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Heinrich Gerhard Dück ∗1892 †1960

#689206 (#133576)

1915
1957
die Geburtsurkunde vom
Heinrich Dück
Heinrich Dück, zweiter von links, 1905

Mein Großvater Heinrich Dück wurde am 16. März 1892 in Blumenort, Molotschna geboren. Seine  Familie nahm Teil am wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung der Mennonitenkolonien, die zum Ende des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten. Dieser Umstand und auch das idyllische Dorfleben taten der Familie sehr gut. Heinrich hatte drei ältere Brüder und jeweils eine ältere und jüngere Schwester. Die Kinder spielten im großem Hof, der am Ende des Dorfes lag. An das große Wohnhaus war der Stall im rechten Winkel angebaut. Am Eingang zum Hof befand sich ein Tor, gesäumt von 2 großen, gemauerten Pfosten. Der Hof lag an einer Allee, die von einhundertjährigen Pappeln gesäumt war. Diese Straße verband die zwei Dörfer Blumenort und Rosenort. Auf der anderen Straßenseite lag die Dorfwiese etwa 100 Desjatin groß. Da das Dück'sche Anwesen doch etwas vom Ortskern des Dorfes Blumenort entfernt war und es keine Nachbarskinder gab, hielten die Dück's Kinder sehr eng zusammen. Im Sommer badeten sie im Fluss Kuruschan, im Winter hat es auch am Spielen im Schnee nicht gefehlt, sie liefen viel  Schlittschuh. Wollten die Jungs abends mal eine Abwechslung haben, durften sie in den Stall gehen zu den "Menschen", wie die Arbeiter oft genannt wurden.

Zu Hause hatten sie eine Oma Dück, die andere Oma Enns wohnte in Ohrloff, die sie oft besuchten. Die Großväter waren schon verstorben, bevor sie geboren wurden.

Heinrichs Vater, Gerhard Dück, verwaltete seine und auch die Landwirtschaft seiner Mutter, Anna Dück, geb.Wiens, insgesamt ca. 100 Desjatin (десятин). Darüberhinaus kümmerte er sich auch noch um den Eisenhandel

Heinrich ging von 1899 bis 1906 in die Dorfschule (Elementarschule). Die Schule lag mitten im Blumenort, man musste weit zu Fuß gehen, so dass sehr oft etwas zum Mittag mitgenommen wurde.

Nach Erzählungen von Jacob Dyck, des älteren Bruder meines Großvaters, könnte man die Zeit in der Dorfschule eher als „Spieljahre“ bezeichnen, denn morgens vor dem Unterricht wurde schon Ball gespielt und in der Mittagspause ebenfalls. Nach Unterrichtsende setzte sich das Ballspielen fort, meistens dann auf irgendeinem Bauernhof.

Der Unterricht wurde in zwei Sprachen abgehalten, zur Hälfte etwa auf russisch, die andere Hälfte auf deutsch. Der Unterricht im Rechnen, Physik, Chemie, Biologie, Geographie und Geschichte wurde in der russischen Sprache erteilt. In der ersten Stunde fand immer der Religionsunterricht statt.

Das Schuljahr dauerte acht Monate, vom 1. September bis zum 1. Mai. In den Sommermonaten mussten die Kinder zu Hause im Geschäft und in der Landwirtschaft mit anpacken. Ein großer Teil des landwirtschaftlich genutzten Landes weit abgelegen war, wurde  natürlich auch oft in der Steppe gegessen. So kamen die Dück's Kinder auch mit russischen Jugendlichen zusammen und es entstanden Freundschaften zwischen ihnen. 

Heinrich verließ 1906 die Dorfschule mit einem guten Abschlusszeugnis. Alle Schüler wurden auf deutsch und russisch geprüft. Die Abschlußprüfungen fanden meistens in Halbstadt statt. 

Heinrich besuchte in den folgenden drei Jahren bis 1909 die Zentralschule in Ohrloff. Sie lag ca. 3 km von Blumenort entfernt. Es war die älteste weiterführende Schule in der Molotschna. Sie wurde 1822 gegründet. 1860 wurde ein neues, sehr schönes Schulgebäude erbaut.

Zentralschule in Ohrloff, 1913
Heinrich Dück, Zentralschule in Ohrloff, 1908

 Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„Die Zentralschule wurde auch Vereinsschule genannt, weil verschiedene Gutsbesitzer und andere wohlhabende Leute sie einmal vor vielen Jahrzehnten gegründet hatten. Anfänglich waren sogar noch Lehrer daselbst aus Deutschland.“

 

Ab 1909 bis 1913 studierte Heinrich in der Halbstädter Kommerz(Handels)schule. 1907 als Realschule gegründet, war sie die einzige rein-mennonitische Mittelschule in Russland. 1909 wurde sie in eine Kommerzschule umgewandelt, da sich die Anforderungen an die Schulbildung verändert hatten. Bedingt durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung in den Mennonitenkolonien, benötigte man jetzt gut ausgebildete Spezialisten für die aufstrebende Landwirtschaft und Industrie. Die Kommerzschule befand sich in den Räumen der ehemaligen Stärkefabrik in Alt-Halbstadt. Die Schule verfügte über die vier oberen Grundklassen einer achtklassigen Kommerzschule und eine Vorklasse, die der vierten Klasse von unten an den Schulen dieses Typus entsprach. Die Schule übernahm die Schüler, die eine Zentralschule absolviert haben, sofort in die 4. Klasse.

Das Curriculum bestand aus Russisch, Englisch, Französisch, Theologie, Physik, Mathematik, Technischem Zeichnen, Kunst, Rechnungswesen, Handelskorrespondenz in den oben genannten Sprachen, Buchführung, Recht, Geographie, Volkswirtschaft, Politökonomie, Nationaler und Weltgeschichte, Zoologie, Botanik, Mineralogie, der menschlichen Anatomie und Physiologie.

Aus den Fremdsprachen wählten die Schüler zwischen Englisch und Französisch. Ich vermute, dass mein Großvater französisch lernte.

Kommerzschule in Halbstadt
Stärkefabrik von Jacob Willms, später Kommerzschule
Heinrich Dück, Kommerzschule, 1910
Heinrich Dück, Kommerzschule, Halbstadt
Originalbild bei Viktor Dik, Pawlodar.
Lehrer A.A. Friesen(3)

 

Die Anstalt hatte ein Internat, in dem auch Heinrich wohnte.  Die Kosten für die Unterbringung in dem Internat waren recht hoch und betrugen etwa 160 Rubel pro Jahr. Die Schülerzahl betrug 124 im Jahre 1910.  Es existiert ein Foto aus dem Jahre 1912, das zeigt, wie Heinrich mit der Kutsche aus Halbstadt nach Hause kommt.

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Heinrich Dück, Blumenort, 1912
Heinrich Dück, Blumenort, 1913
Heinrich Dück, Kommerzschulinternat
Heinrich Dück, Kommerzschulinternat, Halbstadt

 

Am 25.März 1944, während des 2. Weltkrieges und in großer Not, schrieb Heinrich in sein Tagebuch:

„Ich erinnerte mich soeben an einen Fall aus meiner Schulzeit, wie wir 25 Schüler an der Zahl in unserm Kommerzschulinternat demonstrativ den Mittagstisch verließen, weil uns die Gelberübensuppe nicht gefallen wollte. Wie gerne hätte ich die heute zu Mittag gegessen.  Unser Mittag war heute eine Suppe von Hirseabgang; empfinde danach ziemliches Magendrücken.“

Ich habe noch eine sehr seltene, interessante Postkarte, adressiert an Heinrich Dück, Schüler der 4. Klasse der Kommerzschule, geschrieben am 8. Dezember 1909 in Berdjansk von einem Freund. Er schreibt:

 

Дорогой друг!                                                                         Liebe Freund!

Письма от меня неожидай.                                                      Warte auf meinen Brief nicht.

19 домой приеду,                                                                    Am 19. komme ich nach Hause,

во время каникул мы с тобой как-нибудь встретимся.              und wir treffen uns während der Ferien.

Тебе всё расскажу.                                                                  Ich erzähle dir dann alles.

 

Die Unterschrift ist leider sehr undeutlich, vermutlich lautet sie „Klassen“.

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Als 1910 an der Schule ein Orchester gegründet wurde, trat Heinrich ihm mit großer Begeisterung bei, denn er liebte Musik.

Heinrich Dück, Streichorchester, 1912
das Kommerzschule Zeugnis von Heinrich
Dück
"Friedensstimme", Halbstadt, 8.06.1913, Seite 7.

Schlußakt in der Halbstädter Kommerzschule.

 

Freitag, den 31. Mai, fand in der Halbstädter Kommerzschule

die Schlußfeier für das Schuljahr 1912/1913 statt. Besonders war

diese Feier auch darum bedeutsam, weil die Schule ihre Erstlings-

frucht entließ: zum erstenmal hatten eine stattliche Anzahl von

Zöglingen dieser Anstalt ihre Abgangsexamina gemacht, waren

Abiturienten geworden. Ein ausführlicher Festbericht erfolgt vor-

aussichtlich in der nächsten Nummer. Wir lassen hier noch das

Verzeichnis der austretenden Schüler und den Grad der Auszeich-

nung folgen:

1. Johann Braun (goldene Medaille),

2. Heinrich Dück,

3. Heinrich Epp,

4. Jacob Frank,

5. Eduard Frank (Kandidat des Handelswesens),

6. Kornelius Fast (Kandidat des Handelswesens),

7. Abraham Harder (goldene Medaille),

8. Franz Harder (goldene Medaille),

9. Gerhard Klassen (silberne Medaille),

10. Peter Klassen,

11. David Löpp,

12. Hermann Neufeld (silberne Medaille),

13. Kornelius Neufeld (silberne Medaille),

14. Isaak Regehr (silberne Medaille),

15. Wilhelm Rempel (goldene Medaille),

16. Kornelius Reimer (Kandidat des Handelswesens),

17. Jacob Schmidt,

18. Gerhard Tomsen,

19. Jacob Töws (silberne Medaille),

20. Peter Unruh (Kandidat des Handelswesens),

21. Johann Wall (goldene Medaille),

22. Peter Willms.

Es ist noch hinzuzufügen, daß auch alle Abiturienten durch

Beendigung der Schule persönliche Ehrenbürger geworden sind.

Heinrich musste leider im dritten Jahr seiner Ausbildung, d.h. in der 7. Klasse, aufgrund des Todes seines Vaters Gerhard Dück, die Ausbildung abbrechen. 

 

2013 besuchten meine Cousins Viktor und Wladimir Dick zusammen mit mir die Stadt Molotschansk (früher Halbstadt) und  haben die Nebengebäude der ehemaligen Kommerzschule besichtigt, das Hauptgebäude existiert nicht mehr. 

die Nebengebäude der ehemaligen
Kommerzschule, Halbstadt (Molotschansk)
von links: Wladimir, Margarita und Viktor Dick, 2013

1914 konnte Heinrich die Kommerzschule als Fernkurs auf der Krim (Симферопольское коммерческое училище) abschließen.

Heinrich Dück, Simferopol, 1914

Mein Großvater war in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Jäger.

Folgende Erzählungen fand ich in seinem Tagebuch

 

26.11.1949. „Den größten Teil meiner freien Zeit in dem Jünglingsalter habe ich in der freien Natur verbracht auf der Jagd, Spaziergänge in der Natur oft mit dem Bleistift und Bloknot in der Hand, Gymnastik und Sport, Reiten, Schlittschuh laufen, Fußball und dergleichen.  Das hat in mir eine große Liebe für die Natur geweckt  und sehr wohltuend auf Geist und Gemüt gewirkt,  was von großer Bedeutung für mich für die auf der Jugend folgende schwere Lebensperiode gewesen ist und mich oft über die furchtbar schweren Verhältnisse hinüber weggeholfen hat.“

 

3.08.1944. „...etwa um eine halbe Stunde kam ich an einen kleinen See, der voller wilden Enten wimmelte, die in mir meine alte Leidenschaft als Jäger wachriefen. Allmählich neigte sich die Sonne dem Untergang zu und färbte den Abendhimmel mit seinen Wolken, wie gewöhnlich hier in den sibirischen Steppen, mit roten und goldenen Farben. Sobald die Sonne hinter den weiten Steppenhorizont verschwand, wurde es auch bald finster; am entgegengesetzen Horizont stieg dann der Vollmond auf.   Die Natur bleibt sich treu, während alles andere eine furchtbare Veränderung erlebt hat.  Ach, wieviel Lebenslust und Freude entsprossen in mir seiner Zeit und den Eindrücken der Natur.  Und jetzt?  Alles ist in uns zertreten.“

 

20.08.1944.  „Sonntag.  Gestern war starker Sturm mit Staub.  Heute trüber Herbsttag.  Diese Jahreszeit war früher doch immer eine recht schöne Zeit, denn man erntete fast ohne Ende vom Feld und Garten.  Ach! das schöne Obst, Arbusen und Gemüse.  In jedem Haus der schöne Apfelgeruch; dann das verschiedene Gebäck mit Obst usw. - ein wahrhaftes Paradies.  Gestern war der russische Apfelfeiertag;  dann kamen gewöhnlich die russ. Frauen in unsre Dörfer gefahren mit Enten und Gänse mit Obst eintauschen — eine Ente für ein Merka Birnen usw.

