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Das ist auch unsere Geschichte!

 

"Als am Ende des 14. Jahrhunderts die Druckkunst durch Gutenberg erfunden wurde, wurden auch das Evangelium und die Briefe gedruckt. Sobald die Menschen anfingen diese zu lesen, gab es Leute, die da meinten: wenn nach Gottes Wort, dann schon ganz nach Gottes Wort! Einer der ersten war Martin Luther. Aber er ging mit seiner Reformation nur so weit, wie es den Landesfürsten gefiel.[...] Dann gab es den zweiten Kreis, der die Bibel weiter studiert und gelesen hatte; der kam aus der Schweiz. Sie erkannten, dass keine Kinder getauft werden sollten, und führten die Erwachsenentaufe ein, die sich auf ein persönliches Glaubensbekenntnis gründete.[...]

Drei Vordermänner aus der Schweiz ließen sich 1525 taufen Sie lehnten auch den Militärdienst und -Eid ab. Es waren die stillen Taufgesinnten, die den Protest gegen den Krieg einlegten, wie auch gegen die Sklaverei. In dieser Zeit ließen sich in der Schweiz Hunderte von Erwachsenen taufen. Diese ersten Gruppen der Reformierten hießen damals "Täufer" Unter der ständigen Verfolgung flohen die Wiedertäufer nach Österreich, Mähren und Böhmen. Die verfolgten Prediger sind den Rhein entlang nach in den Norden, nach Holland, gegangen. Auch aus Flandern, heute eine Provinz in Belgien, flüchteten viele Täufer in die nördlichen Provinzen der Niederlande (Holland), wo 1567 die "rein" flämische Gemeinde, neben der dort bestehenden friesischen Gemeinde, entstand.[...] [Taufgesinnte = Doopsgezinde]

Nach dem Aufruhr von Münster wurden die Wiedertäufer besonders grausam verfolgt. Zu dieser Zeit wurden sie schon von Menno Simons betreut, der auch bald darauf verfolgt wurde. Die Wiedertäufer waren auf der Suche nach einem Land, in dem man ihren Glauben duldete."1

" Menno Simons wird im Januar 1496 im friesischen Land, im Dorf Witmarsum, geboren. Er ist 28 Jahre alt, als er am 26. März 1524 zum Priester der katholischen Kirche eingesetzt wird.[...] Menno befindet sich in einer Krise – er ist mit der Lehre der katholischen Kirche nicht mehr einverstanden.[...] Anfang 1537 wird er gebeten, die Leitung der friedlichen Täufer zu übernehmen. In der Stadt Groningen wird er zum Ältesten gewählt."2  

"Zu der Zeit, als Menno Simon in den Niederlanden die mennonitischen Gemeinden organisierte (1537-1559), gehörte dieses Land zum Kaiserreich Karl des V, dem König von Spanien. Als eifriger Katholik verfolgte Karl der V. in seinen Ländern die Protestanten sehr, darunter auch die Mennoniten. Sein Nachfolger wurde 1555 sein Sohn Philipp der II., bei welchem die Inquisition noch mehr aufblühte.[...] Nunmehr begann die unmenschliche Hetzjagd gegen die Protestanten, welche von 1567-1573 anhielt. Da die Mennoniten dank Ihrem Fleiß im allgemeinen wohlhabend waren, verfolgte der Herzog sie besonders, um sich mit ihrem Vermögen zu bereichern. Allein in Holland - dieses war eine Provinz der Niederlande - wurden während seiner Zeit des Terrors mehr als 100 Menschen von den Mennoniten hingerichtet, insgesamt kamen von Ihnen in der Inquisition ein ganzes Tausend um.[...] In dieser Zeit grausamer Verfolgungen in den Niederlanden fanden die Mennoniten in Polen eine Zuflucht, und zwar in seinem westlichen Teil, dem sogenannten "West- (oder Königreich) Preußen." Hier bestand bereits früher an den Ufern des Drusen-Sees eine holländische Kolonie unter dem Namen "Preußisch Holland." Wie bekannt, gehörte damals das ganze "West- Preußen" zu Polen."3

"Die holländischen Seeleute verkauften ihre Ware in Danzig, einer freien Hansestadt in Preußen. Auch die Wiedertäufer kamen auf diesem Wege nach Danzig und konnten hier ihre relative Freiheit nutzen. Die Danziger Niederung gehörte mal den Deutschen, mal den Polen, mal zu Preußen. Schon seit 1547 wohnten in Danzig Mennoniten. Die Mennoniten werden wegen ihres Fleißes und ihrer Bescheidenheit halber 'toleriert', aber ihre Kirche müssen sie außerhalb der Mauern der Stadt bauen, zwischen der Radaune und dem Bischoffsberg, wo sie heute noch liegt."2

