Sie sind hier:  Siemens > Julius Jacob Siemens

Julius Jacob Siemens ∗1900 †1944

#952015

Julius Siemens
Julius Siemens

Die Recherchen über das Leben meines Großvater Julius Jacob Siemens gestalteten sich sehr schwierig. Es gibt nur wenige Photos und keine Dokumenten oder Briefe. Fast alles, was ich über ihn weiß, verdanke ich den Erzählungen seinen beiden Töchtern, meiner Mutter Anna und meiner Tante Agata

 

Julius wurde am 24. November 1900 in Nikolayevka, Ignatyevo geboren. Die Welt war damals noch in Ordnung. Er wuchs in einer großen Familie als ältester Sohn auf. Bestimmt hatte er eine Schule besucht, aber welche und wie lange, wissen wir nicht.

Irgendwann entschloss sich sein Vater Jacob Siemens, mit seinen Brüdern eine Dampfmühle zu bauen. Die Familie zog in das Dorf Gussarovka, das an einer Bahnstation lag. Da alle sehr hart und zielstrebig arbeiteten, wuchs der Bau der Mühle bald in die Höhe. 

Julius, ein schweigsamer Junge, half seinem Vater sehr gerne. Obwohl er nicht viel redete, berichtete er seinen Töchtern leidenschaftlich von dieser Mühle. Er träumte bis zu seinem Tode davon, irgendwann wieder eine Mühle zu haben. Die Zeiten, in der sie diese Mühle betrieben, waren die letzten glücklichen Jahre der Familie. Die Mühle, die sich bis zuletzt im Gemeinschaftsbesitz seines Vaters und dessen Brüder befand, wurde nach der Oktoberrevolution enteignet.

Trotz der schweren Zeiten im ganzen Land, der Auslöschung des geistlichen Lebens und des familiären Leides durch die brutale Ermordung seines 16 jährigen Bruders Jacob durch Banditen, heiratete Julius Tina Wall im Juni 1921. Leider weiß man nicht, wann und wo sie sich kennenlernten. Beide jung, voller Hoffnung und Liebe, gründeten eine eigene Familie. Die erste Zeit wohnten sie in Dorf Gavrilovka, in dem Julius als Arbeiter in einer Mühle arbeitete. Am 14. November 1922 wurde ihnen ihr erstes Kind geboren, eine Tochter. Sie bekam den Namen Agata, benannt nach Tinas Mutter, welche in demselben Jahr verstarb.

Julius Siemens (rechts) mit seinem Bruder Kornej
Julius und Tina Siemens

Nach oben

Kurze Zeit später zog die junge Familie zu Julius Eltern nach Gussarovka. Man war nirgendwo sicher. (Anarchistische) Banden, die Weiße und Rote Armee zogen durch das Land. Drei Schwestern von Julius mit ihren Familien emigrierten, oder besser gesagt, flüchteten nach Amerika. Julius und sein Vater Jacob versuchten neu anzufangen. Sie bauten am Rande des Dorfes zwei gleiche Häuser und wollten noch die Gärten anlegen. Wie lange sie dort wohnten, weiß man nicht. Aber es muß schon Ende der zwanziger Jahre gewesen sein. Agata besuchte mal deutsche, mal ukrainische Schulen.  

In dieser Zeit begann die Kollektivierung der Landwirtschaft, die den Ruin und die Vernichtung von Millionen russischer wie deutschstämmiger Bauern nach sich zog.

Jacob flüchtete aus der Not heraus mit seiner Frau und der unverheirateten Tochter Liesa nach Dnepropetrovsk (Ekaterinoslav), um einer Verhaftung als ehemaliger Mühlenbesitzer zu entgehen. 