An diesem Tag jägerte ich als Jüngling gewöhnlich auf Juschanlee bei Reimers mit meinem Jugendfreund Heinz Klassen. Das waren herrliche Tage! Die Jagd auf Rebhühner in den heißen Vormittagsstunden am Rande des Waldes und in dem Schatten der langen Alleen. Dann das Mittag im halbdunklen kühlen Esssaal des prachtvollen Schlosses, der Gänsebraten, der Wein und die wunderschönen großen Arbusen. Dann die Nachmittagsruhestunde auf den weichen Ledermöbel im Kabinett des Jungen Gutbesitzers; die duftenden Zigaretten.  Überall Äpfel und Apfelgeruch. Die sorgenlosen Unterhaltungen über Jagt, Hunde und Pferde.  Die Hoffnungsvollen Stimmungen im Zusammenhang mit der herannahenden Schulzeit, dem Wiedertreffen der Schulkameraden und sonstigen schönen Begegnungen. Nur Sonne und Sonnenschein! Das war einmal. Unwillkürlich möchte man eine Parallele ziehen, ich will meinen Geist jedoch etwas in jener Zeit verweilen lassen.“

 

13.11.1944. „Auf dem Rückwege erblickte ich ein interessantes Bild, für mich als Jäger, neben einem Birken Wäldchen sassen auf der Erde und auf den Bäumen etwa 150 schwarze Birkhühner, die sonst nur einzeln in den Wälder anzutreffen sind.“

 

 

Heinrich Dück, ganz links, 1914

Im Frühling 1914 starb Heinrichs Mutter, Anna Dück geb. Enns. Und kurz darauf brach der 1. Weltkrieg aus. Dieses Ereignis beendete die sorglose Jugend. 

„Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Hatten wir politisch auch nichts mit Deutschland zu tun gehabt, so sprachen wir doch die deutsche Sprache und unsere Kultur war deutsch.“1

Im Herbst 1914 wurde Heinrich zum Militärdienst eingezogen. Er durchlief die Ausbildung zum Sanitäter und wurde zuerst an der türkischen Front eingesetzt. Später erfolgte seine Versetzung zur österreichischen Front. Die Rekrutierung der mennonitischen Männer begann am 1. September 1914 in Jekaterinoslaw. Zunächst durften sie zwischen Militärdienst und einer Art „Zivildienst“ wählen. Im Militär wurden sie im Sanitätsdienst eingesetzt, im Zivildienst, d.h. Dienst ohne Waffen, arbeiteten sie im Forstwesen. Ungefähr 5000 Mennoniten gingen in den Sanitätsdienst. Sie arbeiteten als Krankenpfleger, hauptsächlich in Sanitätszügen oder auf Sanitätsschiffen, wenn diese  die Verwundeten von der Front abtransportierten.

Wie und wo genau Heinrich seinen Dienst leistete, weiß ich leider nicht. Im Jahre 1950 schrieb er in seinen Lebenserinnerungen: „ я был мобилизован и направлен в автосанитарный отряд кубанской пластунской дивизии, с которой я в течении трёх с половиной лет в качестве рядового солдата побывал на турецком и австрийском фронтах.“ „ich wurde rekrutiert und als Sanitäter einer Kuban Division an die türkische und österreichische Front geschickt“ Über diese Zeit habe ich leider keine Informationen, außer ein paar Bilder. Auf einem Foto ist er mit einem Orden an der Uniform abgebildet. Es wäre interessant zu wissen, welche Bedeutung er hat!

Heinrich Dück, 1915
Heinrich Dück, rechts, Novorossijsk, 1916
Heinrich Dück, Tiflis, 1918
die Erlaubnis für die Fahrt nach Hause

Im Januar 1917 wurde Heinrich nach Tiflis versetzt, um weiter beim Roten Kreuz als Buchhalter zu arbeiten. Gleichzeitig besuchte er den letzten Kurs einer Realschule für Erwachsene. 

Im Februar 1917 brach der russische Staat zusammen, der Kaiser wurde entthront und stattdessen eine provisorische Regierung eingesetzt. Im Oktober 1917 schwappte die zweite Welle der blutigen Revolution über ganz Russland. Die russische Armee begann sich aufzulösen. Millionen von Soldaten verließen die Kriegsfront, zogen mit ihren Waffen in das Landesinnere, um sich rivalisierenden Milizen anzuschließen. Das große Blutvergießen nahm seinen Anfang!

Für kurze Zeit wurde der Zusammenbruch jeglicher Ordnung durch den Einmarsch der deutschen Truppen in die Ukraine im Frühling 1918 gestoppt, unter deren Schutz die mennonitische Kolonien noch einmal aufatmen konnten. Die Kirchen wurden wieder eröffnet, sowohl bei den Mennoniten wie auch bei den Russen, die Felder wurden bestellt und die Ernten eingefahren. Das deutsche Militär (162. sächsisches Regiment) war in Melitopol stationiert.

Im Sommer 1918, noch im Schutz der deutschen Truppen, erholten sich die Kolonisten allmählich. Sie brachten die Ernte ein und versuchten mit großer Mühe, den allgemeinen Aufbau zu bewerkstelligen. Es fehlte an allem: Geld, Pferdekraft, Dreschmaschinen und vieles anderes mehr. Trotz der Zerstörungen durch Revolution und Krieg ging man mit Hoffnung und Mut an den Wiederaufbau.

Im Sommer 1918 wurde Heinrich aus dem Militärdienst entlassen. Er bekam vom Kommissariat der Stadt Vladikavkas eine schriftliche Erlaubnis für die Fahrt nach Hause. 1936 erwähnte er in seinem Tagebuch den Rückzug der Roten Armee, den er als demobilisierter Soldat von der türkischen Front auf der Station Ilowajskoje (nicht weit von Donezk) im April 1918 erlebt hat.

Zu Hause hat sich Heinrich zuerst mit Dück'schen Landwirtschaft beschäftigt, so steht es in seinem Tagebuch. Ich habe aber da meine Zweifel, warum, schreibe ich später.

„Als sich die Deutschen dann aber schon im Herbst desselben Jahres infolge des Zusammenbruches der westlichen Front zurückziehen mussten, brachen die Schrecken der Anarchie auch über Molotschna herein. Die Banditen kamen einfach auf die Höfe gesprengt und nahmen mit vorgehaltenem Revolver alles, was sich nehmen ließ, Pferde, Geld, Kleidungsstücke und Nahrungsmittel.“2

Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„Im Herbst nun, also nach Abzug der Deutschen, entstand eine volle Anarchie; es schien so, als sei der Satan losgelassen; der Hass gegen uns Deutschen (besonders Mennoniten) kannte keine Grenzen: Raub, Mord, Feuerbrunst, Gefängnis und Tausend andere Grausamkeiten, von denen man früher keine Ahnung gehabt hatte, waren an der Tagesordnung und niemand war sich sicher, ob er Nachts nicht abgeholt würde werden, hinter der Haufen geführt, und erschossen, worauf man dann in demselben Hause die Familie terrorisierte; Kinder ermordete, die Mutter vornahm, das sie oft leblos unter dieser Qual, die gewöhnlich 5-7 Mann ausübten, am Boden lag. Entstand dann mal eine Pause, durch das Vorgehen verschiedener "Weißer Generäle", wie Denikin, Wrangel, Koltschak und anderen, durch welche die Banditen verdrängt wurden uns sie scheinbar von der Bildfläche verschwanden, versuchten wir wieder aufzubauen, was jene zerstört und vernichten hatten.“

Der entlassene Sträfling und Verbrecher Nestor Machno verfügte über eine größerer Anzahl von Bewaffneten. Dies waren zumeist ehemalige Sträflinge aus den an die Mennonitenkolonien angrenzenden Russendörfern. Bandenmäßig organisiert, gut bewaffnet und beritten, zogen sie plündernd und mordend durch die Kolonien. In dieser Zeit griffen viele junge (mennonitische) Männer an der Molotschna zu den Waffen, die von den Deutschen hinterlassen worden waren. Sie  organisierten sich im sogenannten „Selbstschutz“. 

Auch im Inneren Russlands tobte ein großer und mörderischer Kampf tobte um die Macht im Lande. Ganz Russland wurde von einem schrecklichen Bürgerkrieg heimgesucht. 

Heinrichs Bruder Jacob Dyck schrieb:

„Der "Batjko Machno" wie ihn die Seinigen nannten, verbreitete sich im Süden, außer der Krim, immer mehr; und da man fast ungehindert rauben, stehlen und morden konnte, weil die Rote Armee aus dem Norden noch nicht eingetroffen war, wurde das Heer dieser Horden immer größer und verbreitete sich bis Jekaterinoslav am Dnjepr-Fluss, Alexandrowsk, der alten Kolonie u.s.w Die Bevölkerung, meistens wohl die deutschen und mennonitische Kolonien, Dörfer und Güter wurden tyrannisiert, die Frauen sehr belästigt, Männer aus etlichen Dörfern alle ermordet (richtiger hingeschlachtet). Es gab kein Erbarmen. Die Gefängnisse wurden geöffnet, von Sibirien strömten die Tausende, noch aus der Zaren Zeit Verurteilte, mit unermesslichen großen Hass und Rache in ihre Heimat zurück.“

Am 10. November 1919 war die "Bartholomäusnacht" von Blumenort. 20 Einwohner wurden auf grausame Weise abgeschlachtet, darunter zwei Prediger und auch der Lehrer des Dorfes. Dann wurde das Dorf in Brand gesetzt. Fast alle Dorfbewohner flohen und fanden wieder hinter dem Wald zusammen.

Morgens früh machten sich die Männer auf und gingen hinunter ins Dorf. Fast das ganze Dorf war bis auf die Grundmauern abgebrannt. In den Ställen war das ganze Vieh und die Pferde in den Ställen mit verbrannt. Franz und Jacob Dück (Heinrichs Brüder) spannten 2 Pferde an, packten Decken, Kissen und andere nützlichen Sachen auf Wagen, nahmen Frauen, Kinder und Geschwister und fuhren gen Süden. Sie wollten eigentlich nach Berdjansk und dann per Schiff zum Kaukasus. Sie blieben über Nacht bei guten Freunden in Alexandertal. Da aber die Banden abgezogen waren, änderten die Geschwister ihre Pläne und kehrten nach einem 2 - 3 wöchentlichem Aufenthalt zurück nach Blumenort.

Das Massengrab, Blumenort, 1919. Foto aus Lohrenz, Seite 258

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Ihre Häuser waren völlig ausgeraubt. Das Feuer der Revolution war wieder entfacht. Schwerer als unter dem Verlust von Hab und Gut, litten die Menschen unter dem Gefühl persönlicher Unsicherheit, das sie Tag und Nacht nicht mehr los wurden. 

Wenn ich die Lebenserinnerungen (1950 verfasst) von Heinrich lese, dann sollte er auch in dieser Zeit in Blumenort gewesen sein. Aber weil er in sowjetischer Zeit nicht alles offen schreiben konnte, vermute ich, dass er etwas verschwiegen hat. Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe:

- Seine jüngere Schwester Maria beschrieb in ihren Erinnerungen diese schreckliche Zeit ebenfalls  und erwähnte, dass ihr jüngerer Bruder (Heinrich) derzeitig noch im Krieg gewesen sei .

- Heinrich schreibt 1955 in seinem Tagebuch, als er eine Frau Epp traf:   „Es  ist die Tochter von Kornelius Epp, bei dem ich mal anno 1921 als Deserteur hineinschneite zu einem großen Geburtstag und mich sehr am “minische” Zwieback, Schnittchen und Kaffee ergötzte.“

 

Warum verschwieg Heinrich, was er tatsächlich in dieser Zeit getan hat? Ich denke, die einzige plausible Erklärung ist, dass Heinrich irgendwann zwischen 1918 und 1921 in der Weißen Armee diente. Diese Tatsache musste man unter dem sowjetischen Regime für sich behalten, um sich nicht in Gefahr zu begeben, verhaftet und verurteilt zu werden. Er hat auch später seinen Söhnen davon nichts erzählt. Auch mein Bruder Andrej schloss sich meiner Beurteilung an. 1969 besuchte unser Vater Johann Dick in Selenokumsk Heinrichs Cousin Peter Dück. Im Gespräch äußerte sich Peter, dass Heinrich in der fraglichen Zeit bei den Weißen gedient hatte. 

