irtysch nach Wasser gegangen.  Das sind so Frieda’s tägliche Hauptgänge.  Inzwischen jedoch muss zum Bazar gegangen werden um entweder etwas Milch, Kartoffel, Fett, Zwiebeln und dergleichen zu kaufen.  Vorgestern abends bekamen wir unsern “Pajek”, was uns dann auch wieder plötzlich unsern Tisch bedeutend verbessert hat.  Leider hat es kein Fett gegeben.

 

Ach, diese ununterbrochenen und andauernden täglichen Sorgen verflachen unser Leben ganz und machen uns und besonders die Hausfrau so kleinlich, böse und verbittert.  Mit diesem beständigen bittersten Kampf ums Dasein schwindet das, was man unter Mitleid, Nächstenliebe, Humanität und dergleichen versteht.

In einer liebeleeren Welt ist es kalt und öde.  Und hat man dann nicht einen festen inneren geistigen und geistlichen Halt, verkümmert man schließlich und geht geistig und körperlich zu Grunde.

Wir können und müssen jedoch Gott danken, dass er uns immer wieder geistig und körperlich aufrichtet.  Wir wollen daher die Hoffnung nicht verlieren auf eine Errettung aus dieser Wüste in die Mitte unsrer Lieben alle nah und fern.

 

4-I-46.  Noch immer sehr kalt.  Frieda hat wieder mehr erkältet und hustet sehr. Ich bin wieder von meiner Grippe los und es ist ohne Husten abgegangen. Wir müssen unser Quartier wechseln, denn so kann Frieda von ihrem Husten nicht loskommen.

 

9-I-46.  Frieda hat sehr starken Husten mit Auswurf, Asthma, Heisernis, und zu Zeiten Temperatur.  Heute hat man in der hiesigen Poliklinik ihren Speichel und Blut untersucht, jedoch nichts Verdächtiges gefunden, was uns sehr erfreut und beruhigt hat.  Sie hat ja dann auch nur Pulver gegen Husten bekommen.  Die Ärzte raten ihr Ruhe, gute Kost und warmes Quartier.  Ja, wenn das von unserm Willen abhängig wär.

Ich habe es in meiner Berufsarbeit gegenwärtig sehr drock, einmal muss eine Jahresabrechnung über unsre Arbeit zusammengestellt werden, dann verlangt man außer dem verschiedenes Material über Viehzucht von mir, und schließlich soll ich mich vorbereiten zu einem Vortrag über Zuchtarbeit in der Rindviehzucht in unsrer Oblast der vor einer Conferenz von Viehzuchtarbeiter am 18-I. gehalten werden soll.

Morgen will man mir einen Schlitten zur Verfügung stellen, um für mich “Tal” (Holz) holen zu können.

 

13-I-46.  Sonntag.  Haben uns einen Schlitten Strauch vom Irtysch geholt (“Tal”);  es ist ganz grünes Strauch aber brennt gut.  Wir haben somit auf einige Wochen mehr Brandvorrat.   Zum Glück haben wir schon etwa eine Woche gelindes Wetter. Friedas Gesundheit will noch immer nicht besser werden, schwerer Husten, Heiserkeit, Atemnot und oft Temperaturerhöhung.  Es fehlt ein trockenes und warmes und gemütliches Quartier.

Erinnerten uns Heute, wie auch fast jeden Tag, an unsere Lieben von drüben hinter dem Ozean. Frieda erwähnte hierbei den Ausdruck aus der Oper “Евгений Онегин” — "а счастье было так возможно, так близко так возможно" als ihr Vater seiner Zeit vorgeschlagen hatte, nur “beizuschreiben”.

Ganz unverhofft hat man an gehöriger Stelle beschlossen meinen Vorgesetzten von seinem Posten zu entheben.  Er ist daher jetzt sehr beschäftigt, seine Geldangelegenheiten zu regeln.

12 Uhr abends.  Ich sitze und arbeite an meinen Vortrag über Rindviehzucht, den ich auf einer bevorstehenden Conferenz der Viehzüchter der Pavodarschen Oblasty am 18-I. halten soll.  Im Nachbarzimmer, d.i. im Wohnzimmer unsrer Wirtin wird nach alten Stiel das Neue Jahr begegnet.  Der Patephon spielt gerade einen Walzer und es wird getanzt. Trotz der lustigen Musik und Gesellschaft im Nebenzimmer überkommt mir eine wehmütige Stimmung und Sehnsucht nach unsern lieben Kinder und besonders nach unserm lieben, lieben Mädel, das unsre ganze Freude am Leben mit ins Grab genommen hat.

Können und werden wir noch mal in unserm Leben froh werden?! Man kann’s fast nicht glauben, denn es ist alles so aussichtslos. jedoch Mut und Gottvertrauen!

 

22-I-46.  Etwa 3 Wochen bin ich sehr vernommen gewesen.  Im Laufe der letzten 3 Tage hatten wir einen Областной сьезд der Viehzuchtarbeiter.  Einen Tag war die Conferenz im Theater, die 2 andern Tage im Saale des Parteikomitees. Ich zählte zu den 3 Sekretäre und musste ununterbrochen Notizen machen.  Hatte somit Gelegenheit immer die höchsten Persönlichkeiten der Oblast zu sehen.

Wir hatten über eine Woche gelindes Wetter, somit war es auch in unserm Zimmer bedeutend wärmer.  Frieda’s Gesundheit hat sich, Gott sei dank, auch schon sehr gebessert.

Als Delegat dieser Conferenz erhielt ich Gestern 1 Kilo Zucker, 2 Platten Tee, 2 Stück Seife, 100 gr. Tabak und 5 Döschen Zündhölzer.  Für ein Stück Seife hat Frieda auf dem Bazar einen Eimer Kartoffel gekauft.

Von Hansi bekamen wir Gestern 3 Karten und einen verspäteten Brief.  Der Junge schreibt immer fleissig

 

26-I-46.  Haben 2 Tage starken Frost - 36° und starken Wind.  Es ist schon sehr viel Schnee.  Erhielten Gestern einen Brief vom Cousin Peter J. Dück vom Ural, in dem er unter andern schreibt, dass bei ihnen im Ural Halbstädter angekommen sind als Repatrierte.  Den ihr Los wird nicht beneidenswert sein.

 

27-I-46.  Sonntag.  Haben noch immer starken Wind und Frost.  Kehrte eben vom Bazar zurück, wo ich 2 Eimer Kohlen kaufen wollte, waren jedoch keine.

Dann ging ich zum Irtysch nach Wasser; das Gesicht zugebunden und die Schaffspelzjacke gut umschnürt.  In der Jugend im Elternhause fiel es einem schwer hin und wieder mal einen Eimer Wasser aus dem Stall zu holen, während jetzt im fortgeschrittenen Alter und körperlicher Schwäche man in sibirischem Sturmwetter 5 - 600 Meter nach Wasser gehen muss.

 

31-I-46.  Haben mehrere Tage echten sibirischen Winter gehabt, Schneegestöber und Frost (40°).  Ich kaufte mir Gestern von einer Tschetschenka einen Sack Kohlen für 50 Rubel, die ich mir dazu geborgt hatte, schleppte diesen Sack zusammen mit der Tschetschenka durch die Stadt zu unserm Quartier und freute mich abends ins warme Quartierchen zu kommen.  Jedoch,  welche Enttäuschung, Frieda hatte sich schon einige Stunden mit dem Feuer geplagt und die Kohlen brennen absolut gar nicht. Es ist gefrorener Kohlenstaub.  Heute kaufte ich mir auf dem Bazar wieder 3 Eimer Kohlen für 30 Rubel.  Diese brennen ja.  Unser Zimmer wird jedoch nicht warm. Den ganzen Winter über sind wir Tag für Tag, ob zu Hause oder im Contor immer in Überkleider.

 

7-II-46.  Ich sitze in einem ukrainischen Dorf 50 km von der Stadt Pavlodar entfernt und bin eingeschneit im eigentlichen Sinn des Wortes.  Der sibirische Winter zeigt sich mir hier in seiner ganzen grausamer Realität.  Seit heute morgens wütet wiederum ein starkes Schneegestöber.

Das ganze Dorf ist tief unter Schnee, d. h. die Schneedünen, welche sich im Laufe des Winters um die Häuser gelegt haben, sind höher als die Häuser; es ist daher vom Südwesten aus, von dem hauptsächlich der Wind hier weht, wenig Häuser zu sehen.  Bei vielen Häuser müssen Löcher durch die Schneedünen zu Tür und Fenster durch gegraben werden.  In diesem Dorfe sind nur 2-3 Bäume die aus dem Schnee hervorragen, von den Häusern jedoch schaut nur hin und wieder ein Schornstein oder eine Dachecke hervor. Eine fast ununterbrochene Schneewüste. Eine kleine Unvorsichtigkeit und man kann während einem Schneegestöber mitten im Dorf verirren und ins Feld geraten.  Der Schnee liegt auf ebener Steppe durchschnittlich einen halb Meter tief.  So fern man beim Fahren vom Wege auch nur einen Meter abweicht, ist das Pferd sofort bis am Bauch im Schnee.  Gestern wurde ich hierher aus einen andern Dorfe 17 km entfernt hergefahren.  Das Pferd, mit dem man mich fuhr, war vor kurzem aus der Mongolei gebracht und noch nie eingespannt gewesen. Eine ganze Stunde tobte es daher mit uns und unserm Schlitten in tiefen Schnee herum, eh’ es schließlich schwitzig und blutig resignierte, anfing zu laufen und uns glücklich bis zu diesem Dorf brachte.   Es dauerte bis spät abends, eh’ ich schließlich zu Nacht untergebracht war.  Ich war schlechter Stimmung, einmal, weil die ganze Begegnung hier nicht zu besserer Stimmung Veranlassung gewährte, und anderseits, weil ich von hier aus Morgen zur Stadt möchte, sich jedoch voraussichtlich keine Gelegenheit bietet.

Vor kurzem verirrten 2 Lehrerinnen dieses Dorfes, eine russische und eine deutsche, und fanden einen schrecklichen Tod in dieser furchtbaren Schneewüste.  Erst am 4. Tage fand man sie etwas 7 - 8 km vom Dorfe entfernt. zusammengekauert neben einem Strohhäufchen.  Die schrecklichen vereisten und beschneiten Gestalten mit entblößten Köpfen, verzausten Haare und erhobenen Händen, zeugten von der furchtbaren Qual, den diese unglücklichen jungen Frauen durchgemacht hatten. Man erzählt noch von mehreren ähnlichen Opfer den dieser besonders strenge Winter in der Umgebung gefordert haben soll.

So manches Klagelied hört man doch von den hiesigen russischen Frauen, ohne dass man sich nach ihren persönlichen Befinden erkundigt. Heute Morgens klagte eine Kälberwerkerin über ihr Schicksal.  Ihr Blick und Gesichtsausdruck zeugte von tiefem Leid und Schmerz.  Sie klagte, dass sie ihren Mann und 3 Brüder im Kriege verloren habe und außer ihren kleinen Kinder, niemanden mehr habe; dass sie ihre Kinder ganz vernachlässigen müsse, weil sie immer bei den Kälber gebunden sei. So sei ihr ganzes junges Leben für immer dahin.

Eine andre Frau, die Wirtin, wo ich stehe, klagte mir ihr Leid, und zwar, das ihr Mann, mit dem sie 20 Jahre zusammen lebe, schon seit 3 Jahre in Beziehungen zu einer andern Frau stehe; dass somit ihr Schicksal dem Schicksal ihrer Mutter ähnlich sei, die von ihrem Mann (ihrem Vater) im Alter von 55 Jahre verlassen worden war. Dann erzählte sie von einem Bürger ihres Dorfes, den auch ich kenne, der seine Frau mit einem 8 jährigen kranken Jungen verlassen habe, und im Laufe einiger Jahre mit 18 Frauen des Dorfes in Verkehr gestanden hat und schließlich sich ein junges Mädchen geheiratet habe.

Gebe Gott, dass wir noch mal wieder aus diesem kalten Sibirien, kaltem in allen Beziehungen, hinaus zu unsern Lieben allen gerettet werden könnten, in eine Mitte, wo Liebe und Gemeinschaft herrscht.

Einstweilen müssen wir uns in der Stadt ansässig machen, wo man diese furchtbare Einsamkeit nicht so empfindet.

 

9-II-46.  Wie schwierig mir das gestern morgens schien, bis Pavlodar zu kommen, so unerwartet leicht hat das gegangen.  Ich befürchtete, dass ich, nur bis zum 10.II. zur Stadt zu kommen, die Strecke von 50 km durch die sibirische Steppe zu Fuß gehen müssen.  Wie ich bis Jefremowka komme, hält ja gerade Raupentraktor mit einem ungemeinen Schritten an.  Der Schoffeur erlaubt mir ohne weiteres umsonst mitzufahren und so kommen wir Uhr 9 des Abends in der Stadt an.  Die letzten 2 Stunden mussten wir zu Dritt abwechselnd  vor dem Traktor gehen, um den Weg zu zeigen.  Das Wetter war sehr schön, Windstille und etwa 1° warm. Und so hatten sich meine Befürchtungen als absolut unbegründet sich erwiesen.  Frieda war ganz überrascht.

 

10-II-46.  Wahltag in den Obersten Rat. Tauwetter. 

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15-II-46.  Erhielten Gestern 2 Briefe, von Hansi, Cousin Peter Dück und etwas eher von Cousin Franz Dück. Hansi berichtet, dass er in Februar auf Urlaub wartet und sich vorgenommen hat, Heinz in Buguruslan zu besuchen; dass gegenwärtig möglich sei, uns herauszurufen. Peter Dück schreibt, dass er zu Frau und Kind hinüber gefahren ist; er habe sich diese Erlaubnis durch Kalinin errungen. Aus Franz Dücks Brief klingt eine Sehnsucht nach dem, was wir gehabt und verloren haben.

 

18-II-46.  Frieda ist schon den 2-ten krank an der Grippe die hier in der Stadt gegenwärtig sehr um sich gegriffen hat.  Das macht der Wetterwechsel, denn wir haben nach starken Frost schon einige Tage Tauwetter. Charakteristisch ist für die heutige Grippe hohe t° und starke Kopfschmerzen. Ich sollte sonst heute wieder auf eine Woche wegfahren, bin jedoch sehr froh, dass es Heute noch nichts geworden ist, da ich doch Frieda in ihrem Zustande nicht allein lassen konnte. 

Morgen soll der erste Zug Polen von hier in ihre Heimat abtransportiert werden.  Von allen Richtungen sieht man sie mit ihrem noch gebliebenen Gepäck in die Stadt hereinziehen auf Schlitten bespannt mit Pferde, Ochsen und Kamele. Im Großen und Ganzen kann man sie doch glücklich schätzen, dass sie noch eine Heimat haben, die sie erwartet und wohin sie nun reisen können.  Sicher wird so manchem das Herz bluten, der hier in den sibirischen Steppen ein teures Grab zurücklassen muss.  So würde es auch uns ergehen, wenn für uns noch einmal diese Stunde schlagen sollte. Wie sollte das jedoch zugehen?!  Wo ist unsre Heimat?!

 

19-II-46.  1 ½ Grad warm und Regen; nach dem Urteil der hiesigen Bevölkerung ist das für diese Jahreszeit eine große Seltenheit.  Vor 28 und 46 Jahre war ähnliches verfrühtes Tauwetter, worauf dann Frost und Schnee folgte, die oberste Schneeschicht eine harte Kruste bildete, alles beeiste und somit das Pferdeweiden im Winter, das hier von jeher Gebrauch ist, unmöglich machte. (“Джут” nennt man diese Plage hier).  Infolgedessen ist furchtbar viel Vieh und besonders Pferde damals gefallen.  Ähnliche Befürchtungen hat man auch heute.  Es war daher eine Beratung beim Vorsitzenden des Gauvollzugskomitee (nach früheren Begriffen beim Gouverneur) anberaumt, zu der mehrere Spezialisten der Viehzucht worunter auch ich eingeladen waren.  Für mich ist ja diese Art des Pferdeweidens im Winter ganz was Neues; ich habe nie etwas davon gehört.

 

21-II-46.  Gestern hatten wir einen schweren Tag.  Wie ich abends von der Arbeit nach Hause kam, fand ich Frieda wieder mit hoher t° - 39,3.  Die häusliche Arbeit musste gemacht werden. Abendbrotkochen, Wasser holen vom Irtysch usw.   Wieviel ich mich nicht bemühte, ich bekam kein Feuer.  Dann eilte ich zum Arzt, um Rat zu holen. Frieda hatte eine schwere Nacht. Im kranken Zustand ist sie oft sehr nervös und ganz besonders in unsern gegenwärtigen Verhältnissen, wo von den Hausgenossen fast keine Acht gegeben wird auf den Kranken; dann unsre Armut usw. Morgens musste wieder alles gemacht werden, um dann zur Zeit auf Arbeit zu sein, Dann wird man erst recht nervös.

Heute habe ich den Tag über viel herumlaufen müssen.  Unter anderm holte ich vom Arzt für Frieda Rezepte und aus der Apotheke Medizin. Zu meiner großen Überraschung fand ich Friedas Zustand Abends bedeutend besser, als ich erwartet.  Gott sei Dank. Abendbrot machten wir schon zu zweit und es schmeckte auch sogleich bedeutend besser. Auch unsre Nervosität war geschwunden. Ich bin jetzt nur besorgt darum, irgend wie mich von der geplanten Komandirowka loszumachen, auf die ich laut Verfügung des Gauvollzugskomitee auf 20 Tage fahren soll.

 

24-II-46.  Sonntag.  Von der Grippe ist Frieda wohl schon los, aber nicht von den Folgen der selben — sie ist ziemlich abgemagert und hustet sehr.  Ich habe heute viel Zeit versäumt mit dem Erhalten unsrer Brotration. Vom Bazar brachte ich 2 Eimer Kohlen für 25 Rubel mit.  Dann holte Frieda von einer Stelle einen Eimer Kartoffel für 30 Rubel.

Ich ging auf ein Stündchen in die Lesehalle, noch immer geht der Nürnberger Prozess; dann die Londoner Conferenz der Organisation der Vereinigten Nationen.

 

Bevor ich nach Hause ging, lies ich mich noch in der “Парикмахерская”
Friseurladen
rasieren. Die Friseure sind ja gegenwärtig alles Frauenzimmer. Während der Arbeit wird dann inzwischen etwas geschminkt, die Lippen gefärbt, die Augenbrauen bearbeitet usw. Die Klienten können sich ja gedulden. Persönlich ist’s ja ihnen um die Klientur nicht zu tun, wie es in der Welt der Konkurenz steht; sie bemühen sich ja dann auch nicht allzusehr, um die Sache so gut wie möglich zu machen. Es fehlt das persönliche Interessiert sein.

25-II-46.  Schon 4-5 Tagen bin ich fertig, um auf Komandirowka zu fahren; aber das hat alles, wie man sagt “lange Beine”.  Hundert mal bespricht man sich dann mit den Kasachen, um die und die Stunde loszufahren;  jedoch fest ist mit den nichts zu besprechen.  Man wird gerade so müde von so einer “Pünktlichkeit”.  Wieder um ist unsre Abfahrt auf Morgen verlegt. Ich bin nur froh, dass der Pünktlichkeitssinn in einem so tief eingeboren u. anerzogen ist, dass dieses fast jahrzehnte dauernde Vermeiden unter unpünktlichen Menschen, mir das tiefe Bedürfnis und Verlangen nach Pünktlichkeit nicht rauben kann.

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Hansi und Heinz in Buguruslan

12-III-46.  Nordwind und kalt.  Den 5.III. kehrte ich von einer 7-tägigen Komandirowka zurück; im ganzen hatten wir mit einem Pferdchen und sibirischen Frachtschlitten 200 km zurückgelegt; die ganze Zeit war es sehr kalt zwischen 24-40° Frost.

Zu Hause traf ich einen Gast bei uns an, Helga Tomsen, eine 22-jährige Tochter von Gerhard Tomsen aus Neukirch, der in der Trudarmee gestorben ist.  Seine Frau, eine geborene Dück von Brodsk und weite Verwandte von Frieda, wohnt hier auf einem Sowchos “Okdjabrskiy”.

Eines Tages wurden wir überrascht mit einem Brief und einer Photographie von unsern Jungen beide aus Buguruslan.  Die Jungen sehen ganz gut aus. Hansi schreibt, dass Heinz grösser und breiter als er ist.  5 Tage hat Hansi bei Heinz logiert und ist dann wieder zurück nach seiner Arbeitsstelle hinter Samara gefahren.

Bald folgte ein zweiter Brief von Heinz, in dem er unter anderm schreibt, dass sich dort viele in seinem Alter schon verheiraten, und dass er auch eine nahe Freundin von den mennonitischen Mädchen hat. Dieses macht uns viel Bedenken.  Die Jungens sind sich dort in allen Beziehungen ganz selbst überlassen, denn niemand überwacht ihr geistiges Leben.

Erhielten von Liese Enns, einen Brief mit der Nachricht, dass ihre Mutter, Tante Enns im Alter von 86 Jahre am 14.II. laufenden Jahres hier in Sibirien gestorben sei.  Wenn Tante Lena, Vaters Schwester nicht mehr lebt, dann ist mit Tante Enns unsre letzte Tante dahin geschieden. Wie wir sie das letzte mal vor 10 Jahre in Melitopol trafen, hoffte sie noch so sehr auf bessere Zeiten. Sehr schwer ist es, wenn man den schweren Teil seines Lebens im hohen Alter durchmachen muss.  Ihr ganzes Leben ist sie auf  Krücken gegangen und im Laufe des letzten Jahrzehnt zwei mal die Reise aus der südlichen Ukraine bis Sibirien gemacht.

 

 

13-III-46.  Es bot sich uns Heute die Gelegenheit 4 Meter Hemdenzeug zum billigen Preis zu kaufen.  Werde jetzt schließlich mal wieder zu einem Hemd kommen.

Schon etwa 10 Tage wird in der Stadt sogenanntes “Kommerzbrot” verkauft zu 11 Rubel das Kilo Graubrot.

 

 

17-III-46.  Mein 54. Geburtstag.  In diesem Alter starben unsre Eltern beide — Vater an einem krebsähnlichen Geschwür am Halse, Sarkoma, und Mutter an Unterleibstyphus 7 Monat später.  Und 2 Monat nach Mutters Tode begann der erste russisch-deutsche Krieg.

Es ist heute gerade Sonntag.  Trotz Sonntag und Geburtstag haben wir auf keinen lieben Besuch zu warten.  In absoluter Einsamkeit und zudem Armut.  Wenn man um sich schaut, muss man feststellen, das wir absolut nichts besitzen, weder Haus noch Hof, lebendes oder totes Inventar, keine Möbel und Kleidung,  keinen Vorrat an Produkten. Wir müssen jedoch Gott danken, dass wir heute mehr Brot haben, als ein Jahr zurück.  Dann haben wir Frieden, während ein Jahr zurück noch der furchtbare Krieg wütete.

Das größte Ereignis der letzten Tage sind die Reden Churchills  in Amerika und Genosse Stalins in Moskau, welche die ganze Welt aufgeregt haben und neue Kriegsgefahr ankündigen.

 

 

19-III-46.  Des Morgens, war noch 23° kalt, Tags Tauwetter in der Sonne, abends wieder Frost. Weil ich keine Schuhe oder Stiefel habe, muss ich trotz Tauwetter und Wasser in Burstiefel gehen; habe daher am Tage sehr nasse und kalte Füsse gehabt; wenn es nur keine Folgen haben möchte.

Erhielten Heute eine Gratulationskarte von Heinz zu meinem Geburtstag.

 

 

 

21-III-46.  Frühlingsanfang.  Von Mittag an Tauwetter.  Weil Frieda auch ich gezwungen sind in Burstiefel zu gehen, haben wir und besonders ich den Tag über nasse Füße.  Wir sind schon ziemlich erkältet.

Erhielten Gestern einen Brief von Hansi mit einer Geburtstagsgratulation für mich.  In seinem Brief klagt er über seine Lungen.  Morgen schicken wir ihm einen Brief mit seinem Geburtsschein und einer meiner Photographien.

 

 

23-III-46.  Großer Sturm.  Heute sah ich die ersten Zugvögel - ein Schaar Dohlen.

Habe schon den vierten Tag nasse Füße, denn Lederschuhe habe ich nicht und Burstiefelwetter ist nicht mehr.

 

27-III-46.  Morgens 17° Frost und starker Wind, und 2 Stunden später - Regen, abends Sturm.  Viel Wasser auf den Strassen unsrer Stadt. Sonntag kaufte ich mir ein Paar gebrauchte Schuhe, so dass ich jetzt doch wenigstens gehen kann; nass werden mir die Füße doch etwas.

 

 

2-IV-46.  Schon 2 Wochen nasses Wetter, im Laufe eines Tages wechselt das Wetter mehrere Mal - Schnee, Regen, Sonnenschein, Frost, Tauwetter, genug immer dreckig und naß.  Jeden Tag komme ich mit nassen Füßen von der Arbeit.

Erhielten Gestern 4 Briefe - von unsern beiden Jungen, von Tante Justel und von Lise Enns, meiner Cousine. Gott sei dank, die Jungen sind gesund.  Hansi hat zum ersten mal einen deutschen Brief geschrieben.  Heinz schreibt so ganz offen und frei von seiner Geliebten, die er jeden Abend besucht. Er meint ja, es wird uns vielleicht nicht gefallen, aber er zählt sich schon zu den Großen. Tante Justel schreibt, das sie schwer krank gewesen ist an einer Lungenentzündung.  Heute Morgens schickte Frieda einen Brief an sie ab,  hat jedoch schon einen zweiten Brief fertig. Lise Enns schreibt, das ihrer Schwester Lenas Sohn vor kurzem gestorben sei und scheinbar infolge eines Unglücks und das Lena schrecklich traure um ihn. Der Grundton aller Briefe ist die Sehnsucht nach den in aller Welt zerstreuten Lieben, nach einem Heim und einer Heimat. Dieses Problem scheint uns heute fast unlösbar zu sein.

Gestern waren wir mit unser Produkten ganz am Ende; außer ein Paar Glas Mankagritze hatten wir nichts.  Abends jedoch hatten wir schon wieder den Pajek für März Monat und so konnten wir den Tee mit unserm Gast H. Reisch schon wieder mit Zucker trinken.  Es geht uns in diesem Winter wie Elias.

 

5-IV-46.  Trotzdem noch Schnee und Frost ist, sah ich heute die erste Starre.  Das Eis auf dem Irtysch rürt sich noch nicht.

 

6-IV-46.  Etwa ein Uhr nachts.  Draußen ist wieder alles unter Schnee. Im Nachbarzimmer feiern unsre Wirtsleute Geburtstag. Es geht sehr laut zu, denn alle sind ziemlich im Rausch.  Es wird gelacht, gesungen, getanzt und getobt. Wir haben uns daher auch noch nicht schlafen gelegt; ich wurde es schon wagen, aber Frieda kann dann gar nicht schlafen. Jene sind lustig  und wir sind traurig.  Die ganze Musik und Gesang stimmt uns traurig, unsre Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, alles stimmt uns heute traurig und besonders die heiße Sehnsucht nach unsern lieben Kinder.

Man wundert sich, wie unsre Wirtin mit ihren beiden Töchter so ausgelassen und lustig sein können, trotzdem sie alle drei zu je zwei Männer und mehrere Kinder verloren haben.  Es sind doch Menschen eines ganz andern Schlages.

 

9-IV-46.  Gestern hatten wir mal einen echten Frühlingstag.  Heute Morgens war eine BeiSonne und jetzt abends haben wir wieder kalten Nordwind.

Frieda und ich sind gedrückt, weil ein Arzt Frieda’s Ausschlag im Gesicht für ein sehr hartnäckiges Hautleiden gefunden hat.  Es ist etwa schon 2 Monat her, seit dem sich dieser Ausschlag im Gesicht gefunden hat.  Wir waren jetzt froh, dass sich Frieda’s Husten etwas gelegt hatte, und jetzt wieder ein neues Leiden.

Vor 2 Tage ist eine Frau beim Wasserholen im Irtysch eingebrochen und unters Eis gekommen.  Furchtbarer Tod.  Und was für ein Schrecken muss das für die Zurückgebliebenen sein und besonders für die Kinder.

Seitdem wir unser liebes Kind verloren haben, macht auf mich das Leiden kleiner Mädel einen tiefen Eindruck.  So auch vor einigen Tagen machte auf mich einen schweren Eindruck ein kleiner Leichenzug.  Auf einem Unterwagen wurde ein Sarg gefahren wahrscheinlich einer erwachsene Person,  vorne am Sarg gelehnt saß ein Mädel von etwa 3 Jahre, neben dem Wagen gingen eilig und aufgerecht zwei grössere Mädel  und hinter dem Sarg einige Männer; wahrscheinlich wurde die Mutter dieser Kinder gefahren.

 

16-IV-46.  Heute ist das Eis auf dem Irtysch losgegangen; am Ufer haben sich große Türme dicken Eises angehäuft.

Heute Uhr 3 des Morgens kam ich von einer Komandirowka zurück.  Ich war mit einem kleinen nickschen Pferdchen und schweren Wagen gefahren.  Die ganze Strecke von 120 km bin ich ausschließlich Schritt gefahren. Zurück machten wir die Strecke von 60 km in 17 Stunden.  Dazu gehört wirklich eine sibirische Geduld.

Von Heinz haben wir Heute 2 Briefe erhalten.  Seine Briefe klingen mutig; er schreibt, dass trotz der grossen Strapazen, er in 4 Jahren noch nie krank gewesen ist.

 

19-IV-46.  Kalter Wind und Schneeschauerchen. Haben heute nicht unsre Brotration bekommen, dann ist gleich “Holland in Not”. Vor abend habe ich mich in der Stadtsbadeanstalt gebadet.

Gestern musste ich mir eine große Taktlosigkeit meines Vorgesetzten gefallen lassen.  Es ist ein großer Egoist und ist doch nur wenig gebildet im eigentlichen Sinn des Wortes,  trotzdem er eigentlich die Nase sehr hoch trägt und sich zu den Gebildeten zählt.

 

20-IV-46.  Abend vor Ostern; jedoch so wenig Osterstimmung.  Die hiesigen russischen Bürger respektive Bürgerinnen machen sich mehr wie sonst zu Ostern fertig.  Sicher, ist das nur eine klägliche Parodie auf das, was mal gewesen.  Alles was gebacken und sonst zubereitet wird, ist nur sehr abgemessen.  Die alten Russen fangen allmählig an wieder zur Kirche zu gehen; zwar haben sie noch nicht eine spezielle Kirche; ein nur zeitweiliges Lokal. Außer dem ist hier noch ein Lokal für Baptisten. Wann und wo werden wir mal ein Lokal für uns Mennoniten finden?!

Das Wasser im Irtysch ist sehr gestiegen, die Eisschollen verschwinden und Schiffe fangen schon an zu kursieren.

 

 

21-IV-46.  Ostersonntag.  7 Uhr abends.  Ich bin eben zurück gekehrt aus der Stadt, habe unsre Brotration geholt und verbrachte eine Stunde in der Bibliothek, wo ich die letzten Zeitungen und Journäle gelesen.  Frieda ist mit ihren Bekannten zum erstem Mal hier in eine russische baptistische Andacht gegangen. Im Nachbarzimmer, dem Wohnzimmer unsrer Wirtin wird gesungen und getanzt; es hat sich da eine Gesellschaft älterer russischen Frauen und einem älteren Mann versammelt, die alle ziemlich im Rausch sind.  “Lasset uns essen und trinken, denn Morgen sind wir tot”.  Die melancholischen Lieder, die sie zuweilen singen, stimmen mich sehr traurig, weil sie mich an meine Jugend, an frühere bessere Zeiten, an unser liebes Mädel erinnert, die auch einige dieser Lieder gesungen hat, und überhaupt an den Erst des Lebens erinnert. Gebe es keine sittliche Weltordnung, keinen Gott und kein ewiges Leben, wäre dieses Leben doch nur ein Hohn auf all das Streben des Menschen nach Glück, die Sehnsucht nach Liebe, und besonders für den, der feiner geartet ist, tiefer empfindet und besonders viel gelitten hat und trotz allem seine sittliche Überzeugung festzuhalten bestrebt ist.

 

22-IV-46.  Wir sind so froh und dankbar, dass der Hautausschlag in Frieda’s Gesicht schwindet.

 

 

23-IV-46.  Heute Morgens träumte, dass in Mai Monat dunkle Wolken aus dem Osten sich türmten.

 

 

28-IV-46.  Gestern hat das Wasser im Irtysch seinen Höhepunkt erreicht und fängt an zu fallen.

 

 

29-IV-46.  Vor einem Jahr hatten wir es noch furchtbar knapp an Lebensmittel; Heute ist bei uns von Hunger schon keine Spur.  Brot haben wir genug.  Sicher sind es keine gewählte Produkten, jedoch satt zu essen haben wir.  Gott sei Dank!

Heute abends ist mir der Gedanke eingekommen, irgend auf eine Art einen unsrer Jungen hier her herauszurufen.  Ich will den Versuch machen an unsre Zentralregierung einzureichen.

Heute kam eine meiner Mitarbeiterinnen ganz erstaunt ins Contor und erzählt, dass sie soeben einen russischen Geistlichen (Popen) begegnet habe, der sie gegrüsst habe.  Die Geistlichen gehören ja hier fast zu antiquarischen Seltenheiten.  Sie sagte nebenbei, dass sie noch nie im Leben in einer Kirche gewesen sei.

Vor einigen Tagen sind 2 Jungen im Irtysch ertrunken. Man hat vor kurzem an Ufer des Irtysch einen Sack mit einer Frauenleiche ohne Kopf  gefunden.  Der Übeltäter, ein hiesiger Buchhalter, soll schon verhaftet sein; er soll scheinbar zuerst seine Frau und Junge  und jetzt seine Tochter ermordet haben.  Gegenwärtig soll er sich mit einer andrer Frau verbunden haben. Folge des Ehebruchs. 

 

 

1-V-46.  Vormittag nahm ich an der Maidemonstration teil, an der ja eigentlich ein jeder Dienende teilnehmen muss. Die übrige Zeit habe ich ja dann zu Hause verbracht.  Weil wir vor einigen Tagen wieder unser extra “Pajek” erhalten haben, worunter 7 Kilo Fische waren, konnten wir uns recht gutes Essen heute zu bereiten. 

So manchen Betrunkenen konnte man heute auf den Straßen antreffen, denn Spiritus ist in genügenden Masse überall gegenwärtig zu haben für 230 Rubel das Liter.

 

 

5-V-46.  Sonntag.  Kalte Tage, so dass stelenweise die ausgesetzten Kartoffel in der Erde verfroren sind.

 

10-V-46.  Haben Heute den 2. warmen Tag. Gestern war der “Tag des Sieges”; Frieda und ich mit unsern andern Mitarbeiter unsers Contor setzten Kartoffel, etwa 0,07 Ha. auf unsern Teil.  Das Feld ist 7 km. von der Stadt entfernt.

Haben von Heinz mehrer Briefe hinter einander erhalten, während von Hansi schon über einen Monat keinen.  Heinz schreibt, dass sie froh und lustig die Zeit dort verbringen.  Das er dort eine nahe Freundin eine Lise Petkau, gefunden habe, die ihn sogar “bewasche und beflicke”.  Ich schrieb ihm darauf hin heute einen langen Brief, worin ich ihm unter anderm rate, durch reine Liebe zu einem tüchtigen deutschen Mädchen sich dort das graue Leben zu verschönern, in Anbetracht jedoch ihres jungen Alters und den bevorstehenden Dienst in der Roten Armee sich ernsteren Schritten gegenüber abwartend zu verhalten.

 

 

20-V-46.  Kehrte Gestern per Auto von einer wöchentlichen Komandirowka aus den Kolchosen zurück.  Überraschte Frieda mit 2 Kilo Butter.

 

25-V-46.  Gestern feierte Frieda ihren 50. Geburtstag.  Unsre Jungen haben´s nicht vergessen und schickten schon rechtzeitig ihre Gratulationen.  Auf Besuch ist ja in unsrer Einsamkeit nicht zu warten; um diesen Tag jedoch etwas feierlicher zu gestalten, kauften wir uns etwas Weißbrot und Fleisch zu Mittag; abends gingen wir ins Kino.

Heute nachts ist wieder in unsrer Stadt eine furchtbare Mordtat ausgeübt - Mutter und Tochter getötet und eine Enkelin schwer verwundet.

 

 

26-V-46.  Sonntag.  8 Uhr abends; vor einer Stunde totmüde zu Fuss vom Felde zurück gekehrt, wo Frieda u ich 0,05 Ha. Kartoffel und etwas Kürbisse setzten.  Das Feld wird noch gepflügt und wahrscheinlich werden wir noch etwas Kartoffel setzen.

 

9-VI-46.  Sonntag.  Vorigen Sonntag, 2-VI machten Frieda und ich Fortsetzung auf unserm Bastan, setzten noch einen Eimer Kartoffel aus und das übrige besetzten wir mit Kürbissen, Arbusen und Melonen.  Im ganzen haben wir somit 0,14 Ha. Kartoffel und etwas 0,06 Ha. andres gesetzt.  Den dritten Tag haben wir schon große Hitze.  Vorigen Sonntag hatten wir großen Sturm, dann folgten 2 regnerische Tage.

Frieda hatte in dieser Woche mal wieder die Grippe, sie nahm jedoch pünktlich Codein und Calzex ein, so dass die Grippe wohl schon über ist.

Heute morgens ging Frieda zu ihrer Bekannten, einer 70 jährige Frau mit der zusammen sie sich dann eine Andacht lesen.  Uhr 5 gingen sie zu dritt in eine Andacht einer hiesigen russischen Brüdergemeinde.

Das Wasser im Irtysch steigt zum dritten Mal in diesem Frühling, was in der Regel sein soll.

 

 

28-VI-46.  Es findet sich fast keine Zeit mehr zum Tagebuch führen.  Inzwischen so manches erlebt. Vor einer Woche ungefähr hatten wir 2 Tage Landregen; eine Seltenheit für hiesige Verhältnisse.  Die Ernteaussichten sind versprechend.

Während ich auf Komandirowka in die Kolchosy war, hatten wir einen seltenen Besuch, Paula, Peter Dücks Frau.  So manches sehr Interessante hat sie erzählt von verschiedenen gemeinsamen Bekannten; auch eins und das andre aus unsrer früheren Heimat.  Mein gewesener Religionslehrer soll seinen früheren Arbeitsort besucht haben. Durch Paula erhielten wir auch 2 Photographien von unsern lieben Geschwister von drüben. Man ist doch innerlich sehr erregt, wenn man unsre Geschwister besieht.

Einige Tage logierte bei uns eine menonitische Frau N. Bur von Konstantinowka mit ihrem Jungen, mit den ich in Buguruslan in der Trudarmee zusammen gewesen bin.  Sie erzählte von viel Schwerem, welches sie in einem Kasachischen Kolchos hier durchgemacht hat.

Sehr interessant waren mir 2 Träume, von denen sie aus sicheren Quellen erzählte.

1. Eine Frau Seidler, die ich in Buguruslan auch gekannt, träumte die Nacht vor ihrem Todestage dass sie ihr verstorbener Vater mit einer besonders kalten Hand begrüsst, wärend ihr Mann von ihr Abschied nimmt.  Am Tage darauf kommt sie durch einen Unglücksfall zu Tode.

2.  Von einer andern ihr bekannten Frau erzählte sie, wie die vor ihrem Tode etwas einschlummert wärend ihre Tochter bei ihr sitzt; wie sie erwacht, sagt sie, dass sie noch rasch ihre andre Tochter in Amerika besucht hat. An demselben Tage erscheint die Mutter ihrer Tochter in Amerika, worauf hin jene sofort herschreibt u. bittet, eiligst zu berichten,was doch mit der Mutter geschehen sei.

3.  Meiner Cousine - Helene Friesen (geb. Enns) Sohn Hans ist vor kurzem in der Ferne gestorben.  An seinem Todestage springt seine Mutter plötzlich aus dem Schlaf auf und sagt, dass ihr Sohn Hans sie gerufen hat.

 

 

30-VI-46.  Gestern morgens ging Frieda aufs  Feld Kartoffel hacken, 6-7 km von der Stadt entfernt.  Um 10 Uhr merke ich, dass es in der Richtung unsres Feldes regnet.  Ich lief zu unserm Direktor, um ein Pferd und Wagen zu bekommen und Frieda zu holen.  Auf den Wege dorthin regnet und hagelt es, so dass ich auch schon nass wurde. Frieda begegne ich nass und verzagt.  Auf dem Rückwege Regen und Regen, so dass wir durchnässt und verfroren in unser Quartier kamen. Wir hatten sehr Furcht, dass dieses für unserer Gesundheit schlimme Folgen haben könnten, trafen daher alle uns zugängliche profilaktische Maßregel.  Gott sei dank! Heute fühlen wir uns noch verhältnismäßig gut.

Den 15.VI. erhielten wir schließlich eine Kuh mit dem ersten Kalb für einen Kronspreis von 1120 Rubel.  Die Kuh gibt 5-6 Liter Milch den Tag.  Habe sie einstweilen in einem Kolchos gelassen, von wo aus wir statt Milch Butter bekommen sollen.  Denn hier für die Kühe der Stadtbewohner ist es um der Weide schlecht bestellt, 12-15 km entfernt und sehr minderwertig.

 

9-VII-46.  Vorgestern, Sonntag gingen Frieda und ich aufs Feld Kartoffel und Bastan zu hacken.  Es war eine große Hitze.  Weil ich etwas ohne Mütze arbeitete, ist mir der Kopf so verbraunt dass mir der Kopf rundherum geschwollen ist.  Ich war heute deshalb beim Arzt. Unsre Kartoffel auf dem Felde sehen ganz gut aus, Arbusen - schlecht, Kürbisse etwas besser.

Haben mehrere Tage Besuch - Victor Silbernagel mit Frau.  Er leidet sehr an fliegenden Reumatismus.  Man verdachte schon Brucellose , denn hier im Kasachstan ist diese Krankheit sehr verbreitet.

Inzwischen haben wir plötzlich unser Quartier gewechselt und wieder ins Nachbarzimmer unsers Contors hinübergesiedelt.

 

15-VII-46.  Nach dreijährigem Unterbrechen tickt bei uns im Zimmer mal wieder eine Uhr.  Haben uns heute eine von der billigsten Sorte Wanduhren gekauft für 30 Rubel, d.i. der Preis eines Zehntels Eier.  Nach früherem Begriff also für 10 Kopeken.

Soeben 2 Briefe geschrieben - einen an unsern Heinz, den andern - an meinen Cousin Pet. Dück.

Erhielten Vorgestern 3 Kilo Butter, das ist die erste Einnahme von unserer Kuh, die sich in einem Kollektiv befindet. Über 5 Jahre haben wir schon nicht eigene Milchprodukte gehabt.

Gestern war Sonntag.  Frieda und ich haben mehrere Stunden auf den Bazar zugebracht, denn wir müssen Sachen verkaufen, die Peter Dücks Paula bei uns zum verkaufen gelassen hat.  Die Preise fallen gegenwärtig und so bietet man uns verhältnismäßig wenig und man wagt’s nicht, für den Preis zu verkaufen.  Überhaupt ist es eine heikle Sache, für jemanden etwas zu verkaufen.

 

 

17-VII-46.  Gestern hatten wir Gewitterregen.  Heute früh morgens ging Frieda Bastan hacken.

Wie doch die Sittlichkeit in unsern Verhältnissen so gefallen ist.  Mit uns im Hause wohnt noch unsre Mitarbeiterin, ein russisches Mädel von etwa 18 Jahre.  Ohne jegliche Scham als ob das ganz in der Ordnung ist, ladet sie zu sich einen Jungen zu Nacht ein.  Ihre Freundin, die vor kurzem bei uns entlassen worden, tat dasselbe. Die Familie ist in unsern Verhältnissen in furchtbarer Gefahr.  Ein normales Eheleben, besonders unter der jüngeren Generation, ist hier eine große Seltenheit.  Wohin kann das nur unser Land bringen und ob man hierin eine Gefahr sieht?!  Administrative Maßregeln wären nur Paliative und zudem nur kurzfristige. Der heutige Mangel an Männer, demoralisiert die Männer furchtbar. 

Nur hohe Kultur und besonders die christliche Kultur, könnte hierin eine allmähliche Wendung schaffen. Dazu gehört jedoch für unsre Verhältnisse viel Zeit, wohl mehr als ein halbes Jahrhundert. So manches junge Frauchen von kaum über 20 Jahre, trifft man an, die schon verlassen von ihrem Manne verbittert dasitzt und womöglich schon mehrere Männer hinter sich hat.  Die armen Frauen, und besonders die armen Kinder! Möchten unsre Jungen nur nicht von diesem Strom mitgerissen werden, das ist unsre grösste Sorge. Könnten wir doch mit unsern Kinder in die Mitte unsrer Geschwister kommen.

 

5-VIII-46.  8 Uhr morgens; Frieda ist vor 2 Stunden zum Bastan hacken gegangen. Es ist trübes Wetter.  Haben oft Regen.  Vor einigen Tagen hat starker Hagel einen Streifen Bastan und Gemüsegärten der Stadtbewohner total zerschlagen.  Unsers ist verschont geblieben.

Vor etwa einer Woche hat man mit der Mähzeit begonnen (Roggen).  In folge des öftern Regens im Laufe des Frühlings und Sommers steht Getreide und Gemüse gut.

Gestern - Sonntag, früh morgens holte ich vom Felde frische Kartoffel, so dass wir wahrscheinlich in diesem Jahr nicht mehr werden kaufen brauchen.

Vor einer Woche holte ich unser Kuhchen.  Im Kollektive, von wo ich sie holte gab sie etwa 6 Liter den Tag, hier in der Stadt nur kaum 3 ½ bis 4.  Wir haben jedoch unsre eigene Milch und Butter.

Es ist nur sehr umständlich hier mit einer Kuh und besonders für uns, die wir noch kein passendes Quartier haben.  Uhr 5 des Morgens nach dem Melken, führ ich sie am Strick aus der Stadt hinaus und warte dort,  bis der Hirte die ganze Herde abtreibt.  Abends muss man sie von dort wieder abholen Getrieben werden die Kühe über 10 km ins Feld.  Halb hungrig kommt das Vieh nach Hause und hier hat man auch leider nichts sie zu füttern, es sei denn, dass  man vom Felde etwas Gras gebracht hat, was wir auch hin und wieder schon getan haben.

Es ist besser, dass man sich nie zurück erinnert an das praktische Wirtschaftsleben unsrer Väter.

Früh morgens hört man hier und da in der Stadt ein junges Hähnchen krähen.  Wie erinnert mich das so sehr an unsre Kindheit in unserm schönen Vaterhaus und unsern schönen Dörfer   Wie wir als Kinder in den heißen Augusttagen in den prachtvollen mennonitischen Verdeckwagen im Schatten der großen Eichen bei Großmutter uns amüsierten und duftende Äpfel aßen, während dann und wann eine harte Eichel auf das Dach des Verdeckwagens trommelte, welche die “zwitschernden” Krähen oben auf den Eichen lösten; überall krähten dann die jungen Hähnchen, denen unser Cousin - Jegorka Neufeld so nachzumachen verstand. Sorgenlose Kindheit!  Und was müssen unsre arme Kinder durchmachen?!

 

11-VIII-46.  Sonntag morgens.  Ich bin eben zurückgekehrt mit einem Sack Gras vom Felde, welches wir abends unsrer Kuh geben wollen, die hier in der Stadt schon sehr abgemagert ist und mit der Milch immer mehr abschlägt und nur kaum 3 Liter gibt.

 

16-VIII-46.  Ostern spät abends bin ich von einer 2-tägigen Komandirowka zurückgekehrt.  Ich fuhr mit einem gelegentlichen schwer beladenen Lastauto.  Weil es den Sommer über tagtäglich regnet und gestern auch sehr geregnet hatte, stand überall Wasser auf dem Wege.  Der Schoffeur fuhr jedoch mit großer Geschwindigkeit, und weil ich ganz hinten der Maschine auf einem Butterfass saß, und die Maschine so manchesmal hin und her schleuderte, muss ich sehr aufpassen dass  ich nicht herunter schleuderte.  Ich war daher nach so einer gespanten Fahrt ganz müde Trotzt des vielen Regens bleiben die Wege des Sandes wegen immer gut fahrbar.

Weil ich eigentlich 1-2 Tage später kommen wollte, war es für Frieda eine erfreuliche Überraschung.  Weil wir schon so viele Jahre in fremden Lande und unter fremden Menschen leben müssen, sind und bleiben Frieda und ich ja uns nur nahe Menschen.  Daher sehnen wir uns so nach unsern Jungen und den andern lieben nahen Verwandten.

 

19-VIII-46.  Gestern, Sonntag, kehrte ich um 6 Uhr von unserm Bastan zurück mit etwas Karktoffel und Gras im Sack; die letzte Strecke vor der Stadt fuhr ich mit einem Kasach auf einer Grasmaschine.  Wie wir uns der Stadt näherten, kommt Frieda mir entgegen und sagt frohlockend dass uns eine große Überraschung brieflich von Heinz angemeldet ist.  Ich erriet es sofort und Frieda konnte es auch schon nicht verschweigen vor lauter Freude und sagte, dass Hansi frei sei und nach Hause käme.  Gott sei dank. Mit Ungeduld warten wir nun auf ihn und gedenken morgen zum Zuge zu gehen.

Heute bin ich den halben Tag in der Stadt umhergelaufen und habe nach Quartier gesucht.  Habe jedoch noch nichts passendes für uns gefunden.

 

25-VIII-46.  Sonntag.  Wir haben schon eine ganze Woche echtes Herbstwetter, wie wir bei uns nur im November Monat hatten: trübe, sehr kühl und jeden Tag Regen.  Die ganze Woche spür ich Reumatismus in den Gliedern und Verdauungstörungen.  Ich fühle mich daher recht schabig.

Gestern früh morgens überrraschte uns Frau Silbernagel (junior), die aus dem Kursschen zurückkehrte, wo sie ihre Mutter besucht hatte, eine russische Bäuerin.  Das Reisen gegenwärtig muss sehr beschwerlich sein.  Von ihr erhielten wir 10 Äpfel. Das sind die ersten Äpfel, die wir seit 1941 essen.

Zu jedem Passagierzug, der über einen Tag kommt, sind wir gegangen, um Hansi zu begegnen; jedoch umsonst, es ist noch nicht da.  Ich fragte daher gestern telegraphisch Heinz an.

 

 

30-VIII-46.  Montag morgens gingen Frieda und ich nochmal zur Station, um Hansi zu empfangen, denn am Abend vorher waren wir schon sehr unruhig, dass Hansi noch immer nicht gekommen war.  Es regnete mal wieder und wir mussten immer wieder uns beim gehen hinter den Häusern verstecken.  Nachdem wir etwa eine halbe Stunde gewartet hatten, kam der Passagierzug, Frieda blieb beim Zug, während ich zum Tor der Station ging, um niemand unbemerkt durchzulassen.  Da hör ich auch schon rufen und Frieda kommt mit unserm Jungen an, den Frieda fast vier und ich fast drei Jahre nicht gesehen hatten.  Die Freude war selbstverständlich sehr gross.  Hansi fanden wir etwas noch gewachsen, jedoch etwas mager.  Er hatte eine gelbe Wattenjake an und in der Hand einen Kasten.  Sorecht das Aussehen eines Fabrikarbeiters.

Wir kauften uns eine Arbuse für 10 Rubel, wobei Hansi noch sein Taschenmesser der Verkäuferin ließ, und gingen froh plaudernd in die Stadt.  Im Herzen Gott dankend, dass er uns endlich einen unsrer Jungen heil nach diesem furchtbaren Krieg zurückgegeben hat.  Obzwar wir nur ein sehr kleines Zimmerchen besitzen, wo nur ein Bett stehen kann, so waren wir doch imstande nach heutigen Verhältnissen gut zu bewirten.

Unterwegs hatte er sich erkältet, so dass er den ganzen andern Tag krank lag. Unsre Freude und Genugtuung war, dass Frieda und ich ihn pflegen konnten.  Am dritten Tag war er auch schon wieder hergestellt und holte seine kleine Bagage von der Station.  Er ist ein sparsamer Junge und hat sich ganz gut mit Kleider versorgt.  Gestern gelang es mir, ihn hier in der Stadt einzuschreiben.  Wir suchen für ihn jetzt eine leichte Arbeitsstelle, damit er gleichzeitig in den Abendstunden lernen könnte.

Haben schon wieder den zweiten Tag kühlen Landregen.  Man ist schon sehr besorgt, dass man durch den ununterbrochenen Regen die verhältnismäßig gute Ernte nicht wird können einbringen.

Den folgenden Zug nach Hansi’s Ankunft kam zu uns Helena Friesen geborene Enns, Tiege.  Sie kam aus Tomsk wo sie einen Monat in einer Nervenheilanstalt kouriert hatte.  Trotz ihren sehr schweren Leiden besitzt sie ein starkes Selbstbewustsein und Mut.  Ihre Gesichtszüge sind genau Onkel Enns Züge.  Ihr Redeweise erinnert an ihre Mutter - Tante Enns.

 

 

25-IX-46.  Fast den ganzen September Monat haben wir hier im Pavlodarschen Gebiet kaltes, regnerisches und stürmisches Wetter.  Zum vierten Mal in diesem Jahre steigt der Irtysch aus seinen Ufern; nur ein kleiner Teil des Grases der unübersehbaren Niederungen am linken Irtyschufer ist gemäht, und ein großer Teil des geernteten Heues steht gegenwärtig im Wasser.  Katastrophal ist die Lage mit dem Mähen und Dreschen des Getreides — immer Regen und Regen.  Getreide und Stroh fault und wächst durch.  Die Gefahr ist vorhanden, dass man die verhältnismäßig reiche Ernte nicht wird einernten.

Drei Tage lang haben wir Kartoffel gegraben, trotz des schlechten Wetters.  Der Sandboden ermöglicht trotz des Regenwetters die Kartoffel zu graben, auch zu fahren.  Etwa 60 Pud wird unsre Kartoffelernte sein.  Frieda und ich waren sehr glücklich, dass wir in diesem Jahr so einen guten Gehilfen in unserm Hansi hatten.  Mit den vollen Kartoffelsäcken hantiert er leicht.

Erhielten Vorgestern eine Photographie von unserm Heinz.  Wenn er doch auch persönlich zu uns könnte.

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Heinz (Heinrich) Dick

 

19-X-46.  Wir haben schon mehrere mal Schnee gehabt; glücklicherweise verschwindet er immer wieder noch. Der Winter ist vor der Tür und ich habe für unsre Kuh weder ein Obdach noch Heu. Die Kühe fallen im Preis rapide; seit dem Frühling mehr als ums doppelte.  Bazarkühe kosten 2,5-3 Tausend Rubel.

Der Irtysch ist zum 5-ten mal in diesem Jahr aus den Ufer gestiegen; man sagt, das sei nie dagewesen.