Bis auf eine Kuh, ein Schwein und Enten besaßen Julius und Tina zu diesem Zeitpunkt nicht viel.  Da begann die Phase der „Entkulakisierung“. Das hatte zur Folge, daß die „Großbauern“ (die Bauern, die mehr als eine Kuh und 10 - 25 ha Land besaßen) ins Gefängniss geworfen, anschließend in Straflager überführt und nach Sibirien und Mittelasien deportiert wurden. Das russische Wort „Kulak“ bedeutet „geballte Faust“; so wurden alle wohlhabenden Bauern sogar offiziell genannt. Diese waren der sogenannte „bäuerliche Mittelstand“, die Großgrundbesitzer waren bereits in der ersten Phase der Kollektivierung enteignet und nahezu ausgerottet worden.

 

Julius und Tina mussten zuerst die Kuh abgeben. Dann wurde ihr Haus durchsucht und alles notiert. Das bedeutete, man durfte keine eigenen Sachen mehr anfassen.

Die Familie wurde schließlich aus ihrem eigenen Haus vertrieben. Sie flohen in den Nachbarort, ein deutsches Dorf, wo sie ein Dach über den Kopf fanden, aber nicht lange bleiben konnten. Sie zogen weiter nach Arkadak, wo Julius eine Arbeit als Zimmermann fand. Sie mieteten eine Wohnung in einem deutschen Dorf.

Im Oktober 1931 durften seine Eltern und seine Schwester Liesa endlich die UdSSR verlassen. Es war ein sehr bewegender und schwerer Abschied. Man wusste, daß man sich nie wiedersehen würde. Mit Julius blieb nur noch sein Bruder Kornej zurück. Er wurde nach seiner Verhaftung in den Norden Rußlands (Archangelsk) deportiert. Seine Eltern konnten sich nicht von ihm verabschieden. 

Dennoch musste das Leben weiter gehen. Julius arbeitete und seine Familie fühlten sich wohl in dem deutschen Dorf. Auf Grund einer neu erlassenen Verordnung, die besagte, daß alle, die weniger als ein Jahr dort wohnten, sofort die Gegend zu verlassen hätten, mußten sie weiter ziehen!

Kurze Zeit arbeitete Julius wieder als Zimmermann in Kramatorsk, bis sie 1933 in die Stadt Konstantinovka zogen, in der auch Tinas Schwester Agata lebte. Sie mieteten sich ein Zimmer am Stadtrand. In dieser schweren Zeit gebar Tina am 2. Juli 1934 ihre Tochter Anna, meine Mutter. Tina wurde nach der Geburt sehr krank. Hunger und Not schwächten sie und sie war dem Tod sehr nahe. Julius suchte verzweifelt nach Arbeit. Er fand eine Arbeitsstelle in einer Mühle, aber weit entfernt von seinem jetzigen Wohnort. Deshalb ließ er seine Familie in Konstantinovka zurück und  schickte ihr von Zeit zu Zeit Geld und Lebensmittel. Mitnehmen konnte er seine Familie jedoch noch nicht. Tina kämpfte verzweifelt mit ihren Kindern ums Überleben, denn man wusste nicht, ob man am nächsten Tag was zu Essen bekam. 

Zum Glück nahm das Schicksal eine positive Wendung, denn Julius Bruder Kornej kehrte aus dem Norden zurück. Er brachte etwas Geld mit, sodaß er Lebensmittel und Stoff kaufen konnte, aus dem Tina die nötigste Kleidung nähte. Somit rettete er die Familie meines Großvaters vor dem Hungertod.

von links: Agata, Julius, Kornej, Tina mit Anna

Nach oben

Da Konstantinovka eine Industriestadt war und in einem Tal lag, war die Luft durch die Immisionen der vielen Fabriken stark verschmutzt. Julius litt an Tuberkulose und so schlug Kornej vor, ins ländliche Ural weiter zu ziehen, in der Hoffnung auf ein gesünderes und besseres Leben.