Als die regulären Truppen der Roten Armee in der Molotschna eintrafen, verbesserte sich die Lage etwas. Die bolschewistische Regierung versuchte dem Bandenwesen, den Raubüberfällen und dem Morden Einhalt zu gebieten. In ganz Russland entstand so etwas wie „Ruhe und Ordnung“, selbstverständlich nach dem Verständnis der Bolschewiken. War der Diebstahl bisher eine kriminelle Handlung im privaten Bereich, wurde jetzt im großen Stil und mit politischem Programm gestohlen, man nannte dies „Enteignung“. Das Privateigentum wurde abgeschafft alles „vergesellschaftet“ oder verstaatlicht. Auch Familie Dück wurde enteignet und sie verloren ihr Geschäft und ihre Ländereien. Heinrich führte während der Kriegszeit und die Jahre danach bis 1925 ein Tagebuch, das er aus Angst vernichtete. Leider bleibt dadurch Vieles für immer im Dunkeln. 

Heinrich besuchte viermonatliche Tierzuchtkurse. Tierzucht wurde zu seiner lebenslangen Berufung. Er arbeitete aber auch in dieser Zeit, ich vermute von 1921 bis 1923, als Lehrer in der Dorfschule. Es herrschte Hungersnot. Und in dieser schrecklichen und schweren Zeit verliebten sich zwei junge Menschen: Heinrich Dück und Frieda Cornies.  

Heinrich Dück

Diese Jahre bis zur Hochzeit waren nicht einfach. Frieda kam aus dem Hause „Cornies“, eine der bedeutendsten Familien unter den russischen Mennoniten. Sie war eine sehr hübsche, ernste junge Frau, die aber an ihrer Liebe, ihren Entscheidungen zweifelte. Heinrich und Frieda waren verlobt und trotzdem kam der Moment, in dem sie über die Aufhebung der Verlobung nachdachten. Heinrich wollte nur eins: Seine Frieda glücklich machen! Am 11. Januar 1922 schrieb der verzweifelte Heinrich seiner Braut den folgenden Brief: 

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Liebe Frieda!

Da wir gegenwärtig selten die Gelegenheit haben, uns auszusprechen, und da wir bei Gelegenheit es gewöhnlich doch nicht so tun, wenn wir's uns vornehmen, und da ich dieses drückkende Gefühl, das mich gegenwärtig nicht verlässt, mal etwas abschütteln möchte, muß ich schreiben. Warum es uns so gehen muß und es so sein muß, weiß ich nicht, aber dass es so ist, das weiß ich; ich muß daher wider meinen Willen, entschiedene Stellung dazu nehmen. - Nicht zum ersten mal geht’s uns so, es ist nur mit dem Unterschied, dass wir früher mehr frei in unserem Tun sein konnten, während es jetzt damit schon etwas anders steht. Und doch soll dieses uns nicht hindern, so zu handeln, wie es für uns besser ist. Zögernd willigte ich damals auf diesen unsern ersten oficiellen Schritt ein. Aber ich baute teilweise auf Deine Gebete, die da aufrichtig sind, während meine

 

 

so kleingläubig und ohne Vertrauen sind; dann hoffte ich bei Dir doch Liebe gefunden zu haben, indem wir nach wiederholtem Auflösen unseres Verhältnisses doch immer wieder uns fanden, trotzdem ich manchmal mich bemühen wollte, es nicht zu rasch zus tun. Was zog uns denn immer wieder zu einander als nicht die Liebe? Und manche glückliche Stunde haben wir doch verlebt, Frieda;-aber leider zu oft wurde unser Himmel getrübt.- Wenn das im Leben auf immer so ist und sein wird, dass Wolken den Himmel trüben, so muß man doch, wenn man sich „ewig binden will“danach sehen, ob die Liebe erwiedert wird, oder nicht; wenn nicht, so fehlt vom Unerlässlichen das Unerlässlichste. Und wenn Du, Frieda, nicht glücklich bist und immer wieder an Deiner Liebe zweifelst, und sich diese Deine Stimmung immer wieder in gleicher Stärke wiederholt, so können wir uns kein Glück versprechen. - Mein Wunsch ist, Dich glücklich zu machen, denn nun dann kann auch ich glücklich sein.-  

 

 

Wenn Du nicht glücklich bist, Frieda, wozu wirst Du denn leiden?- Opfer will ich keine; dann opfre ich lieber, indem ich auf das ersehnte Eheglück verzichte. Denn es ist die Liebe, die die einzig wahre Grundlage des glücklichen Ehestandes bildet. Ohne sie ist die äußere Form der Verheiratung nur ein Spott.- Ich hätte schon lange zurücktreten sollen, was ich auch mehrere mal zu Dir gesagt und habe tuhn wollen. Aber immer wieder musste ich zurückkehren, wie weit ich auch schon von Dir entfernt gewesen bin.- Ich dachte, letzteres sei ein Beweis dafür, dass es für uns so besser sei: Und leider wissen wir bis jetzt noch nicht, was für uns gut ist. Wäre in dieser unserer Lage ein andres würde ich vielleicht eher zu raten wissen, wie zu handeln sei, aber das ist meine persönlichste Angelegenheit und daher weiß man sich nicht so leicht zu raten. Denn es ist nicht leicht, sich von dem zu scheiden, wofür man mehrere Jahre gelebt hat, und zwar vom Glück, das wir doch gehabt haben.  

 

 

Wie fühlte ich mich in den Stunden unseres Glückes so wohl bei Dir. War es Täuschung? -Nein.- Was machte mich denn glücklich? -Es war Deine Aufrichtigkeit mir gegenüber, Dein Vertrauen zu mir, Dein fester Glaube an Gott, und manchmal Deine Sorge um mein Seelenheil, was auf mich mehr wirkte, als viele Predigten, dann Deine Zärtlichkeit, Deine gefühlsvolle Teilnahme, Deine Lieder, die Du mir an entlegenen Plätzchen im Wald und auf der Wiese gesungen. Es waren die Stunden in denen ich zu Dir so sprechen konnte, wie mir um's Herze ward, und ich zu keinem Freunde hätte sprechen können.- Ich war wirklich glücklich.- Und oft musste ich doch schüchtern zurücktreten, wenn ich nicht Erwiederung fand und Deine Kälte merkte. Es machte mich manchmal fast befangen in Gegenwart von anderen. Und nicht selten bin ich dann betrübt von Dir nach Hause gegangen, wie am Heiligen Abend, so auch gestern abends.

Ich frage mich nun, nachdem Du mir gestern sagtest, wie Du zu mir stehst: Kann es nicht anders werden? Kannst Du auf Grund Deiner Erfahrungen noch auf etwas Besseres hoffen? - Ich fang schon an zu zweifeln.

 

 

Es fehlt an der Hauptsache: an der Liebe, an der Beständigkeit und Entschlossenheit, an dem Ewigkeitsgehalt, was man bei einer Lebensgefährtin suchen muß. Denn die rechte Ehe muß ein in unsere gefallene Welt herübergerettetes Stück des verlorenen Paradieses sein. „Das Christliche Heim muß eine sprudelnde Quelle der Liebe und Freude, der Hingabe und Treue, der Aufopferung und Selbstverleugnung sein.“ Wollen uns entschieden Rechenschaft ablegen auf Grund der gegenseitigen Prüfung, ob wir zueinander passen, oder ob wir einen Mißgriff getan haben, der später nicht mehr gut zu machen ist. Jetzt ist noch Zeit dazu, denn von dem Ehegelöbnis gibt’s keinen ehrenvollen Rückzug mehr. Wenn uns Gott den Verstand gegeben hat, so will er auch, dass das Herz auch etwas acht auf die Stimmen desselben gibt und wir dachten und überlegten, urteilen und unterschieden. Und wenn wir merken, dass wir einen Missgriff getan haben, so ist jetzt noch immer Zeit zurückzutreten, während später nicht mehr; denn die Ehe dauert

 

 

„bis der Tod uns scheidet“ Das Band der Ehe kann nur gelöst werden durch den Schiffbruch des Lebens. Hieraus der ungeheure Ernst des Ehegelöbnisses, so dass es uns klar ist, dass wir diesen Schritt nicht so machen können, wie wir wir(?) den Schritt zu unserer Verlobung gemacht haben, sondern uns ganz der göttlichen Weisung und des Segens klar bewusst sein müssen. Darum nochmals prüfe, was sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet. Die Aufhebung unserer Verlobung würde uns großen Kummer machen, wenn aber Gottes Hand darinn (?) ist und das, was unvermeindlich erscheint, den Plan unserer ehelichen Verbindung durchkreuzt, so ist es besser, sich zufrieden geben, ohne zu klagen. Es fällt mir schwer, diesen Brief Dir zu schicken, aber wir müssen ins Klare über uns kommen. Vor allen Dingen weise und mit Bedacht handeln;Schonung gegenseitig- und Deinen Eltern gegenüber. In allem, Frieda, hab ich Dein Wohlwollen mir gegenüber gesehen und verspürt, drumm

 

 

verzeih bitte, wenn ich Dich irgend wie in diesem Briefe verletzt habe.


in Liebe 

Dein Bräutigam   H.Dück


11/I 22

Blumenort  

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Die Liebe siegte und beide fanden zueinander. Am 3. Juni 1923 feierten einst sehr wohlhabende Familien in sehr ärmlichen Verhältnissen die Hochzeit von Frieda und Heinrich. Es war gleichzeitig der 54. Geburtstag von Friedas Mutter, Margaretha Cornies. Das Brautpaar konnte sich den Fotografen nicht leisten und so besitzen wir kein  Foto von diesem Ereignis. 

Die erste Zeit bewohnten sie ein Zimmer in Dücks Haus, wie auch noch Bruder Franz und Schwester Maria.

1923-24 ging durch alle mennonitischen Kolonien Russlands eine große Auswanderungsbewegung. Man hatte seit Beginn des ersten Weltkrieges zu viel erlitten, man fürchtete noch Schlimmeres für die Zukunft. 

Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„Da wir nun sah'n, dass kein Vorwärts kam und war verbreitete sich das Auswanderungsfieber immer mehr mit B.B.Janzen an der Spitze; und so versuchte auch ich die Papiere zu bekommen. Aber es war nicht so einfach; es nahm 4 volle Jahre bis wir endlich einmal über die Grenze kamen; wir mussten alle noch eine schwere Leidensschule durchmachen; nach zwei Richtungen hin arbeiten. … ich aber versuchte fast Tag und Nacht die nötigen Auswanderungspapiere auszuwirken; was mir dann auch gelang, oft unter Lebensgefahr. Die Roten hatten die geladenen Revolver oft auf den Tischen liegen.“

Am 28. Februar des außergewöhnlich schneereichen Winters 1924 wurde mein Vater Johann Dück geboren. Mutter Margaretha Cornies stand ihrer Tochter Frieda bei der Entbindung bei. Heinrichs und Friedas erster Sohn bekam seinen Namen nach Vater, Groß- Ur- und Ururgroßvater von Frieda. Zu Hause nannte man ihn "Hansi". 

Ungefähr in dieser Zeit bekam Heinrich eine neue Anstellung als Verwaltungsangestellter für Landwirtschaft und Viehzucht. Die Arbeit gefiel ihm. „ Diesen Posten mit etwaigen Veränderung und Definition der Funktionen habe ich über 5 Jahre und zwar bis zum Frühling 1929 bekleidet. Unter meiner Leitung und aktiver Mitwirkung hat das Kontrollwesen und Zuchtarbeit in der Zucht der Deutsch-roten Kuh und die kooperative Verarbeitung und der Absatz der Milchprodukte in dem Tätigkeitsrayon unsrer Genossenschaft (früherer Halbstädter Bezirk) seinen Anfang genommen und großen Aufschwung erlebt.“, schrieb Heinrich 1935 in sein Tagebuch.