Hansi ist über eine Woche auf  Feldarbeit mit noch andern mobilisiert.  Wir hoffen, dass er um einige Tage kommen wird.  Schade, dass so viel Stunden in der Abendschule versäumt.

Wir haben den dritten Tag einen seltenen Gast - Frau P. D. Cornies, früher Mar. Enns aus Tiege. Sie kommt aus der Novosibirischen Oblast und will zu ihren Schwestern, die in unsrer Pavlodaer Oblast wohnen.  Sie hat ziemlich gealtert; sie ähnelt sehr ihrem Vater auch Mutter.

 

7-XI-46.  Oktoberfest.  Regelrechter Winter.  Demonstrationen sind heute keine.  Unsre Familie feiert zu dritt dieses Fest im engeren Kreise.  Der Mittel halber können wir uns nicht was extra erlauben.  Strecken uns eben nach unsrer Decke.

Unsre Kuh habe ich in einen Kolchos 45 km entfernt gebracht.  Zu unserm großen Bedauern stellte es sich heraus, dass die Kuh “gist” ist, so dass es keinen Zweck für uns hat sie noch länger zu halten.  Weil sie jedoch so mager ist und die Preise so niedrig, wissen wir eigentlich noch nicht bestimmt, was wir mit ihr machen sollen.

Die Missernte in vielen Oblast des europäischen Teils der Sowjetunion macht sich nachteilig bemerkbar auf unsre Wirtschaftsconjunktur. 

 

30-XI-46.  Seit dem 20.XI.46 ist unser Heinz bei uns zu Besuch, auf Urlaub.  Heute wollte er schon wieder losfahren, weil jedoch sein Reisegefährte nicht gekommen, wird Heinz erst den 2.XII.  loslegen. Als er kam, war ich gerade auf Komandirowka und wie ich von der Station nach Hause  gehe, kommt er mir schon entgegen.  Er ist sehr gewachsen und hat eine grobe Männerstimme.  Er ist wohl etwas höher als Hansi.  Er hat ein längliches Gesicht, hellblaue Augen und blondes  lockiges Haar.

Leider ist es gegenwärtig bei uns mit dem Gelde sehr knapp, können daher nicht sehr “auftischen”;  mit dem Brot stehts auch nicht sehr.  Vor einigen Tagen hat ein Revisor der Finanzabteilung mir meine Gage auf 150 Rubel monatlich reduziert und unsre Rechnung in der Staatsbank geschlossen, so dass unsre finanziellen Perspektiven für Dezember nicht besonders sind.  Es ist alles bedeutend knapper wie vor 3-4 Monat zurück, als man Brot zu jeder Zeit genug kaufen konnte.

Gestern schickten wir eine Eingabe an die Kujbischewer Gauabteilung des Ministeriums des Innern, in der ich um Heinz’s Überführung nach Pavlodar bitte.  Ob’s gelingen wird?!

Vor einigen Tagen bekamen wir einen seltenen Brief von meinen früheren Jugendfreunde J. J. Janzen (früher Ohrloff), der gegenwärtig als Lehrer in einem Dorfe unweit von der Stadt Djambul arbeitet.  Der Brief ist sehr schön dem Inhalte und auch der Form nach.  Interessant ist doch, wie sich das Malertalent in der Janzensfamilie weitervererbt.

Vor einigen Tagen hatten wir 35° Frost mit Wind.  Der Irtysch “steht schon”.

Kauften uns vor kurzem auf Nachbarschaft 2 Sack Kartoffel zu 55 Rubel der Sack und eine gute Fuhre Brandmist für 130 Rubel.  Bis in den Januar hinein müssten wir eigentlich mit Brennung ausreichen.

 

14-XII-46.  Schon den 4-XII fuhr Heinz wieder zurück nach Pochwistnewo; sein Kamerad blieb noch hier, und so ist er schließlich allein losgelegt.  Hansi und ich begleiteten ihn bis zur Station; es war ein kalter Tag.  Ich wartete den Abgang des Zuges ab, während Hanz der Kälte halber vorher schon zurück in die Stadt ging.  Wir warten jetzt schon sehr auf Nachricht von ihm.  Frieda hatte die ersten Tage nach seiner Abreise wieder ziemlich zu tun mit ihrer Gemütsstimmung; sie machte sich um unsern Jungen so schwer. Heinz war ja sehr mutig bei der Abreise.  Er scheint überhaupt kein Kopfhänger zu sein. Möchte es uns doch glücken mit seinem Herausrufen hierher.

Schon über 10 Tage bin ich sehr mit Arbeit im Contor überbürdet gewesen;  ich musste nämlich unsre Jahresabrechnung zusammenstellen, die Gestern auf 24 Seiten gedruckt ist und Heute unserm Direktor übergeben, um persönlich selbige im Ministerium für Viehzucht abzugeben.

Schon fast eine Woche haben wir starken Frost - max. bis 46°.  In unserm Quartier ist es daher kalt und unsre Kartoffel im Keller sind schon etwas angefroren, was uns sehr besorgt gemacht hat.  Brenmaterial haben wir maximum auf einen Monat;  wir müssen uns daher beizeiten nach Brennung umsehen.

Mit der Brotversorgung wird es etwas schwerer; was der Quantität auch Qualität betrifft.  Wir müssen uns daher etwas Mehlvorrat machen, was jedoch bis Heute noch nichts geworden ist.  Weißes Mehl kostet 300 Rubel,  Schlichmehl 200 Rubel.  Die Preise steigen etwas.

Hansi besucht regelmäßig seine Abendschule, wozu ich sehr froh bin, halb sieben Uhr abends geht er gewöhnlich und viertel über elf kommt er.

 

1947

 

1-I-47.  Wiederum ein Jahr zurückgelegt und wiederum stehen vor uns fast dieselben Fragen, die ich am 1-I-46 in diesem Buch niedergeschrieben habe,  und zwar: ob uns die Gesundheit und das Leben im bevorstehendem Jahr erhalten bleiben wird, ob es uns eine Verbesserung unsrer materiellen Lage bringen wird, ob es uns wieder ein Heim und eine Heimat bringen wird, ob es uns ein Wiedersehen mit unsern Lieben Angehörigen von hüben und drüben bringen wird, ob auch unser jüngster Sohn - Heinz in diesem Jahr zu uns kommen wird, denn unser Hans ist im verflossenen Jahr zu uns gekommen.  Gott sei dank.

Auf dies 1947 Jahr setze ich große Hoffnungen.  Ich glaube die Lösung unsrer Frage müsste in diesem Jahr doch näher gerückt werden.  Wie - ist mir unklar.

Im großen und ganzen hat sich unsre persönliche Lage im verflossenen Jahre doch etwas verbessert.  Wir können nicht klagen, sondern danken.

Nach sehr starkem Frost haben wir gegenwärtig schon einige Tage gelindes Wetter.

Auf einer Reise in einige Kollektive habe ich uns 4 Pud Weizen zu 100 Rubel. das Pud und 4 Pud Hirse gekauft.  So einen Produktenvorrat haben wir seit Anfang des Krieges noch nicht gehabt.

Unterwegs erfährt man dann so manches was einem als Menschen mit menschliche Gefühle doch manchmal tief bewegt.  In einem Kollektiv erbot sich eine deutsche Frau mit ihrem 7 jährigen Mädelchen Wächter auf einer entlegenen Stelle der Heuschlages am Irtysch zu sein.  Sie wohnten ganz allein in der Steppe in einer sehr baufälligen Hütte mit einem verfallenen Ofen darin.  Hin und wieder wurde ihn etwas Getreide gebracht.  Im Übrigen musste sie sich selber wissen.  Da kamen die großen Fröste, mit dem dürftigen Getreide Pajek wurde sie nicht versorgt, sie fing an zu hungern, zu schwellen, konnte sich nicht mehr Brennung verschaffen und so gestaltete sich ihre Lage fast hoffnungslos.  Eines Abends kommt zu ihr aus dem Kolchos ein Kasach, um sie abzulösen.  Er kommt in die finstre und kalte Hütte,  ruft und bekommt keine Antwort.  Er zündet ein Licht an, kann jedoch nichts von Leben im Raume merken.  Er holt Wasser vom Fluss und macht Feuer unter dem Herd.  Als es etwas wärmer wird hört er plötzlich ganz leise aus einer Ecke mit schwacher Stimme “Onkel, Onkel” rufen.  Er merkt das kleine Mädel verhungert, verfroren, geängstigt zusammengekauert in einer Ecke sitzend.  Sie sagt, dass ihre Mama mit ihr auf dem Lager unter einer Decke gelegen habe, plötzlich aufgesprungen sei, aufgeschrien habe, sich die Kleider am Körper zerrissen habe und vom Strohlager herunter auf die Erde gestürzt und gestorben sei.  Man kann sich die furchtbare Lage dieses unschuldigen Mädels in der finstern kalten einsamen Hütte bei der toten Mutter,  verhungert, verfroren und verängstigt, fast nicht vorstellen.

 

5-I-47.  Haben immer wieder starken Frost 30 und über 30° und mit der Brennung sind wir fast am Ende.  Des Morgens haben wir in unserm Zimmerchen über dem Fußboden Frost.  Es wird dann bei unserm dürftigen Lager recht ungemütlich.

Maria Parmes (geborene Enns, Tiege) ist schon 3 Monat hier in der Stadt und wartet auf ihre Bagage. Ihr Stammquartier hat sie bei uns, trotzdem unser Quartier nur 2,5 Meter breit und etwa 4 Meter lang ist.  Mitten in der Stube steht der Herd.  Außerdem logiert bei uns noch ein Vogt, der sich hier ansässig machen will, jedoch keine Rechte dazu hat. Es wird dann in unserm Zimmerchen so enge, dass man sich buchstäblich nicht drehen kann. Es gehört viel dazu, um in unsern so ärmlichen und knappen Verhältnissen die nötige Ruhe und Takt zu bewahren.  Frieda hat oft darunter sehr zu leiden. 

Erhielten soeben einen Brief von Schwester Anna, der uns sehr traurig gestimmt hat.  Schon mehrer Monat hatten wir keine Nachricht von ihr;  wir telegraphierten vor etwa 10 Tage an sie, bekamen jedoch keine Antwort darauf. Zuvor berichtet Anna dass sie 6 Wochen im Krankenhause in Nadejdinsk nach einer Operation gelegen habe und nun allmählig genese. Dann berichtet sie, dass man aus Moskau auf Likas Anfrage geantwortet habe, das Peter gestorben und irgendwo im Ural unweit von Swerdlowsk begraben sei.  Wie, wo und wann berichtet sie nicht.

Der arme liebe Schwager!  Im Stillen hoffte ich immer, dass vielleicht ano 1947, d.h. um 10 Jahre seiner Verbannung, er doch unverhofft mit einemal erscheinen würde.  Schwester Anna und Kinder hofften dasselbe. Welche bittre Enttäuschung!  16 Jahre sind es her, dass wir von einander schieden im gewesenen Kabinett H. Günter Ohrloff, dass damals ein Haftlokal darstellte. Und 9 Jahre sind es wohl her, dass er von seiner Familie weg ist. 

Hoffentlich wird sich noch einmal jemand finden, der persönlich und mündlich Näheres über Peters Leben und Sterben wird berichten können. Peter war ein echter Gesellschaftsmann, der noch viel der Gesellschaft im engeren und weiteren Sinn hätte leisten können.

Für Geschichte - und besonders für mennonitische Geschichte interessierte er sich am meisten.  Er hatte daher eine seltene und große Sammlung von Geschichtlichen Material über die mennonitschen Ansiedlungen im Süden Russlands, etwa 16 gedruckte Bücher, die leider alle verloren gegangen sind,  und zwar ano 1936 in Melitopol durch einen Diebstahl bei P. E. Kornies.  Peter selber hatte eine Geschichte über die Deutsche Rote Kuh in russischer Sprache abgefasst.  Kleinere Schriften und Materialien hatte er abgefasst, welche jedoch nicht gedruckt wurden über die Geschichte des Seidenbaus und Pferdezucht in der Molotschna Kolonie,  über Machno und Machnowschtina, die jedoch in den 20-ziger Jahre schon abhanden gekommen sind. In Fragen der mennonitschen Geschichte war er eine personifizierte Enzyklopädie.  Er war sehr gesellig und konnte ohne Unterbrechung interessant sprechen über die aller verschiedensten Themas. Er war daher überall, wo man ihn kannte, unter den Deutschen, wie auch unter den Russen, sehr beliebt und gern gesehen. Im Laufe von 6 Jahre (1924-29), während denen wir beide in der Rayonverwaltung der Genossenschaft “Molotschna” arbeiteten sind wir fast täglich zusammen hin und zurück nach Halbstadt gefahren und fast nie ist’s langweilig gewesen;  immer war über etwas Interessantes zu sprechen. Und weil wir in einem Hause wohnten, konnten wir jeden Abend wiederum zusammen sein im Familienkreis.  Unsre Unterhaltungen waren auch dann immer lebhaft und interessant.  So auch am letzten Abend noch bevor er weg musste, wurde in unsrer Eßstube noch viel geplaudert und gelacht. Peter war gut gebildet, er hatte seiner Zeit die Berdjansker Realschule geendet.  Er war sehr belesen. Von 1931 folgten für Peter und seine Familie sehr schwere Zeiten, worüber vielleicht noch mal später Näheres. Sie haben zwei tüchtige Kinder, von den die Angelika laut ihren Briefen wohl am meisten Peter ähnelt.

 

12-I-47.  Wir haben gegenwärtig gelinderes Wetter 15-20° Frost; in unserm Zimmerchen ist es daher auch wärmer. Ich habe mich in den kalten Wochen in unserm Zimmer besonders des Nachts während dem Schlafen erkältet.  Eine ganze Woche fühle ich Schmerzen in meinen Gliedern.

In vergangener Woche haben wir uns mehrere Geschichtchen von Eschstrut gelesen.  Eschstrut ist Friedas Lieblingsschriftstellerin aus ihrer Mädchenzeit.

Womit beschäftigen wir drei uns Heute nach Abendbrot? Frieda schreibt einen Brief an Heinz, Hansi ließt Erschtrut und ich schreibe diese Zeilen.

 

11-II-47.  Einen ganzen Monat keine Zeit fürs Tagebuchschreiben gefunden.

Vor einigen Stunden haben wir ans Ministerium für Viehzucht unsre Jahresabrechnung über unsre Arbeit abgeschickt und somit eine dringende und ganz in Anspruch nehmende Arbeit beendigt.  Von nun an treten wir wieder an unsre laufende Arbeit. Um etwaige Extramaterialien zur Abrechnung zu sammeln, musste ich vor 2 Wochen eine Reise in unsre Kolchosy machen, und zwar auf einem miserablen Pferdchen und sibirischen Frachtschlitten. Ich machte am ersten Tag bei starken Frost und Wind 50 km., d. i. von Morgens bis spät abends und immer gegen den Wind.  Am andern Morgen merkte ich, dass mir das ganze Gesicht angefroren sei, Kinn, Nase, Augenlieder und Backen hatten Flecken.  Es war kein Vergnügen mit solchen Wunden im Gesicht eine ganze Woche in diese sibirischen Kälte umher zu reisen.

Es waren sehr schwere Strapazen die ich nicht zum ersten mal in Sibirien durchzumachen hatte.  Am letzten Tag dieser Komandirowka fuhr ich vor Sonnenaufgang, ohne gegessen zu haben, los und kam erst nach Sonnenuntergang in der Stadt an.  Und so hatte ich den ganzen Tag ohne Unterbrechung bei Wind und große Kälte gefahren.  Die Wege waren überall verstürmt und nur schwer zu sehen. Ich hatte jedoch guten Erfolg auf dieser Reise,  es war mir gelungen zu mäßigen Preisen 2 Pud weißes und 2 Pud graues Mehl zu kaufen.

Erhielten Heute einen Brief von Heinz, der uns recht beunruhigt.  Einmal, hat er Absage auf unsre Eingabe bezüglich seines Freilassens bekommen, dann ist es dort sehr knapp geworden, Heinz wird schon ganz verlegen darüber, was wir von ihm gar nicht gewöhnt sind.  Wir möchten ihm gerne Pakete schicken, das ist jedoch mit große Schwierigkeiten verbunden.

Ich wollte Heute Abends so recht ausruhen nach meiner angestrengten Arbeit und etwas lesen, ich hatte jedoch Pech, denn ich ließ unser elektrisches Lämpchen fallen und zerschlug es.  Dann übernahmen wir uns mit Hansi einen knolligen Fichtenklotz zu zersägen, das letzte Stück Holz, das wir gegenwärtig haben.  Wir hatten den Klotz ins Zimmer gerollt und sägten daran über eine Stunde, um ihn einmal durchzusägen.  Von einer Seite zog Hansi die Säge, von der andern Seite Frieda und ich abwechseln.

Der Frost hält sich schon wieder längere Zeit auf 35-37 Grad.

Während meiner Abwesenheit in den Kolchosen brannte gegenüber unserm Quartier das Stadt Theater ab.  Mehrere Jahre hat man daran gebaut und in 4 Stunden war es ganz niedergebrannt.

Hansi hat starken Husten, ich will ihm daher vor dem Schlafengehen noch “Banki” stellen.

 

16-II-47.  Heute haben wir im Kasachstan Wahlen in den Werchownyj Sowet der Republik.  Unser Wahlpunkt ist in einer tatarischen Metschetj.

Schon mehrere Wochen haben wir hier sehr starken Frost, immer über -30 Grad.  Per Radio wird gemeldet, dass in Simferopel, unsrer früheren Gouvernemantsstadt gegenwärtig 7 Grad warm ist.  Wann und wie werden wir mal schließlich dieses kalte Sibirien verlassen können.

Wir schickten Heute unserm Heinz in die Kyjbyschewskaja Oblast 100 Rubel, denn er hat es gegenwärtig sehr knapp, weil er monatlich nur von 150 bis 200 Rubel verdient, während Kartoffel dort auf dem Bazar 170 Rubel kosten.  Wir möchten ihm gerne ein Paket mit Hirsegritze schicken, haben dazu jedoch noch kein entsprechendes Dokument.

 

5-III-47.  Hatten Heute Morgens -17° Grad und Gestern noch -21 Grad.  In unsrer Heimat wird schon geackert, während wir hier noch den stürmischen Winter haben.

Einige Wochen waren wir sehr schwach mit Brennung bestellt, haben uns jedoch Sonntag und Montag 2 Schlitten “Tal” geholt und sind somit für März Monat mit Brennung versorgt.

Vorige Woche, am 28 Februar feierte Hansi seinen 23. Geburtstag.  Er hat bald das volle Mannesalter erreicht. Möchten sich doch bald unsre Lebensverhältnisse dahin ändern, dass unsre Kinder doch in normalen Verhältnisse ihr Glück suchen und finden könnten.  In erster Linie gesunde Lebensanschaungen bekämen, gute Bildung erworben, einen tüchtigen Beruf fänden, materielle Sicherstellung und glücklich unsrer Tradition entsprechende Ehestand gründen.

Erhielten vor einigen Tagen einen Brief von Friedas Freundin, Frau Tomsen, in dem sie berichtete, dass ihre Tochter Helga, wider ihren Willen sich mit einen russischen Witwer verheiratet hat. Helga ist mehrere mal bei uns hier gewesen; sie gehörte zu den sehr vereinzelten mennonitischen Mädchen hier, die noch etwas Bildung, Schönheit und Aristokratie besaß.  Da wir so Sorge um unsre Jungen tragen, wo die wohl noch mal tüchtige mennonitsche Frauen werden finden können, ist es uns um das Schicksal dieses Mädels recht schade.

 

16-III-47.  Sonntag. Mein 55. Geburtstag. Schon ein Jahr älter, als meine Eltern geworden sind.  Meine Eltern sind doch jung gestorben.  Damals, als das von ihren Altersgenossen behauptet würde, war es nur nicht so verständlich als jetzt.

Der Höhepunkt meiner physischen Kräfte und Gesundheit liegt schon weit hinter mir, was ich jedoch, Gott sei dank, von meiner geistigen Frische und Kraft nicht sagen kann. Geistige Frische und Arbeitskraft behält ein Mensch trotz vorschreitendem Alters durch reges Interesse am Leben und geistige Arbeit.  Man muss stets etwas vor sich haben d. h. eine Arbeit, die den Geist in Anspruch nimmt. Mein Herzschwäche macht sich in letzter Zeit wieder mehr bemerkbar.

An Friedas Gesundheitszustand wiederholt sich in dieser Jahreszeit genau dasselbe, was vor einem Jahr, anhaltender Husten mit Auswurf, Gesichsausschlag und starke Abmagerung.  Der Ausschlag im Gesicht ist eine Folge von Stoffwechselstörung.  Wir hoffen, dass derselbe wieder im Frühling verschwinden wird.  Frieda’s Gemüt leidet mehr als meins unter der materiellen Not und den steten materiellen und häuslichen Sorgen.

In vergangener Woche haben wir schon zweimal Regen gehabt.  Morgens ist die t° jedoch gewöhnlich 10-15 Grad unter Null. Gestern zeigte sich schon eine Schaar Krähen, die hier als Zugvögel gelten.

Gegenwärtig Tagt die Konferenz der Aussenminister in Moskau.

Ich glaube Gestern Abends um 10 Uhr das Nordlicht gesehen zu haben. Warte nun auf Bestätigung in der Presse.

 

20-III-47.  Frieda ist krank doch wohl an der Grippe.  Sie hat schon den 2. Tag 38.4 Temperatur.

Es ist Tauwetter.  Ein Glück, dass wir in einem Hause mit unserm Contor wohnen und nicht gezwungen sind, die Strassen mit all den Wasserströmen zu passieren.

Heute kam zu uns aus einem Kasachendorf 65 km entfernt ein Gerhard Wall, stammend aus den Memricker Kolonien. Er hatte heute 37 km zu Fuß in Burstiefel gemacht.  Seine Burstiefel waren so voll Wasser gesogen, dass er sie kaum schleppen konnte. Er ist auf ein Jahr Gefängnishaft verurteilt dafür, dass er nicht in der Fabrikschule lernen wollte und durchging.

In der Очередь nach Brot erzählte man dass eine hiesige Frau ihre 3 Kinder erschlagen hatte, und zwar dafür dass letztere die Brotkarte für März verloren hatten.

Wir haben Heute unserm Heinz ein Paket mit 8 Kilo Schlichtmehl geschickt.

Wir sind gegenwärtig ganz ohne Geld, können uns daher kein Fett kaufen und müssen ohne Fett das Essen zubereiten.

Wir haben uns Gestern 23 Kilo Hirsegritze machen lassen.  Es fehlt jetzt dazu die Milch.

 

30-III-47.  Sonntag.  Gestern vor 5 Jahren starb hier in dem kalten Sibirien unser liebes Kind, unsre heiß geliebte Erika.  Wie ist der Schmerz und die Sehnsucht in uns noch so groß.  Es ist wohl kaum ein Tag in diesen 5 Jahren vergangen, dass wir, d. i. Frieda und ich, nicht an sie gedacht.  Wohl kaum einem Kinde sind so viel Tränen nachgeweint worden, und besonders von Frieda, als unserm Kinde.  Wohl etwas anders wäre es, wenn wir uns nicht in so großer Einsamkeit befanden und mit unsern lieben Angehörigen zusammen wären.  Erst dann würden sich diese tief geschlagenen Wunden erst etwas vernarben.

Gott sei dank, Frieda’s Gesundheitszustand fängt sich etwas an zu bessern.  Der Husten legt sich schon etwas.  Frieda ist furchtbar abgemagert.  In normalen Verhältnissen, nach früherem Begriffen würde sie sich wieder erholen, während in unsern Verhältnissen - bei schwacher Kost und unbequemen Lebensverhältnissen überhaupt es wohl nur langsamer gehen wird.

In der heutigen Zeitung bestätigt sich unsre Vermutung vom 15.III. inbezug des Nordlichtes.

Des Nachts haben wir noch immer etwas Frost, am Tag - Tauwetter.  In der Stadt ist der Schnee schon fast ganz verschwunden, auf dem Felde noch nicht.

Die Preise auf dem Markt sind heute: Weizenschlichtmehl 350 Rubel, Hirsegritze 550 Rubel der Pud.  Kartoffel 20 Rubel der Eimer.

 

12-IV-47.  Morgen ist Ostern.

Heute sollte ich eigentlich auf Komandirowka fahren, weil ich jedoch mir Schuhe zur Reise kaufen und eigentlich nicht Lust hatte zum Ostersonntag wegzufahren, blieb ich zu Hause, was meinem Vorgesetzten Kanschegalin nicht gefallen hat.  Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass ich morgen werde fahren müssen.

Leider haben wir uns nichts zu Ostern leisten können, weder Eier noch Fleisch, haben keinen Tropfen Fett im Hause. Ich eile daher mit meinem Fahren, weil ich meine Kuh auf dem Rückwege mitbringen will, die uns unsre Nahrung verbessern soll.

Eine ganze Woche hatten wir warmes Frühlingswetter, Heute Wind und kühl.

Heinz hat ja unser Paket mit 8 Kilo Mehl erhalten.  In Zukunft wollen wir ihm noch Gritze schicken.

Unsre Mitarbeiterin, ein russisches Mädel von 19 Jahren aufgewachsen in einem Kinderheim, hat ganz unverhofft für uns alle ein Söhnchen geboren.  Bis zum letzten Tag im Contor gearbeitet und wir haben nichts an ihr gemerkt. Ein bedauernswerter Mensch, ihr ganzes Leben ist verpfuscht. Grausame Verhältnisse.

 

20-IV-47.  Ich bin etwa eine Woche auf Komandirowka in einigen Kollchosen gewesen.  Habe viel gefroren, eigentlich mehr, wie im Winter bei 20-30 Grad Frost, denn ich hatte so ein Wetter nicht erwartet und mich nicht entsprechend warm angekleidet.

Gestern früh morgens fuhr ich aus Bogdanowka, 45 km. von hier entfernt los und hatte unser halbverhungertes und mageres Kuhchen neben dem Pferd angebunden.  Anfangs regnete es etwas, so dass ich sehr besorgt war um meine bevorstehende Tagesreise.  Der Regen ging bald über in Schnee.  Nach einigen Stunden meiner Fahrt war die ganze unendliche Steppe tief unter Schnee. Der Schnee klebte auf die Räder und rollte mit, so dass das Pferd ein übers andre mal stehen blieb und zu versagen schien.  Das war eine fatale Lage, denn unterwegs hatte ich im Notfall auf keine eventuelle Unterkunft zu hoffen, weil auf der ganzen Strecke von 45 km. kein Dorf liegt.  Um ein Uhr hörte es auf zu schneien und begann ein starker und kalter Wind gegen an.  Meine Überkleider waren nass, so dass ich immer etwas fröstelte und fast die ganze Strecke zu Fuß ging.  Etwa nach 13-14 Stunden kam ich glücklich in der Stadt an.  Auf der ganzen Strecke nur einen einzigen Wagen begegnet.

Weil wir keinen Stall haben, stellten wir die Kuh zu Nacht in unsern Korridor

Glücklicherweise war es mir gelungen unterwegs in einigen Kollchosen einen Zentner Kleie zu kaufen, um die Kuh zu füttern. Heute morgens gab uns die Kuh nur einhalb Liter Milch.  Waren jedoch auch dazu glücklich, denn wir konnten mal unsern Kaffee mit Milch trinken.

Heute ist der Schnee schon wieder verschwunden.  Ich muss manchmal staunen, wie mein Organismus diese Strapazen noch immer so ohne schlimme Folgen durchmacht.  Ich bemühe mich eigentlich auch immer Vorsichtsmaßregel zu treffen und nicht nur dann Medizin einzunehmen, wenn ich schon erkrankt bin.

Frieda’s Gesundheitszustand bessert sich sehr und sie hat recht guten Appetit.

 

27-IV-47.  Sonntag. Bis Mittag hatten wir einen warmen Frühlingstag.  Hansi und ich fuhren früh morgens mit unserm Contorpferdchen ins Feld um Brennung zu verschaffen und brachten eine Fuhre Sonnenblumenstrempels nach Hause.

Unser Kuhchen gibt uns nur noch immer 1 ½ Liter Milch den Tag.

Vor einigen Tagen bekamen wir einen Brief von unserm Cousin Peter Dück, in dem er unter anderm schriebt, dass Frau Krüger aus Tiege scheinbar hinaus nach Kanada fahren wird, was uns doch eigentlich recht aufgeregt hat.  Sollten wir noch mal die Möglichkeit haben zu unsern Lieben allen zu kommen?!

 

2-V-47.  Maifeier - der zweite Tag.  Warmes Wetter.  

Erhielt vor einigen Tagen eine Prämie von 1300 Rubel für gute Resultate, die unsre Organisation in ihrer Arbeit im vorigen Jahre aufweisen kann.

Kaufte heute auf dem Bazar 4 Pud Setzkartoffel für 130 Rubel.

Erhielten einen Brief von Schwester Anna, in dem sie unter anderm schreibt, dass Hel. Jak. Willems, früher Lehrerin an der Ohrloffer Mädchenschule, mit ihre drei Schwestern an Thyphus gestorben ist.  Das waren 4 unverheiratete alte Schwestern, die Töchter der einst bekannten mennonitischen Bankroteurs  Jak. Willems aus Halbstadt.  Zwei von ihnen waren tüchtige Lehrerinnen. Anna fügt hinzu “es welket alles um uns her und bald, bald sind auch wir nicht mehr.” Von ihrer Tochter Lika, die in Krasnowischersk ist, schreibt sie, dass die ganz besorgt drum ist, dass sie noch nicht getauft ist. Wohl in unserm ganzen Lande ist heute keine Möglichkeit sich nach mennonitischer Art taufen zu lassen.

Ich merke manchmal, dass wenn ich nicht bald rechte geistige Speise erhalten werde, geneigt bin in Weltanschauungsfrage pessimistisch zu werden.

 

9-V-47.  Heute wird der Sieg über das faschistische Deutschland gefeiert.  Des kalten Wetters halber fanden keine Demonstrationen statt.

Am 4. Mai setzten wir die ersten Kartoffel, durch einen Landregen wurden wir jedoch unterbrochen und konnten nicht beenden.  Wir wurden ziemlich nass und kamen ganz verfroren nach Hause.

Unsre Kuh gibt schon 2 ½ Liter Milch den Tag.

 

11-V-47.  Sonntag.  Heute Morgen fuhren Frieda, Hans und ich, unser конюх mit seiner Frau zum Bastan der etwa 7-8 km. entfernt sich befindet, um Kartoffel, Arbusen und sonstiges Gemüse zu setzten.  Inzwischen fuhr ich noch einige km. weiter, um etwas Wermut zu Brennung zu brechen.  Die Hälfte unseres Feldes und zwar 0,15 ha, haben wir mit Kartoffel besetzt.  Ein kleiner Teil des Bastans ist noch unbesetzt geblieben, weil uns der Arbusensamen nicht ganz ausreichte.

Soeben wurde per Radio eine alte Pathephonplatte von dem früheren berühmten russischen Sänger Schaljapin gegeben, die ich immer gerne höre.

Gestern abends machte ich die Inschrift auf einem Kreuz für das Grab einer verstorbenen Tochter unsrer Bekannten, Frau Kramm.

Wer weiss, wie es mit dem Grab unsres lieben Mädels bestellt sein wird und ob von unserem Kreuz überhaupt noch eine Spur sein wird.  Das dieses uns so teure Grab an so einem Ort sich befinden muss.

 

18-V-47.  Sonntag.  Mittagszeit.  Was haben wir am Vormittag getan.  5 Uhr Morgens hat Frieda unser Kuhchen gemolken und in die Herde getrieben, halb acht Uhr ging Hansi nach Wasser und ich in die очередь nach Brot, wo ich 2 Stunden verbracht.  Dann lasen wir uns etwas aus Gottes Wort.  Dann ging ich auf den Bazar und kaufte ½ Kilo Zwiebel für 18 Rubel  und ein Eimer Kartoffel für 32 Rubel.  Außerdem hatte Frieda des Morgens noch 6 Eier zu Mittag für 3 Rubel das Stück gekauft.

Vorgestern kam ich von einer zweitägigen Komandirowka zurück;  hin fuhr ich mit einem Wagen und zwar von Morgens bis Abends 65 kim.; es war kalt und regnerisch, es fiel sogar Schnee.  Zurück fuhr ich per Auto. Heute ist es wieder warm.  Pelz und Filzstiefel werden hier den Sommer über nicht versteckt.

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Heft 6 - Familienchronik, 1947-48 - Heinrich Dück

 

(Der Umschlag dieses Heftes, das vorgegebene Zeilen hat, ist verloren gegangen. Das Heft selbst ist mit einer Metallklammer in der Mitte geheftet und zusätzlich mit einem dünnen weißen Nähfaden gebunden. Zum Schreiben wurde ausschließlich Tinte benutzt.)

 

25-V-47.  Sonntag.  Gestern feierte Frieda ihren 51ten. Geburtstag.  Leider war sie etwas krank an der Grippe.  Man kann sich hier leicht erkälten, weil das Frühlingswetter so wechselhaft ist - ein Tag warm, am andern Tage Regen und Kälte.  Dieser Tag, den man früher doch feierte, verlief so grau wie alle andre;  nur hatten wir statt dem gewöhnlichen vegetarischen Mittag, uns 300 Gramm Fleisch zu Koteletten gekauft. Abends, in stiller Stunde, versuchten wir uns mit Frieda, etwas in die Zeit vor 51 Jahre zurück zu versenken.  Wenn man das wirklich zu tun im Stande ist, überschleicht einem eine tiefe Wehmut und Trauer.  Alles dahin.  Man fühlt sich manchmal wie in Ketten gefesselt.  Ach, die Sehnsucht nach einem Heim, Heimat und besonders, unsren Lieben allen.  Wann wird dieses große Problem für uns nochmal gelöst werden?! Na, erhalte Gott uns nur unser Leben und Gesundheit, festes Vertrauen und steten Mut.

Frieda’s Geburtstagsgeschenk war ein Stück Barchent von 1 ½ Meter, dass ich auf dem Bazar für 120 Rubel gekauft hatte.

Hansi tritt Heute seinen Extraurlaub von 31 Tage an, den er zu den Examen bekommen hat.

Heute früh Morgens ging er zum Bastan, 8 km entfernt, um das Gebliebene noch zu besetzen.  Ich ging inzwischen auf den Bazar und kaufte ½ Liter Sonnenblumenöl für 65 Rubel, einen Eimer Kartoffel für 35 Rubel und ein Päckchen Zwiebellauch für 5 Rubel.

 

1-VI-47.  Man sagt, es soll heute Pfingsten sein, obzwar das nicht zu sehen ist. Sonntag.

Wie war das Pfingstfest einst so schön.  Gestern abends während dem Abendbrotessen erinnerten wir uns so lebhaft an die einst so schönen Pfingsttagen.

Frieda erzählte von ihren Fahrten von Tatschsenak in die Lichtenauer Kirche zum Tauffest, wie die mennonitischen Verdeckwagen von allen Richtungen zur Kirche fuhren.  Die blanken Wagen und die schönen Rappen  davor gespannt - der Stolz der mennonitischen Bauer.  Die solide schwarze Kleidung der Männer und Frauen.  Vorne vor der Kanzel, die Täuflinge, die Jünglinge in schwarzen Tuchanzüge,  die Jungfrauen in weißen Kleider.  Die Kirche überfüllt.  Alles so feierlich und andächtig.

Hatte man das je geglaubt, dass diese in 150 Jahre aufgebaute fundamentale Kultur in so kurzer Zeit spurlos verschwinden könnte.

Unter anderem erzählte Frieda, wie sie an einem Pfingstsonntag mit H. Janzen von “Elbing” per Auto von Tatschenak zur Gnadenfelder Kirche gefahren waren; an einem schönen warmen südlichen Frühlingsmorgen durch die festlichen mennonitischen Kolonien und saftig grünen Getreidefelder — Ein Märchen!

Hansi hat seine Examen begonnen; russisch Schriftlich hat er mit 3 bestanden; jetzt bereitet er sich zu russisch Mündlich vor.

Frieda auch Hansi waren beide in verflossener Woche krank;   Frieda hat noch einen schweren Husten, Hansi hat sich einen Backenzahn ziehen lassen, der ihn viel geplagt hat.

Heinz schreibt im gestrigen Brief, dass er sich der schwachen Kost halber etwas schwach fühlt, was wir von ihm noch nie gehört haben, denn immer berichtet er von seiner strotzenden Gesundheit. Wir müssen uns bemühen, ihm wiederum ein Produktenpaket zu schicken.  Wenn wir den Jungen doch bei uns haben könnten.  Es ist doch so ein Unsinn, dass er dort so vegetieren muss, während es hier jetzt bedeutend besser ist.

 

15-VI-47.  Sonntag.  Nach einiger Zeit Dürre, hat es gestern und heute etwas geregnet, worauf schon allemal mit Ungeduld warteten.  Wie gewöhnlich hier in Sibirien, folgte auch auf diesen Regen kühles Wetter, so dass alle wieder winterlich gekleidet sind.

Vor zwei Tage kehrte ich von einer wöchentlichen Komandirowka zurück.  Ich bereiste mit einem unsrer Spezialisten, Litwinenko unsre Zuchtfarmen.  Letzterer arbeitet schon viele Jahre in diesem Rayon und hat so in einzelnen Dörfern seines Tätigkeitsrayon seine Favoritinnen.  Den ersten Tag unsrer gemeinsamen Fahrt machten wir “Station” bei so einer seiner “ Bekannten”, bei der er öfters einkehrt und die ihm als regelrechte Frau dient und nach Kräften bewirtet. Ihren gesetzlichen Mann hat sie nach seiner Rückkehr aus dem Krieg nicht mehr angenommen.  Die Frau des Litwinenko,  mit der er schon über 20 Jahre lebt, weiß drum, muss jedoch schweigen.  Viele meiner bekannten Arbeiter hier dieser Art tun`s ebenso. Der Verfall des Familienlebens, welcher so um sich greift, ist eine Gefahr für einen gesunden Staat.

Am 3ten. dieses Monats erfüllten sich 24 Jahre seit unserer Hochzeit;  um ein Jahr, wenn wir`s erleben, muss unsre Silberhochzeit sein.  Gebe Gott, dass wir diesen Tag im Kreise unsrer Lieben alle verbringen und feiern könnten. Möchte für uns in unsern älteren Jahren doch noch mal die Sonne aufgehen.

Frieda ist wieder mal nicht ganz gesund, es sind noch immer Folgen der unlängst überstandenen Grippe.  Dieses wechselhafte kalte Wetter des hiesigen Frühlings ist ein großer Feind für Lungenleidenden.  Frieda macht jetzt gerade “Wareniki” zu Mittag, wozu ich das Nötige vom Bazar gebracht habe — eine Untertasse Käse zu 4 Rubel, ein Glas “Rjajenka” zu 4 Rubel, ein Ei zu 3 Rubel und ½ Kilo Butter zu 75 Rubel. Schon einen Monat kochen wir alles auf dem Primus.

 

24-VI-47.  Friedas Blut und Speichel wurde mal wieder auf  Tbc hin untersucht.  Gott sei Dank, alles normal gefunden. Um einige Tage sollen noch ihre Lungen geröntgt werden.  Möchten da auch keine Verschlechterung gefunden werden.

Hansi hat schon 8 von 11 Examen bestanden;  wovon 6 auf fünf.  Er sitzt von Morgens bis spät abends hinter den Bücher und strengt sich sehr an.  Er ist sehr beständig und gründlich in seiner Arbeit.  Nach Beendigung der Mittelschule will er versuchen per Fernkurse die Hochschule zu besuchen, denn anders reichen uns nicht die Mittel dazu.

Heute Morgens hat es schön geregnet.  Gestern setzte Hansi Arbusen nach.

 

30-VI-47.  Montag.  Gestern und heute hatten wir Gewitterregen.  Die metereologische Verhältnisse scheinen schon noch günstig zu sein.

Sonnabend wurde uns gemeldet, dass wir zum 10.VII. unser Contor und Quartier wechseln sollen.

Hansi’s Urlaub ist heute zu Ende.  Morgen hat er noch ein schweres Examen in Geschichte, wozu er sich schon den 3ten. Tag von früh bis spät vorbereitet.  Dann bleibt das letzte noch in deutsch.

Gestern verkaufte ich auf dem Bazar unsre Kuh für 5200 Rubel.  Das ist gegenwärtig so der Marktpreis für geringere Kühe.

Von Morgens bis etwa Uhr 2 Mittags stand ich mit der Kuh mit vielen andern Verkäufer und Käufer auf dem Markt.  Ein Käufer nach dem andern - Russen, Kasachen, Tschetscheny, Deutsche, Tataren  und andere- kamen und gingen, legten die Finger der Kuh zwischen die Rippen, massen den Schwanz, suchten den Kräusel auf dem Rücken, melkten dabei etwas Milch in die Hand, verrieben sie, machten dabei oft eine verächtliche Miene und gingen davon.  Die meisten boten nur 5000 für sie.

Anfänglich forderte ich 7000, dann 6000;  schließlich ging ich auf  5400 Rubel ein, den ein Kasach bot.  Er führte die Kuh seitwärts, nahm von mir den Ausweis über den Gesundheitszustand der Kuh und fing an das Geld abzuzählen. Inzwischen sammelten sich ein Haufen Kasachen um uns und fingen an auf kasachisch zu diskutieren. Schließlich gab man mir die Kuh wieder zurück.  Empört ging ich mit meiner Kuh zurück und bald  auch nach Hause, dann kamen mir einzelne Kasachen nachgelaufen und ehe ich bis Hause kam, verkaufte ich sie einem für 5200 Rubel.  Dann stellte es sich heraus dass er nur die Hälfte dieses Geldes bei sich habe und das ich mit ihm bis zu seinem Quartier kommen solle.  Fast bis zum Ende der Stadt schleppte er mich.  Dort wurde die Kuh noch erst von seiner 90 jährigen Mutter gemolken.  Und als wir schließlich mal verrechnet wollten, fehlten ihm an der Summe 120 Rubel, die er mir versprach am andern Morgen zu bringen.  Ich war beinah so weil, die Kuh wiederum zu nehmen und zurückzugehen;  hatte jedoch schon so satt von dem ganzen Handel, ließ die Kuh und ging nach Hause.  Ganz wider Erwarten, hat der Käufer mir Heute 120 Rubel gebracht.

 

6-VII-47.  Sonntag.  Früh morgens fuhren Frieda, Hansi und ich mit einem Kasachendienstmädchen  unseres Direktors zu unserm Bastan, um selbigen zu jäten.  Die Kartoffel stehen gut und haben schon Knospen.  Die Arbusen fangen noch nicht mal an zu ranken.  Weil dieses Land über 10 Jahre nicht bearbeitet worden und ein Frühling vor dem Letzten mit dem Traktor umgepflügt worden ist, ist fast kein Kraut auf unserm Bastan; solche Felder genügt einmal den Sommer zu jäten.

Hansi hat seine Examen beendigt,  Morgen soll er sein Reifezeugnis bekommen.

Im Laufe von etwa 10 Tage habe ich mir 6 Zähne ziehen lassen.  Ich habe jetzt nur noch 10 Zähne behalten.  Das Essen ist mir sehr erschwert und habe oft Magendrücken.  Um etwa 3 Wochen will der Zahnarzt zu einem Gebiss für mich Maß nehmen.  Wenn ich dann nur das nötige Geld dazu werde auftreiben können etwa 700 Rubel.

Erhielten in einigen Tagen 3 Briefe von Heinz, in denen er schreibt, dass er für sich keinen Ausweis zu einem Paket mehr auswirken kann, und dass er, weil es ihm so knapp geht, um etwas Geld bittet.  Gestern schickten wir ihm 200 Rubel.

Frieda ließ heute 2 Briefe, die wir von ihrer Mutter vor 8 Jahren erhalten und in denen sie uns über unsre lieben Geschwister all berichtete.  Diese unendliche Trennung und Aussichtslosigkeit auf ein Wiedersehen mit unsern Lieben macht uns dann immer recht betrübt.

 

12-VII-47.  Sonnabend nach der Arbeit.  Früher nannte man diese Zeit - Feierabend.  Man wusch sich dann gewöhnlich, kleidete sich etwas besser an und hatte schon Sonntagsstimmung.  Im Hause roch es nach frischen Zwieback und dergleichen.  Alles in guter Stimmung.  Sorgen - keine.

Zum 2ten mal habe ich mich in diesem Sommer gebadet im Irtysch.  Wir haben noch eigentlich kein Badewetter, denn immer ist es kühl und viel Regen.

In letzter Zeit erhalten wir immer sehr schlechtes Brot.  Ich habe daher oft Magenschmerzen.  Mehl haben wir auch nicht, um selber etwas backen zu können.

 

20-VII-47.  Sonntag.  Von gestern Abend bis Heute Mittag starker Landregen; furchtbares Wetter.  Schon den zweiten Sommer so viel Regen, was etwas ganz Seltenes für diese Gegend ist.  Im unsrer Wohnung regnete es des Nachts an vielen Stellen durch.

Wir haben es gegenwärtig ziemlich knapp.  Jeder Tag kostet uns minimum 30-50 Rubel, was weit unser Budjet übersteigt; 10 Rubel - Brot, 10 Rubel - ein Häufchen Kartoffel, 10 Rubel - 1 Ltiter Milch, dann noch Fett, etwas Gritze und Mehl, Petroleum zum Primus  usw.  Mehl und Brothandel ist gegenwärtig verboten bis zur Ausfüllung des Getreideplans.

Ein Eimer frischer Kartoffel kostet 50-70 Rubel.

Vor einigen Tagen reichte ich im “Werchovnyj Sowet” um Heini’s Entlassung ein.

 

29-VII-47.  Nach etwa 12 jähriger Unterbrechung erhielten wir Gestern unverhofft einen Brief aus Canada von Frieda’s Schwester Marta, datiert vom 15.V.47.  Sehr aufgeregt öffneten wir ihn, und als Frieda merkte dass es nicht ihrer Mama’s Handschrift ist, ahnte sie sofort, dass Mutter schon nicht mehr am Leben sei, was sich dann auch sofort aus Marta’s Brief bestätigte.  Da wir Mitte Sommer ano 1944 durch Mariechens Brief an Anna erfuhren dass Mutter noch am Leben sei, hofften wir auch jetzt noch immer, dass sie am Leben sei.  Um so größer war die Enttäuschung und der Schmerz, als wir lasen, dass die liebe Mama schon am 26 November 1944 gestorben und am 29.XI. begraben sei. Trotzdem wir schon 23 Jahre getrennt sind, ist der Schmerz für uns und besonders für Frieda doch groß.  Die letzten 2 Jahre soll Mama schwer krank gewesen sein.  Seit unsrem Scheiden anno 1924 fehlen schon 3 Personen von Frieda’s nächsten Verwandten - die Eltern und Schwester Gredel.  Frieda meint, der Zug dorthin sei mit dem Tode der lieben Mama bedeutend schwächer geworden.  Leider hat Marta nichts von meinen Verwandten erwähnt.

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Nachruf, Mennonitische Rundschau, 6.12.1944, Seite 5

Todesnachricht

 

Sonntag, am 26. November d. Jahres starb nach längerem schwerem Leiden Witwe Margareta (Johann) Cornies im Ontario Hospital zu Hamilton und wurde Mittwoch, am 29. Nov., von unsere Kirche in Waterloo aus auf dem Mount Hope Friedhof neben ihrem Mann begraben, der ihr vor 7 Jahren (1937) im Tode voranging.

Johann Cornies war der letzte männliche Sproß des Corniesen- Geschlechte, das dem Organisator der Mennoniten – Kolonien Süd- Rußlands, Johann Cornies, entsprang. Johann Corniesens einziger Sohn wurde von den Machnowzen in schrecklicher Zeit ermordet.

Der Verstorbenen älteste Tochter Frieda, Frau Heinrich Dück, Blumenort, ist unseres Wissens noch in Rußland. Ihre Tochter Margareta, Frau Johann Sudermann, ging ihr im Jahre 1929 im Tode voran. Ihre anderen Töchter: Käte, Frau Nicolai Schröder, Waterloo, - Lisel, Frau Kornelius Unruh, Hamilton, - und Martha, Frau Dietrich Wiens, Waterloo, mit ihren Männern und Kindern konnten sie zum Friedhof begleiten,- außer Dietrich Wiens, der gegenwärtig schwer krank im K. W. Hospital   liegt.

Der verflossenen Epoche der Geschichte unseres Volkes ist mit dem Abscheiden von Frau Cornies ein weiteres Schloß vorgelegt. Was uns hoch, lieb und wert war, geht von hinnen. Im Tode von Frau Cornies ist ein reiches, inhaltschweres Leben zum Abschluß gekommen.

 

J. H. Janzen

 

 

8-VIII-47.  Seit Gestern Abend schon ziehen Gewitterwolken das linke Irtyschufer entlang und streifen immer etwas unsre Stadt.  Etwas weiter in die Steppe hinein regnet es gar nicht.

Vor etwa 5 Tagen haben wir uns wieder eine Kuh gekauft für 5000 Rubel.  Es ist eine alte Kuh, sie hat schon 9 Kälber gehabt.  Es ist jedoch eine “Milchkuh”,  die uns in diesen städtischen Verhältnissen doppelt so viel Milch gibt, als die, welche wir verkauft haben, über 5 Liter. Es ist das ein großes Ereignis in unsern materiellen Verhältnissen, eine Kuh erwerben zu können.

Unsre Kuh kauften wir von einer älteren allein stehenden sehr kranken und dahinsiechenden russischen Frau.  Weil sie krankheitshalber nicht mehr in Stande war diese Kuh zu besorgen, war sie gezwungen, sie zu verkaufen, was ihr sehr schwer fiel, da die Kuh im Laufe von 10 Jahre wohl ihr einziges nahes lebendes Geschöpf war.

Vorgestern hatten wir unerwarteten Besuch, Frau Mar. Kornis (Mar. Enns) und Frau Buller, eine Bekannte von Желанная her.  Letztere hat sehr viel durchgemacht anno 1943-44; sehr gehungert; gleichzeitig mit ihrem Mann krank gelegen, der Mann stirbt, während sie neben ihm im Bett im Delirium liegt;  sie bedient ihr Töchterchen von 6 Jahre. Der Leichnam des Mannes wurde in einer Decke auf einen Kirchhof gebracht, wo er über einen Tag über der Erde liegt. Ein Junge von 17-18 Jahre erliegt dem Hunger in der Trudarmee; der jüngste Sohn von 13 Jahre wird auf 1 Jahr Gefängnis verurteilt und einige Tausend Kilometer weiter geschickt.  Vom 3ten. Sohn keine Nachricht.  Gegenwärtig ist sie mit ihrem Töchterchen und Sohn auf dem Wege zu ihrem ältesten Sohn.

 

12-VIII-47.  Heute mal wieder Regen.

Trotzdem hier dank des sandigen Bodens sonst Arbusen gedeihen, sind die meteorologischen Verhältnissen dieses Jahres, d.i. kühl und nass, für die Arbusen nicht sehr günstig.  Dafür gedeihen um so mehr die Kartoffel. Sonntag brachte ich 3 Eimer Kartoffel zu dieser Woche.  10 Stauden - 1 Eimer.

Es war heute zu Besuch bei uns die Frau meines guten Bekannten Viktor (Eduardowitsch) Silbernagel, Ekat. Petr. Golenkowa, mit denen wir vor 2 Jahre gute Freundschaft in Feodorowka geschlossen hatten.  Der Bruder von Viktor Silbernagel, Rudolf, der vor etwa 3 Wochen aus der Trudarmee nach 5-jährigen Abwesenheit auf Urlaub zu seiner Mutter und Bruder gekommen war, ist , weil seine Dokumente nicht ganz in Ordnung sind, arretiert und eingesteckt worden.

 

24-VIII-47.  Sonntag.  8 Tage war ich auf “Komandirowka” in 8 Kollektiven.  Als Vorsitzender einer Komission, bestehend aus 3 Spezialisten, führte ich die sogenannte “Bonitirowka” des Rindvieh durch.  Im Bestand der Komission war ein wissenschaftlicher Arbeiter aus einem Forschungsinstitut für Viehzucht, Kandidat der landwirtschaftlichen Wissenschaften Andrejew. Etwa 2000 Köpfe haben wir durchgesehen, gemessen und abgeschätzt. Es hat mich diese Arbeit recht ermattet, was ich jetzt eigentlich recht empfinde.

Soeben überraschte uns mit einem Besuch eine Hilda Warkentin, die Tochter meines Cousins Jasch Warkentinn, von Waldeck - Memrik.  Anno 1937 wurde ihr Vater und Mutter genommen und sie wurde als 10 jähriges Mädel in ein Kinderheim geschickt.  Später wurde ihre Mutter und sie befreit.  Anno 1941 wurde sie wie alle andren Deutschen hierher nach Kasachstan geschickt in einen Sowchos.  Ihr Großvater mein Onkel Jakob Warkentin, starb nach 3 Wochen im Alter etwa von 75 Jahre.  Sein andrer Sohn Hans war auch vor einigen Jahren genommen, so dass er mit seinen 2 Töchter und 2 Schwiegertöchter ohne Männer hierher gekommen war. Der Sohn Hans Warkentin soll in diesen Tagen befreit worden und zu seiner Familie zurückgekehrt sein; ebenfalls der Sohn von Lida Warkentin (Frau Krüger). Die Mutter und Pflegebruder von dieser Hilda wurden etwa anno 1942 in die Trudarmee mobilisiert und so blieb das Mädel allein.  Sie arbeitete im Sowchos als Schwarzarbeiter und später als Magd bei einem Buchhalter des Sowchos. Ihre Mutter und Pflegebruder sind dann frei gekommen und haben sich gefunden und wohnen in einem Kolchos in der Omskschen Oblast.  Gegenwärtig hat die Hilda hier von der Komendantur die Erlaubnis bekommen, zu ihrer Mutter zu fahren.

 

31-VIII-47.   Sonntag.  Der letzte Augusttag und Morgen beginnt schon ein Monat mit einem Buchstaben S, d.i. ein Monat, der schon den Beginn des Herbstes und somit besonders in diesen sibirischen Verhältnissen das Herannahen der kalten Tage ankündet.  Wie ist der Sommer doch so  rasch verflossen.  Vor einigen Tagen hatten wir schon einen Nachtfrost, der das Gemüse beschädigt hat.  In unsrer Heimat dachte man um diese Zeit noch nicht an kalte Tage.

Vor einigen Tagen ließ Hansi sich zum 2ten. mal auf Brucellose  das Blut untersuchen und impfen, zu unserm großen Bedauern hat man chronischen Brucellose festgestellt, was uns sehr besorgt macht.  Die Ärzte hier raten Hansi eine Kur im bruzellosen Hospital durchzumachen. Wir haben brieflich Dr. Strauß um Rat angefragt;  das ist unser gute bekannte Arzt noch aus dem Donbass her und wohnt gegenwärtig im Altajschen Kraj. Dieses Leiden zeigt sich bei Hansi in öfteren Schmerzen in den Knien, Schwäche, Abmagerung usw., worauf wir eigentlich nicht besonders Acht bis jetzt gegeben haben.

