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Eltern: Gerhard Franz Dück, Anna Ens

♥ Katharina Goertzen 

Kinder: Anna, Gerhard, Rudolf, Agnes, Helene, Viktor, Edgar, Harold

Jacob (Jasch) Gerhard Dyck ∗1885 †1977

#133573

 

 

Dank meiner Cousine Karen Overall (die Enkelin von Jacob Dyck) habe ich eine Kopie des Skriptes „Meine Geschichte“ von Jacob Dyck erhalten. Eine englische Version erhielt ich vom Gary Dyck (auch sein Enkel).

 

 

 

Karen Overall, Rita Dick , Doreen Janzen
April 2014, Osnabrück
Doreen Janzen, Rita Dick , Karen Overall,
Juli 2015, Canada

 

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J.G. Dyck                                                                                                                                         1951

95 Erie Str. North

Leamington, Ont.

Canada

Meine Geschichte

 

Steigt ein Bübchen auf den Baum;

Und, so hoch, man sieht es kaum.

Hüpft von Ast zu Ästchen,

Schlüpft zum Vogelnästchen.

Hea, da lacht es,horch, - da kracht es;

Plumps - da liegt es unten!

Das wäre so ungefähr meine Biographie, Lebensgeschichte. Man könnte sie, die Geschichte, auch noch kürzer machen; denn nur drei Worte genügen, die Biographie eines Menschen zu geben, und das sind folgende drei: geboren, gelebt, gestorben!“ Ich würde sie aber wollen unter der Rubrik  „Schlagworte“ stellen, denn geboren werden, leben und zuletzt sterben, das sind Sachen, worüber einzig und allein der Ewige aus den höheren Regionen, wollen mal sagen: Himmel, zu verfügen vermag.  Denn nur, wenn der zu seiner Magd sagt: „Dir soll ein Kind geboren werden“, dann geschieht es und niemals anders. Und wünschten tausende Frauen sich Kinder und Millionen Väter – Nachkommen, alles umsonst. Sarah, Abrahams Weib, war lebenslänglich bestrebt ihrem Gemahl, dem Stammvater aller Gläubigen, ein Erbe zukommen zu lassen, aber es gelang ihr bis ins hundertjähriges alter nicht. Als aber der Herr ihr die Verheißung gab, war kaum ein Jahr vergangen, und Isaak ihr Sohn , erblickte das Licht der Welt. Also es ist mit dem geboren werden nicht so einfach, ob´s ein Isaak oder wie ich, ein Jacob ist.

Also, ihr habt einen Jungen bekommen, sollte es nicht diesmal 

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ein Mädel sein, fragte eine neugierige Nachbarsfrau meine Mutter Frau Gerhard Dyck (geb. Anna Enns), als letztere die Schmerzen so eines Aktes kaum überstanden hatte. Nein, sagte die junge, hübsche Mutter: „Der Herr hat uns einen hübschen, gesunden Bub geschenkt und ich will ihn, sowohl wie seinen älteren Bruder Gerhard in der Furcht und Ermahnung zum Herrn auf erziehen (Ob's ihr, der guten christl. Mutter gelungen ist?) . Gott hat uns die beiden Jungen gegeben und ich gebe sie ihm wieder. Das Zwiegespräch wär nun beendigt und die Hebamme, Tante Boldt aus Tiege, unserem Nachbardorfe vermochte nur noch anstandshalber zu sagen:"kommt boald moal wada" und die Tür fiel hinter der guter Nachbarin in's Schloss . Es war ja nun auch an der Zeit, dass die Leute im Dorfe Blumenort, wo wir wohnten, mit der Neuigkeit bekanntgemacht wurden, was dann auch wie ein Schnellfeuer sich verbreitend, geschah.

Bald darauf wurde ich in eine große Familienwiege gelegt und welcher ich später, als junger Knabe oft meine kleinere Geschwister, es folgten dann noch 4, gewiegt habe, oder auch oft so geschaukelt, dass ihre Köpfchen unbarmherzig hin- und her sehlugen und sie vor lauter Betäubung oder vielleicht richtiger gesagt, Bedieselung einschliefen und ich dann reißaus nahm um meine Steckenpferdchen zu besorgen, deren ich ins ganze Reihe im großen Pferdestall in einem leeren Pferderaume stehen hatte, sehr fest angebunden und sorgfältig mit Heu fütterte, trotzdem sie aus der Maulbeerhecke stamten, ich hatte sie mit meinem Taschen oder wie wir sagen pflegten, Knips Messer, welches Vater mir im Frühlinge vom Prischiber Jahrmarkt mitgebracht hatte, hergerichtet. Es waren wirklichw Prachtexemplare, diese Schruggen, das übliche Wichern aber überließen sie mir selbstverständlich 

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Doch zur Wiege, ja, wo stand dieselbe? Nur in einer Eckstube, welche extra am großen Wohnhaus für das Jungverheiratete Paar, Gerhard und Anna Dyck, angebaut war. Der außergewöhnlich große Hof lag etwas vom Dorfe Blumenort, Wollost (волость) Halbstadt, Kreis Berdjansk, Gouvernement Taurien "Süd-Russland“ ens......Der 22. Juli war also der Tag meiner Geburt, man schrieb das Jahr 1884. Es war, wie gewöhnlich in unserer Gegend zur Sommerzeit, ein heißer Tag, doch für mich ein Glückstag, und bis auf den heutigen Tag, da ich bald 68 Jahre alt bin, habe ich den selben wie verwünscht, oder wie mancher, in seiner Verzweiflung , den Tag seiner Geburt verflucht hat, ob... war ich, ja meine ganze Familie, meine liebe Frau und 8 Kinder, Zeiten durchlebten, wo wir vom Feuer der Revolution umgeben, im Rauch desselben fast erstickt, ausrufen mussten, wie unser Vorgänger, unser Erlöser, in solchem Leid am Kreuzesstame auf Golgotha es tat: "O Gott, warum hast Du uns verlassen?"

Nun, also, wo die Wiege gestanden hat, weiß ich, doch wo der Sarg sich nochmal befinden wird, kann ich nicht festsetzen heute. Trotz dem ich, resp. wir, gegenwärtig, ein schönes Heim haben und eine große Kirchengemeinde mit einer prachtvollen Kirche. "Essers Country Vereinigte Mennoniten Gemeinde zu Leammington" zu welcher wir gehören, auf einem nahe der Stadt liegenden Kirchhof angekaufte Gräber haben, die bestimmt sind mich und mein teueres Weib dermaleinst, vielleicht gar bald, aufzunehmen, weiß man nur zu gut, dass nach zwei er......  Durchlebten Weltkriegen, der dritte vielleicht im Anzuge, es nicht ausgeschlossen ist, dass man nicht noch einmal gezwungen wird, den Wanderstab in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Man wünscht sich oft, wie jener ....... Knabe 

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sich in einem spanischen Volksliede, welches in meiner Jugend sehr oft gesungen habe, so komisch ausdrückt, wo es da unter anderem heißt: "Hier unter schattigen Kastanien, möcht' ich eins begraben sein!" Es ist ja auch logisch, so einen köstlichen Gedanken in sich zu hegen, den der müde Körper sehnt sich nach einer Ruhe, nach einer ewigen Ruhe. Die Zeiten sind aber oft sehr veränderlich, und wie mich heute vom dem Ort, wo meine Wiege gestanden hat, eine Kluft von circa 5 tausend Meilen trennt, den wir befinden uns zu gegenwärtig, seit 1926 in der "Neuen Welt" wie wir America in Europa oft nannten, so ist es nicht ausgeschlossen, dass ich, resp. wir, vor dem sogenannten Toresschluss vielleicht noch einmal einen weit abgelegenen Weltteil betreten müssen, vielleicht Süd-America oder sogar Süd-Afrika, für Letzteres haben wir uns in Süd-Russland oft interessiert, d.h. fürs Land der Boerer (Buhren). Denn zur Genüge haben wir's in unserem Leben erfahren, was Gott, unser himmlischer Vater in dem heiligen Bibelbuche sagt: "Euere Gedanken sind nicht meine Gedanken und meine Wege sind nicht euere Wege."

Und so sind Wiege und Sarg oft weit getrennt; die Wiege steht an der Eingangsstelle des Lebens und der Sarg an der Ausgangsstelle desselben; und beide sind gewöhnlich aus Bretten gezimmert und oft sogar aus einem Baum geschnitten. In beiden schläft der Mensch  und in beiden werden wir hineingelegt. Wiege und Sarg - an beiden wird geweint: dort süße Freudentränen und hier - bittere Tränen der Trauer, Wiege und Sarg wieder- an beiden wird gehofft und an beiden wird gebetet. Wiege und Sarg stehen aber auch manchmal nahe an einander, doch ob nahe oder ferne, beides sind Wiegen: die eine für die Erde, die andere für den Himmel.

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Franz Dyck , year unknown

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Meine Vorgeschichte

Sie ist, da ich ja Mennonit bin, ein langer, staubiger und holperiger Weg; jahrhunderte müsste man zurückgreifen, wollte ich die Anfangsspuren desselben entdecken, doch wir genügen uns mit dem letzten Jahrhundert, resp. mit den letzten drei Generationen:

Als mein Großvater, Franz Dyck, sich die Anna Wiens (Dolli Schmidt-Wiens; er war jedenfalls einer von denen, die ano 1800-1804 direkt aus Preußen eingewandert waren) in Blumenort heiratete, wo er Lehrer und zwar Privatlehrer auf dem allgemeinem in Süd-Russland bekannten Gute (Vorwerk) "Steinbach" bei Familie "Schmidts". Fast allen Söhnen der deutschen Gutsbesitzer von nah und fern, alt und jung, lehrte er die russische Sprache und auch Bilder zeichnen, in welchem er, Fr. Dyck, sehr begabt war; es stehen mir heute noch verschiedene große Bilder unserer "Kaiserlichen Familie aus Petersburg", mit welcher er in Berührung gekommen war während ihren Reisen in Süd-Russland zu Wagen und zu ........in lebhafter Erinnerung. Er, mein Großvater, der aber noch vor meiner Geburt in seinem 55. Lebensjahre starb, war ein christlicher Mann mit gutem Charakter und einer lebhafter Natur, auch besaß er einen feinen Humor , welcher sich auf die weitere Generationen vererbte und sogar noch auf seine Urgroßkinder übergegangen ist.

(aus einen Urgroßsohn unbedingt, unseren jüngsten Sohn „Harry“, welcher zur jeder Zeit, an jedem Ort, auch in der Kirche , wenn er Vorträge für die Jugend hält, einen gelungenen Scherz zum Besten zu geben vermag). Will hier nur zwei Beispiele angeben, die mir mein Vater von ihm erzähl hat:

Als er, mein Großvater, Fr. Dyck, in Jekaterinoslaw um das Jahr 1850. im Gymnasium die russische Sprache studierte, waren daselbst

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auch jüdische Studenten, während den Pausen, die meistens draußen auf  dem Schulhoff verbracht wurden, aus Großvater oft getrocknete Kirschen, die seine Mutter ihm immer mitgab, wenn er im Herbst sein Studium in der Stadt aufnahm; dem einem Juden jungen nun schmeckten die Kirschen auch gut und so plagte er meinem Großvater und bat ihn, er solle ihm doch auch mal eine ganze Hand voll geben. Großvater vertröstete ihn auf den nächsten Morgen. Wie also verabredet, fand sich der jüdische Student pünktlich in der ersten Pause ein und hielt die Hand auf, damit sie könnte aufgefüllt werden, doch der Großvater zögerte mit der milden Gabe, bis die Schulglocke zum "Herein“ läutete „da hast sie" sagte er und schüttelte dem Juden die Hand voll schwarzer Pfefferkörnern, welche jener in aller Eile in seinen Mund verschwenden ließ, damit die "Kirschen"noch rechtzeitig aufessen konnte, ohne sie die Klasse erreichten. Nun die Folgen können wir uns vorstellen, meines Erachtens war es etwas ein grober Spaß, aber von der Zeit an behielt er die schön schmeckende Kirschen für sich und der jüdische Freund ging ihm bei jeder Begegnung in einem großen Bogen aus dem Wege.

Der zweite Spaß gefiel mir schon besser: als er dann auf dem Gut "Steinbach" Lehrer war, ließ er eines Tages in Hahnenfrühe sein Reitcamel satteln und begab sich in's anliegende Dorf Elisabeththal, die Dorfschüler waren gerade im Begriff zur Schule zu gehen und da auf der Straße tiefer Koth war, gingen die Schüler nahe der Straßenzaunen auf den Fußstegen, um ihre roten Strümpfe mehr oder weniger trocken zu halten, denn sie trugen damals meistens Hölzern........ Er, Fr.Dyck, ritt mitten auf der Straße in tiefen Koth und ließ von Zeit zu Zeit seinem Kamel die Reitpeitsche spühren, worauf dieses jedesmal ein

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ekeliges furchtbares Geschrei machte, was die Kinder verängstigte und je öfter er diese Prozedur wiederholte, je größer wurde das Kamelen Geschrei auf der Straße und je stärker eilten, resp. liefen die Knaben und Mädchen zur Schule, aber die Angst unter den Kindern wurde doch zuletzt so groß, dass sie davonstürmten, nicht achtend auf die Holßehlorren welche bald vor ihnen bald unterihnen , dann wieder hinterher flogen und die Kinder folge dessen lautlos das Schulzimmer in ihren roten Strümpfen "ohne Puhst" einnahmen, wie wenn man im Kriege eine Festung stürmt.

Als Großvater Dyck nun sein heiteres Ziel erreicht hatte, kehrte er ruhig schmunzeln h.... und begann nach dieser Morgenpromenade den Unterricht mit seinen „großen“ Schülern. Gar manche solcher groben und unschuldigen Späßchen könnte man wiedergeben, doch seine Laufbahn und Entwicklung auf dem Gebiet des Handels, resp. der Kaufmannschaft, ist mir viel interessanter und wichtiger und jedenfalls auch meinen Nachkommen, denn der Apfel schon freut sich, dass er von einem fruchtbarem Apfelbaum stammt und nicht von einer Pappel. Und so ist die Herkunft eines Menschen von großer Bedeutung und ich freue mich, dass ich die Geschichte des "Dyckschen" Hauses mit gewissen menschlichen Stolz und dankbarem Herzen Gott gegenüber, niederschreiben darf, ob zwar auch das "Dycksche Haus" an jenem "großen Tage" mit manchem seiner Nachkommen, worunter ich, ja auch meine Familie zähle, gebeugten Hauptes auf tausend nicht eines antworten wird können, sondern mit dem Zöllner ausrufen: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" Ja, wo viel Licht, da ist auch viel Schatten, doch ich will hier, weder jene noch diese Seite

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hervor heben, sondern ganz natürlich dem Laufe der Dinge folgen, wie sie sich bei meinen Vorfahren zugetragen haben:

Also, wie wir schon wissen, war mein Großvater, Fr. Dyck, zuerst Lehrer, dann Geschäftsmann, sein Schwiegervater wieder, mein Urgroßvater "Wiens" war ein "Grobschmidt" und hatte, etwas abgelegen vom Dorfe Blumenort, eine große Schmiede, in welcher er viel Wagen und Leiterwagen für die Gutsbesitzer beschlug. Die russischen Großgrundbesitzer (Edelleute) gaben ihm viele von ihren Jünglinge, damals Leibeigene, in die Lehre, welche das Schmiedehandwerk erlernen müssten. Bei einer Gelegenheit kam es vor, dass die Straße fast überfüllt war, mit Wagen, welche zurechtgemacht werden sollen, der berühmte "Joh. Cornies"' nun der da immer vorbei fahren musste, wenn er aus Ohrloff, wo er wohnte , zu seinem Gute (Vorwerk, vom Kaisergeschenk) wollte, ihm das, dem  Urgroßvater Wiens, tadelte, ja wo soll ich damit hin? Nun, schneid Dir hier doch einen Hof ab, das Du Raum genug hast.

Und so gleich wurde ihm ein Platz längs der Straße nahe Rosenort hin von circa 3 Desjatinen angewiesen, daher kommt's, dass der Dycksche Hof so groß war. Da die "Schmiede" in so einem großen Stil betrieben wurde, gab es sehr gute Einnahmen und Verdienst, so dass, das erforderliche Eisen direkt von Rostov, Taganrog, Berdjansk gekauft wurde. Als nun mein Großvater Fr. Dyck den Hergang dieser "Schmiede" etliche Jahre beobachtet hatte, kam er seinem Schwiegervater "Wiens" mit folgendem Vorschlag: "Wollen, so sagte er, einen Eisenhandel beginnen, anstatt das Eisen zu verarbeiten, lasst uns so viel mehr kaufen und desselbe mit Verdienst verkaufen, denn in jedem Dorfe fast ist ein Dorfschmied und Sie (der Schwiegervater gemeint) hätten ein leichteres

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Leben und vielleicht nicht weniger verdient" Urgroßvater Wiens aber, welcher der Meinung war, dass nur derjenige etwas verstände und klug sei, welcher irgend ein Handwerk erlernt hatte, lies sich schwer zu diesem Schritt bereden, ging aber doch zuletzt darauf ein. Und so gab's den Anfang zu dem weit und breit bekannten und berühmten "Eisenhandel". Als nun mein Großvater Franz Dyck Teilhaber dieses Geschäft wurde, gab's viel Pionierarbeit auf diesem Gebiete zu tun: das Eisen war noch lange nicht alle geformt zu den verschiedensten Lastwagen, .....Wagen wie Droschke und dergl. Pflüge und s.w. wurden mit Hilfe "Urgroßvater Wiens" eine große Liste sogenannte "Blue-primts" nach der Eisenschacht in Uralgebirge geschickt und die Schmiede bekamen es immer praktischer und und als  ich in den 1890 Jahren schon hin und wieder mithelfen konnte und musste, bekamen die Käufer, künden, schon fertiges  Ackseneisen, Reifen, Tritteisen, Kotflügelblock, De...              und hunderte von Sorten und Massen, was eine moderne Schmiede damals erforderte.

Eisen nun und andere Waren, wie Blasebälgen  zum das Kohlenfeuer in der Schmiede anzuschüren, Sensen und dergleichen wurden jährlich in Rostov am Don eingekauft, welches fast ein Monat in Anspruch nahm, die Reise wurde anfänglich per Schiff gemacht. Mit Pferden fuhren sie dann, also am Anfang , mein Großvater Fr. Dyck  mit seinem Gehilfen. Diener wurde er genannt, nach Berdjansk [100 werst (верст)] und von dort ging also per Dampfer nach Rostov. Zuweilen wurde ein ganzes Schiff beladen und wieder nach Berdjansk geschickt, dort nahm unser Onkel Js. Dyck (Verwandte von Großvater ) die Ware in Empfang und von dort dann brachten die Tschumaki ( Fuhrleute mit Ocksen) nach

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Blumenort. Es war ja sehr beschwerlich auf solche Art ein Geschäft zu gründen, aber die Weisheit Großvaters und der Segen Gottes machten's dass der Handel blühte und viel Verdienst abwarf. Nach etlichen Jahren schon war der große "Dycksche Hof" mit einem sehr großen Wohnhaus und vielen guten Wirtschaftsgebäuden versehen ( man betrieb noch eine Landwirtschaft nebenan) ein reichhaltigen Wasserlager  fand man vor und der Eisenhandel stand  in voller Blüte.

Mein Urgroßvater "Wiens" starb dann bald nach etlichen Jahren. Als Knabe habe ich sehr oft mit meinesgleichen aus dem Dorfe sein Grab besucht auf dem alten Kirchhöfe  im Walde, es war umgeben mit einem eisernen Gitter und versehen mit einem Denkmal (eine Marmorsäule aus Odessa). Diesen Grabstein, wie auch den hohen eisernen Zaun hatte der Fürst  (Djemidow) herstellen lassen als Ehrenzeichen und den Verdienst welchen der einfache preußische Grobschmid "Wiens" sich in der Eisenindustrie erworben. Auf einer schwarzen eisernen Tafel, welche an der schwerer Eingangstüre angebracht war, konnte Mann in russisch lesen: "zum Andenken an den Großfürsten Paul Paul Djemidow. Rostov am Don". Die Eisenschachten aber befanden sich alle in Uralgebirge; dort z.b.wurde 2 bis 300 Jahren zurückvon den russischen Bojaren und Großkaufleuten (купцы) unterdes Schutz Jermaks (ein Attaman, der Sibirien eroberte unter dem Zar Johan den schrecklichen (Иван Грозный) große Geschäfte und Schachten eröffnet. Von dort also erhielten wir das

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Eisen.

Mein andere Urgroßvater wieder, Gerhard. Dyck, wohnte in Lichtfelde, einem Dorfe,  17 Werst (верст) süd-östlich von uns, Blümenort gelegen, woselbst auch der in "aller Welt" bekannte und berühmte Knochenarzt Dietrich Wiebe lebte, über dessen Praxis man eine ganze Geschichte schreiben könnte; er, Herr Wiebe war ja kein studierte Arzt, hat aber tausenden geholfen und besonders gewan..(?)...vermochte er jeden Knochenbruch zu heilen; 2 mal in der Woche nahm er Patienten an; am Montag und am Freitag, und sehr oft sah man dort über 100 (hundert) Droschken und Wagen gegen seinem Hof auf der Straße stehen, deren Einsaßen geduldig warteten, bis sie an die Reihe kamen angenommen zu werden; hatte jemand aber eine kleine Flasche Spiritus in der Rocktasche, kam er bald dran. Alles,  was ich vom den Urgroßvater Dyck weiß, ist dass er in einem sehr bescheidenem Häuschen gewohnt hat, Lehrer gewesen, 4 mal verheiratet gewesen ist und alt geworden 90 und halb Jahre, demnach ist er ano 1793 in Preußen geboren, den es sagt in meiner Aufzeichnung, dass er im Jahre 1883 gestorben ist, also auch vor meiner Geburt.

Von meinen Vorvätern mütterlicher Seits finde ich wenig aufgezeichnet: mein Großvater Jakob Enns wurde im Jahr 1824 in Ohrloff geboren, 1851 mit Marie Fröse (Halbstadt) verheiratet,welche ano 1855 starb und zwei Söhne hinterließ, Jacob und Abram. Letztere ging in den 70 Jahren nach Amerika und hat sich in Chicago wohl verheiratet und daselbst in einer Bank gearbeitet; im

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Jahre 1925, also ein Jahr ehe wir nach Kanada kamen, ist er gestorben, wie wir durch andere erfahren haben, und eine Tochter (Lehrerin) in Chicago hinterlassen. Onkel Jakob Enns in Tiege Ohrloff und wurde Landwirt und hatte eine große Familie.

Im Jahre 1856 verheiratete mein Großvater Enns sich wieder, mit Anna Wiebe (Tiege), die wir viele Jahre als Ohrlöffer Großmama gekannt haben. Der Storch brachte ihnen dann noch eine ganze Reihe hübscher Töchter, von welchen die älteste, Anna, meine Mutter wurde. In den ersten Jahren machte Großvater Enns in Halbstadt große Geschäfte, in dem er im Inneren Russlands Gouvernemet  Charkow hunderte Fuhren (тележки) Hafer aufkaufte und nach Halbstadt schickte, woselbst Großmutter dieselben annehmen musste und verrechnen,während Großvater nach Krim fuhr und daselbst Salz kaufte,welches diese Fuhrleute  den nach den Norden Russlands brachten. Die beiden Söhne, wie Jakob und Abram, als sie erst erwachsen waren, hatten große Geschäftsverbindungen mit dem sogenannten "Krimkrieg"wohin sie verschiedene Ess- und Futterware manchmal unter großen Gefahren, lieferten.

   Mein Großvater Jakob Enns also betrieb große Geschäfte und kaufte später mit seinen zwei Brüdern  (wie ich gehört habe) Land im Gouv. Jekaterinoclav (genannt Brasel, Schönfeld und dergl.) Nach einer gewissen Zeit aber gingen die Brdr. auseinander,

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(Sollen nicht sehr gestimmt haben). Großvater Enns pachtete dann bei der Stadt Mariupol ein Landgut (хутор) und beschäftigte sich mit Schafzucht, was damals üblich war; verlor aber durch die Molokaner (russische Secte) sein ganzes Vermögen. Die Molokaner, nämlich, jagen mit ihren großen Vieh- und Schafherden dort vorbei, wenn sie nach den Kaukasus reisen mit ihren großen Herden; lagerten daselbst Wochen, wenn grade die Schafe geschoren sollten werden und nutzen so seine Gutmütigkeit aus; er übernahm dann den Verkauf ihrer Wolle und verschiedene andere große Geschäfte; verdiente große Gelder dabei, verlor wieder und mit der Zeit hatten sie ausgebauert (?), trotz dem sie, wie Großmutter uns oft erzählte, ganze Schubläden voll Geld gehabt haben. Da das Gut nicht weit von Berdjansk (Asower Meer) lag, gingen die ältesten Kinder, worunter ja auch meine Mutter war, daselbst in einer deutschen Dorfschule. Mutter hatte aber schon einen Anfang in Halbstadt bei dem berühmten Dichter, Prediger und Lehrer Bernhard Harder, gemacht; er war ein frommer Mann und ein christlicher Lehrer. Die Schüler erzog er in der Furcht und Ermahnung zum Herren und somit legte Mutter ein gutes Fundament in ihrer Kindheit, was dazu beitrug, dass sie eine stille, sanfte und fromme Gattin und Mutter stets ward.

Als sie nun, die Ennsche Familie , endlich das Gut verlassen mussten, zogen sie nach der "Kolonie" wie man zu sagen

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pflegte und zwar nach dem Dorfe "Blumenort" ( mein Heimatdorf). Ganz in der Nähe des Dückschen Anwesens (auf Nachbarschaft) fanden sie in einem sehr bescheidenen Häuschen Unterkunft, daselbst muss mein Großvater Jakob Enns straks (?) darauf gestorben sein: 1880 den 27 März. Mein Vater, Gerh. Dück war damals noch unverheiratet (20 Jahre alt) und Mutter, als Mädchen, ebenso alt. Da diese Höfe etwas abgelegen waren vom eigentlichen Dorf,wird unter diesen jugendlichen Seelen sich wohl bald ein Verkehr gefunden haben, welcher zu einer Liebesgeschichte später führte, worauf dann am 28 Januar 1882 die Hochzeit meiner Eltern gefeiert wurde.

Doch eine geraume Zeit noch vor ihrer Hochzeit  wurde das "Liebespaar" getrennt, die verwitwete Großmutter Enns nun zog mit ihrer großen Familie nach Ohrloff, einem Dorfe, welches 3 Werst westl. von Blumenort lag. Ohrloff, war das Dorf, in welchem die berühmte "Joh. Cornies" Familie ihren Sitz hatte; eine Kirche und die Zetralschule waren daselbst; auch wohnte ein Arzt daselbst; später kam noch eine Apotheke und ein großes Krankenhaus dazu. Auch befand sich eine berühmte Hebamme "Tante Boldt" daselbst, welche mich und tausend andere mennonitische Kinder in Empfang genommen hat. Der viel geliebte Storch klapperte recht oft in den Häusern, aber es gab ja auch kein Dorf, wo man nicht eins oder mehrere seiner Nester auf den hohen, oft noch Strohdächer, der

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großen Querscheunen, sah.

Vater (Gerh. Dyck) nun, versuchte diesen Liebesroman aufrecht zu erhalten, in dem er mehrmals in der Woche auf seinem stolzem schwarzen Reitpferd (иноходец) zu seiner Braut, wie man seine Girlfreind damals nannte, ritt; hier noch in Kanada hat mir ein alter Onkel erzählt, wie sie, die Dorfsjungen, danach in den 80-ger Jahren, hintern Straßenzaun gestanden hätten und ihn beobachtet. Kaum, dass der Hufschlag an ihr Ohr dröhnte, so war Vater auch schon vorbei. In Ohrloff angekommen, blieb das Pferd (sehr geübt) vor der Vordertür ohne angebunden stehen, und der junge Liebhaber eilte ins Haus dann zu seiner Anna (meine Mutter); doch es war nicht so einfach dieselbe zu erreichen, denn eine ganze Schar junger Mädchen verhinderte den freien Zutritt zu ihrer Schwester  und es gab manchmal einen wirklichen Kampf ab, um die Front durchzubrechen, doch Vater blieb der Sieger. Ihren Unterhalt erwarb die "Ennsische Familie"sich mit  Schneidern; auch hatte ihr Bruder Jakob Enns (der andere Brdr. Abram, war schon nach Amerika ausgewandert, wohl schon mit 18 Jahren) etwas Land an dem Flüsse Juschanlee (5 Werst südlich von Ohrloff) erworben, was nicht so ganz leicht zu  bearbeiten war unter jenen Verhältnissen. In der Erntezeit mussten auch alle Mädchen mit aufs Feld, woselbst auch übernachtet wurde. Ja, keine Arbeit habe unsere Vorfahren gescheut und dank dem habe auch ich in den Kriegsjahren von 1914 und später

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in den blutigen Revolutionsjahren von 1917 und dann wieder von 1926 ins neuen Lande, Canada, jegliche Arbeit verrichtet und mich nicht zurück gezogen von meinen Pflichten, die große Familie zu ernähren unter sehr schweren Verhältnissen oft, die nicht zu überwinden waren und auch noch jetzt sind.

Es hat Kniearbeit im Kämerlein gekostet, mit neuem Mut morgens immer wieder an die Arbeit zu gehen, ob's in einer Fabrik oder auf der Farm oder im Geschäft war. Aber der Spruch an der Wand: "Bete und arbeite" ...lerte (?) mich und natürlich auch die ganze Familie, den niemand zog sich zurück, stets auf im Vertrauen nach oben mit erneuter Kraft und einem Frohsinn die Arbeit aufzunehmen.

1958 . Die Dollarjagt in unserer neuen Heimat "Canada" auch „Nord-Amerika“ genannt, hat mich ganz abgebracht von meiner eigentlicher Arbeit, meine Lebensgeschichte zu Papier zu bringen, damit die Nachkommen (unsere 8 Kinder), die noch alle leben (ein Schwiegersohn, Capitän Jake Penner, ist unterdessen schon plötzl. abgerufen worden von unserem himmlischen Vater).

Von der Wiege angefangen, wuchs ich auf, wie auch alle andere Menschen in der Welt, außer dass ich von der frühesten Kindheit an ein etwas bewegtes, vielseitiges und zweischneidiges Leben hatte. "Zweischneidig" deswegen,weil ich auf zwei Höfe  aufwuchs und die Mahlzeiten sehr oft, wohl die meiste Zeit, in zwei Häuser

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einnahm: bald im Elternhaus und bald bei Großmutter Witwe Franz Dück. Geboren wurde ich ja, wie am Anfang schon erwähnt, bei der Großmutter Dück in der Eckstube, wo selbst meine Wiege stand; dann später, um 2-3 Jahre kaufte Vater die Nachbarn Wirtschaft von einem Schmiedemeister Epp ( kleine App genannt), welcher nach Amerika damals zog; (habe von seinen Nachkommen unlängst in der Rundschau hier in Canada  noch gelesen).

