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Das Eisengeschäft

Das Eisengeschäft der Familie Dück wurde von Franz Gerhard Dück (#133532) in Blumenort gegründet. Er stieg ins Schmied-Geschäft seines Schwiegervaters (Heinrich Wiens #133543) ein. 

 

Heinrich Wiens war ein "Grobschmied" und hatte, etwas abgelegen vom Dorfe Blumenort, eine große Schmiede, in welcher er viele Wagen und Leiterwagen für die Gutsbesitzer beschlug. Hier herrschte die Magie der Metalle. An den Wänden befanden sich Hämmer, Zangen, Zirkel, Schraubstöcke und Scheren. Werkzeuge, denen man ansah, dass sie seit Jahren benutzt wurden. Heinrich Wiens war ein leidenschaftlicher Eisenhandwerker und natürlich wünschte er sich, dass jemand seine Schmiede übernimmt und sein Handwerk erlernt. Leider starben alle seine Söhne als kleine Kinder. Die russischen Großgrundbesitzer (Edelleute) schickten ihm viele ihrer Jünglinge, damals waren es Leibeigene, in die Lehre um das Schmiedehandwerk zu erlernen. 

 

Und dann heiratete seine Tochter Anna einen Lehrer Franz Gerhard Dück am 3.11.1853. Wer ihn dazu überredet hat in das Schmiedegeschäft seines Schwiegervaters einzusteigen, liegt heute im Dunkeln. Vielleicht war es auch seine eigene Idee. So wurde aus einem erfolgreichem Lehrer ein Handwerker.  

Die "Schmiede" wurde in einem großen Stil betrieben und es gab sehr gute Einnahmen. Das erforderliche Eisen wurde direkt von Rostov, Taganrog und Berdjansk gekauft. Franz Dück beobachtete  die Entwicklung dieser "Schmiede" etliche Jahre und machte seinem Schwiegervater "Wiens" den Vorschlag einen Eisenhandel zu beginnen, anstatt das Eisen zu verarbeiten, denn in fast jedem Dorfe gab es ein Dorfschmied, der viel Eisen benötigte. Außerdem hätte man mit Eisenhandel ein viel leichteres Leben und man würde  nicht weniger verdienen, weil der Bedarf an Eisen so groß geworden war.

Heinrich Wiens aber, welcher der Meinung war, dass nur derjenige etwas verstände und klug sei, welcher irgend ein Handwerk erlernt hatte, lies sich schwer zu diesem Schritt überreden, ging aber doch zuletzt darauf ein. Und so begann der  sehr weit bekannte und berühmte Eisenhandel. Als Franz Dyck Teilhaber dieses Geschäftes wurde, gab es viel Pionierarbeit auf diesem Gebiete. Seine Fertigkeiten im Zeichnen machten es ihm leicht, Pläne für Kutschen, schwere Wagen, Leitern, Wagen, Buggys, Pflüge usw anzufertigen. Diese Pläne, zusammen mit den Aufträgen für die benötigten Teile, wurden zu den Erzgruben in den Ural geschickt. So hatten sie die Möglichkeit fertige Eisenprodukte ( Achsen, Räder, Krawatten, Pflugscharen, Leitern, Sensen, Blasebalgs) zu verkaufen. Eisen und verschiedene andere Produkte für das Geschäft wurden jährlich in Rostow am Don (Don ist ein Fluss) gekauft und die Geschäftsreise dauerte in der Regel ungefähr einen Monat.

 

Geschäftsweg:

Franz Dück und sein Gehilfe fuhren zu Pferde 100 Werst (вёрст) nach Berdjansk und von dort aus ging es per Dampfer über das Asov Meer nach Rostov am Don. Dort wurde ein ganzes Schiff mit Eisen beladen und wieder nach Berdjansk gebracht. In Berdjansk nahm Isaac Dyck (ein entfernter Verwandter) die Waren in Empfang und von dort aus brachten die Tschumaki ( Fuhrleute mit Ocksen) sie nach Blumenort. 

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Es war sehr beschwerlich auf solche Art ein Geschäft zu führen, aber der Handel blühte und brachte viel Verdienst. Das war dem Talent von Franz Dück zu verdanken. Bald entstand der große "Dücksche Hof" mit einem sehr großen Wohnhaus und den vielen guten Wirtschaftsgebäuden ( man betrieb außerdem noch eine Landwirtschaft ) und ein reichhaltiges Wasserlager.  Der Eisenhandel stand in voller Blüte.

Nach etlichen Jahren starb  Heinrich Wiens. Leider weiß ich nicht das genaue Todesdatum. 