Obwohl Angst und Hunger überall herrschten, entschieden sie sich, zu Tinas Schwester Anna Wieler zu ziehen, die 1931 mit ihrem Mann Peter in den Ural deportiert worden waren. Sie konnten Anna vorher nicht benachrichtigen. Als sie zu fünft die Eisenbahnstation Sotrino erreichten, fragte Tina eine junge Frau am Bahnhof, ob sie die Familie Wieler kennen würde. Sie kannte sie, welch ein glücklicher Zufall! Julius und Kornej blieben an der Bahnstation und Tina ging mit den Kindern in Begleitung dieser unbekannten Frau ins Dorf Novo-Sotrino. Sie erreichten das Haus der Familie Wieler zur Mittagszeit. Peter saß am Tisch und Anna stand am Herd, als Tina hereinkam. Sie haben Tina zunächst nicht erkannt, so abgemagert war sie. Danach flossen Freudentränen des Wiedersehens! Peter holte die Männer vom Bahnhof ab. Nach einer oder zwei Nächten in dem sehr kleinen Haus der Wielers fuhr Kornej ins ca. 100 km entfernte Turinsk (später Stadt Krasnoturinsk), in dem sich ein großes (Kupfer-) Bergwerk (Туринский медный рудник) befand. Er bekam eine Stelle als stellvertretender leitender Buchhalter des Bergwerks. Kornej fand eine Wohnung für die gesamte Familie meines Großvaters und Julius fand auch eine Arbeitsstelle. Nach einiger Zeit zog Kornej mit einer Frau zusammen, die schon Kinder hatte. Ihr Glück währte nicht lange, da er ein paar Jahre später verhaftet, in ein Straflager kam und wahrscheinlich erschossen wurde. 

Nicht weit von Novo-Sotrino (Anna und Peter Wielers Wohnort) entstand ein neuer Ort mit Namen Pervomajskij, in dem eine neue Fabrik gebaut wurde. Man spekulierte, dass man dort gutes Geld verdienen könne. Julius zog mit seiner Familie dorthin. Er und seine Frau träumten davon, genug Geld zu verdienen, um zurück in die Ukraine fahren zu können. 

Es sollte aber ganz anders kommen!

 

1937! Das schreckliche Jahr! Terror!

Inzwischen wohnten wegen der unsicheren Zeiten und des familiären Zusammenhaltes die Familien Siemens und Wieler wieder zusammen in einem Haus in Novo-Sotrino. 

Meine Mama, damals ein dreijähriges Kind, kann sich ganz gut an Folgendes erinnern: 

In einer Dezembernacht kamen schwarz gekleidete Leute ins Haus, durchsuchten es und nahmen ihren Onkel Peter Wieler mit. Alle zu Hause wussten, dass er nie zurückkommen würde! Meine Mama stand mit großen Augen an der Tür, voller Angst beobachtete sie alles. Kann man DAS vergessen?

Fast jeder Mann ab dem 16. Lebensjahr im Dorf wurde in diesem Jahr festgenommen und eingesperrt. Ihnen wurde vorgeworfen, sie seien „Feinde des Volkes“. Sie wurden so lange in Gefängnissen gequält, bis sie unter einer erfundenen Anklage gestanden. Und danach wurden sie entweder in den hohen Norden verschleppt, wo sie unter schrecklichen Bedienungen arbeiten und wohnen mussten, oder sie wurden einfach erschossen.

So kam auch Peter Wieler nicht zurück nach Hause zu seiner Frau. Er war spurlos verschwunden. Da die Dokumente aus dieser grausamen Zeit jetzt öffentlich zugänglich sind, habe ich erfahren, daß er 6 Wochen nach seiner Verhaftung am 8. Februar 1938 erschossen wurde.  

Kurze Zeit später wurde auch mein Großvater Julius an seinem Arbeitsplatz festgenommen. Die Anklage, er solle einen Kolchos in Brand gesetzt haben, war völlig absurd. Glücklicherweise kehrte  er ein Jahr später nach Hause zurück. Der Grund für seine Entlassung war, dass durch die vielen willkürlichen Verhaftungen die Gefängnisse inzwischen total überfüllt waren. Dadurch kamen dann auch wieder viele (zu Unrecht) Beschuldigte „willkürlich“ frei.