Die alten Gebäude, auch die Schmiede an der Straße, wurden abgebrochen; Stall und Scheune aber blieben stehen. Nun wurde ein großes Wohnhaus  längst der Straße aufgebaut und durch eine lange Küche im Winkel mit dem Stall verbunden; auch wurden zwei große  Torpfosten aufgemauert und mit einem Tor versehen, welches zu gewisse Zeiten geschlossen wurde. Unser Hof lag an einer Straße, welche Blumenort mit Rosenort verband; über diese Straße lag die Dorfwiese ungefähr 100 Desjatin groß, dann ging eine reihe Hundertjährigen Pappeln dieser Straße entlang. Im Frühling ging diese Wiese oft ganz unter Wasser und wenn übliches abgelaufen war, nach dem Westen (Dorf Tiege) zu, stolzierten bald die Störche hin und her und suchten sich ihre Beute (meistens Frösche) auf; wir Kinder natürlich sangen ihm dann  unsere Wiegenliedchen vor: "Storch, Storch bester, bring uns doch eine Schwester, oder auch:"Storch, Storch guter, bring uns doch einen Bruder !" Es mag dazu beigetragen haben, dass die mennonitischen

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Familien, so reichlich mit Kindern versorgt waren, denn fast in jedem Dorfe befanden sich auf den großen Querscheunen Störchnester, 2-3 in einem Dorf. Abends dann, wenn die Sonne sich dem Untergange neigte, fanden sich die "Alten" ein mit ihrem Futter für die Jungen. Hin und wieder hatten sie auch eine Schlange in ihren langen Schnabel, was für ihre Kinder den ein wahres Leckerbissen war. Die eigentliche Heimat der Störche war ja, wie uns immer gesagt wurde und was sich auch so verhält, Afrika, und wenn sie dann im Herbst mit ihren Kindern uns verließen, flogen sie dorthin, wobei sie übers mittelländische Meer fliegen mussten.

Von Vögel sprechend, will ich noch ganz kurz die anderen Arten dasselben erwähnen: Krähe, Habichte, Kuckuks, Hupups, Schwalben, Sperlinge, Stare, Nachtigall, Lerche, wilde Tauben, (seltene verschiedene Sumpfvögel, auch wilde Enten und Gänse), Rebhühner und s.w. Für den Jäger war nicht eine sehr große Auswahl; und doch hatten wir unter unseren Leuten Jäger, die im Spätherbst und Winter Felder und Wälder durchstreiften, selten aber mit einer Beute heimkehrten. Ich hatte immer zwei Hasen mit, aber das waren die, welche meine Mutter oder vielleicht auch eine meiner zwei Schwestern , auf dem breiten hinten Riemen rein geschickt hatten; oftmals war so ein Riemen das Weihnachtsgeschenk : 2" breit, grünes Tuch, auf beiden Enden mit Leder versehen und in der Mitte 2 weiße Hasen ausgenäht.

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Vater Gerhard Dück verwaltete Großmutters und auch seine Wirtschaft, d.h. Landwirtschaft, so bei 100 Desjatin (десятин) alles zusammen und auch den Eisenhandel, im letzteren hatten wir damals, ich war so 5 Jahre alt, einen Diener (приказчик), einen ledigen Mann "Aron Gossen" mit einem Bart; im Stall waren zwei deutsche Knechte, drinnen bei Großmutter, 2 Köchinnen (deutsche Mädchen) und ein Stubenmädchen, oder richtig gesagt, Gesellschafterin, meine Cousine Anna Neufeld. Mutter hatte nur eine Köchin und eine junge Gehilfin (vielleicht Kindermädchen genannt); später wurde im Elternhause noch ein Mädchen hingenommen (nicht adoptiert) eine Margarita Unruh.

Wir beide,d.h. mein älterer Bruder Gerhard und ich, sprangen dann, wie man sagt, allerwärts so bei: bald waren wir im Eisenspeicher , bald auf der Steppe, bald im Stall in der sogenannten Schlafkamer (?), oft aber auch in der Kamer bei den Mädchen, die eins sehr verdorben.

1960. Mit meinem Geschichtenschreiben  gehts nicht mit so einer Geschwindigkeit, wie mit den Cars hier in Canada, aber weil ich noch immer ein Geschäft besitze (Feed-Store: "Hour und Feeds") und nach Feierabend zuhause versuche soviel wie möglich alles in Ordnung zu halten, was es im Sommer besonders Dreck macht, mit dem vielen Rasen bescheren, Car waschen, Bäumchen pflanzen und dergl.  Gärtnerarbeit; im Winter wieder den Ofen (Fürniss(?) im Keller) besorgen

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und die viele Correspondenz, mit den 8 zerstreut wohnenden Kindern und anderen guten und vielen Freunden, in Europa, vereinigten Staaten (California), in Sibirien die Geschwister und ihre Kinder und Geschwisterkinder meiner lieben Weibehous., zu bewältigen, so sind meine Gedanken oft in der weiten Welt unterwegs und ich finde schwer einen Zusammenhang meiner Jugend im Elternhause.

Na, aus den Windeln war ich ja bald herausgewachsen, wen auch nicht an Größe, so doch an Altnasigkeit und solange Brdr. Gerhard nicht zu Schule ging, haben wir beide recht sehr gespielt, wie Kinder im allgemeinen spielen, und da wir keine Nachbarskinder hatten, weil unser Anwesen doch so etwas vom Dorf Blumenort abgelegen war, hielten wir zwei sehr enge zusammen: schliefen  zu dem auch in einer Schlafbank, ich als der brave, vorne und er hinten. Ich war also jener "Lebensgefahr" ausgesetzt und war gleichsam der Schutzengel des Hinteren, meines Bruders, vor den sogenannten "Schlafengehen" versammelte sich die Familie, welche langsam großer wurde in der Mittelstube , wir Kinder, es war noch eine Schwester (Anna) hinzugekommen, saßen auf der Ruhbank, hinter uns eine Plüschdecke an der Wand, Vater und Mutter am Tisch, welcher mitten in der Stube stand; Mutter mit dem Strickzeug in der Hand und Vater las vor aus einem Andachtsbuch  (es war wohl "Starks") und dann wurde aus dem Gesangbuch noch ein Choral gesungen, wenn wir dann mit dem "Schlafengehen"

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dann noch etwas zögerten, hieß es bald: "marsch to Bad" (sprachen plattdeutsch Zuhause). Nicht selten kam es vor, dass die deutsche Magd Antje oder Liestje dann noch nachsehen kam, ob wir auch gebetet hatten und schön bedeckt waren. Wollten wir abends mal eine Abwechslung haben, dürfen wir in den Stall gehen zu den "Menschen", wie die Arbeiter oft genannt wurden, wo eine ganze Menge derer  dann zusammen waren, Machorka rauchten und Karten spielten; wir, als Jungen, interessierten uns ja für beides sehr, oder aber auch, wir waren bei den Mädchen, woselbst oft Männer Besuch war, welche sich beim ans Fensterklopfen anmeldeten. So kamen wir viel zu Jung in die "große Gesellschaft", was für das junge Herzchen, welches die Eltern versuchten from zu halten, direkt zum Schaden war und wir Sachen und Dinger aufschnappten, was uns in den späteren Jahren direkt zum Schaden waren.

Im Vergleich zu dem hiesigen canadischen Leben, verlief das unsrige im Elternhause sehr eintönig; wuchsen so zu sagen, in den 4 Wänden auf. Besuche gab's selten, außer wenn Verwandte mit ihren Kindern kamen; und das waren nur 2 Familien Neufelds (Vaters Schwestern ); dann ging's mit den Vettern und Cousinen  auch sehr toll her, aber wir verfügten ja auch über einen großen Spielplatz : 2 große Höfe, Garten mit den verschiedensten Obstbäumen und viel Hecken, die sich längst den Gartenstegen zogen; dann der Straße entlang befand sich ein lange Park mit Waldbäumen. Die selbst verfertigten(?) Pferde

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aus den Maulbeerhecken mussten dann gut hinhalten und die sogenannten Flitzbogen mit langen Pfeile gaben dann Anlass zum Kriegführen, wozu die großen Strohhaufen als Festungen dienten. Ball wurde gespielt, wozu ein kleiner, sehr harte, schwarzer Gummiball gebraucht wurde; doch wurde das Ballspiel ganz anders geführt, als hierzulande, auch mit dem eisernen Ring hatten wir viel vor, welches auf eine Entfernung von 200 Fuß geworfen wurde und auf der Erde rollte, und dann auf dem anderen Ende aufzuhalten mit langen Stöcken, was nicht immer so einfach war. Krocket ging auch immer sehr gut, aber das spielten wir , als wir erst größer wurden. Da um uns herum viel Handwerker wohnten, wie: Färber, Holzarbeiter, Schuster und drgl., so kamen wir oft mit dessen Kindern zusammen und so blieben wir von der eigentlicher   Dorfsintelligenz  ganz  abgeschlossen und führten unseres eigenes Leben. Da mein Onkel Heinrich Dück (Vaters Bruder) damals noch nicht verheiratet war und meine Tante Lena (Vaters Schwester) ebenfalls noch alleinstehend war, befanden wir uns oft in ihrer Gesellschaft, besonders gut ging das Schaukeln unter den großen 100-jährigem Eichen. Zu Ostern wurde ja jährlich eine große Schaukel an den stärksten und größten Baum angemacht und dann sammelte sich immer eine grosse Gesellschaft beiderseitigen Geschlechts. Auch wurde viel Kegel gespielt, aber nicht mit einer rollenden, sondern mit

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einer hängenden Kugel, was ein sehr interessantes Spiel war. Damals organisierten die Großen eine Hornmusikkapelle ein,unter welchen mein Onkel Heinrich das grösste Blashorn hatte ( Bass) und wenn sie sich dann alle angesammelt hatten und der Kapellmeister mit seinem Stöckchen in der Rechten in die Höhe fuhr, um den Anfang zu machen, blies mein Onkel in sein Horh hinein, dessen grosse Öffnung nach der Hängelampe gerichtet war (mu...ltes) und aus war die Lampe und sie konnten dann im Finsteren nicht spielen, dass war für mich immer der schönste Moment und dem Onkel machte es viel Spaß, er war überhaupt sehr humoristisch.

Wir besuchten auch oft Mutters Mutter, unsere Ohrloffer Großmama Enns, welche in Ohrloff wohnte und alle Kinder, außer Onkel Jakob Enns (ältester Sohn), welches in Tiege wohnte, bei sich hatte; eine Reihe Tantchen (Mädchen), welche alle sehr fleißig nähten und auf solche Art ihren Unterhalt machten, es war eine lebendige, d.h. lustige Gesellschaft und haben später alle Reich geheiratet. Damals hatten wir 2 schwarze "Fahrpferde" sehr feurige Schruggen, morgens wurden Mutter und wir 2 Brüder, mit dem Schwesterchen hingebracht und abends wurden wir dann wieder geholt; einmal kam Vater ohne Kutscher uns abholen und auf dem Rückwege (es waren ja nur 3 Werst) waren die Pferde  so wild, dass Vater sie schon nicht mehr sorecht  halten konnte und da sie immer stärker anfingen zu laufen und schließlich schon Galopp liefen, hielt Vater längst den Strassenzäumen

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dass es donnerte und krachte und der Wagen (obijaner) fast in Stücke ging, aber das war die einzige Rettung das ganze Fuhrwerk zum Stehen zu bekommen. Unsere Schwester Anna war damals im "Pindel"' vielleicht 10 Monate alt.

Fast jeden Sommer fuhren unsere Eltern nach unserer Kreisstadt Berdjansk , welche an Asowichen Meere lag und 100 Werst von uns entfernt war. Vater hatte daselbst große Geschäfte zu besorgen bei unserem alten Onkel Isaac Dück, welcher einen sehr großen Geschäftshof hatte und all unsere Ware,  manchmal eine ganze Schiffsladung voll Eisen, Blasbalgen und versch. andere Ware, von Hafen zu sich herüberfahren ließ, dann auf Ochsenfuhren verladen nach uns nach Blumenort gefahren wurden. Aus so eine Reise dürften wir beide älteste Brüder dann mitfahren; in einem Verdeckfederwagen, unser Kutsche damals war ein "Oabraum", die Reise ging längst viel mennonitischer Dörfer, wie: Lichtfelde, Neukirch, Prangenau, das große Gut Steinbach, Elisabettahl, Alexandertal und andere; dann kamen etliche Schwaben-dörfer wie: Huttertal, Durlach und drgl. und dann, denk ich,noch etliche Bolgarendörfer und so sahen wir dann nach eine großen Tagesreise endlich  die Stadt tief unten am Meer liegen. Wer am ersten von uns beiden das Meer entdeckte, bekam 5 Kopejken (пятачок). Der Besuch in der Stadt Berdjansk  war für uns, die wir vom Lande kommen, stets

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stets eine sehr große Abwechslung: besuchten einen Zirkus, Kronsgarten, wandelten tags am Meeresstrande und schauten wie ausländische Dampfschiffe ein und ausliefen, Ware aber Getreide einluden; beschauten bei Onkel Dück die großen Speicher, wo unsere Ware untergebracht war und auf den Abtransport wartete; aber die Tschumaken (чумаки) (...Fuhrleute ) mit ihren Ochsengespann waren nicht eilig und so nahm es viele Tage bis das letzte Stück Eisen aufgeladen war, die Fuhren waren gewöhnlich 3 bis 5 Tage unterwegs, bis sie bei uns in Blumenort ankamen; und so wurde unser Eisenspeicher zu jener  Zeit meistens nur einmal jährlich aufgefüllt. Wenn die Fuhrleute dann abends sich um ihr Feuer gelagert hatten mit ihrem Speck und Schwarzbrot auf der staubigen Erde und ihre Heimat und Volkslieder sangen (natürlich russisch) waren wir sehr dabei und haben sie oft beneidet um ihre einfache Mahlzeiten und primitiven Nachtlager.

Und so nahm es nicht lange und unsere besten und sorglosen Kinderjahre in Elternhause waren dahin und die Schuljahre nahmen ihren Anfang. Oft haben wir damals mit den russischen Knechten und Mägden mitgesungen und besonders ging uns immer das Lied  gut:

    " Als ich noch ein freier Knabe war

     Kannte ich nicht Sorgen noch Not

     Eltern und Verwandte liebten mich alle

     Und ich habe gespielt und getobt wie ein Kind."

           u.s.w.

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Wir waren in ganzen 7 Geschwister: 4 Brüder und 3 Schwestern; Gerhard, Jakob, Franz(II), Anna(I), Heinrich, Maria und Helena. 

Es war am Tage von Weihnachten, am 24 Dec.1899, wir hatten soeben ein Fussharmonium von der Bahn (Fjodorovka Station) erhalten, welches Vater von einem Geschäftsreisenden aus Odessa gekauft hatte, es kam aus Amerika; als wir es drinnen dann auspackten, hielt Mutter die Lenchen, welche krank war, auf dem Schoße in der anderen Stube und fühlte so ein kleines zucken und sieht, dass Kind tot ist; (sie hatte eine totbringende Kinderkrankheit, welche in jenen Jahren sehr verbreitet war:"Krupp" und die Kinder erstickte. Nun war ja die seltene, große Freude sehr getrübt. Die kleine Leiche (kaum 3 Jahre alt) besorgte Mutter selbst, als ich einmal zugehend war und Mutter bedauerte ob den Verlust ihres Lieblings, sagte sie ja zu mir: "ich richte eher ein Begräbnis für sie aus, als eine Hochzeit, nun weiß ich wo sie ist".  Auf ihrem Grabstein auf dem Kirchhof stand der Spruch eingemeißelt:"ein Englein reichte Dir die Hand und führte Dich ins bessre Land!" Obzwar  wir ja noch oft mit Mutter zum Grabe gingen, dasselbe zu schmücken, so war der große Schmerz und die Trauer bei uns Kindern doch bald vergessen und wir freuten uns auf fernes des Lebens.

So rückten ja dann auch mit der Zeit die Schuljahre heran, mein I-er Lehrer war ein Abr. Unruh (später Taubstummenlehrer in Tiege, nachdem er dies bezüglich seine Bildung aus Deutschland geholt hatte)

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als Lehrer war er sehr streng, sonst, in Gesellschaft der älteren Dorfsjugend Blumenort (er war damals unverheiratet) sehr zu leiden (?) und jedermann liebte ihn und wenn er irgendwo zugegen war, ging's es sehr heiter und lustig zu. Die Schule besorgte eine alte Tante "Sauntje". Da wir, wie schon vorher erwähnt, nicht im, sondern außer dem Dorfe wohnten, die Schule sich aber in der Mitte desselben befand, hatten wir weit zu gehen und so wurde dann auch sehr oft Mittag mitgenommen (kaltes natürlich) oft gab's ein Stückchen Schwarzbrot mit Griebenschmalz belegt und ein sehr kleines Stück Wurst dazu auch Milch, später, als die "Welt" sich immer mehr entwickelte, fand Vater in einer Stadt ein Essgeschirr aus drei Teilen (eines über das andere), so dass Mutter die Suppe und den Braten apart einpacken konnte und dann brachte der Knecht uns heißes Mittag, welcher die Tante "Sauntje" dann noch solange in der Ofenröhre hielt bis die Mittagspause anfing; auch brachte ein Knecht uns beiden , damals Brdr. Gerhard und mich noch zu Ross zur Schule, wenn ungünstiges Wetter und der Weg schlecht war. Abends gingen wir dann meistens zu fuss nachhause; da ich noch so ein "Gernegroß" war und die Eltern mir einen neuen Pelz machen liessen , der ja für die ganze Schulzeit ausreichen sollte, mein Wachstum aber besonders langsam vor sich ging, schlasste er immer noch so, dass einer meiner Schulkameraden ein Dav. Rogalsky hinter mir ging und die Schleppe trug, da er und auch ich oft ermüdeten, machten wir am Ende des Dorfes Station, in einem großen leeren Hause (eine gewesene Taubstummschule, welche in der ersten Jahren meines Ehelebens

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später, ungefähr 1908, unser Eigentum wurde). Von dort gingen wir dann schon auseinander . Unser Lehrer Unruh war sehr streng, konnte auch ziemlich robust werden, bot uns aber viel Abwechslung und oft gingen wir auf die Wiese, hinter den Gärten, nach etlichen Jahren aber verliess er uns und ging ins Ausland nach Frankfurt am Main, woselbst er als Taubstummlehrer studierte. Wir erhielten dann  einen anderen Lehrer: Wilhelm Neufeld aus Liebenau, unverheiratet; und wie so üblich war zu jener Zeit mit solchen jungen Männern oder Kavalieren, wie man sie nannte, fand auch er bald eine Braut im Dorfe und heiratete Helena Fast, die Schwester meines besten Schulkameraden Abr. Fast.

Lehrer Neufeld war ein stiller Mann, er blieb ....(?) immer egal und war durchaus nicht sehr lebenslustig und nicht sehr zuhaben für Sport; unser Leben in der Schule war so etwas eintönig in den Jahren; aber wir lernten nicht zu schlecht und so konnte ich sehr frühe die Dorfschule mit einem gutem Examen verlassen und in die Zentralschule in Ohrloff, ungefähr 2 Werst entfernt eintreten. Die Dorfschuljahren könnte ich mehr mit Spieljahren vergleichen, das war ja, was uns damals am besten ging: morgens vor dem Anfang wurde schon Ball gespielt, in der Mittagspause und nach Schulabschluss ging das Ballspiel weiter, meistens dann auf irgend einem Bauernhof. Im Winter wieder liefen wir Bengels viel auf den Schlittschuen, hatten aber wenig Eis, und jedes Heck.....(?) , ob mitten im Dorf,

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oder sonst wo auf der Wiese wurde ausgenutzt. Wenn inzwischen mal ...Unwetter eintraf und noch Regen dazu und es dann später fror,bekamen wir viel Eis, so dass wir sogar mit den Rosenörtern, unserer Nachbardorf, zusammen  "Hoal-ann" spielten, wobei es dann manchmal sogar zu "Schägereien" kam, weil wir die Rosenörter "Schmauneklet..."(?) Kregelten(?) und sie uns "kureijoalinge"(?); aber das war dann so die einzige Abwechslung, welche wir damals in den Jahren 1890-1900 hatten. Schnee gab es sehr wenig, aber wir Kinder hatten alle selbstgebaute hölzerne Schlitten und tobten damit dann herum. Spät kamen wir dann zu Abendbrot nach Hause, woselbst wir nicht immer sehr freundlich in Empfang genommen wurden, weil das Abendbrot (damals nur sehr einfaches) schwer heiß zu halten war. Abends mussten wir dann unsere Aufgaben für den nächsten Schultag lernen, oft unter Aufsicht unserer Köchin , weil Vater und Mutter mal ungestört sein wollten. Besuche bei den Eltern gab's nur sehr selten, auch sie gingen nicht  oft aus, weil wir außer dem Dorf wohnten und die Pferde noch anspannen war dernoch zu umständlich, und so führten die Unsrigen ein einsames stilles Leben und wie waren nicht verdorben; hielten uns oft im Stall bei den russischen (vorher hatten wir deutsche Arbeiter) Knechten auf und schauten zu, wie sie Karten spielten und hörten sie ihre Heimatlieder singen was sehr schön ging, wir lernten auch vieles von ihnen, was unserer jungen Seelen sehr zum schaden war: Rauchen, trinken und vieles andere Böse. Auch in der Mädchen

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Stube, woselbst oft große Jungen abends spazierten, lernten wir viel zu schnell alt zu sein (oaltnäsig). Die russische Arbeiter und Mädchen  ( im Hause hatten wir meistens deutsche) kamen aus dem inneren Russlands: Kursk, Harkov, Poltava und drgl.Gouvernementen. Im Frühling, wenn sie von Hause kamen, meistens verheiratete Männer, die ihre Familie daheim hatten, lagen sie an der Straße unter den großen Pappeln und bettelten sich das Essen von den Bauern, bis sie mal Arbeit gefunden hatten; von 9-ten Mai bis zum 1.Oktober vermieteten sie sich dann für 70-80 Rubel (40.-) beinahe  5 Monate, im Vergleich zu hier in Canada oder überhaupt  Amerika ein Kläglicher Lohn und doch waren sie glücklich und froh, den sie bekamen ja Quartir und Kost frei und gewiss viel besser, wie sie zu Hause hatten in ihren kleinen mit Stroh  gedeckten Leimhütten. Im inneren Russlands hatte ein Bauer gewöhnlich 1 Pferd, 1 Kuh, einige Hühner, noch ein Schweinchen; zuhause im Winter arbeitete er oft im Wald und dir Frau webte von Hanf oder Wolle  ....(?) zu Kleidern; an den Füßen trugen sie Bastschuhe, die sie sich selbst flochten, aber die waren schön warm und trocken wie die ledernen Stiefeln, die sie bei uns trugen.

Nun ja, unter den Russen wuchsen wir also teilweise auf; wenn ich z.b. als kleine Schulknabe so einem alten bärtigen Russe (von Vater geschickt ) sagen müsste, er sollte die Fückse anspannen,  dann verneigte er sich höflich und sagte "choroscho",   Ist gut oder wie man hier sagt OK!

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In den Ferien, die von Mai bis October währten, mussten wir in der Wirtschaft nach Kräften mithelfen. Zuallererst,  anfangs  Mai nahm Vater uns mit nach Tokmak zum Jahrmarkt, dass war wohl eine der größten Abwechslung jener Zeit. Zu Mittag aßen wir dann Schaschliki (Spiesbraten), durften uns dann auch etwas  kaufen, gewöhnlich war es  ein Taschenmesser (Knipsmesser) und als ich erst älter wurde, gab's eine weisse (nicht silberne) breite Uhrkette, die man vorne über Bauch so trug, dass sie auch gut  zu sehen war. Der Lärm auf Markt war nicht klein, gewöhnlich war auch noch Viehmarkt dabei, den meistens die Baryschniki (eine Art Zigeuner) betrieben. Später fuhren wir dann auch noch nach anderen Märkten: Prischib (ein Kalnisten oder Schwabendorf), Melitopol (eine Kreisstadt am Flüsse Molotschna gelegen). Die Ursache, dass Vater die Märkte besuchte, war die, dass er daselbst von von seinen Kunden (den Schmieds, die Eisen aufs Credit gekauft hatten) Geld einkassierte, hin und wieder hatte er auch selbst Wagen zu verkaufen, denn er lies viel Verdeckwagen machen, die aber meistens von Hause aus verkauft wurde: Obosener (Обозы), Droschkiss, Fajtons (halbverdeck) auch Kasten wagen. Und so wurden wir Jungen auch auf dem Gebiet von Jugend auf bekannt; was uns später sehr nützlich war, weil die Lebensweise eines Menschen so sehr abwechselnd und verschieden ist. In der Landwirtschaft und im Garten mussten wir ziemlich zugreifen: Hecken (hatten sehr viele), beschneiden, Bäume Spitzen und ausästen (beschneiden), mit Pferd und Jätkarre(?) den Garten helfen

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reinhalten; auf der Steppe mit dem Pflug fahren, Pflüge gab es damals 3-4 Sorten: vor dem einseharigen (?) wurden 4-5 Pferde 2 hinten und 3 vorne vorgespannt: auf den linken hintersten ritt ich dann, sitzend in einem Sattel und ein Knecht hielt und führte hinter den Pflug; es gab auch Drillpflüge, wo die 4 Pferde nebeneinander gingen und der Fuhrmann auf dem Pflüge saß; auf diesem Pflüge 5-6 Scharen wurde eine Sähmaschine befestigt und somit das Getreide gesät. Auch hatten wir's ziemlich drock mit Baschtan rein halten (arbusen - Wassermelone) und Kürbisse fürs Vieh. Das Grass wurde damals noch mit der Sense gemäht in der Heuernte, aber das Getreide  - mit einer Haspelmaschine (лобогрейка ) wo ich dann auf dem vordersten Sitzstuhl  saß, ein Knecht, Stepan oder Matwej, auf dem hintersten und von der Plattform dann das Getreide mit einer Gabel (Fork) abwarf, welches von etlichen Arbeiten, Männer und Mädchen dann in Kapitjen (копна), kleine Häufchen, zusammengelegt wurde. Getreide war meistens Weizen, dann aber auch Gerste und Hafer. Gedroschen wurde mit einem Stein (U......?), vor welchem 2 Pferde gespannt waren, auf welchen wir Jungens in die Runde reiten mussten; Wenn's Getreide (2 Fucher (?) gewöhnlich ) dann ausgedroschen war, dann trug man das Stroh mit einem langen Stock auf einen Haufen und das Getreide wurde nach der Mitte ( die Dreschtenne war ja rund) geschoben mit hölzernen Harken und am nächsten Morgen früh wurde so ein Haufen dann mit einer Putzmühle geputzt; das reine Getreide kam dann auf den Boden

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im Haus und die Spreu in die Scheune. (Ich kann mich noch erinnern, als wir in der Scheune das Getreide wie im Preußen mit einem Dreschflegel droschen). In den späteren Jahren, um 1895 hatten wir schon eine Dreschmaschine, welche mit Pferden betrieben wurde, den noch etliche Jahre später, hatten wir schon eine großere Maschine, die mit  einem Motor betrieben wurde, aus welcher schon das reine Getreide, Spreu und Stroh herauskamen. Das Getreide wurde von der Steppe mit großen langen Leiterwagen geholt, wobei wir oben auf derselben stehen mussten und das Getreide, welches von beiden Seiten hinaufgereicht wurde, zurechtlegen, damit es auch eine  große Führe gab.

Es kam so rum, das wir Dorfsschüler den Sommer hindurch beschäftigt waren. Das Vieh, so wie Kühe, Stärken (Hocklinger), Kälber und junge Pferde wurden von Dorfshirten  betreut und weidete den ganzen Sommer, aber nicht durcheinander, sondern jedes apart. Am Sonntags ging's dann zu Kirche, aber nicht immer, Sonntagsschule hatten wir keine und am Sonntag Nachmittag, wen unsere "alten" Mittagsschlaf hielten, trieben wir Jungens uns dann so auf der Wiese und im Wald herum; spielten auch manchmal Ball, oder mit einem eisernen  Ring oder einem großen Sandstein (?) was wir (sauntje ) nannten, oder spielten auch mit den Russenjungen und Mädchen ihre Spiele. Besuchten auch manchmal einen oder anderen, aber nur selten, oft hielten wir uns bei unseren Wächter (preußischen), welcher im Gartenhäuschen wohnte, auf, der uns dann die verschiedenste Kriegsgeschichten erzählte. Wen ich dem Alten die Haare beschnitt,

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musste ich's. Genau so machen, wie im Militär, woselbst er einen Helm getragen hatte.

Die religiöse Seite unseres Lebens wurde nicht sehr gefördert; Sonntagsschule gab's bei uns keine, aber wir hatten ja auch täglich in der Schule Religionsstunden und vor dem Schlafengehen versammelten wir uns mit den Eltern und dann wurde gesungen aus dem Gesangbuch. Sonntags morgen wurde zur Kirche gefahren, die in Ohrloff war, ungefähr 3 Werst entfernt; eine Kirche auf 4 Dörfer, mit Ältesten Abr. Görz an der Spitze; wenn das Wetter aber zu schlecht war, las Vater eine Predigt vor, wozu wir uns alle bei Großmutter W-wie Franz Dück in der großen Stube versammelten, außer die Russenjungen. Großmutter Dück war Jahrzehnte Witwe; hatte aber Gelegenheit sich zu verheiraten mit reichen Witwern, zog es aber vor alleine zu bleiben, damit das Capital (war ziemlich viel) nicht in fremde Hände geriet.

So gingen meine Dorfschuljahre als junger Knabe dahin bis zum 11-ten Lebensjahr, manche dann Examen, bestand sehr gut und tritt dann im nächsten Jahr in die Zentralschule ein, die sich in Ohrloff befand.

Eine neue Lebensperiode trat nun für mich ein; aus den Knabenjahren ging's in die Jugendjahre. Mein ältere Bruder, Gerhard hatte die Schule (schon) ein Jahr besucht und blieb von dann schon zuhause in der Wirtschaft und im Geschäft,  was ihn

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besser ging; obzwar Vater es gerne gesehen hätte, wen er weiter studiert hätte. Ich wurde bei meiner Tante Tien in Kost gegeben, woselbst ich ganz allein in der sogenannten Sommerstube wohnte, was mir sehr schlecht ging, denn ich war beängstlich, oft tränkten die russische Fuhrleute des Nachts ihre Pferde daselbst, weil sich da an der Straße ein Brunnen mit guten Wasser befand und von dem großen Geräusch wachte ich dann auf, verkroch mich unter die Decke und "graulte" mich. Später kam ich dann nach meiner anderen Tante, Tante Marie (Frau Dirks) woselbst wir dann in der Sommerstube 5 Schüler waren.

Die Zentralschule lag über der Straße; sie wurde auch Vereinsschule genannt, weil verschiedene Gutsbesitzer und andere Wohlabende Leute  sie einmal vor vielen Jahrzehnten gegründet hatten, schon zu dem "großem Cornies" seine Zeit. Anfänglich waren sogar noch Lehrer daselbst aus Deutschland; sie wurden von den Bauern oft sehr nicht rechtens Behandelt, mussten helfen Vieh tränken und andere Gemeindearbeiten verrichten (Schoa....). Mein Großvater Franz Dyck war Schulrat in den ersten Jahren; zugleich auch Oberschultze in der Wolost zu Halbstadt, wohin unsere Dörfer (wohl 35 an der Zahl) viele kleine Güter (хутор) und auch Ökonomien gehörten; Fabriken, Danpfmühlen und Geschäfte.