 

Lencer, Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/Täufer (Stand: 18.02.2015) CC BY-SA 2.0

"Die Flamen (Flamen werden die Bewohner der nördlichen Niederunge-Provinzen der südlichen Niederlande genannt, namentlich aus Flandern und Brabant; die Mennoniten-Flamen entstammen folglich aus dem derzeitigen Belgien.) als die Gewerbetreibenden strebten vornehmlich in die Städte, während sich die Friesen (Friesen wurden die Bewohner der Inseln und der Uferprovinzen der nördlichen Niederlande genannt; Seeland, Holland und Friesland. Demzufolge entstammen die Mennoniten-Friesen aus dem jetzigen Holland.), welche sich von alters her mit Ackerbau befassten, in der Niederung ansiedelten.

In Polen lebten die Mennoniten verhältnismäßig lange, etwa 250 Jahre. [...] Die holländische Sprache wurde  noch mehr als 200 Jahre von ihnen in der Eigenschaft als die Sprache der Gottesdienste und der Literatur benutzt. Wann sie aber durch die Deutsche ersetzt wurde, das ist einer genauen Bestimmung nicht unterwerfen."3  Von der Bevölkerung wurden sie durchweg "Holländer" genannt.  Als nach 1750 der Verkehr mit Holland geringer wurde, verschwand holländischen Sprache mehr und mehr sie machte damals in Predigt und Unterricht dem Hochdeutschen, im Verkehr aber einem behaglichen Plattdeutsch Platz, welches noch immer mit manchen holländischen Wörtern vermischt war. "Die Umgangsprache der Mennoniten ist auch bis heute Platt-Deutsch geblieben.[...] Die Sprache des Gottesdienstes aber und die Literatursprache sind jetzt ausschließlich die Deutsche Literatursprache.

 

Dieser letztere Umstand führt viele, welche die Geschichte der Mennoniten nicht kennen, in die Irre, und dient ihnen zum Anlass, die Mennoniten irrtümlich für Deutsche zu halten. Die Sprache fällt aber nicht immer und nicht unbedingt mit der Nationalität zusammen. [Die ursprüngliche Heimat  der Mennoniten sind die Niederlande und dies ist auch ihre historische Nationalität.]"3

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G.Lohrenz, Damit es nicht vergessen werde, S. 3

Die mennonitischen Glaubensflüchtlinge sind weder arm, ungebildet oder handlungsunfähig. Durch Kontakte mit Landsleuten, die bereits in Danzig leben, wissen sie , was sie erwartet und welche Möglichkeiten sie haben. Die meisten kommen per Schiff in ihre neue Heimat. Sie können also für ihre Reise zahlen. Sie sind keineswegs mittellos.

 

Sie schließen mit den Grundbesitzern eine Form von Pachtverträgen, die bisher in Westpreußen nicht bekannt ist: die sogenannte 'Emphyteuse', eine besondere Form der Zeitpacht. Eine Gruppe von Menschen pachtet ein ganzes Dorf oder ein Gut kollektiv für eine gewisse Zeit (in der Regel auf 30 oder 40 Jahre) gegen Zahlung eines jährlichen Zinses mit der Maßgabe, die Ländereien nutzbar zu machen. Der Anbau und die Art und Weise der Nutzung des Landes war Sache der Emphyteuten. Sie haften solidarisch für den Pachtzins. Sie sind regelmäßig von Scharwerksdiensten befreit, tragen jedoch die auf dem Pachtland lastenden Abgaben wie Steuern oder Kirchengelder. Die Emphyteuten sind berechtigt, die Ausübung ihres Rechtes an Dritte zu überlassen und das Recht unter Lebenden zu veräußern oder zu vererben. Da die Mennoniten diese Form der Pacht 'mitgebracht' haben und den Grundeigentümern 'abgehandelt' haben, nennt man die Emphyteuse auch 'Ansiedlung nach Holländerrecht'. 

Die Emphyteuse ist bezeichnend für das Denken und Leben der Mennoniten:

Die kollektive Verantwortung für einander stärkt die Möglichkeiten des Überlebens ihrer Gruppe.

Die Befreiung vom Scharwerk garantiert ihre Unabhängigkeit gegenüber den Grundeigentümern.

Das Übertragungsrecht der Emphyteuse garantiert ihre Mobilität, falls ihre Religionsfreiheit eingeschränkt werden sollte.

Die lange Pachtzeiten garantieren ihnen Kontinuität.