Die sowjetische Regierung hatte eingesehen, dass man ein langsameres Tempo bei der Enteignung und Kollektivierung einschlagen musste, um einen völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern. Die Privatinitiative wurde wieder zu einem gewissen Grad gefördert und schon nach kurzer Zeit spürte man einen wirtschaftlichen Aufschwung. Obwohl man nicht mehr als 30 Deßjatin Land privat bearbeiten durfte, ging man aber doch mit neuem Mut an die Arbeit. Auch das Geschäftsleben nahm einen erfreulichen Aufschwung. In Blumenort wurde in dieser Zeit neben Dücks Haus eine große Molkerei errichtet, in der Butter, Käse und andere Molkereiprodukte produziert wurden.

Diese Entwicklung ließ Großvater Heinrich Dyck umdenken und er glaubte, dass sich die Verhältnisse wieder bessern würden. Er war nicht allein mit seinem Enthusiasmus und seiner Zuversicht, hier in seiner Heimat wieder erfolgreich zu sein und zu Wohlstand zu kommen. Sein engster Freund und Ehemann seiner Schwester Anna, Peter Neufeld, teilte seine  Hoffnung, dass das Schlimmste überstanden sei, und dass wieder normale Verhältnisse eintreten würden. Und so entschlossen sich Heinrich Dück und Peter Neufeld mit ihren Familien in der alten Heimat zu bleiben. 

 

Mit dieser Entscheidung beging mein Großvater Heinrich Dück seinen größten und entscheidendsten Fehler seines Lebens, der schwerwiegende Auswirkungen auf das zukünftige Leben seiner Familie hatte. Er hatte sich vom kurzzeitigen, scheinbaren Abwenden des Sowjetregimes von Enteignung, Kollektivierung und Verstaatlichung blenden lassen und geglaubt, dass die Verhältnisse sich wieder normalisieren würden.

Auswanderung 1924 auf der Station Lichtenau,
Der Bote Nr. 14, 2.04.1974
Station Lichtenau, 2013
Station Lichtenau (heute Svetlodolinskoe), Bahnhof, 2013

„Nur begann die große Auswanderung. Von der Molotschna gingen die ersten Züge im Sommer 1924. Man reiste in sogenannten Eschelons. Ein Eschelon war immer ein ganzer Zug, der ungefähr 1000 Auswanderer fasste.“Im Juni 1924 reisten Frieda´s Eltern den Töchtern Gredl, Liesel und Marta zusammen mit anderen mennonitischen Emigranten nach Nord Amerika aus. Eine große Menschenmenge, Verwandte und Freunde der Abreisenden, versammelte sich auf (Eisenbahn) Station Lichtenau. Der Abschiedsschmerz war unerträglich. Dass es ein Abschied für immer war, wagte kaum einer sich vorzustellen. Frieda wollte natürlich auch mit ausreisen, aber Heinrich überredete sie zu bleiben. Das hat er später bitter bereut und es plagten ihn Schuldgefühle gegenüber seiner Frau und den Kindern. 

Ein Jahr später emigrierte die noch verbliebene Schwester Friedas, Käthe mit Familie. 1926 folgten Heinrichs Geschwister und ließen sich in Kanada nieder. 

Jahre später schrieb Heinrich:

„Wie Frieda´s Eltern so später ganz besonders meine Geschwister bemühten sich auch uns, d.i. mich und den Schwager P. Neufeld mit Familien, zur Emigration zu bewegen, was jedoch erfolglos blieb, da wir beide meinten uns von unserer öffentlichen Arbeit, in der wir standen, nicht trennen zu können, und anderseits, ich mich fürchtete in ein Land zu ziehen in dem ich weder Sprache noch Verhältnisse kenne und somit einer Exploitation ausgesetzt wäre; zudem war ich auch der Meinung dass ein Teil der Auswanderer früh oder spät je nach Erfolg der wirtschaftlichen Aufschwünge in unserm Lande wieder zurückkehren würden.“

„Es fallen mir heute die Worte meiner Schwägerin Tine bei, die sie bei ihrer Abfahrt vor 15 Jahre äußerte wie wir uns wohl allein in Krankheitsfällen zurechtfinden würden. Ja, damals waren wir noch jung und gesund und sahen keine Gefahren.  Heute ist es doch schon weit anders.“

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Am 12. Oktober 1925 bekamen Heinrich und Frieda ihren zweiten Sohn Heinrich, und drei Jahre später, am 8. September 1928, die Tochter Rita. Das Mädchen starb im Alter von einem Jahr und 4 Monaten nach knapp viertägiger Lungenentzündung. Der Schmerz der Eltern war sehr groß und es brauchte viele Jahre, um diese tiefe Wunde zu heilen.

Blumenort ca 1928, links Fam.Dück, rechts Fam. Neufeld. Im Hintergrund ist das Haus der Familie Dück (der Dycksche Hof).

Im Frühling 1929 kündigte Heinrich seine Arbeitsstelle, um eine kleine Privatwirtschaft auf 16 Hektar Land zu betreiben. Noch wurden die „Kulaken“, d. h. die mittelständischen Bauern nicht angetastet und es war ein wirtschaftlicher Aufschwung spürbar. Doch schon sehr bald erwachte man aus diesem schönen Traum, denn 1930 begann das Sowjetregime auch in Blumenort die Landwirtschaft zu kollektivieren. Gleichzeitig wurde es nicht mehr erlaubt, aus der Sowjetunion auszuwandern. Die Kollektivierung stellt in der marxistisch-lenistischen Gesellschaftslehre einen Meilenstein auf dem Weg in den Kommunismus dar. Mit der Kollektivierung wurde das Privateigentum abgeschafft, die Bauern mussten ihr Vieh und alle landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen an das Kollektiv abgeben. Jedes einzelne Dorf bildete sein eigenes Kollektiv. Manche Familien mussten jetzt zusammenziehen, weil ihre Häuser und Stallungen für Kollektivzwecke benutzt wurden.

„Auf unserm Hof waren inzwischen außer uns und Brauns noch 6 Familien (meistens russische) einquartiert. Ein jeder versuchte nun seine Privatwirtschaft anzulegen und begann mit Hühner, Ferkel und Kalb.  Die Sache wurde somit immer bunter und Grenzen waren keine mehr festzulegen.  Und wenn fremde hungrige Hühner die Hälfte unsrer Kartoffel aus der Erde hackten, wenn die gekaufte Holzblöcke vor unsrer Haustür oder sogar der Zaun neben dem Hause über Nacht verschwanden und den Junggesellen auf dem Hof ihr Zimmer erwärmte so musste man sich des Friedens halber damit ganz zufrieden geben und diese Angelegenheit mit Stillschweigen umgehen.  Haben daher mit unsern Haus- und Hofgenossen immer Frieden gehabt.“,  schrieb Heinrich in sein Tagebuch.

Sein engster Freund und Schwager Peter Neufeld wurde als Sekretär und Rechnungsführer in die erste Verwaltung des Kollektivs gewählt. Im Sommer 1931 wurde er von der NKWD verhaftet und ins Exil geschickt. Das Einzige, was man ihm vorwerfen konnte war, dass er der Sohn eines ehemaligen großen Landbesitzers sei. Deswegen sei er „ein Feind des Volkes“. Es war die Zeit der „Entkulakisierung“, der gewaltsamen Vernichtung des einst wohlhabenden Teils der Bauernschaft durch das Sowjetregime.

Heinrich wurde im Januar 1931 als Viehzüchter im Kollektiv angestellt. Er musste von 4 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts arbeiten. Dieser unmenschliche Arbeitsrythmus wirkte sich sehr schnell auf seine Gesundheit aus und zwang ihn, eine leichtere Tätigkeit zu suchen. Am 1. April 1932 trat er als Techniker für Zuchtangelegenheiten in den Dienst des Stützpunktes „Südliches  Forschungsinstitut für Rindviehzucht“ ein. 

Am 5. April 1931 wurde der Familie ein blauäugiges und blondes Mädchen geschenkt. Es bekam den Namen Erika. Im Herbst 1932 wurden beide Jungs, trotz ihres Altersunterschiedes, in die erste Gruppe der Blumenorter Dorfschule eingeschult. 

Die Familie Dück besaß, außer einer kleinen Wohnung im früheren Elternhaus und einem kleinen Gemüsestück gar nichts mehr, sie mussten alles an das Kollektiv abgeben. 

Ab August 1934 wurde Heinrich ins Charkow Institut versetzt, wo er das von ihm gesammelte Material zur Erforschung der Vererbungsfähigkeiten einzelner Zuchttiere bearbeitete. Diese Versetzung war mit der Trennung von seiner Familie verbunden. Im Januar 1935, als die Lebensmittelversorgung in Blumenort noch schlechter wurde und eine Wohnung für die Familie in Charkow nicht zu bekommen war, entschied sich Heinrich, den Heimatort zu verlassen und nach Melitopol zu ziehen. Obwohl die Stadt Melitopol nur 40 km entfernt war, wurde der Umzug im Winter sehr strapaziös. Heinrich beschreibt die ganzen Schwierigkeiten ausführlich in seinem Tagebuch. Ab Februar 1935 beschäftigte er sich wieder mit der Forschungsarbeit im Molotschansker Stützpunkt. Die Wohnung der Familie in Melitopol befand sich in der Nekrassowa Straße, diesen Stadtteil nannte man „Krasnaja Gorka“. Hans und Heini setzten in Melitopol den Schulunterricht in der 3. Klasse der deutschen Parallelklassen einer russischen, siebenklassigen Schule wieder fort. Bis zur Schule im Stadtzentrum hatten sie etwa 1,5 - 2 km zu laufen.

Im August 2013 haben wir vergeblich nach diesem Haus in der Nekrassowa Straße in Melitopol gesucht. Leider wussten wir die Hausnummer nicht und ältere Anwohner der Straße waren kaum zu finden. Zum Glück ist die Nekrassowa Straße sehr kurz, deswegen konnten wir wenigstens die Gegend anschauen, in der die Dück's gewohnt haben.

Aus Heinrich's Tagebuch:

„23.V.1935.  Wir sind doch eigentlich schon gründlich ausgepowert: haben ein schlechtes Quartier, mangelnde Kleidung, schmale Kost, die fast ausschließlich aus Hirse und Brot in täglich zugemessenen Rationen besteht, besitzen weder Hühner noch irgend ein andres Haustier, haben kein Gemüse setzen können usw. usw. Zudem unsichere Einnahmsquelle- einfach fatal!“

Wegen Heinrich's längeren Dienstreisen, blieb Frieda oft alleine mit den Kindern in der fremden Stadt.

Trotz Geldmangel ließen sie sich zusammen fotografieren, um den Geschwistern und Friedas Eltern ein Photo zu schicken. 

1935, von links Heini, Frieda, Erika, Heinrich, Hans

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Da Heinrich den Arbeitsort wechseln mußte, ist die Familie im August 1935 wieder umgezogen, diesmal in die (Eisenbahn) Station Schelannaja. Durch den Arbeitsplatzwechsel und dem damit verbundenen Umzug wurden im folgende Entschädigungsleistungen und eine neue Gehaltsfestsetzung zugestanden: 350 Rubel Monatsgehalt, Wohnung, Heizkosten und Umzug mit Familie kostenfrei, sowie ein Geldvorschuss in Höhe von 300 Rubel.  Für seine Qualifikation in der Viehzucht war dies ein anständiges Angebot.  Als Hauptproblem stellte sich der Schulbesuch der beiden Jungen heraus: Auf der Station gab es „nur“ eine ukrainische Schule! Heinrichs Versuch, eine Wohnung in dem 4 km entfernten deutschen Dorf Ebental mit einer zehnklassigen Schule zu finden, schlug fehl. 

Die Wohnung auf der Station Schelannaja befand sich am Ende einer Straße, die zu einer kleinen Butterei führte. Sie bestand aus zwei Zimmern, einem angebauten Flur und einem kleinen Keller daneben. Einen Hof gab es nicht. Hans und Heini besuchten zuerst die ukrainische Schule. Das beschränkte Unterrichtsangebot dieser Schule bereitete Heinrich viel Sorgen!  

Das andauernde Ausbleiben jeglicher Nachrichten von den Verwandten aus Kanada verstärkte bei Frieda das Gefühl der Einsamkeit, besonders während Heinrichs Dienstreisen.

Im April 1936 zog die Familie noch einmal in eine bessere Wohnung um. Sie wohnten jetzt in  direkter Nachbarschaft von Heinrichs Vorgesetztem. 

Mein Großvater besuchte im Frühling 1936 Monatskurse für künstliche Befruchtung am Charkower Forschungsinstitut für Viehzucht. 

Die Lebensverhältnisse besserten sich, im Sommer 1936 besaß die Familie schon ein Schweinchen, ein Ferkel, 5 alte und 11 junge Hühner, etwa 65 Küken und 2 Hähne und einen schönen Gemüsegarten.

