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Johann Johann Cornies I. ∗1789 †1848

#44146

Das einzige Porträt des Johann Cornies I. stammt von Tobias Voth, 1827
dieses Bild bekam Frieda Dück von Johannes J. Wiebe in 1957.

Das Auszug aus der Allgemeine Zeitung München, 1843

 

Seite 2717

 

Nro. 346      Beilage zur Allgemeinen Zeitung        12 Deckr. 1843

 

Briefe eines deutschen Reisenden vom schwarzen Meer

III. Die deutschen Ansiedler in Rußland.


(…)

Unter der Regierung des Kaisers Paul wanderten die Mennoniten aus Preußen in Rußland ein. Sie hatten ihr Vaterland hauptsächlich wegen des Conskriptionszwanges, dem sie nach ihren religiösen Grundsätzen sich nicht fügen wollten, verlassen und brachten nach Rußland ziemlich viel Vermögen mit.

 

Seite 2718


Kaiser Paul ertheilte den Mennoniten sehr vortheilhafte Privilegien und wies ihnen an den Ufern des Milchflusses (Moloschna) schöne und fruchtbare Wohnplätze an. Jeder eingewanderte Familienvater erhielt von der Krone 60 bis 65 Dissätinen (etwa 250 Morgen) Landes und zehnjährige Steuerfreiheit. Die nomadisirenden Nogaier, welche zuvor im Besitz dieses Steppenlandes waren, mußten den Deutschen weichen. Die Colonien an der Moloschna erhoben sich sich zu einem Wohlstand, wie man ihn bei wenigen Agriculturbevölkerungen Deutschlands findet. In dem Dörfchen Ohrlof wohnt ein Mennonit, Johann Cornies, welcher 40,000 Merinoschafe, unermeßliche Landereien und ein Vermögen von mehr als einer Million Rubel besitzt. An Regelmäßigkeit und Zierlichkeit der Bauart und der Einrichtung der Häuser, an Fruchtbarkeit der Gärten und Felder und schönem Zustand der Heerden können die Mennonitenansiedelungen mit allen mir bekannten Gegenden den Vergleich aushalten. Erst in neuester Zeit hat dieser bedeutende Wohlstand durch das Sinken des Preises der Merinowolle etwas abgenommen. Die Mennoniten sind gering besteuert; sie zahlen nur 15 Kopeken für jede Dissätine und sind von der Coskription  und von Einquartierungslasten so lange befreit als das Privilegium des Käufers Paul respectirt fern wird. Tracht, Sitten und Lebensweise haben sie seit einem halben Jahrhundert unverändert bewahrt. Die Männer gehen in Röcken von ganz altväterischem Schnitt, die Frauen tragen Kleider von blauem Kattun mit kurzen Aermeln.

Auf die benachbarten tatarischen Nogaier ist die Nähe der Deutschen nicht ohne vielfachen Einfluß gewesen, obwohl Schlatter in der Beschreibung seines Aufenthalts unter den Nogaiern diese Thatsache nicht zugeben will. Die Bauart der Nogai'schen Dörfer wird in neuerer Zeit den deutschen Ortschaften mehr und mehr nachgeahmt, und Johann Cornies hat durch die Vertheilung vieler Merinoschafe die Wollzucht unter den Tataren in Aufnahme gebracht. Bekanntlich wurden die Nogaier im Jahr 1808 auf kaiserlichen Befehl gezwungen ihrem Nomadenleben zu entsagen und an festen Wohnplätzen sich anzusiedeln. Diese Maaßregel brachte in Charakter und Lebensweise der Nogaier eine merkwürdige Aenderung hervor. Ihr streitlustiger Sinn, ihre Diebsgewohnheiten und ihr religiöser Fanatismus nahmen ab, und sie gewöhnten sich allmählich an den Verkehr mit ihren christlichen Nachbarn. Dabei werfen sie freilich noch öfters sehnsüchtige Rückblicke auf die vergangenen Zeiten. „Wenn der Tatar — erzählt Daniel Schlatter — von der Höhe einer Mohillee herab auf russische und deutsche Dörfer blickt, so sagt er mit Bewegung: sieh all' dieses Land war unser! Da wohnten und weideten wir. Damals waren wir reich und hatten unsere Lust."

Denkmal für Johann Cornies in Ohrloff

 

 

"Am 29.Februar 1848 legte er sich ins Bett. Es war die Halsbräune, die ihn niederzwang. [...] Seine Kräfte schwanden in Wirklichkeit mehr und mehr. Cornies war ein sehr geduldiger und ruhiger, ganz in den Willen Gottes ergebener Kranker. Als ihn einmal jemand bemitleiden wollte, weil keins seiner Kinder bei ihm sei, um ihn in der Krankheit zu pflegen, wehrte er mit der Worten ab: "Die können mir doch nicht helfen."

Am 13. März 1848 schlug seine Todesstunde."