Erhielten vor kurzem einen Brief von meinem Cousin Peter J. Dück, in dem er berichtet, dass er an Lungenentzündung gekrankt hat und als Folge sich bei ihm in den Lungen ein Abszess gebildet hat.  Das ist ein schweres Leiden.

Morgen müssen wir Quartier wechseln, was wir sehr ungern tun.

 

28-IX-47.  Sonntag.  Ein drocker Monat hinter uns, daher auch keine Zeit gehabt zum Notieren.

Inzwischen sind wir in ein neues Quartier hinübergezogen, welches aus einem Zimmerchen mit einem Fenster und einem Ställchen davor besteht.  Es musste noch viel dran gemacht werden, um es etwas wohnlich zu gestalten.  Die Wände, Ofen, Herd, das Dach usw. musste noch geschmiert werden; was Frieda dann auch alles beschickt hat. Durch das Ankalken der Wände sind ihr sehr die Finger wund geworden. Jetzt muss noch ein Keller gegraben werden, um unsre Kartoffel sicher unterzubringen.

Während ich in “Komandirowka” war,  hatte Hansi in unserm Sarajtschik schon einen gegraben. Nach meiner Rückkehr hatte ich mich gerade etwas zu Ruh gelegt, wie ich Frieda aufschreien höre.  Ich eile hinaus in den dunkeln Sarajtschik und merke, dass unsre Kuh in den Keller gefallen ist  und mit dem Kopf nach unten liegt;  ihre Lage war fatal und wäre es uns nicht gelungen mit Hilfe unsrer Nachbaren, Kasachen und Russen sie im Keller umzudrehen, wäre sie doch wohl erstickt.  Um sie jedoch dann aus dem Keller herauszubekommen, musste eine Seite abgegraben werden.  Die Kuh war gerettet und der Keller war eigentlich ruiniert. Dann riet man uns auch ab, an dieser Stelle des Frostes halber den Keller zu haben.  Und so haben wir uns entschlossen, den Keller in unserm Zimmerchen zu graben.

Unsre Kartoffelernte ist verhältnismäßig gut;  von 0,18 ha. haben wir etwa 100 Pud geerntet, d.i. das zwanzigfache. Drei Tage lang haben wir zu dritt, Frieda, Hansi und ich gegraben.  Hätten wir gute Saatkartoffel gehabt, wäre unsre Ernte noch bedeutend größer.

Als Frieda und ich anfangs 1944 nach Fedarowka zogen und es mir gelang, für einen Kamm einen halben Eimer Kartoffel einzutauschen und aus dem Kolchos 2 Kilo Mehl herauszuschreiben, dachten wir, viel erreicht zu haben,  das man jetzt bei der Ernte von 100 Pud Kartoffel gar nicht einmal so empfindet.

Erhielten kürzlich einen Brief von meinem Cousin Pet. J. Dück aus dem Krankenhaus in Molotow.  In seiner Einsamkeit empfindet er unter dem Druck seines Leidens eine tiefe Sehnsucht nach der Heimat, den Eltern, den Ort, wo seine Wiege gestanden und er seine schöne Kindheit verlebt hat.  Besonders empfindet man so was, wenn man krank liegt und mal ganz zur Seite gestellt ist.

Schwester Anna’s und ihrer Tochter, Likas Briefe die wir gleichzeitig erhalten haben, klingen auch so voller Sehnsucht und Wehmut.

 

12-X-47.  Heute ist Heini’s 22. Geburtstag.  Weil ich über eine Woche auf “Komandirowka” war,  hab ich ihm nur heute einen Gratulationsbrief schicken können.  Wie gerne möchten wir ihn mal wieder bei uns haben.

Heute ist Sonntag.  Hansi war bis Mittag auf einem “воскрессник” beim Bau des Stadttheaters.  Frieda und ich gingen auf den Bazar, um etwas Fleisch zu Mittag zu kaufen und Brot aus dem Laden zu holen.

Der Sonntag verläuft uns grau.  Hansi las nach seiner Rückkehr Kartoffel aus, während ich Frieda’s Gehilfe beim Mittagmachen war.

 

15-X-47.  Ich sitze heute zu Hause, weil ich etwas die Grippe habe und es in unserm Contor sehr kalt ist.  Habe die meiste Zeit des heutigen Tages Kartoffel durchgelesen.  Frieda wollte auch helfen, weil sie jedoch auf dem Bazar hörte, dass da etliche jüngere Jahrgänge eingezogen worden, ist sie sofort besorgt um unsern Hansi und fing an seine Wäsche in Ordnung zu bringen.

 

26-X-47.  Sonntag.  Den ganzen Oktober haben wir verhältnismäßig schönes Wetter.  Weil sich hier in Kasachstan das Mähen und Dreschen gewöhnlich bis in den Winter hinein verzieht und besonders bei ungünstigem Herbstwetter, so ist es in diesem Herbst damit weit besser bestellt.

Im ganzen haben wir persönlich etwa 250 Eimer Kartoffel geerntet, wovon 200 Eimer in unserm Keller untergebracht sind. In Großen und Ganzen haben wir uns besser zum Winter vorbereitet, als in den verflossenen Jahren hier.

Morgens Uhr 9 ging ich in die Badeanstalt und kehrte erst um 12 Uhr zurück.  Etwa 2 Stunden musste ich dort im Vorraum in der “очередь” warten und weil nicht recht “очередь” gehalten wurde, stand ich diese 2 Stunden an der Tür und schaute nach der Ordnung.

Frieda war zu Frau Link gegangen, um mit ihr sich eine Andacht zu lesen. Hansi musste mit unserm Vorgesetzten zum Bazar gehen, wo sie einen großen Pelz (Tulup) für unser Contor kauften.

Nach mittag hab ich mir mal einen schönen Mittagsschlaf  erlaubt. Ich erinnerte mich an meinen Vater, der doch immer, so viel ich mich erinnern kann, seinen Mittagsschlaf hat halten können.  Wohl sehr selten ist damals einmal ihr Tagesreglement durch irgend etwas gestört worden.  

Ob wir in unsern alten Tagen je mal werden ähnliche ruhige Tage erleben werden ?

Zum ersten mal habe ich persönlich es hier in Sibirien zu einem eigenen Lager gebracht.  Hansi hat nämlich für uns ein von unserm Contor brakiertes altes Sofa zurecht gebastelt.  Für Hansi kaufte ich für 100 Rubel auf dem Bazar ein eisernes Bettgestell, so das wir mal alle drei wieder normale Lager haben, und sich das auf der Erde liegen mal aufhört. Weil unser Zimmerchen so klein ist, wird Hansi’s Bett zum Tage immer hinausgetragen. Jetzt fehlt’s noch an Bettwäsche.

Vorige Woche ist etwas billige Ware in dem “Komerzladen” erschienen, wovon wir uns auch schon 20 Meter zu 700 Rubel gekauft.  In erster Linie wollen wir uns jedem ein Paar Wäsche nähen.

Hansi ist als Student der Fernkursen des Semipalatinschen Pädagogischen Instituts aufgenommen.  Es fehlt jetzt an Bücher.

Gestern und heute haben die hiesigen Kasachen einen großen Feiertag. Sitte ist, dass jede Familie unbedingt ein Schaf schlachtet und einen jeden, der da kommt, mit Schafsbraten (Бешпармак) und Tee traktiert.  Es werden ununterbrochen Besuche abgestattet. Bekanntlich können die Kasachen was ungewöhnliches im Schafsfleischessen leisten.  Man spricht ja von Tschempione in ihrer Mitte, die seinerzeit im Stande waren, allein ein Schaf  zu verzehren. Viel Geist werden solche Riesen wohl kaum besessen haben. 

 

30-X-47.  Gestern fiel der erste Schnee, der heute zum grössten Teil schon wieder verschwunden ist.  Die schönen Tage sind wohl zu Ende und nun stehen wir wiederum vor dem langen und kalten sibirischen Winter.  Ein Glück, dass wir ein warmes Zimmerchen haben und auch besser wie sonst hier mit Produkten versorgt sind.

 

2-XI-47. Sonntag.  Zwei Tage Regen und Schnee.  In unserm Ställchen, welches uns gleichzeitig als Vorhaus dient, regnete es fast so wie draußen.

Heute Vormittag gingen Hansi und ich auf den Bazar, um ein Brett und etwas Nägel zu kaufen.  Den übrigen Teil des heutigen “Ruhetages” waren wir mit dem Bau eines Kuhstalls für unsre Kuh beschäftigt.  Abends brachten wir noch unsre Saatkartoffel in den Keller.

Dann beschäftigte sich Hansi mit seinen Studium, Frieda mit flicken und ich las vor aus Hilty’s “Glück”.  Zu unsrer Erbauung haben wir hier in Sibirien nur 3 noch gebliebenen Bücher: die Bibel, Hilty “Glück” 2 Bände, und ein Band von Otto Funke “ Wie man glücklich wird und glücklich macht.”

Von unserm Heinz bekommen wir regelrecht Briefe;   er hat recht schwer zu arbeiten und ihre Lebensverhältnissen sind nur sehr mangelhaft.

 

7-XI-47.  Heute ist der grösste Feiertag der Sowjetunion.  Der 30. Oktobertag.  Wir haben drei Ruhetage.  Heute haben wir wieder gelindes Wetter.  Die Demonstration dauerte nur etwa eine Stunde.

Erhielten vor 2 Tage ein Paket von Schwester Anna auf unsre Verabredung hin.  Die Sachen, die das Paket, enthalten, sind für uns sehr passend, es sind: eine Wattenjacke und ein Paar Hosen für Hansi, ein Paar Unterwäsche und ein Handtuch für mich, ein Rock und niedrige Sommerschuhe für Frieda, außerdem noch etwas Material zu Wäsche, Strümpfe und Seife.  Alles sehr passend.  Wir warten nun auf einen Brief, indem uns der Preis des ganzen Pakets berichtet wird, damit wir Anna ein gleichwertiges Paket mit Produkte schicken können.

 

9-XI-47.  Gestern kaufte ich auf dem Bazar 2 Bretter für 40 Rubel und 15 Nägel zu 5 Rubel, wovon ich zu Hause ein primitives Schränkchen zum Küchengerät machte.  Wir freuten uns zu diesem aus 2 Bretter zusammengebastelten Schränkchen viel mehr, als früher zu einem schönen Äschen Kleiderschrank.  Bis jetzt stand alles Geschirr usw. auf dem einzigen Tischchen, das wir in unserm Zimmer haben. 

Vor einigen Tagen war ich beim Arzt wegen meinen rheumatischen Schmerzen;  bevor man mich kurieren wird muss mein Blut und Urin im Laboratorium untersucht werden und im Lazarett für Brucellose muss ich auch noch untersucht werden.

 

11-XI-47.  Wir hatten gestern und heute eine kleine Aufregung.  Ich bekam nämlich Gestern von der Kommendatur zu heute Uhr 10 eine Einladung.  Wir verbrachen uns darüber den Kopf, was wohl der Grund dieser Einladung sei.

Heute wurde mir in der Kommendatur die Antwort des Werchowuyj Sowet auf meine Eingabe unsern Heinz hierher überzuführen vorgelesen, die lautet, dass Heinz als Arbeiter in der Naphtaindustrie beschäftigt ist und nicht befreit werden kann, dass wir Eltern jedoch das Recht haben um Überführung  dorthin einzukommen.

Heute will ich noch Heinz davon schreiben.  Einstweilen müssen wir uns darüber zufrieden stellen.  Auf dem Rückwege von der Kommendatur ging ich in die Bruzellosstation, wo man mir Blut abnahm und eine Impfung machte.  Morgen soll ich mir die Resultate holen.

Neben dem Volksgericht sah ich, wie 2 Mädels von der Miliz zum Gericht geführt wurden, während die Angehörigen draußen standen und weinten.  Jedenfalls Diebstals halber. 

 

12-XI-47.  Eine schwere Entdeckung, die mich sehr niederdrückt.  Soeben wurde mir, in der Ambulanz für Brucellose gemeldet, dass die Untersuchung meines Blutes und Impfung die Erkrankung an Brucellose bei mir feststellt. Weil es noch scheinbar keine radikale Heilmethode für diese Krankheit gibt und die Krankheit zu Zeiten recht hart auftreten kann, muss man sich gründlich zusammennehmen, um nicht mutlos zu werden.  Mit Gottes Hilfe wird es ja wieder werden. 

 

16-XI-47.  Sonntag.  Morgens ging ich zum Bazar und kaufte daselbst 5 Kilo Butter die wir Schwester Anna nach Karpinsk schicken wollen.  Der Marktpreis für frische Butter ist Heute 110 Rubel das Klo. Hansi verkaufte indessen auf dem "толчок" 6 Stück Seife für 140 Rubel.  Dann kaufte ich ein halb Kilo Rindfleisch zu Mittag zu 15 Rubel.

Die billigsten und minderwertigsten Kühe  kosten heute auf dem Bazar 3000-4000 Rubel.

Heute wollen wir noch das Paket für Anna ganz fertig machen, um Morgen abzuschicken.

Erhielten gestern und heute 5 Briefe — 2 von unserm Heinz, einen von Lene Friesen geb. Enns und einen von Simani - einem älteren Lehrer mit Hochschulbildung, mit dem ich aus der Trudarmee befreundet bin, und einen von Tante Justel. Lise Enns lässt fragen, ob es möglich ist, in eine wärmere Gegend hinüberzuziehen, was sie gerne möchte, weil sie sich nach dem Typhus gar nicht so recht erholen kann. Heute schickte ich ihnen die Adresse von Joh. Jak. Janzen, der im südlichen Kasachstan wohnt.

Ein andern Brief schrieb ich an den medizinischen Feldscher Basche F. A. nach Fedarowka, wo wir vor 2 Jahren gewohnt haben. Weil er tüchtiger Praktiker als Mediziner in hiesigen Verhältnissen ist, frage ich ihn um Rat über die Heilung meiner Brucellose; denn hier ist keine Möglichkeit mit einem Arzt in seinem Annehmzimmer gründlich über eine Frage zu beraten. 

Wir haben gegenwärtig ganz warmes Wetter.

 

23-XI-47.  Sonntag.  Wir haben heute einen sonnigen warmen Tag und noch keinen Schnee, das was ganz Außergewöhnliches für hiesige Verhältnisse ist; vor- und vorvorigen Jahr hatten wir um diese Zeit regelrechten Winter und der Irtysch war schon unter dickem Eis.

Erhielt in vergangener Woche mit großer Verspätung vom Awdejewer Volksgericht einen "исполнительный лист" auf 4500 Rubel.  Etwa zwei Jahre hat sich diese Sache mit unserm Gesuche gezogen, bis endlich durch Druck von Höher das Gericht beschleunigt und uns für die uns anno 1941 vom Novosjolowschen Selpo abgenommene Kuh eine Entschädigung von 4500 Rubel zugesprochen worden.  Sofort schickte ich den "исполнительный лист" an den судебный исполнитель nach Awdejewka, um die uns treffende Summe einzufordern.  Eine Kopie hiervon schickte ich an eine höhere Instanz, um den судисполнитель zu zwingen, die Sache zu beschleunigen.

 

30-XI-47.  Sonntag.  Es wird schon kalt.  Glatteis. Noch kein Schnee.

Gestern und heute abends haben wir uns durch das Besehen nach erhaltener Photographien und Friedas Poesiealbum so manches aus unsrer weiten Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen.  Frieda erzählte aus ihrem Elternhaus und nächsten Verwandtenkreis und besonders von ihrem Onkel Kolja Janzen, von seinem Studium in Melitopol,  Moskau und in der Schweiz;  von seiner Bekanntschaft und Heirat mit Tante Amalie;  Bau ihres Gutes; Tod von Tante Janzen; Drama in der Ehe Kolja Janzen;  Tod der einzigen Tochter Janzens - Therese, an der Schwindsucht;  Grabstein mit der Inschrift: “Nicht auf Erden suche mich, von den Sternen grüss ich dich”!   Im Zimmer über ihrer Photographie: “ in unserm Herzen lebst Du ewig fort”.

 

2-XII-47.  Heute haben wir den ersten kalten Wintertag, etwa -25 Grad.  Der Irtysch ist heute stehen geblieben.  Der Winter hat in diesem Jahr 2-3 Wochen im Vergleich zu gewöhnlich verspätet.

 

14-XII-47.  Sonntag.  Seit Anfangs Dezember haben wir regelrechten Winter und in den letzten Tagen Frost, max.-36,4 Grad.  Schnee verhältnismäßig wenig.  In unserm Zimmerchen ist es wohl warm, aber sobald die Tür geöffnet wird, kommt die Kälte wie eine weiße Wolke in unser Zimmer herein. Unsre Kuh steht im Vorraum, wo gegenwärtig mindestens-15 Grad Frost ist.  Pferde und Kühe sind so eine Kälte hier gewöhnt. Einmal am Tage führen wir die Kuh zum Irtysch zum Tränken. Etwa 10 Tage ist der Irtysch unter Eis und für Schlitten passierbar. In der Regel geht Hans morgens zum Irtysch mit der "Koromyslo" nach Wasser und abends geh ich mit der Kuh zum Tränken. Die Löcher im Eis werden jeden Tag von neuem geöffnet. Der Irtysch mit seinen Ufern im Winter bietet so recht ein sibirisches Winterbild, wie man sich das früher vorgestellt hat.

Vor kurzem kam zu uns mein Cousin Hans Jak. Enns (früher Tiege), der aus seiner 10-jährigen Haft befreit und aus dem Norden zurückgekehrt ist.  Diese 10 Jahre haben tiefe Spuren in seinem Gesicht und an ihm überhaupt zurückgelassen.  Zwei Jahre hat er in einem Lazarett für Tuberkulose zugebracht; eine Lunge ist bei ihm schwer verletzt.

Mit seiner Frau und Kinder hat er seit 1942 jegliche Verbindung verloren.  Heute Morgens fuhr er mit einem gelegentlichen Auto bei diesem großen Frost und in seiner dürftigen Kleidung zu seiner Schwester Mariechen, die 50 km von hier entfernt in einem Kolchos schneidert.

 

15-XII-47.  Gestern und heute wird per Radio berichtet, dass laut Beschluss der Sowjetregierung am 16.XII.47 neues Geld in Umlauf  kommen und das Kartensystem abgeändert wird.  Das sind zwei Maßnahmen von ungemeiner Bedeutung für die Volkswirtschaft im großen und ganzen und für jeden einzelnen Bürger.  Es werden diese Maßnahmen sehr begrüßt und wir setzen große Hoffnung auf sie.

 

21-XII-47.  Winters Anfang.  Wir haben schon bis-38 Grad Frost gehabt.  Unser Quartierchen hat schon sein Examen bestanden — während des großen Frostes war es erträglich im Zimmer; zwar sind einige Kürbisse, die unter dem Bett an der Außenwand lagen, etwas angefroren.

Frieda kränkelt viel an Husten, Asthma und dergleichen.  Mich plagt der Rheumatismus.

Gestern besuchte uns mein guter Freund N. Simani, der gegenwärtig Lehrer der Djolkuduker 10 Stufigen Schule ist und mit mir seit 1942 bekannt ist (Trudarmee - Buguraslan).  Er ist ein gebildeter Mann und hat seiner Zeit das Petersburger Pädagogische Institut besucht; stammt aus der Krim.

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1948

 

1-I-48.  Wiederum ein Jahr hier in der Fremde hinter uns.  Mit großer Genugtuung und Dankbarkeit können wir konstatieren, dass das verflossene 1947 Jahr schon bedeutend leichter für uns gewesen ist,  als die vorherigen Jahre hier im Kasachstan.  Materiell geht es uns bestimmt besser:  wir haben wohl ein sehr kleines, aber wärmeres Quartier, als im vorigen Jahr um diese Zeit, haben eine Kuh, die uns gegenwärtig noch jeden Tag 3 Liter Milch gibt, haben fast 100 Pud Kartoffel im Keller, haben die Möglichkeit Brot, Fett und sogar Zucker zu kaufen, besonders seit der Abänderung des Kartensystems und Geldreform, haben schon für jeden ein Lager und für Kleidung ist auch schon Aussicht. Kurzum, materiell geht’s uns schon besser. Gott, sei dank! 

Was unsrer Gesundheit anbetrifft, so bleibt viel zu wünschen übrig. — Frieda leidet an ihren Lungen, Asthma und zu Zeiten an Schwermut.  Bei Hansi und mir hat man Brucellose entdeckt die uns durch ihre rheumatischen Schmerzen oft quält, und weil noch keine radikale Heilmethode vorhanden ist, macht uns dieses Leiden oft große Besorgnis.  Unser Heinz jedoch ist, Gott sie dank, immer schön gesund, trotz seiner schweren Arbeit und schweren Lebensverhältnissen.

Was uns besonders besorgt macht sind die Probleme, wann, wo und wie wir endlich mal wieder ein beständiges Heimatplätzchen finden werden, wann unser Heinz mal wieder bei uns wird bleiben können, ob und wann wir uns nochmal mit unsern Geschwistern nah und fern wiedersehen werden, wie wir unsre Jungen zu guten Kenntnissen, einem tüchtigen Beruf und edlen Lebensgefährtinnen verhelfen könnten.

Wir haben schon eine Woche warmes Wetter, Heute sogar Tauwetter.

Während ich dieses schreibe, ist Frieda zur Andacht gegangen, die hier in einem kleinen Privatquartierchen an der Peripherie der Stadt seit einiger Zeit an den Sonntagen stattfindet.

 

4-I-48.  Sonntag.  Zu unsern gewöhnlichen Gängen am Sonntag Morgen gehört der Gang zum Bazar, während dem wir unsre nötigsten Einkäufe machen.  Seit der Geldreform und Abänderung des Kartensystems sind die Marktpreise sehr gefallen: das Verhältnis der Preise vor 2 Monat und jetzt sind folgende: Schlichtmehl damals 250-300 Rubel, gegenwärtig 80-100 Rubel.  Hirsegritze dasselbe;  frische Butter damals 110-125, jetzt 50 Rubel; Kartoffel damals 20 Rubel der Eimer, jetzt 5 Rubel;  eine Fuhre Heu damals 200-300 Rubel, jetzt 80-100 Rubel und dergleichen. Schlichtbrot ist in den Läden immer zu haben für 3,20 Rubel,  Zucker zu 12 Rubel à  Kilo.

Frieda und ich lesen uns gegenwärtig einen historischen Roman “Der Adjutant der Kaiserin” von Gr. Samarow.

 

11-I-48.  Sonntag.  Heute sind die Wahlen in die örtliche Räte Kasachstans.

 

26-I-48.  Im Laufe einiger Wochen bin ich so überbürdet gewesen mit meiner Jahresabrechnung, dass ich keine Zeit fand, Notizen zu machen.  Heute habe ich meine Arbeit beendet und morgen - übermorgen fliegt unser Direktor mit der Abrechnung nach Alma- Ata.  Ich habe den Rechnungsbericht selber geschrieben, auch auf der Schreibmaschine gebracht.  (11 gedruckte Seiten)

Die erste Hälfte des Januar hatten wir gelindes Wetter, seit einigen Tagen haben wir wieder starken Frost (bis -31 Grad)

 

1-II-48.  Sonntag.  Die ganze Woche Frost 25-30 Grad.  Etwa 2 Wochen lang fühlte ich ziemlich rheumatische Schmerzen in den Gliedern und besonders im Kreuz und gleichzeitig hatte ich fortwährende Herzarrhythmie, so dass ich keine physische Anstrengung haben durfte und auch nur ganz langsam gehen musste;  seitdem wir wieder ein mehr beständiges und kaltes Wetter haben sind die rheumatischen Schmerzen und auch die Herzbeschwerden verschwunden.  Sollte das alles zusammen hängend sein ? In kalten Tagen hat Frieda immer Asthma.  Dann leidet sie auch öfters an der Schwermut, besonders in trüben Tagen, nach Fleischkost, in Einsamkeit;  unser kleines an der Nordseite gelegenes und nur mit einem Fensterchen versehenes Zimmer will ihr immer wie eine Gefängniszelle scheinen und bedrückt ihr das Gemüt. Wir gerne möchte man mal all diese Gründe beiseitigen.

Habe gestern und heute 4 Briefe geschrieben:  Wilhelm Neufeld (früher Fürstenau), Pet. Joh. Dück, Hans Jak. Enns und unsern Heinz.  Ganz unverhofft erhielt ich vor einigen Tagen von Heinr. W. Neufeld eine Karte aus dem Tscheljabinsker Gouvernement.

 

4-II-48.  Nach einer monatlichen Unterbrechung haben wir mal wieder einen Brief von unserm Heinz. Ebenfalls auch von Schwester Anna.

Gestern hatten wir -32 Grad Frost.

Gestern ist unsre frühere Wirtin Лидия Эдмундовна gestorben.  Die ist uns stets in guter Erinnerung.

 

12-II-48.  Hatten 3 Tage einen Gast, Irma Tomsen.  Sie ist auf Urlaub zu ihrer Muter und Geschwister gekommen und befindet sich seit 1942 auch dort, wo unser Heinz arbeitet.  Sie ist mit ihm dort nahe befreundet und hat uns somit mündliche Nachricht von ihm gebracht. Die Verhältnisse sind dort bedeutend besser geworden in allen Beziehungen.

Heute haben wir -25 Grad Frost.

 

15-II-48.  Sonntag.  Fast Tauwetter.  Unser einziges Fensterchen ist beinah ganz abgetaut, eine große Seltenheit.  Frieda ist froh, dass sie mal durchs Fenster schauen kann, zwar ist da nur die Lehmhütte unseres Nachbars zu sehen.

Vormittag stand ich einige Stunden auf dem Bazar in der очередь nach Sonnenblumenöl; ich kaufte ein halb Liter für 20 Rubel (à Liter 40 Rubel).  Wir sind mit unserm Gelde ganz am Ende, daher konnte ich nicht 1 Liter kaufen. Nachmittag wuschen wir unsre Kuh mit Kreolin, weil sie einige Exemastellen hat.

Haben in der Woche einen Schlitten Heu für 55 Rubel gekauft, was sehr billig ist.

 

17-II-48.  Haben schon 2 Tage Sturm und Frost 24 Grad.  Heute gegen Abend waren außergewöhnliche Nebensonnen und 2 Ringe um die Sonne.  Dem Blick über den starren Irtysch nach der untergehenden Sonne bot sich ein recht schauriges sibirisches Winterbild, wie man das Seinerzeit nur auf Bilder der Polarreisenden sah.

 

19-II-48.  Gestern hatten wir 33 Grad Frost, Heute 27 Grad.

 

29-II-48.  Sonntag.  Bis gestern hatten wir Frost 24-26 Grad, heute - gelinde und Schnee.

 

3-III-48.  Schneegestöber; den 2. Tag 32 Grad Frost.

Seit dem 1.III. ist schwer Brot zu kaufen.

Den ganzen Winter über werden Häuser gebaut aus Holz.

Oft trifft man auf der Strasse einen 15-jährigen Jungen mit einem Bein, der Schlittschuh auch Schneeschuh läuft.

 

5-III-48.  Heute um die Mittagszeit legte sich der Sturm.  Gestern hatten wir außergewöhnlich starkes Sturmwetter; alle viertel Stunden pfiffen die Fabriken, um den Irrenden in den Steppen zu signalisieren.

Den 4. Tag haben wir schon nicht Brot kaufen können.

 

7-II-48.  Sonntag.  Wieder Wind.

Heute Morgens vor Frühstück gingen wir alle drei, Frieda, Hans und ich auf die Suche nach Brot, da wir schon 5 Tage nicht Brot bekommen hatten.  Zuerst ging ich auf den Bazar und merke zu meinem großen Bedauern, wie sich die Marktsituation in einer Woche verändert hatte, kein Mehl auf dem Markt, kein Heu, kein Vieh, die Preise auf Fleisch, Butter und Milch gestiegen. In furchtbarem Gedränge gelang es Hansi und mir Brot zu kaufen.

 

10-III-48.  Gestern und vorgestern hatten wir sehr starkes Schneegestöber.  Vorgestern bekamen wir einen sehr seltenen Brief von Schwester Mariechen durch Frau Anna Klassen.

 

14-III-48.  Sonntag.  Dieser sibirische Winter fordert jedes Jahr seine Opfer.  Während diesem Schneegestöber hat es wieder viel Menschenleben gekostet: 2 Lastauto mit 18 Mann fuhren kürzlich während dem Sturmwetter hier im Pavlodarschen Rayon, die Maschinen blieben stecken im Schnee und so versuchten die Menschen in ihren Pelzen zu Fuß weiter zu gehen, blieben jedoch alle am Wege liegen und erfroren.  Im Kolchos “Rote Fahne” geht früh Morgens eine Kälberwärterin aus ihrem Quartier zum Kälberstall bei starkem Schneegestöber und ist spurlos verschwunden und so viele andre.

Mit der Brotversorgung steht es bei uns gegenwärtig sehr schwach, es kostet viel Mühe 1 Kilo Brot zu bekommen; bei uns ist es nur Hansi seiner physischen Kraft halber im Stande hin und wieder Brot zu bekommen.  Ein Glück , dass es uns gelungen ist aus einem Kolchos 2 Pud Mehl zu kaufen.

 

20-III-48.  Tauwetter.  Kehrte gestern spät abends von einer “Komandirowka” zurück; habe in 4 Tage eine Strecke von 130 km auf einem Schlitten zurückgelegt.  Wenn man so allein durch die weiten, mit Schnee bedeckten sibirischen Steppen fährt, wo ringsum wie auf dem Meer außer Horizont nichts zu sehen ist, dann steigen in mir gewöhnlich Gedanken über die Weltanschauungsfragen auf,  und ich suche dann einen festen Haltungspunkt in unsrer christlichen Weltanschauung.

Am Tage als ich losfuhr, den 16.III. war mein 56. Geburtstag.  Man erschrickt fast, wenn man stille steht und darüber nachdenkt, wie alt man schon ist.  Obzwar jedoch meine physische Kräfte schon allmählich schwinden, so kann ich das von meinen geistigen Kräften und Frische nicht sagen;  möchte sie mir nur noch lange erhalten bleiben, damit ich doch unsern Lebensunterhalt selber verdienen könnte.  

Gestern wie ich so mit meinem ermatteten Gaul langsam stundenlang fuhr und Muße hatte zu denken, dachte ich auch dran, mit was für Jugendträume ich ins Leben ging und wo ich mit 56 Jahre angelangt bin.

 

23-III-48.  Landregen.  In unserm Ställchen regnet es fast so wie draußen.  Ich kaufte heute einen Schlitten Heu für 40 Rubel, welches wir nach hiesigem Gebrauch aufs Stalldach stauten, wodurch ein Teil des Stalles etwas vor dem Regen geschützt ist.

Hansi und ich haben in diesen Tagen nasse Füße, weil so viel Wasser auf den Straßen ist und unsre Schuhe nicht wasserdicht sind.

Erhielten Gestern durch Irma Tomsens Brief Nachricht von unserm Heinz, worauf wir schon sehr warteten.

 

4-IV-48.  Sonntag.  Der Frühling naht nur sehr langsam; nachts haben wir gewöhnlich Frost und am Tage Sonnenschein, Regen oder Schnee, auf unsrer Straße ist noch viel Schnee und der Irtysch ist noch starr unter Eis. Einzelne Stare zeigten sich schon.

Weil wir schon über einen Monat keine Nachricht direkt von unserm Heinz bekommen haben, fragten wir heute einmal telegraphisch an.

Durch dieses unbeständige Wetter spüren Hansi und ich sehr rheumatische Schmerzen in den Gliedern.

Unsre Kuh steht schon 2 Monat trocken und lässt noch immer auf sich warten.

Brot haben wir die ganze verflossene Woche nirgends in den Läden erhalten können.

Frieda plagt öfters ihr altes Magenleiden.

Jeden Abend lesen wir uns einige Geschichtchen von Tschechow.  Es ist wohl viel Humoristisches aber kein Glück in seinen Schriftchen zu finden.

 

6-IV-48.  Schon den 3. Tag haben wir wieder tiefen Schnee.

Heute hat endlich unsre Kuh gekalbt.  Weil es im Ställchen so nass und kalt ist, haben wir das Kälbchen in unsrem kleinen Zimmer.

Endlich haben wir mal einen Brief von unserm Heinz;  leider schreibt er, dass er keine Erlaubnis bekommen kann während dem Urlaub zu uns zu kommen.

 

16-IV-48.  Haben wieder einige Tage Frost, Schnee und Wind.  Von Heinz haben wir nacheinander 4 Briefe erhalten, in denen er berichtet, dass er Aussicht hat, zu uns zu kommen und zwar auf immer.  Wir müssen ihm nur die entsprechenden Ausweise schicken.

Ich soll auf etwa 10 Tage auf “Komandirowka”; es bietet sich nur noch keine passende Fahrgelegenheit.

Habe eine Prämie vom landwirtsch. Ministerium erhalten von 1960 Rubel, wovon ich 777 Rubel in die Bank eingetragen habe auf die Bestellung eines Gebisses für mich.  Fast eine Woche quält man mich schon mit dem Maß nehmen zum Gebiss.

 

25-IV-48.  Sonntag.  Gestern kehrte ich zurück von einer 7-tägigen Komandirowka aus den Kolchosen.  Weil diese Fahrt schon noch mit Strapazen verbunden war, so fühle ich mich nach der selben echt matt und empfinde Schmerzen in meinen Gliedern. Wie ich losfuhr hatten wir noch kaltes Wetter;  Heute ist es schon warm.  Damals war der Irtysch noch unter Eis,  heute gehen schon die Schiffe.  In den Dörfern sind noch haushohe Schneedünen. Sobald der Schnee auf den Feldern hier anfängt zu verschwinden, wird das Vieh auf die Weide getrieben.  Es ist wohl noch kein frisches Gras,  aber altes ist noch viel vorhanden.

Unter anderm war ich in dem Kolchos namens Kirow, wo unser Cousin Hans Enns aus Tiege seit seiner Rückkehr aus der Verbannung als Scherman arbeitet.  Seit der Okkupation der Ukraine von den Deutschen hat Hans Enns jegliche Verbindung mit seiner Frau und Kinder verloren.

Zu unserm großen Erstaunen hat er sich vor einer Woche mit einer geschiedenen Frau aus dem Kolchos “Kirow” verheiratet, d.h. sind einfach zusammengetreten ohne jegliche bürgerliche oder kirchliche Trauung.  Weil sie nach heutigen Begriffen etwas bemittelt ist, d.h. eigen Haus, 2 Kühe, Schafe, und genügend Produkte hat, so ist Hans Enns dadurch aus seiner materiellen Not einstweilen herausgerettet;  er lud mich zu sich zu Nacht und zum Essen ein, versuchte diesen seinen Schritt (Heirat) mir, zwar etwas ungeschickt, zu erklären, und ich musste eine freundliche Miene zum bösen Spiel machen.  Mit seiner Schwester Mariechen (Frau Cornies), die ein großes Original ist,  ist er nach seinen Worten in diesen 2-3 Monaten ihres Beisammensein, ganz, “über den Bogen” gekommen. Uns, und besonders Frieda, hat dieser Schritt des Hans Enns sehr verwundert. Was wird nur seine Familie noch mal dazu sagen, wenn die noch am Leben ist und dieses erfahren wird.

Unser Direktor, ein Kasach, ist gestern eiligst zum Begräbnis seines Bruders Tochterchen gefahren.  Es war das einzige Kind und wohl schon das 18te, das ihm von 2 Frauen gestorben sein soll.  Es ist auffallend, wieveiel Kinder bei den Kasachen sterben.

Es ist empörend, was sich viele der heutigen jungen Männer den Frauen gegenüber zu Schulden kommen lassen.  Ein furchtbarer sittlicher Verfall. Vor einigen Tagen erfuhren wir vom Schicksal der Tochter von Friedas Freundin Frau Tomsen, Helga, welche vor etwa 8 Monate einen Witwer ihres Sowchos heiratete.  Seine Frau hatte sich laut Gerede seiner Untreue halber vergiftet; dann heiratete er die Helga, mit der er etwas über ein halb Jahr zusammen lebte; um einen Monat muss Helga ins Wochenbett und jetzt hat er schon wieder ein andres Mädel geheiratet.  Wo führt das nur hin! 

 

1-V-48.  Maifeier.  Ein recht warmer und sonniger Tag.  Schon noch festliche Stimmung.  Können uns, Gott sei Dank, auch schon einen guten Tisch leisten.  Es gelang uns vor einer Woche 2 Pud graues und 2 Pud weißes Mehl zu mäßigen Preis zu kaufen.  Kartoffel haben wir noch genug.  Unsre Kuh gibt uns bis 13 Liter Milch den Tag.

Seit Anfangs April bin ich außer meiner Hauptarbeit noch als Mitarbeiter einer Forschungsstation angestellt, das mir einige Hundert Rubel Zuschuss zu meiner Gage gibt und unsre materielle Lage noch etwas verbessert.

Gestern wurde ich von Röntgenstrahlen  durchleuchtet;  meine Lungen findet man gesund; Blut und Urinanalyse  normal.  Wäre nicht die Brucellose, könnte ich mit meinem Gesundheitszustand zufrieden sein.

Friedas Gesundheitszustand ist eigentlich auch besser, als im vorigen Jahr.  Sie ist jedoch zu sehr mit unsrer häuslichen Arbeit gebunden, denn sie hat keine Gehilfin.

Hansi leidet etwas unter der Brucellose, denn er ist ziemlich mager. Von Heinz seine Gesundheit wissen wir so viel, dass sie gut ist.  

Frieda hat in dieser Woche hier in der kleinen Brüdergemeinde das Abendmahl genommen.  Heute hat man da ein Mahl organisiert, woran auch Frieda teilnimmt.

 

2-V-48.  Ostersonntag.  Während ich Vormittag auf dem Bazar war, las Hansi die Saatkartoffel im Keller aus.  Dann lasen Frieda und ich uns die Ostergeschichte aus der Bibel. Wie gerne möchte ich mal mit erfahrene und aufgeklärte Christen über all diese großen Fragen sprechen; schon fast 20 Jahre nicht in einer Andacht gewesen. 

Frieda ist abends zur Andacht gegangen.  Ich bin noch nicht da gewesen, weil ich auf Grund der Erfahrung noch zu viel Bedenken habe.

 

11-V-48.  Ganz unverhofft hatten wir gestern und heute Gäste.  Frau Käthe Esau mit 2 Jungens, J. Esau’s Frieda mit ihrem Jungen und Erna machten bei uns Station auf dem Wege von Matagul, in dem sie seit 1941 sich aufgehalten haben, nach Krasnokamsk zu ihren Kindern und Schwestern, die dort in der Trudarmee sind.  Frau Käthe Esau mit ihren Jungen waren nur sehr ärmlich gekleidet und ihr ganzes Aussehen zeugte von den 7 sehr schweren Jahren die sie hier im Kasachstan durchlebt haben.  Des Morgens gingen sie zur Station, um abzufahren.

Sonntag den 9 Mai setzten wir Kartoffel (14 Eimer).

 

13-V-48.  Gestern und heute haben wir einen schönen Landregen, der die allgemeine Stimmung der Landwirte sehr gehoben hat.

 

26-V-48.  Ich war eine Woche auf einer Komandirowka im Nachbarrayon. 

Sonntag feierten wir Friedas 52. Geburtstag; zu Besuch hatten wir eine Bekannte d. Frau vom Kaukasus, Frau Krann; wir gingen abends zusammen ins Kino zum Film “Без вины виноватые”.

Gestern hat man mir probeweise die obersten Zähne eingestellt; ich kann mit den Zähnen weder Essen, noch normal sprechen.  Es wird doch wohl eine ziemliche Qual sein, bis ich mich dazu werde gewöhnt haben.

 3 Juni 1948.  Ein bedeutender Tag für unsre Familie. Am 3 Juni 1923 feierten wir unsre Hochzeit. 25 Jahre sind seit dem verflossen.  Wie rasch sind diese 25 Jahre dahin geflossen.  Und doch, wenn man etwas etappenweise analysiert, was sich in diesen Jahren zugetragen hat, was wir einst waren und was wir jetzt sind, so ist es, doch eine geraume Zeit in der Geschichte unsrer Familie. Damals waren wir noch jung, gesund und voller Hoffnung und Lebensmut;  Heute haben wir über ein halbes Jahrhundert hinter uns, unsre physische Kräfte sind teilweise gebrochen; und dennoch, dank Gottes Beistand,  ist uns unsre Hoffnung und Mut (zwar andrer Arts) noch geblieben. Nie hätten wir es in unsrer Jugend geglaubt, dass sich unser Leben so gestalten würde.  Hinausgeschleudert aus unsrer Heimatstädte, verloren Hab und Gut, vollständig geschieden schon jahrzehntelang von unsern Verwandten und Bekannten,  in Sibirien arm und bloß, das ist unser Los heute. Was für eine weittragende Folgen ein Schritt im Leben des Menschen und in einer Familie haben kann, haben wir bitter erfahren müssen. Wir gingen unsre eigene Wege und folgten nicht Eltern und Geschwister.  Wir waren damals jung und hatten unsre Überzeugungen.

Trotz der furchtbar schweren Zeit haben wir auch viel Freude und Glück in unsrer Familie gehabt.  Unsrer größtes Glück fanden wir in unserm engen Familienkreis, mit unsern lieben Kindern, zwei Mädels und zwei Jungen; und unser größtes Leid und Schmerz, den wir nie geahnt hatten, fanden wir in dem Tod und Verlust unsrer beiden lieben Mädel. Als erfahrene, frühzeitig gealterte Menschen stehen wir nun da und blicken zurück auf das tiefe Tal, dass wir im Laufe der 25 Jahre zusammen durchwatet haben und danken Gott, dass wir zusammen sind und es etwas bergan geht und wir hoffnungsvoller in die Zukunft blicken dürfen.

 

10-VI-48.  Wir haben schon einige Wochen kühles regnerisches Wetter.  Die Ernteaussichten sind gut.

Heute zu Uhr elf des Morgens musste ich mich beim Kommandanten stellen.  Es ist nämlich eine Anfrage von Kujbyschewo eingetroffen inbezug auf unsrem Heinz seine Verwandten hier.  Man verspricht ihn herauszurufen.

 

16-VI-48.  Vorgestern des Nachts hatten wir Gewitter, was uns an die Gewitter in unsrer Heimat erinnerte.

Vor kurzem hat man Hansi’s Brust durchleuchtet und zu unsrer Genugtuung ganz rein und normal gefunden.

Schon 4 Tage fühle ich rheumatische Schmerzen in meinen Gliedern und gleichzeitig haben sich bei mir die Ausfälle des Pulses wieder gefunden.  Ich fühle mich auch ziemlich schwach.

Wieder muss ich auf “Komandirowka”.

 

27-VI-48.  Sonntag.  In der verflossenene Woche habe ich etwa 200 km mit einem Pferdchen durch die sibirischen Steppen gemacht.  Die Mücken haben mich sehr gequält.  Auf dem Wege den Irtysch entlang sind furchtbar viel Bremsen.  Eine sibirische Geduld muss man haben, um diese große Strecken mit einer Geschwindigkeit von 5-6 km in der Stunde zu passieren, nur Steppe, selten einmal ein Feld mit Getreide, und noch seltener begegnet man ein Fuhrwerk.  Auf den Hauptwegen bewegen sich Lastautos.

Gestern hatte ich einen “Fasttag”, von vorgestern abends bis gestern Uhr 12 abends absolut nichts gegessen und getrunken.  Es fehlt mir die nötige Frechheit zu fordern da, wo ich in meiner Lage das Recht dazu habe; die alte Erziehung und Höflichkeit.  Die heutigen Leute finden sich besser zurecht.

Die Ernteaussichten sind verhältnismäßig gut.

 

4-VII-48.  Haben gegenwärtig sehr heiße Tage.  Hansi und ich baden uns jeden Tag im Irtysch.  Gestern hackten wir zu dritt zum 2-ten mal unser Kartoffelfeld.

Ich fühle einige Wochen körperliche Schwäche.

Trotzdem Hansi  im Laufe des Winters den ersten mathematischen Kursus durchgegangen ist, ist er aus materiellen und sonstigen Gründen nicht ins Institut gefahren, Examen abzulegen.  Wie mir seinerzeit, treten auch ihm überall Hindernisse in den Weg, weiter zu studieren.

Unser Heinz kommt noch immer nicht.  Es ist schon höchste Zeit, dass er einmal aus der Atmosphäre der Trudarmee herauskommt.

 

18-VII-48.  Sonntag.  Den 12.VII. erkrankte ich plötzlich an der Desinteri, so dass ich gegen Abend sehr schwach wurde und fast in Ohnmacht fiel und Kampfer einnehmen musste.  Ich sollte eigentlich an demselben Tage mit einem Vertreter einer Versuchsstation, Andrejew, an der ich auch als Mitarbeiter gezählt werde, auf “Kamandirowka” fahren; musste es jedoch ausfallen.  Am 16.VII. fand eine Versammlung der Vertreter der Kollektive mit Rindviehzuchtfarmen statt, an der ich als ältester Spezialist des “Gosplemrassadnik” unbedingt teilnehmen sollte um einen Vortrag über die Zuchtarbeit auf diesen Farmen zu halten. Weil ich nun zu Hause krankheitshalber einige Tage war, gelang es mir, mich zu diesem Vortrag vorzubereiten. Mein Vortrag war der erste auf der Tagesordnung und als zweiter ein wissenschaftlicher Vortrag des Genossen Andrejew.

Im Kolchos nahmens "Kirow" hat ein Blitzschlag wiederum mehrere Menschen auf einmal verletzt, unlängst 4 und dieses mal 6 Frauen, wovon 2 tödlich.

Heute Morgen starb im Nachbarhaus ein alter russischer Mann von etwa 75 Jahre.  Seine Frau, die mit ihm über 40 Jahre zusammengelebt hat, verliert keine Träne und spricht ihre Genugtuung über den Tod ihres Mannes aus.  Sein Sohn mit Frau, bei denen die Alten leben, die doch das Herannahen des Todes ihres Vaters sahen, fuhren Gestern auf eine Woche weg.  Wie sind die Menschen doch so gefühl- und herzlos geworden.

 

 

 

 

1-VIII-48.  Sonntag.  Im Laufe von 2  Wochen steht hier sehr heißes Wetter;  das Getreide reift mit Macht;  das Getreidekorn schrumpft zusammen, so dass die Ernte bedeutend geringer sein wird, als man vor 2 Wochen noch erwartete.

 

9 Tage war ich auf Komandirowka in den Kollektiven des Pavlodarer Rayons.  Ich habe sehr unter der Hitze gelitten und ziemlich abgemagert, wiege gegenwärtig nur noch 52 Kilo.

 

12 Tage logierte bei uns eine Frau Anna Esau, wohnhaft gegenwärtig auf dem Sowchos “Oktjabrskiy”, die eine schwere Operation am Halse durchmachen musste.

 

Von Heinz haben wir inzwischen einen Brief mit einer Photographie bekommen, wo er mit einer Maria Treichel nebeneinander stehend photographiert ist. Aus seinem etwas undeutlichem Brief kann man wohl schließen, dass er sich schon mit ihr verbunden hat. Wenn dem so ist, dann warten wir auf ihn wohl gegenwärtig umsonst, was uns traurig stimmt.  Frieda hat brieflich um volle Klarheit hierüber gebeten.  Wir werden Stellung dazu nehmen müssen;  Liebe und Weisheit soll dabei dominieren.

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8-VIII-48.  Sonntag.  Es hat in dieser Woche etwas geregnet und damit die Stimmung gehoben, weil unter der großen Julihitze alles sehr litt.

Anno 1945 begann ich den Prozess mit dem Novoselowschen Selpo wegen der von uns an 1941 auf Желанная abgenommenen Kuh, und in vergangener Woche erhielten wir endlich statt 4500 Rubel, die uns im vorigen Jahr gerichtlich zugesprochen waren, nur 450 Rubel, wogegen die Kühe gegenwärtig 3-4000 Rubel kosten.  Dieses Geld schickten wir sofort Schwester Anna damit uns dafür etwas billige Ware schicken könnte.

Laut Heini’s letzten Brief ist doch zu sehen, dass er sich verheiratet hat.  Wir müssen das jetzt eben als geschehene Tatsache ansehen, unsern Segen dazu geben und ihnen mit elterlichen Rat beistehen. Wir haben unserm Heinz genügend gewarnt, so jung und in seiner unbestimmten Lage dort in der Fremde zu heiraten.  Unsre Genugtuung ist, dass er ein deutsches Mädel geheiratet.  Wir wollen uns jetzt bemühen einstweilen brieflich mehr mit ihr bekannt zu werden.

 

22-VIII-48.  Sonntag.  Etwa vor einer Woche schrieben Frieda und ich an Heinz und seiner Frau Marusja einen Brief, in dem wir ihnen unsern elterlichen Segen und Glückwünsche zum Ehebund schicken.  Weil wir nicht für Heinz Heirat in diesem seinem Alter und jetziger Lage waren, so wagte er es nicht offen zu gestehen, dass er geheiratet hatte und machte nur Andeutungen in seinen Briefen.  Wir wollten ihn jedoch nicht länger mit unserm Schweigen darüber quälen, insofern es schon geschehen ist und 6 Jahre ist unser Junge ohne uns in der Fremde gewesen und in Verhältnissen, die einen großen Einfluss auf seine Charakterbildung und junge Psyche ausgeübt hat.  Aus seinen öfteren Briefen ist, Gott sei dank, doch zu merken, dass die Einflüsse seiner Kindheit im Elternhause und die Luft, die er damals eingeatmet hat, noch ihre Wirkung nicht verloren haben. Wir hofften ja ihn als unsern Jungen bald wieder in unsrer Mitte zu haben. So ganz anders ist es jedoch jetzt, nachdem er sich verheiratet hat.

 

Sonntag.  5-IX-48.  Erhielten vor kurzem einen Brief, den ersten, von unsrer Schwiegertochter, Heinz Frau  Marusja, in dem sie uns von sich und ihrem Eltern Näheres berichtet.  Ihr Brief hat auf uns einen guten Eindruck gemacht.  Den zweiten Teil des Breifs schreibt Heinz, in dem er uns die genauen Daten seiner Heirat berichtet.  Er hat sich also den 10 Juli verheiratet und den 21 August haben sie ihren Ehebund staatlich registriert.

Heinz spricht ja in seinem Brief die Hoffnung, dass sie doch werden zu uns kommen können.  Zu unsrer größten Sorge gehört jetzt die Quartierfrage.  Jeden Tag suchen wir und können bis heute noch nichts passendes für uns finden. Zudem fordert man ganz unerhörte Quartierpreise, meistens 200 Rubel den Monat und fürs halbe oder ganze Jahr voraus zahlen.

Ich bin fast 2 Wochen in einer Komandirowka gewesen, führte die sogenannte “Bonitirowka” des Rindviehes auf den Zuchtfarmen durch   So manche Kuh und Rind ist wieder durch meine Hände gegangen.  Außer dem habe ich 75 junge Zuchtbullen gekauft. So gut ich seiner Zeit die Deutsch-Rotekuh kannte, so kenne ich jetzt schon die Pavlodarsche Simentaler Rasse.

Hansi ist Gestern mit einer Gruppe junger Arbeiter des “Oblso” auf einen “воскресник” in einen Nachbarrayon gefahren.  Gestern vor dem Abfahren merkte ich nur wie ihn die russischen Mädels des Oblso umschwärmten. Möchte er nur mal die passende Wahl für sich aus unsrer Mitte treffen.

Ich tränkte soeben unsre Kuh in dem Irtysch und merkte, wie flach dieser Fluss dank der Hitze und Dürre geworden ist.

Ganz unverhofft hatten wir heute Gewitter, jedoch fast ohne Regen. Einen Platzregen, wie wir den bei uns in der Ukraine hatten, kennt man hier nicht.  Die platten kasachischen Lehmdächer wurden so einem Regen auch nicht stand halten.

 

12-IX-48.  Sonntag.  Nach sehr langem Suchen habe ich heute endlich einmal ein Quartier gefunden.  Es ist zwar vom Zentrum der Stadt und somit von unsrer Arbeitsstelle entfernt und auch sehr teuer, aber es scheint mir ein ganz gutes Quartier zu sein.  200 Rubel monatlich und ein halb Jahr voraus bezahlen.  Ich möchte jedoch ein Quartier und Heim haben, in dem man sich wohl fühlt, ausruhen kann und die Hauptsache, dass Frieda, die immer ihre Zeit im Quartier zubringen muss, sich darin wohl fühlt und nicht schwermütig wird.  Wir werden wohl auch wie viele andre an das Bauen eines eigenen Häuschen denken müssen.

Gestern erhielten wir von Heinz einen Brief, in dem er schreibt, dass er die Erlaubnis bekommen hat, zu uns zu kommen.  Er wirkt jetzt um die Erlaubnis für seine Frau.  Wenn er jetzt allein wär, könnte er schon kommen. Dies gerade befürchteten wir, als er uns von seinen Heiratsplänen schrieb.

Für uns Deutsche ist es gegenwärtig strenger geworden.  Ein jeder muss bei dem Komendanten eine Verpflichtung unterschreiben, dass er ohne Erlaubnis nicht aus der Stadt fahren wird, um nicht sehr streng bestraft zu werden (bis 10 Jahre).

 

21-IX-48.  Drei Tage waren wir mit dem Abräumen unsers Bastans beschäftigt; zum Glück war das Wetter schön. Hatten uns auch noch 2 deutsche Frauen zur Hilfe genommen, denen wir den Tag 4 Eimer Kartoffel zahlten.  Unsre Ernte besteht aus 25 Sack Kartoffel (ziemlich kleine), eine kleine Fuhre Kürbisse und etwas Sonnenblumen, Gurken und Melonen.  Diese Arbeit hat soviel Zeit in Anspruch genommen auch noch deshalb, weil der Bastan 8 km von unserm Quartier entfernt ist. Diese Arbeit auf dem Felde, der Geruch der Sonnenblumen, Kürbisranken, Kräuter usw., erinnert uns an unsre Heimat und schöne ferne Vergangenheit.

Ich erhielt diese Tage 2 Briefe von den Brüdern Hans und Abrahm Bärg, Söhne des Homeop. J. Bärg aus Blumenort. Es sind wohl 13-14 Jahre her, seit dem ich diese beiden zum letzten mal gesehen habe.  Seitdem waren sie beide verschollen.  Schrecklich viel haben diese beiden Brüder durchgemacht.  Abrahm,der jüngere war anno 1934 nach Sibirien verschickt und zwar in die Nähe von der Stadt Karaganda, wo er als Zootechniker auf einer Versuchstation arbeitete.  Es waren daselbst auch verschiedene Professoren, Arbeiter der Viehzucht, die in Verbannung waren. In der Mitte dieser hochqualifizierten Spezialisten der Viehzucht ist Abr. Bärg zu einem tüchtigen Spezialisten herangewachsen und bekleidet gegenwärtig einen guten Posten als Zootechniker in der Stadt Karaganda.