Zu meiner zeit, in den Jahren 1897-1898 hatten wir 3 tüchtige Lehrer: Corn. Unruh, (Rel..Lehrer), Joh. Bräul und Jak. Jansen - Religion und Deutsche Sprache waren hervorragend ; Lehrer Bräul, sehr

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streng, war Gesanglehrer und hatte Weltgeschichte und dergl. Und Lehrer Jansen - Geometrie, Rechnen und w.w. Die letzten beiden Lehrer lehrten in russische Sprache. Wir waren circa 95 Schüler, alles Knaben; Mädchen Schulen gab es damals noch nicht ( leider) wurde aber im Jahre  1910 in Tiege (Nachbardorf von Ohrloff) von Lehrer Jak. Heinr, Jansen später Ältester von Waterloo (Canada) gegründet.

Das Studium war durchaus nicht schwer und ich lernte auch gut, war sehr fleißig, aber etwas gleichgültig und leichtsinnig und zog Ballspielen und anderen Sport "Rumtreiben" oft vor; trotzdem wurde ich aus der Unterklasse  (1te Klasse) in die II-te klasse ohne Examen übergeführt. In den Sommermonaten (3-4 ungefähr) half ich zu Hause im Geschäft und in der Landwirtschaft, musste manchmal tüchtig zugreifen; da etliches Land ziemlich abgelegen war, wurde  natürlich auch oft auf der Steppe gegessen, wodurch ich mit den Russenjungen und Russenmädchen mehr und mehr befreundet wurde, was nicht immer sehr gut war und ich mehr und mehr entfremdete meinen Kameraden in der Dorfgesellschaft. Die Eltern waren sehr gut zu mir und sahen einen sehr gehorsamen und frommen Jungen in ihrem Jaschka, so nannten die Russen mich.

Vater fuhr im Juli gewöhnlich nach Rostov, Eisen einkaufen, auf etliche Wochen und nahm mich, oft auch uns beiden meinen älteren Bruder Gerhard (Гриша - Grischa ) mit, was für uns ein sehr lehrreiche Lebenstudium war. Auf der Eisenbahn fahren ging

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uns immer sehr gut. Unsere nächste Station war "Fjodorowka"; 20 Werst ab; mussten durch ein sehr großes Russendorf durchfahren und dann kam eine lange, große Schlucht (Balken - Russisch ) und dann kam flaches Land, eine unendliche Steppe: "Ach ty Step moja", auf der Station mussten wir gewöhnlich etliche Stunden warten bis der Postzug von Sewastopol kam; wir stiegen dann ein in die III-te Klasse (Holzbänke) und so ging's bis Sienjelskowo, von wo wir dann mit dem Kurierzug (Schnellzug) II-teKlasse bis Rostov am Don fuhren. Die ganze Reise dauerte ungefähr einen Tag. Da Vater  sich all das Geld, und es war oft sehr viel, ungefähr 10 bis 20 Tausend Rubel, unter den Kleidern eingeschnalt hatte, schlief er auf der Reise nicht und munterte auch uns auf, auf ihn aufzupassen, denn auf den Eisenbahn Zügen, in Russland wurde sehr gestohlen. Wir kamen ja immer glücklich hin. Dort angekommen, rief Vater das erste einen Nosilschik (Kofferträger ), dann einen Taxi (Iswoschik - извозчик), welche uns dann zum Ewropejskaja Gostinniza (европейская гостиница - Europäisches Gasthaus) brachte, woselbst der bekannte "Schweizar" (Scheizer - портье) in seinem dunkelblauen Frack mit zwei Reihen goldener Knöpfe, dann mit tiefer Verbeugung begrüßte und in ein Zimmer führte, während ein Junge all die Reisesachen hinteran brachte. Wir jungen stöberten zuallererst im das Möbel durch, ob in den Schubladen nicht etwas zurückgeblieben war von den vorherigen Einsasser; oft fand ich nur einen alten Knopf, was dann eine Enttäuschung gab, worüber Vater dann herzlich lachen konnte. Das Essen brachte uns der Diener (Bufetschik) ins

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Zimmer; oft gingen wir auch in den allgemeinen Essaal die großen Mahlzeiten einzunehmen, doch dass war nicht  gemütlich, denn man musste aufs strammste angezogen sein und sehr vornehm tun.

Vaters erste Arbeit war nun Eisen einzukaufen, welches meistens am Ufer des Don (Fluss)  geladen war; es kam aus dem Ural Gebirge in Bargen (баржи) mit einem kleinen Flussdampfer gezogen; am Ufer befanden sich auch die Geschäftshäuser diesbezüglich. All die Wahre wie: Eisen, Blasbälgen für die  Schmiede und dergl. Sachen wurden dann auf einen Schiff eingeladen und nach Berdjansk gebracht, der Don mündete ja in Asowske (Азовское море) Meer bei Taganrog. In Berdjansk wohnte, wie schon anfänglich erwähnt, Onkel Isaac Dück, welcher die Wahre in Empfang nahm und auf Ochsenwagen verladete; waren aber die Tschumaki (чумаки - russische Fuhrleute) nicht zu dem Moment dort, dann wurde alles auf seinen Hof, in der Stadt gefahren. Um nun auszufinden, ob alles in Ordnung sei, fuhren unsere Eltern nach Berdjansk, wohin wir dann auch mitkamen, wie ich vorher schon geschrieben habe. Wenn das Geschäftliche nun alles erledigt war, was lange nahm (bei Großvaters Zeit waren sie 5 Wochen daselbst), dann kaufte Vater noch für die Familie ein, wir hatten noch einen extra großen Coffer mit der aufgefüllt wurde mit Schuhe für die Familie, Hemden für die Russen - Knechte und Sachen für die Köchinnen u.s.w. Oftmals wurden auch noch russische Kaukasische Sattel eingekauft für verschiedenste

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Gutsbesitzer und natürlich auch für uns; unweits von Rostov lag ein kleines armenisches Städtchen - Nachitschewan und dort konnte man so etwas einkaufen; auch bekamen wir silberne Gürtel, d.h. Lederne, mit Silberbeschlag. An den Abenden gingen wir oft in den Stadtgarten (Kronsgarten) und hin und wieder in einen Cirkus. Will noch bemerken, dass zu Großvaters Zeit so viel Wahre  (hauptsächlich Eisen) eingekauft wurde, dass man ein ganzes Schiff für sich apart brauchte. Da in der guten alten Zeit wenig solche Eisenhändler existierten, war der Kundenkreis  ein sehr großer und man verdiente schweres  Geld; später aber, zu meiner Zeit gab's schon mehr Conkurenz. Nun wenn wir dann endlich von so einer Rostov-Reise nachhause kamen, wars wie zu Weihnachten, ein jeder bekam ein Geschenk. Und nun wurde dann im Eisenspeicher Ordnung und Raum geschaffen all die wahre unterzubringen, der Transport selber Ochsenfuhrleute zog sich bis eine Werst lang, von Berdjansk nahm es ihnen gewöhnlich eine Woche, bis sie in Blumenort ankamen  (100 Werst). So schön und vornehm und .... nigfaltig  so ein Großstadt Leben sich auch gestaltete; ich zog das schlichte Landleben doch vor. Wenn wir dann auf Fjodorowka, unserer Endstation, ankamen, spähten wir schon nach dem Kutscher aus, der auf uns wartete im Verdeckfederwagen  mit zwei Dunkelfüchse bespannt, das war dann schon ein Stück Heimat; zuhause angekommen, die Fahrt (18 Werst) nahm gewöhnlich 2 Stunden, ging's dann gleich, nach einer stürmischer Begrüßung, in den Stall die Pferde beschauen, ins Wächterhaus,

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in den Garten, den alten Wächter zu begrüßen, liefen durch Scheune und Garten und tobten uns noch recht müde vor dem Abendbrotessen. Da Brdr. Gerhard und ich nun beide nicht mehr zur Schule gingen (er hatte 1 und ich 2 Jahre Zentralschule) wurde der Prikastschik Wiebe auch bald verrechnet und wir mussten dann nach dem gerechten schauen in Eisenspeicher und auch in der Wirtschaft; Vater führte ja nur die Bücher, hat nie zu unserer Zeit körperlich gearbeitet, saß oft auf dem sogenannten großen "Schafott", wie man es nannte und konnte von dort aus alles beobachten, er war damals ungefähr 45 Jahre alt. Oft saßen Kunden bei ihm, dann wieder auch Freunde, selten Nachbarn, letztere wohnten ja im Dorf etwas von uns abgelegen. Hin und wieder nahmen die "Alten" dann auch ein Schnäpschen, knackten Samen und rauchten sich eins.

Da die Zeit auch dort immer vortschritt, gab's mit der Zeit auch Dreschmaschinen, und wir waren nicht die Letzten, die so eine kauften. Da habe ich dann manchen Sommer, während der Dreschzeit die Pferde nachgejagt, wie man das so sagte: auf dem Rosswerk, welches mit ihren großen Kammrädern und einem großen Schwungrat den Dreschkasten betrieb, war eine Plattform aufgebaut, auf welcher ich dann mit einer langer Peitsche stand und die 3 Paar Pferde (6 St.) die an schweren Deichseln im Umkreis gingen, im gehen nicht. Das Getreide mit der Spreu wurde auf einen Elevator in die ... ... auf eine Putzmühle transportiert und das Stroh, welches auf dem hintersten Ende der Maschine herauskam, wurde in große

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starke Stricknetze getan und auf einen großen Strohaufen geschleppt mit Pferden. Wenn dann 3-4 Leiterwagen leer gedroschen waren, fuhren wir alle nach der Steppe mehr Getreide holen. Mehrere Felder lagen bis 7-8 Werst vom Dorf entfernt . Vor Sonne  Aufgang musste die Maschine schon brummen; und so ging es bis Sonnenuntergang; die Erntezeit mit Mähen und Dreschen nahm gewöhnlich  von halben Juli bis zum halben August in Anspruch. Während der Mähzeit waren wir in den ganzen Tag auf der Steppe, und daselbst wurde auch gegessen. Vor meiner Zeit hat man noch viel Getreide mit der Sense gemäht. Wir hatten aber schon eine Mähmaschine (lobogräjka); dann später kamen ja auch schon die Bündenmaschinen (?) vor Amerika auf.

Das Grass, in der Heuernte, wurde aber damals noch alles mit der Sense gemäht, später kamen dann auch die Grassmaschinen auf, doch hatten wir nie eine große Heuernte, weil das meiste Land zu Getreide gebraucht wurde. Schwarzbrache (gepflügtes Land, welches 1 ganzes Jahr nicht besät wurde) für den Winterzeiten mussten wir auch immer haben, um eine gute Weizenernte zu bekommen. Corn (Kukuruz), Gerste, Hafer wurden nur als Futter gebraucht, für die Pferde, Kühe und zum Schweine mästen, fettmachen, denn wir hatten ja dort in den Dörfern keine Fleischhandlungen, nur hin und wieder kam ein Jude (Bukmuck?) mit einer Drogge und einem Pferdchen und verkaufte das verschiedenste Fleisch; aber ich denke, er hat nie Schweinefleisch.

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Im November Monat gewöhnlich wurden Schweine geschlachtet; das wurde von den Alten auch oft noch Schweinszeit genannt. Früh wurde aufgestanden, das Wasser im großen Mauergrappen zum kochen gebracht zum Schweinebrühen; die Nachbarn oder Freunde fanden sich schon zu Frühstück ein, man bemühte sich an diesem Tage besonders gute Mahlzeiten zu geben. Es war das Schweineschlachten wohl die größte Abwechslung im Dorf. Man kramte bei dieser Gelegenheit auch oft mit Getränke. Onkel Schulz (ein sehr dicker Onkel - Gutbesitzer) stand dann vor dem hängendem Schwein, dasselbe auszunehmen; die Därme entfernen und drgl.; schaute sich aber immer herum, als ob er auf etwas wartete. Vater fragte: "na wird's nichts, dann müssen wir dochwohl mithelfen; und als der dicke Onkel erst mal ein Schnäpschen bekommen hatte, kam alles auf einmal heraus. Überall sah man freundliche Gesichter an dem Tage: Frauen beim Kartoffeln schälen, Männer beim Wurstfleisch kneten, wieder Frauen beim großen Schmalzgrappen und s.w., es ging den ganzen Tag lustig her. Die Hintershänken  wurden in Br...  eingesalzen und um etliche Wochen geräuchert, die Wurst wurde gleich am anderen Morgen in den hohen Schornstein gehängt und mussten daselbst eine Woche im Rauch hängen; und so bereitete man Fleisch und Schmalz fast für ganzes Jahr vor. Inzwischen wurden ja auch noch Hühner und Gänse und Enten und hin und wieder mal ein Kalb geschlachtet. So reich viele auch waren, gelebt wurde billig und einfach, aber so auch im Geistlichen Leben wurden nicht

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viel Faxen gemacht, Sonntags zur Kirche nach Ohrloff (3 Werst) und dann war die ganze Woche "Ruhe und Frieden"(Flaches Christenturm). Um diese Periode meiner "Bengel" Jahre bis zum 16 Lebensjahre kurz zu überspannen, will ich etliche Verse aus einem Gedicht, welches ich in meinen 70ten Jahre hier in Canada verfasste, zur Hilfe nehmen:

    Vers 7.

    So kam es unerwartet die vierte Station;

    Eine Zeit, ich wollte lieber nicht sprechen davon.

    Man kann ja fast alles in der Welt ertragen,

    Aber nicht eine Reihe von guten Tagen;

    So heißest ; daher fiel auch mein junges Glück,

    Gar oft in des Verführers Netz und Struk;

                                       Zur Arbeit war ich zwar immer bereit,

                                       Doch widmete ich auch der Welt viel Zeit;

                                       So war ich als Held doch nur sehr schwach,

                                       Doch der Herr hielt über mich die Rechte Wach.

                                       Vers 8.

                                       Ich war noch zu Jung, um frei zu sein;

                                       Was ich oft auch bereute im Leben mein.

                                       Wie ein Vogel im Freien, flog ich hin und her,

                                       Und  wusste vor Übermut fast nichts mehr.

                                       Wie ich die Tage sollte verbringen;

                                       Ob rumtreiben, lesen, spielen oder springen.

                                       Doch Vater, der eine Weile so gehen ließ,

                                       In seiner Weisheit mich auf was besseres hinwies;

  

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    Da vernahm ich ganz ernst aus seinem Munde:

    "Auf diese Art, Junge, gehst du zu Gründe!"

    Vers 9.

    Da sagte ich mir: "Du musst anders werden,

    Und etwas tüchtiges vollbringen auf Erden".

    Doch mir ging's, wie es schon Vielen ergangen,

    Im Knabenalter mit roten Wangen.

    Zu manch' Heldentat fühlte ich mich gedrungen,

    Doch nie war ein rechter Kampf mir gelungen.

    Mit Hilfe der Mutter bracht' ichs dennoch so weit,

    Dass ich dann endlich mal wurde gescheit;

    Wen ich auch manch' falschen Pfad bestieg,

                                         So endete die Versuchung mit Mutters Sieg!

                                         Vers 10.

                                         So wurd'' ich gar bald fürs Geschäft eingeweiht;

                                         Für die Feldarbeit aber war ich auch stets auch bereit.

                                         Ich griff meine Sache dann gar tüchtig an,

                                         Und arbeitete täglich gleich wie ein Mann.

                                         Als junge Bursche, im Kreise der Lieben,

                                         Hab's ich trotzdem manch schlechtes getrieben.

                                         Auch wollte ich sogar einmal den Kram verlassen,

                                         Um frei zu sein auf weltlichen Gassen.

                                         Da packte von oben mir jemand am Kragen:

                                        "Ich habe Dir ganz was Besondres zu sagen."

In der Wirtschafterei gab's in jenen Jahren, um die Jahrhundertwende 1899-1900 ein großes Aufschwung; und da mein

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Brdr. Gerhard besonders fortschrittlich gesonnen war, wurde ein Motor angeschafft, ein schwedischer, schwarznaphtamotor, welcher uns viel Kopfzerbrechen zufügte, weil wir keinen richtigen Monteur (Mechaniker) bekamen, ihn richtig mit der Dreschmaschine (wurde auch eine neue gekauft) zu verbinden. Zudem sandte man uns anstatt Nepta, 2 hundertpfundige hölzerne Fässer mit echtem russischen Teer. Kurzum, der Motoren Anfang war sehr schwer; Brdr. Gerhard ging in den Staatsdienst auf 3 Jahre und so blieb ich mit dem Kram allein, morgens früh um 5-6 Uhr wollte der Motor gewöhnlich nicht los gehen, was den Arbeitern natürlich freute, weil sie dann noch länger Rest hatten; ich mich aber über meine Kräfte quälten musste, bis das Ding endlich mal puffte; nun, wenn erst mal alles drehte, beschickten wir auch viel mit dem Dreschen.

Da wir die Vorrichtung getroffen hatten den Motor zu transportieren mit Dach und Seitenwänden, wie ein Häuschen, fuhren wir aus, bei anderen Leuten zu dreschen, was dem ja noch einen kleinen Nebenverdienst gab, in wessen Tasche das Geld ging, habe ich heute schon vergessen, jedenfalls erhielt Vater das Geld, denn er hatte das alles finanziert.

                                         Vers 11.

                                         Und das war mein sechzehntes Lebensjahr;

                                         Da wurde es mir mit einmal klar.

                                         Ich wurde nun ... , so gehts ins Vor......

                                         Und nie kannst Du dann den Himmel er.....

                                        "Drum, lieber Heiland mach Du mich fromm,

                                         Dass ich denn auch in den Himmel kom,"

                                         So betete ich ja schon damals als jung,

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    Und nun kam es mir in Erinnerung;

    Und war ich bis dahin fast wie verloren,

    So fühlt ich von jetzt an als "neu geboren!"

Unsere Dorfsgesellschaft war ja verschiedner Art;  mit den Schulkameraden hielten wir zusammen; doch der Verkehr war während der Wochentage garnicht so intiem. Man saß abends meistens zuhause, las Indianergeschichten, oder wir gingen auch in den Stall zu den Russen Jungens und vertrieben dort die Zeit: lernten rauchen, hin und wieder Karten spielen. Dann interessierte mich oft der Besuch der grossen Jungen, worunter auch Handwerker waren, bei den Dienstmädchen; wie sie so leise oft ins Fenster klopften und die Betreffende dann verschwandt. Den Eltern gefiel ihr Vorgehen gar nicht so sehr und Vater meinte oft, sie sollten doch lieber hereinkomen. Viel Zeit wurde im Winter auch auf dem Eise zugebracht, dann lebte die ganze Wiese; letztere lag vor unserem Hof und enthielt ungefähr 100 Desjatinen, doch nur 1/4 davon war gewöhnlich mit Eis bedeckt. Es kamen auch aus Rosenort, dem Nachbardorf, viele Jungen Schlittschuhe laufen; dann wurden verschiedene Spiele aufgenommen und oft gab's noch eine grünliche Schägerei zuletzt.

Den ganzen Winter hindurch führten wir ein sogenannten "lodderleben", weil nicht viel zu tun war. Zur Schule wurde ja nicht mehr gegangen (man hätte doch sollen weiter studiert haben; die Möglichkeit war da); die zwei jüngeren Brdr. studierten weiter: der eine in Berdjansk - unserer Kreisstadt in der Realschule und der jüngste in der Halbstadt in der Commerzschule , die später, so um 1905-6 ins Leben gerufen wurde, mit Professor Benjamin Unruh an der Spitze, welcher viele Jahre im

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Deutschland studiert hatte.

Auf geistlichem Gebiete entstand während der Jahrhundertwende 1900 eine große Erweckung in unseren Dörfern und eine ganze Anzahl junger Seelen kam zum wahren Frieden; es wurden nun wöchentlich Bibel und Gebetsstunden abgehalten, abwechselnd in den Häuser und oft Hatten wir auch Abendandachten in der Dorfschule, wozu auswärtige Prediger herangezogen wurden: Missionare, z.B. Jochen Fast, der von Java auf Urlaub war, Nick Wiebe, damals wohnhaft in Deutschland, stammte aus Lichtenau und andere. Muss bei dieser Gelegenheit noch einen Onkel Horn erwähnen, er war Schuster und wohnte etwas abseits vom Dorf in einem sehr kleinen "Häuschen" und hat manchen von uns Jungen und auch viel Alten auf den rechten Weg geholfen. Viele von uns jungen "Christen" damals verstrickten sich sehr oft, fanden sich aber immer wieder zurecht. Ich hatte damals einen Freund Jac. Bergen, der im Nachbars.... diente, dem habe ich zu viel zu verdanken, das ich nicht gänzlich von dem kindlichen Glauben abkam. Er war dem Alter nach eigentlich  Brdr. Gerhards Freund, doch da Letztere in den Stadtdienst trat und 3 Jahre dienen musste, so hielt er sich mehr an mich. Doch da ich in jenen Jahren einen andren "Freund" fand, (eigentlich Freundin) lockerte sich unserer Freundschaftsband immer mehr mit Bergen; blieben aber lebzeits mehr oder weniger verbunden bis hier in Canada; dank ihn und seinem Bemühen dürfen wir auch nach Kitschener - Waterloo einwanderten und brauchten nicht wie viele anderen, nach Westen gehen. Heute, Febr.12.1964 ist er und auch seine Frau schon Jahre Tod: Friede seiner Asche!

In jenen Jahren, wo man doch, als 18-21 jährige, als

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Kavalier (wie man es so nannte) gestempelt wurde, und wie es so üblich war, schon nach Mädchen schaute, führte ich ein etwas zurückgezogenes Leben und nahm an Hochzeiten und Begräbnissen die auswärtig stattfanden und von unseren Eltern, wen sie eingeladen waren , besucht wurden, nicht sehr oft teil. Eine Bahnfahrt zu solchen Zwecken wurde sehr selten unternommen, die Verwandtschaft  musste dann schon sehr nahe sein. Es lag ja auch die nächste Station "Födorovka" 20 Werst von uns entfernt und der Weg dorthin  war durchaus nicht interessant: Ging oft über eine Wasserbedeckte Wiese, dann durch ein großes Russen Dorf "Troztzkoje", durch eine sogenannte Balka (Schlucht) und so kam man dann endlich müde und bestaubt zur Station; fuhren aber meistens auf einem Verdeckfederwagen , in welchem wir doch mehr oder weniger vor Staub und Regen geschützt waren. Auf dem Postzug von Sewastopol nach Charkow mussten wir gewöhnlich warten und stieg man erst ein, war oft nicht Raum.

Zudem glaube ich, hat mich der Eisenhandel zurückgehalten, den ich war noch der Einzige, außer Vater, der noch den Handel betreute. Da wir aber auch noch Landwirtschaft betrieben, wurde beides etwas vernachlässigt; was nicht hätte sein brauchen, den der Eisenhandel damals, war eine "Goldgrube". Doch Zeiten sind veränderlich wie und so ging es auch auf diesem Gebiet: da man im Süden wie "Njieschniedneprowsk" und anderen Plätzen, Eisengießereien gründete, was die Möglichkeit gab, das Eisen leichter und billiger zu bekommen (früher bezogen wir das djemiedowsche Eisen vom Ural über Rostov - Berdjansk ) fand sich Conkurenz,

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wodurch der Verdienst kleiner wurde und der Absatz weniger. Ich war damals dafür den Handel, das Geschäft, nochmals von Neuem zu beleben was sehr gut möglich gewesen wäre, aber, und das war der Grund, da standen soviel "aber" im Wege, dass auch ich mich dem Einerlei hingab und so führte auch ich bald ein halbiertes Leben: halb Geschäftsmann und halb Bauer; beides ging mir gut, doch, anstatt Materiell höher zu kommen, was zu jenen alten guten Zeiten keine Kunst war, blieb es so wie es war; und uns allen ist ja das Sprichwort bekannt: Stillstand ist Rückgang. Und zudem war die ganze Wirtschaftslage nach Grossvater Franz Dycks Tode, er starb im Jahre 1881, nach meinem Dafürhalten etwas, vielleicht gleichgültig, wollen wir mal sagen "mennisch" geregelt: Grossmuter, also W-we Fr.Dyck behielt alles, was ihr ja auch gehörte und unser Vater wurde als Verwalter des "ganzen" ausersehen und bekam ganz guten Lohn dafür. Doch da 4 Erben waren, fand ich bald Neid unter den Geschwistern, worunter unsere Familie und besonders unsere liebe fromme Mutter, die ganze Zeit schwer hatten und unter einem gewissen Druck, selten sorecht froh, ihr Dasein fristete. Da unser Großvater, Franz Dyck, in dreißig Jahren zu einem, damals großem Reichtum, gekommen war und ziemlich Baar Geld sich in der Bank zu Berdjansk  vorfand nach seinem Tode, bekam jeder Erbe vorläufig circa 8 Tausend Rbl zugeteilt. Vater hatte damals schon zwei Höfe mit etwas Land, ungefähr 30 Desjatin für sich gekauft, welches wir alles zusammen, mit Großmutters Pferden, Ackergeräte und ihren Menschen, bearbeiteten. Nach dieser Teilung dann baute Vater ein großes Haus für uns, zu damaliger Zeit schon ziemlich modern; ich war damals ungefähr 3 Jahre alt und wurde von

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einem Kindermädchen an der Hand in dieses Haus hineingeführt, als noch nur die Wände standen, aber ich kann mich dessen noch gut erinnern, wie wir dann dort in neuem Bau im Sand spielten. 5 oder 6 Jahre hatten unsere Eltern also bei Großmutter in der Eckstube gewohnt, welche extra am Hause angebaut war, als Vater seine „Geliebte“ hineinführte im Jahre 1882. Will nur noch bemerken, das ich heute noch oft staune und mir den Kopf zerbreche, wie unser Großvater in so einer kurze Zeit so ein Großes Kapital erworben hat.

Meine Jugendjahre bis zur Jahrhundertwende 1900 verliefen in Ruhe und Frieden. Von Kriegen hörten wir nur, aber die waren ja im Auslande  und tausende Werst von uns entfernt; Z.B. der Burenkrieg in Süd-Afrika. Aber man merkte doch bald, dass wir und auch unsere Väter, unsere "Alten" mehr zu den Buren neigten, denn auch sie waren seinerzeit aus den Gegenden in Deutschland, oder auch  Holland ausgewandert, von wo auch wir stammten.  Doch im allgemeinen kanten wir damals keine Politik und lebten schlicht und recht so dahin. Nun, und die Dorfspolitik war ja nur Planderei, dann und wann Schlägerei unter den Jungen wegen die Mädchen und drgl. harmlose Dinge fanden Statt. Dank dem, dass wir keine Wirtshäuser in unseren Dörfer hatten, führte wir ein ganz anständiges, frommes Leben; beeinflusst  wurden wir von unseren russischen Mädchen und Jungen, unter den letzteren waren die meistens verheiratete Männer. Etliche von unseren Jungen konnten den Versuchungen nicht Wiedersehen und fielen, er waren aber nur einzelne, irgendwo ging dann ein Mädchen mit einem Russen durch, oder umgekehrt: der Jüngling verlor sich mit einem Russenmädchen.

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Da unsere Jugendjahre so etwas eintönig dahinflossen, wie ein moddiger Fluss durch sumpfige Wiesen und verkrüppelte Wälder, gab's auch in unserem Dorfe Blumenort keine große Abwechslung, außer wen mal eine Hochzeit stattfand oder es ein Begräbnis gab. So eine Hochzeit (grüne genannt ) wurde in der großen Ocksenscheune gefeiert, welche von der Jugend oder auch jungen Leute dazu eingerichtet wurde; die Stroh- und Spreuwände wurden mit einem großen Plan abgeschlagen, aus dem ganzen Dorf wurden mit einem Leiterwagen Bänke, Stühle und Tische zusammengefahren und reihenweise aufgestellt; auf dem Ende kam ein Sopha, vor welchem ein Tisch mit einer gehäkelten Tischdecke als Kanzel diente, vor welcher dann die Brautleute saßen, über welchen oftmals eine mit Grün und Blumen bewundene  Kröne hing; hinter den Brautleuten war eine ganze Reihe Stühle, auf welchen ihre junge Freunde paarweise saßen, welche dem Brautpaare in die Scheune gefolgt waren, gewöhnlich durch den Stall. Die nächsten Angehörigen des jungen Paares, wie Eltern und drgl., saßen zu beiden Seiten.

Mit dem Liede "Willst du mit diesem Manne zie...." wurde gewöhnlich die Hochzeit eröffnet. Nach allen Seiten hin wurde dann dem  Brautpaare der Stand der Ehe laut Gottes Wort, von einem Ältesten warm ans Herz gelegt: "Bis der Tod euch scheidet". Choräle wurden vor und nachher gesungen. Nach Schluss begrüßten die Eltern, Großmütter und sonstige Nahen des junge frisch gebackene Ehepaar mit einem Kuss, aber die jungen (Ehepaar) küssten sich nicht, den ersten Kuss gab's gewöhnlich während der Mahlzeit, woselbst die Jugend stürmisch schrie: "Горько!"- "süß". War nun mit dem Essen aufgeräumt, wurde Raum zum

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Spiel für die Jugend gemacht; Tanzen war bei uns, in unserer Gegend, nicht geduldet, war eigentlich auch nicht Sitte und Gebrauch, zuallererst wurden Strauß und Kranz ausgespielt: - die Jugend hatte einen Reigen gebildet; in der Mitte stand dann die junge Frau, Augen verbunden, mit ihrem Myrtenkranz in öder Hand, während der Reigen sich nur Mädchen, mit dem betreffenden Liede singend herumschritt;  war das Lied zu Ende: "wir winden hier den Jumpferkranz (?)“, u.s.w., blieben alle stehen, dann schritt die "blinde" Frau mit ihrem Kranz auf irgend einen Fräulein in dieses Reigen drauf zu und übergab ihr den Kranz. Ebenso auch die jungen Männer mit dem jungen Ehemann in der Mitte; sobald also der Gesang beendigt war, überreichte, der aus der Mitte kommende Ehemann mit seinen verbundenen Augen den Strauß irgendeinem Jüngling. Doch hiermit war das Spiel nicht beendigt: nun kam der interessante Teil, der romantische: diese beiden "Gewinner" oft einander fremd, wurden dann zusammen hochgestellt und solange in der Luft gehalten, bis sie sich geküsst hatten, was natürlich nicht immer so ohne ........(?)  vor sich ging.

( In der Krim brachte einmal so eine Reg.....(?)  schlimme Folgen mit sich, der Jüngling war aus der Molotschna und nutzte die Gelegenheit dort in der Luft ziemlich aus; doch das wurde ihm zum Verhängnis und spät abends geriet er in die Hände des betreffenden Mädchens ihres Bräutigams ( Boy-Friend), welcher ihm mit Hilfe seiner Freunde, einen etwas schmerzhaften Denkzettel zu spüren gab).