 

Danzig war ein Zufluchtsort für Gläubige, die die Erwachsenentaufe (nach dem 14. Lebensjahr) anerkannten, das Abendmahl nur den Gläubigen erteilten und den Eid und Wehrdienst verweigerten.  Mit dem Wiederaufbau vieler wüst liegender Ordensdörfer zeigten sie ihren Fleiß und auch finanziellen Einsatz. Dämme und Entwässerungsgräben wurden erneuert und Entwässerungsmühlen gebaut. Im Ellerwald der Stadt Elbing konnte man erleben, wie seit 1565 ein riesiges Gebiet von ca. 27 km² planmäßig entwässert wurde und sich vom versumpften Erlenbruch in bestes Kulturland umwandelte. Trotz aller Kontrakte und Versprechungen der Freiheit in Religionssachen wollte der Bischof von Kulm bereits 1608 die Wiedertäufer wieder loswerden. Durch den Schutz des Danziger Rates hatten sie aber bis 1642 Ruhe. Dauernd gab es aber neue Forderungen nach mehr Geld; entweder vom polnischen König, oder von der katholischen Geistlichkeit. König Kasimir erkannte aber ihren Wert und beschützte sie. In langem, zähem Ringen erwarben sie sich das Recht auf eigene Bethäuser und eigene Friedhöfe. Davor fanden die Zusammenkünfte in Scheunen oder Ställen statt, die vorher natürlich peinlich sauber gemacht wurden.

 

Unter Friedrich II., der Große (1740 – 1786), liefen die alten Kontrakte mit den Zeit-Emphyteuten aus und durften nicht mehr erneuert werden. Die Mennoniten sollten endlich freie Herren ihres Grund und Bodens sein. Der König beließ ihnen auch die alten Rechte, darunter auch die Wehrfreiheit. Allerdings mussten sie dafür ein jährliches Entgelt von 5000 Talern an das Kulmer Kadettenhaus zahlen. Für jede Taufe mussten sie an die katholische Kirche Steuern zahlen, auch für jede Geburt und Eheschließung

 

Friedrichs Nachfolger, Friedrich Wilhelm II. fand die Verweigerung des Militärdienstes überhaupt nicht lustig. Weil sie "eine der vorzüglichsten Pflichten getreuer Untertanen, die Verteidigung des Landes versagten", erließ er gegen sie im Edikt vom 30. Juli 1789 besondere Gesetze, um diese kantonsfreien Grundstücke nicht mehr ausdehnen zu lassen. Dazu gehörte, dass Mennoniten keine Höfe mehr von Andersgläubigen kaufen durften und auch andere Erschwernisse. So konnten die Taufgesinnten nicht mehr durch Landkauf für die Zukunft ihrer Söhne und Töchter sorgen. Viele Höfe wurden deshalb "zerkleinert", um "kantonsfrei" zu bleiben. Man versuchte intensiv durch Eingaben Milderung zu erlangen. Als alles vergeblich war, setzte als Konsequenz noch vor 1800 eine umfangreiche Auswanderung mennonitischer Familien nach Südrussland ein, wo diese fleißigen Menschen in kurzer Zeit aus der baumlosen Steppenlandschaft die fruchtbarsten Gefilde schufen.

 

In den Jahren 1788 bis 1820 verließen viele Familien ihre Heimat. Zusammengenommen waren es aus Danzig-Westpreußen 1642 Familien mit 5817 Personen! 

 

In diese Zeit kam die Einladung der russischen Kaiserin Katharina II., ihr menschenleeres Land–Neurußland zu besiedeln. Diese Kunde verbreitete sich sehr schnell."2 

Katharina II., Fedor Rokotov 1763, Tretjakov Galery

Einladungsschreiben, das in Danzig durch von Trappe, den Vertreter der Kaiserin Katharina verteilt wurde:

 

»Denen wertgeschätzten und wohlachtbaren Mitgliedern derer beiden Mennonisten- Gemeinden in Danzig, vornemlich allen, denen daran gelegen seyn kann, und welche die Vollmacht für die Rußland gesandt gewesene Abgeordnete unterzeichnet haben, wird hierdurch bekannt gemacht, daß eben diese Abgeordnete, nachdem sie laut ihrer Instruction sehr fruchtbare Ländereyen am Dniepr-Strom ausgewählet haben, gesund und glücklich zurückgekommen sind, und am 13. May dieses Jahres neuen Styls, das ist, am 2. May alten Styls, die hohe Gnade genossen haben, durch S. Durchlaucht den Herrn Reichs- Fürsten von Potemkin-Tavrischeskoi in der Stadt Krementschuk Ihre Kayserrl. Majestät in Gegenwart des Kabinets-Ministers, Herrn Reichsgrafen v. Bresborodko Erlaucht, des Römisch-Kaiserl. Ambassadeurs, derer Gesandten von England und Frankreich, und noch vieler anderen hohen Standespersonen, vorgestellet zu werden, und aus der allerhuldreichsten Russischen Monarchin eigenem Munde die Versicherung des allerhöchsten Kaiserl. Schutzes und Gnade für sich und alle Mennonisten-Familien von Dantzig die nach Rußland ziehen wollen, auf die allergnädigste und leutseligste Weise zu erhalten. Weil nun auch Ihre Kaiserl. Majestät allen Mennonisten, die von dem Dantziger Gebiet Lust und Belieben finden möchten, nach Rußland zu ziehen, ausser 65 Dessjetinen, die ohngefehr 4 Hufen ausmachen, der schönsten Ländereyen für jede Familie, solche herrliche Gnadenwohltaten, Geldvorschüsse und Vorrechte allergnädigst zu