Eine traurige Nachricht kam aus Kanada: Friedas Vater, Johann Cornies, war gestorben! In dieser Zeit quälte Heinrich noch mehr die Tatsache, dass Frieda eigentlich seinetwegen ihren Eltern nicht nach Kanada gefolgt war und somit von ihnen getrennt leben musste. 

Johann Cornies IV.
die Beerdigung von Johann Cornies IV., 1936
Memrik Kolonie, "Memrik" H. Goerz

Im Herbst 1936 gingen die Kinder endlich in die deutsche Schule nach Ebental. Sie mussten aber jeden Tag früh morgens um viertel nach sechs 4 km zu Fuß übers Feld und dann der Bahn entlang zur Schule gehen und kehrten nachmittags zurück. Große Sorge bereitete das Fehlen an nötiger Kleidung und Schuhen für den Winter. Der Winter brach herein, aber es konnte keine Übernachtungsmöglichkeit für die Kinder in Ebental gefunden werden. Endlich, im Februar 1937, wurden Hansi und Heini im Internat der Nikolajewer (russischer Name für Ebental) Schule untergebracht. Verpflegt wurden sie in der Artels Speisehalle. In ihrem verhältnismäßig kleinem Zimmer standen dicht nebeneinander neun zweistöckige hölzerne Bettgestelle, somit wohnten 18 Schüler in dem Zimmer. 

1937 und 1938 waren Schreckenszeiten in der UdSSR. Eine Terrorwelle ging über das ganze Land. Millionen von unschuldigen Menschen verloren Freiheit und Leben, oft aus dem alleinigen Grunde, dass sie einmal der besitzenden Klasse angehört hatten. Meistens holten die Leute der NKWD nachts ihre Opfer. „Milizionäre kamen ins Haus, lasen von einer Liste den Namen des Familienvaters oder Sohnes und gewährten ihnen eine halbe Stunde Zeit, sich fertig zu machen und Abschied zu nehmen von ihrer weinenden Familie. Es war für die Betroffenen fast schwerer als den Tod zu ertragen; wusste man doch, dass es nicht nur ein Abschied für immer, sondern für den geliebten Vater oder Mann auch der Anfang einer schweren Knechtschaft sei, von der ihn nur der Tod erlösen würde.“2 Heinrich und Frieda hatten Tag und Nacht furchtbare Angst. Wenn sie vom Motorengeräusch der Autos aus dem Schlaf gerissen wurden, fragten sie sich: „Wird es uns dieses Mal treffen?“

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Deswegen dachte Heinrich darüber nach, noch einmal Wohn- und Arbeitsort zu wechseln. Große Sorgen machte ihm auch der Schulunterricht für seine Jungen. Das Internat war voll belegt und sehr teuer. Der Unterricht erfolgte bereits überwiegend in russischer Sprache.

 

Im August 1939 schloss Heinrich einen Fernkurs an der Moskauer Fremdsprachen-Fachhochschule ab. Er erhielt das Diplom als Übersetzer für die deutsche Sprache. 

Der Winter 1940 war sehr streng, die durchschnittliche Schneehöhe betrug ca. 3/4 m. Die Familie war in Geldnot und hatte mit vielen Nöten zu kämpfen: Heizung, Beleuchtung, Kleidung, 

Krankheiten usw. In Europa tobte der 2. Weltkrieg.

Heinrich hatte sich durch seine praktische Tätigkeit viele Kenntnisse in der Viehzucht angeeignet, besaß aber keinen qualifizierten Abschluss (Diplom). Daher absolvierte er im Herbst 1940 einen sechsmonatigen Viehzucht-Kurs am Zooinstitut in Charkow. 

Im Februar 1941 wurde der Stützpunkt, in dem Heinrich gearbeitet hat, aufgelöst. Die Not wurde immer größer und Friedas Gesundheitszustand verschlechterte sich. Die Wohnung der Familie Dück war so baufällig, dass es in der Küche und im Flur durch die Decke regnete. Für die dringend notwendige Renovierung fehlte das Geld und die Kraft. Sie konnten seit mehreren Monaten kein Kerosin mehr kaufen und waren vollständig ohne Beleuchtung. Ab März 1941 erhielt Heinrich einen Posten als Inspektor für Rinderzucht. Sein Tätigkeitsbezirk erstreckte sich über 13 Viehfarmen im Radius von ca. 12-13 km. Dafür wurde ihm ein Pferd und ein Fahrrad zur Verfügung gestellt.  

„22.VI.1941  Sonntag.  Ein sehr ernster Tag.  12 Uhr 15 Min. meldete der Volkskommissar des Auswärtigen Amtes Genosse Molotow, dass Heute Uhr 4 des Morgens die Rote Armee von deutscher, finnländischer und rumänischer Seite angegriffen worden und somit der Krieg ohne Kriegserklärung begonnen habe.“, schrieb Heinrich in sein Tagebuch.

Aber es kam noch schlimmer: Heinrich und seine Söhne wurden in die Trudarmee (Arbeitsarmee) zwangsrekrutiert. Das bedeutete, dass alle Männer deutscher Abstammung im Alter zwischen 16 und 65 Jahren unter Androhung von Gewalt in Eisenbahnwaggons verladen und nach Osten geschickt wurden. Es war gewissermaßen die Vergeltung des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Die Trennung von zu Hause war sehr schwer, man wusste nicht, ob man irgendwann zurückkehren würde. Glücklicherweise wurde im letzten Moment der jüngste Sohn Heinz freigelassen. Am 11. September 1941 fuhren Heinrich und Hans mit dem Zug in eine unbekannte Richtung. Unbeschreiblich schwer war das Los der Zurückgebliebenen, Frieda, Heinz und Erika. Am 22. September kamen Heinrich und Hans im Ural an. Das Lager, in dem die Beiden untergebracht wurden, war mit einem Stacheldrahtzaun umgeben und dahinter erstreckten sich nur schneebedeckte Wälder. Jeden Tag mussten sie schwere Arbeit verrichten und bekamen nur ganz magere Kost. Was Heinrich und Hans dort erlebt haben, kann man kaum in Worte fassen. Fast jeden Tag starb jemand in der Baracke vor Hunger und Erschöpfung. Trotz dieser unmenschlichen Verhältnisse schrieb Heinrich weiter in sein Tagebuch. Woher er die Kraft dazu nahm, kann ich kaum erfassen. Ständige Sorgen um die Familie zu Hause konnten einem den letzten Verstand rauben. Längere Zeit bekamen sie keine Nachricht von ihren Lieben. 

Frieda durfte mit ihren Kindern auch nicht zu Hause bleiben. Am 3. Oktober wurde der Befehl erlassen, dass alle Mennoniten der Ansiedlung , Frauen, Kinder und die noch zurückgebliebenen Männer, evakuiert werden würden. Sie mussten sich alle innerhalb von zwei Stunden mit ihren Sachen fertig auf der Station Schelannaja einfinden.

„So mussten alle diese unglücklichen Menschen in Regen und Schnee (es schneite in diesem Jahre sehr früh) zwei Tage lang unter offenem Himmel liegen, bis endlich einmal Waggons da waren, sie einzuladen.“2

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Am 2. Dezember bekam Heinrich endlich die eine langersehnte Nachricht von seiner Familie, eine Karte von seiner lieben Frieda folgenden Inhalts.  15.XI.41.  “Vorgestern in Pavlodar (Kasachstan) angekommen, befinden uns neben der Station und warten auf weitere Beförderung in die Kolchose.  Wir sind gesund einstweilen, Erika fühlt sich schwach. Wenn Ihr Euch schon eingerichtet habt, macht es doch möglich, dass wir zu Euch kommen, denn Heini ist doch noch klein und ich nicht gesund.  Es ist sehr kalt.” Bei Heinrich und Hans war die Freude sehr groß, ein Lebenszeichen der Familienangehörigen erhalten zu haben!

Wie viele andere wurden Frieda mit ihren Kindern in die kasachische Steppe vertrieben.

Im Februar 1942 durften Heinrich und Hans zu ihren Familie zurück. Die Fahrt nach Pavlodar im sehr kalten Waggon mit 50 hungrigen Menschen dauerte sieben Tage. „14.II.42.  Wie die reisenden Tiere sind unsre Menschen, die dieses durchgemacht haben.  Von menschlichen Gefühlen absolut keine Spur mehr. Bitterer Kampf ums Dasein.“

Nach der Ankunft brauchten Heinrich und Hans noch 14 Tage, um ihre Familie zu finden.

„7.III.42.  Gestern spät abends haben wir uns nach sechsmonatlichen Scheiden alle wiedergefunden, und zwar in einem kleinen sibirischen Häuschen des Dorfes “Motogul”, Pavlodarschen Gebiet.  Es ist eine wunderbar gnädige Führung.  Frieda ist sehr abgemagert, Heini ist sehr gewachsen und sehr selbstständig geworden, am wenigsten hat sich Erika verändert.“

„8.III.42.  Einen Tag in meiner Familie verbracht.  Zu erzählen haben wir uns ohne Ende, denn erlebt haben wir ein jeder im einzelnen im Laufe eines halben Jahres mehr als die meisten früher im ganzen Leben.  

Die Freude über unser Wiedersehen ist unbeschreiblich, trotzdem sehr primitiven Lebensverhältnisse, in die wir hinein geraten sind. Hansi und ich haben uns schon sehr ergötzt an der ungewohnten Kost, dicker Weizenbrei und Schlichtmehlklöße, denn 6 Monat haben wir nur Suppen gegessen und nie etwas Dickes.  Unterwegs haben Hansi und ich viel gehungert, nur in den letzten 2 Tagen, als wir schon in Verbindung mit den Motoguler Kolchosniki kamen, war uns etwas mit Brot geholfen. Der Vorrat im Hause ist etwas 5 Kilo Weizen.“

Ein sehr schwerer Schicksalsschlag traf die Familie im März 1942. Erika starb an Meningitis, sie wurde nur 11 Jahre alt! Am 3. April trugen sie zu viert das liebe Kind am Ufer des Irtysch zu Grabe.  Diesen Verlust haben Frieda und Heinrich bis zum Ende ihres Leben nicht verkraftet. „es scheint so, als wenn wir nie mehr werden froh sein können.  Alles hat seinen Wert verloren.“ „...ich frage mich heute, ob ohne unsre liebste Erika ein glückliches Familienleben möglich ist.“

Not und Hunger hatten kein Ende. Im November 1942 wurden wieder alle deutschstämmigen Männer, aber auch Frauen im Alter bis 45 Jahren, in die Trudarmee eingezogen. Und so blieb Frieda ganz allein in der sibirische Kälte ohne Familie, ohne  auch nur den kleinsten Vorrat an Lebensmitteln. Am 4. Dezember kamen Heinrich und seine Söhne in Buguruslan an. Und es ging weiter ums Überleben, es herrschte starker Frost und es gab kaum Essen. Das Einzige, was sie am Leben hielt, war der Traum, wieder zusammen zu kommen. Ständig wartete man auf Post, um ein Lebenszeichen von Frieda zu erhalten. Alle drei Männer arbeiteten sehr hart von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Es ist schier unglaublich, was alle vier in dieser Zeit erlebt haben. Mir fällt es sehr schwer, die Notizen meines Großvaters aus dieser Zeit zu lesen.

Frieda war oft in einer ganz schrecklichen Lage: Ohne Obdach, Nahrung, Kleidung und Arbeit und bei schwacher Gesundheit.

Am 10. Juli 1943 wurde mein Großvater von einer ärztlichen Kommission in Buguruslan für arbeitsunfähig erklärt und aus der Arbeitskolonne entlassen. Die Freude war sehr groß, konnte Heinrich doch zu seiner Frau zurückkehren und ihr in ihrer Not beistehen. Hans und Heinz besuchten ihren Vater zum Abschied. Obwohl Hansi der Abschied schwerfiel, aber er war mutig, weil er sich inzwischen an die Verhältnisse angepasst hatte. Heini war etwas gedrückt und schweigsam, weil es ihm materiell sehr schlecht ging.  

Endlich trafen sich Heinrich und Frieda in der fremden, kasachischen Schneesteppe. „... es war meine vereinsamte liebe Frieda.  Wir fielen uns um den Hals.  Welch eine Freude.  Man hatte Frieda gesagt dass ich in dieser Richtung gegangen sei,  und sie eilte mir nach.  Frieda fand ich sehr verändert, sehr mager und gealtert, eine Folge jähriger furchtbar schwerer Zeit.  Wir zogen nun mein Schlittchen zusammen weiter und kamen sehr müde zum Abend nach Osmirijesk.“ 

In dem Zimmerchen, in dem Frieda wohnte, durften sie nicht bleiben. Heinrich musste schleunigst  eine kleine billige Wohnung und eine Arbeitsstelle für sich finden. Arbeit als Zootechniker fand er in einer Landabteilung in Katschiri. Nach einer Woche, die mit viel Strapazen, Frieren und Hunger verbunden war, hatten sie endlich eine Wohnung gefunden. Frieda wurde schwer krank und musste ins Krankenhaus. Zu diesem Zeitpunkt war Heinrich schon 3 Wochen und Frieda über 3 Monate ohne Brot. 