Die Begräbnisse waren in unserem Dorfe sehr einfach: der Tote wurde gewöhnlich im Keller auf Sand aufbewahrt und mit Eis belegt. Dieses Eis wurde an der Mittelstrasse

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in einem großen Keller aufbewahrt; der Keller hatte ein hölzernen Dach und wenn das Eis gemeinschaftlich im Winter eingefahren war, wurde das Dach dann noch mit Stroh bedeckt, damit das Eis sich länger hält und jeder Dorfbewohner hatte das Recht in Todesfällen Eis zu nehmen. Am 3-4tem Tage fand dann das Begräbnis statt, so dann ähnlich wie die Hochzeit. Die Nachbarn aus dem Dorf brachten Milch und Butter zusammen, damit die betreffende Familie genug backen konnten, meistens wurden Zwieback gebacken. Der Tote wurde in einem schwarzen Sarg in seinen besten Kleidern begraben, zum Kirchhof, oft hingetragen, aber auch auf einer Droschke  mit einem oder 2 Pferde bespannt; bei unseren Großvater waren die 2 Pferde bei dieser Gelegenheit mit schwarzen Tuchdecken behangen, die mit weißen Tüllen umrahmt waren; die Pferde wurden dann von 2 Mann jedes an einem langen Zaumzügel geführt. Unser Kirchhof im Blumenort war im Wald; in späteren Jahren wurde ein ganz neuer außer dem Walde eingerichtet, woselbst jeder Dorfbewohner dann ein Stückchen Land für seine Gräber erhielt, sobald der Sarg versenkt war, wurden die Schaufeln in Bewegung gesetzt in es nahm nicht lange, dann war der Grabflügel fertig, wonach die Leute dann zum Kaffee kamen. In den meisten Fällen hielt man so ein Begräbnis in der Scheune ab, Raumhalber; 2 bis 3 Prediger sprachen gewöhnlich und wen eben möglich durfte der "Älteste der Gemeinde"  nicht fehlen. Bei einer Gelegenheit, kann ich mich noch nach 65 Jahren gut erinnern als meine Großtante "Tante Weiß" gestorben war, stand auch ich im Chor mitten auf dem Hof, als wir das Lied sangen: "Gott mit Euch, bis wir uns Wiedersehen!" Als wir das ausgesungen hatten, setzte der

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große Leichenzug sich in Bewegung; es war sehr feierlich. 

Doch zurück zum Jugendleben.

Unsere Jugend, wie schon gesagt, floss eintönig dahin; ich habe an den Werktagen stets fleißig gearbeitet: in der Wirtschaft und auch im Geschäft. An den Sonntagen kamen wir "Jungen"dan zusammen, streiften durch die Wälder, spielten Ball auf der Wiese; im Winter liefen wir auf Schlittschuhen und abends spazierten wir in irgend einee Sommerstube. Karten haben wir wohl selten gespielt, außer wen wir bei den "Russenjungen" im Stall in der Schlafkamer einkehrten.

An einem Frühlingstage, so um die Jahrhundertwende (1900) eröffnete sich mir ein ganz anderes Feld: es war auf einer Hochzeit im Nachbardorf, als sich während der Andacht, ganz unschuldigerweise, 2 Paar Augen begegneten, deren Blicke dan auch Lebzeit standhielten; etwas seitwärts saß ein blutjunges, dunkles Mädel mit welligem kastanienbraunem Haar, ihre ganze Aufmerksamkeit dem Prediger zugewandt und lauschte aufmerksam seinen Worten, während ich meine Augen herumschweifen ließ und mir die ganze Gesellschaft, Jung und alt, so etwas ansah, nicht " böses" ahnend. Mir war ja die ganze Jugend etwas fremd, weil ich doch sehr selten an Hochzeiten teilnahm und zudem noch in einem anderen Dorfe und dieses Mädchen (ich sollte es vielleicht Fräulein nennen, aber sie könnte nicht älter als 15 Jahre sein) hatte ich ja überhaupt noch niemals gesehen; wohnte aber schon 3 Jahre in dem Dorfe; sie war mit ihrer verwitweter Mutter und ihren zwei Brüder (in Mannesalter) aus der Krim herübergekommen und als Fremdling einsames und zurückgezogenes Leben geführt; aufgezogen von einer

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zwar liebender, aber sehr strengen Mutter. Die Erziehung auch fürs zukünftige Leben und deren vielseitigen Aufgabe ihr zukommen zu lassen, wurde ein großes Haushalt geführt, indem sie 3-5 Zentralschühler stets in Kost und Quartir hatten, welche in der sogenannten Sommerstube logierten; dan in der Oberstube waren oft auch noch 3-5 junge Männer, die bei dem berühmten Zentrallehrer "Corn.Unruh" (unter anderem ein Gewicht von circa 400 Lb hatte) ein Theologiestudium aufnahmen, weil sie angehende Prediger waren. Dieses nur erforderte viel Fleiß und Arbeit von früh bis späht und nebenan mussten sie noch Näharbeit verrichten und viele ihrer Kleider selbst anfertigen.

Um mit unserem dunkeln Mädel etwas näher bekannt zu werden, lassen wir etliche Verse aus dem von mir zu ihrem 70-Ten Geburtstag für sie verfassten Gedicht folgen:

   Vers 5.

   Als die dunkeln Zöpfchen den erst auf Schultern hingen,

                                       Hörte man sie auch bald in der Schule singen.

                                       Mit Talent und mit Gaben war sie reichlich beschieden (?)

                                       Und stellte somit Eltern und Lehrer zufrieden.

                                       Auch auf dem Schulhoff liebte man sie überall.

                                       Und die Knaben reichten ihr gerne den Ball.

                                       Doch meisterhaft verstand sie im Nu zu verschwinden,

                                       Und man konnte sie scheinbar nirgends finden.

                                       Auch kam dan die Stunde, so jung wie sie war,

                                       Wo der Herr ihr im Christo das heil bot dar.

                                       Ihr Blick stieg nun aufwärts in Reue und Sühne

                                       Und glücklich und froh wurde dan unsere "Tiene"

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   Vers 6. (ein kleiner Teil)

   Da unerwartet, ganz plötzlich bei hellem Tagesschein,

   Die Trauerbotschaft vom Tode des Vaters traf ein.

   Aus offenem Felde fand man den Lieben tot;

   O, dieser Schreck, erbarme dich Gott!

   Es hatte den Anschein, als verließ' Gott die Seinen,

   Und am traurigsten sah' man die Jüngste weinen.

   Das Glück war dahin, der Schmerz erbarmungslos.

   So lag Vaters Liebling an Mutters Schoss.

   Vers 7.

   "Vater, mein Vater!" So stand sie am Grabe,

   "Du weißt ja, dass ich Dich auch im Tode lieb habe".

                                       Vermag auch mein Herz Gottes Weg nicht zu verstehen,

                                       An deiner Gruft hoff ich kniend auf ein Wiedersehen!

                                       Doch meine Augen sind immer so trübe, so nass;

                                       Und die Tränen fallen langsam ins Kirchhofsgrass,

                                       Ja, Vater, ich fühle so trostlos, so alleine;

                                       Gehe oft suchend herum, und weine und weine.

                                       Die Wunde blutete aber noch in der jungen Brust,

                                       Da gab es den zweiten großen Verlust.

                                       Aus der Heimat ging es dann bald in die Ferne,

                                       Doch der Gang war schwer und sie tat es nicht gerne.

                                       Vers 8.

                                       Sie verließ dann Hab und Gut, die schöne Herde,

                                       So ging's aus der Krim, ihrer Heimatlichen Erde;

                                       Mit Wehmut verließ sie den Wald und die Bäume

                                       Der Kindheit Glück und die prächtigen Räume.

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  Einen Blick noch, einen trüben, im Abendstrahle,

  Warf sie auf die Blumentracht, in nahen Tale.

  Und heutzutage, will ich's gestehen,

  Sie hat die Heimat nie wieder gesehen.

  Und so ging's dan traurig dem Norden zu,

  Doch das zagende Herz kam nicht bald dort zur Ruh.

  Ein Tränlein hing noch an der braunen Wange

  Und die Zukunft schien unserem Tienchen so bange, bange!

Und so fanden wir uns beide so ganz zufällig, unerwartet unter einer Predigt auf einer Silberhochzeit in Tiege, ihrer neuen Heimat. Diese Begegnung schien mir wie ein Traum zu sein, und ich setze alles drum diesen Traum, will ihn mal "Liebestraum" nennen, zu verwirklichen. Auf diesem Gebiet der Romans wurden wir ja von unseren Eltern sehr streng beobachtet. Ich fuhr dan an dem Tage mit meinen Eitern als "Schmoaka Jung" nach Hause, kaum aus dem Wagen gestiegen, wurde aber sogleich mein Reitpferd gesattelt, um mein Liebchen, wie ich sie mir als solches sogleich im stillen ......, nochmals zu sehen, um auch nur in ihrer Nähe zu sein; den ich nahm an, dass so eine Schönheit in unserer Gegend als reißende Ware gestempelt werden konnte. Das ich von den Eltern ohne weiteres die Erlaubnis zu meinem Abendritt erhielt, war ja natürlich, den der Junge muss ja auch mal abends auf einer Hochzeit sein; man dachte sich ja auch nicht daraus, doch dieser Ritt war der erste Schritt "Vater und Mutter zu verlassen", wie's in der Bibel steht. Die Zusammenkunft an dem Abend, dem ersten

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in unserem Leben, war durchaus nicht stürmisch, doch machten wir uns bekannt mit scheuen Blicken und verabredeten ein weiteres Treffen; aber wo, das war die heikle Frage. Eltern und Mutter dürfen so etwas doch nicht wissen und da ich aus einem anderem Dorf war, konnte ich mich ja in ihrem Dorfe abends nicht sehen lassen, den dan würden die Hunde sich hören lassen und die Jungen daselbst mich verfolgen, was nach Jahren sich auch bewahrheitete.

Nun hatte sie eine Freundin ihres Alters, die schon mit einem Jungen spazierte, und welcher mein Freund war und da verabredeten wir ein Treffen auf der Wiese am Sonntag und zwar auf einer Anhöhe (Steile Ecke) auf der Grenze zwischen beiden Dörfern; und so hatten wir dan Gelegenheit uns etliche Stunden am Sonntag nach Mittag zu sehen. Aber das ließ sich nicht immer machen und so führten wir diesbezüglich ein recht einsames Leben. Der Sommer aber brachte uns doch öfters zusammen: bald auf einem Kirchhof, bald in einem Wald und dan wieder auf der genannten steilen Ecke; doch wir machten diese Spaziergänge immer zu Fuß und zudem mussten sie ja auch geheim gehalten werden. Für mich wäre es ja eine Kleinigkeit gewesen mit meinem Reitpferd irgendwohin zu reiten, doch ich wagte es nicht, später kaufte ich mir dan einen Fahrrad, was mich dan auf Schlichtwegen an's Ziel brachte. Setzte aber erst der  Winter ein, dan war es sehr beschwerlich zusammen zukommen und so entstand eine regelrechte Correspondenz zwischen uns durch Zentralschüler: meinen jüngeren Bruder und Ihren Neffen, welcher bei ihr im Quartier war. Selten nur besuchte ich die Singstunden in Tiege, woselbst auch sie im Chor war;

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In der Kirche sahen wir und hin und wieder; doch sie ging mit ihrer Mutter zu einer anderen. Es existierte damals ein großer Kirchenstreit, welcher auch dazu beitrug, dass wir uns auch an den Sonntagen selten sahen. Die gegenseitige Treue zu halten fiel uns durchaus nicht schwer , den es war ja beiderseitig die erste Liebe, die uns beseelte. Versuchte ich jede Gelegenheit wahrzunehmen, um mein "Liebchen" zu sehen, so war auch sie nicht müßig mich mit ihrer Gegenwart zu beglücken, indem sie mit ihrer Freundin (noch unserer Verwandte) meine Schwester besuchte, aber nur sehr, sehr selten. Bei so einer Gelegenheit wurde dan ganz geheim ein kleines Liebeszeichen in ihrem schwarzen Hütchen gestickt, um immer wieder und immer mehr das Band zu festigen für die Zukunft. Jahre gingen dahin und auch manch' unerwarteter Sturmwind, wie's auf so einen Gebiet oft geschiet, versuchte dieses unschuldige, junge glückliche "Miteinandersein" zu zerstören, was dem "Bösen" auch bald gelungen wäre; doch das Gute siegte und der Weg der Treue und Liebe hielt uns auch ferner auf der Fährte wahren Glücks bis auf in hohes Alter mit einer 60.Jährigen  glücklichen Ehe (schreibe  dieses 1964) und gebe Gott, noch länger.

Trotzdem Wirtschaft und Handel mich voll in Anspruch nahm, weil der älteste Bruder im Dienst Stand und ich mich verpflichtete meinem Vater zu Seite zu stehen, wurde ich nie müde  meine eigene Zukunft zu bauen. Es blieb ja noch immer ein Geheimnis und auch meine Besuche  an den finsteren Abenden, welche meistens zu Fuß zurückgelegt werden mussten, um die Sache unter "uns" zu behalten, wurden dan mit "Notlügen" den Eltern gegenüber in Ordnung gebracht.

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Wie schon gesagt, die Wirtschaft durfte nicht versäumt werden; und dieselbe war recht vielseitig, da das Geschäft (der alte Eisen Handel) und auch die Landwirtschaft; neue Maschinen wurden eingeführt, womit man nicht gut bekannt war,  z.b. einen Motor kante man überhaupt nicht und die Mechaniker waren ebenfalls nichts so sehr bekannt damit. Vater fuhr noch  gewöhnlich im Sommer auf längere Zeit nach Rostov Eisen einkaufen und so habe ich sehr oft 18 Stunden am Tage gearbeitet; der alte Wächter Mathekowsky musste mich morgens schon um 4 Uhr wecken, dan ging er gewöhnlich zu Bett.

Nach so einer reicher Arbeitswoche freute man sich schon immer auf den Sonntag; Letzterer verging aber oft ohne ein Wiedersehen mit der "Braut", wie wir das "Girlfriend" damals nannten. Im Jahre 1905 also nach immer 4/5 jährigem Bekanntschaft gingen wir beide zum Taufunterricht;  ich in der Ohrloffer Kirche unter Ältesten "Görtz" und sie in die Kirche zu Lichtenau unter Ältesten "Jacob Töws.", aus unserem Dorf. Das erschwerte nun mal wieder die Zusammenkunft am Sonntag und an den Abenden in der Woche geschah es sehr selten, dass wir uns sahen. Das sie gerne mitgenommen wurde von anderen, wen zum Unterricht gefahren wurde, konte man den jungen "Kavalieren" nicht verdenken, den wer würde sich nicht wohlfühlen an der Seite so eines jungen hübschen Mädels über den Berg nach Lichtenau zur Kirche zu fahren; mich aber, der ich mit einer großen Portion Eifersucht geplagt war, beunruhigen oft diese Fahrten, was ich aber nie an die Öffentlichkeit brachte, was für sie gewiss sehr beleidigend gewesen wäre.

Am Pfingstfeste desselben Jahres wurden wir beide dann

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getauft, wir waren in Ohrloff ungefähr 30 Jünglingen, in Lichtenau, damals einer sehr großen Gemeinde, waren's 90. Zu der Zeit erkrankte ihre Mutter und starb nach etlichen Monaten; und nun war sie eine volle Weise; so, dass ich mich doppelt verpflichtete ihr in ihrer trauriger, trostbedürftigen, einsamen Lage beizustehen;  sie hatte ja noch ihre beiden Brüder Johann und David, doch die Männer bauten ihre eigene Existenz auf und waren sehr mit sich selbst vernommen. Johann, zum Beispiel, betrieb einen Getreidehandel mit seinem Onkel Franz Görtsen (alleinstehend) und war sehr oft abwesend, die beiden fanden sich aber immer wieder in ihren mütterlichen Heim ein und mussten dann eben von ihr, meiner Tiene, betreut werden. Unser Verkehr damals wurde reger; doch ich war immer noch ein scheuer Jüngling und der Mitwelt gegenüber musste unser vorgehen immer noch geheim gehalten werden. Zum Glück war der Sommer eingetreten und somit war ihr Haus nicht mehr von Zentralschülern und anderen Quartiranten besetzt, was für das 18-jährige Mädchen eine große Erleichterung war und so konnte  sie sich nach all diesen schweren und  anspruchsvollen Jähren so recht erholen, was man ihr dann auch bald ansah.

Ehe wir nun weiter gehen, will ich noch etwas "Lebensgeschichte" aus ihrem Gedicht einschalten von mir verfasst; um ein klares Bild ihres jungen Lebens zu erhalten.

                                       Vers 18.

                                       Und nun lag die teure Mutter im letzten Schlummer.

                                       Die vereinsamte Tochter aber stand vor ihr in großem Kummer.

                                       Bald wird man den Sarg aus dem Hause tragen,

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   Und empor auf dem Kirchhof ein neuer Hügel ragen.

   Die Trauernde vereinsamt dann oft am Graben saß,

   Und netzte mit Ihren tränen das Kirchengrass.

   Oh,lieb' so lang du lieben magst,

   Die Stunde kommt, die Stunde kommt.

   Wo du am Grabe stehst und klagst.

   Doch Mutter, meine Mutter, kommt nicht mehr zurück;

   Oh, Gott hilf mir tragen das schwere Geschick.

Der Sommer nach diesem Pfingst, für uns beiden, unserem Tauffeste verlief bald mit Trauern, bald mit Freudentränen; unser Verkehr war ja jetzt schon freier und reger, wurde aber für die Umgebung so viel wie möglich, geheim gehalten (nach alter Sitte). Die Arbeit in unserer Landwirtschaft erweiterte sich, indem wir mit unserer Dreschgarnitur noch bei den anderen Leuten arbeiteten, was ich dann an Hand hatte und mich ziemlich in Anspruch hielt. Zudem Beschäftigten mich noch die schwere Gedanken betreffs meiner Lösung, da ich im selben Sommer das 21. Jahr erreichte, in welchem die Jünglinge einberufen und eingezogen werden, obzwar ich das so genannte Familienrecht II Klasse besaß, weil mein ältere Bruder diente, war ich doch nicht ganz sicher, ob man mich nicht mobilisieren würde und käme ich fest, bedeutete das nochmal 3-4 Jahren unsere Hochzeit, von welcher wir in den 3-4 Jahren unserer "Liebschaft" überhaupt noch nicht gesprochen hatten, aber ein jeder im Stilen daran gedacht, aufzuschieben, was soviel zu bedeuten hatte, uns gegenseitig aufzugeben, was mich oft sehr traurig stimmte, den die erste Liebe aufzugeben

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oder richtiger,  zu verlieren, wäre ein Kleinod preis zu geben, welches einem nie mehr in  diese Welt zu kommen könnte und würde. Dann in kommenden Herbste, also nach etlichen Monaten, gab's unerwartet, nochmal eine schwere Episode durchzukämpfen, was aber, wie sich später herausstellte, zu unserem Heil führte.

Das Erbe der Geschwister Görtzens sollte und müsste nun geregelt werden, wozu auch ihre 3 verheirateten Geschwister aus  dem Ufimer Gowerment herkamen. Wie nun oft Schwiegersöhne sind (nicht alle, Gott sei dank) versuchte man auch hier aus allen Winkeln herauszuholen was möglich und man nahm keine Rücksicht auf die "Jüngste", die doch in den letzten 10 Jahren ihrer Mutter treu zu Seite gestanden, den vielseitigen Haushalt besorgt in ihren noch sehr jungen Jahren, geholfen eine neue Heimat zu gründen und an Mutters Krankenbett treu ausgeharrt bis zur Mutters Tode. Als es dann zur Versteigerung (Ausruf) kam, trug man auch ihre Nähmaschine raus, ihren "Liebling", den dass Nähen saß ihr ja in den Knochen, war ihre Lieblingsbeschäftigung, auch noch bis auf den heutigen Tag, ihrem 78 Jahr, wo noch so manche Bluse oder auch Kleid unter der Nähmaschine in ganz kurzer Zeit hervorgeholt wird; was nicht zum eigenem Bedarf, geht für die Mission.

Kurz und gut auch dieses Kleinod sollte zu Geld gemacht werden, da griff ihr einziger  reicher Onkel (Muttersseits) ein und brachte die Maschine hinein,was später dann zu ihrer Ausstattung gehörte. Auch wurde ihr schönes und trautes Heim verkauft, wozu noch ein schönes Stück Land gehörte. Wie all dieses zu den Ohren meines Vaters gekommen, habe ich nie erfahren. Hielt mich ja noch immer sehr zurück und mit den Eltern wurden ja solche

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Heiratsgeschichten nicht durchgesprochen, ich ging noch immer mit einem schweren Kopf herum.

Eines Abends nun, es war zu Herbstzeit 1905 saß Vater gegen abends im Kontor und ich befand mich beim Stall,, um noch etwas Wirtschaftssachen zu regeln und zu besorgen; da klopfte es am Fenster und Vater winkte, ich solle hereinkommen: ob ich auch etwas verschuldet habe? Ich wurde, wie gewöhnlich bei so einer Gelegenheit, ganz rot und das Herz wollte aus der Brust heraus. Ich setzte mich dann auf's Sofa in eine Ecke und wartete der Dinge, die da kommen sollten; doch in aller Ruhe kam alles an den Tag, was ich in den letzten 4/5 Jahren auf diesem Gebiet getrieben hatte, so ganz ohne Vorwürfe, wir sprachen ja in unserem Elternhaus platt deutsch und da meinte er zum Schluss: wie ...................... Er hatte ja es gehört, dass ihre Geschwister sie mit sich nahmen wollten nach den Norden.

                                       Und so nahm dann der Vater nach alter Sitte,

                                       und trat als Berater in unsere Mitte.

Und jetzt wird unser Tienchen uns sagen, was am Tage darauf geschah:

                                      Vers 21.

                                      Und jetzt, ihr lieben Freunde, will ich euch mal sagen,

                                      Wie's zuletzt noch so rasch musste gehn.

                                      Im Herbst, an einem der schönsten Tagen,

                                      Sah ich unerwartet einen Mann vor mir steht;

                                      Der Kutsche fuhr weiter, der Mann trat ein,

                                      Und reichte mir freundlich die Hand;

                                      Und sagte dann schmunzelnd: "der Junge mein,

                                      hat mich heute zu Dir gesagt!"

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  Da zufällig allen meinen Geschwistern da waren,

  So wurden sie auch gleich zu Rate genomen.

  wir beide kannten uns ja schon so viele Jahre,

  Doch jetzt wurde mir doch schon bisschen beklommen.

  Vers 22.

  Man hatte über mich aber was and'res geplant,

  Wovon ich kaum etwas vorher geahnt;

  Ich sollte nach dem Norden fremd und weit,

  Das war bei Ihnen vorher schon bereit.

  Hier hatte ich ja aber gefunden mein Glück;

  Von dort aber käm ich vielleicht nie mehr zurück.

  Und so stimmt ich dem bei, was der Mann von mir wollte,

                                       Und bald hörten wir denn auch, wie der Wagen abrollte.

                                       Vers 23.

                                       Die Verlobung kam alsbald dann auch zustande,

                                       Den es war ja so Sitte in jenem Lande.

                                       Der Brautstand aber wurde sehr abgekürzt.,

                                       Es war ja die Lieb' auch schon zur genüge gewürzt.

                                       Und so schritt man auch bald zu der üblichen Hochzeit.

                                       Die mit großem Pamp  dan auch stattfand für die junge Leut.

                                       Und abermals gab's dan ein neues Heim,

                                       Den ich wollte ja immer bei Jacob sein.

                                       Und so haben wir beide bis heute geweilt,

                                       Und Freud' und Leid immer gemeinsam geteilt.

                                       D.............................................(?)

                                       Van jie ....................................(?)

Vor unsere Verlobung musste ich auch noch zur Lösung mit meiner

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21 Jahren; doch da ich Familienrecht besaß, dank dem, dass mein älterer Bruder diente, kam ich los, aber nicht ganz frei, denn man konnte mich zu Kriegszeiten, wenn's erforderlich wäre, zu jeder Zeit einberufen, was dann auch ano 1914, als der erste Weltkrieg ausbrach, auch geschah, doch davon später.

Also, unsere Verlobung fand in ihrem Heim statt am 19. Novbr. 1905 in Tiege, da ihre Geschwister noch nicht abgereist waren und unsere Verwandtschaft, Onkel und Tanten miteingerechnet, ziemlich groß war, wurde das Haus ganz voll; und da noch Hühner vorhanden waren, gab's einen sehr großen "Hühnerbraten" nach der üblichen Verlobungspredigt abgehalten von Ältesten Görz Ohrloff.

Das Heim wurde dann auch bald aufgebrochen um meine Braut, die sie ja in Wirklichkeit nun war, kam zu ihrem Onkel in Ohrloff, woselbst ich sie dann auch sehr oft besuchte und zwar ganz "frei".

Der Kosakensattel mit Samen Messingsteigbügel bekam jetzt "drock" was meinem "Fücksle"(?) gar nicht so sehr gefallen hatte; aber mit der Ruhe war es jetzt gewesen.

Auch statteten wir Besuche ab, wie's die alte Sitte und der traditionelle Gebrauch es erforderte, wodurch wir dann auch mit unserer beiderseitiger Verwandtschaft bekannt wurde. Die Wirtschaft und dann alten Eisenhandel hing ich an Nagel:

"Sollen sich wissen, meine Zukunft wird sich nun anders gestalten“.

Nun, wie schon gesagt, wurde das Heim aufgehoben, die Geschwister (ihre) fuhren ein jeder in seiner Heimat den Norden zu; die beiden Brüder, damals noch allein stehend, fanden in Ohrloff Unterkunft. Da sie, meine Braut, nun wie .... oft sagt, zwischen Himmel

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und Erde schwebte, wurde mit der Hochzeit auch nicht lange gezögert, ... (?)

Da unsere Eltern  G.Dycks anfangs 1906 ihre Silberhochzeit  feiern wollten, so wurde auch unsere "grüne" Hochzeit auf den Tag bestimmt, und so fand am 14-dem Januar 1906 auf unserem Hof eine große Festlichkeit statt, eine doppelte Hochzeit. Da unsere Kirche zu weit entfernt war, richteten wir zu dieser Feier unsere Wagenremisse (Karetnik) dazu ein, der Raum (großen) wurde von der Jugend festlich geschmückt, in der Mitte ein großer eiserner Offen aufgestellt, auf dem Ende stand ein rotes Plüsch Sofa, von wo aus sich dan eine doppelte Reihe Rohrstühle längst dem Raum zog, woselbst von beiden Seiten Bänke hergerichtet waren, auch unser Fussharmonium fehlte nicht.

Ehe wir zu Hochzeit feiern übergehen, muss ich noch einschalten, dass mein Tienchen bald Quartir wechselte, und  um mit uns allen näher bekannt zu werden, nahm sie ihre Zuflucht bald zu dem "Dycksen" Hause in  Blumenort und so landeten sie endlich im Hafen der Ruhe und wir beide waren nur geborgen, ob's draußen kalt war, schneite oder stürmte, regnete oder plusste, wir waren im "Trocknen". Saßen im trauten Familienkreis abends um einen Tisch, über welchen eine große Hängelampe den ganzen Raum, die sogenannte kleine Stube, leuchtete.

Wir beide schauten uns dann oft so glücklich an, verschwanden dan auch manchmal in ein anderes Stübchen, kamen dann aber bald wieder ins Familienzimmer zurück.

Nun, das wäre so ein kurzer Überblick unserer jungen Jahre, will ich nun aber unsere nächsten 60 Jahre schildern, muss ich

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Hochzeit, Jacob und Katharina Dyck, 1906
Katharina (Tiena)

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mich sehr kurz fassen, sonst kome ich in meinem Leben nicht ans Ziel.

   Vers 13.

   Und eines guten Tages war die Hochzeit da,

   Wir hätten nie gedacht, sie wäre so nah.

   Froh traten wir dan, wie's üblich war

   Mit Strauß und Kranz vor dem Traualtar.

   (….. weiter in Plattdeutsch geschrieben, schwer zu lesen)

Vor unserem Hochzeitstag fand ein großer Polterabend statt, auf welchem die Dorfjugend humoristische Gedichte aufsagte und jedermann Gelegenheit hatte uns zu beschenken; und so wurden wir dan auch reichlich versehen mit alldem erforderlichem Küchengeschirr; es fehlte nicht mal ein Besen, der mit folgendem Reim von einem kleinen Mägdlein überreicht wurde: 

                                "Kan nicht schreiben, kan nicht lesen,

                                         Schleppend bring ich einen Besen."

Es war dieser Polterabend ein großes Fest mit Mahlzeit und Jugendspielen.

Am nächsten Tag dan fand die Hochzeit statt. Schon zu Mittag  fanden sich die auswärtigen Gäste, Verwandte, ein; auch per Bahn waren etliche gekommen, die Pferde und die Fuhrwerke wurden in den Nachbarsställen untergebracht, der Hochzeitsraum

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war gut warm angeheizt. Wie schon erwähnt, walteten zwei Älteste ihres Amtes: Abr.Görtz (Ohrlöffer) und Jac.Töws (Lichtennauer Gemeinde). Als Kanzel diente ein Tisch, welcher vor dem Sopke (?) stand. Hinter uns saß eine Scharr "Jugendlicher" , die mit uns zugleich hereinkam paarweise; vor uns meine Eltern und zwei Grossmüter: Enns und Dyck (Großväter habe ich nie gekannt; trotzdem mein Urgroßvater Gerh..Dyck 90 Jahre alt wurde, habe ich auch ihn nicht gesehen, den er starb ano 1883 und ich wurde 1884 geboren).

Der Trautext ist uns beiden abhanden gekommen, leider vergessen; doch Ältester Görtz, der uns ja auch traute, hielt eine gediegene Hochzeitspredigt (er war ein guter Redner); als es dan zum Schluss hieß: "Bis der Tod euch scheidet", schauten wir so in tiefen Gedanken vor uns hin, die Hände fielen auseinander und wir setzten uns auf den, mit Grüns bewundenen Stühlen. Dan folgte ein kurzes Gebet, Gemeindegesang (Chor war ja keine) und wir standen alle auf. Wir beide begrüßten dan vorne unsere Eltern, Grossmüter und Verwandte mit Küssen und Umarmung und dan ging hinaus: wir beide vorauf und die Pärchen folgten uns; natürlich ging es durch den Stall, wo an einer Seite uns die Kühe anglotzten und an der anderen die Pferde unruhig im Stroh mit den Füßen scharrten.

Doch hatte sich auch eine Gruppe jungen Männer auf einem freien Platz am Gang angesammelt und wollt sich das Schauspiel auch ansehen; da tritt ein Nachbarn und entgegen, schaut mich an, ging mit dem Finger auf meine junge Frau und sagt, etwas aufgeregt:"Jasch, tjitj, dunkelbrunet Hoa van blaue Oagi"; legt die Hand auf seinen Mund und tritt zurück; wir marschierten dan weiter

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Gingen dan alle in's  Haus und erholten uns von dem großen "Schreck". Nach einem großen und reichlichen Abendbrot nahm die Jugend das "Heft" in die Hand und fing an die verschiedenste "Spielchen" zu spielen: zu allererst nun wurden Kranz und Strauß ausgespielt, wobei ein Fräulein mit dem Brautkranz in der Mitte stand mit verbundenen Augen, während die Jugend im Kreise singend umher ging mit dem altbewährten Liede "Schöner grüner Jungferkranz". Nach Schluss dieses Liedes standen sie alle still und das Fräulein ging dan auf irgend jemand drauf zu. In diesem Falle war eins ja die Mädchen und wem der Kranz zukam, trat vorläufig zu Seite, Das nämliche geschah dan mit dem Strauß; das verübten dan die Jünglinge, die Kavalieren. Nun musste dieses Pärchen sich jeder auf einen Stuhl setzen und sie nur den in die Luft gehoben, was wir damals "Hochleben" nannten, und nicht eher herunter gelassen, bis sie sich dort oben gründlich geküsst hatte. Man prophezeite, dass so ein Paar dan die nächste Hochzeit hätte. Das es bei so einem Vorgehen etwas laut zugeht, kann man sich denken. Dan kamen die gewöhnliche Spiele an die Reihe, wie Schlüsselbund und dergl. begleitet mit den verschiedensten Volkslieder, wie

   1.) Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten;

   2.) Macht man in Leben kaum den ersten Schritt;

   3.) Im schönsten Wiesengrunde; dieser Dichter "Wilh.Ganzhorn" fand seine jugendliche Braut Luise Alber in diesem Thal und führte sie am 18 Jan.1855 zum Traualtar, so stehts in jener Kirche niedergeschrieben, sie war die Tochter eines Rösslerwirts.