Sein Bruder Hans hat eine bedeutend schwere Zeit hinter sich.  10 Jahre in der Verbannung; seinen Fuß und Gesundheit verloren.  Seine Frau, gewesene Erna Neufeld, Tochter des Sofigewer(?) Gerh. Neufeld, war inzwischen mit ihrer Familie in den Kasachstan verschickt, daselbst ein Auge verloren, liegt gegenwärtig schwer an der Schwindsucht darnieder.  Lena Bärg und Jasch Bärg sind spurlos verschwunden.  Ihre Mutter hier schon gestorben.

Hans Bärg schreibt von mehrere gemeinsame Bekannte, die mit ihm in der Verbannung waren und dort gestorben sind: Abr. Abr. (Das letzte Blatt ist hier zerrissen) und Hans Klassen Rosenort.  Ub. Ub. Regier Blumenort unweit von ihm gestorben.  Er. Andp. Neufeld (Mindestens ein Wort fehlt)  sein Schwiegervater ist anno 1939 gestorben.

 

2-X-48.  6 Tage hatten wir einen Gast, Irma Tomsen, die befreit aus der “Trudarmee” von der Station Pochvistnevo, wo auch unser Heinz ist, zu ihrer Mutter zurückkehrte.  Sie hat uns so manche mündliche Nachricht von unserm Heinz gebracht.

Den 27.IX. wurde unser gemietetes Quartier frei und wir zogen hinüber.  Wie fühlt man sich doch so ganz anders in einem geräumigen Quartier.  Beim Hinüberziehen hat uns Irma Tomsen sehr geholfen.  Trotz ihrer schwachen körperlichen Konstitution ist sie in Folge ihrer Gewohnheiten aus der Trudarmee im Stande tüchtige physische Arbeit zu leisten.

Seit einigen Tagen ist es bedeutend leichter mit dem Brotkaufen in den Läden geworden; sofort sind auch die Mehlpreise auf dem Markt gefallen.  Schlichtmehl kostet gegenwärtig 75 Rubel das Pud.

Die Geschwister Lise und Lena Enns (Friesen) sind vor 2 Tage von Mokam in unsre Stadt gezogen.

Erhielten vor kurzem einen Brief von J. J. Janzen.  Der Brief ist sehr humoristisch gehalten; er schildert in humoristischer Weise seine Lage in der Familie als alter Intelligent unter der Umgebung seiner wirtschaftlichen Frau und Sohn. Man merkt sofort die Schriftstellerische Ader der Janzenfamilie.

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Heft 7 - Fortsetzung der Familienchronik - H. Dück, Pavlodar, 1948 - 1950

(Das Heft hat einen dünnen Umschlag und kariertes Papier, auf dem mit blauer Tinte geschrieben wurde. Nur einmal wird die Tinte grün. Der Text ist gut lesbar.)

 

1-XI-48.  Montag.  Frost, jedoch noch kein Schnee.  Der Winter naht mit Grausen; 6 Monat Winter, sibirischer Winter, das will was sagen.

Das letzte Passagierschiff für diese Saison ist Vorgestern abgedampft auf dem Irtysch südlich nach Semipalatinsk.  Bald wird der Irtysch wieder erstarren. "Es eilt die Zeit, und wir, wir müssen mit ihr eilen." Wie klingt dieser Liedervers für mich, nach dem ich die 50 schon hinter mir habe, so ganz anders, als einst, da man noch jung war. 

Besonders fühlte ich unser fortgeschrittenes Alter, als unser Heinz vor einigen Wochen zu uns zurück kehrte, und zwar mit seiner Frau.  Mit allem Ernst kündigt dies uns (mir und Frieda) an, das die vor kurzen noch kleinen Jungen jetzt schon ganz erwachsen sind und wir schon alt werden.  In diesem beständigen Wechsel unsrer Lebensverhältnisse scheint unser Leben ganz besonders zu eilen.

Seit 1942 war unser Heinz schon in der Trudarmee, und erst jetzt im Oktober kehrte er wieder ganz zu uns zurück. Seine Frau Marusja macht auf mich ihrem Äußeren und auch ihren Charakter nach einen ganz guten Eindruck.  Frieda, die beständig im Hause sein muss und jede Veränderung und Wechsel im Leben weit tiefer empfindet,  muss erst einige innere Kämpfe überwinden, eh sie sich ganz in das Geschehene schicken kann. 

Seit einigen Tagen ist Heinz schon im Dienst in einer hiesigen Fabrik als Schlosser der Dampfheizung.  Für Marysja muss noch eine passende Arbeitsstelle gesucht werden.

Uhr 4 des Morgens kehrte unser Hans mit einer kleinen Fuhre Heu nach Hause.  Von heute an werden die Kühe nicht mehr auf die Weide getrieben und müssen ganz zu Hause gefüttert werden.  Hans fuhr mit unserm Direktor und Konjuch - Kasachen, mit 3 einspännige Fuhren zum Abend erst nach Heu.  Diese Leute lieben solche Geschäfte im Dunkeln zu erledigen.

Gestern, Sonntag, hatten wir zu Besuch Geschwister Lise, Lena und Hans Enns mit Lenas Tochter; Auffallend, dass  alle 4 ziemlich leidend sind, ebenfalls auch die 3te. Schwester Mariechen.

 

7-XI-48.  Oktoberfesttag.  Sonntag.  Schon den 3. Tag alles unter Schnee.  Des Morgens ging ich mit meinen 2 Söhnen ins Zentrum der Stadt, um an der Demonstration teilzunehmen.  Ich blieb zurück und die Jungen gingen mit unsrer Kolonne mit.  Frieda ging zu den Bekannten um zu erfahren ob Andacht sei.  Unsere Schwiegertochter Marusja blieb allein zu Hause, um für uns Mittag zu machen.

Unser Direktor,  Smagulow ist im Urlaub,  ich vertrete ihn zeitweilig.  Scheinbar will man unsern Direktor auf eine andere Arbeit überführen.

 

28-XI-48.  Sonntag.  Schöner sonniger Wintertag.  Frost etwa 12 Grad.  Vom 13. bis zum 24.XI. war ich auf “Komandirowka”; besuchte zusammen mit unserm Zootechniker Litwinenko 10 Kolchose des Pavlodarschen Rayon, um den Rassenbestand des Rindvieh, Pferde und Schaffen festzustellen.  Etwa 14 ½ Tausend Köpfe haben wir untersucht. Gleichzeitig waren wir beauftragt, die Tätigkeit einiger Kollektive im allgemeinen zu untersuchen. Gegenwärtig muss ich Abrechnung über meine Arbeit während dieser “Komandirowka” dem Obl-Seljchosupravlenie geben.

Ich habe mir von der Reise 6 Pud Schlichtmehl und etwa 6 Kilo Fettstoffe mitgebracht, was zu Hause immer große Freude bereitet.  Heute kaufte ich auf dem Bazar noch 2 Kilo Sonnenblumenöl zu 30 Rubel das Liter; außerdem kauften wir noch 7 Kilo weißes Mehl um Schwester Anna ein Paket zu schicken.

Mein Reisegefährte Litwinenko kann sich schwer vom Schnaps enthalten, in jedem Kollchos, suchte er sofort den Laden auf, um 100 Gramm Schnaps zu trinken.  Auf  Schritt und Tritt führt er seine Frau an, wie in bezug ihres Geldes, so auch in bezug der Treue seiner Frau gegenüber. Der Schnaps richtet, wie bekannt, viel Unheil an. Ich traf  unterwegs den Vorsitzenden eines Kollektivs an, der fast jeden Abend an einem Trinkgelage in seinem Kollektiv teilnimmt und manchmal bis einige Liter Schnaps austrinkt.  Sein Familienglück ist vollständig ruiniert, weil er infolge seiner Lebensweise mit vielen fremden Frauen in nahen Beziehungen steht.  Das kann nicht gut endigen. 

In einem Kolchos sah ich zufällig einen zurückgebliebenen einsamen Star; er saß auf dem Schnee und bemühte sich seine Füßchen unter seine Flügel zu verstecken; als ich mich ihm näherte, flog er in den nahen Siloturm hinein.

 

19-XII-48.  Sonntag.  Haben schon einige Tage 33-35 Grad Frost.  In unserm Quartier ist es erträglich; wir müssen jedoch in diesen Tagen Kohlen kaufen, für eine Tonne verlangt man 300-400 Rubel.

Vorgestern den 17 Dezember wurde hier abends in einer kleinen privaten Andachtslokal die kirchliche Trauung unsres Heinz mit Marusja vollzogen vom Prediger der hiesigen deutschen Gemeinde - Bruder “Heinz..."?  Es war in erster Linie Friedas Wunsch und Bemühungen, dass dieses unser kleines Familienfest zustande kam.  Der Prediger erwähnte in seiner Ansprache auch unsre Silberhochzeit.  Fast zwei Jahrzehnte sind seitdem verflossen, dass ich zum letzten mal in einer Andacht gewesen;  für unsre Jungen war dieses ja ganz was unbekanntes.  Auf Friedas Vorschlag wurden 3 Choräle gesungen  und sehr kräftig gesungen.  Ich sang nach alter Gewohnheit Tenor.  Vor uns saßen Marusja und Heinz, sie sahen jung, frisch und rosig aus, rechts von mir saß Frieda, links Lisa Jak. Enns, die leider ihrer Taubheit wegen nichts von der Ansprache verstehen konnte.  Der Prediger erwähnte, dass dieser Abend der Familie Dück gewidmet sei, die auf Friedas Bemühen hier zum ersten mal in der Andacht erschienen sei.  Dieses erwähnte er im Anschluss an den Gedanken, dass die Frau - die Mutter im Hause und Familie das Herz die Seele sei.  Frieda und auch mich stimmte das besonders glücklich und froh.  Zu gestern Abend hatten wir Bruder Heinz mit Frau und die Schwestern Lena und Lise Enns zum Kaffee eingeladen.  Aus 5 Kilo dazu gekauften weißen Mehl und einem ½ Kilo Zucker hatten Frieda und Marusja schönes Gebäck zum Kaffee gebacken.

Hans Jak. Enns liegt gegenwärtig hier im Krankenhause; man hat bei ihm Rückenmarkschwindsucht festgestellt.

Von der Regierung ist uns Deutschen offiziell gemeldet, dass wir für immer hier bleiben müssen und dass, wer ohne Erlaubnis diesen Ort verlassen wird, zu 20 Jahre Zwangsarbeit verurteilt werden wird.

Heute kauften wir einen 36 Liter Bidon
eine Blechkanne
und ein kleines eisernes Schlittchen, um immer Wasser für uns vom Irtysch zu holen.

24 Dezember 1948.  Es ist eigentlich “Heiliger Abend”.  Leider ist heute und morgen Arbeitstag  Um meiner Berufsarbeit nachzukommen, musste  ich  mir zum Abend Arbeit nach Hause mitnehmen.  

Während wir am Abendbrot saßen kamen die Schwestern Lena und Lise Enns um gemeinsam mit unsrer Familie zur Andacht zu gehen.  Bevor sie gingen, sangen wir noch einige Weihnachtslieder.  Ich blieb zu Hause. Soeben erhielt ich eine Karte von meiner Cousine Maria Neufeld, Altonau, Frau Dück gegenwärtig auch im Kasachstan, Kustanajskaja Oblast.  Sie schreibt, dass von ihren 12 Geschwister übrig geblieben sind sie und zwei Schwestern Lena und Tina und vielleicht Truda.

 

1949

 

1 Januar 1949.  Der Rest des Kalenders 1948 ohne Blätter liegt vor mir auf dem Tisch, um hinausgeworfen zu werden, da er seine Pflicht getan hat.  Seinen Platz an der Wand hat der neue Kalender fürs Jahr 1949 eingenommen. 366 mal sind wir im Laufe des 1948 Jahres an den alten Kalender hinan getreten, um mit dem Abreißen eines jeden einzelnen Blattes einen Tag nach dem andern zu quittieren.  Wie einfach, wie gewöhnlich, und doch wie ernst, denn ein Tag nach dem andern wird aus deinem dahineilenden Lebens gestrichen, um nie wieder zurück zu kehren. So sind schon 20744 Tage aus meinem Leben gestrichen, und wie viel sind noch geblieben?! Ein furchtbar bewegtes Leben haben wir schon hinter uns.  Wie sehnt man sich doch noch mal nach einer Zeit,  wie wir sie in unsrer Jugend gehabt haben.

Das verflossene 1948 Jahr hat uns viel Gutes gebracht, was uns sehr dankbar stimmt. Einmal ist es dass unsre Familie nach siebenjährigen Trennung mal wieder zusammen ist (außer unsrer teuren Erika), dann , dass sich unsre Lebensverhältnisse bedeutend verbessert haben und unsre Gesundheit befriedigend ist.  Viele guten alten Freunde haben wir im Laufe des Jahres brieflich gefunden.

Eine unfreundliche Botschaft jedoch hat uns das Ende des 1948 Jahres getrübt - die Botschaft, dass wir Deutsche für immer (“ewig”) hierher verschickt sind und an eine Rückkehr auf unsern heimatlichen Boden, der im Laufe von fast 150 Jahre von unsern Vätern im Schweiße ihres Angesichts bebaut worden, nie mehr zu denken haben.  Das Herz will einem bei so einem Gedanken zusammenpressen. Jedoch mutig und mit Gottvertrauen, wie unsre Väter es taten, wollen wir ins Neue 1949 Jahr hineintreten.

Die Wolken am politischen Horizont wollen uns jedoch den Blick in das neue 1949 Jahr trüben.

 

Sonntag den 16-I-49.  Seit Mitte Dezember bin ich außergewöhnlich mit Arbeit überbürdet und so wird es noch gehen bis ich unsre Jahres Abrechnung fertig haben werde.

7 Privatbriefe habe ich in der Tasche, die beantwortet werden müssen und ich finde keine freie Minute dazu.

Wir  “Angesiedelte” (wie man uns jetzt scheinbar nennt) sind beständig unter strenger Kontrolle;  ohne extra Erlaubnis von der Behörde darf man nicht aus der Stadt hinaus nach Heu oder Holz fahren.

Wir haben in diesem Winter schon sehr kalte Tage gehabt bis weit über 40 Grad.  Gegenwärtig haben wir sonnige kalte Januarstage.

 

28-I-49.  Freitag.  Endlich habe ich meine Jahresabrechnung fertig.  Weil ich mit meinem Direktor zusammen ins Ministerium für Landwirtschaft telegraphisch herausgerufen bin, habe ich schon vor etwa 10 Tage eingereicht um Erlaubnis nach Alma Ata zu fahren;  fast täglich gehe ich in die Komendantur, um mich über die Antwort aus Alma Ata zu erkundigen.  Jedoch umsonst.  Heute jedoch wurde unser Direktor extra telephonisch aufgefordert, sofort mit der Abrechnung nach Alma Ata zu fliegen,  so dass ich höchst wahrscheinlich schon nicht fahren werde.

Habe mir einen Anzug nähen lassen; jetzt ist Frieda’s Palto an der Reihe; dann sollen Frieda’s Zähne repariert werden.

Gestern waren Frieda und ich im Kino und sahen den Film "Transvall in Brand" über den Burenkrieg. Eine rührende Geschichte. So recht unsre mennonitischen Typen. Unser Schicksal. 

 

1-II-49.  Nach 2 Tagen Schneegestöber hatten wir heute einen selten schönen sonnigen Wintertag.

Vom ersten bis zum 5. jeden Monats müssen wir Deutsche uns immer beim Kommendanten melden.  Als ich mich heute beim Kommendanten unterschrieb, meldete er mir, dass auch die andern Familienglieder sich alle unterschreiben müssen, was bis jetzt nicht verlangt wurde.

 

27-II-49.  Sonntag.  Ein sonniger Tag, 8 Grad Frost, um einen Monat wird es wohl erst tauen.

Vorgestern Abends waren Frieda und ich, und gestern Abend, unsre Jungen und Marusja bei Geschwister Enns zu Gast. Vor 2 Tagen haben die nämlich ihren Bruder Hans aus dem Krankenhaus zu sich geholt, um ihn dann weiter ins Kollektiv Kirowo abzutransportieren.  Er kann weder sitzen noch gehen, liegt fest zu Bett. Um 2 Wirbel seines Rückgrades ist eine dicke Geschwulst.

Unser Heinz hat wohl etwas von der Unternehmungslust seiner Uhr- Großväter geerbt.  Kürzlich übernahm er sich mit seinen Genossen 4 Drehbänke zu ca. 1000 Pud jede auf dem Fabrikhof bis zur Bahnlinie zu schleppen und in die Wagon zu laden.  Dafür hat gestern ein jeder von ihnen zu 800 Rubel erhalten.

Wir Deutsche und auch die hierher übergesiedelte Gebirgsvölker werden mal wieder genau registriert,  was uns alle etwas aufregt,  da es so scheint,  als wenn man etwas extra mit uns wieder vorhat.

Heute ist Frieda’s Palto fertig; es ist ja nur sehr einfaches Material.  Wohl über 20 Jahren ist’s her, seit dem sie sich den letzten Palto nähen ließ.

 

6-III-49.  Sonntag.  Hatten die ganze Woche sonnige Tage;  morgens bei 17 Grad Frost, tags taute es in der Sonne.

Montag feierten wir Hansi’s 25 jährigen Geburtstag.  Gegenwärtig leidet Hansi etwas an Kopfschmerzen;  er hat sich nämlich die Stirn erkältet und infolgedessen hat sich in der Stirn über dem linken Auge etwas Eiter angesammelt.  Er kuriert gegenwärtig dieses Leiden im Physiotherapie Kabinett.

Möchten unsre Jungen, die bis jetzt schon viel Schweres durchgemacht haben, in der Mittelpartie ihres Alters ein schöneres Leben haben und wir mit ihnen.  Möchte Hans doch für sich ein recht biederes deutsch-mennonitisches Mädel zur Frau finden.

Vor 2 Tagen ist Hans als Buchhalter in unserm Contor ernannt.

Ich leide jetzt öfters an Rheumatismus; habe gegenwärtig gerade Genickreißen. Bei Frieda wiederholt sich oft ihr Migräneanfall, an der sie schon seit Kindheit leidet.

Gegenwärtig - abends sitze ich ganz allein zu Hause.  Frieda ging mit Marusja, Lena Enns mit Tochter zur Abendandacht. Heinz ist auf Arbeit in der Fabrik, Hansi ist zu seinem Kameraden gegangen.

Unsre Zeitungen sind so voll von Kriegsgefahr, was uns, die wir schon 2 furchtbare Kriege durchgemacht haben, sehr aufregt.

Hinter mir an der Wand steckt ein kleines Bildchen von unsrer teuren Erika.  Wie ist der Schmerz um sie und die Sehnsucht nach ihr doch noch so groß.  Unser liebes Kind ist jedoch viel Schwerem aus dem Weg gegangen. Möchte Gott mir doch einen festen Glauben an ein ewiges seeliges Leben geben. 

 

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13-III-49.  Sonntag. Nach einer zweitägigen ermüdeten Komandirowka auf einem Schlitten mit einem schwachen Pferdchen habe ich mich heute durch einen schönen Mittagsschlaf gründlich ausgeruht.  Heinz ist auf Arbeit; Hans schustert an seinen Filsstiefeln herum.  Es ist ein kalter sonniger Wintertag.

 

Der Frühling naht, man müsste eigentlich etwas Pläne machen, wo und was zu setzen wäre, ob nicht Zeit wäre, ein eigenes Quartierchen zu bauen usw.; diese Ungewissheit des morgischen Tages jedoch hat uns jegliche Unternehmungslust genommen.

 

 

 

20-III-49.  Sonntag.  Es sind noch immer kalte sonnige Wintertage 20-25 Grad.

 

Donnerstag abends den 17.III. feierten wir meinen 57. Geburtstag;  zu Gast waren die Schwestern Lena und Lise Enns mit Lena’s Tochter Anja.  Unsern Abend schlossen wir mit alten Liedern aus unserm Gesangbuch.

 

57 Jahre alt, doch schon ein ziemlich fortgeschrittenes Alter.  Man möchte doch so gerne den Rest seines Lebens in schönen Verhältnissen und im Kreise unsrer lieben Verwandten verbringen.  In diesem Alter und ganz mittellos; es genügt arbeitsunfähig oder arbeitslos zu werden, um sofort ganz ohne Mittel zu sein, denn man besitzt ja absolut gar nichts.  Gott sei dank, dass ich noch arbeitsfähig bin.

 

 

Peter (Petja) Neufeld

3-IV-49.  Sonntag.  Der Frühling will eigentlich noch nicht durchbrechen; nachts noch immer über 10 Grad Frost.  Zwar ist der Schnee in der Stadt schon sehr getaut, aber auf der Steppe ist noch tiefer Schnee und es wird in den Dörfern nur auf Schlitten gefahren.

 

Wir bekamen diese Tage eine Photographie von unserm Neffe Petja Neufeld, es ist doch ein recht schöner Jüngling,  wie wurde Schwager Peter doch so stolz auf den beiden Kinder sein.

 

17-IV-49.  Sonntag.  Vorigen Sonntag hatten wir ein kleines Begräbnis unseres ersten Großkindes, eines etwas zu früh geborenen Mädels unsrer Schwiegertochter Marusja.  Das Mädel lebte nur etwas über einen Tag. Während Marusja noch im Krankenhause war, feierten wir hier im engen Kreise mit den Schwestern Lena und Lise Enns das Begräbnis.  Wir sangen passende Lieder aus unserm Gesangbuch.  Lise Enns vertritt in solchen Fällen den Prediger.

Weil Frieda und ich uns in dieser Stunde so ganz besonders an unsre liebe von 7 Jahre im April begrabene Erika erinnerten, so war uns ganz besonders schwer ums Herz. Und so sind Frieda und ich einstweilen nur einen Tag Großeltern gewesen.  Unsere Kinder bleiben somit noch mehr frei und weniger gebunden;  wer weiß, was für Zeiten wir noch entgegen gehen.

Seit einer Woche haben wir schon vollständig Frühlingswetter und schon bis 17 Grad warm.  Der Irtysch ist jedoch noch unter Eiß. Die Staare zwitschern.

Unsre Kuh steht trocken, was uns unsre Ausgaben ziemlich vergrößern.

Unsre 3 Kinder haben sich photographieren lassen; ganz besonders hübsch ist Heinz ausgefallen.

 

von links Heinz, Marusja und Hans
3.IV.1949, Pavlodar

 

30-IV-49.  Hans und ich fuhren heute halb drei Uhr nachts nach einem Fuderchen Heu nach einem Kollektiv, das 29 km von uns entfernt ist.  Hierzu brauchten wir Erlaubnis von der Behörde.  Es war den Tag über starker Wind, so dass wir eigentlich nicht viel Heu laden konnten.

In unsrer Abwesenheit hatte die Wirtin unseres Quartiers zu Hause Skandal gemacht wegen Zahlungen, trotz dem wir nichts schuldig sind und vorausgezahlt haben. Wann werden wir mal wieder unabhängig von allerlei kaprisen Wirtinnen sein und ein eigenes Heim haben.

Habe in dieser Woche 2 Unannehmlichkeiten gehabt. erstens hat man auf einer Session der Oblispolkom ohne jegliche Untersuchung unsre Arbeit für unbefriedigend erklärt, und zweitens, ist mir meine Monatsgage bei der Registration unsrer Staaten auf 140 Rubel reduziert.

 

8-V-49.  Sonntag. Nach ziemlich warmen Tagen haben wir gegenwärtig kühles Wetter und trockenen starken Wind, der viel Land aufwirbelt.  Eine Staubbrille ist hier für jedermann durchaus notwendig. Der Frühling ist vollständig ohne Niederschläge und die Erde schon dürre.  Kartoffel haben wir bis jetzt noch nicht gesetzt, weil unser Land noch nicht gepflügt ist.  Wir haben uns zur Saat etwa 8 Pud Kartoffel gekauft undzwar 3 Sorten für 175 Rubel.

Eine ganze Woche litt ich an Magenschmerzen und besonders nach dem Essen.  Weil hier in der Apotheke Barjumwasser erschienen ist, fing ich an täglich eine Flasche auszutrinken und die Magenschmerzen sind sofort geschwunden.

Heute morgens während meine Familie noch schlief, schrieb ich einen Brief an meinen Cousin Pet. J. Dück.

Weil hier in den Läden getrocknetes Obst zu haben ist à 14 Rubel das Kilo und Zucker à 25 Rubel das Kilo, erlauben wir uns jeden Sonntag zu Mittag eine Obstmus.  Eier kosten gegenwärtig 9 Rubel das Zehntel.

 

12-V-49.  Gestern setzten Hans, Marusja und ich auf dem Felde Kartoffel - etwa 20 Eimer auf 0,20 Hektar.  Der Sandboden ist auf Spatentiefe ganz trocken.  Es ist gegenwärtig eine ziemliche Dürre und man schaut schon sehr nach Regen aus.

 

15-V-49.  Sonntag.  Gestern wurde Hans Enns zu seinen Schwestern gebracht, um wiederum im Krankenhaus unterzukommen.  Sein Gesundheitszustand ist sehr bedenklich und fast hoffnungslos. Wenn nicht sein starker Wille, wär er wohl schon untergegangen.  Gestern sah ich zum ersten mal diesen von Natur so starken und körperlich ganz gebrochenen Mann weinen.  Er sagte zu mir, er sei ganz müde und möchte eine Entscheidung haben; die furchtbar schwere 10 Jahre seiner Verbannung, während der er schon 2 Jahre im Krankenhaus zugebracht hat, und jetzt schon über ein halb Jahr ganz an’s Bett gefesselt, zudem seine verzwickte Familienverhältnisse und materielle Lage, haben ihm auch schließlich seinen starken Willen und Mut gebrochen.  Er meinte gestern, ob er denn so ein großer Sünder wäre, dass ihn so ein schweres Schicksal getroffen hat. Sein schweres Schicksal hat ihn an Gott irre gemacht.

Frieda und Hans fuhren heute morgens zum Bastan, um die Arbeit mit dem Setzen zu beendigen;  sie wollten noch Lise Enns mit Anja und Hans’s Freund Valerij mitnehmen.  Es muss alles ganz in die trockene Erde gesetzt werden. Wir hatten wohl 2 trübe und kühle Tage, jedoch ohne Regen.

 

19-V-49.  Vor 3 Tagen hatte ich einen großen Schreck, Frieda und ich gingen ins Kino, um den Film “Madame Bovary” zu sehen; etwa um eine halbe Stunde nachdem der Film begonnen hatte, wurde Frieda so unwohl, dass wir hinausgehen mussten.  Frieda war sehr blass und ich wollte mit ihr in die Poliklinik über die Straße eilen; nach einigen Schritten jedoch, sank Frieda ohnmächtig zusammen.  Zwei Jungen eilten herzu um mir zu helfen, Frieda ins Krankenhaus zu tragen.  Nach einigen Minuten kam Frieda wieder zu sich und wir gingen langsam in die Poliklinik, wo ihr sofort eine Spritze Kampfer gegeben wurde.  Nachdem sie sich erbrochen hatte, wurde ihr wohler, so dass wir langsam nach Hause gehen konnten.  Am andern Morgen war, Gott sie dank, alles wieder gut.

 

22-V-49.  Sonntag.  Feiern Heute Frieda’s Geburtstag, den 53ten.  Zum Kaffee waren die Schwestern Lena und Lise Enns und Hans’s Freund Valerij.  Hans Enns liegt noch bei seinen Schwestern;  sein Zustand ist schwer wie für ihn selber so auch für seine Angehörigen.

Vor einigen Tagen besuchten Frieda und ich hier einen sehr leidenden an Wassersucht alten mennonitischen Mann nahmens  Petet Schmidt, stammend aus den Memriker Kolonien.  Man hat ihm im vorigen Jahr über ein Pud Wasser abgezapft;  gegenwärtig ist sein Zustand wieder so weit. dass ihm Wasser abgezapft werden muss.  Trotzt seines sehr schweren Gesundheitszustandes zimmert er auf seinem Bett Kinderspielzeug, um damit etwas Geld zum Leben zu verdienen.  Heute hat die Miliz auf dem Bazar auf ihn einen Akt aufgestellt, um ihn zu besteuern.

Haben noch immer keinen Regen, es ist daher sehr dürre und die Aussichten einstweilen sehr schwach.

Meine grösste Wirtschaftssorge ist heute die Heufrage — unsre Kuh steht zu Hause, der Heuvorrat ist zu Ende und Heu ist schwer zu haben.

 

2-VI-49.  Der ganze Mai war sehr kühl, jedoch ohne Regen.  Es hat auch mehrere mal gefroren.  Die Ernte Aussichten sind sehr schwach.  Sehr viel Wind.  Heute hat es ein klein wenig geregnet.  Morgen wollen wir noch etwas Kartoffel setzen.

Vorgestern kehrte ich mit einem Spezialisten Andrejew von einer Komandirowka aus den Kolchosen zurück.

Hans Enns liegt wieder im Krankenhause, es sieht mit ihm nur sehr bedenklich aus.  Eine Operation ist ihm noch nicht gemacht.

 

5-VI-49.  Sonntag.  Vorgestern abends ist Hans Enns im Krankenhause gestorben und heute wird er im Kolchos namens Kirow begraben.  Am letzten Tage hat er schon nichts gesprochen; am Tage vorher viel geweint.  Von Gott wollte er ja nichts hören;  laut Aussage seiner Schwester Lena, die ihn am meisten besucht hat, soll er in den letzen Tagen jedoch ganz anders geworden sein und auf  Lena’s Trostworte schweigend genickt haben. Der Hans war ein Mann, wie auch sein Vater, aus “grobem kernigen Holz”.

Wir haben noch immer sehr kühle Tage;  es hat auch endlich mal geregnet. Haben noch nachträglich 6 Eimer Kartoffel gesetzt. Gestern morgens hat unsre Kuh gekalbt;  bis jetzt soll sie 10 Bullkälber gehabt haben und jetzt schließlich ein Kuhkalb.

 

26-VI-49.  Sonntag.  Wir haben sehr heiße Tage bis 36 Grad.  Gemüse und Getreide leiden sehr darunter.  Heute 5 Uhr morgens fuhren Marusja, Heinz und ich unsern Bastan hacken.  Es war schrecklich heiß.

Am 22 Juni fuhr Hans per Schiff nach Semipalatinsk um Examen für den ersten Kursus des Lehrerinstituts abzulegen. Frieda begleitete ihn allein zum Schiff;  dieses Scheiden mit Hans hat Frieda innerlich wieder stark bewegt.

Inzwischen ist ein neuer Direktor bei uns im Gosplemrassadnik angetreten mit Namen Karatajew, ein sehr leidender Mann und früherer Arbeiter des Obkom der Partei.

Heute bekamen wir einen Brief von Frau Mar. Sudermann, indem sie unteranderm schreibt, dass Nik. N. Teichgröbs Tochter - Rieta sich erhängt haben soll.  Wie liegt doch so eine erbliche Belastung auf die Teichgröbsfamilie — die Großonkels der Rieta haben Selbstmordversuche gemacht,  ein Cousin ihres Vaters hat sich das Leben genommen,  die Schwester ihres Vaters hat sich das Leben genommen,  viele ihrer Verwandten waren mit Schwermut geplagt.

 

3-VII-49.  Sonntag.  Heute hat es schön geregnet.  Das Getreide und die Weide hat sehr von der Hitze und Dürre gelitten.

Unsre Kuh halten wir ganz zu Hause.  Heinz fährt fast jeden Tag über den Irtysch und holt von jener Seite einen Sack Grass, welches er mit den Händen pflückt.

 

13-VII-49.  Den 10.VII. sind wir in ein andres Quartier hinübergezogen, das uns von unsrem Contor zur Verfügung gestellt ist und in dem bis jetzt unser früherer Direktor gewohnt hat.  Statt 200 Rubel, brauchen wir für dieses Quartier nur 30 Rubel im Monat zahlen, zudem ist es um die Hälfte näher zu unsrer Arbeitsstelle.

Etwa 5 Tage hatten wir vergangener Woche Landregen; es ist alles durch und durchgenässt.  Fürs Getreide ist dieser Regen etwas zu spät gekommen, jedoch für alle späten Kulturen und besonders Kartoffel ist dieser Regen von entscheidender Bedeutung.  Die hiesigen Lehmhäuser haben unter diesem anhaltenden Regen sehr gelitten, auch in unserm früheren Quartier fing die Stukatur der Decke an abzufallen.

 

17-VII-49.  Sonntag.  Gestern gegen Abend fuhren wir zu viert, Frieda, Heinz und Marusja und ich aufs Feld unsre Kartoffel jäten, um die kühlen Abend- und Morgenstunden auszunutzen.  Zum Schlaffen hatten wir uns primitiv auf dem Felde eingerichtet.  Die ganze Nacht hindurch blitzte es im Westen und Norden, so dass ich eigentlich fast nicht schlaffen konnte.  Als es kaum zu Tagen anfing, gingen wir an die Arbeit.  Die Gewitterwolken verzogen allmählich und uns gelang es bis Uhr 10,  d.h. eh es so recht heiß wurde,  zu beendigen. Unsre Kartoffel stehen gut und vielversprechend.  Eine gute Kartoffelernte ist ja für uns in unserm Verhältnissen von entscheidender Bedeutung.

 

19-VIII-49.  Einen ganzen Monat bin ich nicht zum Tagebuchschreiben gekommen.  Zweimal bin ich auf “Komandirowka” gewesen,  im Ganzen 2 ½ Wochen.  Etwa 2000 Stück Rindvieh hab ich durch gesehen  und abgeschätzt;  eine große und ermüdende Arbeit.  Ich fuhr mit meinem Kollegen Litwinenko, der mir durch seinem täglichen Schnapstrinken recht überdrüssig geworden.  Inzwischen hab ich wie auch mein Kollegen vom Landwirtschaftlichen Ministerium ein Prämie in Höhe einer dreimonatlichen Gage bekommen.

 

27-VIII-49.  Sonnabend abends — Hans und Heinz mussten beide zum “воскресник”,  einer 60 km und der andre 30 km von hier entfernt dreschen helfen.  Frieda ging zu Frau Link zum Abschied.

 

7-IX-49.  Gestern abends kehrte ich von einer 7 tägigen “Komandirowka zurück, während der ich etwa 200 km mit einem Pferchen gemacht habe.  Am Morgen als ich losfuhr war es schön und  warm, so dass ich in meiner Sommermütze  losfuhr.  Ich war noch nicht bis zum ersten Kolchos gekommen, wie es anfing zu regnen und recht kalt wurde.  Etwa 4 Tage war regnerisches Wetter und recht kalt, so dass ich mir den Kopf erkältet hatte und Kopfschmerzen bekam.

 

20-IX-49.  Was für ein Paradox — Gestern Gewitter — Heute Schnee.  Sturm und kalt.  Vorgestern - Sonntag waren wir zu fünft aufs Feld gefahren, Kartoffel graben,  das Wetter war günstig;   eine Tonne Kartoffel haben wir zu Hause; geblieben ist noch über die Hälfte.

Seit dem 16.IX. bin ich im Urlaub.  Gestern nahm ich mir mal Zeit, Briefe zu beantworten — Schwester Anna, D. H. Friesen, H. W. Neufeld u. Cousine M.Neufeld (Dück).

Wir haben uns 4 Meter Fichtenholz gekauft à 135 Rubel.  

 

2 Oktober 49.  Sonntag.  Heute beendigen unsre Kinder das Kartoffelgraben; mit Heinz zusammen werden wir 150 Pud geerntet haben; ein guter Prozentsatz wird ja davon noch abgehen für die Kuh.

Hin und wieder gibts in unsrer Familie Missstimmungen infolge einiger Missverständnisse mit Marusja, unsrer Schwiegertochter, was in unsrer Familie bis dahin nicht vorkam. Besonders leidet darunter Frieda, die ja am meisten in der Hauswirtschaft mit ihr zu tun hat.  Heinz ist sehr von seiner Marusja abhängig; ihm sind ja ähnliche Vorfälle zehr peinlich.  Weil Marusja schon sehr selbständig ist,  wäre es ja besser, wenn sie sich ihren eigenen “Herd” gründeten.

Ich leide gegenwärtig wieder ziemlich an Rheumatismus in den Armen und Schultern.  Frieda hat gegenwärtig nach der Grippe schweren Husten.

 

5 November.  Morgen ist Sonntag und dann folgen 2 Oktoberfesttage, so dass wir 3 Ruhetage haben.

Seit einigen Wochen wohnen Heinz und Marusja für sich apart in einem kleinen Quartierchen.  Es fiel uns ja schwer, dass unser Heinz von uns zog, aber es ist so besser und daher war ich auch gezwungen, ihnen diesen Vorschlag zu machen. Unsre Beziehungen zu einander sind seitdem bedeutend  inniger und schöner. Ein Jahr haben sie jetzt bei uns gewohnt.  Unsern gemeinsamen Vorrat von Kartoffel haben wir bei uns im Keller; sie holen sich nach Bedarf;  ebenfalls holen sie sich jeden Tag ein  Liter Milch.

Unser Quartier haben wir etwas zum Winter in Ordnung gebracht, was einige Hundert Rubel gekostet hat — von außen Wände und Dach verschmieren lassen, den Herd umgebaut und eine “Duchowka” hineingestellt, ebenfalls von innen ausgeweißelt. Die Duchowka
Backofen
hat Heinz gemacht; er versteht schon gute Schlosserarbeit zu machen.

Am linken Ellenbogen hatte ich schon fast 2 Monate eine Geschwulst — “Bursitis”.  Mit Quarzlampe und Elektrizität (25 Prozeduren) ist es ganz geheilt und verschwunden.

Heute hat Frieda einen sehr drocken Tag — sie hat “Sonnabend gehalten” und zu den Feiertagen in der Duchowka gebacken; zu allem ist sie ganz allein und ohne Hilfe. Wie fehlen uns doch unsre 2 Mädels, die jetzt schon ganz erwachsen wären. Und doch, sind sie so vielem enthoben. 

Vor kurzem war ich in einer wöchentlichen Komandirowka;  ich habe uns etwas weißes Mehl und Butter zu den Feiertagen mitgebracht.

Sonnabend abends um Uhr 9 legte ich mit meinem Pferdchen los nach Hause; anfänglich war Mondenschein; halb vier des Morgens hatte ich die 55 km zurückgelegt.  Nicht ein einziges Fuhrwerk begegnet die ganze Strecke und nur ein Dorf;  jedoch hin und wieder mal ein Auto.

Unser Direktor Karatajew ist sehr leidend und wird wohl um eine Woche auf einige Monate ins Kurort fahren. Im Röntgenkabinett hat man heute bei ihm in den Lungen eine zweite Kaverne gefunden. Sein Gesundheitszustand ist sehr bedenklich. In seiner Abwesenheit werde ich ihn wohl vertreten müssen.

Vor einigen Tagen ist in einem unsrer Kollektive ein Unglück passiert, es ist ein Schafstall mit 1400 Schaffe verbrannt.

Wir haben schon Frost bis 7-8 Grad.

Für Frieda haben wir ein Paar graue Burrstiefel für 148 und für Hans ein Paar Schuhe für 105 Rubel gekauft, für mich eine Pelzmütze zu 130 Rubel.

 

21-XI-49.  Von Frau Dück, geb. Mar. Thom. Neufeld erhielten wir einen traurigen Brief.  Unter anderm schreibt sie, wie ihr Bruder Thomas hier im Kasachstan in großer Armut gestorben ist, Br. Hans in Swerdlowsk, Schwester Lise irgend wo im Pavlodarschen und Lises Mann, Jasch Neufeld sofort nach der Erhaltung der Nachricht von Lises Tod nervenkrank geworden ist und bald gestorben sein soll, und zwar im Zuge auf dem Weg ins Pavlodarsche,  wo er zu Lises Grab wollte.  Tomas Neufeld Frau, Manja (geb. Cornies) lebt in großer Armut.  Wir schickten ihr heute per Post 50 Rubel.

Wir haben schon fast 2 Wochen Schnee; der Irtysch ist schon unter Eis.

 

26-XI-49.  Ich bin schon lange nicht so krank gewesen, wie in dieser Woche.  Dienstag Morgens hat ich Durchfall, Schüttelfrost, Erbrechen und Temperatur 38.2.  Den ganzen Tag hatte ich große Schmerzen in allen Gliedern und besonders im Rücken, so dass  ich fortwährend stöhnte.   Der Arzt stellte die Grippe bei mir fest.  4 Tage arbeitete ich nicht in unserm Contor.

Weil Frieda immer ganz allein zu aller häuslichen Arbeit ist, ist sie immer sehr mit Arbeit überhäuft und besonders wie heute am Sonnabend. Hans und ich sehen nach Kräften zu helfen. Hans liebt sehr die häusliche  wie auch überhaupt jede Arbeit.  Unsre Jungen beide sind sehr fleißige Arbeiter; sie haben von der frühesten Jugend tüchtig arbeiten gelernt, ganz anders, als wir in unsrer Jugend;  wir hatten so manche freie Mussestunde, oft zu viel, die für den Geist nicht allzubest waren.

Den grössten Teil meiner freien Zeit in dem Jünglingsalter habe ich in der freien Natur verbracht auf der Jagd, Spaziergänge in der Natur oft mit dem Bleistift und Bloknot in der Hand, Gymnastik und Sport, Reiten, Schlittschuh laufen, Fußball und dergleichen.  Das hat in mir eine große Liebe für die Natur geweckt  und sehr wohltuend auf Geist und Gemüt gewirkt,  was von großer Bedeutung für mich für die auf der Jugend folgende schwere Lebensperiode gewesen ist und mich oft über die furchtbar schweren Verhältnisse hinüber weggeholfen hat.

Frieda hat eine wunderschöne Kindheit und Jugend gehabt, sie ist aufgewachsen in der schönen Natur.  Sie hat viel Sinn und Liebe für Musik und Gesang;  nur ist sie von Natur etwas zu Schwermut geneigt.

Nach oben

vorne Heinrich und Frieda,
hinten v.l. Hans, Marusja, Heinz

4-XII-49.  Sonntag.  Eine ganze Woche haben wir sehr starken Frost gehabt 30-40 Grad; Heute ist es gelinde, wozu die sämtliche Bevölkerung sehr froh ist.

Heute haben wir uns mit unsern Kindern photographieren lassen.

Heute zu Frühstück und zu Abendbrot war Hansi’s einziger Freund bei uns, Valerij Kreuzinger, halber Deutscher,  spricht jedoch nicht deutsch.

Wenn ich nicht immer mit geistiger Arbeit beschäftigt bin, dann überkommt mir manchmal (wie auch heute) eine Wehmut und Sehnsucht. Weil unser Alter schon so vorgeschritten ist und wir so viel wie gar nichts besitzen, steigen  hin und wieder in uns Sorgen um unsre Zukunft auf. Eins unsrer grössten Verlangen und Wünschen ist,  möchten wir nochmal mit unsern Geschwistern allen zusammen kommen können. Die Heimatfluren sind verschmelzt, aber die Sehnsucht nach den lieben Angehörigen bleibt.

 

25-XII-49.  Weihnachten; Sonntag.  Gestern abends waren wir mit unsrer Familie bei Lena und Lise Enns und feierten zusammen Heiligen Abend, indem wir die Weihnachtslieder sangen, die Weihnachtsgeschichte lasen und uns um einen schön gedeckten Kaffeetisch sammelten.  Heute Abends kommen die Geschwister Enns, Heinz und Marusja zu uns.  Wir haben nach unsern heutigen Verhältnissen ganz schön zu diesem Tag gebacken. Frieda hatte gestern wieder sehr die Migräne, die ihr sehr ihre häusliche Arbeit erschwerten; Heute ist es wieder besser.  Diese Migränen kommen bei ihr in diesem Jahr bedeutend seltener als früher.

Wir haben wieder eine ganze Woche sehr starken Frost gehabt - max. 42 Grad.

Nach langen Wirken, Warten und Hoffen fuhr gestern der alte und kranke Onkel P. Schmidt, stammend aus dem Donbass, zu seinem Sohn nach Kemerowo - noch weiter in den Norden und Osten.  Wir haben diesen Mann nur hier kennen gelernt und auch nur hin und wieder getroffen.  Wir haben ihn mit Frieda hin und wieder besucht, bei uns ist er nicht gewesen.  Als wir uns mit ihm verabschiedeten, sagte er, dass er wohl nicht mehr lange leben werde, dass er seinem Lebensende ruhig entgegen sehe, weil er fest glaube, dass wenn unser Fleisch auch wieder zu Erde werde, unsrem Geist und unsrer Seele von Gott ein schöner Ort zubereitet sei.  Glücklich, wer so sprechen kann.

Vor einigen Tagen reiste von hier unsre Bekannte Frau Njuta Esau zu ihrer Tochter in die Malotowsche Oblast.

Frieda erlebt immer schwere Stunden, wenn jemand von uns scheidet, wenn es auch nicht ein besonders naher Mensch ist.

Wir bekamen vor kurzem ein Briefchen von Manja Neufeld - Frau Thomas Neufeld, die für unsre kleine Geldsendung an sie dankt.  Sie lebt in grosser Armut.  Ob sie überhaupt schöne Zeit in ihrer Ehe gehabt hat?  Wir kennen sie ja fast gar nicht, aber so viel wissen wir, dass ihr Mann Thomas so nerven leidend war.

 

1950

 

1-I-50.  Für das verflossene 1949 Jahr haben wir nur Grund zu danken, da wir wunderbar geführt worden sind.  Materiell haben wir uns im Laufe des verflossenen Jahres bedeutend verbessert.  Gesundheitlich geht’s uns wohl nicht besser, aber auch, Gott sei dank, nicht schlechter.  Möchte auch das angetretene Jahr uns weitere Verbesserung unsrer Lage bringen und uns wieder ganz frei machen.  Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit unsern nahen Verwandten wollen wir auch in diesem Jahr nicht aufgeben.  Mit frischem Mut und Gottvertrauen wollen wir dieses Jahr betreten.

Zu viert mit den 2 Schwestern Lena und Lise Enns begegneten wir gestern abends das Neue Jahr.  Unsre Kinder waren ausgegangen.

Am ersten Morgen des Neuen Jahres habe ich gleich eine kleine Enttäuschung erlebt.  Ich kaufte nämlich auf dem Bazar einen Schlitten Heu für unsre Kuh zu 145 Rubel.  Obzwar dieser Schlitten Heu auf dem Bazar wohl zu den Bestern gehörte, merkte ich doch beim Abladen, dass es doch nur minderwertiges Heu ist. Es ist überhaupt ein schweres Ding, bei den Kasachen auf den Bazar gutes Heu zu bekommen.

 

29-I-50.  Den ganzen Januar Monat bin ich sehr mit Arbeit im Contor überbürdet gewesen.  Die Abrechnung für das Jahr 1949.  Mit dieser Abrechnung soll ich in diesen Tagen nach Alma- Ata ins landwirtschaftliche Ministerium.  Ich habe noch nicht die Erlaubnis zur Fahrt vom Ministerium des Innern.  Zum ersten Februar sollte ich eigentlich schon da sein.  Per Thelephon wurde ich aus dem Ministerium aufgefordert meine Fahrt zu beschleunigen und per Luftschiff  zu fliegen, was ich jedoch meines Herzenszustandes halber nicht wage.  Statt 6 Tage per Bahn, könnte ich diese Strecke nach Alma- Ata in 6 Stunden zurücklegen.  Ich werde wohl per Bahn fahren und etwas von der anstrengenden Arbeit des letzten Monats ausruhen.

Wir haben in diesem Jahr einen sehr strengen Winter, fast immer 30 und darüber Grad Frost.

Vor einer Woche ist Hans hier in der Stadt als Lehrer in mathematik angetreten.  Der Anfang ist ja schwer.

Vor 2  Wochen zogen Heinz und Marusja in unser  Nachbarzimmer  hinüber, so dass wir unsre Kinder wieder in unsrer Nähe haben.

 

25-II-50.  Den  4. Februar fuhr ich per Bahn nach Alma- Ata und kehrte den 22.II.  zurück;  ich habe somit im Ganzen 5200 km zurückgelegt;  musste hin auch zurück zweimal umsteigen.  Die Station Novosibirsk ist wohl die grösste Station unsres Landes.  Alma- Ata ist ein schönes Städtchen; alle Straßen sind mit hohen Bäumen bepflanzt und asphaltiert.  Im Osten von der Stadt sind hohe Berge.  Auf dem Bazar waren viel Äpfel und getrocknetes Obst und Reis; Zucker war auch zur Genüge vorhanden. Von allem habe ich etwas mitgebracht.  In Novosibirsk kaufte ich für Hans einen Winterpalto für 619 Rubel.

Im landwirtschaftlichen Ministerium wurde laut meinem Bericht die Arbeit unsres Gosplemrassadnik für befriedigend anerkannt.

Weil ich immer Platzkarte während der Fahrt hatte, habe ich etwas ausgeruht.

Inzwischen ist unser Direktor, Genosse Karatajew aus dem Kurort zurückgekehrt und an die Arbeit getreten.

 

25-III-50.  Während ich in Alma- Ata war, hatte Marusja zum zweiten mal eine Frühgeburt (ein Knäblein).  Die Ursache dieser Frühgeburte ist ein Leiden, womit Marusja behaftet ist und wohl auch für die Zukunft nichts Erfreuliches verspricht.  Das macht uns große Sorgen.  Unser Heinz ist noch zu unerfahren und sieht nicht den Ernst der Sache.

Den 17 März feierte ich meinen 58 ten Geburtstag.  Wie sind doch meine Jahre so rasch dahingeeilt.  Gott sei dank, ich bin noch arbeitsfähig und kann mir und Frieda unsern Unterhalt verdienen.  Meine Sorge ist jedoch, wer wird uns im Alter versorgen, da wir doch nicht besitzen.  Möchte Gott uns doch unsre Gesundheit und Arbeitsfähigkeit erhalten.

 

9-IV-50.  Ostersonntag.  Es ist ein trüber und kühler Tag;  auf der Steppe ist noch alles unter Schnee,  nur in der Stadt ist der Schnee schon verschwunden.  Die ersten hiesigen Zugvögel, Krähen und Stare, sind schon hier. Der Irtysch liegt noch starr unter Eis.

In verflossener Woche hat man mir mehrere medizinische Untersuchungen gemacht, auf Brucellose, Blut, Lungen und Herz;  von Bruzellose findet man bei mir weniger Merkmale als im vorigen Jahr, der Blutbestand ist nicht ganz normal, rechts oben in den Lungen bemerkt man Fäden, sonst normal, sichtbare Herzfehler findet man nicht.  Ich komme eigentlich nicht ganz von den Folgen der Grippe los, habe schon 2 Wochen Husten.

Bei Heinz hat man unten in der rechten Lunge eine vernarbte Tuberkulosestelle gefunden. Bei Hans findet man die Lungen auch nicht ganz normal, jedoch tuberkulose Stellen sind nicht vorhanden.  Hans ist gegenwärtig sehr blaß und mager. Frieda ist auch sehr mager und hustet öfters.

Sobald die Eier billiger sein werden, wollen wir einmal eine Eierkur durchmachen; wollen ebenfalls viel Honig und Fettstoffe gebrauchen.  Geld dazu haben wir gegenwärtig; in der Sparkasse haben wir gegenwärtig 4000 Rubel. Es fehlt jedoch noch an vielem, an einem eignen Quartierchen, einer jungen Kuh, Kleider, Überkleider usw.

Schwester Anna schreibt in ihrem letzten Brief, dass sie Nachricht von ihren Jugendfreundinnen aus Blumenort erhalten hat, Frau Friesen früher Helena Sudermann und Frau Neufeld, früher Susanna Epp, beide sind ganz allein geblieben, weil sie ihre Familienglieder verloren haben.  Hel. Suderm. hat ein Töchterchen und das ist ihr im Alter von 20 Jahren gestorben. Wieviel Trauer und Leid!

 

11-IV-50.  Heute haben wir Frost und Schnee.  Wann wird es mal Frühling werden in der Natur und auch in unserm Leben.  So wenig Sonne!

Heinz spielte Heute im Orchester in einer Begräbnisprozession den Trauermarsch; direkt aus der Fabrik im schmierigen Arbeiteranzug.

 

16-IV-50.  Sonntag.  Bis gestern hatten wir Frost und die Felder sind noch unter Schnee; Heute regnet es und wir hoffen, dass es jetzt endlich Frühling werden wird.

Gestern war der Geburtstag unsrer lieben, lieben verstorbenen Erika, das gab wieder Veranlassung zu schweren Erinnerungen und tiefen Trauer und ganz besonders bei Frieda in ihrer Einsamkeit zu Hause.  Erika wär jetzt schon 19 Jahre alt;  wie wären wir doch so glücklich, sie jetzt bei uns in unsrer Familie zu haben.  Und doch — Ach, diese Sehnsucht nach unsern lieben lieben Mädels!  Ach, diese quälenden und brennenden Fragen “Warum?  Warum?”!   Jedoch, man darf so nicht! Und doch wenn man zurückblickt und die Wege vergleicht, die wir und unsre  Lieben gegangen sind,  fragen wir uns mit zusammen gepressten Herzen “Warum?”

 

23-IV-50.  Sonntag.  Dieser Tag begann mit Regen und endigt mit schönem Sonnenschein.  Endlich haben wir Frühling, der Schnee ist wohl schon auf der Steppe fort, nur das Eis auf dem Irtysch steht noch;  gewöhnlich ist es um diese Zeit schon weg und der Irtysch frei und fahrbar.

Hans hat vor einigen Wochen ein Fahrrad für 780 Rubel gekauft, welches wir jetzt abwechselnd brauchen, ich Vormittag und er Nachmittag.

Morgen muss ich wieder auf “Komandirowka” in die Kolchose.

 

1 Mai.  Feiertag.  Ein wunderschöner sonniger und warmer Tag,  ich nahm daher auch teil an der Demonstration in unsrer Kolonne, d.h. in der Kolonne unsrer landwirtschaftlichen Abteilung, Hans in der Kolonne seiner Schule und Heinz im Orchester seiner Fabrik.  Frieda ging auch in die Stadt um die Demonstration von der Seite anzusehen.

Vor 6 Tagen hatten wir einen sehr warmen Tag und Gewitterregen, das Eis ging im Irtysch.

 

14-V-50.  Sonntag.  Soeben sind wir zurückgekehrt von unserm Gemüsegarten, sind sehr müde.  Vorigen Sonntag besetzten wir meinen Gemüsegarten mit Kartoffel — auf 0,20 Hektar brauchten wir 20 Eimer Kartoffel; Heute besetzten wir Hans’s Gemüsestück dass er von seiner Schule aus bekommen hat — 0,15 Ha.  Im ganzen haben wir 28 Eimer Kartoffel ausgesetzt.  Von anderem Gemüse haben wir nur wenig gesetzt, weil es einmal auf dem Felde nicht gut gerät und anderseits, die Hauptsache sind die Kartoffel.  Diese Arbeit haben wir zu dritt gemacht, Frieda, Hans und ich. Gestern und Vorgestern hat es schön geregnet.

 

24-V-50.  Heute ist Frieda’s Geburtstag, sie ist 54 Jahre alt.  Wenn wir diesen Tag doch im Kreise unsrer lieben Geschwister alle verleben dürften.  Wir müssen jedoch froh und dankbar sein, dass wir mit unsern Kindern zusammen sein können.  Wir haben die Geschwister Lena und Lise Enns zu heute Abend zum Kaffee eingeladen.  Frieda hat für unsre Verhältnisse hier ganz schön gebacken. Ich habe ihr zum Geburtstag ein Paar niedrige Schuhe geschenkt, sie kosten 139 Rubel 60 Kopejken.