Um Julius Gesundheit stand es sehr schlecht. Er litt an epileptischen Anfällen, die sich jetzt häuften. Seine Frau Tina hatte sehr große Angst um ihn. Julius begann wieder als Zimmermann in einer Fabrik (смоло скипидарный завод). Dieser Betrieb befand sich in einem anderen Ort, sodass Julius eine ziemlich lange Strecke zu Fuß entlang der Bahnschienen zurücklegen musste. Das fiel ihm immer schwerer!

Der Zweite Weltkrieg verschlimmerte die gesamte Situation noch mehr.  Das Elend fand kein Ende.

1942 begann die Sowjetregierung, alle Deutschstämmige im Alter von 17 bis 50 Jahren in der sog. Trudarmija (Arbeitsarmee) zum Arbeitsdienst zu verpflichten, zuerst die Männer, dann auch die Frauen.

„Die Arbeitsarmee (Трудовая армия = Trudowaja armija, kurz трудармия = Trudarmija) war eine militarisierte Form der Zwangsarbeit in der Sowjetunion während und nach dem Zweiten Weltkrieg von 1941 bis 1946. Betroffen davon waren vor allem Russlanddeutsche“. (aus Wikipedia)

Julius durfte wegen mehrerer Rippenbrüche zu Hause bleiben. Seine Frau Tina wurde mit ihrer ältesten Tochter Agata (20 Jahre alt) zwangsweise zur Trudarmee nach Karpinsk geschickt.

Und so blieben in Novo-Sotrino Anna Wieler, Julius und die achtjährige Anna zurück. Julius Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr. Anna Wieler tauschte die letzten brauchbaren Sachen der Familie gegen ein bisschen Essen.

Im Juni 1944 kam Julius mit großen Lungenabszessen ins Krankenhaus. Er starb einen Monat später am 29. Juli um 18 Uhr. Es war ein sehr heißer Sommer, deswegen musste man ihn schnell bestatten. So fand am nächsten Tag zur Mittagszeit seine Beerdigung statt. Anna Wieler schickte ihrer Schwester Tina, Julius Frau, zwei Telegramme an ihren Aufenthaltsort in der Trudarmee. Niemand weiß, ob sie die Telegramme erhalten hat. Julius wurde zu Grabe getragen, ohne daß seine Frau und die Tochter Agata anwesend waren!  

Anna gab das Letzte (Julius' Lederschuhe), was sie noch besaßen, einem Milizionär mit der Bitte, zu Tina zu fahren, um ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes zu überbringen. Tina und Agata bekamen die Erlaubnis, für kurze Zeit nach Hause zu kommen, um Abschied von ihrem Mann und Vater zu nehmen. Sie kamen aber zu spät, Julius lag schon unter der Erde!

In dieser Zeit herrschte unvorstellbares Elend und die Menschen litten Hunger. Deswegen gingen alle Dorfbewohner immer zu Begräbnissen, weil es dann ein wenig zu essen gab. Anna musste die Lebensmittelkarten für August schon einlösen, um Brot für die Beerdigung einzukaufen. So konnte jeder Teilnehmer an der Beerdigung ein Stückchen Brot, so groß wie zwei Bissen, bekommen. Anna hatte auch Kartoffeln (viel zu früh!) ausgegraben, um sie zu kochen. Und zum Trinken gab es Dickmilch. Die Tische standen im Freien und die Leute aßen gierig. 

 

Julius hatte ein sehr kurzes und schweres Leben, er wurde keine 44 Jahre alt! Lediglich seine Kindheit verlief glücklich. Seine Eltern, die nach Brasilien flüchteten, wussten lange nicht, dass sie noch einen Sohn verloren hatten. 

Julius Siemens Todesurkunde

Nach oben