bewilligen geruhet haben, dergleichen während Allerhöchst Dero 25- jährigen ruhmvollen und ewigdenkwürdigen Regierung noch keinen Ausländern verliehen worden; als werden alle Mennonisten vom Danziger Gebiet, denen es noch gefällig seyn möchte, von dieser grossen kaiserlichen Huld und Gnade für sich und ihre Familien und Nachkommen Gebrauch zu machen, hierdurch eingeladen, sich am bevorstehenden 19. Januarii des von Gott zu erwartenden 1788sten Jahres Vormittags um 9 Uhr allhier in Danzig im Ruß. Kays. Gesandschafts-Palais auf Langgarten, persönlich einzufinden, damit ihnen die Privilegia und allerhöchste Kayserliche Kabinets Resolutiones in originalibus vorgeleget werden, und sie sich nach ihrem Gutdünken, und so wie es freyen Leuten, deren Vorfahren aus Holland hierher gekommen sind, und die nun bey ihrem Abzuge praestanda praestieren werden, nicht gewehret werden darf, erklären können.

 

Danzig, den 29. Decemb. 1787«

 

Damit lud man Mennoniten nach Rußland ein."Am 22.03.1788 verließen die ersten 50 Personen Preußen in Richtung Neu-Russland."2 (Ende des 18. Jahrhunderts nach dem Krieg mit der Türkei, wurde die Schwarzmeer-Gegend an Russland angeschlossen. Dieses neu gewonnene Gebiet hieß ab sofort "Neu-Russland" oder "Süd-Russland")

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"Rechte und Privilegien, die den Mennoniten gewährt wurden:

- Religionsfreiheit;

- Wehrdienstfreiheit;

- Ort der Ansiedlung am Dnjepr, gegenüber der Stadt Berislaw;

- Jeder Familie werden 65 Desjatin Land zugeteilt;

- Alleinrecht zum Fischfang in den Gewässern, die sich auf ihrem Lande befanden;

- 10 jährige Steuerfreiheit;

- Frei von der Aufnahme in Truppen, es seidenn, dass die Truppen dort durchziehen;

- Frei von der Stellung von Transportmitteln und Leistung an staatlichen Straßen;

- Sich mit anderen Unternehmen außer Landwirtschaft zu beschäftigen;

- Langfristige Kredite zur Gründung des Hausstandes;

- Lieferung von Bauholz für Häuser und Getreidemühlen;

- Verpflegung und Reisekosten von der Grenze biszum Ansiedlungsort;

- Es werden Gebäude (Baracken) oder Zelte für die Ankömmlinge bereitgestellt sein;

- Allen Mennoniten sollte vom Tag ihrer Ankunftan eine Beihilfe gezahlt werden;

- Die Kolonisten werden genug Futter für ihr Viehund Bauholz für ihre Häuser bekommen;

- Die späteren Einwanderer sollten die gleichen Bedingungen erhalten;

- Trappe (der Übermittler zwischen der Kaiserin Katharina II. und den Mennoniten in Preußen war ein kaiserlicher   Beamter, Herr von Trappe)  sollte den Mennoniten bei dem Einholen der Ausreiseerlaubnis helfen;

- Er sollte zum Direktor und Kurator der Mennonitenkolonien ernannt werden;

- Nach Eintreffen in Berislaw sollte ein Landvermesser zur Verfügung stehen;

- Die Regierung würde nach Eintreffen der Kolonisten die strengsten Anordnungen zum Schutze der Kolonisten vor    Beleidigung, Schaden und Diebstahl erteilen."4

Auswanderungsweg der Mennoniten, www.migrazioni.altervista.org

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Quelle:

1 von Nikolaj Reimer, Pastor, Lemgo; "Diese Steine", Adina Reger ,Seite14

2 "Diese Steine", Adina Reger ,Seite 16

3 "Wer sind die Mennoniten?", P. J. Braun, Halbstadt. Gouvernement Taurien 1915

4 "Diese Steine", Adina Reger ,Seite 19