Gestern und heute hat es schön geregnet.  Der Mai Monat ist in diesem Jahr ziemlich feucht; für unsre Verhältnisse im Süden wäre dies schon für eine gute Ernte entscheidend, hier jedoch ist noch viel vom Juni abhängig.

 

18 Juni.  Sonntag.  Heute früh morgens Uhr 5 versammelten wir Arbeiter unseres Contors uns mit unsern Hacken bei unserm Direktor und fuhren von dort per Lastauto aufs Feld zu unserm Kartoffelstück.  Wir waren zu dritt, Frieda, Hans und ich; bis halb elf Uhr hatten wir´s gehackt und fuhren zurück.  Dann schliefen wir uns gut aus.  Die Kartoffel stehen gut, es fehlt schon Regen.

Unser Direktor liegt im Krankenhaus für Tuberkulose, er hat in beiden Lungen “Kaverne” und ihm wird Luft in beiden Lungen eingepumpt.

Wir hatten vor einigen Tagen eine 3-tägige Versammlung aller Spezialisten der Viehzucht der “Oblast”,  auf der auch ich antreten musste.  Laut Tagesreglement durfte ein jeder nur 15 Minuten sprechen.  Ich hatte kaum die Hälfte meiner entworfenen Rede gehalten, waren die 15 Minuten vorüber und ich musste abbrechen.  Weil ich somit nicht zu Ende führen konnte, was ich  mir vorgenommen hatte, so quält mich oft diesen Unbefriedigtsein.

 

2-VII-50.  Sonntag.  Ein schöner Sommertag.  Man möchte diese Tage festhalten, denn allzu rasch kommen wieder die kalten Tage.

Erhielten Gestern ein Telegramm von Hans aus Semipalatinsk, in dem er berichtet, dass er glücklich hingekommen ist. Am 27.VI. fuhr er per Schiff dorthin, um etwa einen Monat im Lehrerinstitut Lektionen anzuhören und die Examen für den 2. Kursus des Lehrerinstituts abzulegen.

Heute zu Frühstück war Heinz bei uns, denn seine Marusja ist heute auf Arbeit.

Vorgestern wurde bei uns die Sammlung der Unterschriften für den  Frieden begonnen. An zwei Kriege hab ich schon persönlich müssen teilnehmen, sollte man wirklich noch einen dritten durchmachen müssen?!  Und der könnte furchtbar sein, da man doch von den furchtbarsten und unmenschlichsten Vernichtungsmittel spricht, die die Menschheit zur Vernichtung der Menschen erfindet. Vor einigen Tagen ist in fernen und kleinen Korea ein Feuer entstanden; könnte das große Dimensionen annehmen?!  Wie schaudert’s einem vor einem Krieg, und wann wird mal wirklicher Friede in die Welt kommen?!

 

21-VII-50.  Vor 2 Tage hatten wir große Hitze und Dürre, heute Landregen und kalt. 

Heinz u. Marusja wohnen gegenwärtig in unserm Zimmer.

Frieda hat sich 5 Zähne und Zahnwurzeln ziehen lassen, um sich oben ein Gebiss machen lassen.

 

6-VIII-50.  Sonntag.  Wir haben heute einen trüben herbstlichen Tag.  Wie rasch vergeht hier doch der Sommer.

Etwa 6 Wochen sitze ich schon ununterbrochen über einer Arbeit: “Fünfjähriger Selektionsplan”.  Heute bin ich auf der hundertsten Seite meiner Arbeit angelangt.  In einigen Tagen will ich meinen Teil dieser Arbeit beendigen.  Ich hoffe mit dieser Arbeit 1 ½ -2 Tausend Rubel extra zu verdienen.

Gegenwärtig warten wir schon auf Hans, der in diesen Tagen von Semipalatinsk zurückkehren muss.

Womit habe ich mich heute bis Mittag beschäftigt? Morgens stand ich beim Laden nach Brot, dann fuhr ich auf dem Rad zum Irtysch, um Gras für unsre Kuh zu kaufen, die heute zu Hause geblieben ist.  Unsre Kuh gibt an und für sich nur 3-4 Liter Milch, dann merken wir, dass sie noch auf der Weide von dem Hirten gemolken wird, so dass sie gestern nur ganz wenig gab.  Die Milch ist gegenwärtig sehr fett.

Weil es heute ziemlich stürmisch ist, bringt niemand Gras über den Irtysch und somit muss unsre Kuh heute etwas fasten.

Dann half ich Frieda etwas in der Küche das Fleisch vermahlen zu Kotletten.

Heinz und Marusja gingen zum Bazar.

 

15-VIII-50.  Am 7. und 8. August früh morgens hatte ich 2 heftige Schmerzanfälle unter der rechten Lunge und hinten zwischen den Schulterblätter.  Die Ärzte stellen eine Lebererkrankung fest.  Gegenwärtig sind die Schmerzen schon wieder ganz verschwunden.

Montag den 7.VIII. abends kam Hans per Schiff aus Semipalatinsk. Um Uhr 10 des Abends hörten wir den Pfiff des Schiffes und Heinz und Marusja gingen zur Pristanj
Anlegestelle
die ein Quartal von uns entfernt ist, sie kamen auch schon bald mit Hans auf. Hans hat seine Examen mit “gut” und “ausgezeichnet” bestanden. Jetzt ist wieder mehr Leben im Hause. Weil er noch unverheiratet ist, ist er noch mehr Kind im Hause, als Heinz, der schon mehr eigene Interesse hat.

27-VIII-50.  Sonntag.  Ein heißer Spätsommertag.  Morgens früh um 5 Uhr trieb ich an Frieda’s statt die Kuh aus der Stadt;   ich nahm das Rad mit und fuhr von der Herde auf unser Kartoffelfeld.  Etwa um halb zehn Uhr kam ich mit etwa 2 Eimer Kartoffel nach Hause.  Nach Frühstück ging ich auf den Bazar und brachte 2 Arbusen und 1 Kilo Pomidoren für 7 Rubel.

Hans ist auf einer Lehrerkonferenz.  Gestern waren bei uns zu Gast mein Freund seit der Trudarmee N. H. Simani und Irma Tomsen.

2 Tage war ich auf einer Komandirowka mit einem Photographen.  Wir machten 50 Aufnahmen hauptsächlich Kühe.

 

3-IX-50.  Sonntag.  Am Sonntag ist man gezwungen alle nötigsten persönlichen Geschäfte zu erledigen, denn in der Woche kommt man nicht dazu.  Was hätten unsre Alten früher dazu gesagt?!  Heute habe ich ein Fuder Heu für 150 Rubel und 1 Pud Gurken gekauft für 1 Rubel das Kilo.

Im Zusammenhang mit meiner Leberkrankung werden mir gegenwärtig Glukoseunterspritzungen gemacht zu 20 Gramm auf einmal in die Venen.  Im ganzen 200 Gramm.

 

8-X-50.  Sonntag.  Ich habe buchstäblich keinen Sonntag mehr.  Immer beschäftigt.  2 Wochen war ich auf  “Komandirowka”;  2 Sonntage haben wir Kartoffel gegraben.  Unsre Kartoffelernte besteht aus 280 Eimer.

Heute werden die Kartoffel durchgelesen und in den Keller gebracht. Vorige Woche habe ich eine Kuh gekauft für 1700 Rubel.  Die Kuh ist mit dem 7. Kalb; sie gibt ganz schön Milch, nur steht sie beim Melken nicht ruhig, was Frieda gar nicht gefallen will. Heute führte ich unsre alte Kuh zum Bazar; man bot mir für sie bis 900 Rubel, wofür ich sie nicht lassen wollte und daher zurückgebracht habe.

Vor einigen Tagen sind unsre Kinder, Heinz und Marusja wieder apart gezogen.  Vorgestern abends waren Frieda und ich bei ihnen zu Marusjas 26 Geburtstag.

 

28-X-50.  Heute hatten wir den Tag über Sturmwetter; es ist alles tief unter Schnee.  Sollte es wirklich schon Winter werden?!

Vorigen Sonntag habe ich unsre alte Kuh für 700 Rubel verkauft, was sehr billig ist. Haben uns 11 Pud Weizen gekauft durchschnittlich für 28 Rubel das Pud.

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Heft 8 - Fortzetzung unser Familenchronik - H. Dück - 1950 - 1955

(Das Heft hat einem steifen Außenkarton,  in den ein Heft eingeklebt ist, das karierte Blätter enthält. Es ist gut erhalten, die erste Seite ist aber säuberlich herausgetrennt worden. Das Tagebuch ist in Tinte geschrieben.)

 

12-XI-50.  Sonntag.  Seit dem 28.X. haben wir schon vollständigen Winter, alles unter Schnee, starker Frost bis 30 Grad.  Seit dem 31. Oktober ist der Irtysch schon zugefroren; viele Schiffe sind unterwegs vom Winter überrascht worden und sind eingefroren.  So manchen hat der Winter überrascht.  Zum Glück haben wir noch kurz vor dem Schnee eine Autoladung Brennholz bekommen, wovon etwa die Hälfte zersägt und gespaltet schon in unserm Corridor liegt. 

Mit Heu sind wir zum Winter nicht versorgt.  Heute Morgens ging Hans zu dem “конюх” unseres Contors, um mit ihm uns einen Schlitten Heu zu bringen, das mir unser Direktor abgelassen hat.

Frieda ging zur Zahnärztin, um ihr remontiertes Gebiss zu holen.

Vor kurzem starb auf unserm Hof ein junger Mann an einer Komplikation in den Lungen.  Er hat eine junge Frau mit 2 kleinen Kinder zurückgelassen.  Heute ist gegenüber unserm Hof ein Begräbnis einer verhältnismäßig jungen Frau, die an Unterleibstyphus und Lungenentzündung gestorben ist; sie hinterlässt ihren Mann und eine Scharr Kinder. Wie viel Leid und Trauer bringt das Leben doch mit sich. Wie dankbar bin ich, dass so ein Leid an uns vorübergeht.

 

16-XI-50.  Morgen beginnt mein monatlicher Urlaub.

 

27-XI-50.   Bis dahin verläuft mein Urlaub eigentlich ziemlich prosaisch; beschäftige mich meistens mit unsrer kleinen Wirtschaft.  In der Regel geh ich morgens und abends mit unsrer Kuh an den Irtysch zum Tränken.  Am Irtysch sehe ich immer ein und dasselbe Schauspiel, einer nach dem anderen kommt, die alten Kasachen mit ihren Pferdchen zur Tränke, die sich etwa 50 Meter vom Ufer auf dem Eis befindet; andre holen mit ihren Fässern Wasser aus dem Irtysch; Kinder, Frauen auch Männer holen mit Handschlitten oder коромысло Wasser; Kinder rudeln auf Schlittchen oder Schlittschuh das Ufer hinunter; beladene Schlitten mit Heu kommen von jenseits des Irtysch gefahren.  Unser Hans holt auch jeden Morgen mit dem Handschlitten eine “Bidon” Wasser.

Nach Frühstück mach ich gewöhnlich einen Spaziergang in die Stadt, in die Läden und auf den Bazar um das Nötige für uns zu holen.  Nach Mittag und abends lese ich Zeitungen.  Habe noch kein bestimmtes Buch angefangen zu lesen. Vor dem Schlafengehen lesen wir uns gewöhnlich etwas aus Hilty’s “Glück” oder aus Otto Funke.

Hans kommt gewöhnlich um 10 Uhr aus der Schule.

 

10-XII-50.  Sonntag.  Mäßig kalt. Heute Morgens holten wir uns 10 Eimer kleine Kartoffelchen zum füttern für 7 Liter Milch.  Wir lesen uns mit Frieda gegenwärtig Tolstoy’s “Krieg und Frieden” in russischer Sprache.

Ich habe in diesem Jahr recht schönen Nebenverdienst: Prämie fürs Jahr 1949 1700 Rubel, für die “Bonitirowka” 2400 Rubel, für  den Selektionsplan 1500 Rubel,  außerdem noch 3000 Rubel für meine Arbeit für die Versuchsstation der Viehzucht.  Gage erhalte ich im Jahr “auf die Hand’ 6000 Rubel.  Hans verdient etwa 6-700 Rubel im Monat, Heinz - 800-1000 Rubel.

Wir danken Gott, dass er uns wieder aus der materiellen Not heraus geholfen hat.

 

17-XII-50.  Sonntag.  Mein Urlaub ist schon wieder zu Ende.

Heute haben wir Wahlen in die örtliche Räte.

 

1951 

 

1-I-51.  Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts haben wir somit abgeschlossen.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts waren Frieda und ich noch kleine Kinder, die glücklich und sorgenlos unter der Obhut ihrer Eltern lebten und zuversichtlich und vertrauensvoll ins Leben schauten.

Weil wir beide schwärmerische Naturen waren, so wollte uns in der Jugendzeit unser Leben doch so verlockend und vielversprechend scheinen.  Unsre früheste Jugendzeit war ja auch schön.  Dann haben wir beide eine christliche Erziehung im Elternhause genossen, ebenfalls in Schule und Gesellschaft, das uns ausgerüstet hatte für die außergewöhnlich schwere Zeiten unseres Lebens, in die wir schon zu Beginn unsrer reiferen Jugendzeit eintraten und die niemand hätte ahnen können. Hätten wir nicht diesen inneren Halt, den wir mitbekommen ins Leben, wären wir so manchmal unterlegen in Lagen, wo menschliche Kraft nicht mehr ausreichen will.  Trotzt allem haben wir so viel Leben genossen. Jetzt treten wir in die zweite Hälfte dieses so bewegten Jahrhunderts. Möchten sich doch mal die Stürme und Wellen legen, damit wir doch ein friedliches und ruhiges Alter verleben dürften.

 

20-I-51.  Seit den 3. Januar war ich auf “Komandirowka” in Angelegenheiten der Viehzucht.  Ich habe etwa 250 km auf einem Schlittchen in den unendlichen Schneesteppen zurückgelegt.  Zwei Tage fuhr ich bei 44 Grad Frost.  Vom 14. bis zum 16. Januar war furchtbares Schneegestöber,  so dass ich 5 Tage in einem Kolchos sitzen musste.  Der Stall,  in dem meine Pferdchen sich befanden, war so untergestürmt, dass erst nach 2 Tagen Tunelle bis zu den Stalltüren durchgegraben werden konnte.   Kein Futter konnte für’s Vieh herbeigebracht werden.  

In den fast baumlosen Steppendörfer ist’s fast unheimlich in solchen Wintertagen; sie sind dann völlig abgeschnitten von den anderen Dörfern und besonders von der Stadt, keine Telephon oder sonstige Verbindung.

Diese meine Lage machte mich sehr ungeduldig und nervös, ich musste mich bei fremden Menschen herum stoßen und sie belästigen, für meine Pferde konnte ich fast kein Futter bekommen.  Als der Schneesturm aufs ärgste war und wir uns nicht aus dem Hause wagen konnten, bat ich dem Wirt des Hauses, wo ich mich befand, einem alten erfahrenen Jäger der Tajga, mir aus seinem früheren Jagdleben zu erzählen.  Sehr interessante Episoden erzählte er mir aus seinem 25-jährigen Jagdleben.  Alle Jahre ist er mit seinen Kameraden 500 km weit in die mit Urwälder bedeckte gebirgige Tajga auf die Jagd gegangen.  Über 100 Bären hat er selber geschossen, usw.

Weil ich mich wegen dem Schneesturm so lange unterwegs aufgehalten hatte und ich keine Nachricht nach Hause schicken konnte, waren die meinen schon sehr unruhig,  zumal dieser Schneesturm wieder so viel Menschenopfer gekostet hat.  Meine Familie und auch meine Mitarbeiter waren alle sehr erfreut, als ich schließlich wieder erschien.

 

2-II-51.  Sitze den 3. Tag im Zuge auf dem Wege von Pavlodar nach Alma- Ata, 2000 km.  Befinde mich in den sogenannten “direkten Wagon” in dem man ohne umzusteigen bis Alma Ata fahren kann.  Den 31.I.51. 8 Uhr abends fuhr ich von Pavlodar los.  Frieda blieb allein zu Hause, da Hans schon in die Schule gegangen war.  Es fällt mir immer schwer, Frieda allein zu lassen.  Wie oft haben wir uns schon in unserm Leben verabschieden müssen, da ich doch immer während unsres ganzen Ehelebens einen Dienst gehabt habe, wo ich oft reisen musste.  Auch jetzt war der Abschied wieder schwer, da ich doch auf 3 Wochen weg muss und außer unsern Kindern Frieda doch eigentlich fast keinen nahen Menschen hat.

Frieda begleitete mich bis zum Autobus, von wo ich allein zur Station fuhr.  Zu mir in den Wagon kam noch Heinz, der versprochen hatte, mich in den Wagon zu begleiten.  Ich bat ihn, in meiner Abwesenheit doch oft die Mama in ihrer Einsamkeit zu besuchen.  Wir sprachen von einem gemeinsamen Hauskauf, der uns ermöglichen würde, wieder zusammen zu wohnen.  Denn diese Einsamkeit, die wir und besonders Frieda immer empfinden, müssen wir nach Kräften zu verringern suchen.

Ich bat Heinz auf dem Rückwege bei Hans in der Schule anzugehen und ihm zu sagen, dass ich einen guten Platz im Wagon bekommen habe, damit Frieda das abends noch erfährt.

Und so fahre ich schon den 3. Tag.  Die Fenster sind befroren und nur durch eins ist etwas durchzublicken;   man sieht schon den 3. Tag ein und dieselben Ansichten, ebene und endlose mit Schnee bedeckten Steppen, keine Dörfer, nur hin und wieder ein Birkenwäldchen.

Unsre Reisegesellschaft ist eine beständige, weil alle in diesem Wagon weite Strecken machen.  Die Insassen eines Kupees werden bald näher bekannt und so gibt’s dann bald rege Unterhaltung.  Es wird gelesen, gegessen, geschlafen, Karten gespielt, getrunken und geraucht.  Mit Bettzeug sind wir alle zur Reise versorgt, ein Komplett kostet 10 Rubel.

Zwei Mann aus unserm Kupee, Geschäftsleute, haben sich schon 4 mal im Laufe von 24 Stunden betrunken, ausgeschlafen und wieder getrunken; sie fühlen sich trotz dem scheinbar gut und haben kein “Katzenjammer”; ihre einzige Sorge ist, nur rechtzeitig wieder Schnaps zu bekommen.

 

3-II-51.  Unser Wagon wird immer leerer, denn neue Passagiere kommen nicht hinzu.  Eine unsrer Kupeegenosinnen wollte in Nowosibirsk eilig etwas in einem Magazin neben der Station kaufen, verspätete unsren Zug und blieb zurück.  Zwei andere Kupeegenossen, von denen ich gestern schon erwähnt habe, stiegen gestern abends auf der Station Barnaul aus, nachdem sie ihr sechstes Halbliter Schnaps im Laufe der anderthalb Tage zu zweit ausgetrunken hatten. Einer von Zweien, ein Ukrainer, der allem Anscheine nach ein Trinker ist und sofort immer ganz betrunken war, schien von Natur sonst ein gutmütiger Mensch zu sein, jedoch willenlos und lasterhaft, aber kein Egoist.  (Ähnliche Kreaturen findet ja man oft unter lasterhaften Menschen.)  Er ist der Direktor einer grösseren Organisation; er ist leutselig und freundlich; der Gesang blinder Sänger rührte ihn zu Tränen, so dass er sich schüchtern umschaute, ob nicht jemand seine Tränen gemerkt habe.

Unter anderem erzählten diese beide von einem bedeutenden Mann aus ihrer Stadt der vor kurzem im Schneesturm unterwegs erfroren sei;  wie selbiger sein Pferd zweimal nahe neben ein Dorf vorbeigeführt hatte und schließlich zusammengebrochen sei;   ihm fand man tot und das Pferd neben ihm lebendig.  Ein andrer erfahrener Sibirier bemerkte dazu, dass er schon mehrere mal unterwegs von starke Schneestürme überrascht worden sei und dass er jedoch, sobald das Pferd anfängt zu irren, stehen bleibt, das Pferd ausspannt, sich tief in den Schlitten setzt,  mit dem Tulup umhüllt, von Zeit zu Zeit um den Schlitten geht, um sich zu erwärmen und vor dem Einschlafen zu hüten und so das Ende des Schneesturmes abwartet.

Gestern hatte ich Magendrücken und muss daher etwas fasten.

 

4-II-51.  Morgens.  Es sind schon nur ganz wenig Passagiere in unserm Wagon geblieben. Es wird kalt in unserm Wagon. Die Gegend wird schon gebirgig. Soeben passierten wir die Station “Taldy Kurgan”,  wo unser Cousin Franz Dück wohnt.  Nicht weit von hier muss ja die chinesische Grenze sein.

Ich langweile, weil ich kein schönes Buch zum Lesen habe,  zudem ist abends beim schwachen Licht nicht zu lesen.

 

6-II-51.  Ich bin schon seit vorgestern Abend hier in Alma- Ata.  Mit Not und Müh bekam ich gestern spät abends endlich einen Platz im Gasthause.  Ich habe diese Nacht einmal wieder normal im Bett und entkleidet geschlafen.  Um mich hier in der Stadt zu legitimieren bin ich im Laufe des gestrigen Tages in 9 Ämter gewesen,  von einem wurde ich zum anderen geschickt, bis ich schließlich mal alle Formalitäten erledigt hatte, wobei ich etwa eine Strecke von 25 km in der Stadt gemacht habe.

Gestern schickte ich ein Telegramm an meine Familie mit der Nachricht,  dass ich glücklich hergekommen bin. Meldete mich gestern schon im Ministerium für Landwirtschaft.   Ich bin eigentlich etwas zu früh gekommen.

 

7-II-51.  Gestern erfuhr ich, dass wir erst den 12.II- werden abrechnen müssen. Genosse Romanenko bittet mich, mit ihm zusammen eine Broschüre herauszugeben.

 

11-II-51.  Sonntag Abend.  Alma-Ata.  Besuchte heute beide Bazare, um Einkäufe zu machen.  Material zu Anzüge ist nicht zu finden.

Ich sitze auf meinem Bett im Gasthause.  In unserm Zimmer befinden sich 13 Mann, die aus den verschiedensten Teilen des Kasachstan hierhergekommen sind; einige fahren schon wieder weg, andere kommen.  Spät abends kehren sie alle in unser Zimmer zurück.  Trotzdem wir uns schon kennen, wissen wir jedoch nicht , wie wer heißt.  Heute Morgens verabschiedete ich mich von meinem Nachbar im Zimmer, einem sympatischen Ukrainer, und mit einem jungen medizinischen Arzt, mit dem ich mich viel und interessant unterhalten habe, weiß jedoch weder des einen noch des anderen Namen noch Wohnort.

Unter anderem erzählte der Arzt von einem alten Manne von über 80 Jahre, den er in seiner Praxis begegnet habe, der sein Leben lang Vegetarier gewesen sei und sich hauptsächlich mit dicke Milch, Gritze, Gemüse  usw. ernährt habe und gegenwärtig mindestens auf 30 Jahre jünger aussah, als er faktisch ist.

 

13-II-51.  Heute bin ich dann endlich mal im Ministerium angehört worden. Mein Bericht wurde aufmerksam angehört und im großen und ganzen gut geheißen, was mich sehr befriedigte und ganz unerwartet war.  Genosse Andrejew gratulierte mir später mit diesem Erfolg.  Unser Vorgesetzte Genosse Galotschkin verlangte unbedingt meinen Bericht ihm zu lassen.

Heute gelang es mir ein Billet zum 15.II. zu bestellen.  Morgen habe ich viel zu tun, weil ich in einem Tage mit allen Einkäufe fertig sein muss.

 

17-II-51.  Ich bin schon den 3. Tag auf dem Rückwege nach Pavlodar.  8 Stunden stehen wir schon mit unserm Zuge auf einer kleinen Station.  Infolge dreitägigen Schneesturmes ist die Eisenbahnlinie unter Schnee und die Züge können nicht gehen.  Die Passagiere werden ganz ungeduldig zumal hier nichts zum Essen zu kaufen ist. Ich habe einen gemütlichen Platz  im Wagon, eine ganze Bank am Tischchen mit Bettzeug.

Zwei Tage habe ich ununterbrochen gelesen und soeben den neuen Roman von A. Rogojena “Iwan Iwanowitsch” beendigt.  Ich muss gestehen, dass dieser Roman mich nicht befriedigt hat.  An Stelle des Schriftstellers hätte ich meinem Helden Iw. Iw. mit seinem edlen Charakter nicht so einen Misserfolg in seiner Liebe und Eheglück erleiden lassen.  Mit solcher Moral bin ich nicht einverstanden.  Echte Liebe und Treue darf nicht so enden.

 

18-II-51.  Sonntag.  Schon den zweiten Tag stehen wir mit unserm Zuge auf einer kleinen Station  “Pospelicka”, zwischen Semipalatinsk und Barnaul; die Bahnlinie vor uns ist noch immer nicht vom Schnee befreit. Heute ist sehr starker Frost, wohl über 30 Grad.  Heute ist Wahltag in die republikanische Räte.  Die Wahl für uns Passagiere fand in einem Wagon statt.

Ich hoffte, Morgen des Morgens schon zu Hause zu sein und jetzt sitzen wir noch fast 1300 km von Pavlodar. Halb 12 Uhr tags, endlich fahren wir wieder weiter, alle atmen erleichtert auf. 5 Uhr.  Kaum 20 km gefahren und stehen wir wieder. Endlich fahren wir wieder und der Zug entwickelt schon seine normale Geschwindigkeit.  Der Produktenvorrat ist zu Ende und es bietet sich noch keine Gelegenheit zum kaufen.

Es wird viel von Unglücksfälle im Schneesturm erzählt.  Mein Nachbar, ein Kollektivist erzählt, dass in ihrem Rayon 27 und im Nachbarrayon 50 Menschen anfangs Januar erfroren sind. Er erzählte von einem interessanten Fall, wie bei ihnen eine Frau 7 Tage unter dem Schnee zugebracht habe und nicht erfroren sei.  Wie sie sich nach dem sie das Pferd ausgespannt hatte unter dem umgekippten Schlitten von dem Schneesturm geschützt hatte,  untergestürmt sei und 7 Tage nicht vor konnte.  Das Pferd war erfroren und sie wurde nach 7 Tagen von Jäger gefunden und vorgegraben.

Drei junge Männer in unserm Wagon führen sich sehr rücksichtslos und frech auf,  führen schmutzige Reden und singen schmutzige Lieder.  In ihrer Dummheit werden sie durch das Lachen und den Beifall eines Teils der Passagiere gestärkt.

 

19-II-51.  Den 5. Tag bin ich schon unterwegs; fast 2 Tage hat unser Zug wegen dem Schnee gestanden.  Statt 4 werden wir jetzt 6 Tage bis Pavlodar fahren müssen.

Heute wurde in unserm Wagon viel über Jagd und zwar über Wolfsjagd erzählt.  Wölfe sind hier, wie bekannt, sehr viel; es haben sich in den letzten Jahren sehr die wilden Ziegen und sogar Elendstiere verbreitet.

 

20-II-51.  Ich bin schon den 6. Tag unterwegs. Bestimmt hat man mich gestern und heute morgens zu Hause erwartet, wahrscheinlich ist Hans auf der Station gewesen.

Es ist starker Frost 40-42 Grad. Wir stehen gegenwärtig auf der Station Tatarskaja (Tatarsk).

 

23-II-51.  Ich bin schon den 3. Tag wieder zu Hause. Gott sie dank, alle gesund und wieder zusammen.  Hans begegnete mich auf der Station und holte mich mit dem Schlitten ab.  Wie wohl fühlt man sich wieder im Kreise seiner lieben Familie und kein Glück in der Welt ist diesem beständigen Glück gleich zu stellen.  Abends waren Heinz und Marusja bei uns.

Heute ist’s 36,5 Frost.  2 Tage habe  ich  schon wieder im Contor gearbeitet.  Schon wieder muss ich mich zu einer Komandirowka in die Kolchose fertig machen.  Mit unserm Direktor Karatajews Gesundheit steht’s nur schlecht.  Wie ich zu ihm sagte, dass er vielleicht im August mal könnte auf einem leichten Auto in die Kollektive fahren, meinte  er, dass er froh sein würde, wenn er wenigstens noch bis zum Juli Monat leben könnte,  wo er seinen Sohn im Urlaub erwarte.

 

25-II-51.  Sonntag.  Gestern hatten wir 41.6° Frost u. heute 38°.  Unser Quartier ist nicht warm zu kriegen.  Zwar haben wir noch Holz,  aber Mist und Kohlen sind alle.  Unser Heu geht auch zu Ende und auf dem Bazar ist in so einem Frost keins zu haben.

 

4-III-51.  Sonntag.  Meine Mutter sagte früher immer “was der Sonntag erwirbt, das der Montag verdirbt”.  Und jetzt erwerben wir immer nur am Sonntag.  Ich habe heute 2 Liter Öl à 23 Rubel und einen Schlitten Kohlen zu 100 Rubel gekauft.

 

11-III-51.  Sonntag.  Wieder einmal habe ich mich heute am Sonntag mit Einkäufen beschäftigt, habe ein Pud Mehl (graues) für 65 Rubel und ein Schlittchen Heu für 100 gekauft.

In der Woche war ich in die Kolchose gefahren allein auf einem kleinen Schlittchen bespannt mit 2 Pferde.  Zum ersten mal hier habe ich mehr oder weniger normal gefahren.  Den letzten Tag machte ich 57 km in 5 Stunden. Wenn man offene Augen und Ohren hat, erfährt man so manches auf so einer Fahrt..  Im Kolchos namens Kirowo wird doch viel Schnaps getrunken.  An dem Tage, als ich hinkam wurde ein älterer Mann begraben, der sehr den Schnaps geliebt hat und jetzt, nachdem er unterwegs wiederum getrunken hatte, tot vom Schlitten herunter geholt.  Daraufhin nahmen sich viele vor, weiterhin vorsichtiger und mäßiger mit dem Trinken zu sein.  Abend jedoch kam der Nachbar des Hauses, in dem ich mich aufhielt, sehr betrunken hinein und blieb bis Morgens auf dem Bett liegen, in dem ich schlafen sollte.  Wie ich den Eindruck bekam, findet man so was dafür ganz natürlich und als gewöhnlich.  Viele Männer finden darin dort ihr einziges Vergnügen und kein Kampf dagegen wird geführt.  Die Abwesenheit der nötigen Mittel ist wohl die einzige Schranke gegen das Schnapstrinken nicht etwaige Überzeugungen.

Auf dem Hinwege fütterte ich etwas meine Pferde in einem Kolchos.  Ein Mann nötigte mich doch hereinzukommen und mich zu wärmen.  Im Hause traf ich seine Frau und 2 kleine Kinderchen an.  Der tief erfahrene Blick der jungen Frau war mir auffallend.   Mit wehmütigem Lächeln erzählte sie mir kurz, dass sie aus den Memriker Dörfer aus den Donbass stamme,  mit Mutter und 2 kleinere Brüder hierhergekommen sei,  die Mutter hier in einem Kasachischen Dorf  an Hunger gestorben sei,  worauf sie als junges Mädel mit den kleineren Brüder aus Not von Dorf zu Dorf betteln gegangen sei und schließlich nach dem Kolchos “Rote Fahne” gekommen und in Arbeit getreten sei.   Eines Tages kommt sie mit Stroh von der Steppe gefahren und findet an dem Wege ein Säckchen mit Getreide, ladet ihn auf und fährt ins Dorf.  Der Vorsitzender meinte, sie habe das Getreide gestohlen und treibt sie mit den Brüderchen aus dem Dorf.   Wiederum mussten die Waisenkinder in fremder Steppe wandern, bis sie in einem anderen Kolchos, Arbeit fanden, hier heranwuchsen und heirateten.  Die Verbindung mit ihren Verwandten haben sie ganz verloren und auch ihre Muttersprache.

 

16-III-51.  Heute ist mein 59. Geburtstag.  Man eilt so hin und ist gegenwärtig so mitgerissen mit dem wilden Strom unsrer Gegenwart, dass man nicht merkt, wie das Leben dahin eilt, und wenn man dann durch so einen wichtigen Tag im Leben, den Geburtstag, aufgerüttelt wird, und merkt, dass man schon ins 60-te Jahr seines Lebens tritt, will es einem fast unglaublich scheinen. Gott sei dank, dass ich noch verhältnismäßig gesund und arbeitsfähig bin; ohne Arbeit respektive geistige, kann ich nicht sein; mein Glück, das ich Arbeit habe und in der Arbeit geschätzt werde und trotz meines Alters und Nationalität nicht ausrangiert werde.

Ich freue mich sehr, dass unsre zwei Söhne “ihren Mann stehen” und auch sehr ein jeder in seiner Arbeit geschätzt werden.  Das ist ein wahrer Segen und ein Erbe von unsern Vorfahren, die sehr tüchtig waren.  Frieda’s Vater, Großvater usw. wie auch meine Großväter gehörten seiner Zeit nicht zu den Dutzendmenschen und haben in ihrem Leben was tüchtiges geleistet für sich und für die Gesellschaft.

 

29-IV-51.  Sonntag.  Nach Altem Stiel wird Ostern gefeiert.

 

29-V-51.  Einen ganzen Monat nichts notiert.  Sonnabend abends feierten wir Frieda’s 55ten. Geburtstag und Sonntag Lena Friesen’s 48ten.  Ich bin viel auf Reisen; habe mich unterwegs erkältet und kränkte etwas, Husten und Kopfschwindeln.

Hans beschäftigt sich mit den Examen in seiner Schule.

Es ist trocken und dürre in der Natur.

 

10 Juni.  Sonntag.  Das Wetter ist bis jetzt sehr ungünstig, immer trocken und kein Regen, viel Wind und Sturm und heiße Tage.  Es soll Gras gemäht werden, es ist jedoch fast nichts zu mähen, man mäht ein Zentner Heu vom Hektar.

Der Irtysch ist in diesem Jahr nicht aus den Ufern gestiegen, so dass man auch nicht auf Wiesenheu hoffen kann.  Die Aussicht leidet sehr.

Mit der Gesundheit steht es bei uns nicht sehr, bei Frieda steigt zum Abend oft die Temperatur, wahrscheinlich die Grippe, trotzdem die charakteristischen Merkmalen fehlen.

Vor 2 Tagen kehrte ich ganz krank von einer Komandirowka zurück.  Ich war mit einem Lastauto in die Kollchose gefahren, sass mit dem Schoffeur in der “Kabinka”;  am 2ten Tage wurde mir plötzlich sehr unwohl und ich fing an zu erbrechen, welches sich im Laufe einiger Stunden immer wieder wiederholten.  Der Arzt wollte mich ins Krankenhaus auf 1-2 Tage legen; die Ärztin meinte, es sei entweder eine Vergiftung von den Konserven, die ich gegessen hatte, oder ein Anfall mit der Leber.

Weil ich mit der Maschine war, so zog ich vor, nach Hause zu eilen (45 km).  Heute am 4. Tag fühl ich mich schon wieder gut, gestern war ich bei einer Ärztin, die da meinte, dass es eine Vergiftung von den Konserven und von dem Gas in der Kabinka gewesen sein kann.

Trotzdem unsre Kuh “gist” geblieben ist, gibt sie doch immer so fast den 9ten Monat 7-8 Liter Milch; Morgens und Abends bekommt außer der Weide zu einem halben Eimer Kartoffel und etwa einen Kilo Kleie.

Von Morgen bleib ich allein von den Spezialisten in unserm Contor, die andern sind krank oder im Urlaub; um 2 Tage muss ich daher wieder in die Kollektive fahren.  Ende Juni will ich auch auf Urlaub gehen.

 

17-VI-51.  Sonntag - Pfingsten.  Bis Mittag war der Arbeiterkollektiv unsres “Gosplemrassadnik” auf der Maschine unser Gemüse hacken gefahren.  Einstweilen sehen unsre Kartoffel ganz gut aus.  Im großen und ganzen fehlt es sehr an Regen.

 

24-VI-51.  Sonntag.  Wir haben eine ganze Woche große Hitze gehabt, bis 40 Grad im Schatten.  In dieser Hitze fand sich bei mir auf dem Körper Ausschlag, der mich des Nachts besonders beunruhigt; der Arzt meint, es sei auf nervöser Grundlage.

Weil unsre Arbusen auf dem Felde von verschiedenen Insekten vernichtet worden sind, haben wir auf der Stelle gestern noch einen Sack Kartoffel in die trockenen Erde ausgesetzt.

Ich habe vom Ministerium der Landwirtschaft eine Einladung nach Alma- Ata zum 1.VIII. laufenden Jahres bekommen, um teilzunehmen an einer Session der Akademie der Wissenschaften für Landwirtschaft.  Wenn ich rechtzeitig die Erlaubnis von der Behörde zum Fahren bekommen werde werde ich wohl fahren oder vielleicht fliegen.

 

1-VII-51.  Sonntag.  In der Woche hat es rund um uns geregnet und bei uns nicht, heute ist es wieder sehr heiß, worunter alles sehr leidet.  Die Ernteaussichten sind bei uns sehr schwach.

Donnerstag abends fuhr Hans per Schiff wieder nach Semipalatinsk ins Lehrerinstitut; Frieda und ich begleiteten ihn; Heute abends muss er dort ankommen.  Die Fahrt wird wohl etwas ermüdend sein, weil außer 4ter Klasse keine Billette zu haben waren.  Mit ihm fuhr noch sein Freund Valerij, der seiner Mutter im Krankenhaus in einem fast hoffnungslosem Zustande zurückgelassen hat.

Donnerstag Vormittag war Hans noch im Röntgenkabinett, wohin ihn ein Arzt geschickt hatte, weil er schon Jahre lang von Zeit zu Zeit auf Schmerzen an der rechten Seite der Brust spürt.  Leider findet man bei ihm rechts bei der untersten Rippe eine vernarbte Tbc Stelle.  In normalen Lebens- und Ernährungsverhältnisse dürfte das für Hans wohl keine besondere Gefahr sein.  Es ist jedoch ein Grund für Hans, immer auf der Hut zu sein und seine Gesundheit zu schonen.

Bei Heinz hat man beim Röntgen auch mal was ähnliches finden wollen, was sich jedoch später nicht bestätigt hat. Heinz ist gegenwärtig ziemlich abgemagert, weil er in der Fabrik gegenwärtig schwer zu arbeiten hat.

 

22-VII-51.  Sonntag. Noch immer heiß und dürre, keine Niederschläge.  Die Ernteaussichten sind sehr schlecht,  man hofft nur 5-6 Pud vom Hektar zu ernten.  Der Mehlpreis ist auf dem Markt ums doppelte gestiegen - Schlichtmehl kostet 80 Rubel, während vor 2 Monate es 40-45 Rubel kostete. Ganz besonders schwer sieht es mit dem Heu fürs Vieh.  Keine Weide, auch kein Heu zu kaufen;  unsre Kuh hat sehr abgeschlagen, sie gibt kaum 5 Liter Milch den Tag.

Seit vorigen Sonntag hab ich Urlaub.  Um meine Kräfte etwas zu heben lass ich mir Glukosa unterspritzen.

Vor einigen Tagen bekam ich 340 Rubel aus dem Radiokomitee aus Alma Ata geschickt für einen Artikel über Viehzucht.

 

1-VIII-51.  Hans schreibt, dass er wohl nach dem 5. August, d.h. nach dem letzten Examen, aus Semipalatinsk losfahren wird.

Vor einer Stunde zog unsre Strasse eine Begräbnisprozession entlang begleitet von einer sehr großen Volksmasse.  Es hat dieses Begräbnis eine besondere Bewandtnis.  Es wurde nämlich der vor 7 Monat geheimnisvoll verschwundene und jetzt im Fluss Irtysch gefundene bekannte Photograph Bagajew beerdigt.

Vorige Woche hielt sich bei uns einige Tage ein Abram Enns auf, es ist ein Onkel des Joh. Enns vom Brasel - unsres weitläufigen Verwandten.  Sein Vater ist hier anno 1945 gestorben und nun war er der Ernährer seiner Mutter und Bruder.  Verlor vor 2 Monate bei seiner Arbeit als Traktorist ein Auge und kam hierher ein künstliches Auge einzustellen.

Frieda ist gegenwärtig ins Krankenhaus gegangen, um eine hoffnungslose kranke russische Frau zu besuchen und ihr etwas Essen zu bringen; es ist die Mutter von Hans seinem Freund Valerij.  In der Abwesenheit des Valerij,  ihrem einzigen Kinde, der mit Hans in Semipalatinsk ist, besucht Frieda sie regelmäßig.

 

12-VIII-51.  Sonntag.  Dienstag kam Hans zurück aus Semipalatinsk und zwar per Lastauto, da die Passagierschiffe nicht mehr gehen können, weil das Wasser im Irtysch in diesem Jahr so flach ist.  Sein Freund Valerij hielt sich die Woche über bei uns auf, weil er kein Quatier hatte.  Hans hat für 2 Kurse des Lehrerinstituts abgelegt und ist jetzt Student des 3. und somit des letzten Kurses. Hätten wir früher solche Fernkurse gehabt, hätte ich es doch wohl zum Diplom in meiner Spezialität gebracht.

Der Sommer vergeht in diesem Jahr ohne einen durchdringlichem Regen; die Ernteaussichten sind in allem sehr schwach.  So mancher führt von hier in Ortschaften, wo bessere Ernte ist.

 

9-IX-51.  Sonntag.  Drei Wochen mit kleinen Unterbrechungen bin ich auf Komandirowka in Kolchosen gewesen, während der ich 3400 Stück Rindvieh bonitiert habe.  Diese Arbeit machte ich mit einer unsrer Mitarbeiterinnen.  Zu unsrer Verfügung stand uns unser Lastauto.  Jetzt werden wir über einen Monat an der Bearbeitung dieses rohen Materials sitzen müssen.  Für diese Arbeit bekommen wir Extra Entschädigung.

Heute morgens fuhren Hans und ich mit den andern Mitarbeitern unsres Contors per Auto zu unsern Kartoffelfeld, um etwas Kartoffel zu holen und die Sommerblumen aufzuräumen.  Es ist in diesem Jahr eine totale Missernte auf alles - Getreide, Gemüse und Heu.  Noch nie im Leben habe ich so eine Dürre erlebt und trotzdem hier ein Kontinentales Klima ist, behaupten die alten hiesigen Bürger, auch nie sowas erlebt zu haben. Überall sieht man nur tiefen trockenen Sand wie in einer Wüste.  Heute ist großer Sturm.

Heinz und Marusja haben sich ein Häuschen für 5000 Rubel gekauft. Wir wollten sonst zusammen uns ein Haus kaufen, es hat sich jedoch keine passende Gelegenheit geboten.

Wir bekamen kürzlich einen Brief von Hans Janzen (früher Ohrloff) aus Djambul, der Inhalt desselben ist von Anfang bis Ende humoristisch.  Allen nach sind sie zufrieden und glücklich, ihre Familie ist gesund und alle am Leben, materiell geht’s ihnen gut, in der Arbeit Erfolg. Ein großes Glück.

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1952

 

4 Februar. Wir sind schon über einen Monat ins Neue 1952 Jahr hinein geschritten.

Im Unterschied von den gewöhnlichen Jahren haben wir in der ersten Hälfte dieses Winters verhältnismäßig gelinden Winter, und besonders die Monate November und Dezember.  Schnee haben wir verhältnismäßig wenig und Frost haben wir wohl noch nicht bis 30 Grad gehabt. In den ersten 2 Wintermonate hat man hier sehr das Vieh geweidet, weil so wenig Heu vorhanden war.

Im vorigen Jahr war ja eine vollständige Missernte, statt der gewöhnlichen 200 mm Niederschläge (was sehr wenig ist) hatten wir im verflossenen Jahr nur 100,3 mm Niederschläge. Wie sehr man sich vor diesem Winter in allen Beziehungen gefürchtet hat, waren die Befürchtungen jedoch unnötig; es ist nicht zu merken, dass wir eine Missernte gehabt haben, außer Kartoffel ist von allem zu haben und zu mäßigen Preisen.

Zum Schluss des vergangenen Jahres habe ich extra 4000 Rubel verdient, für die Bonitirowka und den Selectionssplan. Diese ganze Summe haben wir in die Sparkasse gelegt.

Große Unkosten hatten wir mit dem Heukaufen.  Ende November schien es so, als wenn zum Winter kein Heu zu bekommen sein würde und so waren wir gezwungen eine große Maschine Heu 2000 Rubel zu zahlen.  Um einen Monat konnte man so viel Heu bedeutend billiger kaufen. Seit dem 25 Januar nach vier monatlichen Trockenstehen ist unsre Kuh wieder “Milch” und gibt uns täglich etwa 10 Liter.  Das Kälbchen haben wir im Alter von einer Woche geschlachtet.

Etwa von September Monat bis jetzt bin ich immer sehr mit Arbeit überbürdet gewesen;  nicht einen Abend auch nicht einen Sonntag ganz frei gewesen.  Ich habe mich ganz überanstrengt und bin sehr blutarm geworden, habe viel Kopfschwindeln. Frieda auch ich haben Glukosaunterspritzungen bekommen, außerdem habe ich über einen Monat im Physiokabinett kuriert meinen Rheumatismus.

 

24-II-52.  Sonntag.  Den ganzen Februar Monat haben wir heiteres Wetter mit Frost 24-30 Grad.  Morgen muss ich wieder auf Komandirowka extra auf eine Woche.  Ich habe mich sehr dagegen gesträubt, weil meine Gesundheit durchaus nicht befriedigend  ist und das Kopfschwindeln des Nachts und des Morgens noch gar nicht geschwunden ist. Bei 4 Ärzte bin ich im Laufe eines Monats gewesen, 2 junge Ärztinnen machen sich nicht viel Kopfzerbrechen und verschreiben mir Mittel gegen Blutarmut,  2 ältere Ärzte studieren den Grund meines Kopfschwindeln, einer verschrieb mir gegen Blutadernverkalkung, der andere für die Nerven;  beide verlangen mich wieder ihnen zu zeigen.

Nach Alma- Ata mit der Abrechnung zu fahren habe ich in diesem Jahr nicht die Erlaubnis erhalten, und so ist überhaupt niemand aus unserm Contor nach Alma- Ata gefahren.

Frieda hatte vorigen Sonntag mal wieder ihren Migräne Anfall,  jedoch im Unterschied von gewöhnlich verzogen sich die Kopfschmerzen und Unwohlsein 3-4 Tage.

Marusja hat sich gestern mit dem Woldi, der einen chronischen Durchfall hat,  ins Krankenhaus gelegt.

 

2-III-52.  Sonntag.  Gestern kehrte ich von einer sechstägigen Komandirowka zurück.  Ich war mit einem Einspänner auf einem kleinen Schlittchen in die Kolchose gefahren und habe etwa 140 km zurückgelegt.  Es standen heitre und kalte Tage.  Weil wir bis jetzt noch kein Sturmwetter gehabt haben ist die Schneedecke in den Steppen ideal eben, was eine große Seltenheit hier für diese Jahreszeit ist.

 

9-III-52.  Sonntag.  Gestern wurde mir in der Poliklinik eine Operation an der Brust, eine Entfernung eines kleinen Gewächses - Atheroma, bei örtlicher Betäubung.  Um 7 Tage sollen die Nähte herausgenommen werden.

Eine bittre “Pille” musste ich gestern herunterschlucken.  Inoffiziell wurde mir berichtet, dass das Ministerium für Landwirtschaft mir persönlich für die Arbeit unsres Grosplemrassadnik im verflossenen 1951 Jahr einen “выговор” gibt. Das ist eine Ungerechtigkeit sondergleichen;  ich habe fast allein die Arbeit machen müssen, da unser Direktor das ganze Jahr hindurch Krankheitshalber nicht im Contor gewesen ist,  und meine 2 Gehilfinnen ihrer Kinder halber nur teilweise an der Arbeit teilnehmen konnten.  Zudem die völlige Missernte in unsrer Oblast, die ja entscheidend war für den Erfolg  in der Arbeit. Ich muss es einstweilen schweigend hinnehmen.

 

16-III-52.  Sonntag.  Heute ist ein sehr wichtiger Tag für mich, mein sechzigster Geburtstag.  Es ist schon 11 Uhr Abends und ich habe noch nicht Zeit gefunden,etwas über diesen Tag nachzudenken.  Frieda lag die ganze Woche schwer an der Grippe  krank und ist heute zum ersten mal wieder aufgestanden. Wenn Frieda krank liegt, dann ist leider bei uns niemand, der den Haushalt bestellt, und so musste  ich sie dann ersetzen,  weil eine dauernde Hilfe für solchen Fall nicht so leicht zu finden ist.

Dann hatten wir noch 3 Tage Gäste, Abr. Krüger mit seiner jungen Frau; alle in einem Zimmerchen mit der Kranken. Da gab´s schon noch was zu tun für mich und im Contor  musste  man auch pünktlich erscheinen und seinen Mann stellen.

Vorbereiten konnten wir uns für den heutigen Tag daher auch nicht und haben das Feiern meines Geburtstages im Kreise unsrer Nächsten bis zum nächsten Sonntag verlegt.  Etwas haben wir jedoch schon heute gefeiert, auch Geschenke habe ich erhalten.

Heinz und Marusja waren abends zum Tee. Marusja hat 3 Wochen mit dem kleinen Woldi im Kinderkrankenhaus gelegen.  Marusja steht jetzt vor der Frage, ob sie noch weiter in ihrem Dienst bleiben soll, oder denselben aufgeben und zu Hause beim Kinde bleiben.  Wir berieten uns darüber und finden das einstweilen für ratsam.

Ich habe mich in vergangener Woche auf Grund der ungeprüften Nachrichten aus dem Ministerium auch vielleicht etwas übereilt mit Handeln, habe  im Ministerium eingereicht, mich von der Pflicht des Selektionärs zu befreien  und auf den Posten des Zootechniker-Inspektor überzuführen; anderseits habe ich in der Versuchstation eingereicht mich von der Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter ganz zu befreien, weil ich selbigen nicht nachkommen kann.  Dann habe ich im Горсобес im Zusammenhang mit meinem 60 Lebensjahr um Pension eingereicht.

 

23-III-52.  Sonntag.  Heute ist Hans krank,  wohl auch an der Grippe.  Glücklicherweise haben für ihn die Frühlingsferien begonnen,  so dass er sich etwas wird schonen können.  Morgen muss ich wieder auf “Komandirowka”.

 

13-IV-52.  Sonntag.  Heute ist der erste Frühlingswind und zum ersten mal bin ich ohne Burrstiefel ausgegangen.  Im Felde liegt noch der Schnee und der Irtysch steht auch noch.

Seit dem 4. März bin ich Pensionär und soll 150 Rubelmonatlich Pension bekommen.

Ich war vor einigen Tagen auf einer Kurort Komission in der Poliklinik, vorher musste ich erst eine Reihe Prozeduren durch machen, Röntgen, Analyse auf Brucellose, Malaria, Blut usw.  Mit meinen Lungen geht’s verhältnismäßig, auf Bruzellose reagiere ich noch, mein Blutbestand ist besser als vor kurzem etc., genug, man schickt mich in’s Kurort “Mujaldy” auf Schlammbäder.  Jetzt fehlt noch die “путёвка”.

Mit unserm Heu geht’s zu Ende und auf die Weide wird vielleicht erst im Mitte Mai getrieben; Heu ist  jedoch fast nicht zu haben.  Kleie haben wir uns vor kurzem 3 Pud gekauft, so dass die Kuh wieder mit Milch zulegt und etwa 10-11 Liter gibt.

 

20-IV-52.  Sonntag - Ostern.  Es ist heute ein warmer Frühlingstag, das Eis steht jedoch noch immer im Irtysch.

Heute früh Morgens ging ich auf die Suche nach Heu und kaufte ein kleines Wägelchen Heu (etwa 2-2 ½ Zentner) für 175 Rubel.

 

1-V-52.  Maifeier.  Wir nahmen an der Demonstration teil, Hans mit seiner Mädchenschule, Heins im Orchester seiner Fabrik, ich mit unsrer Landabteilung und Frieda nicht organisiert.  Trotzdem es schon erster Mai ist, haben wir noch immer kalte Tage, jetzt abends schneit es schon wieder.

 

6-VIII-52.  Seit dem 15.VII. bin ich im Urlaub;   4 Tage jedoch wurde mein Urlaub unterbrochen.  Seit dem ersten Tag meines Urlaubs suchte ich Gelegenheit ein Haus zu kaufen.  Schließlich erbot sich eine Gelegenheit, es wurde ein Häuschen am Ufer des Irtysch angeboten, wofür 8000 Rubel gefordert wurde. ;Nachdem wir es mit Frieda beschaut hatten und uns entschlossen hatten es zu kaufen, kauften wir es für sechs ein halb Tausend Rubel.  4 Tage haben wir uns mit dem Verschreiben des Hauses beschäftigt.  Das Haus ist ohne Dach, wie die meisten billigen Häuser hier in Pavlodar sind; die Wände sind “засыпные”, die man wohl auch nur im Pavlodar finden kann.  Das Haus besteht aus einem Zimmer und einer Küche mit einem russischen Ofen “печка”; ans Haus ist eine kleine Sommerküche von etwa 2-3 Meter und einem Ställchen von 4 Meter lang angebaut.

Genug, seit 1935 haben wir mal wieder ein eigenes Häuschen, welches wir nächstens beziehen wollen.  Lange haben wir gezweifelt, ob wir überhaupt kaufen sollten.  

Seit dem 27.VI. ist Hans in Semipalatinsk im Lehrerinstitut und heute abends erwarten wir ihn vom Schiff. Drei Wochen waren wir mit Frieda allein im Hause.  Einigen Wochen logierten bei uns Irma Tomsen und Else Krüger, die hier Examen ablegten. Wir warten schon sehr auf Hans, der mal wieder etwas mehr Leben in unser Hause bringen wird.

Heinz und Marusja haben sich inzwischen eine Kuh für 2300 Rubel gekauft, so dass sie jetzt mit eigener Milch sind; sehr günstig  ist der Kuhkauf  ja  nicht, denn sie gibt ja nur 5 Liter den Tag.  Heinz, der noch nicht viel Praxis und Kenntnisse von Kühen hat,  kaufte sie allein und wollte nicht warten, bis ich mal Zeit dazu haben würde.

Frieda und ich haben uns zur Stärkung Glukose unterspritzen lassen. Seit gestern habe ich wieder am Morgen beim Aufstehen Kopfschwindel.

Der Irtysch war in diesem Sommer wie nur selten aus den Ufern gestiegen, so dass die Heuernte auf den Wiesen ganz gut sein wird.  Im großen und ganzen haben wir nur einen trockenen Sommer,  so dass die Ernteaussichten nur schwach sind. Die Tageshitze stieg in voriger Woche bis 55 Grad.  Außer Kartoffel ist schon viel frisches Gemüse auf dem Markt, Gurken 3 Rubel das Kilo, Pomidoren 6 Rubel, alte auch frische Kartoffel 4 Rubel das Kilo.