   4.) Auch russische Lieder wurden gesungen und mit Gitarren und Fussharmonium begleitet

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Am anderen Tage gab's dan noch eine kleine Nachhochzeit; die auswärtige Gäste verschwanden dan auch langsam und so hatte ich endlich, nach 4 bis 5 jahrigem "Hin und Her" meine blutjunge, wie die Nachbaren sagten, sehr hübsche, überaus frisch und gesunde und geistspühende, Frau im "Trocknen". Gott sei dank! Wir fanden dan bei unseren Eltern Gerhard.Dück, im Dachstübchen ein schönes Heim für die ersten paar Jahre unseres Ehelebens. An eine Hochzeit Reise, oder wie man hier sagt: "Honeymoontripp" dachte man damals noch nicht. Und so ging's sogleich in den Alltag hinein. Ich holte dan ihr, meiner Frau's, Möbel welches sich bei ihrem Onkel damals befand, mir einem großen Leiterwagen und damit füllten wir unser Stübchen auf; könnten also ruhig mit dem Dichter mitsingen: "Unsere Wirtschaft ist nicht groß, aber frei und sorgenlos". Doch das sollte bald anders werden: es zeigte sich heraus, dass mein Tienchen ein schönes Capital zur Verfügung besaß, welches ihr Onkel in einer feuersicherer Dose im Offen aufbewahrte.

Will hier offen gestehen, dass das für mich eine große Überraschung war, weil ich nie daran gedacht hatte und damit gerechnet und mer "sie" im Auge hatte.

Nun gabt's zu überlegen, wie zu handeln und was zu tun und wie die Zukunft zu gestalten. Ihr mütterliches Heim mit einem annehmbarem Stück Land ging in fremde Hände über nach der Erbschaftsregelung, was mir sehr schade war, weil wir es uns hätten aneignen können und zudem lag es inmitten des höheres Schulen, Kirchen, Hospital (Krankenhaus) Apotheke, Taubstummenschule und dergl. großen Veranstaltungen,

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Jacob Dyck sitzt vorne im Auto

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  während wir in Blumenort  sehr abgelegen wohnten.

  "Doch wir hatten ein Heim, Herd, Liebe und Ruh;

  Und unsere Lippen sprachen die Hoffnung dazu.

  Und vertrauensvoll legte, trotz Wind und Wolken,

  Sie das Haupt an die Brust ihres treuen Gesellen".

Da der Geschäftsgeist in mir stets überwiegend herrschte und zu jener Zeit auf dem Gebiet des Handels fast keine Concurenz existierte, wurden wir uns einig (natürlich zogen wir Vater zu Rate) einen Holzhandel anzulegen. Da der Eisenhandel noch immer nicht ganz in Vaters Händen war, wurden die zwei Geschäfte separat geführt. Vater kaufte dan die Dorfsmagasin, welche von der Dorfgemeinde zum Getreide aufbewahren gebraucht wurde, mit 2 Acres Land; ein Holzhof erforderte viel Raum. An diesem Hof nun befand sich ja auch der Eisenspeicher mit einer altmodischer Wiegerei auf dem grossen Hof. Da die Magasien ein regelrechter Getreidespeicher war, wurde das Innere  zu einem Warenhaus umgebaut mit einem Kontor (Office) in welchem zwei neue Schreibtische aufgestellt wurden, die mit grünen Tuch bedeckt waren (und so wurde ich Kaufmann).

Ich bewog nun meinen Vater Teilhaber zu werden, natürlich mit so einer Summe Geldes, wie wir assignierten; er wollte darauf eigentlich nicht eingehen und bot mir die gleiche Summe für 3 % an, was mir eins bis 2 Taus. mehr im Jahre eingebracht hätte, wie sich später herausstellte. Da ich mich aber als christliche Sohn, wollen mal sagen, verpflichtete, meinem Vater beizustehen, weil er schon etwas leidend war damals und viele Jahre Kopfzerbrechen und Schwierigkeiten

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mit dem Eisenhandel  und der Wirtschaft (Landwirtschaft) gehabt hatte, weil das ganze väterliche (Franz Dücksche) Vermögen mit all den ausstehenden Geldern von altersher, noch immer nicht geregelt war, was unter seinen Geschwistern viel Unannehmlichkeiten hervorrief.

Wir aber unter uns, Vater und ich, hatten von Beginn das ganzen Unternehmens klare Rechnung; und als später noch der Eisenhandel an uns überging, haben wir im Segen gearbeitet.

Der Handel nun, stand also in voller Blüte; und da zu der damaligen Zeit, um die Jahrhundertwände 1900 und auch 1904, als wir den Holzhof anlegten, im Umkreis von circa 20 Werst (15 Meilen) kein Geschäft dem ähnlich existierte, hatten wir großen Erfolg. Handwerker und auch Bauer waren unsere Abnehmer, unsere Kunden. Da viel gebaut wurde zu der damaligen Zeit, versuchten wir dem Käufer das ganze Material zu einer großen Querscheune, oder Stall, oder auch ein Wohnhaus, oder anderen Bauten, herzustellen: das Holz bis zu den größten und längsten Balken, all'die verschiedensten Nägel 1/2" bis zu 6" oder 7" lang, Boltzen, Blech zu Dachzinnen, Glas zu den Fenstern und s.w. Ebenso bekam auch der Schmiedemeister ausser all'die Sorten Eisen, was er zu den Wagen brauchte, auch den nötigen Amboss, die Blasebalge, Feilen, Hämmern und dergl. Auch könnte er all die Kohlen kaufen bei uns. Holz kauften wir meistens in Jekaterinoslav, aber auch von Kamenka und auch direkt aus dem hohen Norden; oft 5 bis 10 Wagenladungen  auf einmal; das Eisen kam von Rostov, aber auch von Jekaterinoslav, aber das aus Rostov, das vom Fürst Paul Djemidov, das demidowsche wie es gewöhnlich genannt wurde, war das beste; es kam von Uralgebirge von einer 200-

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Jahre alten Firma. Zwei große Holzspeicher wurden noch aufgeführt, damit das beste Material unter Dach war. Das Schmiedezubehör, wie Ambosse, Schraubstöcke, Hämmern und Feilen und dergl. ließen wir aus Hamburg kommen, über Odessa durch einen gewissen Geschäftsreisenden "Schütt" von Hamburg, er sprach noch ein schünes Platt. Milchseparatoren, welche wir damals auch einführten, kamen von Stockholm, Schweden; auch richteten wir mit der Zeit noch einen Maschinenhandel ein wie: Dreschmaschinen, Mähmaschinen, Drillpflüge und dergl. Auch versuchten wir Putzmühlen(?) zu fabrizieren, welche damals im Norden Russlands und auch in Sibirien guten Absatz fanden.

Ungestört und ohne jegliche Unterbrechung ging der materielle Aufstieg vor sich; aber es herrschte ja auch Ruhe und Frieden in unserem lieben Vaterlande Russland und wohl fast in der ganzen Welt (1906-1914). Der Burenkrieg in Süd-Afrika, welcher so etwas die Aufmerksamkeit der südrussischen Mennoniten auf sich zog, war zu Ende; leider zum Nachteil der Buren damals, mit welchen wir so sehr sympathisierten, ano 1905 entstand ein sehr blutiger Krieg mit Japan; obzwar der Kriegsschauplatz so circa 10  Tausend Werst von uns entfernt war, machte er sich doch im Süden und wohl auch in ganz Russland ziemlich bemerkbar; und als Russland nach einem außergewöhnlich großem Verlust (Hunderttausende Soldaten kamen ums Leben, viele große Kriegsschiffe wurden von Feindesland versenkt, Festungen zerstört und dergl. Landesverluste) zum Frieden gelangte, brachen in Innere des Landes Unruhen aus, so sehr auch der Minister des Inneres "Stolypin" versuchte das Volk zu beruhigen, ihnen Land

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in Aussicht stellte, so könten sie ohne die Kosaken die Revolution nicht vorbeugen und somit entstandenen blutige Aufstände, welche aber doch von den Kosaken niedergeschlagen wurden. "Stolypin" aber wurde in Kiev im Theater im des Zaren Gegenwart von den Revolutionären erschossen. Viele große Landgüter waren aber doch schon von der Bevölkerung durch Feuer und Raub zerstört, doch die Russische Regierung behielt diesmal noch die Macht, welche sie aber um etwa 10 Jahre gänzlich verlor.

Wir beide aber, mein junges Frauchen und ich fühlten uns im unserem Oberstübchen ganz mollig; da der väterliche Besitz so etwas abgelegen vom Geschäftshof lag, kam mein Tienchen mir am Feierabend oft schon entgegen und geleitete mich ins Haus. Abends dan besuchte uns öfters einer meiner Kameraden  aus dem Dorf, welcher sehr netten Humor besaß und uns ein gute Gesellschafter war. Wir fuhren ja auch aus, aber nur am Sonntag; ihre zwei Brüder Johan und David verheirateten sich dan auch bald und schlugen ihren Wohnsitz in Ohrloff (3 Werst von uns entfernt) auf; heirateten zwei Schwestern. Johan Görtzen, also der ältere Bruder, hatte von seinem Onkel  eine Windmühle und Ziegelscheune gekauft; der Onkel befürchtete eine Revolution in Russland und zog mit der ganzen Familie nach Amerika im Jahre 1905; kurz vor unserer Hochzeit. David, der andere Bruder, legte einen Laden in Tiege, den Nachbarsdorfe an, mit Manufaktur und Kolonialwaren (Esswaren?). Diese beide Familien nun haben wir sehr oft besucht, was uns immer sehr gut ging; es war ja auch eigentlich die einzige Abwechslung, die wir damals hatten. Natürlich wurde ja sonntags nach der Kirche

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gefahren, nach Ohrloff, 3 Werst entfernt. Es wurden auch Bibel und Gebetsstunden in etlichen Häusern abgehalten, was eine Folge der großen Entwicklung war, die von etlichen Jahren stattgefunden hatte; wir beide versuchten soviel wie möglich daran Teil zu nehmen. Kurzum, wir würden damals nach allen Seiten hin reichlich gesegnet vom himl. Vater, was uns beiden sehr dankbar stimmte.

Da, um etwa zwei Jahren, klapperte mit einemmal der Storch.

Letztere flogen zum Winter ja immer in ihre warme Gegend, nach Afrika zurück, doch dieser eine hatte sich ziemlich verspätet und brachte uns, um seine Pflicht zu erfüllen, noch am 1 December 1907 ein rotbackiges Mädel in alle Frühe, um 6 Uhr morgens. Sie bekam den Namen "Anna", weil meine Mutter  und auch die älteste Schwester so hießen. Anna ist ein altberühmter Frauenname, sehr wohlklingend und mit den ältesten Fürstenhäuser gut bekannt: "Anna Boleyn (1507) war die Gemahlin Heinrich VIII; Anna von Österreich, Königin von Frankreich (1615) war eine spanische Habsburgerin" und s.w. Mutter und Kind waren beide kern gesund; erstere erholte sich gar bald und Kindlein entwickelte sich nach allen Seiten hin und ließ nicht lange warten mit plappern und gehen; wohl kaum ein Jahr. Nach einem Jahr dan unternahmen wir eine Hochzeitsreise; unser Töchterlein war ja bei der Großmama gut aufgehoben, das Geschäft, welches sich schon vergrößert hatte, unter Vaters guter und weiser Verwaltung; und so begaben wir uns, wohl im schönem Monat Mai, auf eine lange Reise nach den Osten und Norden Russlands: überquerten bei der Stadt Saratov die Wolga, Russlands größten Flüss, der heute noch besungen wird, und führen per Bahn dan bis

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der Stadt "Uralsk", woselbst eine von Mutters Schwester wohnte, "Warkentins" auf einem großen Landgut. Sie hatten in der schönen Krym ihr großes Kapital veräußert und sich hier mehrere Tausend Desjatinen Land dafür gekauft; das Land war ja auch wirklich fruchtbar, doch die Ostwinde, welche aus der Wüstengegend jährliche im Juni aufsteigen, vernichteten total die Ernten und so schon 5 Jahre nacheinander; da verlegten sie und auch die ganze Ansiedlung wiederum ihr Wohnsitz und zogen in das Ufimer Gowerment und siedelten an der Fluss Belaja an, circa 100 Meilen von der Stadt Ufa, welche an der großen Sibierischen Bahn liegt, diesseits des Uralgebirgs.

Von Warkentins damals begaben wir uns dan noch nach einer älteren Ansiedlung "Neu-Samara" woselbst wir Mutters Onkel Heinrich Klassen besuchten; daselbst aber herrschte eine große Armut, von dort zurück gekommen, fuhr ich mit Schwager Warkentin auf einem Tarantas (Korbwagen) noch nach der Stadt Uralsk und überquerte den Ural und befand mich also in Asien; beschaute mir die vielen Kamels-Karavanen, welche da auf ihren großen Stationen herumlagen; in der Stadt selbst beschaute ich mir noch das alt berühmte Denkmal "Ermacks" des großen Eroberers Sibirien, welcher noch im Flüsse Ural ertrank während des Krieges, und verschiedene Altentümlichkeiten. Nach einer Woche reisten wir ab; die zurückgebliebene Schwester Anna Warkentin vergoss viel Tränen beim Abschied. Unsere Reise ging dan per Schiff auf der Wolga nordwärts und so kamen nach etlichen Tagen bis zur Stadt Orenburg von wo aus wir dan schon per Zug nach der Stadt Ufa fuhren. Die Fahrt auf der Wolga mit einem kleinen

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Dampfer war eine wirkliche Erholung; von Zeit zur Zeit stießen wir ans Land und wechselten Tracht, die Häfen Arbeiter beeilten sich durchaus nicht bei ihrer Arbeit und da der Steig vom Bot zum Ufer nur sehr schmal war, wurde einem Lastträger von zwei Mann der Rücken (richtiger der Puckel) mit Gesang natürlich, hochbeladen; und so wurde ab- und aufgeladen. Viel Wolgalieder haben wir damals gehört. Das rechte Ufer der Wolga ist steil, hoch und felsig mit viel Höhlen versehen, wogegen das linke Ufer flach ist und weiter nach Osten hin sehr fruchtbares Land aufweist, woselbst dan auch bei Katharina II. ihre Zeit das Land von Deutschen aus dem Württembergischen und Bayrischen besiedelt wurde; noch bevor der Jahrhundertwende 1800. Sie brachten es zu großem Reichtum; hatten sogar ihre eigene Stadt (Katharinenstadt) welche ich mir gut angesehen habe von der Wolga aus; der Flussdampfer ging ja nur sehr langsam. Heute 1965 ist die Siedlung total vernichtet und ihre Bewohner alle nach Sibirien verbannt, trotzdem ihre Jung....schaft im ersten Weltkriege zu Tausenden ihr Blut vergoss im Kampf gegen die Deutschen, sie waren Russland bis auf Blut treu und wiesen Tausende Officiere auf.

In Ufa angekommen, wir fuhren auch bei Dawlekanowo vorbei, welches ein regelrechtes Mennonitenzentrum war, ruhten wir in einem Gasthaus etwas aus, bestiegen dan wieder einen Flussdampfer und fuhren die Ufimka nordwärts entlang und kamen in die Belaja, ein Nebenfluss der Kama, welche in die Wolga mündet. An der Belaja also wohnten Tienes zwei Schwester: Bärgs und Ennsen; letztere besaßen eine große Wassermühle mit Trocken

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Anlagen, in welchen das Getreide getrocknet wurde, was wir im Süden nicht brauchten zu tun. Schwager Joh. Bärg (Landbesitzer) war gestorben und so war Schwester Lena Witwe, die Ansiedlung daselbst war nicht klein, meistens Krimer;  und so spazierten wir daselbst circa eine Woche und fuhren dan nach Kazan, welche an der Wolga liegt, daselbst war eine große Ausstellung, man nannte sie damals, Weltausstellung. So kamen wir aus der Belaja in die Kama, welche bei der Stadt Kazan in die Wolga mündet. Nach etlichen Tagen, als wir uns viele Sehenswürdigkeiten angeschaut hatten, gings direkt in den Norden, nach „Nignij-Novgorod" einer 500 Jahrigen Hauptstadt Russlands; als solche hatte sie ihre Bedeutung aber schon längst verloren, weil Petersburg und Moskau damals schon lange die Regierunds Zentren waren. In ganz Europa aber war diese Stadt bekannt durch ihren Weltmarkt (Nignegorodskaja Jahrmarka) ähnlich wie die Leipziger Messe in Deutschland. Auf mich machte diese Stadt durch ihre tausendjährige Vergangenheit einen großen Eindruck; umgeben von uneinnehmbaren Festungen, 3-5 Meter dicken Wänden, erinnerte sie uns an die grausamen Herrscher unseres Vaterlandes, an Blut und Tränen.

Besonders grausam ging Johan der Schreckliche (Ivan Grosnyj) vor sich in dunklen Mittelalter: hohe Beamte, Tausende Edelleute (Bojare) aber auch der gewöhnliche Bauer, damals noch Sclave, wurden in die Gefängnisse gestopft und sehr gequält und besonders in der Nacht vor der Hinrichtung letzteres war oft ein blutiges Schauspiel, waren er und seine Getreuen sich dan ergötzten, der Zar wurde aber nie ohne einen Gottesdienst vorher so eine Tat verüben. Dan aber ging's los: die sogenannten Übeltäter wurden in langen Reihen aufgestellt und die Soldaten, hoch zu Ross, mussten sie

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dan in vollsten Jagen mit ihren Lanzen und sehr großen Schwertern zu Tode mastern; und weigerte sich ein Opfer, dan sprang der Kaiser mit seiner Spieß...und durchbohrte dasselbe. Dieses ist ja nur ein kleines Beispiel aus den Jahrhunderten. Lange vorher aber wurden ja die Russen 400 J. lang von den Tataren (Asiaten) geknechtet; ihr Khan (Ataman) war aber noch brutaler und hatte eine Methode, seine Untertanen zu tyrannisieren, die meine Feder sich sträubt nieder zu schreiben. Warum ich diese dunkle Geschichten erwähnte ist, um immer wieder festzusetzen , aus was für einem blutigen Lande unser liebe Himl. Vater uns heraus gebracht hat.

Als wir dan diese Stadt im Rücken hatten, gings Moskau zu. Nun, der Kreml, mit seinen 3-5 Meter dicken Mauern konnte und auch viel solcher Dinge ohne Worte sagen: der Hohe Platz von wo aus "Napoleon" den Brand der Stadt beobachtete, ist wohl jedem Besucher bekannt; hier entschloss er sich dan, sein Vorhaben, Russland zu besiegen, aufzugeben und gab Befehl "Zurück!" Der Rückzug damals war dan der Anfang seines Untergangs, der russische Winter vernichtete ja fast seine ganze Armee; als der Schnee im kommenden Frühling verschwand, fand man stellenweise meilenlange Haufen mit Leichen aufgehäuft. Doch wir liessen die Vergangenheit zurück und versetzen uns in die Gegenwart; da wir ja schon in innerem des Kremls waren, beschauten wir uns noch den "Zar Kolokol" die Keiserglocke, welche niemals geläutet hat und die "Zar Puschka" die Keiserkanone, die nicht einen einzigen Schuss abgegeben hat. Erstere zerschlug, als man sie in einem Kirchturm unterbringen wollte und alle Kräfte und Vorrichtungen versagten; so lag dieses Reptil von Glocke auf der Erde  mit einem Loch, durch welches ein Gespann Pferde ins Innere fahren und dort umdrehen.

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Warum aber die Kanone niemals geschossen hat, habe ich nie erfahren. Na, die Stadt mit den tausend Kirchen ist Wert zu beschauen; doch wir eilten schon nachhause. Ehe wir die weltberühmte historische Stadt aber verlassen, will ich noch berichten, was ich unlängst erfahren habe: der letzte Fürst Jusupov, welcher gegenwärtig (1965) noch in Frankreich lebt (5-600 Jahre zurück tatarischer Abstam) übernahm im Jahre 1914, als der I. W-Krieg ausbrach, ein Erbstück, ein 3-stöckiges hölzernes Jagdschloss, richtiger Palast, 30 Meilen nördl. von Moskau in einem tiefen Waldgegend; laut Urkunde von Joh. den Schreklichen den Jusupovs vermachte 300 J. ... waren Türen und Läden verriegelt gewesen; alles wurde nun aufgebrochen und man fand eine Architektur vor, die einem Palast gleich war: ein französischer Baumeister hatte dieses Kunstwerk damals aufgeführt und als der blutige Zar von den versch. Ausländern erfuhr, dass seinesgleichen in ganz Europa nicht vorzufinden wäre, lies er dem Meister die Augen  ausstechen und sandte ihn in seine Heimat, Frankreich, zurück, damit kein zweiter so ein Schloss besitzen sollte. Als dieser junge Jusupov, damals ano 1914 kaum verheiratet, den kolossalen Bau untersuchte, fand er einen tiefen unterirdischen Tunnel, nachdem er eine außergewöhnlich schwere eiserne Türe geöffnet hatte, welcher direkt zum Kreml Zentrum führte, circa 20 Meilen (30 Werst) lang an den hohen Seitenwänden aufgefüllt mit Menschen Skeletten

(Schrecklich, nicht wahr).

Nun, von Moskau ging's dan, so zusagen, bergab, dem Süden zu. Vom Kurskij Bahnhof dampfte der Passagierzug, auch Postzug genannt, dan los und wir befanden uns auf der Bahn, welche direkt nach Sewastopol am Schwarzen Meer führte; auf unserer alten Station Fjedorovka stiegen wir dan aus und wurden von unserem Kutscher

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Reiseweg von Jacob und Tiena

Familie von Joh. und Lena Bärg.

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in seiner Sprache auf's herzlichste ...Willkomm: "Slava Bogu schto Wy Jakov Jegorowitsch i Jekaterina Ivanovna priehali."

Gott sei Dank, dass Ihr glücklich nachhause gekommen seid. Es nahm dann noch 2 Stunden mit den Pferden, bis wir zuhause waren.

Wir hatten in 5 Wochen circa 3 Tausend Meilen zurückgelegt, zu Wasser und zu Land. Im Elternhause kam uns unser ältestes Töchterlein Njuta, damals 1 1/2 J. alt, freundlich entgegen gelaufen, doch auf dem halben Wege drehte sie hastig um und warf sich ihrer Omama weinend in die Arme; das Kind erkannte seine Eltern nicht wieder.

Meine erste Aufgabe war ja nun mich dem Geschäft auf's Neue zu widmen; letzteres hatte ich ja in guten Händen zurück gelassen und da im Frühling gewöhnlich in unserer Gegend und Umgegend viel gebaut wurde, hatte man in meiner Abwesenheit sehr guten Absatz gehabt und für viele Tausende Baumaterial verkauft, so, das ich schon nach kurzer Zeit nach Jekaterinoslaw reisen musste, um Ware einzukaufen.

Die kleine Revolution vom Jahre 1905 hatte sich ja gelegt, die Kosaken hatten sie niedergeschlagen, wo sie aufgestiegen war und so ging alles wieder seinen gewohnten Gang weiter: Ruhe und Frieden. Wir damals, hatten uns ja auch nie um die politische Lage irgend eines Reiches gekümmert. Es war zum Aufbau irgend eines Unternehmens, ob auf landwirtschaftlichem oder industriellen, oder irgend einem geschäftlichen Gebiet eine sehr günstige Zeit.

(Will hier noch unsere erste gemeinschaftliche, man könnte auch sagen, Hochzeitsreise kurz beschreiben, welche wir schon im I-ten Jahr unseres Ehelebens, zurücklegten: Die Fahrt ging in die

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Krym, dem Geburtsort der jungen Ehegattin, ihren Geburts- oder Heimatort haben wir aber nicht gesehen, fuhren direkt nach Sewastopol; die größten Festungsstadt Russlands am Schwarzen Meer; die während des Krymer Krieges in den 1850-ger Jahren sich bis auf's Blut gegen England, Frankreich und der Türkey verteidigte, natürlich mit Verlust tausender ja unzähliger russischer Soldaten, wovon der "Bruderskirchhof" "Братское кладбище" Zeuge war und ist. 2 unserer ledigen Freunde Bergen und Fast waren unsere Reisegefährten. In der Stadt trafen wir uns dan auch noch mit Brdr. Gerhard, welcher in den Weingärten im Süden seinen Regierungsdienst verrichtete und uns daselbst besuchte. Es traf sich so, dass wir einen großen militärischen Begräbnis beiwohnten, welches uns sehr feierlich vorkam, weil wir vom Lande, seinesgleichen nie gesehen hatten.

Ein Jahr vorher nämlich; als die Matrosen, die sehr große Flotte, meuterte, revoltierte, wurden die Vorgesetzten, Offiziere und Generäle, auf die brutalste Art umgebracht: man legte sie auf's Verdeck, gebunden selbstverständlich, und goß ihnen den kochenden Borscht in den Mund, warf sie dan halbtot über Bord; und so war auch dieser hohe Beamte, dem das Begräbnis galt, ertränkt worden; bliebe aber fast ein ganzes Jahr lang verschwunden, man konte seine Leiche nicht finden. Nach langer Zeit aber wurde die Leiche weit von der Stadt entfernt ans Ufer gespült und da seine Papiere in einer Flasche, die er an sich hatte, unbeschädigt geblieben, konte man ihn erkennen. In Sewastopol wurden dan noch verschiedene Sehenswürdigkeiten beschaut, aus uralten Zeiten und dan ging's per Dampfer über's Schwarzes Meer nach Odessa; wie üblich sind die Gewässer auf diesem Meere stets sehr unruhig und es nahm auch nicht

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Krym, der Geburtsort von Tiena

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lange, lagen wir 3 Helden tief unter den Decken in unseren Schiffskajuten und waren so seekrank, das wir von der Welt nichts mehr wissen wollten, während die junge Frau mit freundlichem Gesicht auf dem Verdeck Promenade machte und sich auf's köstlichste amüsierte an den schäumenden Wellen die von Zeit zu Zeit über's Verdeck stützten. Der Hafen von Odessa liegt an einem sehr steilen Ufer und man muss sehr viele Treppen (Stufen), wohl 60 an der Zahl, emporsteigen, um die Stadt zu erreichen. Diese Stadt nun, hatte sich von der kleinen Revolution noch nicht ganz beruhigt, was wir dan auch gleich am nächsten Morgen erfahren mussten, den es hatte etliche Tote in der vorherige Nacht gegeben, die des Morgens noch nicht aufgeräumt waren. Abends aber besuchten wir dan dennoch eine italienische Opera, wovon wir nichts hatten, den wir verstanden ja nichts, und dan machten wir uns aber schleunigst auf den Rückweg, konten aber schon nicht direkt nach den Süden fahren, den dorthin ging schon kein Zug mehr und so ging's dan über Poltava, Losowaja der Heimat zu; und so nahm es auch nicht lange, waren wir alle wieder glücklich daheim, woselbst Ruhe und Frieden herrschte).

Wie vorher erwähnt, war wieder Ruhe und Frieden im ganzen Lande und wir arbeiteten mit großem Erfolg auf unserem Gebiet, richteten es uns immer behaglicher ein und hatten genügend Hilfe die Arbeit zu überwältigen. Auch in unserem jungen Familienleben fanden verschiedene Veränderungen statt: hatten die sehr gute Gelegenheit und das Glück, vom Geschäftshof über der Straße (eine sehr breite altberühmte Fahrgasse, welche von weit herkam und direkt nach Berdjansk am Asower Meer führte) ein

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Heim, sehr großes Haus (gewesene Taubstummenschule), zu kaufen und gründeten somit unser eigenes Heim, welches dan auch, wie's so üblich unter unserem Volke, mit Möbel, Pferde, Kühe, Schweine und Hühner besetzt wurde, zum eigenem Bedarf.

Auch drinnen blieb der Segen nicht aus: unser Töchterlein welches sich unter der Sorgfalt und Liebe der jungen Mutter nach unserer lange Reise bald wieder zurechtfand, war kaum 2 Jahre alt, als sich ein Stammhalter einfand, welchem Großvaters Name  "Gerhard" zuviel, was ja eine große Zukunft für den "Jungen" bedeuten sollte; dass der Name unserer Handelsfirma später nicht brauchte gewechselt werden; worauf man damals großes Gewicht legte (der Name Jakob wäre also nie in Betracht gekommen; nun, mir hat er auch niemals gefallen). Dieses erste Geschwisterpaar machte uns, jungen Eltern sehr viel Freude; sie waren bald so miteinander verwachsen, dass es eine Lust war zuzusehen, wie mütterlich und sorgfältig das junge Schwesterlein sein Brüderchen, den strampelnden Buben, betreute. Oft mussten wir abends zu den Eltern kommen, über die erwähnte Straße, Njuta führten wir dan schon an der Hand und der Gerhard lag,in einem großen Tuch eingewickelt, in der kräftigen Armen unseres Knechtes (Russe).

Draußen und drinnen nun, geleitet von des Herren Segen und Beistand, ging das Leben ohne jegliche Unterbrechung seinen natürlichen Gang.: das Geschäft erweiterte sich, der Handel wurde vergrößert,was verschiedene Veränderungen mit sich brachte; die Landwirtschaft, welche bis dahin noch immer nebenbei betrieben wurde, liquidierten wir, indem das Land (ich besaß durch den Wirtschaftskauf auch schon etliche Desjatinen, ungefähr 30 Acr's) auf die Hälfte des Vertrags abgegeben wurde und somit

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könten wir uns ganz dem Geschäft widmen.

Das glückliche Geschwisterpärchen bekam um weitere zwei Jahre Gesellschaft : ein strammer Bub fand sich ein, welcher den berühmten Namen "Rudolph" erhielt. Dieser Name war unter den Fürsten, deutschen Königen und Kaisern durchaus nicht fremd und seit den Jahren 1200-in Österreich wohlbekannt; der erste: Rudolph von Habsburg war der mächtigste Landesherr seiner Zeit. Will hier zugeben, das wir die Berühmtheit dieses Namens erst später entdeckten. Unseren Eltern stand der Name nicht sehr an und wurde von Vater, wen er an die Wiege trat, den hübschen Jungen zu beschauen immer "der Preuße" anfänglich genannt. Wir aber wollten mal von den mennischen "Joacobs" los. Nun hatte ja die junge Mutter Dyck, damals noch nur 24 Jahre alt, alle Hände voll zu tun. Die Erziehung dieser Kinder ging ohne jegliche Schwierigkeiten vor sich, weil genügend Raum und Hilfe im Haus war und im Sommer ein großes Hof zur Verfügung stand. Oft spazierten wir im Ohrloff bei unseren Geschwistern Joh. und David Görtzens und Gerh.Dycks; in diesen Häusern wurden die Familien auch nicht kleiner und so hatten unsere Kinder und auch wir gute Zeiten, die wir nie vergessen können und werden.