„18.I.44.  Wie schwer ist mir ums Herze in meiner Einsamkeit; meiner lieben Frieda Zustand wird immer schwerer. Gestern sagte mir der Arzt dass es wohl nicht Typhus sei, heute jedoch kam er und sagte, dass es Flecktyphus ist.  Ich besuchte sie heute und sprach mit ihr durchs Fensterchen im Corridor.  Mir schien es so, als wenn sie etwas im Delirium war.  Ich soll an die Arbeit treten, ich habe jedoch keine Kraft dazu;  ich bin furchtbar geschlagen.  Zudem in einem neuen Quartier, wo die Wirtsfrau wohl unzufrieden, dass wir ihr so eine Krankheit ins Haus gebracht haben und sie mit ihrer Familie in Gefahr gebracht. Kann Gott sich meiner erbarmen?!

3 Uhr nachmittags — war eben bei meiner lieben kranken Frieda im Krankenhaus und brachte ihr ein Stückchen Butter. Frieda spricht sehr erregt und ernst;  sie wollte mich nicht gehen lassen, weil sie meint es gehe mit ihr dem Ende zu. Sie sprach nur von Gott und Ewigkeitsfragen. O, wie ist es so schwer.  Wie gerne möchte ich bei ihr bleiben und nicht von ihr gehen.  Man erlaubt es jedoch nicht.  Das Herz will einem darüber brechen. Schon so viel Schweres durchgemacht — sowas jedoch noch nicht.“

Ende Januar besserte sich Friedas Zustand langsam. Das Leben musste weitergehen, jeden Tag quälten sie die gleichen Fragen: Wie kriegt man das Zimmerchen warm, wie bekommt man etwas zu essen. Sie warteten sehnsüchtig auf Nachrichten von Hans und Heinz und beteten, dass sie am Leben bleiben möchten. Es herrschte die ganze Zeit ein bitterer Kampf ums Dasein!

Am 9. Mai 1945 erreichte sie die frohe Botschaft, dass Deutschland kapituliert hatte und der Krieg beendet sei. Die Jungs durften aber noch nicht nach Hause kommen.

Heinrich nahm eine Anstellung als Zootechniker in der Zuchtarbeit der neu organisierten  Staatszuchtstation in der 150 km entfernten Stadt Pavlodar an. Vor dem Umzug wollten meine Großeltern noch einmal Erikas Grab besuchen, denn sie wussten nicht, ob sie jemals wieder herkommen würden. Aus grünem Birkenholz fertigte Heinrich mit einem Beil ein Kreuz, brannte Erika’s Namen, Geburts- und Todesjahr hinein und fuhr mit Frieda los, um es aufs Grab zu stellen. 

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„Unsre Herzen waren voller tiefer Schmerz und Sehnsucht nach unserm lieben Kind.  So manche Träne hat es uns wiederum gekostet. Unser Gebet am Grabe zu Gott war,  möchte er uns doch den Glauben und die Hoffnung auf eine Auferstehung und ein ewiges seliges Leben stärken und uns in der Ewigkeit mit unserm lieben Kinde ein Wiedersehen schenken.  Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von dem Grabe unsers so heißgeliebten Kindes.  Um später vielleicht nochmal von einem Künstler ein Bild vom Grabe malen zu lassen, machte ich mit dem Stift eine kleine unvollkommene Zeichnung. Das Grab befindet sich am Ufer des Irtyschniederung, unten am Ufer steht eine Gruppe Pappellähnlicher Bäume, dahinter die überschwemte Niederung des rechten Irtyschufers, weiter ein ununterbrochener grüner Streifen des bewaldeten linken Irtyschufers.  Über dem Gewässer Möwen und sonstige Wasservögel.  In der entgegengesetzten Richtung zieht sich die unendliche grüne sibirische Steppe. Dies ist der Ort, an dem unser liebes Kind seinen letzten Ruheort gefunden hat. Wie gerne wir nicht aus dieser sibirischen Einöde hinaus möchten, schneidet uns doch tief schmerzhaft ins Herz der Gedanken davon, dieses liebe Grab hier zu verlassen.“

Jahre später fuhr mein Onkel Heinz mit seiner Frau und dem Sohn Waldemar zu diesem Friedhof, leider konnten sie aber das Grab nicht mehr finden.

Ende Juni mieteten meine Großeltern ein Zimmer in Pavlodar für 150 Rubel (das war viel Geld für sie!) und ein kleines Gemüsegrundstück am anderen Ufer des Irtysch. Im Jahr 1946 verbesserte sich die Lebensmittelversorgung.

„29.IV.46.  Vor einem Jahr hatten wir es noch furchtbar knapp an Lebensmittel; Heute ist bei uns von Hunger schon keine Spur.  Brot haben wir genug.  Sicher sind es keine gewählte Produkten, jedoch satt zu essen haben wir.  Gott sei Dank!“

Ende August 1946 wurde der ältere  Sohn Hans (mein Vater) aus Trudarmee entlassen. Die Freude war riesengroß! Meine Großmutter hatte ihn fast vier und Großvater fast drei Jahre nicht gesehen. Sie fanden, dass Hans noch gewachsen, aber etwas mager sei. Durch ihn kam wieder mehr Leben und Hilfe ins Haus. Heinz durfte im November nur zu Besuch kommen. 

Meine Großeltern machten sich große Sorgen um ihre Jungs, weil beide bis jetzt keine Möglichkeit hatten, eine Ausbildung zu absolvieren. Dazu kamen noch solche Gedanken wie: Ob sie wohl mal tüchtige mennonitsche Frauen werden finden können?

Hans besuchte die Abendschule, die er im Juni 1947 beendete. Zum Herbst schrieb er sich als Fernkursstudent des Pädagogischen Instituts von Semipalatinsk ein.

Allmählich besserten sich die Lebensumstände und das Jahr 1947 war schon bedeutend leichter für  Familie Dück: Sie hatten eine sehr kleine, aber warme Wohnung, eine Kuh, die jeden Tag 3 l Milch gab und fast 100 Pud Kartoffeln im Keller. Die Lebensmittel, die sie nicht selbst produzierten, wie  Brot, Fett und Zucker, gab es zu kaufen. Nur mit der Gesundheit stand es schlecht, Frieda litt an  Asthma und war schwermütig, bei Hans und Heinrich wurde Brucellose festgestellt.

Nach ca. 12 jähriger Unterbrechung erhielten meine Großeltern  einen Brief  von Frieda’s Schwester Marta aus Kanada mit einer sehr traurigen Nachricht: Friedas Mutter, meine Urgroßmutter Margaretha Cornies, sei im November 1944 verstorben, also schon vor drei Jahren. Damit ging Friedas Wunsch, noch einmal in diesem Leben ihre Eltern zu umarmen, nicht mehr in Erfüllung.

Ganz oft quälten meinen Großvater Heinrich Glaubensfragen. Seinem Tagebuch entnehmen wir: 

„ 2.V.1948. Wie gerne möchte ich mal mit erfahrene und aufgeklärte Christen über all diese großen Fragen sprechen; schon fast 20 Jahre nicht in einer Andacht gewesen. 

Frieda ist abends zur Andacht gegangen.  Ich bin noch nicht da gewesen, weil ich auf Grund der Erfahrung noch zu viel Bedenken habe.“

Am 3. Juni 1948 begingen meine Großeltern Silberhochzeit.

„Ein bedeutender Tag für unsre Familie. Am 3 Juni 1923 feierten wir unsre Hochzeit. 25 Jahre sind seit dem verflossen. Wie rasch sind diese 25 Jahre dahin geflossen.  Und doch, wenn man etwas etappenweise analysiert, was sich in diesen Jahren zugetragen hat, was wir einst waren und was wir jetzt sind, so ist es, doch eine geraume Zeit in der Geschichte unsrer Familie. Damals waren wir noch jung, gesund und voller Hoffnung und Lebensmut;  Heute haben wir über ein halbes Jahrhundert hinter uns, unsre physische Kräfte sind teilweise gebrochen; und dennoch, dank Gottes Beistand, ist uns unsre Hoffnung und Mut (zwar andrer Arts) noch geblieben. Nie hätten wir es in unsrer Jugend geglaubt, dass sich unser Leben so gestalten würde.  Hinausgeschleudert aus unsrer Heimatstädte, verloren Hab und Gut, vollständig geschieden schon jahrzehntelang von unsern Verwandten und Bekannten,  in Sibirien arm und bloß, das ist unser Los heute. Was für eine weittragende Folgen ein Schritt im Leben des Menschen und in einer Familie haben kann, haben wir bitter erfahren müssen. Wir gingen unsre eigene Wege und folgten nicht Eltern und Geschwister.  Wir waren damals jung und hatten unsre Überzeugungen.

Trotz der furchtbar schweren Zeit haben wir auch viel Freude und Glück in unsrer Familie gehabt.  Unsrer größtes Glück fanden wir in unserm engen Familienkreis, mit unsern lieben Kindern, zwei Mädels und zwei Jungen; und unser größtes Leid und Schmerz, den wir nie geahnt hatten, fanden wir in dem Tod und Verlust unsrer beiden lieben Mädel. Als erfahrene, frühzeitig gealterte Menschen stehen wir nun da und blicken zurück auf das tiefe Tal, dass wir im Laufe der 25 Jahre zusammen durchwatet haben und danken Gott, dass wir zusammen sind und es etwas bergan geht und wir hoffnungsvoller in die Zukunft blicken dürfen.“

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Heinrich (Heinz) und Marusja, 1948

Im Juni 1948 erhielten Heinrich und Frieda einen Brief mit einem Foto von ihrem jüngsten Sohn Heinz, in dem er über seine Frau Marusja Treichel berichtet. Diese Nachricht hat beide sehr aufgeregt und traurig gestimmt. Erstens, die junge Frau war keine Mennonitin und zweitens, es war nicht sicher, ob Heinz überhaupt nach Pavlodar zurückkommen würde. Sie haben einen Brief an Heinz und  Marusja geschrieben, in dem sie ihnen ihren elterlichen Segen und Glückwünsche zum Ehebund schickten. Meine Großeltern mussten Heinz' Entscheidung, so jung und in so einer ungewissen Lage in der Fremde zu heiraten, akzeptieren. Immerhin, er hatte ein deutsches Mädel geheiratet! Im Oktober desselben Jahres wurden die Jungverheirateten aus der Trudarmee entlassen und kamen nach Pavlodar. Heinz fand ganz schnell eine Arbeit als Schlosser der Dampfheizung in einer hiesigen Fabrik. Die beiden wohnten die erste Zeit bei den Eltern bzw. Schwiegereltern. Am 17. Dezember wurde abends in einem kleinen privaten Andachtslokal die kirchliche Trauung von Heinz und Marusja vom Prediger der hiesigen deutschen Gemeinde vollzogen.

Eine unfreundliche Botschaft hatte das Ende des 1948 Jahres getrübt. Die Sowjetregierung stellte klar, dass den Russlanddeutschen die Rückkehr in die Heimat für immer (“ewig”) verwehrt bleibe. An eine Rückkehr auf den heimatlichen Boden, der im Laufe von fast 150 Jahren von den Vätern im Schweiße ihres Angesichts bebaut worden war, war nicht mehr zu denken. Außerdem durfte man sich auch in Kasachstan nicht frei bewegen und musste sich monatlich  in der Kommandantur melden. „Wir  “Angesiedelte” (wie man uns jetzt scheinbar nennt) sind beständig unter strenger Kontrolle;  ohne extra Erlaubnis von der Behörde darf man nicht aus der Stadt hinaus nach Heu oder Holz fahren.“

oben von links Johann, Marusja und Heinrich, unten Heinrich und Frieda, 1949

Ab Februar 1949 arbeitete Hans als Buchhalter und ein Jahr später als Mathematiklehrer. Nebenbei betrieb er noch ein Fernstudium. Mein Großvater war sehr oft unterwegs , vor allem seine Dienstreisen fielen ihm immer schwerer. Seine Arbeit wurde geschätzt und trotz seines Alters und Nationalität fand er Anerkennung. Auch seine zwei Söhne verzeichneten beruflichen Erfolg. „Das ist ein wahrer Segen und ein Erbe von unsern Vorfahren, die sehr tüchtig waren.  Frieda’s Vater, Großvater usw. wie auch meine Großväter gehörten seiner Zeit nicht zu den Dutzendmenschen und haben in ihrem Leben was tüchtiges geleistet für sich und für die Gesellschaft.“

Als klar wurde, dass man für immer in Kasachstan bleiben musste, wollten meine Großeltern zusammen mit ihren Kindern ein Haus kaufen. Es war jedoch nichts Passendes zu finden.  Deswegen kauften Heinz und Marusja für sich ein Häuschen für 5000 Rubel. Am 2. November 1951 wurde das erste Enkelkind, Waldemar, geboren. 