 

11-VIII-52.  Vorgestern früh morgens sind wir in unser eigenes Haus hinüber gezogen und uns in unsrem neuen Heim schon eingerichtete.  Einstweilen sind wir ganz zufrieden zu unserm Kauf.  Haben einen schönen Kettenhund mitgekauft.  Weil unser Hof etwas abgelegen ist, ist es hier bedeutend stiller,als im früheren Quartier; dann ist die Luft hier viel frischer und reiner.

Hans kam aus Semipalatinsk den 6VIII. spät abends, unsre ganze Familie d.h. mit Heinz, Marusja und Woldi nahmen wir Hans am Ufer des Irtysch in Empfang.  Hans hat alle Examen des 3-ten Kursus auf  5 abgelegt.  Er ist fähig und gründlich in seiner Arbeit. Heute ging Hans zum ersten mal wieder in seine Schule, die hier jetzt ganz nahe ist, ebenfalls wohnen Heinz und Marusja auch ganz nahe.

Laut ärztlichen Rat mache ich wieder Glukoseunterspritzungen.  Um 4 Tage ist mein Urlaub zu Ende und ich muss wieder auf Arbeit, während meine Gesundheit jetzt schlechter ist, als zu Anfang meines Urlaubs.

 

16 Oktober 1952.  Draußen tobt der Wind und es fängt an zu schneien.   Wie froh sind wir doch, dass wir unser eigenes warmes Häuschen haben.

Leider sind wir noch nicht mit Brennung, Holz und Kohlen versorgt;  ebenfalls nicht mit Heu für unsre Kuh.  Dies sind so noch die zwei größten Probleme in unsrer kleinen Wirtschaft.  Im Laufe eines Monats bin ich viel in “Komandirowka” gewesen;  ich habe mit einer Gehilfin 3800 Stück Rindvieh “bonitiert”. Kartoffel haben wir 4 Sack im Felde und 3 ½ Sack neben dem Irtysch geerntet.

 

1953

 

1-I-53.  Je älter man wird,  je ernster schaut man auf  jeden Jahreswechsel, denn je größer ist die Möglichkeit, dass das angetretene  Jahr auch mal das letzte sein kann.  Man scheucht   dann diese schwere Gedanken von sich  (denn das ist dem natürlichen Menschen zuwider) und denkt an die nächste Zukunft.

Was dem Glauben, der Hoffnung anbetrifft, so will einem der Boden unter den Füßen entgehen, da man Jahrzehnte kein Gotteswort mehr hört und daher geistig fast verkümmert. Wie sehnt man sich nach dem festerem Glauben, den unsre Väter hatten.

1954

 

16-V-54.  Sonntag.  Schon über ein Jahr keine Notizen mehr in meinem Tagebuch gemacht,  weil Frieda allerhand Bedenken darüber hatte.  Ich empfinde doch ein tiefes Bedürfnis dann und wann etwas aus unserm Familienleben zu notieren.  Dieses Schreiben trägt ja auch einen ganz harmlosen Charakter und dürfte daher auch nirgends einen Anstoß erregen.

Wie viel Wasser ist (wie man russisch sagt) seit meiner letzten Notizen ins Meer gelaufen!  d.h., was ist nicht alles seitdem passiert.  In unsrer Familie haben Gott sei dank keine Veränderungen stattgefunden.  Wir sind alle so leidlich gesund und arbeiten so weiter ein jeder in seiner früheren Arbeit.

In der Familie unsrer Kinder ist vor etwa einem Jahr ein zweites Söhnchen geboren, das nach seinem Vater und nach mir “Heinrich” genannt worden ist.  Er wird “Gena” genannt.  Es dauerte lange ehe Marusja und Heinz sich zu diesem Nahmen entschlossen hatten. Die beiden Jungen gedeihen gut und besondre Fortschritte im Sprechen macht schon der Woldi.

Hans hat im vorigen Sommer das Lehrerinstitut beendigt und das entsprechende Diplom erhalten.  Es ist eine große Errungenschaft,  zumal Hans dieses Instituts  per Fernkurse bei gleichzeitiger Arbeit als Lehrer in der Schule geendigt hat.  Gegenwärtig setzt er seine Studien in den letzten Kursen des Pädagogischen Instituts fort. Hans würde ja schon heiraten, wenn er ein liebes deutsches Mädel nach seinem Wunsch finden könnte.

Frieda und ich haben im Laufe eines Jahres ernstlich gekrankt.  Nach einer schweren Grippe im vorigen Herbst erkrankte Frieda am Magen,  wobei sie über einen Monat nach dem Essen immer Schmerzen hatte. Ihr wurde der Magensaft analysiert und geröntgt;  man fand den Magen ziemlich gesenkt und Magenkathar. Gastritis.  Nach dauernder Diät vergingen die Magenschmerzen.  Nach all’ diesem ist Frieda so abgemagert wie noch nie im Leben. Frieda ist bis jetzt vorsichtig im Essen. Im Frühling war Frieda wieder krank an der Grippe.   Nachdem hat sie 15 Glukosaspritzen bekommen, die sie wieder gestärkt hat,  jedoch aufgenommen hat sie sich noch nicht was. 

Inzwischen schrieb Frieda an Schura Klatt, der schon 17 Jahre  als Chirurg im südlichen Kasachstan arbeitet, in dem sie ihm ihr Leiden beschrieb und die Analysen schickte.  In einem langen Brief  hat er insofern es brieflich möglich war, Rat gegeben.  Hier am Ort haben die jungen Ärzte der Poliklinik nicht viel Zeit sich gründlich mit einem Patienten zu beschäftigen.  

Wie ich im vorigen Jahr im Februar aus Alma Ata zurückkehrte, (wohin ich mit unsrer Jahresrechnung gefahren war) bekam ich unterwegs im Zuge Kopfschwindel, der sich beim Hinlegen und Aufheben immer wiederholte. Zu Hause, wurde es mit meinem Kopfschwindel immer schlimmer.  Ich wandte mich sofort an den Arzt und fing an zu doktern; weil es jedoch immer schlimmer damit wurde, wurde ich von einem Arzt zum anderen geschickt, Ohrenarzt, Nervenarzt und schließlich auf  meine Bitte ins Physiokabinett.  Was denn schließlich geholfen hat weiß ich nicht,  aber Mitte Mai verschwand der Kopfschwindel plötzlich und hat sich bis jetzt im Laufe von über ein Jahr nicht mehr wiederholt.  Hin und wieder nehme ich Jod Hypersol ein.

 

13-VI-54.  Sonntag. Eine Woche waren bei uns zu Gast Marta und Mika Janzen (Bartel) mit zwei Kinderchen, Olga und Hansi.  Seit 1941 hatten wir die schon nicht gesehen.  Endlich fängt man an den Deutschen Erlaubnis zu geben die Verwandten zu besuchen.  Gestern begleiteten wir sie zum Zuge. Wenn es möglich sein wird, wollen Frieda und ich während meinem Urlaub Tante Justel besuchen. Mika ähnelt Tante Justel, besonders ihre Augen, sie ist jedoch sehr nervös und blass.  Marta sieht gesunder aus.  Sie arbeitet schon 6 Jahre in einem Sodakombinat und schafft Sommer und Winter unter freiem Himmel.

Mittwoch am 9.Juni begruben wir meine Cousine Lise Enns, die nach Jahrelangem Magenleiden schließlich an Magenkrebs gestorben ist.  Ihr Sarg wurde in einem Grab mit ihrer Schwester Lena (Friesen) die im vorigen Herbst starb, begraben.   Jetzt ist noch ihre ältere Schwester Mariechen geblieben, die auch ganz alleinstehend ist.  Lena’s Tochter Anja ist jetzt ganz verwaist.  Ihren Vater Franz Friesen, der unweit von hier in einem Sowchos mit einer anderen Familie lebt, kennt sie wohl kaum, da er Lena verlassen hat, als Anja noch klein war. Onkel und Tante Enns waren doch gesunde Menschen und haben ein hohes Alter erreicht, während ihre Kinder, besonders die vier, die hier waren, alle sehr leidend waren und drei davon schon verhältnismäßig jung gestorben sind. Es waren alle sehr energische  und selbstbewusste Menschen.  In jeder Frage des Lebens hatten sie ihre eigene und bestimmte Meinung. Die Schwestern Lise und Lena waren beide sehr religiös und gläubig.  Lise war einfach ein Prediger und konnte sehr überzeugt reden und schön beten.  Am Grabe ihrer Schwester Lena hielt sie ein sehr ernstes Gebet in deutscher und russischer Sprache.  Wie ich damals mit ihr zum offenen Grabe ging meinte sie noch, wer wohl jetzt von uns an der Reihe sei. Den Tod fürchtete   sie nicht.  Weil sie nie eine eigene Familie gehabt war ja auch niemand, den sie zurückließ und sie beweinte. Lena war sehr nervenleidend und hatte ein Rückgradleiden, woran sie wohl auch gestorben ist.

 

4-VII-54.   Sonntag.  Vor etwa einem Monat wurde unser Hans geröntgt und der Arzt fand bei ihm in der linken Lunge einen “Infiltrat”.  Der Arzt riet ihm sofort Streptamizinspritzen zu nehmen und Pask einzunehmen. Diese Medizin kostete über 100 Rubel.  Er hat diese Kur beendigt.  Jeden Tag trinkt er 6 rohe Eier.  Er fühlt sich besser, ist jedoch noch immer sehr mager und besonders im Gesicht.  Sein Studien im pädagogischen Institut hat er für diesen Sommer eingestellt; es fiel ihm wohl schwer seine Kameraden im Institut fahren zu sehen und selber zurückzubleiben.  Er soll sich jedoch diesen Sommer mal erholen von seiner fünfjähriger ununterbrochenen Arbeit.

 

20-VII-54.  Elf Uhr abends.  Soeben bin ich mit Heinz, Marusja und ihren Kindern von der Station zurückgekehrt, wohin wir Frieda und Hans begleiteten, die  zu Tante Justel  abgefahren sind.  Seitdem Frieda hierher anno 1941 gekommen ist, ist sie schon nicht per Bahn gefahren.  Ich bin jetzt ganz allein in unserm Hause, was mir sehr ungewohnt ist.  Ich werde mich daher sehr nach Frieda und Hans sehnen.  So schön, dass ich die Gewissheit habe dass sie um eine Woche wieder zurückkehren.

Um mich etwas zurechtzufinden las ich mir soeben einige Abschnitte aus Otto Funkes “Blumen aus der Wüste”, die ich schon sehr oft gelesen habe, Heute in meiner Einsamkeit mir jedoch viel verständlicher sind.

 

22-VII-54.  Halb zwölf Uhr abends.  Zwei Tage bin ich schon ganz allein im Hause.  Es ist doch sehr ungewohnt für mich, denn immer, wenn ich nach Hause komme ist meine Frieda im Hause und ohne sie könnte ich mir mein Heim nicht denken.  Wie oft ist Frieda allein und gewöhnlich am Tage, wenn Hans und ich auf Arbeit sind.  Ich verstehe jetzt ganz besonders woher ihre Schwermut kommt. Ach,  könnten wir doch noch einmal mit alle unsern Geschwistern zusammen sein. Ist sowas überhaupt noch möglich?! Zudem werden wir immer älter. 

So viel Regen, als in diesem Frühling und Sommer,haben wir hier noch nicht erlebt.  Die Ernteaussichten sind daher viel versprechend.  Der Irtysch war in diesem Jahr so aus den Ufern gestiegen wie selten und erst zu Mitte Juli fiel das Wasser wieder, nachdem die Pavlodarer begannen am niedrigen Irtyschufer Gemüse zu setzen, meistens Pomidoren und Krautpflanzen.

Unsre Kuh, die ich im vorigen Herbst auf den Bazar für 2650 Rubel gekauft hatte, verkauften wir wieder im Mai Monat für 3600 Rubel weil das zu schwer für Frieda ist, die Kuh im Sommer auf die Weide zu treiben.  Die Kuh hatte Ende Februar gekalbt und gab gegenwärtig 13 Liter Milch den Tag. Für etwa 2500 Rubel hatten (wir) für (sie) im Winter Heu gekauft. Wenn sich eine günstige Gelegenheit bieten wird, wollen wir uns zum Winter wieder eine Kuh kaufen.  Jedoch zuvor wollen wir uns Heu zum Winter kaufen. Zum täglichen Gebrauch nehmen wir uns jeden Tag 1 ½ Liter Milch bei Heinz und Marusja.

Unsre 10 Hühner geben uns durchschnittlich 6-7 Eier den Tag.  Wir haben gegenwärtig 20 Küchel.  Hans trinkt jeden Tag 6 rohe Eier aus; er hat sich auch schon etwas aufgenommen.

Ich freue mich sehr, dass Frieda schließlich mal hat können zu Tante Justel fahren.  Möchte dieser Besuch recht wohltuend auf ihr Gemüt wirken.  Ich hoffe, dass diese Reise Frieda erfrischen wird.  Zum ersten Mal macht sie eine Reise mit unserm erwachsenen Sohn. Fast keine Gelegenheit haben wir in unserm Leben gehabt mit unsrer Familie zu reisen. Nachdem unser Vater gestorben war, sagte Mutter mit Wehmut “und wir hatten uns vorgenommen, wenn unsre Kinder erst groß sein werden, viel zu reisen”. 

 

24-VII-54.  Ich bin noch immer ganz allein, ich sehne mich schon sehr nach den Meinen.

Ich schrieb soeben ein Kärtchen an meinen alten Freund Dav. H. Friesen.  Der hat seine Frau und Tochter seit anfangs Krieg verloren und keine Verbindung mehr mit ihnen.  Das muss doch furchtbar schwer sein für ihn in seinen einsamen und alten Tagen.

Gestern war ich beim Augenarzt.  Die Sehkraft meiner Augen findet der Arzt noch auf 100% gut.  Zum Arbeiten muss ich eine neue Brille holen +3,0D

Treffe mich jeden Abend mit unsern Kindern,Heinz, Marusja und den kleinen beiden.  Genka war heute schon ohne Binde an der Stirn, die Wunde an seiner Stirn ist gut verheilt, eine Narbe wird jedoch zurück bleiben.

 

25-VII-54.  Sonntag.  Vormittag war ich auf den Bazar.  Zu Mittag war ich bei Marusja und Heinz.  Nach dem Mittagsschlaf  hackte ich mal das Kraut auf unserm Dach ab, welches infolge des vielen Regens auf dem Lehmdach gewachsen war.  So was kannte man bei uns zu Hause nicht.

Morgen früh will ich zur Station, denn ich hoffe Frieda und Hans müssen schon kommen.

Wahrscheinlich fahre ich in den nächsten Tagen nach Moskau zur landwirtschaftlichen Ausstellung.

Heute war wieder viel Gewitter und auch etwas Regen.

 

26-VII-54.  Heute früh Morgens war ich zur Station gefahren in der Hoffnung dass Frieda und Hans kommen, der Zug hatte sich jedoch auf 6 Stunden verspätet.   Um ein Uhr fuhr ich wieder hin und halb drei Uhr kam schließlich der Zug, jedoch umsonst, die Meinen waren nicht im Zuge.  Gegen Abend bekam ich von Hans ein Telegramm indem er berichtet, dass sie erst Morgen dort losfahren.

Ich werde schon ganz ungeduldig in meiner Einsamkeit, na, wenn  nur Frieda und Hans diese Reise gut bekommt, will ich mich schon schicken.

 

1-VIII-54.  Sonntag. Frieda und Hans sind ja glücklich wieder zu Hause.  Frieda hat diese Fahrt gut bekommen, sie hat sich aufgenommen und ist mutiger. Leider muss sie zu Hause wieder gründlich an die Arbeit.

Hans seine Kollegen und Freunde Valerij, Viktor Ed. und andre sind Heute aus Semipalatinsk aus dem Pädagogischen Institut zurückgekehrt.  Hans war ja Krankheit wegen in diesem Sommer nicht gefahren. Viktor Ed. meint ja Hans kann im Winter nachholen, was er im Sommer hat durchlassen müssen, dies hat ja Hans sehr ermutigt.

Mehrer Tage haben wir sehr warmes Wetter 31 Grad und oft Gewitterregen.

 

20-X-54.  Zweieinhalb Monat keine Notizen gemacht.

Der Herbst ist schon weit vorgeschritten. Was einzuheimsen war, haben wir eingeheimst, 28 Sack Kartoffel und ein Fuhrchen Arbusen haben wir geerntet.  Zwei Tönchen Gurken hat Frieda eingelegt.

7 m3 gespaltetes Fichtenholz und einige Kubometer Mist haben wir in unserm Сарайчик.

Vorgestern haben wir uns eine Kuh von unserm Nachbar, dem einstmaligen Vorsitzender des Kirower Kolchos, Brecht gekauft für drei-ein-halb Tausend Rubel.  So hohe  Preise auf das Vieh sind noch nie hier im Herbst gewesen.  Die Marktkonjunktur ist in diesem Herbst ganz anders als wir uns gedacht hatten.

In diesem Jahr hat ja unsre Oblast eine ungewöhnliche reiche Ernte  und daher hofften wir dass im Herbst alles billiger sein würde, was jedoch nicht der Fall ist. Dank der reichen Ernte  haben die Kolchosniki soviel Geld auf ihre Erntezeit bekommen, so das sie in allem die Preise in die Höhe trieben.

Dank der großen Ernte sind in unsre Oblast eine Unmenge Maschienen herein gefahren, Lastautos, Kombains, Traktore usw.   Noch nie hat Pavlodar eine so rege Autobewegung gesehen, als in diesem Sommer.

In diesem Sommer haben wir mal viel Gäste gehabt, die sich durchschnittlich eine Woche bei uns aufhielten.  Martha und Mieka mit ihren zwei Kinderchen Olga und Hansi, Lika und Petja, Frau Tomsen, Frau Silbernagel, Helga und Irma Tomsen.  Mitte August war ich in Moskau auf der landw. Ausstellung.

 

Moskau, landwitschaftliche Ausstellung

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Vor kurzem erfuhr ich ganz unverhofft durch Hans Bärg, dass  Ph. Dav. Cornies noch lebt und sich in Workuta auf einer Sowchos aufhält.

Lisa Cornies war auch einen Tag unser Gast.

 

7-XI-54.  Oktoberfesttag.  Sonntag.  Ich habe in diesen Tagen etwas Pech gehabt.  Durch meine Unvorsichtigkeit hat mich vorgestern unser Hund, der “Muskat”, sehr die linke Hand verbissen.  Gestern hat man mir daher in der Poliklinik eine Spritze gegen Starrkrampf gegeben und in  Pasteur-Station angefangen gegen Tollkrankheit zu impfen.

Vorgestern kam Heinz von Kulunda und brachte 2 Nähmaschinen von der Post, die ich vor 3 Monat in  Moskau  im “Posyltorg” bestellt hatte.

Vor einigen Tagen kaufe ich bei einem “Bakentschik” 36 km von hier entfernt ein Häufchen Heu für 800 Rubel.  Jetzt ist unsre Sorge, wie wir dieses Heu nach Hause kriegen.

Heute ist schon Frost.

Für meine Teilnahme in der Pavlodarschen landwirtschaftlichen Ausstellung habe ich als Prämie eine Decke und ein Stück Zeug zu Hosen bekommen.

 

12-XII-54.  Sonntag.  Heute ist Wahltag der Richter.

Fast einen Monat haben wir schon starken Frost gehabt, bis 30 Grad.

Nach einer überstandenen Grippe hat Frieda viele Wochen stark an Bronchitis und Asthma gekrankt. 20 Glukosaspritzen hat ihr eine Krankenschwester bei uns im Hause gemacht, wofür wir 100 Rubel gezahlt haben. Außerdem nimmt sie Medizin zur Stärkung der Nerven ein.  Frieda hat wieder so wie auch im vorigen Herbst sehr abgenommen.  Besonders leidet sie in ihrer Einsamkeit noch unter ihrer gedrückten Gemütsstimmung.  Die trüben Wintertage und die zugefrorenen Fensterscheiben unsres Hauses wirken besonders drückend auf sie.  Was der allgemeinen Gesundheit anbetrifft fühlt sie sich schon etwas besser,  auch der Appetit bessert sich bei ihr.

Bekamen Gestern ein Paket von Schwester Anna und ihren Kindern, darinnen waren 2 Handtücher, Reis und Wermischel.  Zum Dank möchten wir ihnen auch etwas schicken, wissen jedoch nicht was.

Laut Radio und Zeitungsberichte trübt sich der politische Himmel wieder und man spricht von Kriegsgefahr. Sollten wir noch den 3. Krieg in unserm Leben durchmachen müssen?!  Das wäre doch zu schrecklich!  Gott bewahre uns davor.

 

31-XII-54.  Elf Uhr abends.  Wir treten in die letzte Stunde dieses Jahres.  Frieda und ich sind allein zu Hause,  um in aller Stille das Neue Jahr zu begegnen.  Hans ging vor einer Stunde in seine Schule um gemeinsam mit seinen Lehrerkollektiv das Neue Jahr zu begegnen.

Wenn wir nun einen flüchtigen Rückblick machen ins verflossene Jahr, so müssen wir mit großer Dankbarkeit gestehen, dass wir wunderbar durchs ganze Jahr hindurch geführt worden sind  und das Neue Jahr mit verhältnismäßig befriedigender Gesundheit und materieller Sicherstellung begegnen können, dass für Frieda und mich, die wir schon sechs Jahrzehnte hinter uns haben, von sehr großer Bedeutung ist.

Im vergangenen Jahre sind wir wieder frei geworden und dürfen uns frei im Kasachstan bewegen.

Einen nahen Menschen haben wir im vergangenen Jahr verloren, das ist unsre Cousine Liese Enns, die den 8. Juni an Magenkrebs gestorben  ist.

Viele unsrer Lieben haben wir im vergangenen Jahr wiedersehen dürfen: Lika und Petja, Mika und Marta, Frieda und Hans haben Tante Justel besucht.  Hoffen im kommenden Jahr auch Schwester Anna wiederzusehen.  Wie gerne würden wir die anderen Geschwister auch wiedersehen.

Ein leises Bangen überschleicht uns jedoch beim Eintreten ins Neue Jahr im Zusammenhang mit den sich am politischen Himmel türmenden trüben Wolken. Wir wollen uns jedoch auf den verlassen, der uns bis hierher so wunderbar geführt hat.

 

1955

 

23-I-55.  Sonntag.  Wir sind schon über 3 Wochen ins Neue Jahr geschritten.  Unser Leben geht so wieder seinen Gang weiter.  Erhielten von unserm Neffen Petja einen Brief, indem er bittet ihm zu berichten über unsre Verhältnisse, denn er will von dort weg und möchte in unsre Gegend,  wo mehr Perspektiven, Aussichten und Möglichkeiten sind. Ich hab ihm in einem ausführlichen Brief geantwortet.  Wir möchten sie ja gerne hier haben, fürchten jedoch, dass sie enttäuscht sein könnten.  Daher rat ich ihm herzukommen, die Sache hier anzusehen und dann zu entscheiden,  vorher jedoch dort die Brücken hinter sich abzubrechen.

Hier sollen ja mehrere große Fabriken gebaut werden, Staatsgüter usw.  Arbeit ist viel.

 

1-II-55.  Ich bin heute zu Hause und nicht auf Arbeit gegangen,  weil ich mich nicht gesund fühle.  Wir haben heute gerade starkes Sturmwetter.

Erhielten soeben einen Brief von meinem Cousin  Peter J. Dück.  Ihre einzige Tochter Eleonore ist als Arzt auf 3 Jahre in den fernen Norden gefahren.

 

27-II-55.  Sonntag.  Es ist noch immer starker Frost,  heute 19 Grad,  gestern 24 Grad, vor einer Woche 35 Grad.

Per Radio hören wir und in den Zeitungen lesen wir, dass im Süden schon der Frühling eingekehrt ist  und schon längere Zeit Feldarbeiten gemacht werden.  Hier dauert´s noch zwei Monat bis zu den Feldarbeiten.

Was dem Klima anbetrifft, möchten wir ja gerne mal in unsern Süden.  Wenn man jedoch erfährt, wie es da mit den Lebensverhältnissen steht, so haben wir jedoch besser,  einstweilen hier zu bleiben,  wo das Leben bedeutend leichter ist.  Zudem hatten wir im vergangenen eine sehr gute Ernte und der Stadt Pavlodar wird gegenwärtig von der Regierung große Aufmerksamkeit geschenkt.  Es sollen in einigen Jahren in der Stadt mehrere Fabriken und Werke gebaut werden.  Die ganze Stadt soll umgebaut werden.  Arbeitsmöglichkeiten sind gegenwärtig hier sehr große.

Zwei Wochen ist Frieda krank gewesen an der Grippe und darauf folgenden schweren Bronchitis mit Temperaturerhöhung.  Gegenwärtig ist der Zustand schon etwas besser; obzwar der Husten noch nicht weg ist.

4 Tage war bei uns zum Helfen Lyda Krüger, die jeden zweiten Freitag und Sonnabend Frieda in der Hausarbeit hilft. Sie bleibt dann gewöhnlich noch zum Sonntag zum Bazar.  Sie lebt mit ihren 2 Töchter im “7. Aul” von wo sie dann per Bahn nach Pavlodar kommt.

Zwei Tage waren bei uns zu Nacht die 2 Schwestern Helga und Irma Tomsen aus den Октябрьский зерносовхоз.  Sie kommen per Auto,150 km.  Helga arbeitet als нормировщица, Irma, als Krankenschwester.  Sie machte Frieda 3 Glukosaspritzen.  Morgen ist Hans sein 31 Geburtstag.

 

6-III-55.  Sonntag.  Ich kam gestern abends Uhr 12 von einer Komandirowka.  Uhr 4 Nachmittag fuhren wir los aus einem Dorf 40 km von hier entfernt, wir fuhren auf einer neuen Maschine. “Gas 69", die am besten geeignet ist für unsre Verhältnisse und Wege im Winter.  Statt einer Stunde brauchten wir 8 Stunden und der Spidometer zeigte anstatt 40 km über 100 km.

Aus dem Dorf  fuhren wir auf dem schneeigen Autoweg bis auf die Hauptlinie.  Hier war eine fast ununterbrochene Autobewegung,  und alle fuhren in eine Richtung nach Pavlodar.  Von beiden Seiten des schmalen Weges stand eine hohe Schneewand, so das eine Maschine neben der anderen nicht  vorbei fahren konnte.  Im Wege lag auch  tiefer Schnee, so dass  die Maschinen sich nur langsam vorwärts  bewegten.  Sobald eine im Schnee stecken blieb, stand die ganze Kolonne hinter ihr.  Es war annähernd 30 Grad Frost.  Wir  waren 8 Mann in unserer Maschine  und insofern  wir die meiste  Zeit standen,  wärmte der Ofen nur schwach  und uns fing an zu frieren.  Agronom Speiser, auf  dessen Maschine  wir fuhren,  machte den  Vorschlag, die eine Schneewand  zu durchgraben und sich in die Steppe durchzubrechen.  Etwa 10-12 Schoffeure machten sich  mit ihren Spaten an die Arbeit  und um eine Stunde versuchte die erste Maschine sich durchzubrechen.  Wir mit unsrem Passagiersauto  überholten bald die Lastautos  und fuhren in großem  Sigsag  vorwärts.  Immer wieder blieben wir im tiefen Schnee stecken,  gruben  und schoben die Maschine wieder raus und dann ging es einige  hundert  Meter weiter,  bis wir wieder fest saßen. Inzwischen wurde es Abend und wir steuerten mitten im Schneemeer.  Weit entfernt sah man Hunderte helle Lichter der Maschinen, die auf der Hauptlinie im Schnee steckten.  Spät abends fingen auch die Maschinen sich an zu bewegen.  Da ich mich doch erkältet habe, kuriere ich mich heute.

Heute hatten wir Wahltag in die Räte.

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Heft 9 - Fortsetzung unsrer Familienchronik - Heinrich Dück - 1955-1958

(Das grüne Heft hat einen festen Deckel. Die Blätter sind liniert. Es ist durchweg mit Tinte geschrieben worden und gut lesbar)

 

31-III-55.   Vorgestern war der 13.. Todestag unsres lieben Kindes, unsrer Erika.  Schon 13 Jahre sind es und der Schmerz um diesen Verlust ist und bleibt noch immer sehr groß und wird in unsere Einsamkeit auch wohl nicht schwinden bis zum Ende unsrer Tage. Es wäre wohl etwas anders, wenn wir im Kreise unsrer lieben Geschwister leben könnten, mit denen wir Freud und Leid teilen könnten.  Besonders schwer leidet Frieda darunter. Am Tage ist sie meistens allein zu Hause mit ihren Gedanken, Schmerz und Sehnsucht.  

Im Winter waren in unsrem Hause die Fenster immer alle befroren, was noch ganz besonders auf Frieda’s Gemütsstimmung drückt.  Worunter ihr Nervensystem sehr gelitten hat.  Sie hat sehr abgenommen, was mir viel Sorge macht.

Man denkt hin und her,  wie man ihre Lage erleichtern könnte.  Erstens fehlt ihr sehr eine Hilfe, damit sie nicht von früh bis spät in der Küche vernommen ist. Vielleicht würde es etwas leichter für sie werden, wenn Hans sich verheiraten sollte und eine Schwiegertochter ins Haus bringen sollte.  Es ist jedoch ganz davon abhängig, wen Hans heiraten wird.  Er möchte so gerne so eine heiraten, die auch uns lieb wär.  Bis jetzt findet er jedoch noch keine.

Vor zwei Wochen feierten wir im engen Familienkreise meinen 63 Geburtstag.  Früher ließen solche Geburtstage keinen besonderen Eindruck hinter sich.  Gegenwärtig jedoch stimmt einem dieser Tag immer sehr ernst. Man spürt wie das Leben dahineilt und das man schon alt geworden ist.  So lange man noch gesund und arbeitsfähig ist, hat man nicht Zeit viel stehen zu bleiben und nachzudenken.

Was den Fragen aller Fragen anbetrifft, so finde ich noch wie vor keine Klarheit und Gewissheit darüber,  trotzdem ich nie aufgehört habe zu beten und ernstlich zu suchen.  Man verkümmert innerlich, weil man keine geistige Speise mehr bekommt.

 

3-IV-55.  Sonntag.  Nach 3 warme Frühlingstage, hatten wir heute wieder Schnee.

 

17-IV-55.  Ostersonntag.  Der erste warme Frühlingstag.  Gestern sah ich den ersten Star in diesem Frühling.

Hans ging Vormittag in seine Schule zum воскресник mit den Schülern.  Ich beschäftigte mich mit einem kleinen Paket, welches wir Mika Janzen (Frau Bartel) schuldig sind und schicken wollen.  Frieda ist nach gewohnter weise den Vormittag  über in der Küche  beschäftigt. Wie könnte  ich mal ihre Lage ändern?! Wenn doch mal in ihrer Einsamkeit eine gute Freundin oder nahe Verwandte hineinschaute an der sie sich mal aufrichten könnte.

Wir hatten schon leise Hoffnung, dass Schwester Anna mit ihren Kindern herziehen könnten, denn ihr Petja war ja eine Woche hier um dies bezüglich Umschau zu halten.  Arbeit fand  er  ja genug, aber nirgends ein Platz, um sich niederzulassen.  Unverrichteter Sache ist er vorigen Montag wieder zurückgefahren.  Einstsweilen also keine Hoffnung auf  ihr Herkommen.

Gestern wollte man mich vom Selchosupravlenie aus auf Komandirowka schicken, von der ich mich kategorisch absagte, indem ich mich auf mein Recht als Invalide berief.

In unserm Gosplemrassadnik bin ich wieder als ältester Selektionär ernannt, das mit Erhöhung meiner Gage auf 140 Rubel verbunden ist.

Heinz und Marusja wollen mit ihren Kinderchen zum 1 Mai  zu Marusjas Mutter fahren.  Es fehlt jedoch jemand für diese Zeit,der bei ihnen einwarten könnte.  Heinz war mit seinen Jungen Vormittag  bei  uns, es sind prächtige Jungen, die wir sehr lieb haben.  

Heinz ist ein echter Fabrikarbeiter, arbeitsam,  abgehärtet und mit schwieligen Händen.  Er  ist energisch  und ernst, kann  jedoch  auch sehr  humoristisch  sein.

Hans  jedoch  ist  ein echter  Lehrer, der ganz  in  seinem  Beruf  aufgeht.  Wenn er  mehr in der frischen  Luft  sein könnte,  würde  er gesunder sein.   Und die  Sommerferien  will  er  wieder  im  Pädagogischen Institut verbringen.

Unsre  Wirtschaft  besteht  aus  einer Kuh, 13 Hühner und einem Hahn.  Die Kuh gibt bis 14 Liter Milch und die Hühner legen bis 10 Eier den Tag.

Der  Irtysch  ist  noch  unter  Eis.  Auf  verschiedenen  Stellen wird  das  Eis  schon gesprengt.

 

24-IV-55.  Sonntag.  Schon wieder findet sich  bei  mir das  Kopfschwindeln.   Volle  zwei  Jahre habe ich kein Kopfschwindeln gehabt.  Morgen will ich mich zum Arzt wenden.

Frieda verlässt die Schwermut nicht.   Wir hofften im Frühling wenn die  Fenster  in unserm Hause mal wieder vom Eis frei sein würden,  sonnige  Frühlingstage kommen würden, würde es besser werden.

Es fehlen ihr nahe Freundinnen, dann Erleichterung und Hilfe im Hause.

 

1-V-55.  Sonntag.  Maifeier.  Von elf  bis 1 Uhr standen Frieda, Marusja, ich  und die Jungen  neben  der Pervomajskaja und beobachteten die Demonstration.  Das Wetter war günstig.  Weil wir hier sandigen Boden haben und die Strassen unsrer Stadt grössten  teils  nicht gepflastert sind, so haben wir im Sommer gewöhnlich großen Staub,  und ganz besonders jetzt, wo sich die Zahl der Autos ums  vielfache  vergrößert  hat.

Marusja kam vor einigen Tagen von dem Begräbnis ihres Bruders Hans, der sich das Leben genommen  hat.  Was ihn dazu bewogen hat,  ist unklar.  Er war nur 26 Jahre alt,  noch ledig; arbeitete im Goldschacht.  Hat viel getrunken. Nachdem  er  jedoch hier bei Marusja und Heinz zu Besuch gewesen, hatte er aufgehört zu trinken.

Er  ist  ziemlich verschlossen gewesen und was ihn wohl gedrückt hat und zum Selbstmord getrieben hat,  bleibt doch wohl ein Geheimnis.  Hätte  er  je mal können eine Andacht anhören  und Trostworte für verzagte Seelen finden,  hätte er sich wohl aufgerichtet und nicht zu diesem Verzweiflungsakt gegriffen.

 

29-V-55.  Sonntag.  Sonntag vor zwei Wochen erkrankte Frieda plötzlich an Pleurit, die Temperatur stieg bis 39.8 Grad.  Ich wandte mich an die “скорая помощь”, die auch bald einen Arzt schickte.  Bei zwei Ärzten ist Frieda inzwischen gewesen.  Sie soll auf  Röntgen, welches zum 7.VI. bestimmt ist.  Die Krankheit ist noch nicht vorüber,  oft hat Frieda am Abend etwas erhöhte  Temperatur mit Schmerzen in der linken Seite.

Anfangs Mai schrieb Schwester Anna, dass sie recht froh waren, dass Petja vom Reisefieber los war.  Dann plötzlich überkam es ihm wieder und er kam nach Hause und meldete dass sie doch nach Pavlodar überziehen. Er besann sich nicht lange und verkaufte ihr Haus,  nahm 8000 Rubel Handgeld und bezahlte die Schuld,  die noch auf dem Hause lastete und begann sich zur Reise fertig zu machen.  Wie Anna schrieb, hat es viel Tränen bei ihnen gekostet.

Uns hatte der Brief mit dieser Meldung sehr überrascht und aufgeregt, denn weder Quartiere noch Häuser sind bei uns in der Stadt gegenwärtig zu haben.

Etwa um 2 Wochen später kam ein Brief von Lika, in dem sie schreibt, dass sie die Übersiedlung nach Pavlodar eingestellt haben und in Karpinsk bleiben.  Der Hauptgrund war, dass die kleine Nata an Keuchhusten erkrankt war, sie daher einstweilen nicht fahren konnten und Anna schließlich entschied, dass der Hauskauf  rückgängig  gemacht werden soll  und sie bleiben müssen.

 

5-VI-55.  Sonntag.  Seit dem der Schnee verschwunden ist, haben wir hier noch  keine Niederschläge gehabt.  so dass es sehr dürre und staubig  ist.  Große Hitze  und Staub haben wir wohl schon im Laufe eines ganzen Monats.  Die Heusaat leidet sehr.  Dies  alles wirkt deprimierend auf die Bevölkerung, die Preise auf Mehl sind auf dem Markt gestiegen und laut Prognose soll es in kommender Woche regnen.  Wenn es noch einige Wochen so fortfährt wie jetzt, dann kann es eine schwache Ernte geben.

Frieda’s Gesundheitszustand  ist wohl  nicht schlechter, aber noch  nicht befriedigend.  Die Röntgenoskopie hat festgestellt, das es mit ihren Lungen nicht ganz in Ordnung ist.  Morgen muss sie sich in die Ambulanz für Tuberkulose stellen,  wo man eine entsprechende Kur bestimmen und durchführen soll.

Das Schwester Anna mit ihrer Familie nicht herzieht,  ist ja uns sehr schade, aber wir befürchteten, dass sie sehr enttäuscht sein würden mit den hiesigen Verhältnissen und besonders jetzt,  wo die klimatischen Verhältnisse so unbefriedigend sind.

Es ist gegen Abend.  Frieda ist zu ihrer Freundin, Frau Fütterer gefahren, wo sie gleichzeitig mit einer Medizinerin,  die da im Quartier ist, sich beraten will. Ich war inzwischen mit unsrer Kuh am Irtysch, wo ich sie gründlich gebadet habe. Hans ging mit seinem College, Kryatschko ins Kino. Vormittag standen Hans und ich nach Zucker.

 

9-VI-55.   Donnerstag.  Gestern nach Mittag hatten wir einen furchtbaren Sturm mit Sandsturm.  Eine große Hitze; vor Staub und Hitze war einem das Atmen recht erschwert.  Darauf folgte ein Regen mit Gewitter und in einigen Minuten war die Luft rein und man konnte frei aufatmen.  Es war dies wohl der erste Regen in diesem Jahr.

Hans hat heute einen zehnjährigen Pass bekommen, mit besonderer Anmerkung bezüglich das Recht nur in Kasachstan leben zu dürfen.

 

12-VI-55.  Sonntag.  Trotz dem es in der Woche geregnet hat, haben wir heute wieder Wind und Staub.

 

 

 

 

 

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Hans in Schutschinsk in einem Erholungsheim für Lehrer.

26-VI-55.  Sonntag.  Heute Vormittag begleiteten Frieda und ich Hans zur Station.  Er ist heute nach Karpinsk zu Schwester Anna und Kinder gefahren und von dort fährt er auf einen Monat nach Schutschinsk in ein Erholungsheim für Lehrer.   Jetzt sind Frieda und ich allein geblieben, was besonders für Frieda zum Nachteil sein wird, da ich noch nicht Urlaub habe und Frieda den ganzen Tag ganz allein sein wird.  Sonst kam Hans inzwischen immer nach Hause.

Hans hat sein Studium für diesen Sommer wieder eingestellt, möchte er sich nur recht gut erholen.

Er will gelegentlich in Karpinsk etwas Ausschau halten nach einem tüchtigen mennonitischen Mädel, obzwar er nichts davon gesprochen hat und niemals spricht.  Es ist ja schon Zeit für ihn, sich eine Lebensgefährtin zu suchen.

Vor kurzem erhielten wir sehr unverhofft durch Anna Klassen aus Karaganda ein kleines Briefchen von Käthe,  Friedas Schwester.  Es war eine große Aufregung und Freude was uns die Hauptsache in diesem Zettelchen ist, das ist die frohe Nachricht, dass Friedas Schwestern und meine Geschwister alle noch am Leben sind. Auf demselben Wege hat Frieda ebenfalls ein kleines Briefchen abgeschickt.

 

10-VII-55.  Sonntag.  Noch immer trocken und dürre.  Es gibt eine vollständige Missernte.  Wenn es wenigstens in der zweiten Hälfte Sommer regnen möchte, damit wir doch wenigsten Kartoffel und Heu fürs Vieh bekommen könnten.  Mit Brot ist die hiesige Bevölkerung dank der guten Ernte im vorigen Jahr noch so einigermaßen versorgt.

 

Außer einem Telegramm aus Karpinsk haben wir von Hans noch nichts bekommen.  Jetzt muss er schon im Erholungsheim sein.

 

Vorigen Sonntag als wir bei Heinz und Marusja waren kam auf ihrem Motorrad Anja Friesen mit ihrem “Mann”, um Heinz und Marusja mit ihm bekannt zu machen.  Sie war ja etwas verdutzt, dass sie auch uns dort antraf. Mit diesem Mann, einem Russen von etwa über 30 Jahre, der eine Frau und Kinder hat,  ist sie zusammen gegangen, wie man sich hier “ausdrückt” und gegenwärtig Gang und Gebe ist.  Er war etwas angetrunken und brachte eine Flasche Wein mit um Bekanntschaft mit uns zu schließen.

 

Dem ersten Eindruck nach ist er wie man sagt ein “бывалый парень” .  Von Anja ist das ein sehr leichtsinniger Schritt, den sie leider sehr bedauern müssen wird.  Was würde ihre Mutter dazu sagen, wenn die noch leben sollte.

 

31-VII-55.  Sonntag.  Ich bin ganz allein zu Hause.  Frieda begleitete ich vormittag zur Station, von wo aus sie per Bahn zum ersten mal in den “Седьмой Аул” zu Lida Krüger fahren wollte.  Glücklicherweise trafen wir dort die Lidotschka, Lidas Tochter, mit der sie dann zusammen abfuhr.  Abends will Frieda wieder zurück sein.

Um 2 Tage wollen wir Hans begegnen, der den ersten August aus Schutschinsk losfährt.  Dann wollen Frieda und ich auch bald losfahren nach Karpinsk.  Wir gedachten eigentlich mit Tante Justel zusammen zufahren, gestern bekamen wir jedoch die Nachricht, dass  sie ihre Reise eingestellt  hat.

Vor kurzem ist die von mir geschriebene Broschüre “Die Milchviehzucht des Kolchos namens Kirowo” erschienen, wofür ich ein Honorar von 2700 Rubel erhalten habe.

Was unsern Klimatischen Verhältnissen anbetrifft, so haben wir noch immer Dürre  und daher eine sehr niedrige Ernte. Wenn es nicht bald gut regnet, gibt’s auch nicht Kartoffel und Futter für das Vieh.

 

7-VIII-55.  Sonntag.  Hans ist in vergangener Woche glücklich aus dem Erholungsheim  zurück gekehrt.  Obzwar er sich nicht aufgenommen hat, so sieht er doch bedeutend frischer aus.  Wir hatten in dieser Woche mehrere Gäste, die auch von ihren Reisen zurückkehrten, Frau Silbernagel, ein Tag später ihr Sohn Viktor Ed., der aus dem Päd. Inst. zurückkehrte,  dann noch Irma Tomsen, die von Alma- Ata aus dem Erholungsheim  kam. Nächste Woche gedenken Frieda und  ich nach Karpinsk zu Schwester Anna zu fahren.

 

12-II-56.  Sonntag.  Schon lange keine Notizen gemacht.  Auf unsrer Reise nach Karpinsk habe ich einige Notizen gemacht, die ich in dieses Heft überführen will.  Leider ist ein Heft mit Notizen abhanden gekommen. Folgendes habe ich auf der Rückreise notiert:

 

24-VIII-55.  10 Tage schon sehen wir nur dichten Wald, über den sich fast ohne Unterbrechung niedrige graue Regenwolken ziehen.  Es ist kalt und nass.  Ein saftiges Grün von beiden Seiten der Bahnlinie.  Ohne Ende ziehen sich Tannen, Fichten,  und Birken.  Ein charakteristisches Uralbild.  Nur sehr selten mal sieht man ein Ährenfeld, das trotz des späten Sommers noch ganz grün ist.  Hin und wieder Sümpfe, kleine Heuhäufchen, aufgestapelt auf Stöcken. Selten mal ein gemähtes Getreidefeld mit durchnässte Garben.   Am Horizont im Nebel tauchen hin und wieder Gebirge auf.  In den Wäldern Schornsteine großer Industriewerke.

Frieda und ich sitzen am Fenster unsres Wagons und beobachten diese charakteristischen Uralansichten.  Eigentlich haben wir schon satt von diesen Ansichten und sehnen uns schon nach der gewohnten Steppe.  Schade nur, dass unsre pavlodarschen Steppen in diesem Jahr so trocken sind.  Überall viel aufgestapeltes Holz. Dann  und wann tauchen in den Wäldern große Werke mit viel rauchenden Öfen  auf.  Neben der Linie sind mächtige elektrische Anlagen, welche die elektrische Eisenbahn nährt.  Bretterstege und -wege ziehen sich hin und wieder neben der Linie

 

Karpinsk

Der größte Teil dieser norduralischen Stadt ist während und nach dem letzten Kriege erbaut worden.  Das eigentliche Zentrum der Stadt besteht aus neuen einzelstehenden zwei-dreistöckigen Häuser.  Die Quartiere des grössten Teils der Stadtbürger sind aus Holz erbaute geräumige neue Häuser.  So auch Schwester Anna’s Haus ist ein hübsches Blockhaus mit Schiefer gedeckt und besteht aus drei helle Wohnzimmer, Küche, Kammer, Korridor und Beischlag.  Auf dem Hof steht ein ebenfalls aus Holz gebautes Ställchen für Schwein und Hühner. Der Hof  ist schön umzäunt und mit einem kapitalen Tor und Pforte versehen.  Es fehlt nicht einmal an einer elektrischen Glocke an der Straßenpforte. Auf dem Hof sind Bretterstege.  Der grösste Teil der Arbeiter besitzt ähnliche Häuser.  Überall sieht man gefärbte Laden  und Fenstergardinen.  Anna’s Haus ist verhältnismäßig gut möbliert.  Auf den Betten und an den Wänden Handarbeiten. Im Gemüsegarten saftig grüne Kartoffelstauden mit schönen Kartoffel darunter.

 

Unser Besuch

Seit dem 16. bis zum 23.VIII. spazierten Frieda und ich bei Schwester Anna und Familie, bei Tante Mar. Janzen mit Kinder und Gertr. Dück.  Überall wurden wir sehr innig und herzlich aufgenommen und uns viel Liebe entgegengebracht, das uns sehr wohltat und wir schon viele Jahre nicht erlebt hatten.

Alle Tage waren wir zusammen bei jemanden von diesen unsern Verwandten.  Viel Waldbeeren, der Reichtum der Wälder, wurden uns überall aufgetischt.  Bei Anna fehlte es beim Mittag selten an einer Flasche Wein, wofür Petja sorgte und auch  ich das wenige dazu beitrug.  Bei Anna aßen wir immer in der großen Stube  am runden Tisch, was mir ganz praktisch schien.   Zu Frühstück gab es gewöhnlich außer Kaffee und Tee frische durchgebratene Kartoffel, was für uns ungewohnt war, bei ihnen jedoch Regel ist,  weil Petja und die anderen zu Mittag nur einen Inbiß machen.

 

Schwester Anna

21 Jahre hatten wir schon nicht Anna gesehen.  Das letzte mal sahen wir Anna anno 1934 als wir noch in Blumenort wohnten und Anna vom Ural  zu uns kam, ihre Kinder abzuholen.  Damals sah sie noch frisch und verhältnismäßig jung aus, während sie gegenwärtig sehr gealtert hat.  Sie hat ja auch schon 67 Jahre erreicht.  Das ist jedoch nicht der Hauptgrund ihres Alterns.  13 Monat Gefängnis mit Peter in sehr schweren Verhältnissen,   die große Sorge um ihre verlassenen kleinen Kinder  und schließlich der Verlust von Peter haben schwere Spuren an Anna’s Nerven,  ihre Augen und ihr Gesamtaussehen zurückgelassen.  Sie war mir daher anfänglich sehr fremd und besonders auch ihre Stimme. Was jedoch in einigen Tagen unsres Beisammenseins verschwand.  Trotzdem es Anna immer drock hatte, mit dem Haushalt, mit der kleinen Nata usw.  und ihre Hauptgehilfen, Lika nicht zu Hause,  haben wir uns doch viel und innig unterhalten von früher,  jetzt  und von der Zukunft, von Eltern, Geschwistern, Verwandten und Bekannten.  Und doch ist es viel  zu wenig gewesen und viel  zu rasch verfloss die Zeit unsres Beisammenseins.

 

Petja und seine kleine Familie

Petja ist ein  tüchtiger und energischer junger Mann.  Er hat eine sehr ernste, harte und rohe Lebensschule  in seiner Jugend durchgemacht.  Erstensmal als kleine Kinder mit den Eltern in den Norden  geschickt worden, zweitens in der frühesten Kindheit von den Eltern geschieden,  den Vater verloren  und ihn dann als Junge schon in der Familie vertreten müssen, 12 Jahre in der Schacht gearbeitet,  die Gesundheit teilweise verloren  usw.   Im Alter von 25-27 Jahre hat er nebst Arbeit im Schacht die Abendschule absolviert  und ein kapitales Haus  und Hof  gebaut.  Es sind nur wenige,  die sowas im Stande sind.

Trotzdem er im persönlichen Leben verhältnismäßig  viel erreicht hat, ist er durchaus nicht befriedigt mit seiner Lage, er möchte mehr und produktiver schaffen.  Er sieht sich daher nach neue Betätigung  um.   Deshalb  zog es ihn auch nach Pavlodar, wo soviel gebaut werden soll.

Ella ist ein schönes, sympathisches, stilles  junges Frauchen, die ihrer Jugend wegen so ganz dem guten Einfluss Petjas und Anna’s Familie unterliegen könnte.

Petja bemühte sich sehr unsern Besuch schön und inhaltsreich zu gestalten. Im großen Dreck und bei sehr schlechten Weg fuhr er mit  mir mit dem Auto nach Krasnoturinsk,  in dem ich anno 1942 schwere Zeiten erlebt habe,  dann fuhr er noch mit mir  zum Kohlenrasres, wo er gearbeitet hat  usw.

Petja und Ella haben ein schönes einjähriges blondes Töchterchen, Nata, genannt nach Petjas Tante Natascha.  Nata ähnelt etwas ihrem Vater und ist ein sehr ruhiges Kind, so recht ein Zögling ihrer Oma von Petjas Seite.

Lika war gerade im Erholungsheim, so dass wir sie leider nicht getroffen haben.

 

Turinsk

Wie oben schon erwähnt fuhr Petja mit mir Sonntag nach Turinsk, wo ich und Heinz mit vielen Tausenden Deutschen aus der südlichen Ukraine anno 1942 sehr schwere 6 Monat des ersten Kriegsjahres verlebt haben.  An der Stelle, wo wir damals vor 13 Jahre die Wälder ausrodeten,   ist jetzt eine ganz  neue Stadt mit großen Industriewerken entstanden.  Ich konnte mich daher daselbst absolut nicht orientieren und was erkennen.  Was mir da nicht gefiel und nicht anheimelte, das waren die schweren Rauchwolken die über der Stadt hingen und dann überhaupt die Abzeichen des hohen Nordens.  Es war gerade sehr trübe, regnerisch, kühl und dreckig. Mit tiefer Wehmut erinnerte ich mich vieler meiner Freunden  und Bekannten, die daselbst anno 1942 fern von den Ihrigen gestorben sind.

 

Die übrigen Verwandten in Karpinsk

Es waren: Friedas Tante Mariechen Janzen, die Frau von Joh. Petr. Janzen  Elbing, ihre Tochter - Mika mit zwei Töchter - Ljelja und Musja, und Gertrude Dück, geborene Epp aus der Krim - Frieda’s  kleine Cousine.  Es  ist die Tochter von Kornelius Epp,  bei dem ich mal anno 1921 als Deserteur hineinschneite zu einem großen Geburtstag und mich sehr am “minische” Zwieback, Schnittchen und Kaffee ergötzte.

Alle Tage kamen wir mit all diesen gekannten Verwandten  zusammen und mit dem Erzählen und Erinnerungen gab’s kein Ende.  Überall eine sehr innige Aufnahme.

Unter anderem machten wir einmal mit Tante Janzen und Mika einen kleinen Ausflug in den naheliegenden an der Stadt grenzenden Tannen und Fichtenwald.  Vor dem Walde beobachten wir gelegentlich  auf  einem Platze das Einüben zweier Traber.

Der dichte und grüne Nadelwald machte auf  uns Steppenkinder einen erhabenen Eindruck.  Ganz am Rande des Waldes  befindet sich ein Kirchhof.  Unter hohen Tannen und Fichten umzäunte Gräber mit steinigten Hügel. Viel deutsche Nahmen fanden wir unter den Grabtäfelchen.  Unter anderem eine bekannte Frau Janzen, geborenen Tina Schmidt,  die Schwester meiner zwei Schulkameraden  Jasch und Peter Schmidt,  die seiner  Zeit den Machnowzen zum Opfer gefallen sind.

Tante M. Janzen habe  ich eigentlich von früher nur wenig gekannt und  wohl  nur zweimal gesehen, das erste  mal auf Hochfeld bei  J. Neufelds auf der doppelten Hochzeit im Jahre 1912, wo sie glaub ich gerade mit  J. P. Janzen  verlobt war,  und das  zweite mal wie sie bei uns in Blumenort  in den zwanziger Jahren zu Besuch war.

Trotz ihrem Alter und ganz weißen Haaren,  trotz der harten  und schweren Vergangenheit, der Aussiedlung in den Norden,  den Verlust ihres  Mannes  und zweier Kinder, der Armut und Not besitzt sie noch einen beneidenswerten Frohsinn und Mut, der sie über vieles Schwere hinweghilft.  Ihre Tochter Mika, die nur in der frühesten Jugend etwas von dem sorgenlosen Leben erfahren hat,  ist ebenfalls trotz  des sehr frühen Verlustes des in der Verbannung geheirateten Mannes noch gut erhalten,  mutig,  arbeitsfähig und arbeitslustig.  Sie  hab ich ja nur jetzt zum ersten mal kennen gelernt.   Von ihr und ihren zwei schönen  brünetten  studierenden Töchter  habe ich einen guten Eindruck bekommen.  Sie kann sehr rege erzählen, worin sie nach Friedas Urteil ihrem Vater ähneln soll.

Zufällig begegnete  ich in einem Laden einen Bergmann aus Münsterberg,  er erkannte mich und redet mich an und ich erkannte ihn auch sofort.  Seine Frau   ist  Friedas  Schulfreundin.  Eines Abends besuchten wir sie mit Anna. Bergmanns besitzen auch ein schönes geräumiges   und gut möbliertes Haus.  In unsrem Gespräch erinnerten wir uns lebhaft an das “Einst”.

