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Die Mädchenschulen in Molotschna

Aufgrund des Verbotes des gemeinsamen Lernens von Knaben und Mädchen in den Zentralschulen durch das Fürsorgenkomitee wurde 1870 entschieden, spezielle Mädchen- Zentralschulen einzurichten. Die Wolostgemeinden haben diese Frage lange nicht in Erwägung gezogen. 

P.M, Friesen schrieb 1911: „Die bestehenden weiblichen Fortbildungsschulen sind alle Privatunternehmungen. Unseres Wissens war die erste solcher Schulen die vom wiederholt genannten Vorsitzer des Mol. Menn. Schulrats Andreas Voth mehrere Jahre in seinem Hause in Neuhalbstadt und auf sein eigenes Risiko unterhaltene. (….) Dieses war um die Mitte der 70er Jahre. Die immer kleine Schule konnte sich nicht halten. Anfangs der 80er Jahre entstand wieder eine solche durch Initiative des früheren Lehrers Heinrich Franz II. Diese entwickelte sich sehr langsam zu einer regelrechten Bildungsanstalt. Jetzt jedoch existiert sie schon eine Reihe von Jahren als wohlorganisierte.“1

 

Es gab an der Molotschna drei Mädchenschulen: in Halbstadt, Ohrloff und Gnadenfeld. Die älteste und bedeutendste von ihnen war die Halbstädter Mädchenschule, die Anfang der 80er Jahre hauptsächlich durch die Initiative der Lehrer H. Franz I. und A. Voth entstand. Im Jahre 1910 wurde sie in ein weibliches Progymnasium mit 5 Klassen umgewandelt. 

Halbstädter Mädchenschule (1884?)

 

„Diese Anstalt ist seit Anfang des Schuljahres 1910/1911 eine fünfklassige, deren betreffende Klassen denen der staatlichen weiblichen Gymnasien entsprechen. 

Gegenwärtig (Dez. 1910) bestehen an der Schule 3 Klassen: die Vorbereitungsklasse in zwei Abteilungen (IVa u. Ivb), eine fünfte und eine sechste Grundklasse.  Die siebente und achte sollen mit den zwei nächsten kommenden Schuljahren eröffnet werden. Die Anstalt hat ein Internat. Die Schülerzahl beträgt 124. Die Wertschätzung der Schule beweist die Notwendigkeit der Einrichtung einer vierten Parallelklasse. Die weit überwiegende Zahl der Schüler sind Mennoniten.“1

Bedeutende Lehrer und Lehrerinnen dieser Schule waren: H. Franz I., Isaak Ediger, Abr. Ediger, Kornel. Wiens, Benjamin Unruh, Frl. E. A. Grikowskaja, Frl. K. J. Willms, Frl. A. M. Fast.

Halbstädter Mädchenschule, 2013
heute ist hier Mennonitischer Zentrum

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Die Mädchenschule zu Ohrloff bzw. Tiege (1907)

 

Diese war, wie auch die Halbstädter Schule, eine Vereinsschule. Sie hatte drei Klassen. An dieser Schule wirkte längere Zeit Jakob H. Janzen als Lehrer für Deutsch und Religion. Leiterin der Schule war Jahre lang Frl. H. J. Willms.

Meine Großmutter Frieda Cornies lernte in dieser Schule. Im Bild unten ist sie ganz rechts in der mittleren Reihe. 

Schülerinnen und Lehrer der Ohrloffer Mädchenschule, 1913.

Die Gnadenfelder Mädchenschule (1907)

 

Die Gnadenfelder Mädchenschule war ein Privatunternehmen. Sie wurde gegründet und unterhalten von Kornelius J. Reimer. Auch sie war dreiklassig. Langjährige Lehrerin an dieser Schule war Frl. K.K. Reimer, Tochter des Gründers und eine Zeitlang Missionarin in Indien. 