Obzwar wir, wie schon gesagt, unser Land abgegeben, wurde unsere häusliche Wirtschaft jährlich vergrößert und so hatten wir bald 5 Kühe (holländer Rasse) im Stall stehen, 2 Pferde zum Fahren, 5 Schweine zum Schlachten und auch Hühner; auch bekamen unsere Knaben auch bald ein Pony zum Reiten. Wagen hatten wir: eine Droschka zum einspannig(?) fahren mit einem Bieg....(nach russische Art) einen Obosener mit einer steilen gepolsterter Lehne und ganz links eine Art Kasten (halbrund) zum

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Sachen und Futter aufzubewahren, dan einen kantigen Verdeckfederwagen mit rotem Plüschpolster und auch noch einen Lastwagen (Kastenwagen) diese Fahrzeuge waren alle neu; und wen eines davon verkauft wurde, gab's wieder einen neuen, weil wir doch mit allen Handwerkern verbunden waren, wie: Holzarbeiter, Schmiedemeister und auch Färber. Hatten auch noch einen sogenannten "Zweiräder", welcher zur Regenzeit sehr gebraucht wurde, weil es im Herbst und Winter und auch im Frühling dan sehr kotig wurde.

Da die junge Mutter Dück eine Nähmaschine geerbt hatte, war letztere fast immer in geh'n, weil die Kinderkleider damals selbst gemacht werden mussten, was der jungen Frau auch sehr gut ging und ihr dieses Handwerk im Blut war, hatte aber auch noch als Fräulein oder Jungfrau die Kunst des Nähen aufgenommen. All das Zeugt dazu wurde beim Schwager Dav.Görtzen  in Tiege in Manufakturen gekauft. Nun, wir beide hatten so eine Art Tauschhandel: er nahm bei uns Eisenware für seinen Laden und wir bei ihm ...., Zucker, Kaffee und was wir sonst noch so im Haus brauchten. Kurzum, wir verspürten keinen Mangel zu der Zeit, sondern waren mit allen und auf jedem Gebiet reichlich versorgt und von Gott bedacht.

Und so traten wir auch in diesem Neujahr. In das 1913 ein, hoffnungsvoll und ich konnte mit Recht sagen, fast ohne jegliche Sorgen. Doch, es sollte anders kommen und wir fingen an  das Bibelwort zu verstehen, das heißt: "Meine Wege sind nicht eure Wege!"

Unser Jüngste, der berühmte "Rudolf" war kaum 2 Jahre alt, da gab es mal wieder Zuwachs in der Familie: ein gesunder, starker Bub besuchte uns eines Nachts und zwar 1 März 1913; doch nach

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Jacob Dyck Family 1910, rechts Schwester von Tiena. Vorne Gerhard und Anna
Tiena mit drei Kindern (Gerhard, Anna und Rudolf), 1916

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2 und 1/2 Stunden starb er in den Händen der Hebamme so ganz unerwartet, wir hätten ihm den biblischen Namen "David" gegeben, auch hatte ja die junge enttäuschte Mutter einen Onkel Klassen gleichen Namens und auch Bruder Dav. Görtzen. Da wir ja im Geschäft unseren eigenen Tischlermeister hatten, vorfertigte er einen sehr netten hübschen Sarg und wir brachten die kleine Leiche zum Kirchhof, woselbst wir sie in ein tiefes Grab versenkten und richteten einen kleinen Hügel auf. Als wir mit dem Sarg den den Hof verließen, schaute die traurige Mutter uns mit tränenden Augen hinterher; wir aber gaben dem toten Knäblein als Geleits folgende Worte mit in's Grab: "Ein Engel reichte Dir die Hand und und führte Dich in's bessere Land!" Das wir unser Trost, wir hatten nun eine direkte Verbindung mit dem "besseren Land".

Doch der Herr über Leben und Tod griff in diesem Jahre 1913 noch tiefer in das ganze "Dücksche" Haus und nahm den Hausvater zu sich, welcher nun ja schon Großvater geworden war und große Freude an seinen 3 Grosskinder hatte. Unser Vater hatte schon eine längere Zeit ein Halsleiden; welches sich so verschlimmerte, dass er in's Ohrloffer Hospital kam und dort von Dr.Pinker (ein deutscher Arzt) operiert wurde; auf dem Wege zum Hospital saß ich neben ihn hinten im Verdeckfederwagen und merkte, dass er sehr traurig sei. Als wir über'm Geschäftshof kamen, trafen wir uns mit Vater Hausfreund, wohl dem stärkstem und gesundestem Mann in Dorf; Vater lies die Pferde anhalten, öffnete die Wagentür und reichte Onkel Epp die Hand; jener sagte: "Dück ich wollte Dir nochmal die Hand reichen!" Ohne viele Worte fuhren wir dan los; mit tränenden Augen drehte Vater sich dan zu mir und sagte: Schau mal Jasch, den Mann! und ich muss

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heute so einen schweren Weg machen. Die Operation fiel gut aus, doch aber Vaters Halsleiden wurde immer schmerzhafter (es mag Krebs gewesen sein) und trotzdem er von unserer frommen Mutter und unseren zwei Schwestern Anna und Mariechen auf's sorgfältigste betreut wurde in unserem Heim, erlag er seiner Krankheit am 29-n October 1913; im Alter von 54 Jahre 6 Monate und 18 Tage. In der Nacht vor seinem Sterben versuchte der Satan, so erzählte Vater, ihn von seinem Glauben (seligmachenden) abzubringen und es war für unseren lieben Papa ein sehr harter Kampf sich durch zu ringen; doch er siegte; das Begräbnis fand am 3 November statt. Unsere Mutter wurde also Witwe, eine sehr traurige Stille Witwe.

Will hier noch hinzufügen , dass der erwähnte Onkel Epp bald nach Vaters schweren Abschied nehmen Typhus bekam und bald darauf starb und so wurde der starke Mann noch eher ins kühle Grab versenkt als Vater. So sind die Wege des Allerhöchsten.

In der Familie und Wirtschaft blieb vorläufig alles beim Alten; und da Mutter materiel gut versorgt war und genug Hilfe um sich hatte: zwei Söhne und 2 Töchter, ging das Leben so seinen Gang weiter, obzwar wir durch das Abscheiden unseres lieben Vaters (zarstwo jemu nebesnoje - Gott sei ihm selig) eine große Lücke verspürten. Mutter konnte sich ziemlich brav verhalten und meinte: "jetzt sehe ich das Sterben mit anderen Augen an"

Unsere Liebe Mama zog sich mehr und mehr zurück, war still und sehr traurig, sie konnte Vater nicht vergessen; erkrankte dan an Unterleibtyphus und starb 6 Monate nach Vaters Tode am 31 Mai 1914. Wurde dan auch nach 2-3 Tagen begraben; und wie es dort Gebrauch war, hatten wir ein großes Begräbniss. Sie wurde

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neben Vater begraben und so liegen die 2 Grabhügel unserer lieben, unvergesslichen Eltern in der alten Heimat Russland nebeneinander. Da unsere beiden Schwestern Anna und Mariechen noch unverheiratet waren bedienten sie Mutter auf ihrem Krankenlager bis an's Ende. Während der Vermögensteilung wurden die, die beiden Töchter, extra dafür belohnt.

Das Elternhaus wurde nun aufgehoben und alles wurde das ganze Vermögen, wie Geschäft, Land, mehrere Hofstellen mit sehr massiven Wohngebäude und Wirtschaftshäuser und dergl. unter uns 6 Geschwistern verteilt.

Auf mein Teil traf der große Eisenspeicher, der große Magazin mit einem sehr großen Hofplatz ungefähr 100x250 Fuss, der Eltern Anteil vom Geschäft und noch ein Stück Land dazu. Von nun an war ich also mein eigner. "Herr"; hatte keine Verantwortung anderen gegenüber, was die Buchführung sehr vereinfachte und erleichterte. Da wir schon vor etlichen Jahren uns ein eigenes Heim erworben hatten, eine gewesene Taubstummenschule, welches, wie schon erwähnt, vom Geschäftshof über der Straße (eine berühmte Landstraße, eine Art Hochweg, Tschomakenweg) lag umarmt von alten Rüsterbäumen und einem hohen hölzernen Zaun, mit großem Obst und Gemüsegarten, führten wir ein stilles Landleben und hatten eine ruhige und glückliche Zeit. Etliche Monate nach Mutters Begräbniss, also am 6-Ten Juli a/St. 1914, gab's mal wieder Besuch und zwar an einem Sonntag im aller Frühe um 1/2 1 morgens; Schiller sagt:"Doch der Segen kommt von oben".

Dieses war unser 2-tes Töchterlein und da wir bei solcher wichtigen

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Begebenheit die Bibel reden ließen; fanden wir die Worte aus dem 140 Psalm: "Die Frauen werden vor deinem Angesicht bleiben". Wir wählten den Namen "Agnes". Es ist dieses ein griechischer Name und bedeutet die "Keusche." Die erste Agnes war eine Märtyrerin in Rom unter Divkletion, um's Jahr 300 nach Christi. Dan die andere - war eine deutsche Kaiserin um's Jahr 1000; Tochter eines Herzogs.

Um diese Zeit, und zwar kurz vorher, am 28-ten Juni 1914, wurde der österreich-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Gattin in Sarajevo - Jugoslawien (Bosnien) ermordet; er war der Thronfolger eines der ältesten deutschen Kaiserreiche der Welt, dem "Habsburger Herrschergeschlecht" welches um die Jahrtausendwende  im Elsass damals in der nördl. Schweiz seinen  Anfang nahm. Der letzte Kaiser "Franz Joseph" mit den Hauptstädten Wien in Österreich und Budapest in Ungarn konte fast auf eine 10 jährige Regentschaft zurückweisen; ähnliche wie Königin Victoria von England.

Und somit war der I Weltkrieg ausgebrochen; und in kurzer Zeit hatte Russland 10 Millionen Soldaten unter Waffen; fast ganz Europa mobilisierte; ein Reich erklärte dem anderen den Krieg; und in 1-2 Jahren kämpften 22 Länder gegen Deutschland mit seinen Verbündeten, wie: Österreich-Ungarn, Italien, Türkei u.s.w. Mir war ja noch eine Galgenfrist gegeben, wie man so sagt; und da ich das II Familienrecht hatte, mein ältere Brdr. Gerhard stand schon im Dienst als Sanitär in der Stadt Simferopol, konte ich noch fast ein Jahr

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zuhause bleiben; und da die Front, die Deutsche, fast 1000 Meilen entfernt war und wir alle der Meinung waren, dass dieser Krieg in 3 Monaten beendigt sein würde, ging ich meiner üblichen Beschäftigung nach, wie im Geschäft so auch in der Landwirtschaft. Bald aber merkten wir, dass die gekauften Waren mit großen Unterbrechungen transportiert wurden (Kriegsmaterial ging vor). Bald arbeiteten wir mit Verlust; die ausstehenden Gelder kamen sehr schlecht ein, infolgedessen auch ich schwer meine Zahlungen machen konte. Wir verlebten im Süden Russlands aber doch noch einen ruhigen Winter 1914.  Unsere 4 Kinder bekamen noch recht gute Weihnachtsgeschenke. Voller guter Hoffnung ging's  in's neue Jahr 1915; doch es wurde nicht besser, sonder immer schlechter und da das russische Militär  auf den Schlachtfeldern zu Tausenden verblutete, ganze Armeen von Feinde gefangen genommen wurden, wurde neu mobilisiert und so kam auch ich an die Reihe und musste am 4 April 1915 fort; um 6 Uhr früh ging's los mit noch hunderte andere aus unserem Volk nach der Stadt Melitopol.

Es würde sehr viel Zeit brauchen, sollte ich meine 3-Jährige Dienstzeit schildern; anfänglich führte ich noch ein Tagebuch, doch das fiel bald weg, weil wir anfangs unseres Dienstes oft versetzt wurden: in der Stadt Melitopol, 25 Meilen von uns entfernt, machten wir den Anfang (der blutige Krieg an der deutschen Front war schon in vollem Gange); der russische Borscht mundete nicht schlecht; wir waren ungefähr 500 Mennoniten, fast alle verheiratet. Das Kriegsministerium wollte uns nach der türkische

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Front schicken; doch hatten wir keine Erfahrung im Kriegswesen (Unschuldig wie die Schafe). Doch da in Petersburg nach etlichen Tagen betr. unsere Gruppe alles geklärt wurde ( also wehrlos) gab's eine große und sehr schnelle "Перебивка" Ausseinanderteilung und so kam ich in die Gruppe, welche bestimmt war, nach der Krim zu gehen; in der Stadt Simferopol im Gasthaus "Kiejewskoje Podworje" durften wir 3 Tage ausruhen; im Tagebuch  heißt es: "bis wir am I-e Tage nach einer heiteren Wanzenjagt endlich spät vom Schlaf überwältigt wurden". Unser Dienst war ein leichter; bei Freizeiten spazierten wir (etliche Kerls) an den Ufern des Schwarzen Meeres, woselbst die Kaiserliche Familie, und die versch. Edelleute, Kaufmannsfamilien und sonstige Hohen ihre Sommer Ferien verlebten in ihren Palästen und auf ihren Datschen bei der Stadt Jalta, Aluschta und dergl.

Auf den Schlachtfeldern floss sehr viel Menschenblut; und zu Tausenden wurden verwundete Soldaten in's Innere Russlands gebracht; viele Sanitätszüge wurden von Mennoniten betreut; deren Hauptsitz in Moskau war; auch war auf dem Kaukasus Tifliss und dergl. Städte eine große Zentrale, woselbst auch viele der Unsrigen dienten; z.B. mein Brdr Franz Dick hatte eine Anstellung in einer Offic, wogegen der jüngste Brdr Heinrich auf der türkischer Front war.

Im September desselben Jahres; also nach 5 Monatlichen Dienst, gab's mal wieder eine große "Перебивка" und ich wurde nach Gostowskaja versetzt in Goverment Wjatka circa 1500 Meilen von zu Hause; von Moskau 500 Meilen im Norden.

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Die Nachrichten von zu Hause waren befriedigend: die junge Mutter mit ihren 4 Kindern: Njuta, Gerhard, Rudy und Agnes waren bis dahin noch gut versorgt mit allem, auch aus dem Geschäft waren die Berichte von Corn.Fast (unserem Dienenden) zufriedenstellend. Mit Verdienste rechnete man schon nicht mehr; zudem herrschte im Süden noch Ruhe und Frieden.

Da Gostowskaja ein großes Kriegsgefangene Lager war, wohin viele Tausende Kriegsgefangene von den verschiedensten Fronten untergebracht wurden in den Meilen langen Baracken, die im tiefen Urwald errichtet wurden mit der Hilfe der Gefangenen bei 40 Grad Kälte unter 0, die Betreuung, was dem Essen betraf, aber sehr mangelhaft war, so wurden verschiedene Warenhäuser und eine große Store "Казенная лавка" (Kasjenaja Lawka) gebaut, woselbst auch ich meine Unterkunft  fand und alle die Dienstjahre "Заведующий" Verwalter war. Die Vorgesetzten, alles Petersburger, waren mir und auch alle'den anderen Mennoniten sehr gewogen und da wir eine ziemlich große Zentrale waren, dürfte ich mir die Hilfe  von den Unsrigen wählen und so hatten wir im Store, in der Bäckerei, in der Milchwirtschaft und dergl., alles mennonitische Dienende; die Schlachterei aber wurde von professionellen Österreichischen und und deutschen "Butscher" gehandelt. Obzwar die Russische Front immer mehr versagte, kamen immer mehr Kriegsgefangene in's Lager: Deutsche, Österreicher, Italjener, Türken und dergl. Ehe das russische Militär Galizien, die Karpaten Gebirge verließ, wurde die Hauptstadt daselbst  Lemberg geplündert und die Fabriken abmontiert und so erhielten wir ganze Züge voll von diesem Material

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welches dan teilweise bei uns aufgebaut wurde; doch ganze Haufen der feinsten Maschinen, Dynamos und dergl. lag im Mod auf der Erde und rostete. Dort ein Ruin auch hier ein Ruin. Doch das Elend der Menschen wie die Millionen Flüchtlinge, aus den westlichen Ländern war viel schrecklicher, als das des toten Material. Um nicht viel Wörter zu verlieren (den für so einen Weltkrieg findet man ja nicht die Worte, ihn zu beschreiben) gebe ich einen kleinen Auszug aus meiner Schatzkamer:

  Blitzartig, ganz unerwartet, brach der I-te Weltkrieg aus;

  Und viele Väter mit ihren Söhnen mussten eilend dan vonhaus.

  Auch ich verlies nun bald die meinen

  Und so bliebe die Mutter alleine mit den kleinen.

  Das Haus nun, welches Jahre viel Freude geseh'n,

  Blieb im Trauer und Angst verlassen stehn.

                                      Der verheerende Krieg brachte allen viel Not

                                      Und Millionen Menschen den schrecklichen Tod.

                                      Die Mutter saß oft mit den Kindern im Dunkeln;

                                      Und sah'n nicht wie einstmals die Sterne funkeln.

                                      Die Hoffnung eingesargt, die Zukunft ganz verhüllt:

                                      O Gott, wird unsere Hoffnung je gestillt?

                                      Fast ganz Europa führte damals das Schwert

                                      Und zerstört wurden Länder, Haus und Herd.

                                      Als nach Jahren dan der Zusammenbruch kam,

                                      Eine blutige Revolution alles in Hände nahm.

Es war im Oktober 1917, als die II-te Welle der blutigen Revolution das ganze Russland überströmte; die Front-Soldaten (Millionen an der Zahl)

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verliessen die Schlachtfelder und eilten in's Innere des Landes mit ihren Gewähren und das große Blutvergiessen nahm seinen Anfang. Der Kaiser (Zar) war entthront; Lenin und Trotzkij die Heerführer; das Volk war wild wie die Hyänen, Tiger ein Morden und Brenen ging vor sich, wie's die Welt wohl noch nie erfahren hatte.

In diesem Wirrwarr erkrankte ich plötzlich im Store und durfte nachhause fahren; in Moskau angekommen auf dem Nikolaevskij Woksal (Petersburger Bahnhof) versuchte ich durch die Stadt zu kommen, den ich musste nach dem Südbahnhof: Kurskij Woksal, den ich wollte ja den Zug nach Sewastopol nehmen. In der Stadt selbst ging's furchtbar zu und ich dankte Gott, als ich erst wieder heil im Zuge saß, welcher mich zu den meinen bringen sollte; dank dem, dass ich das Geld hatte, kam ich noch in's innere eines Wagons, aber Hunderte und Tausende befanden sich auf den Dächern und zwischen den Wagons und viele wurden totgefahren; ja mancher ging mit einem furchtbaren Fluch in die Ewigkeit. Ich hatte ja noch 1000 Werst zu machen; auf den Stationen hatte sich das Volk so angesammelt mit Flüchtigen (alte Mütter, Kinder) Frontsoldaten, Revolutionäre und Tausende anderen Reisender, dass der lange Zug nur kriechend durchging und der Zugführer jedes mal froh war, dass er nicht niedergeschossen worden war. Und so ging es Tag und Nachts durch die weiten Steppen Russlands bis ich dan endlich nach vielen Tagen unsere Heimatstation Fjodorvka erreichte, als ich dan aussteigen wollte, strömten wiederum Hunderte mir entgegen, die mitfahren wollten, mit Fluchen und Geschrei bestürmte man den Zug, ich kam aber mit einem furchtbarem Gedränge durch die Masse; manch ein "Bärtige" schlug aber noch das Kreuz und stöhnte "Gospodi"

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auch Gott". Ein russischer Fuhrmann brachte mich mit seinen 2 kleinen mageren Pferdchen nachhause auf einem Kastenwagen. Ganz unerwartet traf ich zuhause ein und wurde von den Meinigen mit offenen Armen unter Freudentränen in Empfang genommen; ich hatte noch Gelegenheit für jeden meinen Familienmitglieder ein Geschenk mitzubringen, die man im Süden schon nicht finden konte: für unseren ältesten ein Pferd (stolzes Ross, sehr naturgetreu), war noch Jahre die Zierde meines Schreibtisches; einen indischen Elefanten für den zweiten Jungen und dergl. seltene Ware.

Ich war noch nicht ganz abgekühlt und hatte mich zu Hause kaum umgesehen, fassten wir beide uns an die Hand und machten einen Rundgang, zuallererst auf den Geschäftshof; doch, o weh'! Der Warenlager war undenkbar sehr zusammengeschrumpft: der Eisenspeicher enthielt fast kein Eisen mehr; der zweistöckige Holzspeicher - kein Holz,die Magasin, woselbst das Contor (Offic) war und die "Hardware", auch fast leer; der Holzhof verweist und verwüstet, hin und wider ein Häuflein Bretter und paar Balken, etliche Spahren und Latten lagen sich herum; die 2 deutsche Männer hatten uns inzwischen verlassen (nach 10 Jährigem Dienst). Doch wir hatten noch unser Heim, die Wirtschaftsgebäude mit etlichen Kühen, Pferden, Schweine und Fuhrwerke, wie: Obojaner, einspännige Droschke, Verdeckfederwagen und dergl. Vieles aus dem Geschäft und auch aus der Wirtschaft hatte meine Frau auf meinen Rat und Wunsch von meinem Dienst aus, veräußert, verhandelt, um nicht Not zu leiden und den Pflichten der Dorfgemeinde und dergl. mehr gerecht zu werden. Der Materielle Verlust war groß; doch der größte Reichtum war mir geblieben: meine Familie; freundlich und recht froh und hoffnungsvoll

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stand meine liebe Frau mir zu Seite, schaute mich offen an mit ihren blauen treuen Augen, das schwere Kastanienbraune Haar zur Seite schiebend; als sie dan auch meinen aufrichtigen Blick gewahr wurde, nach so einer langen Trennung, fanden die Lippen im Hinblick nach oben die richtige Antwort.

Nun hieß es "die Maui optzrempli"(?) und an's Werk; aber wo anfangen und was tun. Na zu allererst musste ich in 's Hospital zu einer Bruchoperation, was ja die Ursache meines Urlaubs war. Die Operation im Ohrloffer Krankenhaus, die Dr.Dyck vollführte, fiel gut aus; und nach einer Woche konte ich schon wieder zu den Meinen; war auch bald soweit hergestellt, das ich etwas Ordnung in der Wirtschaft und im Geschäft schaffen konnte und da die Verbindungen mit der Außenwelt noch nicht ganz abgebrochen waren, versuchte ich etwas Ware zu bekommen (aber ganz im kleinen): das Land an zuverlässige Bauern (Freunde) auf die Helfte abzugeben und so kamen wir wieder bald in's Fahrwasser.

Doch die Octoberrevolution  lehrte uns eines anderen; die Dorfverwaltung wurde einem Judenbengel übergeben, der durch und durch so rot war, wie sein Haar und der es dan abgesehen hatte auf die wohlhabende Bevölkerung, deren alles sollte abgenommen werden, womit man dan auch bald anfing. Da die Unbemittelten (Proletarier, so nannte man sie) eigentlich noch nicht recht wussten, was und wie zu tun, die obersten Schichten in Petersburg und Moskau im Sturm der Revolution oft abwechselten; Kerensky den Krieg fortsetzen wollte, andere Gewalten Frieden machen wollten mit Deutschland (der Kaiser, Zar Nikolaj II, war ja schon entthront) die Frontsoldaten aber zu Millionen mit ihren Gewehren und Munition fluchtartig in's Innere Russlands stürmten,

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gab es bei uns eine kleine Stille und wir könten uns etwas erholen; obzwar wir ja viel abgeben mussten. Doch es war ja nur so eine Stille vor dem Sturm (eine Galgenfrist).

Der Winter 1917/1918 - war ein unheimliche Winter: die Roten, eigentlich richtiger gesagt, die Räuberbande, wurde immer frecher; man fing an einzuteilen und die Bevölkerung zu tyrannisieren. Des Nachts schlug man dan plötzlich mit den Flintenkolben an die Tür und begehrte Einlass; dan drängten sich 3-5 Mann, sehr oft angetrunken, mit großem Geschrei in's Haus und verlangten Geld und oft viel Geld und Essen: Braten und dergl. Wir hatten ja schon kein Geld mehr und Keller und Küche waren ja schon zu dutzendemal von den Banden leer gemacht; dan standen die Frauen oft ratlos dar (wir hatten noch ein deutsches Mädchen) und waren zudem noch in große Gefahr von den Banditen belästigt zu werden; nun, unser himmlische Vater hat unser Haus, obzwar wir oft uns im Kugelregen befanden, weil die Roten und Weissen sich stets bekämpften und die Dörfer, so wie auch Blumenort, aus einer Hand in die andere fielen und da wir auf einem Ende wohnten, bekamen wir am meisten davon zu spüren. Unser Geschäftshaus, die Magasine wurde zu einer Art Zentrale eingerichtet, von wo aus dan die Befehle und der Raub vollführt wurden von einer Klasse Menschen, die, richtig gesagt, aus dem  Abgrund stammten: Pferde wurden uns abgenommen, alles Getreide und Mehl mussten wir abgeben, die Kleider nahm uns fort und dergl. mehr solcher Raub Wirtschaft und zudem arrestierte man die besten Männer, die man oft nie mehr gesehen hat; später erfuhr man dan durch andere, dass man sie totgeschossen habe. So wurde z.B. unserem Schwiegersohn Capitän Jac. Penner sein Vater ermordet, der zum Sovjet verlangt

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wurde; er kam auch nicht mehr zurück; dan fuhr Frau Penner (Jakes Mutter) nach allen Richtungen, auch oft unter Todesgefahr, ihn suchen; bis zur Stadt Berdjansk 100 Werst, aber keine Spur von ihm war aufzufinden. Später, lange nachher fand man seine Leiche unweit Tiegenhagen, ihrem Heimatdorf, in der Erde verscharrt, man hatte ihn ermordet. Und so wurden die Zeiten all überall in ganzen Russland immer schrecklicher: das heilige Russland, wie man's immer nannte, wurde buchstäblich zu einem Räubernest. Was uns noch einigermaßen aufrecht erhielt, dass wir den Mut nicht ganz verloren, war die schöne Nachricht, dass die Deutsche im Auszüge wären und der Kaiser Wilhelm die Ukraine, also den Süden Russlands, auf 50 Jahre besetzen wollte.

Nun, die Deutschen kamen und schaffen wieder Ordnung, Ruhe und Frieden im Lande und alles ging seinen geregelten Gang wieder: die Kirchen wurden wieder geöffnet, wie bei uns so auch bei den Russen, die Felder wurden bestellt, Ernten eingeheinst(?). Obzwar alles sehr ärmlich zuging überall, weil wir doch bis auf's Hemd, richtig gesagt, ausgeraubt waren; aber dem Mutigen gehört die Welt, wie oft gesagt wird und im Hinblick nach oben wurde nach alter Art drinnen und draußen wieder gewirtschaftet. Da das deutsche Militär für unsere Gegend ihre Zentrale in Melitopol, 35 Werst von uns entfernt, hatte, versuchte ich mit den Oberstem daselbst in Verbindung zu treten, um Ihnen behilflich zu sein Mensch und Pferd am Leben zu erhalten. Es war das 162-te Sachsenregement, welches daselbst sich einquartiert hatte.

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Als der I-te Militärzug auf der uns nächstgelegene Station Lichtenau ankam, war fast die ganze mennische Welt aus der Umgegend zusammengeströmt, die Mädchen und Frauen verteilten frische Zwieback und Schinkenfleisch. "Seht, was für schöne rotbackige Mädchen mit hübschen Waden!"- rufen die Soldaten, welche mit ihren Vorgesetzten ausgestiegen waren. Der Hauptzug, mit einer vollbesetzten Plattform vor der Lokomotive schob sich langsam dem Osten zu; Richtung Halbstadt und Tokmak. Unzählige Maschinengewehre und Bajaneten(?) umgaben die Mannschaft, welche ohne weiteres 500 Feinde niedergemäht hätten, wen's erforderlich gewesen wäre. Als ich dieses Kriegsschauspiel so beobachtet hatte, eilte ich in den Bahnhof;  ich wollte ja die Kriegsleitung sehen und anmelden, was für eine rote Macht sich in Blumenort in unserem Geschäftshaus befand (wohl 10 an der Zahl) die, die  ganze Gegend tyrannisierte. Als sie den Sachverhalt erst richtig erfahren hatten, sagte der eine Offizier: "Morgen früh sind wir da". Unter dessen aber hatten die Bauern aus Rosenort und ihre Freunde mit Lehrer Philip Cornies an der Spitze (sie kamen alle zu Fuß, etliche waren mit den wohlbekannten „Reatjneppels“(?) bewaffnet) den ganzen Stab, wen man ihn so nennen will, entwaffnet und festgenommen. Cornies verlangte von Ihnen, sie sollten die Waffen ohne weiteres abgeben, was sie dan nach etwaigem zögern auch taten; dan wurden sie von unseren Leuten mit ihren eigenen Waffen bewacht, bis am nächsten Morgen eine kleine Gruppe deutschen Soldaten mit ihren Helmen und scharf bewaffnet die roten Helden (2 Mennoniten darunter) auf die Droschkies zu je 3 Mann

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zum Bahnhof brachten, von wo sie dan nach Alexandrowsk transportiert wurden, woselbst sie sollten tot geschossen werden. Gleich darauf aber fuhren Predigt. Jacob Jansen und besagter Ph. Cornies ihnen hinteren und machten sie frei, los; was wir später, als wiedermal eine Wendung kam, doch bereuten.