 

oben, zweiter von links Heinrich Dück
unten von links Anna Neufeld mit Nata, Frieda Dück

28-VIII-55.  Station Kulunda

 

Über unsre Reiseverhältnisse.

Auf dieser Reise haben wir rund 2000 Rubel ausgegeben, darunter 680 Rubel für meinen Palto. Im großen und ganzen ist diese Reise für uns doch beschwerlich, denn allein dass wir hin und zurück gezählt 8 mal in einen anderen Zug hineinsteigen mussten, will schon was sagen. Überall Stundenlang an den Billettkassen gestanden, was sehr nerviert und ermüdet, denn oft musste ich den Composter buchstäblich erkämpfen. Auf jeder Knotenstation mussten wir neue Platzkarten nehmen und im Wagon frische Matratze und Bettzeug für Frieda. Zu den Schwierigkeiten auf der Reise gehörten einmal der Regen, der uns im Laufe von 12 Tagen begleitete und uns unsre Beweglichkeit überall sehr beschränkte. Auf dem Hin- und Zurückwege regnete es auch auf der Station Swerdlowsk, wo wir umsteigen und lange warten mussten, ohne Unterbrechung. Es war daher fast unmöglich, in die Stadt zu gehen, um Einkäufe zu machen, worauf wir uns sehr gespitzt hatten. Bei der “Kamera chranenija”
Gepäckaufbewahrungsraum
standen immer große Reihen unter fortwährendem Regen. Beide Stockwerke der großen Station mit all den Treppen und Flügel waren aufgepropft voll. Die Füsse wurden uns nass. Frieda fühlte sich schlecht, empfand Stiche in der Seite. Ich wandte mich daher an den Arzt. Ihre Füsse wärmten wir mit einer mit heißem Wasser gefüllten Flasche. Auf der Rückreise trafen wir auf der Station Swerdlowsk ganz dasselbe an, Regen, nasse Füsse, kalt, alle Räume der Station überfüllt, lange Warten und nirgend zu sitzen usw.

Wie wir uns mit noch einigen Deutschen in einer Ecke ein enges Plätzchen gesucht hatten, mussten  wir uns von einem betrunkenen Invaliden anschimpfen lassen, der uns für Juden hielt.

In Omsk verspätete der Swerdlower Zug auf eine Stunde den Petropawlowschen und so mussten wir in Omsk 23 Stunden warten.  Wir hatten uns mit Frieda auf einer Bank einen Platz broniert, welche wir auch nicht verließen im Laufe der ganzen Zeit.  Es war eine schwere Nacht.  Jede 5-15 Minuten meldete das Radio die Ankunft oder Abfahrt der Züge.

Auf  Kulunda verspätete der Barnauler Zug,  mit dem wir Uhr 9 des Morgens bis Pavlodar fahren  wollten, auf 12 Stunden.  Zum Glück kam Uhr 12 der Novokusnetzker  Zug mit dem wir jetzt weiterfuhren.

Frieda hat gegenwärtig Husten und Schnupfen,  es ist  höchst Zeit,  dass wir mal nach Hause kommen.

Den 28.VIII.55 abends kamen wir endlich nach sechstägiger Rückreise in Pavlodar an.  Auf der Station begegneten uns unsre Kinder, zuerst kam uns Heinz entgegengelaufen, dann Hans und dann Marusja mit den Jungen Wolodja und Gena.  In einem überfüllten Autobus fuhren wir alle zusammen in die Stadt und gingen zusammen nach Hause.  Wir waren wirklich froh wieder zu Hause zu sein.  Kurz berichteten wir über unsre Reise und teilten dann die kleinen Geschenke den Kinder aus.

Nachdem wir uns mal wieder in unsern gewohnten Betten gründlich ausgeruht und unsre gewohnte Kost, Milch, Pomidoren, Butter usw. gegessen hatten, regelten sich wieder Verdauungsfunktionen, die unterwegs gestört waren und uns viel Beschwerden zugefügt hatten.

 

4-IX-55.  Sonntag. Eine Woche sind wir schon wieder zu Hause.  Inzwischen hatten wir Regen auch Gewitter.  Heute jedoch ist’s ziemlich kalt, wahrscheinlich gibt es Nachtfröste, die unsern Kartoffeln sehr schaden könnten, denn die fangen jetzt nach dem  letzten Regen wieder an zu wachsen.  Es sah ja ganz nach einer totalen Missernte auf Kartoffel.

Es wütet gegenwärtig eine Hühnerpest in der Stadt.  Die Hälfte unsres Geflügels ist auch schon gefallen.. Ob überhaupt noch was bleiben wird.

Übermorgen muss ich schon wieder auf Arbeit.  Heute meldete man mir, dass man mich als Direktor unsres Gosplemrassadnik ernennen will,  wogegen ich kategorisch  protestieren werde.

 

 27-II-56.   Trotzdem Hans’s Geburtstag erst Morgen ist, feierten wir ihn gestern am Sonntag.  Zum Abendbrot waren unsre Kinder und Hans’s Freunde, Lehrer Krjatschko und Valerij mit Frau zu Gast.  Haben viel musiziert auf dem “Proigrywatelj ”, der mit dem”Prijomnik ” “Baltika” verbunden ist.  Hans wird schon 32 Jahre alt und ist noch nicht verheiratet.  Das Finden eines lieben und biederen deutschen Mädels wird für ihn schon ganz zu einem Problem.

 

29-II-56.  Schaltjahr, daher der 29.II.  Januar und Februar hatten wir fast immer klares Wetter mit starkem Frost 30-40 Grad.  Weil wir jedoch mit Brennmaterial gut versorgt sind, haben wir es in unserm Haus warm.  In unserm Contor ist es jedoch kalt,  ich habe mich daher auch schon sehr erkältet.  Den Winter über sitze  ich im Contor im Palto.

In unsrer kleinen Wirtschaft keine Veränderung. Trotzdem unsre Kuh nicht tragend ist und schon den 12-ten Monat gemolken wird, gibt sie noch 8 Liter Milch den Tag.  Hühner haben wir nur 10 behalten und keinen Hahn, der fiel  ja das erste der Pest zum Opfer.

Das grösste und freudigste Ereignis für uns ist ja, das wir eine Photographie und kurzes Briefchen von meinem Bruder Franz erhalten haben.  Franz und ganz besonders seine Anna sehen noch frisch und jung aus.  Sie möchten gerne mit uns einen Briefwechsel wieder herstellen.  Wir werden’s doch wohl wagen an sie zu schreiben.  Unter anderem schreiben sie, dass Bruder Jasch mit Tine im Januar Goldene Hochzeit feiern wollten. Wie könnten wir noch einmal zusammen kommen?!

Ich habe ein neues oberes Gebiss bekommen;  ich muss mich wieder gründlich dazu gewöhnen müssen.

 

 

ganz links Anna, ganz rechts Franz Dick

1-III-56.  Sonnabend Abend.  Von heute ab haben wir am Sonnabend nur 6 Stunden Arbeitstag, so dass  ich heute statt Uhr 6 schon Uhr 3 zu Hause war.  Weil Frieda mit ihrem “Sonnabenhalten” ganz allein war, so konnte ich ihr in einem und anderen helfen.  Oft hilft ihr am Sonnabend Marusja’s Schwester Hilda.  Hin und wieder ist auch unsre Cousine  Lida Krüger (geb. Warkentin) zum Waschen und sonstige Arbeit bei uns.  Sie sucht manchmal etwas zu verdienen und kommt dann aus dem”Sedjmoj Aul” hierher.

Den dritten Tag haben wir schon starkes Tauwetter, was jedoch noch viel zu früh ist.

 

20-III-56.  Sonntag Abend feierten wir meinen 64ten Geburtstag.  Heinz und Marusja mit ihrer Schwester Hilda und Woldi und Gena waren unsre Gäste. Die vorige Woche über war ich auf Komandirowka in 4 Kolchose.

Das grösste Ereignis dieser Tage ist, dass Genosse Chruschtshow ein Dokument über Stalins Greueltaten während seiner Regierung eröffnet hat, welches dem ganzen Sowjetvolk zu Kenntnis gebracht wird.  Eine furchtbare Empörung herrscht unter dem Volk über Stalins Schreckenstaten.

Was für Folgen dies alles nach sich bringen wird, ist schwer vorauszusehen.

 

25-III-56.  Sonntag.  Haben noch immer Winter.  Des Morgens noch immer 20-21 Grad Frost.  Laut Radioberichten beendigt man unsrer früheren Heimat schon die Aussaat der früheren Kulturen.

Erhielten vor einigen Tagen einen Brief von Wily Dav. Schröder aus dem Tschelabinsker Gebiet, in dem er berichtet, dass sein Schwager, Heinrich W. Neufeld früher Fürstenau im Februar gestorben ist.  Er lebte mit seinen Kindern zusammen und ist seit dem Tode seiner Frau etwa 25 Jahre Witwer gewesen.  Eine Seltenheit in unsrer Zeit.

Frieda leidet mal wieder am Magen und ich am Rheumatismus wie noch nie.

 

29-III-56.  Heute ist für uns ein trauriger und schwerer Tag,  Gedenk- und Todestag unsrer lieben Erika.  Schon 14 Jahre sind es her, seitdem unser liebes Kind gestorben  ist, und doch ist die Sehnsucht noch sehr sehr stark.  Ich hätte es nie geglaubt, dass die Trauer um ein verstorbenes Kind so dauernd sein könnte. 25 Jahre würde unser liebes Mädel schon alt sein.  Was wäre das für uns für ein Glück.  Und wie viel Schmerz und Herzeleid wär uns erspart, worunter wir beide und besonders Frieda geistig und körperlich sehr gelitten haben.  Ein Wiedersehen mit unsern lieben Geschwister alle und das Bleiben in ihrer Mitte könnte etwas unsern großen Schmerz aussühnen.

Früh Morgens erwachten Frieda und ich heute und obzwar wir uns nichts sagten, ahnten wir jedoch, warum wir beide nicht schlafen können.  Unser Glück ist es, das wir dieses Leid teilen und gemeinsam tragen können.

 

20-IV-56.  3,5 Monat haben wir so viel wie keine Niederschläge gehabt.  Gegenwärtig haben wir schon mehrere Tage Regen.  Den dritten Tag geht schon das Eis auf dem Irtysch.  Vor zwei Tage hatten wir Gewitter und die Nacht darauf Frost;   Heute Morgens hatten wir 6 Grad Frost.

Seit meiner letzten Komandirowka, whärend der ich auf dem Lastauto sehr gestuckert habe, habe ich wieder etwas Kopfschwindel beim Hinlegen und den Kopf  beim Liegen nach rechts drehen.  Ich habe mich darauf  hin vom Arzt untersuchen lassen.  Nehme gegenwärtige Glukosespritzen.  Von Morgen beginn ich eine Kur einer kleinen Schmerzhaften Stelle am linken Ohr mittels Röntgentherapie.

Frieda’s Magenschmerzen, die längere Zeit anhielten und uns Sorge machten, sind Gott sei Dank, nach längerer strengen Diät wieder verschwunden.

 

3-VI-56.  Sonntag.  Heute feiern wir unsern 33ten Hochzeitstag.  Eine große Gnade.  Wir luden zu Mittag Marusja mit den Jungen und ihrer Schwester Hilda ein.  Heinz ist nicht zu Hause, er ist mit seinem Autokran im Wald.

Nachmittag war noch mein Direktor  Sokalow und Hans’s Freund Krjatschko zu Besuch.

Es ist kühl und regnerisch.  Die Ernteaussichten sind einstweilen gut.

Viel Aufregung hat in letzter Zeit für die Deutschen hier ein Gerede über vermeintliche Auswanderungsmöglichkeiten verschafft.  Ich verhalte mich zu diesen Gerüchten noch skeptisch.  Sicher würde man gerne noch all seine Geschwister wiedersehen, von denen wir schon 30 Jahre getrennt sind.

 

10-VI-56.  Sonntag.  Gestern hatten wir starken Regen.  Die Ernteaussichten sind gut.  Viel Gras auf der Steppe und unsre Kuh muss leider schon das 2te Jahr zu Hause auf trocknen Heu stehen und bekommt kein Gras zu sehen.

Ganz unverhofft wurde ich gestern abends zum Telephon herausgerufen von Karpinsk.  Wir waren eigentlich etwas aufgeregt, was wohl der Grund dieses unverhofften Anruf sein könnte.  Eigentlich ahnte ich etwas,  das wohl der Petja wieder neue Pläne haben könnte.

Es war ja auch so.  Leider konnte Petja mich nicht verstehen,  es sind auf dieser weiten Strecke doch  zu viel Zwischenstationen.  So viel konnte ich doch verstehen,  dass sie sich wohl entschlossen haben hier zuziehen und um eine Woche Petja und Anna dies bezüglich zu uns auf  Erkundung zu kommen gedenken.

Es ist 7 Uhr abends.  Frieda ist per Autobus  zur Andacht einer  russischen Baptistengemeinde gefahren.  Ich bin da noch nicht gewesen.

Heinz kam des Morgens mit seinem Autokran aus dem Fichtenwald, von wo aus sie für ihre Fabrik 300 m3 Holz transportiert haben.  Nebenbei haben sie für sich etwa 10 m3 gebracht.

 

8-VII-56.  Sonntag.  Hans ist schon über eine Woche in Semipalatinsk im Pädagogischen Institut.  Zum ersten mal im Leben flog er per Flugzeug zusammen mit Victor Eduard Silbernagel.  Ich wollte ihn noch auf dem Flughafen begleiten, wie ich jedoch mich dem Flughafen näherte drehte sich das Flugzeug langsam um, um gegen Wind anzulaufen.  Und so konnte ich Hans nur mit meinem Blick begleiten bis das Flugzeug in den Wolken verschwand. Weil dieser Luftverkehr für uns persönlich noch ungewohnt ist, begleitete ich Hans doch etwas aufgeregt. Am nächsten Tage bekamen wir von Hans ein Telegramm mit der Nachricht,  dass sie glücklich geflogen sind.

Sonnabend vor einer Woche kam Anna’s Petja zu  uns.  Sie haben in Karpinsk alles liquidiert und wollen hierher nach Pavlodar hinüberziehen.  Etwas um eine Woche soll Anna mit den anderen Kinder kommen.  Petja erkundigt sich inzwischen was und wie hier zu unternehmen ist.

 

25-VIII-56.  Sonnabend Abend.

Mitte Juli kam Anna mit Lika, Ella und Nata zu uns.  Sie überraschten uns des Nachts vor dem Tage,  wo wir sie eigentlich laut Telegramm erwarteten.

Jetzt machten sie gemeinsam mit Petja Versuche alle Fragen ihrer Übersiedlung zu lösen.  Es gab viel Enttäuschungen und besonders bei Anna und Lika.  Immer wieder wurde von “zurück” gesprochen, so das Petja schon noch einen schweren Kampf  zu kämpfen hatte.   Nach zweiwöchentlichem Suchen in der Stadt und Sowchosen entschlossen sie sich ein Häuschen in der Stadt für 14 Tausend Rubel zu kaufen.  Dank der Ausdauer und Energie Petjas haben sie sich ihr Häuschen schon schön eingerichtet, alles gestrichen und remontiert.  Es ist ihnen auch gelungen, eine schöne junge Kuh zu kaufen, die ihnen täglich 15 Liter Milch gibt, 10 Hühner gekauft, die ebenfalls fleißig legen.  In Karpinsk leisteten sie sich gewöhnlich nur 1 Liter Milch den Tag, während sie hier jetzt sehr viel mehr haben, als sie brauchen. Auf dem Bazar sind gegenwärtig Pomidoren in Hülle und Fülle und zu sehr mäßigen Preisen, ebenfalls Arbusen, Äpfel, Mehl, Butter und dergleichen, alles was sie in Karpinsk nicht hatten.

Lika und Petja haben auch schon Arbeit. Was ihnen hier gar nicht gefällt (ebenfalls auch uns) das ist der Staub in unsrer Stadt und die mangelhafte Wasserversorgung der Stadt.  Im großen und ganzen scheint es mir, sind sie schon ausgesöhnt.

Vor einer Woche feierten sie ihr “новоселье” Einzugsfeier, an dem wir mit unsrer ganzen Familie teilnahmen.

 

Sonntag.  26-VIII-56.

Frieda und Schwester Anna fuhren heute Morgen zu unsrer Cousine Lida Krüger (Warkentin) auf einen Tag zu Besuch. Es ist eine halbe Stunde per Bahn zu fahren.

Den 7. August schrieb ich nach langem Zweifeln endlich einen Brief an unsre Geschwister in Canada.  Sie könnten ihn wohl schon haben.   Es wird eine große Aufregung  und Freude für meine Geschwister sein, endlich mal eine direkte Nachricht von uns persönlich zu haben.

Vom 12 bis zum 14 August waren Frieda und ich zu Besuch bei Tante Justel.  Die Fahrt per Bahn war schön.  Sehr selten in unserm Leben haben Frieda und ich Gelegenheit gehabt,  zu zweit per Bahn zu fahren.  Das erste mal war es anno 1912,  als wir per Bahn von Rosenhof  von Mascha Neufelds Hochzeit zurückkehrten  und zu  zweit an einem Fenster die Dneprower Plawin beobachteten.  Damals hatten wir noch keine Ahnung, dass wir uns nochmal verheiraten würden.  Und jetzt schauen wir dankbar auf 33 sehr schwere und doch glückliche Jahre unsrer Ehe zurück.

Ich bin unwillkürlich etwas abgewichen. Bei Tante Justel wurden wir sehr innig aufgenommen.  Sie lebt mit ihren Kindern nach heutigen Begriffen verhältnismäßig ganz schön.  Ihr Dorf liegt am Rande eines großen Fichtenwaldes.  Sie haben ein geräumiges Häuschen, Hof und Gemüsegarten. Die Tochter Mika arbeiteet in einem Contor, Marta in einer Bäckerei und Jasch, der Schwiegersohn, arbeitet zeitweilig in einem entlegenen Kasachischen Kolchos laut Vertrag als Ofensetzer.

Sonntag gingen wir zur Andacht, die in einem kleinen Lokal gehalten wurde.  Ein kleiner Chor sang deutsche auch russische Lieder.  Drei Männer (worunter auch Jasch) hielten kurze Ansprachen.  Es  waren nur schwache Redner, aber sie suchen nach Kräften ihrer sehr kleinen Gemeinde mit dem Worte Gottes zu dienen.  Schon über 20 Jahre habe ich an so einer mennonitischen Andacht nicht teilgenommen.

Ob zwar mir diese Ansprachen, die nur schwach und zudem im tendenziösen Erweckungston gehalten wurden, nur wenig geboten haben, gab mir diese Beteiligung Veranlassung zum Nachdenken  und stimmte mich andächtig.

Zur Station wurden wir mit einem Motocikl gefahren, auf dem wir zu viert fuhren, Marta und Jasch begleiteten uns auf gewöhnliche Rädern.  Auf dem Wege zur Station hatten wir Gelegenheit den Malinow See zu beobachten. Das charakteristische dieses See’s ist, das das Wasser in ihm rötlich aussieht.

 

4-IX-56.  Drei Tage lag ich an der Dysenterie krank mit maximalen t° 38.7.  Wir kurierten mit Stalasol und Sintomicin,  besonders letzteres ist ein sehr effektives Heilmittel gegen Dysenterie. Heute ist Frieda krank mit 39° Temperatur.  Des Morgens wurde ihr sehr unwohl,  so dass sie fast in Ohnmacht fiel.  Woran sie erkrankt ist, wissen wir noch nicht.  Trotz der Krankheit und Temperatur schafft sie immer fort.  Leider, leider ist niemand bei uns im Hause, der sie ganz im Haushalt ersetzen kann.

Vormittag war unsre Cousine  Maria Cornies (Enns) zu Besuch, welche etwas Brennholz gelegentlich  holen wollte. Trotz ihrer Schwäche und Gebrechlichkeit macht sie dank ihrem starken Willen noch manche Strapazen durch.  Weil sie ganz allein ist, muss sie alles allein tun und kann sich auf niemanden verlassen.   Sie möchte so gerne ihren Bruder Jash finden, der scheinbar in Deutschland sich befinden soll.

Gegen Abend war Schwester Anna bei uns.  Wir sind so froh, dass sie jetzt mit ihrer  Familie in unsrer Nähe wohnt.  Es machte mich so glücklich  Sonntag  Abends, dass mich in meinem Krankenbett unsre Kinder auch Anna’s ganze Familie besuchte und innige Teilnahme erwies.

Wir erhielten heute eine Karte von Anja Friesen, der Tochter von Hel. Friesen geborene Enns.  Sie hat einen russischen Chauffeur geheiratet, der mit ihr zu seiner Mutter an die Wolga übergesiedelt ist.  Nach dem Tode ihrer Mutter und Tante Lise ist sie auf bedauernswerte Abwege gegangen und mit sittenlose Männer in Verbindung getreten.  Ihr Vater Fr.  Friesen, der ihre Mutter verlassen hat, als Anja noch ein kleines Kind war, hat gegenwärtig schon die 5. Frau und führt ein sehr sittenloses Leben.  Möchte Anja doch  nicht dem Beispiel  ihres Vaters folgen. 

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18-II-57.  Fast ein halbes Jahr habe ich keine Notizen in diesem Heft gemacht, während dem sich doch so manches zugetragen hat.

 

Maria Kornies, von deren Besuch bei uns auf der Rückseite dieses Blattes geschrieben ist,  ist im Dezember gestorben und auf dem selben Kirchhof, wo ihr Bruder Hans liegt, begraben worden.  Frieda und Schwester Anna waren mit dem Kolchosautobus zum Begräbnis gefahren.  Und so sind alle vier Geschwister Enns hier im Laufe von einigen Jahren gestorben.  Während die andren drei, die älteste Schwester und Bruder, Anna, Jasch und Gerhard noch gesund sind und in Canada leben.  Die älteste Schwester  Anna bittet uns, ob wir nicht könnten etwas Näheres über den Tod ihrer Mutter und vier Geschwister berichten.

 

 

 

20-II-57.  In Laufe der  letzten Monate haben wir direkten brieflichen Verkehr mit unsern Geschwistern in Canada wiederhergestellt.  Außer von Bruder Gerhard haben wir schon von allen Geschwister meinen auch Frieda’s Briefe erhalten.  Unsre Geschwister sind alle am Leben, gesund und lebensfroh. Ich habe bis jetzt einen Brief  an  meine Geschwister geschrieben, Frieda  zwei. Im letzten Frieda’s Brief haben wir unsre Photographie ihnen geschickt.  Von Bruder Franz und Schwester Mariechen haben wir schon Photo bekommen, von den Brüdern Gerhard und Jasch noch nicht.

Frieda und Heinrich Dück, 1957
oben v. links Hans, Marusja, Heinz
unten Frieda, Woldi, Gena und Heinrich
Mariechen (Maria) Dick

21-II-57.  Wir hatten anfangs Winter viel Gäste.  Tante Justel aus dem Altajer Kraj, Tante Mariechen Janzen aus dem Ural (Karpinsk), Katja Esau aus dem Nachbarrayon, Anna Warkentin, Jasch Warkentin’s Frau aus der Omsker Gegend, später war bei uns Martha Janzen und Jasch Bartel.  Inzwischen auf einer Durchfahrt die Brüder Silbernagel, Abram Krüger usw.

 

Der Briefwechsel so wie auch der persönliche Verkehr mit unsern lieben Verwandten hat uns unsre Lieben alle mal wieder nahe gebracht.  Das Bewußtsein, dass wir noch so viel nahe Verwandte haben, die an uns denken, hat uns wieder aufgerichtet und mutiger gemacht.

oben v. links Heinz, Marusja, Hans, Jasch Bartel
unten Olga Bartel, Tante Justel, Heinrich mit Woldi, Frieda mit Gena, Mika Bartel mit Vanja

22-II-57.  Wir haben gegenwärtig schönes Winterwetter, still und Frost 10-15 Grad.  In der ersten Woche dieses Monats war es sehr kalt 38-41 Grad.

Den 8.II. hat nach 22 Monat Unterbrechung unsre Kuh wieder gekalbt und hat uns ein schönes Kuhkalb gebracht, dass wir leider nicht aufziehen können, weil es in unsern städtischen Verhältnissen nicht vorteilhaft ist.  Und so haben wir es unsrem guten Freund Silbernagel für 300 Rubel verkauft.

 

25-II-57.  Genau vor zwei Monat arbeitete ich den letzten Tag im Gosplemrassagnik.  Auf meine Bitte hin bin ich entlassen worden, um auf  Pension überzugehen.  640 Rubel Pension ist mir vom Gorsobess festgestellt.  In diesen Tagen soll ich die erste Zahlung erhalten.

Ich bin somit ein freier Mann und brauche mich nicht mehr nach der pünktlichen Arbeitszeit zu richten.  35 Jahre Dienst habe ich hinter mir.  Ich musste mich gewöhnen zu diesen meinen neuen Lebensverhältnissen und oft ist es mir so, als wenn ich mich beeilen muss, um nicht zu verspäten.  All zu sehr hatte ich mich an diese Arbeitsordnung gewöhnt.

Gegenwärtig suche ich so viel wir möglich Frieda in unsern kleinen Haushalt behilflich zu sein, denn bis jetzt war sie meistens allein.  Um jedoch nicht völlig  jegliche geistige Arbeit zu werfen, versuchte ich eine kleine Erzählung  in russischer Sprache von 35 Seiten zu schreiben für die örtliche Zeitung.  “Eine innige Unterhaltung über aktuelle Tagesfragen” hatte ich die Erzählung genannt.  In der Redaktion hatte man jedoch manches über Form und Stil meiner Erzählung einzuwenden, und so bekam ich diese Erzählung zurück.  In Viehzucht habe ich ja so manchen Artikel geschrieben.  Im Dezember bekam ich für 2 Artikel 340 Rubel in der Redaktion ausgezahlt.  Über freie Thema’s habe ich  jedoch nicht geschrieben.

Dann wollte ich versuchen Teppiche zu zeichnen um etwas nebenan zu verdienen.  Habe jedoch noch keine Farbe dazu.

 

28-II-57.  Vor 33 Jahre ist unser Hans geboren.  Damals war außergewöhnlich viel Schnee und ich holte Friedas Mama auf einem großen Schlitten mit einem schwachen Pferdchen bespannt aus Blumstein, wo Friedas Eltern damals im Quartier waren.  Heute ebenfalls ein kalter Wintertag, jedoch für hiesige Verhältnisse ist das normal.  Viele, viele tausende Kilometer sind wir entfernt von unserm Heimatsort, wo Hans geboren wurde und noch viel weiter ist der Ort, wo Friedas Eltern begraben sind.  Unsre lieben Mädels sind auch so weit von einander begraben.

Hans ist noch immer bei uns und noch unverheiratet.  Wie gerne wir ihn auch noch weiterhin für uns haben möchten, ist es doch schon Zeit, dass er sich verheiratet.  Wo findet er jedoch hier das deutsche Mädel, welches ihm als Lebensgefährtin dienen könnte?!  Das wird einfach zu einem schweren Problem.

 

26-III-57.  Am 17.III. feierten wir meinen  65-ten  Geburtstag.  Abendbrot waren bie uns Anna mit Petja und unsre Kinder.

Am Abend  vorher bekam ich eine Geburtstagsgratulation von Schwester Mariechen die mich sehr erfreut hat.  Später bekamen wir einen Brief mit Bilder von Bruder Gerhard, einen von Greta Unruh.  Und heute bekamen  wir eine Photographie von Bruder Jasch und Tine mit einer  nachträglichen Gratulation  zu  meinem Geburtstag.   Jasch und Tine sind genau in der Stellung photographiert wie vor 50 Jahre.  Dem Bilde nach haben sie sich beide und besonders Tine gut erhalten.   Bruder Gerhard finden wir auf dem Bilde,  das vor 8 Jahre genommen,  ganz unverändert.

 

 

Jasch und Tine Dyck, 1906
Jasch und Tine Dyck, 1956

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5-V-57.  Sonntag.  Zu Ostern bekamen Anna auch wir Briefe von Schwester Mariechen.  Mitte April schickte ich meinen zweiten Brief  an unsre Geschwister,  adressiert  an  Bruder Jasch.

12-V-57. Sonntag. Gestern war alles unter Schnee. Heute morgens schien die klare Morgensonne uns einen sonnigen Tag zu versprechen und so entschlossen wir uns auf dem Felde Kartoffel zu setzen, was wir am Werktage nicht tun können weil Hans dann in der Schule ist. Anderthalb Sack Kartoffel fuhr Hans auf dem Velosiped
Fahrrad
, während ich per Autobus bis zum Ende der Stadt fuhr.

Wie wir uns nun am Ende der Stadt mit Hans trafen, merkten wir, dass wir beide viel zu leicht gekleidet sind und der kalte Nordwind uns durchwehte.  Während ich das Rad weiter schob, fuhr Hans per Autobus zurück, um Überkleider zu holen.  Wie er nun mit den “Fufajki” kam, war ich schon unweit unsres Feldes.

Obzwar der Schnee schon im großen und ganzen getaut war, lag in den Furchen noch Schnee.  Hans grub und ich setzte Kartoffel.  In 4 Stunden hatten wir die 0,15 ha besetzt und eilten nach Hause.

 

9-VI-57.  Sonntag.  Es soll heute Pfingstfest sein,  wovon wir jedoch nichts merken.

Am 26. Mai feierten wir Frieda’s  61 Geburtstag.  Anna’s und unsre Kinder waren zu Gast.  Anna war Krankheitshalber und der Großkinder wegen nicht gekommen.  Anna und auch Frieda kränkeln schon wieder einige Zeit, und beide wohl an den Lungen.   Sie sind daher beide sehr mager.

Es ist 7 Uhr abends.  Frieda ist zur russischen Andacht gefahren und Hans in seine Abendschule gegangen.  Soeben machte man mir eine Impfung gegen тюлеремия.

Zu  Frieda’s Geburtstag  trafen 5 Briefe   ein, von Frieda’s 3 Schwestern, Schwester Mariechen  und  Tante Justels Familie,  alles sehr innige Briefe.   Meinen Brief  vom April haben die Geschwister erhalten.  Aussichten auf ein Wiedersehen mit den Geschwister alle sind für heute noch keine.

Ich lese gegenwärtig die Geschichte der Mennoniten  von P. M. Friesen.  Ich lese sie mit grossem Interesse.

 

14-VI-57.  Früh Morgens heute wurden wir geweckt von einem Kasachen, der sich gestern  mit mir verabredet hatte, unsre Kuh  zu kaufen, wozu wir uns in den letzten Tagen entschlossen hatten.  Wir einigten uns auf 3700 Rubel.  Für gegenwärtige Verhältnisse ist das ein guter Preis.  Trotzdem dies eine sehr gute Kuh ist und uns gegenwärtig noch 12-13 Liter  Milch den Tag gab, so entschlossen wir uns zu diesen Verkauf  aus folgenden Gründen, erstens ist sie schon 11 Jahre alt,  zweitens  ist ihre Milch etwas dünn, drittens war unser Heu alle und wieder Heu kaufen ist beschwerlich und teuer,  und viertens  gedenken wir wenn möglich,  uns ein besseres Haus zu kaufen. Von Morgen an müssen wir uns die Milch kaufen.

Zwei Tage spazierte bei uns Friedas  Jugendfreundin  Katja Esau (Cornies), die Frieda heute Morgen zur Autobusstation begleitete.  Sie wohnt 150 km von hier entfernt in einem Kolchos bei ihren Kindern.

Eine große Freude bereiten uns Heute 2 Briefe  von  Jasch und Tine, in dem sie Näheres über ihre Familie schreiben. Das Bild  von  ihrem Haus  und den 6 Autos  ihrer  Kinder  zeugt von dem Wohlstand,  in dem sie leben. Es ist großartig  was  ihre  Kinder alle erreicht haben.

Wie  wird einem dann  manchmal so beklommen um’s  Herz.  Wir  haben ja bestimmt nicht weniger Arbeit wie unsre Geschwister.  Und wie verschieden sind die Resultate! Bestimmt haben meine Geschwister  ein größeres Gottvertrauen gehabt als ich.

 

23-VI-57.  Sonntag.   Ein heißer windiger und  staubiger  Tag, das so recht charakteristisch für diese Gegend ist. Hans und ich  waren die Woche  über  vernommen  mit dem Remont der Endwand unsres Hauses.  Die Wand auch das Dach musste mit Lehm  verschmiert  werden, was wir beide zum ersten mal in unsrem Leben selber verrichtet, weil keine Hilfe hierzu zu finden war.

Inzwischen beschaute ich in dieser Woche einige Häuser im zweiten Pavlodar, die zum Verkaufen ausgeboten sind. Trotzdem wir schon gerne unser jetziges Häuschen wechseln möchten, weil uns das nicht mehr befriedigt, so gehen wir doch ungern vom Irtysch weg,  die schöne weite Aussicht über den Irtysch,  dann die Nähe des Wassers.

Im zweiten Pavlodar wieder ist die Wasserversorgungsfrage, wie auch  elektrische Beleuchtung  und Radio noch nicht ganz geregelt.  Ebenfalls ist die Verbindung mit dem alten Pavlodar noch nicht so  wie man’s  möchte. Und so stehen wir noch im Zweifel, ob wir dort kaufen sollen.

Gestern schickten wir wiederum einen Brief  an Frieda’s Schwestern ab.  Frieda hat im Laufe der vergangenen  Woche in den späten Abendstunden  daran  geschrieben.

Bei Schwester Anna wird sehr gebaut.  Sie bauen sich ein zweites Zimmer an.  Der Petja ist in dem Bauen in diesen so schweren Bauverhältnissen unermüdlich.  Er baut aus Rohr, was jetzt modern ist.  So viel Energie, Unternehmungslust und schwere Arbeit wird verpufft an so einem “Bauen”.  In anderen Verhältnissen wäre Petja im Stande bei weniger Kraftaufwand ganz was andres zu leisten.

Frieda ist gegenwärtig  zu einer russischen  Andacht  gegangen.  Hans ist auf einem Piknik hinter dem Irtysch.

 

 

29-VI-57.  Ich bin gegenwärtig ganz allein.  Hans flog gestern nach Semipalatinsk ins Institut auf einen Monat und von dort fährt er dann in ein Erholungsheim nach Alma- Ata bis Ende August.  Frieda und  ich waren gestern zweimal auf dem Aerodrom, um Hans zu begleiten, weil jedoch das Flugzeug verspätet hatte,  warteten wir Hans’s Abflug nicht ab.  Soeben erhielt ich von  ihm ein Telegramm mit der Nachricht, dass er glücklich nach Semipalatinsk gekommen ist.

Vier Tage gastrierte bei uns  Frieda’s kleine Cousine Trudel Epp (Frau Dück)  und heute früh Morgens um 4 Uhr begleitete ich Frau Dück und auch Frieda zum Zug.  Sie fuhren beide zu Besuch zu Tante Justel.   Frieda war eigentlich gar nicht recht gesund.  Zudem  hatte sie sich mit Hansi’s Fertigmachen zu sehr angestrengt.  Zum Glück half ihr Frau Dück sehr dabei.

Und so bin ich jetzt ganz allein im Hause, was sehr ungewohnt ist.

Ich habe heute das zweite mal die remontierte Wand geschmiert. Es ist niemand zu dieser Arbeit zu finden  und so ist man gezwungen,  das selber zu machen,  trotzdem man sich nie im Leben mit sowas  beschäftigt hat.

 

14-VII-57.  Sonntag.  Nach etwa 6 Tage kam  Frieda wieder zurück von Tante Justel.  Es  hatte sie diese Reise erfrischt.  Sie überraschte mich an meinem einsamen Mittagstisch, denn das verabredete Telegramm von  ihrer Rückreise  hatte  ich nicht erhalten und war daher auch nicht zur Station  gefahren sie zu  empfangen.  Etwa eine Woche sind wir jetzt mit Frieda allein.  Machen   uns  in unsrer “Wirtschaft” alles so gemütlich wie nur möglich und ruhen daher aus.  Es sind ja noch allerhand Sommerarbeiten, wie Mist streichen, den “Sarajtschik” schmieren, Kartoffel hacken,  Dielen färben usw.

Inzwischen habe  ich mich wieder nach Häuser umgesehen, denn  wir möchten uns doch zum Winter ein  besseres  und geräumigeres Haus kaufen.  Zu diesem Zweck haben wir jeden freien Rubel in die Sparkasse getragen und so im Laufe von 7-8 Jahre mit Hans 20 000  Rubel  erspart.  Anständige Häuser kosten etwa 30-35 Tausend Rubel.  Wenn wir zudem unser jetziges Häuschen für etwa 12-13 Tausend Rubel verkaufen könnten, erhielten wir die nötige Summe.

Seit einigen Tagen habe ich das Haussuchen einstweilen eingestellt, weil “unsre” Frage unklar ist und man sich vielleicht in Bälde mit uns beschäftigen wird und mehr Klarheit für uns schaffen wird.  So oder anders.

 

28-VII-57.  Sonntag.  Nach zweiwöchentlichem kühlen Wetter mit etwas Regen, haben wir heute mal wieder einen heißen Julitag.  Nach anstrengender physischer Arbeit (Mist streichen und Wand schmieren) hat sich bei mir wieder die Herzarythmie eingefunden.  Ich muss mich jetzt wieder sehr schonen.  Friedas Gesundheitszustand ist gegenwärtig besser.

Die Ernteaussichten sind nur schwach, es sind daher die Marktpreise auf Getreide sehr gestiegen. Die Preise sind heute: Kartoffel (alte) 2 Rubel das Kilo, Kraut  - 4 Rubel, gelbe Rüben 5 Rubel, Gurken 8 Rubel, Pomidoren 24 Rubel, Stachelbeeren - das einzige hiesige Obst- 16 Rubel.  Ein Pud Weizen 35 Rubel.

In  Moskau gehen gegenwärtig  Verhandlungen zwischen einer Westdeutschen und  russischen Delegation.  Unter anderem wird über die Repatriierung der Deutschen (Welcher ?!) verhandelt.

 

18-VIII-57.  Sonntag.  Erhielten heute einen Brief   von Hans aus dem Lehrererholungsheim  bei Alma- Ata, wo er sich seit dem 31.VII.  aufhält.  Er schreibt, dass er wohl den 21.VIII. von dort losfahren wird nach Hause.  Wir bekamen in dieser Woche von ihm eine Postsendung mit Äpfel.  Wir haben uns mal nach früherer Art an Äpfel satt essen können.

Vor einer Woche war bei uns mein Cousin Hans Warkentin, mit Frau zu Gast.  Sie kamen zum Arzt J. Fröse, der aus ihren Memriker Kolonien stamt.  Hans Warkentin ist in diesem Sommer  im Kurort Kislowodsk  gewesen.   Auf dem Rückwege fuhr er bei sich  im Donbass an und war auch auf  seinem Heimathof.  In sein Haus ging er nicht hinein,  im Garten war er jedoch.  In ihrem einst so schönen Obstgarten sind nur 3 Obstbäume geblieben.

Gegenwärtig ist bei uns unsre Bekannte Frau Silbernagel mit  Großkind zu Gast. Schwester  Anna, Frieda und genannte Gäste gingen vor einer halben Stunde  in's russische baptistische Versammlungshaus.

Vorigen Sonntag waren Heinz und Marusja mit den Kindern zu Irma Tomsen zu Gast gefahren.  Auf dem Rückwege fuhren sie auf  dem Kirchhofe an,  wo unsre liebe Erika begraben liegt.  12 Jahre ist schon niemand von uns da gewesen.  Leider konnten sie Erika's Grabhügel nicht finden.  Anno 1945 besuchten Frieda und ich zum letzten  mal diesen Ort, schütteten einen frischen Grabhügel auf und stellten ein kleines Birkenkreuz  neben dem Hügel.  Davon ist ja jetzt schon keine Spur. Diese Nachricht von dem Besuch Erikas Grab hat uns wieder in tiefe Trauer versetzt.  Diese Trauer  um unser liebes Kind  wird wohl bis zum Ende unsrer Tage nicht schwinden.

 

25-VIII-57.  Sonntag.  Ein  kühler  regnerischer Tag.  Schon wieder  naht der Herbst.  Und um 2 Monaten gibt's schon wieder Schnee.  Wie  eilt doch die Zeit.  Wie gerne möchten wir doch in unserm Leben noch einen schönen Herbst haben.  Im Kreise unsre lieben Verwandten alle.

Nach zwei monatlichen Abwesenheit  kam gestern früh morgens Hans nach Hause aus Alma- Ata und Semipalatinsk. Kaum graute der Morgen Uhr 5 ging ich zu Fuß zur Station, die Autobus und  Taxi gingen  noch nicht.  Die Strassen waren ganz  menschenleer.  Auf der Station brauchte ich nicht  lange warten bis der Zug kam.  Im ersten Wagon des Zuges “Pavlodarer” traf  ich sofort Hans.  Wir fanden auch sofort ein Auto und um wenigen Minuten waren wir schon zu Hause und überraschten  Frieda.  Die Begegnung war herzlich, denn Hans ist ja das nächste und beständigste Familienglied in unsrem Trio im Laufe schon von 33 Jahre.   Jetzt wird wieder mehr Leben im Hause sein.

Donnerstag Morgen wurde per Radio in unsrer Stadt bekannt gegeben, das zwischen 12 und 2 Uhr Mittags die Versuchsexplosion einer Wasserstoffbombe stattfinden soll,   wozu jedermann vorsichtshalber aus dem Hause gehen und alle Fenster öffnen soll.  Etwa 15 Minuten vor 1 Uhr erfolgte ein dreifaches Donnern.  Weiter erfolgte in unsrer Stadt auch nichts.  Vermutlich ist dieser Versuch 300 km von hier gemacht worden.  Das wäre nicht schlimm, wenn nur nicht die radioaktiven Niederschläge bis uns kämen und die damit verbundenen Erkrankungen.  Möchte  man sich doch mal bald geeinigt haben über den gänzlichen Verbot der Versuche der Kernwaffen und überhaupt der Produzierung der selben.

Das antimilitaristische Prinzip unsres Mennonitentums ist doch ein sehr richtiges Prinzip für einen Staat im ganzen jedoch ist das für Heute noch Utopia.

 

9-IX-57.  Montag.  Trotzdem gestern Sonntag war, hatten wir mit Frieda es sehr drock.  Nach langem Suchen hatte sich mir schließlich die Gelegenheit geboten, Gurken zu kaufen.  Ich kaufte 45 Kilo für 1.20 das Kilo.  Beim durchlesen wurden noch etwa 30% heraus brakiert und so mussten die eiligst eingelegt werden, womit wir uns dann auch gestern zu zweit beschäftigten.  Frieda ist ja ein Meister in Gurken einlegen, und weil sie dabei peinlich korrekt ist, so braucht es viel Zeit.  

Abends waren wir zu Besuch zu Anna gegangen.  Anna’s Kinder hatten sich auch trotz des Sonntags mit ihrem Hausbau beschäftigt und zwar das Dach geschmiert.

Gestern Morgens als wir aufstanden fingen wir auf unserm Empfänger eine deutsche Welle mit schönen deutschen Weisen  - “Sah ein Knab ein Röslein stehen”, ein Wiegenlied  u.a.   Es stimmte uns traurig,  dass wir nur auf solche Art und ganz zufällig solche  uns so teure deutsche Lieder hören können.  

Viele  unsrer Bekannten fahren in den Süden und lassen sich unweit von Taschkent nieder, andere (Esau) neben Alma- Ata,  dritte bei Djambul,  einige im nördlichen Kaukasus  und  sogar schon in der Krim.

Wir stehen  noch immer vor die Frage,  um ein besseres Haus zu kaufen.  Man ist und bleibt unentschlüssig im Handeln,  denn man weiß  nicht, ob man noch hier seine Ersparnis festlegen soll,  oder ob man auch nach dem Süden schauen soll,  oder noch abwarten und zusehen, was man mit uns vorhaben wird.  Wie bekannt, waren unsere Mennoniten so sehr ansässige Menschen.  Jetzt sind sie jedoch aus ihrer Schalle gerissen und finden kein Heim mehr.

 

13-IX-57.   Gestern saß ich von ½ 9 morgens bis ½ 3 Mittags in einer очередь beim Bazar nach Kerosin;  vorgestern hatte  ich schon einige Stunden umsonst da gesessen.  Gegen abend stand ich einige Stunden nach Brot.

Heute war Frieda auf der Station, um einige Familien Kerns zu  begleiten, die in die Nähe von Taschkent ziehen.

 

21-IX-57.  Sonntag morgen früh wollen Hans und ich unsere Kartoffel auf dem Felde graben. Frieda ist zu Nacht zu Frau Fütterer zu Besuch gefahren.

Auf dem Markt sind jetzt viel Pomidoren  und Arbusen.  Arbusen 50-80 Kopeek das Kilo,  Pomidoren 2-3 Rubel.  Davon essen wir jetzt so viel wie möglich.

 

6-X-57.  Sonntag.  Heute wurde per Radio gemeldet von einem noch nie in der Welt geschehenen Ereignis und zwar von dem künstlichen Trabanten “Sputnik”,  den die Sowjetische Wissenschaftler  am 4.X.57.  in das Universum geschickt  hat.  Dieser Trabant kreist gegenwärtig um die  Erde in Höhe von 900 km und mit einer Geschwindigkeit von 8000 Meter in einer Sekunde.  Heute genau 10 Minuten vor 10 des Morgens hörten wir die Signale von diesem Trabant auf der Strecke über Moskau.  Es ist dies eine epochemachende Erscheinung und Erfindung,  die ungeheure Perspektiven in der Erforschung des Universums eröffnet.

 

 

20-X-57.  Sonntag.  Den 4. Tag bin ich krank an der Grippe, die gegenwärtig sehr in Pavlodar wütet.  Weil  ich daher im Zimmer bleiben musste und Zeit hatte zum Lesen,  habe ich inzwischen den Roman T. Dreisers “Djenni Gerhardt” durchgelesen,  in dem der Schriftsteller scharf die kapitalistische Gesellschaft Amerikas Ende des vorigen Jahrhunderts geißelt.

Erhielten soeben einen Brief von meinem Cousin  Pet. Joh. Dück  Krasnokamsk.  Trotz seiner fast 60 Jahre und schwerem Leiden seiner Frau ist er noch immer mutig und fortschrittlich.  Außer seiner Arbeit als Buchhalter beschäftigt er sich in seinem Privatleben viel mit Gartenbau und zwar mit Kultivierung von Obstbäumen in den nördlichen Verhältnissen.

An der Tagesordnung steht noch wie vor die Frage vom künstlichen Erdsatteliten.  Heute wurde gemeldet, das derselbe schon über 200 mal die Erde umkreist ist. Zu erwarten ist, dass  hierauf  ähnliche  Versuche folgen werden, die allmählich die Bahn für den Menschen  ins Universum schaffen soll.

In der Weltpolitik spricht man heute über die gespannte Lage  rundum Syrien und über den Abbruch der diplomatischen Beziehungen  zwischen Jugoslavien  und Westdeutschland.

 

7-XI-57.  Heute ist die Feier des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution.  Ein sehr großes Fest in unserm ganzen Lande.

Am 3  November ist  in der Sowjetunion ein zweiter Trabant  “Sputnik” ins Universum abgeschossen.  An  Gewicht hat er über 5 Zentner.   Ist mit viel Apparatur ausgerüstet.  Das Wichtigste  ist , dass  in ihm sich ein Hund befindet.

Von dem Ereignissen in der inneren Politik wäre zu erwähnen die Absetzung Jukows vom Kriegsministerposten.

Es wütet sehr die Grippe und zwar eine sehr hartnäckige.   Pandemia.  Seit meiner Geburt 1892 wütet sie zum dritten mal.  Es ist kein Platz auf der Welt,  wo man gegenwärtig nicht an dieser Grippe krankt.

Heute haben wir Frost und etwas Schnee.  Schon wieder naht der Winter,  zudem ein furchtbar langer und kalter Winter.

 

24-XI-57.  Sonntag.  30 Grad Frost.  Trauern um unsern Hund “Muskat”,  der den 3. Tag spurlos verschwunden ist. Etwa 6 Jahre hat er uns treu gedient, am Tage an der Kette und des Nachts frei.  Er war schon längere Zeit etwas mürrisch,  aß nur schlecht, den letzten Tag überhaupt nichts.  Wie gewöhnlich band ich ihn vorgestern gegen Abend los,  er blieb ein Moment stehen,  schaute mich an und ging langsam vom Hof und ist nicht mehr zurückgekehrt.  So einen treuen Hund kann man doch schwer vermissen.  Zum Glück habe ich eine schöne Aufnahme von ihm und der Katze, die gute Freunde waren,  gemacht.

 

 

 

 

später zeichnete Heinrich Dück das Foto ab

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Bekamen vorgestern von Cousin  Franz  Dück  einen Brief und Photo von Agnes und Kornelius Wall.  Agnes ist gleich zu erkennen, trotzdem wir sie 36 Jahre nicht gesehen haben.  Sie ist ziemlich korpulent.  K. Wall ist schwer zu erkennen - was mir auffällt, ist die Ruhe die an ihrem Blick leuchtet.  Das will viel sagen und spricht von dem Leben, welches sie hinter sich haben.  Ihr Alter ist 63 und 64 Jahre.   K. Wall schreibt, dass er schon 6 mal den Ozean passiert ist und wohl seit dem Frühling in Deutschland und in der Schweiz sich mit Agnes aufhält, wo er an irgend einer Conferenz teilnimmt.  Wahrscheinlich in Fragen des Kirchenwesens, denn allem nach ist er geistlicher.  Wir wissen ja nichts von ihm, da wir schon 36 Jahre keine Verbindung mit ihm gehabt.  Wie weit sind doch unsre Wege auseinander gegangen. In einem Dorfe sind wir aufgewachsen,  dann an der Front im ersten Kriege  zusammen gewesen, und jetzt . . . . 

Erhielten Gestern einen Brief von Frau Klassen aus Karaganda, in dem sie von dem  tragischen Tode des Dima Janzen aus Karaganda berichtet.  Er ist nämlich unter ein Taxi gekommen im Mai dieses Jahres und um 6 Stunden im Krankenhaus  gestorben.   Seine Frau und Sohn sind in Canada, wohin sie während des Krieges gekommen sind, und jetzt auf  ihn dort warteten.

 

1-XII-57.   Sonntag Abend.  Soeben waren Anna und Lika  bei uns zu Besuch.  Etwas später nach ihrem Herkommen kam Frieda nach Hause aus der russischen Andacht.  Ich hatte schon vorher Kaffee und Tee gekocht und einen Imbiss fertig gemacht, so dass wir uns sobald Frieda kam  an den Tisch setzten  und ein gemütliches  Plauderstündchen hatten, dann würden nach gewohnter Weise mal wieder Photographien beschaut.

Gestern  wurde ich mit einigen meiner früheren Arbeitskollegen in die Landabteilung geladen, um Prämien aus dem landwirtschaftlichen Ministerium für die vorjährige Arbeit zu erhalten.  Ich bekam 800 Rubel.

Heute erhielten wir einen Brief von Frieda’s Jugendfreundin Katja Esau (Cornies), in dem sie mit großem Bedauern schreibt, dass ihr Enkel, Frieda’s Sohn,  ihr einem großen Schmerz zubereitet hat.  Er hat sich nämlich einer Diebesgruppe angeschlossen und ist bei einem Diebstahl arretiert worden.  Es ist ein Junge von etwa 16 Jahre.   Seine Mutter ist  im vorigen Jahre an Krebs gestorben  und er kam zu seiner Großmutter,  die hier in einem Kolchos ist.

 

18-XII-57.   Heute haben wir ein echtes sibirisches Wetter, starkes Schneegestöber mit 21 Grad Frost.  Gestern war die Temperatur auf  Null.

Soeben  schickte ich 2 dicke Briefe  ab, einen von mir an unsern Cousin Pet. J. Dück und den anderen von Frieda an Liesa Cornies,  die weit ab von hier bei ihren Verwandten als Kinderwärterin  arbeitet.  Vor kurzem schickten wir ebenfalls einen langen Brief  an Joh. Joh. Janzen u seiner Frau.  Schickten auch ein Bild  unsrer Familie mit.

 

27-XII-57.  Vorgestern Abends feierten wir bei uns im Kreise unsrer Kinder und Großkinder und Schwester Anna mit Kinder Weihnachten.  Am Weihnachtsbaum, der zum ersten mal mit elektrische Lämpchen geschmückt ist,  wurden von unsern kleinen russische Gedichtchen aufgesagt, worauf sie dann Tüten mit Süßigkeiten bekamen.  Nach gewohnter Art wurden alle bekannten Weihnachtslieder gesungen.

Die letzten 3 Tage vor Weihnachten hatten wir sehr starkes Schneegestöber.

Ich schickte heute einen langen Brief  in deutscher Sprache an Ph. D. Cornies und erhielt einen Brief von meinem früheren Nachbar Hans Jak. Bärg.

Haben in diesen Tagen  viel Weihnachtsweisen  von drüben gehört.

 

1958

 

1-I-58.  Mit wieviel sorgenvolle Fragen treten wir  über die Schwelle des Neuen Jahres.  Schon Jahrzehnte wiederholt sich dieser geistige Zustand zu Beginn des angetretenen Jahres,  wo man manchmal schon ermattet von dem Grübeln über die ungelösten  Probleme unsres persönlichen Lebens  immer wieder sich von neuem aufrafft, um doch noch zu hoffen auf  eine  befriedigende und baldige Lösung des Problems unsres  deutschen Volkes im ganzen und unsres Privatlebens im besondern.

Welches sind diese Probleme auf den heutigen Tag?   Die Frage unsres deutschen Volks,  ob und wann die gelöst sein wird in grösseren geschlossenen  Gruppen zu leben mit deutschen Schulen, deutsche Kultur,  Kirche usw.,  oder ob es wie der Juden immer schon  zerstreut im Lande leben soll,  oder ob man was andres  mit  uns jetzt noch Unbekanntes vorhat.  

Dann in unserm persönlichen Leben, ob wir uns nach einem wärmeren Ort im Kasachstan oder sonstwo mit passenden Klima, Obst  usw.  umsehen sollen, oder ob wir hier in Pavlodar bleiben sollen.  Im letzteren Falle, ob wir neu bauen sollen, weil unser Häuschen vollständig baufällig und zu enge ist, dann, wo bauen sollen,  mit den Kinder zusammen, oder allein, oder ob wir uns ein neues Haus kaufen sollen, dann, wo, ob in der alten oder neuen Stadt, und wenn im neuen Stadtteil, ob im 2ten. Pavlodar oder beim Mjasokombinat  usw.  usw.  der grösseren und kleineren Probleme ohne Ende.

Dann die Hauptfrage, ob wir im neuen Jahr gesund und leben bleiben, wie unsre liebe Mutter immer pflegte zu sagen.

Dann, was schon zu unsrer großen Sorge geworden  ist, ob unser Hans, der schon weit über dreißig ist, in diesem Jahr sich eine gediegene Lebensgefährtin aus unsrer mennonitischen Mitte finden wird. 

Schüchtern und ungewiss stellen wir noch die sehnsüchtige Frage, ob wir uns nochmal mit unsern lieben Geschwister alle wiedersehen könnten.