Von den Seinen war nur die mutterlose jüngste Enkelin bei ihm. So starb er ohne seine Kinder am Sterbebett zu haben. Sein Bruder David begleitete ihn auf diese letzte Reise.

"Am 16. März war das Begräbnis. Es war sehr groß und trug wie nie zuvor und später in den Kolonien einen internationalen Charakter. Außer den Mennoniten aus all den umliegenden Dörfern, waren Hutterer, Russen und Nogaier gekommen, zum letzten Mal in das Angesicht ihres toten Freundes zu schauen und von ihm Abschied zu nehmen. Weil das Haus die Gäste bei weitem nicht fassen konnte, hatte man die Leiche auf dem Hof aufgebahrt. Ein endloser Zug bewegte sich dann zum Friedhof. Liebe und Treue geleiteten den verewigten "Vorsitzer" zur Grabesruhe. Ein Jahr später haben seine Verwandte und Freunde Cornies ein Denkmal gesetzt, eine gebrochene Marmorsäule. Nach der Überlieferung soll der Verstorbene es so gewünscht haben zum Ausdruck dessen, dass das von ihm begonnene Werk noch nicht vollendet sei."3 

„Sanft ruhe ihre Asche!" das war neben dem Datum der Geburt und des Todes von Johann Cornies und dessen Frau (die Beide in einem Grabe liegen), die einzige Inschrift, welche sein Grab in Ohrloff enthilet. Das Denkmal von Johann Cornies wurde vom Steinhauer Heinrich Hamm aus Chortitza hergestellt und ist leider den Stürmen der Zeit zum Opfer gefallen ist. Ich bin 2013 an diesem Friedhof gewesen- ein ganz trauriger Anblick, nur ein paar Grabsteine sind noch da. Das Steppengras, welches sich auf dem ganzen Friedhof verbreitete, war ganz schwarz vom kürzlich hier herschendem Feuer. Wo Johann Cornies Grab gewesen ist, weiß leider keiner.

 

Sein Schwiegersohn Philipp Wiebe schrieb: "1848 den 13 Maerz vollendete mein Lieber Schwiegervater und unvergeßlicher Wohltäter Johann Cornies 4 Uhr 45 Minuten Nachmittag in dem Alter von 58 Jahren 7 Monate und 20 Tage. Die Beerdigung fand am 17 (? 16.) Maerz statt, der Aelteste B. Fast hielt die Leichenrede über  Marci 13 Vers 31."2

 

Dieser verfasste nach dem Tod von seinem Schwiegervater ein Gedicht:

 

Muthig gingst du die Bahn 

Deiner langen Lebensreise;

Alle, die dich kannten sah´n 

Oft in dir, den wackren Greise,

Vorbild stiller Thätigkeit, 

Muster weiser Mäßigkeit.

 

Manchen Kummer, manchen Schmerz 

Hast du Guter, hier empfunden

Oefter blutete dein Herz 

In des Lebens Prüfungsstunden;

Aber nie schwand dir die Muth:

Gott, sprachst du, macht Alles gut.

 

Vor der ew´gen Liebe Thron 

Find´st du die Vorangegangnen,

dort wirst du auch deinen Lohn, 

Aus des Vaters Hand empfangen;

Der uns, seine Kinder, liebt,

Selbst, wenn er uns tief betrübt.

 

Alle, die du hier verläßt, 

Kinder, Enkel, Blutsverwandte,

Und der Greise kleiner Rest, 

der dich Freund u. Bruder nante,

Folgen dir in kurzer Zeit

Nach, in jene Ewigkeit.

 

Deinem Leibe wünschen wir 

Ruhe in des Grabes Stille;

Bald vielleicht wird hier bei dir, 

Modern unsers Geistes Hülle.

Wohl uns, wenn wir einst, wie du, 

Schließen unsre Augen zu!

 

19 Juli 1848, Ph. Wiebe, 

Ohrloff.2

 

„1789—1848, zwei denkwürdige Revolutionsjahre. Auch Johann Cornies war ein Aktivist. Aber er war mehr als ein Revolutionär, er war ein Evolutionär, ein gottwillig und gutwillig Wirkender, wirwillig der Natur verdungen, dem Gewissen unterstellt.“ 1

Dem Johann Cornies wurde schon zu Lebzeiten höchste Anerkennung zuteil. Am 22. Oktober 1825 besuchte ihn Kaiser Alexander I. in seinem Hause. Es lag Majestät am Herzen, in dieser Holzarmen Gegend mit Anlagen von Holzbäumen Versuche zu machen.“4

1837 wurde Cornies dem Kaiser Nikolaus in Simferopol vorgestellt, der ihn einen alten Bekannten nannte und ihm für die Bemühungen um die Nogaier dankte. Im gleichen Jahr suchte ihn der Großfürstthronfolger Alexander Nikolajewitseh in Juschanlee auf. „1837 am 16. Oktober reisten Kaiserliche Hoheit der Großfürst und Thronfolger Alexander Nikolaewitsch durch die Kolonien und beehrte auch das Vorwerk Juschanlee mit einem Besuche.“4

Weitere großfürstliche Besucher folgten, nebenher die Besuche höchster Staatsbeamten und Staatswürdenträger.