Unser Geschäftshaus und alle dazu gehörenden Gebäude, richtiger gesagt: Speicher, wie wir sie nannten, waren jetzt leer, standen uns wieder zur Verfügung, doch aber die Tasche war ebenfalls leer. Vereinzelte Stücke Ware, wie etwas Eisen, Holz und Nägel, Gehenge und Bolzen und dergl, waren noch vorhanden und so kamen die Kopejken (Pennys) langsam wider ein. Doch ohne jeglichen Aufschub begab ich mich nach Melitopol (35 Werst entfernt) zum "deutschen Hauptquartier" und übernahm die Verpflegung des ganzen Regiments. Am Sonntag darauf kam ein Offizier auf einem stolzen Ross nach uns zu Gast (ganz allein) und wollte sich's mal unterstehen, mit wem sie's eigentlich zutun hätten. Er bliebe über Nacht, ritt am nächsten Morgen dan ab und in 2 bis 3 Tagen kam ein Transport leerer großen Wagen, jeder mit 4 Pferden  die Länge  (2 große hinten und 2 kleinen vorne) bespannt mit je 2 Mann Besatzung. Da unser Hof ziemlich geräumig war und das Haus groß, konten wir alles unterbringen; die Soldaten lagerten wir im Corridor einen neben dem anderen; sie holten dan ihre Gebetsbücher hervor, schnallten sich die Gürtel ab, auf dessen Schnallen "Mit Gott" stand und schliefen nach langer Kriegszeit den Schlaf des Gerechten. Um 5 Uhr Morgens brachen wir los; 5 Minuten vorher waren die Wagen bespannt und besetzt, kein

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Wort viel, alles war still, da Punkt um 5 Uhr erschallte vom vordersten Wagen, auf welchem auch ich mich befand das Comando "Abfahren" und so ging's ganz langsam zum Tor hinaus. Da ich mich vorher schon in den Dörfern auf den Chutors (Хутор- kleine Landgüter), erkundigt hatte was wo zu haben sei, nahm es uns auch nicht lange die Wagen aufzufüllen mit Schweinen und dergl.Proviant. Auch kamen höhere Beamte auf ihren großen "Mercedes" oder anderen Marken Cars durch die Dörfer gefahren, hielten dan bei uns an und befragten sich bei mir, wo sie geräucherte Schinken und dergl. kaufen konten. Bei einer Gelegenheit, wie ich mich erinnere, kam einer dieser Herren in's Haus und da er die Wiege bemerkt, welche der Storch nach einer 4-jährigen Kriegszeit auf die alte Adresse wieder aufgefüllt hatte mit einem hellblonden Krausköpfigem und dickbackigem Mädchen, da schiebt er seine umhängenden Waffen mit einem Klirren zu Seite, steckt die Hände in seine Schinelltaschen, biegt sich über die Wiege und freut sich, doch im nächsten Moment sprang er in die Car und nach einem "Abfahren!" rasten sie davon; es mag ihm ein Heimatgefühl in Erinnerung gekommen sein. Nun wie schon gesagt, Mutter zog wieder mal am Wiegenband; es war der 2-te Aug.n/St. 1918, als unsere Lensch (Helena) ankam. Mit dem Psalmwort 26:8 begrüßten wir sie: "Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt." Sie war unser 3-tes Töchterlein. Die erste Helena finden wir in Griechenland, sie war das Urbild weiblicher Schönheit; sie wurde Ihrem Gemahl, dem Sohn des trojanischen Königs von Paris einführt, wodurch ein großes Krieg entstand. Nun das Jahr 1918 brachte große politische und sonstige Veränderungen: die Deutschen,

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welche uns Ruhe und Frieden in's Land gebracht hatten so, dass wir in Süd-Russland wiedermal in geordnete Verhältnisse leben konten, mussten nach etlichen Monaten, zum Herbst 1918, dass Land verlassen und zurück nach Deutschland geh'n, weil auch in ihrer Heimat, in Deutschland, politische Unruhen sich gefunden hatten. Der Kaiser, Wilhelm der II-te wurde entthront und aus dem Land gewiesen; die führenden Männer damals, die Generäle Hindenburg und Ludendorff und der Naziführer Hitler, die das Regierungsruder in die Hand bekamen nach ziemlich blutigen Kämpfen im Lande, verhalfen ihrem Landesvater aber noch zur Flucht nach Holland, woselbst er mit seiner II-te Frau Gemahlin in einem entlegenen Schloss, welches die holländische Regierung ihm zur Verfügung gestellt hatte, einen stillen, ruhigen Lebensabend zubrachte.

Im Sommer 1918, während die Deutschen noch da waren, erholten wir uns langsam: brachten die Ernte ein und versuchten den allgemeinen Aufbau zu bewerkstelligen, natürlich mit großer Mühe, den es fehlte an Geld, Pferdekraft, Dreschmaschinen und 100 anderen nötigen Sachen, um den verarmten und durch die Revolution u d Krieg zerstörten Lage gerecht zu werden; aber wir hatten Hoffnung und Mut. Ich stand immer sehr eng verbunden mit dem deutschem Militär und durch meine Mühe und meinen Fleiß lebten wir uns in unserem Hause sehr gut und als sie dan im Herbst abzogen, wollten sie mich samt Familie nach Deutschland mitnehmen ( was wir vielleicht hätten tun sollen, dan wären wir vor der so blutigen Revolution verschont geblieben, unter welcher wir noch bis unserer Auswanderung 1926, also 8 Jahre, zu leiden hatten)

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Im Herbst nun, also nach Abzug der Deutschen, entstand eine volle Anarchie; es schien so, als sei der Satan losgelassen; der Hass gegen uns Deutschen (besonders Mennoniten) kannte keine Grenzen: Raub, Mord, Feuersbrunst, Gefängnis und Tausend andere Grausamkeiten, von denen man früher keine Ahnung gehabt hatte, waren an der Tagesordnung und niemand war sich sicher, ob er Nachts nicht abgeholt würde werden, hinter der Haufen geführt, und erschossen, worauf man dan in demselben Hause die Familie terrorisierte; Kinder ermordete, die Mutter vornahm, das sie oft leblos unter dieser Quall, die gewöhnlich 5-7 Mann ausübten, am Boden lag. Entstand dan mal eine Pause, durch das Vorgehen verschiedener "Weißer Generäle", wie Denikin - Wrangel, Coltschak und anderen, durch welche die Banditen verdrängt wurden uns sie scheinbar von der Bildfläche verschwanden, versuchten wir wieder aufzubauen, was jene zerstört und vernichten hatten.

Der berühmte Räuberhauptmann "Machno" und alle mit seinen Banden verbreitete sich immer wieder und ging immer grausamer vor: Landgüter und Dörfer wurden überfallen, meistens über Nacht und ausgeraubt, verbunden mit Mord und Totschlag, vollführten ihre Gräueltaten aber mehr im Osten unserer Kolonien, der sogenannten Molotschna mit ihren 60 Dörfern. Da aber oben in Zentrum Russlands, in Moskau, durch Lenin, Trotzkij und Stalin schon regelrechte Armehen organisiert wurden, um die "Weißen" d.h. die Generäle mit ihrer Macht zu vernichten, um die Selbstherrschaft Russlands zu besitzen, rückte die sogenannte "Rote Armee" immer näher dem Süden zu, wodurch die Machnowzen ebenfalls nach dem Süden, also unserer Gegend, verschoben wurden.

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Und so blieben auch wir nicht verschont von den brutalen, blutigen Überfällen der Banditen und gründeten dan einen Selbstschutz von jungen Männern im durchschnittsalter von 35 Jahren und da musste auch ich ausrücken; etliche zurückgeblieben deutschen Unteroffiziere organisierten diese "Mennonitische Armee" auch ich trat in diese Reihen "hoch zu Ross"; gut bewaffnet und mit allem "Kavalerienötidem" versehen rückten wir an eine Weihnachten wohl 200 Reiter an der Zahl aus, um die Kolonistendörfer (Schwaben) zu beschützen, welche Tags vorher von den Machnowzen aus den umliegenden Russendörfer, überfallen worden waren. Über die hohe Brücke von Halbstadt nach Prischib, woselbst die Kolonisten Dörfer anfingen, ritten wir alle zu zwei und somit gab's eine lange Reihe, was die "Kolnische“ Bewohner aus ihrer Häusern lockte; als sie dan aus Begeisterung laut riefen: die Manischtli kommen, die Manischtli kommen, erschallte das Kommando: "Augen links! Und die nicht so schlecht aussehende Mädchen klatschten mit ihren Händen; sie waren ja nun in der Hoffnung, wir würden jegliche Gefahr abhalten; was dem Selbstschutz, welcher allen Selten heranrückte, soweit gelang, dass die Machnowzen etwas zurückgeschoben wurden, was selbstverständlich bei militärischen Vorgehen nicht ohne Schießerei abging.

Wir Selbstschützer wurden ja zeitweise so etwas unterstützt von der "Weißer Armee", aber dieselbe war ja nur ein Bruchstück und somit konten wir alle zusammen uns nicht lange behaupten gegen die große Macht, der wir gegenüberstanden, den es waren Tausende von diesen Räuber

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Selbstschutz 1918 oder 1919. Mitglieder aus Blumenort, Tiege, und Ohrloff, Molotschna Kolonie.
Quelle: chort.square7.ch/BBo.htm

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Banden und hinter ihnen, aus dem Osten drang die unzählige sogenannte regelrechte "Rote Armee" vor und wir waren nur eine Hand voll unerfahrene, unschuldige "Abenteurer", möchte ich Sie mal nennen. Wie lange ich eigentlich in diesem hoffnungslosen Vorgehen teilnahm, ist mir heute (1967) schon entfallen; wir beide und auch unsere lieben Kindern aber waren wirklich dankbar, als ich mal wieder regelrecht "Zuhause" sein konte, woselbst aus dem "Nichts" doch viel geschaffen werden musste; und hätten wir die Ruhe und den Frieden beibehalten können, den die "Deutschen" uns in's Land brachten, wären wir bald wieder in's Fahrwasser gekommen, den es waren uns ja noch die verschiedensten Reste (Überbleibsel) in Haus und Hof geblieben: etwas Getreide auf dem Boden, paar Stücke Vieh, etliche Fuhrwerke, etwas Ackergerätschaft, bisschen Produkte zum Leben u.s.w., u.s.w. Auch fand ich auf dem Geschäftshof mit seinem Speicher noch manches wertvolle Stück Ware, welches ich, wen auch nur für ein, sogenanntes, Butterbrot absetzen konte. Doch die blutige Revolution sollte jetzt erst ihren planmäßigen Anfang nehmen, oder richtiger vielleicht, Fortsetzung machen.

Da auch im Inneren Russlands ein großer und blutiger und mörderischer Kampf geführt wurde, um die Regierungsmacht zu behalten, wurde in ganz Russland ein Bürgerkrieg geführt, der seines gleichen wohl mit seinen Schrecken nie  gesehen und erfahren hatte in der Welt. Die ausländischen Mächte, wie Deutschl., Engl. Und s.w. versagten total mit ihren Kräften und verschwanden ganz aus Russland und man sah auch ihre Spur nicht mehr und so war der Pöbel sich selbst überlassen.

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(Man spricht auch von einem Truck).

Während nun die roten blutigen Kriegswellen uferlos im großen russischen Reich hin und her rollten, verloren die "Weißen" immer mehr an Kraft d.h. Militär, Territorium d.h. an Land, auch in Sibirien. Unser Zar, der Kaiser Nicolai II (Romanow) hatte ja nicht nur seine Macht, seinen Tron verloren, auch das Ganze "Russische Reich" und war schon in Sibirien; als man merkte, dass der weiße General "Koltschak" mit einer grossen Armee aus Vladowostok kommend, sich Ekaterinburg, woselbst der Kaiser mit der ganzen Familie gefangen gehalten wurde, näherte, wurde die Kaiserliche Familie ermordet; die Wache, 5 oder 6 Mann, gab vor , man wollte sie in Sicherheit bringen; sie sollten mit ihren Reisesachen nach unten in die Keller kommen. Kaum hatten sie sich daselbst aufgestellt, krachten die Schüsse aus den Revolvern und Pistolen dieser wachhabenden Männer und die "unschuldigen" Opfer stürzten zu Boden, einer auf den anderen; vor dem Hause, vorne hätte man einen Schlitten bereitstehen, woselbst die Toten aufgeladen  wurden. (Der eine Soldat merkt, dass die eine von den Töchtern, 4 an der Zahl, nicht ganz tot ist, läuft in dem Wirr war schnell hinaus, holt einen kleinen Handschlitten und da das Aufladen der Leichen im finsterem schnell besorgt wurde (man vermutete ja von allen Richtungen her Gefahr, Verdacht, Spionage u.s.w.) gelang es diesem Wachhabenden die noch etwas "Lebende" auf seinem kleinen Schlitten zu legen und zu seiner Mutter, die in der Nähe wohnte, zu bringen; in nächsten Augenblick, war er ja auch wieder zurück und nun ging's ein Galopp mit der seltenen Last los;

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weit im Lande, woselbst eine alte Kohlenschacht sich befand, warf man sie alle hinein, sie wurden alle gezählt und keine Leiche fehlte; die Nachricht über diesen Hergang des Mordes lauteten so verschieden, grausam und teilweise märchenhaft; z.B. was das Anastasia betrifft, von der man nicht genau weiß, ob sie noch lebt; der erwähnte Soldat soll mit ihr auf einer "Tjeleschka" später durch ganz Russland gefahren sein und sie nach Rumänien gebracht haben; später ist sie dan in Deutschland aufgetaucht; muss mit diesem Soldaten noch einen Sohn gehabt haben? Hat Jahre versucht sich mit den "Ihrigen" (Verwandten aus Deutschland, mutterseits, und aus Engl.) zu verbinden, um ihres Vaters, des "Russischen Kaisers", Millionen Capital zu retten und zu bekommen aus einer Londoner Bank ; aber von all diesem Jahrzehnten Bemühungen ist nichts in Erfüllung gegangen und in letzter Zeit (1967) schweigt die Welt diesbezüglich.

Der "Batjko Machno" (ein regelrechter Menschenmörder) wie ihn die Seinigen nannten, verbreitete sich im Süden, außer der Krim, immer mehr; und da man fast ungehindert rauben, stehlen und morden konte, weil die Rote Armee aus dem Norden noch nicht eingetroffen war, wurde das Heer dieser Horden immer größer und verbreitete sich bis Jekaterinoslav am Dnjepr-Fluss, Alexandrowsk, der alten Kolonie u.s.w Die Bevölkerung, meistens wohl die deutschen und mennonitische Kolonien, Dörfer und Güter wurden tyrannisiert, die Frauen sehr belästigt, Männer aus etlichen Dörfer alle ermordet (richtiger hingeschlachtet). Die Mannschaft war mit so einer Wut behaftet, wie tolle-

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Hunde, uns es gab kein Erbarmen. Die Gefängnisse wurden geöffnet, von Sibirien strömten die Tausende, noch aus der Zaren Zeit Verurteilte, mit unermesslichen großen Hass und Rache in ihre Heimat zurück, von der Westfront und aus den Gefangenenlagern kamen Scharen von tausenden und millionen verwundeter Krieger verlumpt, hungrig, mit einem Auge, einem Bein und dergl. Krüppel zurück, die meisten noch bewaffnet. Diesem Wirrwarr, Chaos waren wir ausgesetzt; und wäre nicht noch einer über uns gewesen, uns wäre es schrecklicher ergangen, wie den Leuten während der Sündflut. Man versuchte noch mit Deutschlands Hilfe die alte Ukraine mit einer festen Regierung aufzurichten; aber vergebens; es fand sich zwar noch ein "Ataman", wie die Ukrainer seine Führer pflegten zu nennen; aber die Ordnung, wen auch mit Deutschlands Hilfe, hielt nicht lange an und Seoropadskie(?), so hieß der Führer, verschwandt wohl in's Ausland; später, zu Stalins Zeiten wurden in Kiev, welches stets als Haupt Sitz (Hauptstadt) der "Kleinrussen, Ukrainer“ schon seit Jahrhunderten angesehen wurde, wohl niemals aber ein eigenes Reich (Selbständiges) gewesen war, tausende hingerichtet (10 Taus.) die von Moskau aus als Verräter angesehen wurden. Kurz um, immer schönes, heiliges Russland wurde zugrunde gerichtet. Es war so, wie ein Gedicht von Fr. S.. Wilchelmshausen(?), von "Machno" schildert:

                                      Ein Waffenklirren noch, dann fällt in's Schlos

                                      Im Bauernhaus die schwere Tür mit krachen;

                                      Jetzt wiehern Rosse und mit rohem Lachen

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  Stürmt in die Nacht de trunkne Räubertross.

  Nun grauenvolle Stille, leise quillt

  Ein Blutstrom über dunkle Männerlocken.

  Daneben kniet, entgeistert, tot erschrocken

  Und leichenblass ein Frauenbild.

  Da plötzlich brennt die Scheune lichterloh,

  Die Flammen züngeln schon durch Dach und Sperren,

  Und Handharmonika und fernes Fahren

  Verwohn im Wind - das war "Machno".

Da man das schrecklichste der Schrecken, welches damals vorging in ganz Russland und besonders im Süden, mit Worten nicht zu beschreiben vermag, will ich nur noch einschalten, wie ich das Allgemeine zu unserer Diamantenhochzeit am 1-Jan. 1966 in Gesichtsform schilderte, anlehnend an den III-ten Vers unseres "Grüne-Hochzeits" Liedes, welches man uns als Geleit damals gab:

                                       Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz,

                                       Kümmert uns ein fremdes Leiden,

                                       O, so gib Geduld zu beiden:

                                       Richte unsern Sin auf das Ende  hin!

Meine Schilderung:

                                       Es kam eine Zeit, man sollte wohl schweigen.

                                       Doch wir wollen der Nachwelt die Schrecken zeigen.

                                       Der Kanonendonner war kaum verhalt,

                                       Als auch schon die Roten ihre Faust geballt.

                                       Raue Herden durchtobten mit Raub und Mord

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  Mit Feuer und Schwert manch trauten Ort.

  Ein Schreckens Bild sich bald dan derart entrollte,

  Das fast jedermann scheinbar nur sterben wollte.

  Man vermag mit paar Worte nicht alles zu erwähnen,

  Wenn Menschen sich gestalten zu Hyänen.

  Ein Zittern und Jammern und bitterlich Weinen,

  Ging durch die Reihen der Großen und Kleinen.

  Russland stand buchstäblich damals in Flammen;

  Und so brach unsere Liebe Heimat gänzlich zusammen,

  "Zur Ehre des Herrn, nun" doch blieb unser Haus

  Verschont in dem in dem blutigen Sturmgebraus.

  Als man uns aber erst alles hatte fortgenommen,

  Versuchten wir aus Russland "Rauszukommen".

Wie schreiben 1921.  - Die dunkle Wolken am Horizont der Revolution wollten sich noch immer nicht verziehen; doch einmal brachen die Sonnenstrahlen doch durch das schwere Gewölk und wir durften am 22 Jan.1921 einen Buben in Empfang nehmen, der sich lohnte anzuhalten, wie man sich dan so ausdrückt. Ps.99 V. 1 und 4 sagte uns: "Der Herr ist König. Im Reich dieses Königs hat man das Recht lieb. Wir nannten ihm Viktor. Den ersten Namen dieser Art fand man unter den Italienischen Fürsten; Viktor Emanuel der III war italienischer König um die Jahrhundertwände 1900. Die Freude dieses Ereignisses bedeckte teilweise den dunklen Untergrund der allgemeinen politischen Lage; der Junge wuchs heran zu einem prächtigen Knaben (gegenwärtig 6...3)

Er ist gegenwärtig (1969) Chiropraktiker.

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113. Seite

Jan. 1969 Nach einer einjährigen Unterbrechung, eine Pause verbunden mit großer Trauer: genau ein Jahr zurück starb ja unsere liebe Mutti (meine Liebe Frau Tiene) und nun will ich versuchen kurz einen Schluss zu machen mit meiner Lebensgeschichte; den nach so einem Ereignis, wie oben erwähnt und meinen 85 Jahren, die ich zurückgelegt habe, schreibt sich's schon nicht mehr mit so einer Begeisterung. Mir ist's aber sehr schade, dass Tiene von all diesem nichts erfahren hat. Ich hielt diese Arbeit immer geheim und wollte eines Tages ein fertiges Werk meiner teuren Gattin in den Schoß legen.

Wir schreiben also 1921, wie auf der voriger Seite schon erwähnt; und die Jahre wurden immer schwerer, weil durch die blutige Revolution alles rücksichtslos vernichtet war. Eine Kuh oder ein Arbeitspferd waren fast nicht zu finden; und womit sollte man's bezahlen. Die Flüchtlinge, Gutsbesitzer und auch andere, wussten noch immer nicht wohin. Das Große und Ganze im Reich Russland hatte sich ja müde getobt und überall hungerte man. Dadurch fanden sich wieder verschiedene Banden unten dem Namen "Machnowzi" und niemand war sich sicher, ob er nicht des nachts herausgeholt wurde und erschossen, wenn nicht Geld, Kleider oder sonst etwas noch zu haben war, was man verlangte.

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Jacob und Tiena Dyck, 60. Hochzeitstag
Goldene Hochzeit von Jacob und Tiena Dyck
Jacob und Tiena Dyck, 50. Hochzeitstag
Rückseite
Jacob und Tiena Dyck, 1963
Jacob und Tiena Dyck, 1967
Haus von Jacob Dyck in Canada
Rückseite
Jacob und Tiena Dyck
Jacob und Tiena Dyck, 1961
Jacob Dyck mit der Karre
Kinder von Jacob und Tiena Dyck, 1958

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Hatten wir vorher schon in jeder Hinsicht schwer gelitten, so war dieses Jahr besonders schwer für uns; und wäre die amerikanische (M.C.C) und auch holländische Hilfe nicht gekommen, hätten viele sterben müssen. Unsere ältesten Kinder  waren auch schon geschwollen, trotzdem die junge Mutter (meine liebe, jetzt 1969 verstorbene Tiene)  alle Kunst anwandte um etwas Essbares auf den Tisch zu bringen; das verschiedenste Kraut von der Wiese, Kr...(?), ausgepresste Sonnenblumenschlauben und drgl. Dinge wurden gesammelt, irgend wie gemischt und gekocht. Sogar die Brenung versagte. Dan waren die Kleider fortgenommen; und das war auch ein großer Problem für die Hausmutter. Da ich nun aber auf irgend eine Art zu etlichen Kühen gekommen war, der Vertreter von Holland Mr.Jonngens, welcher damals in Tiege wohnte, ohne Milch war, aber ein großes Warenlager von Kleidern zur Verfügung hatte, machten wir einen Tauschhandel; ich lieferte ihm eine junge holländische (schwarz u.weiss) Kuh und er gab mir dafür eine große Dose voll Kleider, welche unserer Familie damals sehr zu Pass kam; es wurde dieser Handel aber durch den "Verband" von Ab.P.Fast (meinem Jugendfreund) abgeschlossen; weil Du auf der Predigerliste bist, sagte er; ich war ja damals auch als Prediger von der Ohrloffer Kirchengemeinde  gewählt. Und so lösten sich die Probleme, eine nach dem anderen; und wäre nicht im selben Herbst der schreckliche Überfall über unser Dorf gekommen, wir hätten uns bald wieder nach mennonitischer

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115. Seite

Art und Weise nach allen Seiten hin entwickelt. Die Feldarbeit (wir besaßen ja noch immer etliche Desjatinen ) war fast nicht mehr zu betreiben, weil es an allem fehlte: keine Saat, nur noch ein mageres Pferdchen im Stall, keine Arbeiter vorhanden; der Geschäftshof war verwüstet; die großen Gebäude aber standen noch aufrecht; natürlich vernachlässigt und leer; was man noch vorfand von Holz, Eisen oder sonstigen Waren wurden irgendwie losgeschlagen, auf etliche Pfund Milch vertauscht und drgl, Handel getrieben, um die Familie am Leben zu erhalten.

Mir vertrauten die Gutbesitzerflüchtlinge ihre versteckten Silberkränze,  goldene Ringe, silberne Tabakdosen zum  Verkauf an, welche ich dan in Spreusäcke  stopfte, auf ein kleines 2-räderges Wägelchen (früher auf dem Holzhof gebraucht) lud und mit einem sehr kleinen mageren Pferdchen dan nach Melotopol brachte (ich ging neben bei zu Fuß, musste auch noch unterwegs irgendwo im Russendorf am Strohhaufen übernachten). Einmal hatte ich sogar eine Perle mit, die Juden aber unterschätzten den Wert desselben und ich brachte sie wieder zurück. Dadurch nun, das ich so einen Tauschhandel betrieb, hatte ich das sogenannte Mittessen mit meiner Familie und brauchte unser Möbel, welches ich von 3 Erbschaften viel besaß, nicht losschlagen oder für Produkte vertauschen, was uns um 4 Jahre, also ano 1926, sehr zupass kam, als wir zur Auswanderung fertig waren und so einen großen Ausruf machen konten, dass wir auf eigene Kosten auswanderten

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Da wir nun sah'n, dass kein Vorwärts kam und war verbreitete sich das Auswanderungsfieber immer mehr mit B.B.Janzen an der Spitze; und so versuchte auch ich die Papiere zu bekommen. Aber es war nicht so einfach; es nahm 4 volle Jahre bis wir endlich einmal über die Grenze kamen; wir mussten alle noch eine schwere Leidensschule durchmachen; nach zwei Richtungen hin arbeiten.

Das Jahr 1919 war besonders schwer; man konte mit Recht sagen: ein blutiges. Da der Kampf mit den Roten, mit der Banden, den Räuberbanden von den "Weißen" (im Süden unter General Wrangel und den verschiedensten Kosakenregimentern oder Armeen) noch lange nicht beendigt war, wurden die Überfälle, nachdem die Deutschen Russland wieder verlassen hatten, immer häufiger. So wurde auch unser Dorf eines Tages fast total vernichtet; circa 20 Mann wurden ermordet und das Dorf in Flammen versetzt. Da die Roten sich in 2 Gruppen zu je 7 bis 10 Mann in Ohrloff und Blumenort (unserem Dorf)  festgesetzt hatten und von hier aus ihr räuberisches Wesen betrieben, die ganze Bevölkerung unter Druck hielten, trafen eines Abends am Sonntag 5 berittene Kosaken beim Schulzen ein und wollten diese beiden Nester (Machno), wie sie vorgaben, ausn...(?) und einfach niederschiessen, vernichten. Nichts ahnend, fuhr eine Gruppe dieser Männer, der Roten noch spät auf Beute; eine Droschke voll, von Ohrloff nach Blumenort;

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Als die Kosaken in Blumenort spät abends hörten dass ein Fuhrwerk sich näherte von Ohrloff aus, verteilten sie sich im Dorf und versteckten sich hinten den Ziegelzäunen und wurden von diesen Kosaken (so nannten sie sich) beschossen und teilweise getötet. Des Nachts klopfte jemand an unser Fenster und wollte von mir die "Geschäftsdroschke" haben und verlangten, ich solle die Leichen 3 oder 4 in unseren Eisenspeicher bringen. Ich sagte aber ab und blieb liegen. Des morgens früh klopften schon die Roten (bis auf die Zähne bewaffnet) an's Fenster und suchten nach den Toten, die des Nachts geschossen waren; die 1-8 Mann Kosaken hatten sich schon aus dem Rauch gemacht und waren verschwunden. Ich verteidigte mich 1/2 im Schlaf noch so unschuldig ich konnte und sie verließen meinen Hof. Doch aber wurde das ganze Dorf durchsucht und gegen wen ein Fenster von den Ihrigen gefunden wurde, die Person wurde genommen: Lehrer P.Schmidt das erste, dan der Schulze Regier mit seinen 2 jungen Knaben und drgl. Männer aus dem Dorf. So bei 10 Mann kamen in einen großen Keller bei Klassens (Store) auf dem Hof, unser Nachbarhof. Dan nahmen Sie den großen eisernen Kellerschlüssel mit und weg waren sie. Um 2-3 Stunden fand sich eine große Scharr Reiter, so bei 200 ein, die in der Dörfern, woselbst sie waren durchgeritten, manchen guten Bürger niedergeschossen hatten. Ich schrieb in Eile noch schnell den 46 Ps. ab mit der Überschrift: "Ein feste Burg ist unser Gott", lief zu dem Speicher und reichte ihnen durch's eiserne Gitter den Zettel, welchen Pred. Schmidt.

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mir abnahm, während die andere Männer ihn umringten; Onkel Wall kam ganz nahe an's Fenster und fragte: "Was schreibt er? Pred.Schmidt drehte sich dan um und sie verschwanden in's Innere des Kellers. Da ich den Kriegslärm von weitem schon hörte, musste ich zurückeilen, um nicht totgeschossen zu werden. Die Kinder hatten Mutter umring und alles zitterte vor Angst.

In einem Augenblick nun, war das ganze Dorf besetzt mit Reitern, Droschken mit Maschinengewehren und mit einem Mordgeschrei stürmten die Horden in die Häuser und überfielen die Frauen, deren Männer in den Keller gefangen gehalten wurden. Dan ging's auf den Geschäftshof um die Gefangenen zu liquidieren. Da die erste Gruppe den großen Kellerschlüssel mitgenommen hatte, so versuchten diese die Türe aufzubrechen, konten aber nicht machen; und von innen konte niemand öffnen. Als ich später dan zum Keller ging (es war gegen Abend wieder alles still geworden) fand ich vorne bei der aufgerissenen sehr schweren Kellertür die beiden Prediger P.Schmidt und Jakob Sudermann tot auf der obersten Treppe liegen; sie hatten wahrscheinlich versucht die Räuber zu begegnen. Nun, da die II-te Bande, wie schon gesagt, nicht sich in den Keller einbrechen konten, wurden die circa 10 Gefangene durch die Kellerfenstern mit Handgranaten getötet; richtiger gesagt in Stücke verrissen, weil sie sich alle in eine Ecke zusammen gedrängt hatten.

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Ich flüchtete mit meiner Familie dan in die Scheune und dort versteckten wir uns im Stroh auf dem Schuppen und sangen oder summten das Lied: Harre(?) meine Seele (6 Kinder und wir beide). Gegen Abend dan stillte der Sturm ab und die Bande zog sich zurück. Am anderen Morgen gingen unsere tapfere Tanten und junge Frauen überher und versuchten die Toten zu Beerdigung fertig zu machen; man fand ja noch auf mehreren Höfen gemordete Leichen; etliche weitere Männer gruben dan ein Massengrab; als man in einem Tage nicht mit allem fertig wurde und wir dan am dritten Tage überfallen wurden (am Mittwoch) wurden nochmal 10 Männer gemordet auf die schändlichste Weise und etliche von den ersten Grabgräbern kamen in desselben Grab.

Der zweite Überfall war furchtbar schrecklich; fast der ganze Dorf stand in Flammen; ich vermag nicht jeden einzelnen Fall zu schildern; will nur von mir und meiner Familie berichten: als unser Dorf Blumenort in Flammen aufging und wir ganz unruhig waren von den räuberischen Horden (Machnowzen) die hin und her jagten, fluchten, mit gehobenen Gewehren niederschossen, was ihnen im Wege war, mit den Säbeln herumhackten, Frauen terrorisierten, war's meine Frau, die mir das Leben rettete. Mein Nachbar, der Ihnen all sein Geld gegeben hatte, wurde unbarmherzig vor unseren Augen nieder geschossen; dan war ich an der Reihe, ermordet zu werden. Ich wollte mich Ihnen schon stellen, da hielt meine Familie mich zurück; meine Frau, Schwester und Tochter gingen hinaus, scheinbar furchtlos, ihnen entgegen; mit gehobenen Gewehren tobten sie

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und schrien: „er soll herauskommen“, sie aber stellten sich heldenhaft vor die wilden Pferde und dan sagten sie: "Lasset ihn doch leben, ich gebe Euch Gold, und sie reichte ihnen eine schwere Dose mit Goldsachen, welche selbstverständlich sehr eilig in ihren Taschen verschwanden. Als die herankommenden Reiter, welche hinten alles angezündet hatten, das merkten, kamen sie herangesprengt und schrien: "Was habt Ihr ihnen gegeben?" "Viel Geld". Jene, die ersten, machten sich davon und diese Ihnen hinteran, dan lief ich aus dem Hause; meine Frau warf mir noch ein großes Tuch von hinten über die Schultern und so sah es aus, als laufe ein altes Weib mit einem Kindlein davon; in Wirklichkeit hatte ich unsere 3 J. Agnes in Arm.