 

Am 4. August 1959 fand das Treffen aller ehemaligen Ohrloffer Mädchenschülerinnen statt.  In dem Boten vom 27.5.1959 wurde ein Brief von der ehemaligen Schülerin Liesa Teichröb veröffentlicht.

 

„Passender vielleicht proschtschajtje“

Werte Freundinnen aus der Ohrloffer Mädchenschule


Das Lied „Aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar...“, das oft in unserer Schule erklungen ist, fiel mir ein, als ich die Nachricht von meiner Schwester aus Vancouver erhielt, daß am 4. August in Waterloo ein Treffen aller gewesenen Mädchenschülerinnen stattfindet. Herzlich gerne würde ich auch diesem Feste beiwohnen, aber es geht nicht. Im Geist aber bin ich bei Euch, meine lieben alten Freundinnen. Wer hat wohl das Glück, auf diesem Fest zu sein? Viele von denen, die mit uns damals die Schulbank drückten, liegen schon in der kühlen Erde, und zwar zerstreut auf dem ganzen Erdball: Ukraine, Sibirien, Canada, Australien usw. Gönnen wir den Verstorbenen die Ruhe. Für uns, die wir auf dem Feste nicht anwesend sein können, soll es ein Fest sein, daß das Freundschaftsband keine Grenzen kennt und daß die unsichtbaren Fäden und Ketten derselben die ganze Erde umschlingt und oft unser Blut, das schon ziemlich abgekühlt ist, schneller fließen macht und sogar unsere blassen und schlaffen Wangen manchmal rötet.

Wie freudig schlägt doch unser Herz, wenn man diesen oder jenen alten Freund aus der Jugendzeit findet oder auch nur einen Gruß von ihm erhält oder erfährt, daß er noch am Leben ist. Wer bist Du eigentlich, liebe Frau Rempel? Ich fühle, Du bist aus unserer Klasse. In Gedanken gehe ich durch unsre Klasse und sehe die Bänke, auf welchen ich in Geiste Euch alle sitzen sehe, an deren Reihenfolge ich mich noch erinnere. Ich hoffe und bitte herzlich, damit jemand von Euch, Ihr lieben Freundinnen in weiter Ferne, mir ganz ausführlich den Verlauf des Festes beschreibt.

Freilich, Leute und Land werden den Charakter des Festes bestimmen, aber ich denke, der Geist unserer lieben ehemaligen Lehrer und Lehrerinnen wird dazu beitragen, daß das Fest recht schön, herzinniglich und gut verläuft. O, wie gerne möchte ich dabei sein und wenn auch nur auf eine Stunde, um Euch allen die Hände zu drücken und in die Augen zu schauen, die in diesen 50 Jahren wohl oft auch durch Tränen getrübt worden sind.

Soviel mir bekannt ist, ruht unser lieber Lehrer Jakob Janzen auch schon mehrere Jahre in der kühler Erde. Wenn ich die Möglichkeit hätte, wie gerne würde ich einen der schönsten Blumenkränze auf seinen Grabhügel legen, zum Zeichen der Liebe und der stetigen Verehrung. Ich sehe ihn noch im Geiste durch den Korridor der Schule schreiten, das Klassenjournal unter dem Arm, den Kopf etwas auf der Seite, die Augen, so gutmütig und freundlich und die vielen Runzeln auf der Stirn, die aber glatt wurde, wenn er zornig war.

Ach, wie liebten wir ihn, aber wie fürchteten wir uns auch, wenn wir merkten, daß Lehrer Janzen zornig war. Lieber, guter teurer Lehrer, Mensch und Freund! Liebe Frau Rempel, Du beschreibst den Weihnachtsabend, der für uns so ein schreckliches Ende nahm! Ja damals war das für uns ein erschütterndes Ergebnis, aber wieviel andere Ergebnisse warteten auf uns später in unserem Leben, im Vergleich mit denen dieser Abend ganz in den Hintergrund gedrängt wurde.