"1845 kam der Großfürst Konstantin Nikolaewitsch nach Juschanlee, doch konnte Cornies, der daheim in Ohrloff krank lag, ihn leider nicht persönlich begrüßen. Der Großfürst jedoch sandte seinen Leibarzt zu ihm, damit dieser ihm Nachrichtüber das Befinden des Kranken bringe.

Bei solchen Gelegenheiten wurden dem schlichten Mennoniten, der jeden Orden oder sonstige Auszeichnungen dankend ablehnte, von den Allerhöchsten Herrschaften verschiedene Schmuckstücke zum Geschenk gemacht als: goldene Tabaksdosen, mit Brillanten besetzte Broschen usw., welche sich teilweise noch im Besitze der Familienglieder befinden.

Cornies wurde auch ein Orden angetragen, doch er lehnte nicht nur diesen, sondern auch eine goldene Medaille, auf der Brust zu tragen, ab, dagegen nahm er eine einfache Denkmünze an, die einer erstklassigen goldenen Medaille gleich kam. Sie sah genauso wie Medaille auf dem Foto rechts aus, nur ohne "Öhrchen", damit man sie nicht tragen musste. 

Die Denkmünze war 3/4 Pfund schwer, trug Cornies´ Namen und auf der Rückseite die Aufschrift: „Sa Ußerdije“ („für Tüchtigkeit“). Noch bis vor einigen Jahren befand sich dieses kostbare Andenken in dem Besitz des Enkels Joh. Cornies- Tatschenak. Bei einem Einbruch aber wurde auch die Kommode aufgebrochen und das Wertstück gestohlen. Das Diplom ist jedoch noch vorhanden."0

Im Sommer 2016 fand ich an einem Trödel eine alte Denkmünze mit der Aufschrift „Sa Ußerdije" an einer Seite und dem Bild von Alexander I. auf der anderen Seite. Ich habe diese alte Münze gekauft, so ähnlich sollte auch Cornies Münze ausgesehen haben.

 

 

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1909 ist das Buch "Johann Cornies" von David Epp erschienen. Meine Großeltern besaßen einen Exemplar, leider ist es abhanden gekommen. Zum Glück konnte ich eine Ausgabe des Buches von 1946 erwerben.

Aus dem Tagebuch vom meinen Großvater Heinrich Dick :"24.09.1944. Schon 5 Tage Landregen. Sonntag. Hackte Holz, schälte Kartoffel und machte Feuer, nachdem Frieda Glut von der Nachbarin gebracht hatte. Inzwischen, während Frieda am Herd schaffte, lass ich aus Hilty’s “Glück” vor,[...] . Dann lasen wir uns aus “Johann Cornies” den Abschnitt “Cornies als Mensch”. Mit aller Gewalt hat uns dieses in unsre früheste Vergangenheit zurück versetzt. Es ist doch ein Vergeben gegen Geschichte und Kultur, dass das alles in den Kot getreten ist."

 

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"... , im Jahre 1900, finden wir in einer russischen Zeitung, im "Krymskij Westnik" Nr.244, aus der Feder eines Herrn J.J.Filippenko einen Artikel, der auch dem Andenken des verewigten J.Cornies geweiht ist. Nach einer kurzen Aufzählung dessen, was Cornies geleistet hat, heißt es zum Schluß: "Wenn Moskau sich fertig macht, um dem Ausländer - Philantropen Doktor Haase ein Denkmal zu stellen, so wäre es für Neurußland längst Zeit gewesen, an ein Denkmal für Cornies zu denken! Diese beiden Monumente werden als Symbol der Einigung dienen für alle Geschlechter und Völker, für alle Konfessionen und Sekten, welche nach dem Willen des Allerhöchsten in den Verband des großen russischen Reiches eingetreten sind, dem russischen Lande zum Nutzen."0

Es sollten noch 116 Jahre vergehen... Es gibt es keine Neurussland mehr. Diese Gegend gehört jetzt zu Ukraine. Dem ukrainischen Volk ist es hoch anzurechnen, das sie in einer so schwere Zeit, ihre Dankbarkeit gegen über dem mennonitischen Bauer Johann Cornies zum Ausdruck bringen. Am 16. September 2016 wurde das Cornies Denkmal in der Alt Berdjansker Försterei eingeweiht.

 

29. Januar 1835

Quelle:

 

 0  D. H. Epp, Johann Cornies, (Steinbach 1946)

 1 Ernst Behrends, Ostdeutsche Monatsheft, Oktober  1959

 2 Privatarchiv Heiderun v. Issendorff

 3 H.Goerz, "Die Molotschnaer Ansiedlung", Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage, Seite 68

 4 Franz Isaak „Die Molotschnaer Mennoniten.“, 1908, Seite 13, 21