Es wurde schon finster und regnete sanft. Fast das ganze Dorf fand sich hinterm Walde zusammen. Dan ging's langsam zur obersten Mühle (Holland) woselbst die Familie Nass (Besitzer) uns alle über Nacht  hielt und mit Kaffee und Gebäck sättigte. Morgens früh machten wir Männer uns auf und gingen in's Dorf runter (die Mühle lag eine 1/2 Werst ab). Fast das ganze Dorf war eine Ruine. All das Vieh und Pferde in den Ställen war mitverbrannt. Mein Brdr. Franz und ich (er war damals mit seiner Braut dort) spannten 2 Pferde vor einem Leiterwagen bepackten ihn mit Sachen, wie : Decken, Kissen und versch. nützlichen Sachen, nahm Frau und Kinder mit und so fuhren wir mit unseren Geschwistern dem Süden zu, wir wollten eigentl. nach Berdjansk und dan pr. Schiff nach dem Kaukasus. Die Bande war ja abends wieder abgezogen und wir überliessen den Rest all der Sachen im Haus, Stall und Scheune der Willkür. Wir mussten unterwegs unseren Plan aber ändern und blieben in den

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hintersten 2 Dörfer der Kolonie bei Steinbach, ein sehr berühmter Gut, Alexandertal. Dort verteilten wir uns bei guten Freunden. Wir, meine Familie, blieb bei Gebr.Derksens, ein alter guter Freund (aus Blumenort; nach 2-3 wöchentlichem Aufenthalt fuhren wir dan wieder zurück; dort hatte man die Leichen, wohl bei 20 in ein Maßen Grab beerdigt. Die "Machnowzen" (die Räuberbande) hatte sich vorläufig ganz zurückgezogen und das Proletariat(?) und die Russen von Troijzkoje (Троицкое) nahmen die Gelegenheit wahr und raubten die leerstehende Häuser aus. Unsere Türen in die Scheune, Stall und Haus standen alle offen und von lebenden Inventar wanderten 2 Kühe frei herum und ließen überall ihre Spuhren von dem verschiedenen vielen Fressen, zurück, so dass wir viel Dreck und Schmutz und ein Durcheinander vorfanden sondergleichen, nicht zu beschreiben. Als ich in's Haus trat, merkte ich auf dem Fußboden in der Mittelstube (3 lange Zimmer lagen längs de Straße) ein flaches Paket ganz voll Kot getreten und halb mit Erde beschüttet, ging drauf zu, hob es auf und fand ein Haufen Papiergeld drin. Ich hatte es seinerzeit hinten einem grünen Teppich an der Wand gesteckt; nun hatte unser Verwandte am nächsten Tag (Dav.Enns (einarm) Schwiegersohn des Ältesten Bernd Epp aus Lichtenau) mit den Russen zusammen nach herzenslust geraubt, seine Droschke ganz aufgefüllt und diese grüne Decke (Teppich) runtergerissen; später bekamen wir von ihm alles zurück. So fingen wir wieder von

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Neuem an zu wirtschaften; hatten wir doch wiedermal Kleingeld in der Tasche. All unsere Nachbarn von hinten (Häusler nannten wir sie) verschieden Nationen durch den großen Wirwarr und Flucht entstanden, gingen auf meinen Vorschlag und meiner Forderung darauf ein; die Hälfte von allem geraubten zurückzugeben; und so wurde unser Haus bald wieder aufgefüllt mit Mehl, Kleider, Pferdegeschirr, Kartoffeln, Sirup, mein teurer Fuchspelz fand sich unterm Strohhaufen und drgl, mehr Sachen und Gesch..(?). Doch das Feuer der Revolution brannte wieder; doch die rote Regierung versuchte dem Bandenwesen und den Raubüberfällen und dem Morden  ein Halt zu gebieten und in ganz Russland entstand Ordnung und Ruhe, selbstverständlich nach Rotem System. Bis dahin wurde ja der Diebstahl in kleinem betrieben; doch jetzt hatte die Regierung alles in ihrer Hand und es gab kein Privateigentum. Mein Geschäft war 100% in ihren Händen, ich durfte mich kaum zeigen auf dem Geschäftshof.

In diesen unruhigen Jahren 1921-22-23 führten wir einen doppelten Kampf: wir mussten um die Existenz der Familie sorgen, damit wir nicht hungers sterben und aber auch versuchten wir auszuwandern, den hier unter dieser gottlosen Regierung, woselbst man die Religion total ausmerzen wollte, wollten wir mit unseren Kindern in dem heidnischen Chaos nicht untergehen.

Der Holländisch-Mennonitische Verband in Tiege-Ohrloff, mit Brdr.B.B.Janz an der Spitze, versuchte alles Möglichste die Emigration nach Canada aufrecht zu erhalten.

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Charkow wurde schließlich zum Hauptsitz unserer Vordermänner und in Moskau wurde dan eine Emigrationsoffice eröffnet mit den Vertretern des Auslands. Im Jahre 1923, den 16-ten Aug. kam unser Edgar zur Welt; ein gesunder Bube, Psalm 61 V. 2 u. 3: "Gott lasse uns sein Antlitz leuchten, dass wir auf Erden erkennen seinen Weg." Er sollte eigentlich Heinrich heißen, nach meinem jüngsten Bruder, doch durch die Besatzung des Deutschen Militärs in den Jahren, entschlossen wir uns ihn Edgar zu nennen. Edward nannte man den I-ten Engl. Herrscher um's Jahr 1000.

Da Russland so zu sagen am Boden lag, ermüdet von dem vielen Blutvergiessen, Millionen Menschen waren ja von beiden Seiten gefallen, die Weisse Armee mit ihren Generälen Wrangel, Denjikin, Koltschak und drgl. vermochten die "Roten" nicht zu bezwingen; und da Lenin, Trotzkij und später Stalin die Millionen Schar auf ihrer Seite hatten, die Intelligenz auf brutalste und schrecklichste (viele auf Uralgebirge wurden lebendig in die tiefen Schachten geworfen, woselbst von unten noch ihre klägliche Stimme zu hören war) vernichtet, ermordet, versuchte man von oben, d.h. Petrograd (Петроград) und Moskau eine etwas andere Politik einzuführen. Was das Schwert nicht vermochte, gelang der Hungersnot. Die Züge vermochten die Reisenden, die zu Tausenden auf den Stationen sich angesammelt hatten, nicht weiter zu transportieren und so waren die Bahnhöfe bald ein Kirchhof. Bei einer Gelegenheit für unseren Verband arbeitend, war ich in Alexandrowsk und konte fast nicht den Zug erreichen infolge all

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der Toten und Kraftlosen die zu tausenden den Bahnhofsaal füllten und die Plattform draußen bis zu den Schienen bedeckten. Jammern und Elend sondergleichen. Russland hatte nicht Brot. Auch wir hungerten und die Kinder waren geschwollen, keine 2-3 Wochen und auch wir wären ein Opfer der Hungersnot geworden. Da setzte die Amerikanische und Holländische Hilfe ein und wir waren gerettet. Mr. Philipp Cornies und ich wurden in Charkow von B.B. Janz heraufgesetzt den I-ten Wagen mit amerikanischen Produkten nach Alexandrowsk zu geleiten von wo aus die Verteilung auf die mennonitischen Dörfer veranstaltet wurde.

Unterdessen, da sich die Politische Lage etwas beruhigt hatte, versuchte ich die Auswanderungspapiere für uns auszuwirken, was mit großer Lebensgefahr verbunden war. B.B.Janz war abwechselnd in Moskau und Charkow. Wir waren eine Gruppe  von circa 20 Personen die auf eigene Kosten reisen wollten; B.B. Janz wieder, verschaffte denen die Papiere bei der L.P.R. die auf Credit reisten und ganze Züge füllten. Da eines Tages telegraphierte Janz, dass die Kassenpassagiere (so wurden wir genannt) noch nicht fahren durften; ich hatte aber schon etwas Geld mir gemacht und verschiedenes verkauft; da ein gewisser Mr. Gerh.(Grisch) Dick Tiege mit der nächsten Gruppe laut seinen Papieren um eine Woche fahren durfte, kaufte ich ihm seine vollbesetzte Wirtschaft ab, alles blieb so wie ergewirtschaftet hatte: von der Gabel auf dem Esstisch bis zum Schaf im Stall blieb alles zurück und so zogen wir in's Fertige; woselbst wir dan noch 2 Jahre wohnten und schön lebten. Unsere Sachen aus Blumenort wurden noch übergefahren: und so

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lebten wir die letzten 2 Jahre in einer vollbesetzter Wirtschaft, und da ich in Blumenort noch 30 Desjatinen besät hatte, durfte ich auch die Ernte einh..sen das I-te Jahr, (2) zwei volle Jahre lebten wir dan noch in Tiege und haben in der Zeit keine Not gelitten. Ich aber versuchte fast Tag und Nacht die nötigen Auswanderungspapiere auszuwirken; was mir dan auch gelang, oft unter Lebensgefahr. Die Roten hatten die geladenen Revolver oft auf den Tischen liegen. Da viele von unseren Vordermänner versuchten rauszukommen, wurden mir von ihnen die verschiedensten Ämter übergeben: z.B. unser Ältester Brdr. Wiens (Ohrloffer Gemeinde) brachte all die Kirchenbücher zu mir; den die Zentralschule in Ohrloff blieb zuletzt auch ohne Verwaltung und drgl. solcher Begebenheiten die geregelt werden  mussten; Bargeld war nicht aufzutreiben und so wurden die Lehrer mit Produkten abgefertigt. Als wir mit unseren Papieren den fertig waren vertauschte ich z.B. 30 Desjatinen besätes Land für zwei goldene Uhren (ungefähr 150. Rubel)#100:). Den Hof konte ich noch verkaufe und da wir so sehr viel Sachen hatten: Möbel u.s.w, hatten wir einen großen Ausruf, so, dass ich in Moskau die ganze Reise, ungefähr 2 und 1/2 tausend Rubel, bezahlen konte.

         AUSWANDERUNG

1926, am Sonnabend den 29 Mai von Hause aus Tiege (Süd Russland) losgefahren. Wir hatten uns ein Fuhrwerk mit einem mennonitischen jungen Mann als Kutscher angenommen; da wir als Auswanderer viel Sachen durften mitnehmen, war unser Wagen hochgeladen. Der Mann brachte uns bis zur Station Fjödorovka, welche an der Sewastopoler Bahnlinie lag; in einem Nebengebäude

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wurde die ganze Gruppe untergebracht: 2 Paar unserer Geschwister mit ihren Kindern und noch etliche Fremde die auch als Kassenpassagiere reisten.

Will hier noch Gott, unserem himl. Vater die Ehre geben, dass wir in der Nacht so wunderbar bewahrt blieben vor einem Überfall, den wir hatten viel Geld bei uns.

Wollte ich noch die letzten 5 Jahre unter der "Roten Regierung" schildern, würde ich mit meiner Geschichte wohl nie zu Ende kommen. Ich wurde ja auch im Selbstschutz einberufen, ließ die Familie schutzlos zurück und trat in die "Kavalerie" als Reiter ein, umhängen von Gewehren und Patronen. Nachts, von I auf den II Weihnachtstag wurde ich unerwartet durch heftige Faustschläge am Fenster geweckt, ich raste empor, lief dan in den Stall des Pferd bereit zu machen und ahnte schon alles, jetzt hieß es "in den Kampf": die Machno Bande ging mit Rauben, Morden und Brennen vorwärts; Blumenau, ein Kolonistendorf, war schon geräumt; als wir dan von Halbstadt nach Priscib über einer hohen Brücke zu zweit ritten, gab's eine lange Riehe Reiter; die Frauen und Mädchen standen alle auf der Straße und als unser Gefreiter "Wagenknecht" kommandierte: "Augen links", klatschten jene sich in die Hände und schriehen: "die Manischtli, die Manischtli kommen!" Je näher wir dan der Front rückten, kamen uns etliche Fuhrwerke mit Toten entgegen; doch die Bande war geflüchtet. Wochen und Monate ging ja die Front hin und her; doch die "Rote Armee" war im Auszuge aus dem Inneren Russlands und sie wollten den Banden Wesen ein Garaus machen, was ihnen nur teilweise gelang.

Wir lebten dan in Ängsten noch lange weiter und wurden oft überfallen.

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Da der Selbstschutz sich von überall einfand, auch die Infanterie(?) "Fußgänger", hatten wir die Kolonistendörfer voll und ganz besetzt und in unseren Händen. Teilweise wurden wir ja von der "Weißen Armee" mit sehr kleinen Kanonen unterstützt. Doch die unzählbare "Rote Armee", vielleicht Millionen, rückte immer näher aus dem Osten und so löste sich unser Selbstschutz auch bald auf. Wenige der Unsrigen hatten aber doch ihr Leben eingebüßt. Als ich dan mit noch einem Kameraden eines Abends herausgesetzt wurde die Nachricht nach Halbstadt, unserem Hauptquartier zu bringen, sprengten wir im Galopp davon und meldeten daselbst, dass der Selbstschutz mit seinen paar hundert Mann sich nicht mehr halten kann und dass das "Rote Militär" immer näher käme. Noch am selben Abend stoben die Herren alle auseinander und wir beide ritten dan gemütlich nach Hause, woselbst ich noch in der selben Nacht meine Lieben alle begrüßen durfte, die sich doch in meiner Abwesenheit geängstigt hatte, wie's werden sollte, falls Sie überfallen würden.

In 2-3 Tagen rollte die große Front dan auch schon wie eine Welle bei uns vorbei; junges russisches Militär, so breit wie die Straße, Kopf an Kopf, eine Reihe hinter der anderen, alles Fußgänger, aber in militärischer Ordnung und sie ließen uns in Ruh; versuchten aber Pferde umzutauschen und Droschken zu nehmen, für ihre Vorgesetzten, Offiziere.

Wir aber ließen uns nicht beruhigen (verblüffend) von der Roten Regierung. Ich schloss dan auch bald meinen Wirtschaftshandel mit Gebr. Dick Tiege ab und als er erst fort war 1924, zogen wir über nach Tiege. In unserem Geschäftshaus (Magazin) existierte aber noch immer ein "Rajon-Soviet" und ich (wohnte ja im Nachbarhaus) war immer ihre Zielscheibe; jetzt durch den Haushandel war ich ja etwas aus ihrem Bereich; ihrer Nähe und lebte  ziemlich frei. Zwei Jahre noch wohnten wir in Tiege in der schönen Wirtschaft; doch ich versuchte, wie schon angedeutet, die Pässe zu bekommen, was nicht so ohne Gefahr abging, denn die große Front in Westen

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Katharina Dyck

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war aufgehoben, das Militär verließ die Schlachtfelder; die Soldaten nahmen ihre Gewehre mit nach Hause samt Munition und so war bald jedermann versehen mit einem Gewehr, was das Leben der friedlichen Bevölkerung sehr erschwerte. In den oberen Reihen waren sich schon lange nicht einig: einer war für Krieg und der andere dagegen. In Deutschland war es ebenfalls unruhig; doch General Hindenburg und Hitler versuchten Kaiser Wilhelm in Sicherheit zu Bringen und so schoben sie ihn ab nach Holland, woselbst er sein Lebensabend beschloss.

Den 29-ten Mai an einem Sonnabend 1926 fuhren wir von Hause aus Tiege (Süd-Russland) los zu Station Fjödorovka, an der großen Bahn gelegen, welche nach Sewastopol in der Krim führte. Dort übernachteten wir in einem Nebengebäude auf der Station im Geschwisterkreise: Heinrich Dycks und Peter Neufelds (Geschwister) blieben mit uns bis zum nächsten Morgen; um 5 Uhr morgens bestiegen wir dan den Schnellzug (Kurierzug) und fuhren dan los nach Moskau an einem Sonntag Morgen. Heinr. Dycks und Peter Neufelds standen an der Stationswand gelehnt und sahen uns losfahren mit Tränen in den Augen. Montag morgens schon fuhren wir durch Tula und kamen dan Dienstag in Moskau an und Namen Quartier im Gasthaus Charkow. (1 Juni) versuchte nun so schnell wie's ging meine Reisepapiere zu bekommen in der sogenannten Russkopa; ein gemischte Office von russischen, amerikanischen und drgl. Beamten. In Moskau B.B.Janz zu der Zeit, aber geheim hielt er sich dort auf. Nach dem ich dort alles geregelt hatte, versuchten wir noch unseren Kindern den Zoo (Tiergarten) zu zeigen, wozu wir auf den Tramwaj (Straßen Car) fahren mussten, auf dieser Fahrt wurde meine innerste Westen Tasche zerschnitten und mir aus derselben alles fortgestohlen. Zum Glück hatte ich noch etwas Reserve im Versteck und Tiene, meine Liebe Frau hatte auch etliche Dollars zurückgehalten. Nach etlichen Tagen, am 3-ten Juni, versammelten wir Reisende uns alle (bei 40 Personen) in Wie...daner Bahnhof; während wir da so saßen und warteten kamen 3 hohe fein angekleidete Männer um 1/2 12 Abends durch den Woksal (Bahnhof) gegangen mit Mr. B.B. Janz in der Mitte

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und bestiegen den Zug; als man uns Reisenden (Emigranten) dan hinaus lies, kommt mit B.B.Janz aus einem Wagen entgegen und sagt in Hoch deutsch zu mir: "Wir kennen uns nicht!" Ich verstand, was es damit sagen wollte. Der Zug setzte sich dan auch bald in Bewegung und so ging's der Grenze zu, welche wir am nächsten Abend erreichten. Auf der Kontrollstation, auf der russische Seite des sogenannten "Roten Tores" wurden all unsere Sachen untersucht. B.B.Janz und ich standen an einem Counter (lange Tische nebeneinander) und mussten unsere Coffer öffnen; er hatte ein sehr kleines ärmliches Cofferchen mit sehr wenig da drinnen und auf seinen Sachen die russische antireligiöse Zeitung "Besboschnik" (Безбожник) verbreitet; als ein Comissar das merkte, schaute er Janz an; schob das Cöfferchen weiter und sagte: "можно" (kannst fahren). Ich kam mit meinem Haufen Sachen: mehrere große Körbe mit Bettzeug, kleinere Kästen und drgl. Hausgerät auch sehr gut d...., obzwar sich darunter erstklassige Sachen befanden.

Ehe ich endgültig Russland verließ - verlasse und durch's "Rote Tor" fahre, will ich noch etwas aus dem Selbstschutz berichten. Als wir in dieser Weihnachtsnacht aufbrechen mussten geschah es, als ich mein Pferd bei Morgengrauen aus dem Stall führte, er war ja schon gesattelt und ich mich dan in den Sattel schwingen wollte, was ein klirren der Gewehre um sich verursachte, bäumte das Ross sich aus Schrecken so steil, dass er rückwärts fiel und mich fast erdrückte; ich hielt aber die Zügel fest in meiner Hand; und als wir uns beide erstmals beruhigt hatten, mein ganze Körper zitterte ja auch vor Furcht, was die nächste Nacht bringen werde. Mutter, die junge noch, kniete betend an den Kinderbetten und summte ihr Abendlied; da auf einmal ruf's: "lieb Mütterlein, kommt den lieber Vater nicht mehr heim?"

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"Sei still mein Kind und bet für ihn, der Vater ... zum Selbstschutz zieh'n; und in der nächsten Nacht kämpft Vater vielleicht in heißer Schlacht".

Um 8 Uhr (Punktum) abends passierten wir dan die Grenze, am Freitag und fuhren durch's Grenztor "das berühmte Rote Tor Russland-Lithauen ; der Zug hielt dan an und die russische Wache musste abtreten, wir wurden dan freundlich in Empfang genommen von der ausländischen Behörde und so ging's dan durch die Nacht in rasendem Tempo nach Riga, dort kamen wir um 6 Uhr morgens an und wurden in eine Villa untergebracht. Muss noch einschalten, dass ich ...(?) B.B.Janz seit der Grenze nicht mehr gesehen hatte und somit nicht weiß, wie er nach Canada gekommen ist. In dieser Villa nun blieben wir 5 Tage; wir wurden nach allen Seiten hin gut betreut und ruhten uns schön aus. Von den Schrecken des Krieges und der Revolution. Am anderem Tage, am Sonntag sah man die Leute zur Kirche gehen, die alten Frauen hatten ihre Gesangbücher ganz frei in der Hand und das weiße Taschentuch obendrauf. Auch den Kirchhof mit ihren Erbbegräbnissen besuchten wir, so etwas hatten wir in Russland nicht gesehen; die hundertjährige Tannen bedeckten mit ihren Ästen die Grabhügel und schwere Bänken laden zum Sitzen ein; es heimelte einen an; in mir stieg der Gedanke oder richtiger gesagt der Wunsch auf, wie in einem spanischen Knabe in Wunderlich ausdrückt: "Unter diesen schattigen Tannen möcht ich einst begraben sein." Da wir noch etliche Tage frei hatten, machten wir in den Storen sehr bescheidene Einkäufe für uns. Ich durchstreifte dan noch die 6/800 j.

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Hansestadt "Riga" gegründet 1201 von den deutschen Kaufleuten aus Hamburg und war berühmt mit vielen alten Bauwerken; ich bestieg noch einen alten Pulverturm,  sah aber auch die 800 J. Dom - Kirche, 600 J. Petri-Kirche und s.w. Das eigentliche Schloss aber habe ich nicht gesehen, es war damals 600 J. alt.

Nach 5 tägigem Aufenthalt in Riga (wir wurden gereinigt, hauptsächlich von den Läusen und gut gefüttert) fuhren wir auf einem duschen Zug nach Libau, einer alten Hafenstadt ebenfalls wir Riga einer Hansestadt zu Kurland gehörend und kamen Donerstag morgens daselbst an und stiegen sogleich in's Schiff "Balt-riger"  mit welchem wir dan um 7 Uhr abends am selbem Tage losdampften; und so befanden wir uns also Freitag an hoher See im Baltischen Meer, am 11 Juni. Sonnabend am 12-ten Juni morgens fuhren wir in den "Kaiser Wilhelm Kanal" ein und um 4 Uhr ging's in die Elbe und eine Stunde später dan in die Nordsee.

Als unser Schiff in Kanal für eine kurze Weile am Ufer Halt machte, nahten sich eine Gruppe junger Burschen aus Neugierde unserem Schiff, was ich gemerkt hatte; es war ja damals in Deutschland noch unruhig; die Wache, ein Blaurock wie ihn die Jungen nannten, marschierte auf dem Ufer auf und ab. Sobald er sich unserem Schiff nahte, gingen sie ab, kamen dan aber gleich wieder zurück  um ihre Neugierde zu stillen, ich stand an der Reling und predigte ihnen das berühmte Russland vor; sie wunderten sich, warum wir doch aus dem schönen Paradies abfuhren. Der Blaurock merkte schon etwas von unserer Unterhaltung und kam immer wieder bald zurück, so das ich nicht viel Zeit hatte ihnen viel zu sagen und deutlich zu machen

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wie's sie aber darauf hin, dass sie statt Brot, Blut und Tränen würden vorfinden; als ich sie dan fragte, was sie von unserem Schiff meinten, ob wir würden glücklich rüber komen, meinten sie, der alte Kasten (es war ja dieses noch nicht der Ocean Dampfer) wird's schon machen; dan drückten sie sich aber sehr hastig, den der Blaurock kam immer näher. Da ich aus Russland war, war's für mich doch sicherer den Mund zu halten und somit machte ich hastig Schluss mit unserer Unterhaltung und trat ins Innere des Schiffes; doch die Buben ließen nicht gleich locker und mich versuchen weiter auszufragen, mit Stillschweigen aber begab ich mich in die Tiefe des Schiffes; merkte dan später, wie sie sich entfernten; sie waren aber nett angezogen und sahen durchaus nicht unordentlich aus. Ihr Alter konte von 16-22 gewesen sein. Nach 5 Stunden Aufenthalt im Kanal ging's dan in die Elbe und eine Stunde später, in die Nordsee (am Sonnabend) und so befanden wir uns den ganzen Sonntag auf der Nordsee und fuhren dan Montag frühmorgens in die Themse und um 4 Uhr abends landeten wir in London. Von London nun ging's per Zug (Eisenbahn) mit einer außergewöhnlichen Schnelligkeit zu Nacht in's Atlantic Park Hotel woselbst wir circa 3 Tage blieben und allesamt gründlich gereinigt wurden. Daselbst trafen wir viele Mennoniten, die längere Zeit in Folge Augenkrankleiden  und anderer Leiden dort fest gehalten wurden. Etliche Juden waren schon mehrere Jahre dort und konten nicht weiter.

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Wir, d.h. unsere ganze Familie, hatte scheinbar, Gott sei Dank, überall Glück und so auch hier mussten uns, selbst verständlich, der Entlausung und drgl. Vorgehen den Emigranten gegenüber, fügen. Donnerstag, am 17 Juni stiegen wir dan in den 14.000 Tonnen Dampfer Minnedora ein und um 3 Uhr mittags fuhren wir  von Southampton England los. Das Dröhnen der Dampfmaschinen unten im Schiffraum vor der Abfahrt verursachte sehr gemischte Gefühle und zudem schauten wir fast zitternd zu dem uferlosen Wasser des Atlantischen Ocean, welches uns für eine Woche aufnehmen sollte. (Donnerstag, den 17-den Juni).

Freitag, also dan nächsten Tag, am 18 Juni befanden wir uns dan auf dem Ocean schon und hielten gegen Abend bei Irland an auf eine kurze Zeit und dann dampfen wir los. Sonnabend, am 19 Juni waren wir schon auf hohem See, auf dem Ocean. Will noch inzwischen erwähnen, das wir uns, d.h. im Kreise unserer Familie, jeden Abend aus dem Andachtsbuch "Sucht in der Schrift" einen Datum lasen das Buch stammt von Onkel Johannes Wiebe Orloff, ein direkter Nachkomme des großen Johann Cornies. Onkel Wiebe wohnte ja auch im alten Corniesen Heim, welches er seinerzeit wahrscheinlich geerbt hatte. Herr Wiebe war so etwas befreundet mit unserem Elternhause und später mit uns. Hoch zu Ross kam er dan auf unseren Hof im Blumenort; band sein Pferd am "Wolm" mit einem "Tschembu...." und kam herein; sogleich setzte er unseren Ältesten

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damals, Gerhard, welcher gegenwärtig in St.Cat. wohnt, auf seinen Knien und fing an zu erzählen, muss noch bemerken, dass der g......... Mann, versehen mit einem intelligenten Bart, ... recht froh konte sein trotzdem er 10.000 Desjatinen (circa 30 Tausend Acr's) Land in Besitz hatte.

Unsere Schiffskajute hatte die 120-80 I. Am 19-ten Juni nun, Sonnabend, waren wir auf dem Ocean; aber nicht zwischen Himmel und Erde, wie man sich gelegentlich ausdrückt, sondern  zwischen Himmel und Wasser; da sah man erst das die Welt eine runde Kugel ist, wenn man vom Horizont zum Horizont schaut. Dan kam der Sonntag auf den Ocean, der 20-te Juni. Wie derselbe verlief, ist mir schon entfallen; auch sonst das Leben und Vorgehen all der Passagieren, es befanden sich ja die verschiedensten Nationen mit uns, ist mir  heute schon nicht mehr in Erinnerung. Ich weiss aber, das das Essen sehr gut war; wir kamen ja auch aus dem Hungerland. Ich verlor aber bald den Appetit um Essen, den ich konte das Schaukeln des Schiffes nicht ertragen; ging dan, wen die Glocke zur Mahlzeit rief, noch schnell in die Tiefe des Schiffes, woselbst die Kohlen gelagert waren und atmete mir den Sauerstoff des Kohlengeruchs ein; wir hatten ja in unserem Handel auch immer Kohlen auf Lager und der Geruch desselben auch hier im Schiff war mir ein Stück Heimat.

Montag nun, den 21 Juni, fand sich ein Sturm, der das Schiff hin und her warf

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was uns allen doch etwas ungemütlich war; Tiene aber, die Hausmutter, tapfer wie immer, stellte sich furchtlos ganz an die Kante des Schiffes und liess den Wind des Meeres über sich einhergehen, achtlos auf die salzigen Spritzer, welche die aufgewühlten Wellen ihr in's Gesicht jagten; wir andere, hatten uns alle in unsere Kabine verkrochen, wie ein Hund in seiner Bude. Dan kam Dienstag der 22-te Juni; das Wetter war mild und die großen Wellen mit ihren schaumigen Kämen legten sich wieder bald. Dan kam auch ich wieder auf's Deck und beobachtete das Weltmeer und schaute m... Walfische und drgl. Meerestiere aus, konte aber nie große Entdeckungen machen und so will ich ... über die Tierwelt des Oceans schweigen.

Mittwoch, am 23-ten Juni ging's weiter in ruhiger Fahrt, Canada, Amerika zu; die Tische füllten sich wieder nach dem Sturm und jedem schmeckt das Essen wieder gut.

Donnerstag, den 24-ten Juni, zeigte sich ein dunkler Streifen im Westen am Horizont und wie ein Echo ging's von Mund zu Mund "Land!" und es nahm auch nicht lang ging's längst einer Bucht welcher wir folgten und am Freitag, den 25-ten Juni landeten wir in Quebec. Und somit halten wir, für uns den neuen Weltteil erreicht und den Ocean in .... Tagen überquert.

Ältester Jakob Janzen begrüßte uns vom

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Canadischen Ufer aus; wir waren eine Gruppe von circa 30 Personen. Nach Regelung aller betreffenden Papiere, und es nahm eine geraume Zeit das zu tun, den unsere Pässe trugen verschiedener Länder Stempel, ging's dan zum Bahnhof, woselbst wir mit all unseren Sachen verfrachtet wurden und auch bald abdampfen, dem Süden zu. Unser Ziel war Waterloo, woselbst Ältester Jansen damals wohnte. Unsere Geschwister Gerhard und Franz Dicks stiegen in Breslau ab, woselbst Mutter Unruh schon ihren Sitz hatte. Bei Janzens angekommen, schlug uns schon der Borschgeruch aus der Küche entgegen, was unserem russländischen Appetit und Hunger sehr .... tat und uns ein heimatlicher Gruß war. Da wir noch etliche freie Dollars in der Tasche hatten, versuchten wir mit Hilfe anderer ein Quartier zu bekommen, um andere nicht zu belästigen. Über einen Fleischstore auf der Hauptstraße von Waterloo bezogen wir noch in selben Tag unserer Ankunft etliche Zimmer besetzen sie mit unseren Reisesachen. Der große Reisekorb diente als Esstisch, auf welchem bald nach unserer Ankunft  meine liebe Frau 2 Vordermänner unserer Gesellschaft ein wohlschmeckende Mahlzeit versehen mit russischer Schinkenwurst und Malz ... (Dunkelrot) servieren konte. Wir öffneten auch noch eine Flasche Wein, die wir in Liebau am  Strande kauften

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und mit einem Strick in's Schiff herüberholten.

Als wir den Oceandampfer verliessen und ich meinen Fuß auf's neue Ufer setzte und noch einmal über Land und Meer zurückschaute, umspielte ein demütiges Lächeln meine Lippen und bewegte tief das Innerste meines Herzens und wir hatten erfahren, wie sich auch ein Moses ausdrückte: "Wo nicht dem Angesicht gehet, so führe uns nicht von ..... hinauf". Und der trostreiche Inhalt eines Verses aus dem Reiseliede meines Gesangbuches vom Jahre 1906, als ich noch Vorsänger in der Ohrloffer Kirche war, bewahrheitete sich, wen es da heißt:

   Wer nur mit seinem Gott verreist,

   Der findet immer Bahn gemacht;

   Weil er ihm lauter Wege weiset,

   Auf welchen stets sein Aug wacht.

   Hier gilt die Lösung früh und spät:

                                     Wohl dem, der Gott zum Führer hat.

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   Und im Hinblick nach

   Oben ging's nun in's neu Land

   Stützend auf den Liedervers:

   Befiehl Du Deine Wege

   Und was Dein Herze kränkt

   Der allertreusten Pflege dess,

   Der den Himmel lenkt.

   Der Wolken Luft und Winden

   gibt Wege Lauf und Bahn

   Der wird auch Wege finden

   Da Dein Fuß gehen kan.

      (Die Dycks)

                    Januar, den 22-ten, 1971

                    Jacob Gerhard Dyck

Schluss

Bis in Canada

angekommen

In Juni 1926

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Jacob Dyck, 1954
Jacob Dyck mit seiner 2. Frau Helene Redekopp-Enns