In Ohrloff war ich das letzte Mal 1940. Unsere liebe Mädchenschule stand noch da wie einmal. Die schmucke, steile Pappelreihe war nur noch schattiger und höher geworden. Aber die Bäume rauschten nicht mehr so geheimnisvoll, wie in unseren Jugendjahren. Sie versprachen nicht mehr romantische Erlebnisse und eine schöne, rosige Zukunft. Nein, ernst und erhaben wirkte ihre Blätterkrone, und es schien, als ob die Blätter in den Gipfeln der Bäume mit ihrem Rauschen von Herannahen einer schweren Prüfungszeit sprachen. Hat unser Lehrer Janzen wohl daran gedacht, daß diese Bäume, die seine lieben Hände pflanzten, Zeugen einer so schrecklichen Kriegszeit sein würden.

Ach liebe Freundinnen! Wie viel würden wir uns zu erzählen wissen! Ich glaube, die lange Zeitpanne (50 Jahre) würden verschwinden, und wir würden erzählen, lachen und wohl auch bestimmt weinen. Ich weiß nicht, ob Ihr so fühlt, wie ich, dann verzeiht, wenn nicht. Vom Schicksal  sind wir geknebelt und behobelt worden, unabhängig von unserem Willen. Es hat uns behobelt, daß die Späne nur so flogen, und von unserem eigenen „Ich“ und „Wir“ ist wohl kaum etwas übriggeblieben. Und die Bedeutung der Worte: „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles glatt“, haben wir manchmal sehr schwer empfinden müssen. Viele von Euch sind wohl reiche vornehme Damen, an die ich mich wohl kaum heranwagen würde, um sie anzureden. Ist mir auch schnuppe! Wer Ihr auch sein möget. In meinem Bewußtsein bleibt Ihr die jungen Mädchen in den braunen Kleidern und schwarzen Schürzen, die bei festlichen Gelegenheiten die schwarzen Schürzen mit schlichten weißen vertauschten, was dann auch sehr schön und feierlich aussah und die nur eine Sorge hatten, um diese oder jene Disziplin auszulernen und gut zu antworten, um gute Noten zu erhalten.

Ja, wieder bin ich mit meinen Gedanken in Ohrloff, kann mir nicht helfen. Ach, wie schön war doch unsere alte Heimat! Und nur durch den Krieg haben wir selbige verloren und mit ihr alles, was uns lieb und wert, teuer und heilig war. Wir haben den bitteren Kelch des Krieges bis auf den letzten Tropfen geleert. Wir wollen das Wort „Krieg“ nicht mehr hören und sind bereit, Entbehrungen zu tragen. „Nur kein Krieg!“  Diese Worte ruf ich Euch zu, und wenn Ihr, liebe Freundinnen, dazu in irgend einem Sinne beitragen könnt, daß es keinen Krieg gibt, so tut es, um Eurer Kinder und Großkinder willen, kämpft für den Frieden, für Einigkeit und Ruhe.

Nun zu guter Letzt drücke ich Eure lieben warmen Hände. Ich spüre sie in den meinigen. Sage zu Euch allen „auf Wiedersehen (Do swidanija) passender vielleicht „Proschtschajtje“. Viele herzliche Grüße senden Euch allen Eure ehemaligen Mitschülerinnen Lieschen Teichröb (Linke) jetzt „Baba Lisa“ und Frau Maria Cornies geborene Teichröb von Blumenort, Molotschna, gegenwärtig in Rußland.


Eingefandt  von David Thießen, 32 Elgin St., Waterloo, Ont.

 

Ein sehr bewegender Brief. Beim Lesen habe ich ganze Zeit an meine Oma gedacht, wie gerne auch sie ihre Mitschülerinnen getroffen hätte.

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Quelle:

 

1 P.M.Friesen, Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland (1789-1910), im Rahmen der Mennonitischen Gesamtgeschichte, Seite 625

 

H.Goerz, "Die Molotschnaer Ansiedlung", Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage

 

der Bote von 27.5.1959