Ab 4. März 1952 wurde mein Großvater pensioniert und bezog 150 Rubel Rente, er arbeitete aber weiter.

Schließlich bot sich eine Gelegenheit zum Hauskauf, es wurde ein Häuschen am Ufer des Irtysch angeboten, das 8000 Rubel kosten sollte. Das Haus hatte kein Dach, wie die meisten billigen Häuser hier in Pavlodar. Das Haus bestand aus einem Zimmer und einer Küche mit einem russischen Ofen (“печка”). Man baute eine kleine Sommerküche von etwa 2 – 3 Metern und ein Ställchen von 4 Metern an das Haus an. Seit 1935 hatten sie wieder, nach langem Zweifeln, ein eigenes Häuschen! Mit großer Freude haben meine Großeltern sich im neuen Heim eingerichtet. Sie haben einen schönen Kettenhund mitgekauft.  Da der Hof etwas abgelegen lag, war es hier bedeutend ruhiger als in der früheren Wohnung. Auch die Luft hier war viel frischer und sauberer.

Je älter mein Großvater wurde, desto öfter dachte er über den Tod und den Glauben nach. Aus seinem Tagebuch:  

„ 1.I.1953 Was dem Glauben, der Hoffnung anbetrifft, so will einem der Boden unter den Füßen entgehen, da man Jahrzehnte kein Gotteswort mehr hört und daher geistig fast verkümmert. Wie sehnt man sich nach dem festerem Glauben, den unsre Väter hatten.“

„ 31.III.1955 Was den Fragen aller Fragen anbetrifft, so finde ich noch wie vor keine Klarheit und Gewissheit darüber,  trotzdem ich nie aufgehört habe zu beten und ernstlich zu suchen.  Man verkümmert innerlich, weil man keine geistige Speise mehr bekommt.“

Am 06. April 1953 wurden Heinz und Marusja zum zweiten Mal Eltern und benannten den Neugeborenen nach seinem Vater und Großvater „Heinrich“.

Hans hatte im Sommer 1953 sein Studium am Lehrerinstitut beendet, erhielt das entsprechende Diplom und setzte sein Studium in den letzten Kursen des Pädagogischen Instituts fort. 

Die Zeiten wurden ein bisschen „lockerer“, man durfte wieder Besuche erhalten und durfte auch selber reisen. In Sommer 1954 empfingen sie viele Gäste, die sich immer ungefähr eine Woche bei ihnen aufhielten: Friedas Cousinen Martha und Mieka, Kinder von Heinrichs Schwester  Anna: Lika und Petja, Frau Tomsen, Frau Silbernagel, Helga und Irma Tomsen. Auch meine Großmutter reiste mit ihrem ältesten Sohn Hans zu ihrer Tante Justel.

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An der Wand von meinem Großvater gemalte Wandschoner, vorne ich

Mitte August 1954 reiste mein Großvater nach Moskau zur landwirtschaftlichen Ausstellung.

Die kleine Wirtschaft meiner Großeltern bestand  im Frühling 1955 aus einer Kuh, 13 Hühnern und einem Hahn. Die Kuh gab bis zu 14 Liter Milch und die Hühner lagen bis zu 10 Eier am Tag.

Nach 21 schweren Jahren konnte Heinrich endlich seine Schwester Anna wiedersehen. Meine Großeltern besuchten sie in Karpinsk vom 16. bis 23. August 1955. Sie wurden sehr innig und herzlich aufgenommen. 

„Das letzte mal sahen wir Anna anno 1934 als wir noch in Blumenort wohnten und Anna vom Ural  zu uns kam, ihre Kinder abzuholen.  Damals sah sie noch frisch und verhältnismäßig jung aus, während sie gegenwärtig sehr gealtert hat.  Sie hat ja auch schon 67 Jahre erreicht.  Das ist jedoch nicht der Hauptgrund ihres Alterns.  13 Monat Gefängnis mit Peter in sehr schweren Verhältnissen,   die große Sorge um ihre verlassenen kleinen Kinder  und schließlich der Verlust von Peter haben schwere Spuren an Anna’s Nerven,  ihre Augen und ihr Gesamtaussehen zurückgelassen.  Sie war mir daher anfänglich sehr fremd und besonders auch ihre Stimme. Was jedoch in einigen Tagen unsres Beisammenseins verschwand. ... haben wir uns doch viel und innig unterhalten von früher,  jetzt  und von der Zukunft, von Eltern, Geschwistern, Verwandten und Bekannten.  Und doch ist es viel  zu wenig gewesen und viel  zu rasch verfloss die Zeit unsres Beisammenseins.“

Im Juli 1956 zog Anna Neufeld mit ihren Kindern, Lika und Petja mit Familie, nach Pavlodar. So kamen die Geschwister wieder zusammen, man hatte endlich nahe Verwandte in der Nähe. Ende 1956 wurde der direkte Briefverkehr mit den anderen Geschwistern in Kanada wiederhergestellt, leider ohne Aussicht auf ein Wiedersehen.

„21.II.1957 Der Briefwechsel so wie auch der persönliche Verkehr mit unsern lieben Verwandten hat uns unsre Lieben alle mal wieder nahe gebracht.  Das Bewußtsein, dass wir noch so viel nahe Verwandte haben, die an uns denken, hat uns wieder aufgerichtet und mutiger gemacht.“

Im Dezember 1956 wurde mein Großvater auf seine Bitte endgültig in pensioniert. Seine monatliche Rente belief sich auf  640 Rubel. 

„Ich bin somit ein freier Mann und brauche mich nicht mehr nach der pünktlichen Arbeitszeit zu richten. Ich musste mich gewöhnen zu diesen meinen neuen Lebensverhältnissen und oft ist es mir so, als wenn ich mich beeilen muss, um nicht zu verspäten.  All zu sehr hatte ich mich an diese Arbeitsordnung gewöhnt.“

Er schrieb noch einige Abhandlungen über Viehzucht und manche wurden veröffentlicht. Dadurch hatte er einen Nebenverdienst.

Auch für seine Leidenschaft, Malen und Zeichnen, hatte er wieder Zeit. Ich kann mich noch gut an von ihm gemalte Wandschoner in meinem Geburtshaus erinnern. 

Meine Großeltern machten sich Sorgen um Sohn Hans, mein Vater, weil er noch nicht verheiratet war. Es war schon nicht einfach, ein liebes deutsche Mädel kennenzulernen! Man freute sich über  die wenigen Verwandten und Bekannten, mit denen man deutsch sprechen konnte. 

„Gestern Morgens als wir aufstanden fingen wir auf unserm Empfänger eine deutsche Welle mit schönen deutschen Weisen  - “Sah ein Knab ein Röslein stehen”, ein Wiegenlied  u.a.   Es stimmte uns traurig,  dass wir nur auf solche Art und ganz zufällig solche  uns so teure deutsche Lieder hören können.“  

Man sehnte sich nach einem Leben in größeren geschlossenen (deutschen) Gruppen, mit deutschen Schulen, deutscher Kultur, deutscher Kirche usw.

Viele mennonitische Bekannte fuhren in den Süden und ließen sich unweit von Taschkent nieder, andere in der Nähe von Alma-Ata und Djambul, einige im nördlichen Kaukasus und sogar auf der Halbinsel Krim. Meine Großeltern standen noch immer vor der Frage, ein besseres Haus zu kaufen oder auch von Pavlodar weg zu gehen. Der Hauptgrund für ihre Unsicherheit war die Ungewissheit, was das Sowjetregime noch alles mit den „Deutschen“  vorhaben würde. Was hatte man nicht schon alles erleiden müssen? 

Die schrecklichen Erfahrungen in der Vergangenheit hatte sie zutiefst verunsichert, vielleicht auch misstrauisch gegenüber dem herrschenden Regime gemacht.  „Wie bekannt, waren unsere Mennoniten so sehr ansässige Menschen.  Jetzt sind sie jedoch aus ihrer Schalle gerissen und finden kein Heim mehr.“

Johann und seine Anna, 1959

Am 14. November 1958 starb Heinrichs Schwester Anna.

„Und so ist der einzige nahe Verwandte aus unserm Kreise geschieden, den wir sehr schwer werden vermissen können. Ganz besonders schwer ums Herz wurde mir kürzlich, als wir so an Anna’s Bett im Halbdunkel saßen und leise sangen und mir dazu unsre ganze Vergangenheit die Kindheit im Elternhause mit eingeschlossen, und alles, was mich mit unsrer lieben Schwester verbindet in Erinnerungen trat.    In Anbetracht des nahenden Todes unsrer lieben Schwester, mit der wir unsre innigen geschwisterlichen direkten Beziehungen nach so langer Trennung und vielen schweren Erlebnissen im Laufe der letzten zwei Jahre unsres Beisammenseins wieder aufgenommen hatten, und in Anbetracht der drückenden Entfernung, die uns von Euch, lieben Geschwister alle trennt, empfand ich ganz besonders schmerzlich das bevorstehende unvermeidliche schwere Scheiden von unsrer lieben Schwester und darauffolgende  Öde und Einsamkeit.“

Am zweiten Weihnachtstag 1958 Jahres luden meine Großeltern ihre Nächsten Verwandte ein. Zum ersten mal kam auch Anna Siemens dazu, meine Mutter. Alle sangen unter dem brennenden Weihnachtsbaum Weihnachtslieder und gedachten derer, die im vorherigen Jahr noch unter ihnen gewesen waren, wie z. B. Heinrichs Schwester Anna.

Am Sonntag den 22. Februar 1959 zogen Heinrich, Frieda und Hans in ihr neues Haus. Es war eine schwere Entscheidung gewesen, das Haus zu kaufen. Es war schon über 50 Jahre alt, kostete 21000 Rubel, hatte aber auch sehr viele Mängel. Ausschlaggebend war letztlich, dass es viel größer und solider gebaut war als ihr früheres Haus. In diesem Haus wurden mein Bruder Andrej und ich geboren und wir wohnten dort bis 1972. 

Im Frühling 1959 wurde viel im und um das Haus umgestaltet. Der Hof  wurde in drei Teile geteilt, in einen Hühnerhof, einen Gemüsegarten und den eigentlichen Hof. Für ein Wasserbassin wurden 300 - 400 Eimer Erdreich ausgegraben und seine Wände auszementiert. Wasserleitungen wurden verlegt, Gemüse angepflanzt, die Sommerküche renoviert usw.

Man hatte es eilig, denn es sollte alles zu Hans’ Hochzeit fertig sein. Am Sonnabend des 27. Juni heirateten meine Eltern, Johann Dück und Anna Siemens. Fast 30 Gäste waren zur Hochzeitsfeier eingeladen. Mein Großvater Heinrich hielt eine sehr bewegende Rede. 

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das älteste Enkelkind, Waldemar (Vova) vor dem Haus meinen Großeltern
das zweite Enkelkind, Heinrich (Gena)

Im August kamen alte Freunde aus der alten Heimat zu Besuch zu meinen Großeltern. Das Wiedersehen mit ihnen war nach 30-jähriger Trennung sehr herzlich und innig. Sie schwelgten buchstäblich in den Erinnerungen!

Mein Großvater war sehr stolz, als sein ältester Sohn Hans (mein Vater) im September 1959 sein Staatsexamen am Pädagogischen Institut in Semipalatinsk ablegte. Das Studium hatte 8 Jahre lang gedauert. Hans schloss seine Studien mit zwei Diplomen ab, eines vom Lehrerinstitut und eines vom Pädagogischen Institut.

Der Briefkontakt mit den Verwandten in Kanada wurde immer besser, man erhielt regelmäßig Briefe. Aber die Chance, die lieben Verwandten noch einmal zu sehen, schwand dahin. 

„1.I.1960 … das Sehnen nach unsern Geschwister und lieben Freunden aufstieg. Letzteres empfinden wir gegenwärtig ganz besonders, da wir im Dezember Monat von  all’ unsern Geschwister innige Briefe mit Foto’s, Weihnachts- und Neujahrglückwünsche erhalten haben.