Ein fest gläubiger Christ stellt all’ solche sorgenvolle Fragen Gott anheim und schreitet ruhig und getrost seinen Lebensweg weiter.  Das wollen auch wir am Anfange des neuen uns völlig unbekannten Jahres  tun und dankbar sein für den Segen, den wir im verflossen Jahr genossen haben.

 

3-I-58.  Am Silvesterabend waren Frieda und ich allein zu Hause und allein begegneten wir das Neue Jahr.  Wir schauten die Liedersammlung von Joh. H. Janzen durch, das uns von Mar. Cornies (Enns) zurückgelassen ist.  Eins und das andre der Heimatlieder sangen wir zu zweit.  Wir hofften   auf  Schwester Anna’s Besuch.  Die konnte jedoch nicht kommen weil sich unsre Kinder Heinz und Marusja, Abram und Elsa Krüger mit ihren Kinder verabredet hatten gemeinsam bei ihnen das Neue Jahr zu begegnen.  Unser Hans verbrachte den Abend im Kreise seiner Collegen und Colleginnen in seiner Schule.

Am Neujahrstag gegen Abend waren bei uns zu Besuch Heinz und Marusja mit Kinder und unser Neffe Abram Krüger mit Else.

Am 2ten. Jan. war bei uns zu Besuch Schwester Anna und am 3.I. die Cousine Lyda Krüger.  Gegen Abend fuhr Frieda noch zu Besuch von Frau Fütterer, welche heute den ersten Todestag ihrer Tochter Milja feiert.

Hans ist in diesen seinen 10 tägigen Winterferien beschäftigt mit seinen Fernstudium im Pädagogischen Institut.

Unsre Cousine  Lydia Krüger erzählte uns soeben eine grausige Geschichte aus der Zahl vieler ähnlichen, die dieser Tage in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vorgefallen ist.  Ihr Nachbar, ein junger russischer Holzarbeiter trinkt in der Gesellschaft seinen Kameraden ein  Liter Schnaps aus und kommt nach gewohnter Weise wütend nach Hause, zerschmettert alles im Hause, was ihm in die Hände kommt, ergreift ein Messer und droht seine Frau zu überfallen. Letztere ergreift ihr 6 jähriges Mädel und eilt zu den Nachbaren.   Wütend und schimpfend verfolgt  er sie.  Weil jedoch die Tür des Nachbarhauses sofort verschlossen wurde,  läuft der Betrunkene  wütend auf der Strasse herum und schließlich nach Hause,  wo man ihn am anderen Morgen tot am Fußboden findet.  Eine Folge des Schnaps.  Zum Begräbnis kam sein Vater, der vor kurzem eine andre furchtbare  Tragödie erlebt hatte, nämlich sein Schwager hatte mit dem Beil seine Frau und Schwiegermutter, d.h. die Schwester und Mutter dieses Vaters getötet.  Ein ähnlicher Fall wo der Mann seine Frau erschlagen ist  vor  kurzem hier passiert; Wo führt das hin?!

 

14-I-58.  4 Tage hatten wir starken Frost - 38-41 Grad.  Fast  ununterbrochen  haben  wir diese Tage geheizt.  Weil wir keine Kuh im Stalle haben, ist es da sehr kalt und unsre Hühner frieren  sehr.

In solchen Tagen spricht Frieda nur von fort in den Süden ziehen.

Soeben erhielten wir von Klärchen einen Brief in dem sie berichtet über Hermann Neufelds Gesundheitszustand.  Er ist noch nicht mal 60 Jahre alt und ist ein vollständiger Invalide und unzurechnungsfähig.  Wie wir ihn anfangs der dreißiger Jahre  zum letzten mal sahen, war er noch so ein gesunder blühender junger Arzt.  Seine Schwester  ist in der selben Lage, gelähmt und unzurechnungsfähig.  Sehr tragisch.

Ich fühle längere Zeit starke rheumatische Schmerzen im linken Bein.

Sonntag Abends feierten wir Schwester Anna’s 70ten Geburtstag und gleichzeitig ihres Enkels Petja’s einjährigen Geburtstag.  Erstere an der Schwelle des Lebensabend,  letzterer an der Schwelle des Lebens.

An solchen Festlichkeiten ist unser Heinz immer sehr aufgelegt und erinnert mit seinen Späßchen und Witzen sehr an unsern verstorbenen Onkel Heinrich Dück.   Er kann so eine Gesellschaft sehr erheitern.

 

13-II-58.  Unser Heinz liegt im Krankenhaus und ist vorgestern des Morgens am Blinddarm operiert worden.  Es ist scheinbar einstweilen alles  in Ordnung bei ihm.

Frieda ist gegenwärtig beim Protesist und lässt sich neues Oberes und unteres Gebiss machen.  Der Privatpreis für diese Arbeit ist 400 Rubel, während in der Poliklinik 150.  In der Poliklinik dauert es jedoch gewöhnlich sehr lange und hier ist die Arbeit in 5 Tage fertig.

Kürzlich fand ein großes Unglück in unsrer  Stadt statt.  Durch Unvorsichtigkeit erstickten in einem Haus an Kohlendunst 5 Personen.

Katja Esau’s Großkind Vitja, der Sohn ihrer im vorigen Jahr verstorbenen Tochter Frieda ist für  Diebstahl auf elf Jahre verurteilt.  Er ist noch minderjährig.

 

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23-II-58.  Gestern bekamen wir einen Brief von Bruder Jasch mit farbigen Bild von dem Mittagsmal auf  ihrer Goldenen Hochzeit. Am ersten Tisch sitzen unsere Geschwister alle, Gerhard Dücks, Jasch Dücks, Franz Dücks, Mariechen, dann Bruder Gerhards Liesel mit ihrem Mann Dörksen, der die Festrede  in englisch und deutsch gehalten hat. An den anderen Tischen sitzen die anderen 100 Gäste.  An dem ersten Tisch gehörten wir mit Schwester Anna hin. Bruder Jasch beschreibt,  wie sie dort im Laufe der dreißig Jahre gewirkt haben und materiell emporgekommen sind.  Jasch schreibt, dass er der  Dückschen  Kaufmannsdration auch dort treu geblieben ist.

In dieser Woche hatten wir zwei sehr seltene Gäste, zwei Blumenörter, zuerst Abr. Jak. Bärg und dann Lise Jak. Teichgröb.  Die Begegnung war sehr innig, mit Umarmung und Küssen.  Fast dreißig Jahren haben wir uns schon nicht gesehen.  Beide erzählten in sehr rührender Weise,  was ein jeder von  ihnen  im Laufe dieser Jahre erlebt und durchgemacht hat.

 

17-III-58.  Gestern feierten wir im Kreise von Annas Familie und unsrer Kinder meinen  66 Geburtstag.  Als wenn die Jahre immer mehr eilen. Meine Eltern habe ich somit mit 12 Jahre überlebt.  Ich wurde reichlich beschenkt, von Frieda und Hans bekam ich ein paar warme Wäsche, ein dünnes Caschne und ein Portmone,  von Heinz und Marusja ein Wintercaschne und von Annas Familie auch ein paar Winterwäsche. Vor einigen Tagen bekam ich eine Gratulation von Schwester Mariechen.

Es stehen noch kalte Wintertage - 20-25° unter Null.   Der Schnee liegt noch unbeweglich. Vom Süden hört man, dass dort  schon auf  dem Felde gearbeitet wird,  während bei uns wohl kaum um einen Monat schon gearbeitet werden wird. Es zieht uns daher so in den Süden.  So ein Übersiedeln ist jedoch für uns ein sehr großes Problem.   Zudem: Wohin?!

 

20-III-58.  Morgen ist schon Frühlingsanfang und wir haben  noch  immer  starken Frost 20-28° und Schneegestöber.

 

21-III-58.  Frühlingsanfang und 31° unter Null,  jedoch ein heiter sonniger Tag.

 

30-III-58.  Sonntag.  14° Frost. Gestern war der 16-te Todestag unsrer unvergesslichen Erika.  Die Sehnsucht nach unserm lieben Mädel ist noch wie vor noch immer sehr stark.  Ganz besonders leidet Frieda darunter mit ihrem schweren Gemüt.  Auch heute Nachts hörte ich sie oft seufzen.

Erhielten in diesen Tagen 2 teure Briefe - von Bruder Jasch eine Gratulation zum Geburtstag und von Korn. Wall den ersten Brief in dem er von seinem Beruf und Arbeit schreibt.  Anfänglich hat er in seiner neuen Heimat als Lehrer gearbeitet, dann hat er 3 Jahre Theologie studiert und sich dem Unterricht der Theologie gewidmet.  Seine Agnes, die 13 Jahre sehr schwer krank gewesen ist,  ist jetzt schön gesund und gut gestellt.

 

4-IV-58.  17° Frost.  Noch keine Spur von Frühling.  Vor kurzem fand hier schrecklicher Mord statt.  Ein Mann ermordete auf furchtbarer Weise seine Frau und Schwiegermutter.  Vor einigen Jahren hatte der Mann seine Frau verlassen und lebte  irgendwo mit einer andern.  Diese seine Frau lebte auch mit einem andern Mann.  Dann kam er wieder zurück und zwang seine erste Frau wieder zu ihm  zurückzukehren und um einen Monat ermordet er sie.

 

13-IV-58.  Sonntag.  Endlich mal Frühlingswetter.  Gestern und heute +11°.  Russische Ostern.  Eine kleine Paska steht auch bei uns auf dem Tisch, neben welcher mit Blumen bemalte Eier liegen.  Für unsre Enkel beide hatte Frieda auch 2 kleine Paska gebacken.

Vorgestern schickte ich einen langen Brief  an unsre  Geschwister ab,  adressiert  an  Schwester Mariechen,  auch 3 Photographien für Mariechen - Hans auf Schneeschuhen, unsre Enkel auf Schlitten und ich  unterm Weihnachtsbaum.

Vorgestern  Nachts träumte mir von Phil. Cornies, und zwar fuhren wir mit ihm durch Rosenort.  Am Morgen sagte ich zu Frieda, dass wir wohl Nachricht von Ph. Dav. bekommen werden, und wirklich brachte der Postträger eine Karte von Ph. D.

Ph. D. schreibt, dass er vorhat, nächstens uns zu besuchen und dass selbiges  von unsrer Antwort abhängen sein wird. Trotzdem wir gegenwärtig durchaus unfreundliches Wetter haben und die Wasserströme die Strassen unsrer Stadt so zugerichtet  haben, dass der Autoverkehr  teilweise ins Stocken geraten  ist,  schrieb ich  ihm gestern, er sollte doch unbedingt kommen.  So dass wir jetzt auf seinen Besuch  hoffen.

Gestern schickte ich auch einen Brief  an  J. J. Janzen  mit einem Bild von ihren Geschwister, H. Neufeld und 2 Bilder von unsrer Umgegend, Irtysch und Steppe.

Pavlodarsche Steppe

Nach  8 ½  Monat sind die russisch-deutschen Verhandlungen beendet.  Was der Deutschen in SSR anbetrifft,  so ist von unsrer Seite den Deutschen klargestellt,  dass es kein Problem der Repatriierung der Deutschen überhaupt gibt, womit sich die andre Seite scheinbar einverstanden erklärt hat.

 

1 Mai 1958.  Vom 19 bis zum 28 April spazierte bei uns Phil. Dav. Cornies, den wir annähernd 30 Jahre nicht gesehen hatten.  “Чем богаты, тем и рады” sagt ein russisches Sprichwort,  so ging es auch uns, wie wir konnten,  so haben wir unsern lieben Gast in unsern Verhältnissen auch aufgenommen.   In einem Brief  an seinen Freund  J. J. Wiebe (früher Ohrloff) schreibt Phil. C  kurz  über seinen Besuch bei uns folgendes:  “ Ich bin gegenwärtig  zu Gast bei H. Dücks in Pawlodar  und verlebe  hier  herrliche  Tage,  wo wir förmlich in Erinnerungen schwelgen.” Demzufolge hat es ihm bei uns trotz allem gut gegangen. 

Ph. C. ist schon 74 Jahre alt und trotzt seiner furchtbar schweren Vergangenheit , ist er verhältnismäßig gesund, rüstig,  mutig und arbeitsfähig.  Nur der gekrümmte Rücken zeugt von der schweren Vergangenheit.   Er beschäftigt sich viel mit Dichten in deutscher Sprache,  auch mit Übersetzungen russischer Gedichte von Puschkin, Lermontow und Marschak.  Er trägt kein Heft mit den  Gedichte mit sich,  er kann die alle  auswendig.  Von 50 bis 70 Jahre d.i. 20 Jahre hat er im Lager verbracht.

 

3-V-58.  Ganz unverhofft bekam ich gestern einen Brief von Gerh. J. Derksen aus C., unserm Nachbar in Blumenort von ungefähr 1910.  Er ist gegenwärtig schon 80 Jahre alt.   Sehr schön erwähnt er in seinem Brief  von unsern Eltern, er schreibt:  “Und wo ist die schöne Zeit von Blumenort geblieben.  Dein lieber Vater ist ja hunderte mal bei uns im Laden gewesen.  Ich sehe ihn heut noch im Geiste mit seinem Gehstock in der Hand bei uns auf den Hof  kommen mit seinen  zwei  grauen Hunden, die ihn immer begleiteten.  “Собачки” nannte er sie.  Und deine stille, tief  fromme Mutter,  machte auf mich als Jüngling,  wenn sie zum Laden kam, schon damals einen tiefen Eindruck.”

Heute hatten wir das erste Gewitter.

 

29-V-58.  Die vorige Nacht hindurch hat es geschneit.  In allen Gärten sieht man nur Papierdüten, Gläser,  Eimer  und Banki,  womit die Pflanzen bedeckt sind,  um sie vor Frost zu  schützen.

Vor einigen Tagen waren bei uns zu Besuch die zwei Schwestern Katja und Mariechen Cornies, gegenwärtig Esau und Dück.  Erstere begleiteten wir mit ihrer Tochter Erika (Künstlerin) zur Station,  von wo aus sie mit ihrer Tochter mitfuhr in den Ural.   Mar. Dück begleitete  ich gestern zum  Aeroport,  von wo aus sie nach Krasnakatsk flog.

 

31-V-58.  Auf den Tod von Frieda’s Vater, gedichtet von Jak. Heinr. Janzen.  Dieses Gedicht haben gestern durch Frieda’s Schwester, Liesel, bekommen:

 

Nicht Menschen sind es, die zu sterben geh’n,

Es ist die Zeit, in der wir leben, lieben . . .

So viele schon sind hin, die wir geseh’n . . .

Gekannt, geliebt, . . . Nur  wenige geblieben . . .

 

Es sprosst ein neu Geschlecht empor,

Das andre Ziele sich erkor,

Auf  and’ren  Pfaden strebt zum Licht, 

Und oft verstehen wir es nicht.

 

Vom starken Stam der letzte Zweig fiel ab,

Iwan Iwanowitsch  ist auch hindurch gedrungen,

Es sank ein Mann von dem Geschlecht ins Grab,

Das um das Wohl des Volkes stets gerungen,

Und Wohlfahrt ihm die Liebe war,

Das traute Nest,  in welchem wunderbar

Die  Liebe wachen  konnte und gedeih’n

Familie, Haus, Hof und das Glücklich Sein.

 

Einst baute dies Geschlecht in grossem Stiel

Auf weiter Ebene das reiche Gut

Sich und dem Menno Volk,  nichts war zu viel

Als Opfer für die Wohlfahrt.  Froher Mut

Beseelte zu kühner  Tat,

Von ihm kam manch’ ein guter Rat

Und als die Siedlung fest bestand,

Hat sich’s der Schule  zugewandt.

 

So half der Cornies Stam zu jeder Zeit

Dem Menno-Volk auf  seinem schweren Weg,

Wies ihm das Heim mit seiner Sicherheit,

Und auf  zum Glück  der Liebe schmalen Steg.

Stand fest das Haus, so sorgte man,

Das es zu füllen sich begann

Mit dem,  was Leib und Geist erquickt,

Vom Erden Weh  zum Himmel uns entrückt.

 

Und als im Weltenbrand das  reiche Gut

Mit samt der Heimat Staub und Asche ward,

Hat dieser Mann,  der nun  im Grabe  ruht,

Ein Herz voll treuer Liebe sich bewahrt.

Das Herze, das im hohen Flug

Für Haus und Volk in deutscher Treue schlug,

Nahm seine Liebe in die Armut mit

Und liebte  noch,  als es unsäglich  litt.

 

Im Morgenglanz flog auf einst sein Geschlecht,

Ward  Führer  seinem Volk  zu Heim und Glück . . 

In  roten Abendschein  trug schlecht und recht

Sein Letzter mannhaft noch sein herb’ Gesicht

In stillem, frohem Wandel predigt er:

“War auch das Leben noch so arm und schwer,

Wo Menschen wohnen, eins in Lieb’ und Treu,

Da ist  die  Freude alle Morgen neu!”

 

6-VI-58.  Uhr 9.56 begleitete Hans, Marusja mit den Kinder und ich Frieda in den Zug  und zwar in den Wagon “Alma Ata - Pawlodar”,  in dem sie bis Karaganda fährt und morgen am Tage ankommen soll.  Nach langen, trüben und kühlen Wetter ist heute zum Glück ein schöner, sonniger und warmer Tag.  Frieda bekam einen sehr schönen Platz im Wagon und mit zuverlässigen Reisegefährten.

Möchte Frieda sich auf dieser Reise gut erholen, ausruhen und gute Aufnahme von unserm Bekanntenkreis in Karaganda finden.  Sehr selten ist Frieda in unsrer Ehe allein gereist, es ist dies daher für sie und für uns ein großer Ereignis.  Morgen und übermorgen werden wir auf ein Telegramm von ihr warten, dass sie glücklich dort angekommen ist.

Lasen uns gestern zwei schöne Briefe von Schwester Mariechen und Greta Unruh die Schwester Anna erhalten hat. Greta U. gibt da eine kurze Charakteristik unsrer Brüder Gerhard und Franz, laut welcher Br. Gerhard trotz seines 75 Jahre noch sehr rüstig, gesund und mutig ist, und das Br. Franz (was mir ganz neu ist) sehr in der Gesellschaft beliebt ist und sich viel mit Seelsorge beschäftigt.

Kürzlich erhielten wir von Phil. C. ein Gedicht auf den Tod unsrer lieben unvergesslichen Erika.

 

“Ein Trostwort”

 

In stiller Wehmut heute  Ihr gedenkt

Erika’s,  die von Euch geschieden,

Die,  kaum erblüht,  Ihr habt in’s Grab gesenkt,

Zur letzten Rast im Steppenfrieden.

Nun ward es still in Euren kleinen Haus,

Es fehlte Euch ihr frohes Lachen,

Die lieben Augen, wenn daraus

Die Freude strahlte beim Erwachen.

Ihr habt Euch schwer erholt von diesem Schlag,

Und immer bluten noch die Wunden,

Wenn Ihr gedenkt, wie sie im Grabe lag,

Vom kalten Todesschlaf gebunden.

Doch Er, der einst Jairus Töchterlein

Erweckte von des Todes Schlummer,

Der hat  auch heut die Kraft, die Macht ist sein,

Zu wenden allen Euren Kummer.

Es kommt ein Tag,  wo um den Erdenkreis,

Für die von ihm erlösten Sünder,

Erschallt das große göttliche Geheiß:

Kommt wieder, all ihr Menschenkinder

Auch, du, Erika, steh auf !

 

 

4-VII-58.  Den 17 Juni kam Frieda von Karaganda zurück.  Weil Frieda in Karaganda nicht in den direkten Wagon “Alma Ata - Pawlodar” hinein kam, so hat sie unterwegs schon noch ziemlich Strapazen durchmachen müssen, eh’ sie in den Wagon hinein kam. In Karaganda hat sie bei lieben Freunden spaziert, bei Klärchen Gasenhauer, Klassens, Marg. Wiens,  J. Janzen,  A. Janzen.  Die d. Gesellschaft dort hat ihr sehr gefallen und besonders die Andachten.

Wie sie nach Hause kam waren bei uns Gäste, Mika Bartel mit ihren Kinder, die etwa 8 Tage  bei uns spazierte.

Am 23.VI.  begleiteten wir Hans zum Schiff;  er fuhr wieder nach Semipalatinsk ins Pädagogische Institut.

Inzwischen hatten wir im 2ten Pawlodar ein Haus für 30 Tausend behandelt.  Und als ich mit dem Handgeld zur verabredeten Stunde  kam,  war da schon eine neue Käuferin, die 3 Tausend mehr bot als ich und alles bar hatte.  Und so fiel unser Handel durch.  Es war ein neues Haus mit 4 Zimmer, Küche und Korridor, ein schöner Gemüsegarten mit Wasserleitung.

In diesen Tagen haben unsre Kinder Heinz und Marusja ihr Häuschen für 10 Tausend verkauft und ein andres  besseres Haus über der Strasse für 22 Tausend gekauft, welches sie jetzt in Ordnung bringen und morgen beziehen.

Es  hat  mehrere  mal schön geregnet, so dass die Ernteaussichten sehr gut sind.

 

2-VIII-58.  Sonnabend abends.

Heute warteten wir schon auf  Hans’s Rückkehr aus Semipalatinsk.  Er  ist  jedoch noch  nicht gekommen.  Morgen wollen wir zum Schiff  gehen, das von Semipalatinsk kommt,  in der Hoffnung,  das er kommen soll.

In Hans’s Abwesenheit hatte  ich ein altes hölzernes  Haus  in unmittelbarer  Nähe von uns gekauft,  worauf  ich 900 Rubel Handgeld  angezahlt hatte.  Später stellte sich jedoch heraus,  dass das Haus einen  weit grösseren Remont bedarf,  als es zu Anfang uns schien, was mich denn auch veranlasste  den Kauf  zu  anulieren.  Die  900 Rubel Handgeld  hängen einstweilen in der Luft und  ich  weiß  nicht, ob ich wenigstens die Hälfte zurückbekommen werde. Dann  liegt dies Haus in einer  Zone,  die in erster Linie befreit werden soll.

Wenn Hans kommt wollen wir uns mal beraten, was weiter über einen Hauskauf  zu unternehmen ist.

 

18-VIII-58.  Heute haben Hans und ich das Dach unsres Hauses geschmiert.  Es ist ja das auch keine Männerarbeit. Wir haben uns den ganzen Tag damit beschäftigt.  Ich bin daher auch ziemlich müde.

 

24-VIII-58.  Gestern flog Hans auf einige Tage zu Besuch nach Karaganda.  Er  will dort unter den Mennoniten etwas Umschau halten,  nach einem biederen deutschen  Mädel, die  ihm  als  Lebensgefährtin dienen könnte.  Ein sehr ernstes Vorhaben.

 

(Vom 11.08.58) Etwa eine Woche ist Schwester Anna sehr krank.  Sie hat furchtbare Kopfschmerzen  und  liegt fest zu Bett.   Temperatur,  Puls und Blutdruck normal.  Anna’s Nervensystem  hat sehr gelitten.  Zu dem hat sie sich in der letzten ganz überanstrengt  weil alle auf Arbeit sind und sie den Haushalt und die zwei kleinen Enkel besorgen muss. Dann  ist  Petja schon über ein  halb Jahr nicht zu Hause und wird wohl noch 3 Monat abwesend sein, was ganz besonders schwer sich auf Anna’s Gemüt  legt.  Die gespannten Beziehungen  zwischen Anna und ihrer Schwiegertochter Ella tragen auch dazu bei.  Trotzdem Ella immer sehr tätig und fleißig im Hause ist, so hat sie doch nichts  liebenswürdiges  an  sich, worunter Anna besonders leidet. Um  eine Entspannung  in ihre  Familienverhältnisse zu bringen  muss Petja mit seiner Familie doch wohl mehr selbständig werden.

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Heft 10. Fortsetzung unsrer Familienchronik (Angefangen im September 1958) - H. Dück - 1958-60

(Das letzte Heft ist eine relative dicke Kladde mit karierten  Blättern. Das Heft ist jedoch knapp zur Hälfte voll geschrieben ist. Die letzten Eintragungen kann der schwer krebskranke Heinrich Dück nur noch mit der linken Hand mühsam eintragen.)

 

5-IX-58.  Leider muss ich dieses Heft in einer traurigen Stimmung und Verfassung beginnen.  Soeben kam ich von Schwester Anna zurück, die schon drei Wochen sehr schwer krank liegt, und wir sie daher jeden Tage ein-zweimal besuchen.  Ihr Zustand ist so, dass sie nur selten bei klarem Bewusstsein ist.  So dass ich auch heute fast nichts mit ihr sprechen konnte. Mehrere Monate klagte Anna über ihr schwaches Gedächnis. Dann begannen bei ihr sehr starke Kopfschmerzen, die bis heute mit einigen Unterbrechungen fortdauern. Nervenerkrankung und Blutadernverkalkung stellt der Nervenarzt fest.  Der Zustand ist bedenklich. Gestern erhielt Anna einen Brief von Br. Gerhard,  der ihr noch nicht konnte vorgelesen werden.

 

17-IX-58.  Anna’s Zustand wird immer bedenklicher.  Auf Lika’s Bitte hin war ich heute bei Dtr. Herrklotz, den Nervenarzt, der einmal bei Anna gewesen ist.  Er wiederholte noch einmal seine vor zwei Wochen festgestellte Diagnose, Blutadernverkalkung der Gehirnblutgefäße und Nervenerkrankung. Nach seiner Meinung ist Anna’s Zustand sehr bedenklich, eigentlich aussichtslos. Trotz dem Anna noch lebt, wissen wir nicht, ob wir noch mal mit ihr werden normal sprechen können.

Es sind dies die Folgen ihres furchtbar schweren Lebens. Welches sind die schwersten Erlebnisse:

Anno 1913-14 in 7 Monat beide Eltern verloren.  Darauf folgte der erste Weltkrieg und die Mobilisation aller 4 Brüder.

1919-20 Machnowschtschina,  Brand und Mord in unserm Heimatdorf. Hungersnot.

1931 Peters Arrest und Aussiedlung eines Nachts mit Anna und kleine Kinder in den Norden.

1932 Das Scheiden auf einige Jahre von ihren zwei kleinen Kinder,  welche der schweren Lage halber zurück in den Süden zu Peters Mutter geschickt wurden.

1933 Wurden sie noch weiter in den hohen Norden geschickt,  wohin Anna dann anno 1934 ihre Kinder holte.   Unterwegs eine unheimliche Verfolgung und Verhör.

1938 Peters und etwas später Anna’s Haft,  Gefängnis und Lager in schwersten Verhältnissen.  Die beiden kleinen Kinder allein stehen geblieben im nördlichen Ural.

1939 Peters Tod im Gefängnis in Swerdlowsk.  

Nach 13 monatlicher Haft Anna’s Befreiung und einsames Leben im Ural, denn die Kinder waren inzwischen von Schwager Friesen nach Kasachstan geholt worden.

Dann folgte Anna’s Wiedervereinigung mit den Kinder.

1941 Zweiter Weltkreig und die Mobilisation  ihrer zwei Kinder von 16 und 17 Jahren.

Das Leben im nördlichen Ural bis 1956.

Übersiedlung nach Pawlodar und Verschlechterung der Wohnungsverhältnisse.

1958 Alle Kinder im Dienst.  Der ganze Haushalt und Pflege der kleinen Kinder lag auf ihr im Alter von 70 Jahre.

Die offizielle Nachricht, dass Peter völlig unschuldig gewesen und gestorben ist.

Dies alles hat ihr zartes Nervensystem schließlich nicht mehr ertragen können und nun die schweren Folgen.

 

Sehr selten ist Anna jetzt bei klarem Verstand, was in uns große Besorgnis hervorruft.

Sehr zu bedauern ist, dass Lika ganz allein mit ihrer so kranken Mutter geblieben ist, denn Petja ist mit Ella und ihren Kinder vor einer  Woche nach Alma- Ata gefahren,  um seine Kursen fortzusetzen.  Er wäre ja nie von seiner kranken Mutter gefahren, wenn nicht von diesen Kursen seine weiterer Arbeit als Lehrer in der Autoschule abhängig wär.

Lika allein pflegt ihre Mama Tag und Nacht, sie ist dabei so geduldig und selbstlos, einfach heldenhaft, was ja ihr auch nie leid sein wird.  Die arme Lika hat auch schon so viel Schweres durchgemacht in ihrem Leben.  Möchte sie auch nochmal schöne und glückliche Zeit erleben.

 

21-IX-58.  Sonntag.  Großer Sturm, kalt und rau.  Gestern waren wir d.i. Heinz, Marusja, Hilda, Hans und ich bis spät abends auf Heinz’s Kartoffelfeld, wo wir die Kartoffel ausgruben und auflasen.  13 Säcke.   Heute morgens fuhren wir auf unser Kartoffelfeld.  Ernteten 11 Sack große Kartoffel.  Wir hatten im Frühling einen Sack große und reinsortiger Kartoffel gekauft,  zerschnitten und ausgesetzt.  Das Resultat war vortrefflich.

Sehr besorgt war ich darüber, wie es Lika mit ihrem Kartoffelgraben ergehen würde, weil sie so sehr an ihr Haus und die kranke Mutter gebunden ist und zudem mit Ella’s Mutter zusammen drei Gärten haben.  Mit Not und Mühe haben auch sie ihre Karoffel eingeerntet.

Weil des großen Sturmes halber bei uns heute nicht elektrisches Licht ist, war Lika soeben bei uns um ein Lampenglas, Sterinlicht und eine Flasche Petroleum zu holen. Sie war so besorgt um ihr Hausdach, von dem der Sturm alle den Tolj
die Dachpappe
heruntergerissen hat und es womöglich wieder durchregnen kann.

In Anna’s Zustand noch immer keine Besserung.

 

28-IX-58.  Sonntag.  Schöner sonniger Tag.  Erhielten dieser Tage einen Brief von Br. Gerhard und eine Karte von Schwester Mariechen.  Gleichzeitig traf ein Brief von Mariechen bei Anna ein.  Es sind schon Antworten auf meine Karte, die ich vor drei Wochen an sie schickte mit der Nachricht über Anna’s Erkranken.  Die Briefe der Geschwister sind voller Sorge über Anna’s Zustand.  Sehr besorgt macht uns das Gutachten zweier junger Psychiater über Anna’s Zustand.  Sie schlagen vor Anna in eine psychiatrische Anstalt zu bringen, worauf die Kinder ja niemals eingehen werden.  Sicher sind auch wir dagegen.

 

17-X-58.  In Anna’s Zustand noch keine Änderung, nach wie vor liegt sie im Bett, hat immer noch starke Kopfschmerzen, isst wenig, daher furchtbar abgemagert, die Hauptsache jedoch ist, dass ihr klares Bewusstsein bis jetzt noch nicht wiedergekehrt ist.  Lika pflegt Anna noch immer allein, da Petja mit Familie noch nicht zurückgekehrt ist.  Eine Hilfe hat Lika in Anja Siemens, die bei ihnen einstweilen im Quartier ist.

Erhielten heute  einen Brief  von Br. Jasch, in dem er schreibt, das Mariechen meine zweite Karte über Anna’s Zustand erhalten hat.  Die Karte hat nur 6 Tage gegangen, das ist ja fast unglaublich.  Ganz besonders gedrückt und besorgt über Anna’s Zustand ist Schwester Mariechen. Laut Jasch’s Brief ist Br. Gerhard und Luise nach Californien zu ihren jüngsten Sohn zu Besuch gefahren.  Br. Jasch will mit Tine eine Europareise machen; vier ihrer Kinder haben schon solche Reisen gemacht.

 

28-X-58.  Mit Schwester Anna noch immer so weg, kein klares Bewusstsein mehr.  Sie wird immer magerer.  Ihr Zustand ist doch wohl wirklich aussichtslos.  Frieda war heute bei ihr, brachte ihr zur Abwechslung etwas Obstmus.

Heinz und Marusja waren Sonntag zu Irma Tomsens Hochzeit gefahren.  Sie hat in ihrem Sowchos einen Schewschenko geheiratet und heißt von nun an Frau Schewschenko. Das ist ein sehr ernster und entscheidenden Schritt wie für sie persönlich so auch besonders für ihre Nachkommen.  Wir Alte sind vielleicht rückständig und schauen zu ernst auf solche Schritte.  Und dennoch!?

 

6-XI-58.  Morgen feiert unser Land sein größtes Fest, das 41. Oktoberfest.

Soeben kam Frieda von Schwester Anna zurück, der sie in ihrem schweren Krankenlager etwas frisches Gebäck und Obstmus brachte. Mit Anna wird es immer schlechter.  Sie hat sich sehr verändert und ist manchmal fast nicht zu erkennen.  Die arme Lika ist schon so übermüdet von der ununterbrochenen Pflege ihrer Mutter.  Petja ist ja mit seiner Familie vor einer Woche nach Hause gekommen, muss jedoch um 2 Tage wieder fahren noch auf einen Monat.  Er leidet auch sehr, einmal weil er wieder fort muss und die kranke Mutter verlassen muss und zweitens macht er sich schwer darüber, dass es so weit mit seiner Mutter gekommen ist dank den Verhältnissen der letzten Jahre in ihrer Familie und besonders in diesem Jahr, wo Anna es bestimmt zu schwer gehabt hatte.  Alle waren am Tage auf Arbeit und sie als 70 jährige kränkliche Frau musste zwei kleine Kinder pflegen und für den Tisch sorgen, Uhr 6 aufstehen und den ganzen Tag ohne Mittagsschlaf ununterbrochen schaffen.  Zudem die unfreundlichen Beziehungen zwischen Anna und der Schwiegertochter Ella. Petja hat ja seine Mutter immer sehr geliebt, wie auch die Mutter fast nicht ohne Petja sein konnte.  Es ist daher auch sehr verständlich, warum diese ganze Situation so schwer auf  Petja’s Gemüt wirkt.

 

19-XI-58.  Sonntag den 16 November haben wir unsre liebe Schwester Anna hier in Pawlodar zu Grabe getragen. Drei Monat hat sie sehr schwer krank gelegen, an Sklerose des ganzen Organismus und besonders der Gehirnblutgefäße. Fast die ganze Zeit ist sie bei unklarem Bewusstsein gewesen.  Wir haben daher auch fast nichts mit ihr sprechen können, so dass sie für uns gleichsam schon tot war.

Den 13. November abends waren Frieda und ich noch bei ihr.  Da ihr Zustand so bedenklich war, blieb Frieda bis Uhr 12 bei ihr, um Lika etwas Möglichkeit zu geben auszuruhen.  Uhr 12 ging ich wieder hin, um Frieda abzuholen.  Halb zwei gingen wir schlafen und halb sechs des Morgens klopfte  es bei uns am Fenster.  Wir ahnten sofort, dass man uns die Nachricht von Anna’s Tot bringt.  Und wirklich.  Anja Siemens, die zeitweilig bei Neufelds im Quartier ist, trat ein und meldete, dass Anna halb drei d.i. um 2 ½ Stunden nach unsrem fortgehen sanft entschlafen sei. Lika war allein bei ihr, als sie starb.  Kurz vor dem Tode hörte Lika mit einmal Anna kaum vernehmbar rufen:  Lika, Lika, arme Lika gab ihr noch einen Kuss.  Bald darauf  hörte Anna auf zu atmen.

Und so ist der einzige nahe Verwandte aus unserm Kreise geschieden, den wir sehr schwer werden vermissen können. Ganz besonders schwer ums Herz wurde mir kürzlich, als wir so an Anna’s Bett im Halbdunkel saßen und leise sangen und mir dazu unsre ganze Vergangenheit die Kindheit im Elternhause mit eingeschlossen, und alles, was mich mit unsrer lieben Schwester verbindet in Erinnerungen trat.    In Anbetracht des nahenden Todes unsrer lieben Schwester, mit der wir unsre innigen geschwisterlichen direkten Beziehungen nach so langer Trennung und vielen schweren Erlebnissen im Laufe der letzten zwei Jahre unsres Beisammenseins wieder aufgenommen hatten, und in Anbetracht der drückenden Entfernung, die uns von Euch, lieben Geschwister alle trennt, empfand ich ganz besonders schmerzlich das bevorstehende unvermeidliche schwere Scheiden von unsrer lieben Schwester und darauffolgende  Öde und Einsamkeit.

Auf dem Begräbnis waren etwa 15-20 Mann uns eingeschlossen, worunter nur 2 Verwandte, Lyda und Hans Warkentin, der zufällig in die Stadt gekommen war.  Petja war vorher nicht zu Hause und kam kurz vor dem Begräbnis aus Alma- Ata geflogen. Ein schwach gebildeter Mann lutherischer Konfession aus einem Nachbardorf  hielt eine kurze Leichenrede.   Anna ist auf dem Kirchhof  begraben,  wo auch Lise und Lena Enns begraben sind.

Unser Hans machte einige Aufnahmen am Sarge.  Anna war im Sarge kaum erkennbar, so hatte sie das dreimonatlich schwere Leiden mitgenommen. Drei Tage nach dem Begräbnis fuhr Petja wieder nach Alma- Ata, um seine Kursen bis zum 1. Dezember zu beendigen. Nach dem Begräbnis schickte ich ein Telegramm an unsre Geschwister.  Weil ich jedoch in der Adresse die Benennung der Strasse ausgelassen hatte, wurde ich um 2 Tage von Moskau aus gebeten, die Adresse genauer zu präzisieren.

 

Frieda sagte am Sarge 2 Verse eines Liedes auf.

Du ruh’st so sanft,  ach merkst du nicht,

Wie Trän um Träne fällt von unsrem Angesicht um dich

Wie öd uns ward die Welt,

du weist von keinem Leide mehr, von keinem Gram (grief) + Schmerz,

nur Fried und Wonn ist um dich her,

nur Friede, nur Friede, nur Friede allerwärts.

 

Du ruhst so sanft, wir müh’ n uns noch

hinieden Tag um Tag, und tragen unser Leid und Weh

wie Gott es fügen mag.

Du weist von keinem Leide mehr, von keinem Gram + Schmerz,

nur Fried und Wonn ist um dich her,

Nur Friede, nur Friede, nur Friede allerwärts

 

Ich hatte mir auch vorgenommen ein paar Worte am Sarge zu sagen, der gedrückten Stimmung halber wär ich jedoch kaum fähig gewesen am Sarge zu sprechen.

Und so hat der Alltag wieder begonnen und wir müssen weiter pilgern unsern Lebensweg.

 

5-XII-58.  Feiertag der Sowjetischen Konstitution.

Seit vorigen Sonntag ist bei uns zu Gast Frieda’s Cousine Martha Janzen.

Heute Morgens war Tauwetter, Regen, Glatteis, dann schneite es, dann stürmte es, jetzt abends still, heiter und 20° Frost.  Im Unterschied zu anderen Jahren ist der Irtysch bis heute noch nicht ganz zugefroren.

 

9-XII-58.  Abends.  Vor einer Stunde fuhr von uns zur Station Frieda’s Cousine Marta Janzen in Begleitung von Frieda, Hans, Marusja mit Jungen.  Ich begleitete sie bis zum Autobus.  9 Tage  ist sie bei uns zu Gast gewesen.  Sie ist für Frieda immer ein sehr lieber Gast.  Es ist ein lieber Mensch und ein wahrer Christ.  Trotz ihrer 33 Jahre ist sie noch nicht verheiratet.  Der Grund liegt einerseits wohl darin, dass sie außergewöhnlich groß gewachsen ist und schwer eine Partner findet.  Sie ist klug und hat einen offenen Kopf  (wie man im russischen sich ausdrückt),  sie könnte daher noch etwas weiter lernen und einen anderen Posten bekleiden, als sie jetzt bekleidet (Bäckerin).  Sie fühlt sich zu sehr verpflichtet bei Mutter und Schwester zu bleiben.

 

 

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oben von links Heinz, Marusja, Hans
unten Marta Janzen, Frieda, Heinrich. 1957

 

10-XII-58.  Ein seltenes Wetter für das hiesige Klima, es war heute 4° warm und es regnete.  Abends fing es an zu schneien.

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Weihnachten 1958,
v.l. Frieda, Heinrich, Heinz, Petja, Ella, Lika, Anja Siemens

26-XII-58.  Weihnachten, zweiter Feiertag.

 

Mit Sonnenaufgang hatten wir Heute 40° Frost.  Zu gestern Abend hatten wir unsre Nächsten eingeladen.  Von Neufelds waren gekommen, Petja mit Ella und seine Schwester Lika, Anja Siemens, die bei ihnen im Quartier ist, dann unser Heinz, Marusja war nicht gekommen, weil ihre beiden Jungen an Masern erkrankt sind.  Heinz und Petja kamen erst zu Uhr neun, weil sie beide auf Kurse beschäftigt waren.  Der Abendbrottisch war reich ausgestattet, mit verschiedenen Imbiss und Getränke.  Frieda und ich hatten mehrere Tage mit den Vorbereitungen zu tun.  Der Weihnachtsbaum ist auch ganz schön geschmückt, einschließend elektrische Lämpchen.

 

Zu Anfang gedachten wir derer, die im vorigen Jahr noch mit uns war und jetzt zu unsrem großen Bedauern nicht mehr unter uns ist, und zwar unsrer lieben Schwester Anna. Wir sangen “Stille Nacht”.  Lika weinte, wie auch später mehrere mal und besonders, als wir das Gedicht “Nimmer-immer” uns lasen, welches Marta Janzen für Lika geschickt hat.

 

Dann sangen wir am brennenden Weihnachtsbaum mehrer Weihnachtslieder.  Leider singt die jüngere Generation nur schwach mit,  weil sie eben zu wenig oder richtiger gar nicht Gelegenheit gehabt hat, die Lieder kennen zu lernen.

 

Gestern Vormittag  und heute haben wir durch unsern Empfänger wunderschöne  altbekannte Weihnachtslieder gehört und auch sehr schöne kurze Ansprachen.  Ich empfinde in diesen Weihnachtstagen eine ganz besondere Sehnsucht nach unsrer lieben verstorbenen Erika. Trotz der 16 verflossenen Jahre will dieser Schmerz und Sehnsucht nicht schwinden und wird doch wohl auch schon nicht schwinden,  es sei denn, dass  wir noch einmal uns mit unsern Geschwister vereinigen könnten.

 

Ein Gedicht, das Marta Janzen durch uns für Lika geschickt hat.

 

Nimmer  - immer !

 

Ich schloß dir die Augenlieder

 

Und sah’ dich von hinnen geh’n,

 

Ach, niemals, niemals hier wieder

 

Darf ich in’s Auge dir seh’n.

 

Ich darf dir nimmer mehr sagen

 

Wie warm mein Herz für dich schlägt,

 

Und nimmer mehr mit dir tragen

 

Ein Weh, das das Herz bewegt.

 

Nie findet mein Suchen und Sehnen

 

Mehr Rat und Leitung bei dir

 

Du wischst nimmer mehr die Tränen

 

Von Augen und Wangen mir.

 

Nicht tröstet in Sorgen und Schmerzen

 

Mich mehr dein freundliches Wort,

 

Nicht find ich an deinem Herzen

 

Mehr einen Ruheort;

 

Nie wieder, ach niemals wieder!

 

Wie tönt es so hart und kalt,

 

Es ist das trübste der Lieder,

 

das hier auf Erden erschallt.

 

Doch immer und ewig tönt droben

 

In den Reihen der Selgen das Lied,

 

Dort bist du mir aufgehoben

 

Von der ich weinend hier schied.

 

Ob erlosch deiner Augen Schimmer,

 

Ob Tränen vom Auge mir taun,

 

Einst werde ich immer, o immer

 

Ins treue Auge dir schauen.

 

Dort werden die Wanderpfade,

 

Die Gott uns hier führte, enthüllt,

 

Wir werden im Lichte der Gnaden,

 

Verklärt in des Heilandes Bild.

 

Gestillt ist der Sehnsucht Flehen

 

Und nicht mehr, von Sünde getrübt,

 

Darf  immer ins Auge dir sehen,

 

Die ich so innig geliebt.

 

Wie trüb hier auch klingt - das “Nimmer”

 

Am dunkeln Grabesrand,

 

Ich tröste mich mit dem “Immer”

 

Im süßen Heimatland !

1959

 

1-I-59.  Von Jahr zu Jahr wird uns der Tag der Jahreswende immer ernster.  Als wir noch jung, stark und arbeitsfähig waren, machten wir nicht lange halt am Silvesterabend oder Neujahrstag,  sondern stiegen kühn und mutig hochgehobenen Hauptes und voller Hoffnung ins Neue Jahr hinein.  Während wir jetzt im Alter zwischen 60 und 70 andächtig und ernst an die Schwelle des Neuen Jahres treten, einen Blick rückwärts tun und dann uns zaghaft fragen, was uns wohl könnte dieses Neue Jahr bringen.  Jegliche schwermütige Gedanken, die unwillkürlich kommen und besonders jetzt, wo kürzlich unsre liebe Schwester Anna gestorben ist, möchte man ablenken.  Es sei jedoch heute wiederum unser Wahlspruch:

Dankbar rückwärts, mutig vorwärts,

Liebend seitwärts, gläubig aufwärts!

Gestern abends begegneten Frieda und ich zu zweit in der Stille andächtig das Neue Jahr.  Es waren innige und glückliche Stunden.  Wir lasen uns über wichtige Perioden aus meinem Tagebuch.  Dann noch einige Neujahrs Gedichte, und sangen Neujahrslieder aus dem Gesangbuch.

Unser Hans ist auf 10 Tage ins Institut nach Semipalatinsk gefahren.

Heinz und Marusja waren zu P. Neufelds gegangen, wo sie im Kreise  von Geschwister Neufeld und Abram Krügers das Neue Jahr begegneten.

 

18-I-59.  Sonntag.  Todestag unsres ersten Töchterchen, der unvergesslichen Rieta.  Und um 12 Jahre folgte ihr hier in unsrer Verbannung ihr Schwesterchen, unsre liebe, liebe Erika.  Und so waren unsre lieben Mädels, die einzigen Töchter weg.  Ein Stück unsres Herzens riss ab und sank mit ihnen ins Grab.  Und in unsrer kleinen Familie, die unstät und flüchtig war, entstand eine Öde und Leere, die wir bis heute noch sehr schmerzlich empfinden.

Heute waren Frieda und ich zu unsre Cousine Lyda Krüger (Warkentin) zu Besuch gefahren mit dem Vorortzug.  Wir trafen sie krank an.  Sie erlebt jetzt gerade schwere Tage und weint sehr viel, da sie ihre letzte Tochter, die frohe Lydotschka, hat abgeben müssen, welche sich vor zwei Wochen verheiratet hat mit einem Oskar Böss und mit ihm in einen Sowchos hinüber gezogen ist, der ca 250 km von hier entfernt in den abgelegenen Steppen liegt.

Lyda Krüger hat ihren Mann anno 1937 spurlos verloren und dann ihre 4 Kinder in furchtbar schweren Verhältnissen der Verbannung allein auferzogen.  Mit ihrer Lydotschka ist das vierte und letzte Kind aus ihrem Haus gezogen und sie ist nun ganz allein geblieben, was sich gegenwärtig sehr schwer auf ihr Gemüt legt.

Am 15-I-59 erhielten wir von Canada das erste Paketchen, und zwar eine kleine Sendung Vitamine von Schwester Mariechen für Frieda und mich und eine Flasche Pillen für Lika.  Wir haben sofort angefangen die Pillen “Abidec” einzunehmen.

 

24-I-59.  Heute schickten wir einen Brief an Frieda’s Schwestern zum Geburtstag.

Dann erhielten wir einen inhaltsreichen Brief von Br. Gerhard, in dem er über seine Reise nach Californien und British Columbien schreibt. Unter anderm berichtet er über den plötzlichen Tod meines Jugendfreundes Jak. Schulz im Alter von 67 Jahre. Er war Prediger und ist während einer Andacht gestorben. Über drei Schuljahre sassen wir mit ihm auf einer Parte
Schulbank
in der Kommerzschule (1909-1912). In Canada verheiratete er sich mit Katja Thiessen aus Halbstadt, die er sich noch während dem Studium in der Kommerzschule auserwählt hatte. Zu jener Zeit kehrte auch ich mit Pet. Unruh und Hans Janzen Orechowo öfters in Thiessens Haus ein. Sehr gerne hätte ich nochmal nach so langer Trennung (40 Jahre) und so verschiedenen Lebenswegen meinen alten Jugendfreund getroffen. Friede seiner Asche!

Einen Monat sind Gerhard und Luise unterwegs gewesen und haben ca 10 000 km zurückgelegt.  Viel alte Bekannte (земляки) hat Br. Gerhard auf seiner Reise angetroffen, wie: Wold. Günther, mein Jugendfreund, Gerh. Derksen und Jak. Joh. Wall Blumenort, unsern Cousin Jak. Dück Schönbrunn (Missionar), einen 90 jährigen Onkel J. Dick, Cousin unsrer Mutter, Isaak aus Tiege, Schwager Peters Geschwister,  J. Epp Rosenort,  A. Hamm Lichtenau, Ohrloffer, Rosenörter, usw.

In unsrer Stadt wütet die Virus Grippe. 

 

4-II-59.  Gestern und heute waren für uns entscheidende Tage.  Seit dem Herbst nämlich handelten wir um ein Hause unweit von uns.  Im Hause jedoch waren Quartieranten und die Wirtin war in Leningrad.  Und so kam es zu keiner Entscheidung.  Das Haus ist schon sehr alt über 50 Jahre und hat schon sehr viel Mängel,  so dass wir uns schwer zu diesem Kauf entschließen konnten.  Gestern kam jedoch die Wirtin zu uns und meldete, dass wir uns im Laufe eines Tages entscheiden sollten, ob wir das Haus kaufen wollten.  Und so haben wir uns entschloßen es zu kaufen, worauf ich denn schon 1000 Rubel Handgeld gegeben habe.  Frieda hat sehr viel durchgemacht, eh sie sich dazu entschließen konnte.

 

28-II-59.  Sechs Tage wohnen wir schon in unsrem neuen Heim.  Vorigen Sonntag den 22.II.59 zogen wir hierher.   Unser Heinz stellte uns ein Lastauto zur Verfügung,  weil er jedoch krank war, konnte er uns persönlich nicht helfen. An seiner statt half uns unser Neffe Petja Neufeld.  Hans und Petja haben ja auch die Hauptarbeit beim Überziehen gemacht.

Frieda und ich kamen ja auch sehr dran und waren am Abend furchtbar müde.  Zudem war Frieda noch krank an schwerem Bronchit, wovon sie sich bis heute nicht erholen kann.  Infolge einer Erkältung bin ich schon den dritten Tag “grippig”.   Ich kuriere mich mit Bromizin und Ephedrin mit Penizilin (in die Nase).

Am meisten zu tun mit dem Verkauf und Kauf des Handels hatte ich.  Den 9.II. verkauften wir unser Häuschen für 15 000 Rubel.  Das Verschreiben der Häuser ist mit sehr viel Formalitäten verbunden.  Etwa in 10 Tage vor alles getan. Die für unser Haus treffenden 15 000 Rubel erhielten wir in 4 Tage,  zwei Tage später überführte ich in der Sparkasse 21 000 Rubel für das gekaufte Haus.  Annähernd 1000 Rubel beliefen auf meinen Teil die Verschreibungsspesen.  Wenn unser Haus auch sehr alt ist, so ist es doch viel grösser und solider als das frühere.  Frieda kann sich nur schwer gewöhnen zum neuen Heim.

 

16-III-59.  Ein sehr wichtiger Tag für mich.  Heute ist mein 67.r Geburtstag.  Gestern, Sonntag Abends feierten wir im Kreise unsrer  und Schwester Anna’s Kinder,  meinen Geburtstag.  Schwester Anna , die im vorigen Jahr auch noch dabei war, fehlte zu unserm großen Bedauern Gestern Abedns.

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27-III-59.  Tauwetter.  Bin mit meiner Notize zu meinem Geburtstag nicht weiter gekommen.  Es scheint so, als wenn keine freie Zeit mehr ist.  Zwei Gratulationsbriefe bekam ich zu meinem Geburtstag, von den Geschwister Gerhard und Mariechen.  

Das unbeständige Frühlingswetter wirkt so nachteilig auf unsre Gesundheit.  Den 20.III. erkrankte ich an heftige rheumatische Schmerzen, zuerst im Kreuz, dann in den Beinen und schließlich auch am Herzen.  Nach 4 Tagen wurden die Schmerzen weniger.  Ich wollte mich unbedingt an den Arzt wenden und mein Leiden kurieren, dann erkrankte jedoch Frieda an schwerem Husten mit erhöhter t° bis 39.2.  Zwei Ärzte sind schon bei ihr gewesen.  Gestern des Morgens war die t° normal und so fing Frieda wieder an zu arbeiten und schonte sich nicht.  Ebenfalls auch heute bis wir merkten, das sie wieder erhöhte t° hat 38.8.  Einige nötige Medicamente wie Biomizin und Penizilin sind nicht zu haben, was uns sehr besorgt macht.  Der Nervenzustand ist bei Frieda auch sehr angegriffen.

Petja Neufeld hat inzwischen ein Haus gekauft im sogenannten Zweiten Pawlodar und auch schon hinübergezogen.  Es ist ein neues Rohrhaus mit 4 Zimmer und kostet 32.5 Tausend.

 

2-IV-59.  Mit Frieda scheint es etwas besser zu werden, die t° ist 36,4 - 36, 9 - 37°. Sie ist sehr schwach und furchtbar abgemagert.  Heute hat sie schon wieder viel in der Küche gearbeitet, trotzdem Hans und ich sie noch nicht wollen aufstehen lassen.  Appetit ist auch schon etwas vorhanden.

Heute war ein echter Frühlingstag.  Des Morgens fuhr ich zur Station, um meinen guten Bekannten Karl Ad. Reinhardt, den gewesenen Buchhalter des Kolchos Kirowo in den Zug zu begleiten.  Er siedelt nämlich nach Moskau über.  Es ist das ein sehr seltener Fall für unsre Leut.

 

8-IV-59.  Frieda ist noch immer nicht gesund, des Morgens ist die t° normal, abends etwas über 37°, eine charakteristische  t° für Lungenleidende.  Sie kuriert auch bei einem Spezialisten für Lungenkranke,  Sintschenko.   Ihre Hauptarznei ist jetzt Ediwasit, dann bekommt sie noch Glukosaspritzen.  Einige Wochen ist sie auch schon nicht aus dem Hause gewesen.  Ihre Nerven sind sehr schwach.  Wenn sie überhaupt pessimistisch veranlagt ist, so schaut sie in ihrem gegenwärtigen Zustand ganz besonders dunkel auf alles.

 

23-IV-59.  Trotzdem Frieda noch oft abends etwas erhöhte Temperatur hat, ist ihr Gesundheitszustand bedeutend besser.  Ein Glück, dass wir in den Sommer gehen, wo das warme Wetter günstig auf die Kur wirkt und die volle Genesung beschleunigt.

 

11-V-59.  Heute haben Hans und ich Kartoffel gesetzt,  im ganzen 14 Eimer auf einer Fläche von 0,15 ha.  Heinz fuhr uns ½ 7 des Morgens mit einem Lastauto aufs Feld.