Die Briefe sind alle so innig, zu dem noch die Aufnahmen, dass einem fast so ist, als ob man sich mit ihnen begegnet hat.  Und besonders empfand ich das nach dem Erhalten des großen Familienbildes von Bruder Gerhard, welches ich stundenlang beschaut habe.  Ihre Familie besteht gegenwärtig laut Bild aus 31 Personen.  Alle schauen sie ins Objektiv und somit auf den, der diese Bild beschaut.  Aus den Augen und Gesichter ihrer Kinder leuchtet so etwas Nahes und Verwandtes.  Dann die lieben Schwiegersöhne- und töchter und die Schaar der lieben Enkel.   Anfänglich wusste ich nicht, warum mir ein Mädel, das Töchterchen des jüngten Sohnes Woldemar, so besonders auffiel.  Dann sagte uns Helga Tomsen, die gelegentlich das Bild sah, dass das Mädel sehr unsre liebe Erika ähnelt.  Was wir dann auch fanden. Und so muss ich denn immer wieder dieses Mädel beschauen.“

Weil Heinrich nicht mehr arbeiten musste, beschäftige er sich sehr viel im Haushalt. In den freien Stunden zeichnete und malte er, für einige Bilder verwendete er die Aquarelltechnik. Mit Ölfarbe malte er zum ersten mal einen kleinen Wandschoner.

Inzwischen hatte mein Großvater für die hiesige Zeitung zwei große Artikel geschrieben. Es handelte sich dabei um Übersetzungen aus dem deutschen Buch “Gesunde Küche”.  Die Artikel wurden auch angenommen und er hoffte sehnsüchtig, dass sie veröffentlicht würden. Das hätte ihm ein Honorar von etwa 500 Rubel einbringen können!  Zu seinem großen Bedauern erhielt mein Großvater eine Absage der Zeitungsredaktion. Offensichtlich war das ganze Buch “Gesunde Küche” schon ins Russische übersetzt worden und sollte demnächst auf dem Buchmarkt erscheinen.

Am 2. Februar 1960 passierte ein Unfall: Während des Essens blieb meinem Großvater etwas in der Speiseröhre stecken!  Er suchte sofort einen Spezialisten auf.  Ein junger deutscher Arzt namens  Wacker untersuchte ihn. Mit den ihm zur Verfügung stehenden Instrumenten konnte er nichts finden. Weil die Schmerzen absolut nicht nachließen, fuhr Heinrich am nächsten morgen in Begleitung von Hans ins Krankenhaus zu Dr. Fröse. Eine Röntgenuntersuchung brachte auch keine Ergebnisse. Dann begann Dr. Fröse ihn für eine Untersuchung der Speiseröhre mit Hilfe eines speziellen Apparates vorzubereiten. Zuerst wurden Zunge und Speiseröhre mit Novokain betäubt, dann wurde die Untersuchung durchgeführt. Ihm wurde der spezielle Apparat (ihn kann man bestimmt nicht mehr mit den heutigen Untersuchungsgeräten vergleichen!) mit einem langen, unbeweglichen Rohr in die Speiseröhre eingeführt. Das war sehr schmerzhaft! Der Arzt fand ein Stück Lorbeerblatt an der Wand der Speiseröhre und holte es heraus. Ich vermute, dass die Speiseröhre meines Großvaters dabei beschädigt wurde. Nach dem Eingriff konnte er kaum sprechen, hatte große Schmerzen und ab diesem Zeitpunkt ging es ihm gesundheitlich schlechter.

Zur seinem Geburtstag im März bekam Heinrich herzliche Glückwünsche von allen Geschwistern:

„... lieber Bruder Heinrich, im neuen Lebensjahr das beste Wohlergehen an Leib und Seele.“

„... Wünschen Dir, lieber Bruder, die besten Segenswünsche mit der ganzen Familie.“

Niemand konnte ahnen, dass es der letzte Geburtstag war, den Heinrich erleben würde!

Heinrich schrieb in sein Tagebuch: „20-III-60.  Sonntag abends, elf Uhr. Soeben sind unsre Gäste, die zu meiner Geburtstagsfeier gekommen waren, nach hause gegangen.  Es waren Petja mit Ella, Heinz und Marusja mit ihre 3 Jungen und unsre Familie. Von einem jeden bin ich reichlich beschenkt worden, warme chinesische Unterwäsche, lederne Handschuhe, eine Schischkinbild und Hosenträger.

Mit sehr innigen Worten wandte sich unser Hans am Tisch an mich.  Mir Glück und ein langes Leben wünschend dankte er für die Erziehung, die sie von uns bzw. von mir genossen haben und zwar im Geiste der Biederkeit und Ehrlichkeit. Diese Worte waren für Frieda und mich eine große Genugtuung.  Trotz furchtbar schwere Vergangenheit und Verhältnissen,  die fast ein Jahrzehnt unser Familienleben gestört hatte, war ich nach Kräften bemüht,  nicht nur mit Worten unsre Söhne zu lehren und zu erziehen,  sondern mit einem vorbildlichem Wandel.“

An einem Aprilsonntag brachte mein Großvater ein selbstgemachtes kleines blechernes Täfelchen  zu Schwester Annas Grabstein mit der Inschrift: "Anna Neufeld, geborene Dück, 1888-1958 - Ruhe sanft." Dies war wohl sein letzter Liebesdienst für seine liebe verstorbene Schwester Anna.

Während er dieses Täfelchen einfärbte und beschrieb, überwältigten ihn schwere Gedanken, die mit Anna als seiner ältesten Schwester und ihrem Leben im Elternhause und später verbunden zu tun hatten.  In Anbetracht seines Alters und Gesundheitszustandes fragte er sich, wann und wo wohl seine letzte Stunde schlagen und wer für ihn so ein Täfelchen anfertigen würde. 

Im Mai hatte sich sein Zustand derart verschlechtert, er konnte kaum schreiben.

„8-V-60.  Sonntag.  Meine Hand will nicht mehr sich fügen.   Infolge von Neuritis hat sich eine schlaffe Lähmung der rechten Hand entwickelt, welche mit sehr große Schmerzen verbunden ist.  Ich befürchte, dass dieser Zustand sich in die Länge ziehen kann.  So krank  zu liegen fällt mir sehr schwer.  Ich muss die Feder beiseite legen, denn ich kann nicht mehr.“

„22-V-60.  Sonntag.  Ich schreibe mit der linken Hand, da die rechte nicht mehr kann.  Ich habe furchtbare Schmerzen.“

Am 24. Mai 1960 enden die Tagebuchaufzeichnungen meines Großvaters. Die letzten Sätze sind offensichtlich unter großen Mühen, aber mit äußerster Entschlossenheit geschrieben worden. Sie sind kaum lesbar. Mein Großvater starb am 9. Juli 1960. Sein Wunsch, die Geschwister noch einmal wiederzusehen, haben sich weder für ihn noch für meine Großmutter erfüllt. Heinrich Gerhard Dück wurde auf dem Friedhof in Pavlodar neben seiner Schwester Anna beigesetzt. Zwei Monate später kam ich zur Welt, seine einzige Enkelin. Leider habe ich meinen Großvater nie kennengelernt!

eine Eintragung meiner Großmutter:
"1960 9 Juli 4 Uhr 10 m. des Tages starb mein
lieber Heinrich"
"meines lieben Heinrich Begräbnistag"

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11.07.1960, von links: Frieda, Waldemar, Marusja mit Viktor, Heinrich (Heinz) Dück und Gena
Heinrichs Dück Sterbeurkunde
"Mennonitische Rundschau", 17.08.1960, Seite 11

 

 

Heinr. Gerhard Dick

in Rußland

 

  Den vielen Verwandten und

Freunden bringe ich mit diesem

die Trauerbotschaft, daß unser lie-

ber Bruder Heinrich, geboren in

Blumenort, Molotschna, nach drei-

monatigem schweren Leiden an

Arthritis (Gelenkentzündung) am

9. Juli 1960 im Alter von 68

Jahren gestorben ist. Seine Frau

Frieda geb. Cornies, früher Tasch-

tschenak, Melitopoler Kreis, be-

richtet uns über die letzten sehr

schweren Tage. Sie ist froh, daß

ihr lieber Heinrich im Glauben

festgeblieben ist. Letzteres ist uns

Geschwistern hier von besonderem

Wert und beugt uns vor unserm

großen Erbarmer Jesus Christus.

  Die Begräbnisfeier war am 11.

Juli, wobei ein Pred. Bickert, der

den Kranken manchmal besucht

hatte, am Sarge mit Worten des

Trostes diente.

  Ein eisernes Gitter umgibt nun

die zwei Gräber unserer teuren

Geschwister auf einem Friedhofe

in der Stadt Pawlodar, Sibirien, 

ihrer letzten Station auf dieser

ruhelosen Welt. Schw. Anna, Frau 

Peter Neufeld, starb am 14. Nov.

1958, und Br. Heinrich jetzt.

  Mögen die Leidtragenden, die

Gattin und 2 Söhne mit ihren

Frauen, auch in diesen Tagen an

die Trostworte des Herrn Jesu

denken: „Wer an mich glaubt

wird leben, ob er gleich stürbe...“.

das wünschen wir, und darum be-

ten wir.

Gerhard Dick

48 Betzner Ave., Kitchener, Ont.

(„Der Bote“ wolle dieses bitte auch 

veröffentlichen.)

Frieda am Grab ihres Mannes Heinrich Dück
1992
1992, links Waldemar Dick, rechts Andrej Dick
ich am Grab meines Großvaters, 2015

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Im September 1960 versammelten sich alle Verwandte aus Canada in Kitchener bei einem Gottesdienst um gemeinsam Abschied aus der Ferne vom Heinrich zu nehmen. 

Leider habe ich nur zweiten Blatt des Briefes vom Heinrichs Bruder  Jacob, in dem er  dieses Ereignis beschrieb:

"....Eine sehr trostreiche Predigt hörten wir dann, wobei der Redner verschiedene Texte anführte bezugnehmend auf das Abscheiden und Leiden des lieben Verstorbenen; als Schlusswort führte er noch die Worte aus Offenbarung an, wo es da heißt: Und siehe eine große Scharr, die ihre Kleider helle gewaschen in dem Blut des Lammes; gekommen aus großer Trübsal u.s.w. Dann sang der Chor das Lied:

Stern, auf den ich schaue. Fels, auf dem ich steh´, Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh´, Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh´, Ziel, dass ich erstrebe: Alles, Herr, bist Du.

Alle 3 Verse wurden gesungen; und wenn Du Frieda, die andern Verse von den gesungenen Liedern haben willst, bin ich gerne bereit, Dir dieselben zu schicken.

Zum Schluss sang die Gemeinde dann mit Orgelbegleitung das Lied: 

Lasst mich geh´n, Lasst mich geh´n, dass ich Jesus möge seh´n/

Meine Seel´ ist voll Verlangen, Ihn auf ewig zu umfangen Und vor seinem Thron zusteh´n. (mehrere Verse)

Dann wurde der Segen gesprochen und wir fuhren auseinander; beim hinausgehen kommt Kaethe Dick, aus Tiege stammend, zu mir und sagte, dass Heinrich ihr gewesener Dirigent war.

Wir Geschwister Dycks versammelten uns dann noch bei Gerhard Dicks zu einer Mahlzeit, woselbst auch etliche von den Unruhs Mädchen waren.

Zunacht waren wir dann bei Fr. Dicks und fuhren Montag früh den 19 ten Sept. wieder nachhause, nach Leamington; hatten Mariechen mit. Und so erlebten wir gesegnete Tage in Kitchener- Waterloo, welche uns noch lange in Erinnerung bleiben werden.

Leamington ist ja 175 Meilen (265 km) südlich gelegen von Kitchener; machten die Reise mit unserem Auto in 3 Stunden; das würde die Jungen schon interessieren, nicht wahr; dachte sehr oft, ich würde mit meinem jüngsten Brdr nochmal ganz Amerika bereisen.

Wir wünschen Euch dort allen: Dir, liebe Schwägerin, den beiden jungen Pärchen und auch Annas Kinder gute Gesundheit, viel Trost von oben und Kraft und Mut den Weg zu gehen, den Herr Euch führt. Mit geschwisterlichem Gruß Euer

J.G.Dyck  "

Quelle:

 

H. Görz, "Die Molotschnaer Ansiedlung"

2 H. Görz, "Memrik"

  "Friedensstimme", 8.06.1913, Seite 7.

3  Dr. W. Quiring und H. Bartel, "Als ihre Zeit erfüllt war", Seite 72, Bild 3