 

Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„ Als Knabe habe ich sehr oft mit meinesgleichen aus dem Dorfe sein Grab (vom Heinrich Wiens) besucht auf dem alten Kirchhöfe im Walde, es war umgeben mit einem eisernen Gitter und versehen mit einem Denkmal (eine Marmorsäule aus Odessa). Diesen Grabstein, wie auch den hohen eisernen Zaun hatte der Fürst (Djemidow) herstellen lassen als Ehrenzeichen und den Verdienst welchen der einfache preußische Grobschmied "Wiens" sich in der Eisenindustrie erworben. Auf einer schwarzen eisernen Tafel, welche an der schwerer Eingangstüre angebracht war, konnte man

in russisch lesen: "zum Andenken an den Großfürsten Paul Paul Djemidow. Rostov am Don". Die Eisenschachten aber befanden sich alle in Uralgebirge; dort z.b.wurde 2 bis 300 Jahren zurück von den russischen Bojaren und Großkaufleuten (купцы) unterdes Schutz Jermaks (ein Ataman, der Sibirien eroberte unter dem Zar Johann den schrecklichen (Иван Грозный)) große Geschäfte und Schachten eröffnet. Von dort also erhielten wir das Eisen."

„Will noch bemerken, dass zu Großvaters (Franz Gerhard Dück) Zeit so viel Ware  (hauptsächlich Eisen) eingekauft wurde, dass man ein ganzes Schiff für sich apart brauchte. Da in der guten alten Zeit wenig solche Eisenhändler existierten, war der Kundenkreis  ein sehr großer und man verdiente schweres  Geld.“

Franz Dück starb relativ früh, im Alter von 55 Jahren. Seine Frau Anna erbte alles und die Kinder  bekamen vorläufig jeder circa 8 Tausend Rubel bar zugeteilt. Der älteste Sohn Gerhard verwaltete Mutters (Anna Dück- Wiens) und auch seine eigene Wirtschaft, d.h. Landwirtschaft, diese betrug insgesamt ca 100 Desjatin (десятин) und den Eisenhandel. Hierfür wurde er gut entlohnt. Er baute von seinem Anteil ein großes  Haus für seine eigene Familie und seine Mutter. 

Gerhard fuhr gewöhnlich im Juli für mehrere Wochen nach Rostov um Eisen einzukaufen und nahm dann oft auch seine zwei älteren Söhne Gerhard und Jasch mit. Sie fuhren mit dem Postzug, welcher aus Sewastopol kam, von der Station "Fjodorowka" (20 Werst von Blumenort entfernt) ab. Gerhard Dück stieg mit seinen Kindern dann in die III-te Klasse (Holzbänke) ein und so ging es bis Sienjelskowo, von wo sie dann mit dem Kurierzug (Schnellzug) II-te Klasse bis Rostov am Don fuhren. Die ganze Reise dauerte ungefähr einen Tag. Da Gerhard Dück immer sehr viel Geld bei sich hatte, ungefähr 10 bis 20 Tausend Rubel, versteckte er es unter seinen Kleidern. Und deswegen schlief er auf der Reise nicht und munterte auch die Söhne auf, auf ihn aufzupassen, denn auf den Zügen der Eisenbahn in Russland wurde sehr häufig etwas gestohlen. In Rostov hielten sie sich im Ewropejskaja Gostinniza (европейская гостиница - Europäisches Gasthaus) auf. Gerhards Dücks wichtigste Aufgabe war es Eisen einzukaufen, welches meistens am Ufer des Don (Fluss) aufgeladen wurde. Es wurde aus dem Ural Gebirge in Bargen (баржи) mit einem kleinen Flussdampfer gezogen. Am Ufer befanden sich auch die Geschäftshäuser hierfür. All diese Ware wie Eisen, Blasbälgen für die Schmiede u.s.w. wurden dann auf ein Schiff eingeladen und nach Berdjansk gebracht. Der Fluß Don mündete in dem Meer Asov  bei Taganrog. In Berdjansk wohnte, wie ich schon anfänglich erwähnte, Isaac Dück, welcher die Ware in Empfang nahm und sie auf Ochsenwagen verladete. Wenn die Fuhrleute (Tschumaki) nicht dort waren, wurde alles auf seinen Hof, welcher in der Stadt war gefahren. In solchen Situationen fuhr Gerhard Dück mit seiner Frau später nach Berdjansk um gucken, ob alles in Ordnung sei.

Zu Hause in Blumenort wurde dann im Eisenspeicher Ordnung und Raum geschaffen, um all die Ware unterzubringen. Der Transport von Berdjansk mit den Ochsenfuhrleuten dauerte gewöhnlich eine Woche.  Und so wurde der Eisenspeicher zu jener  Zeit meistens nur einmal jährlich aufgefüllt.

Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„Der Handel nun, stand also in voller Blüte; und da zu der damaligen Zeit, um die Jahrhundertwende 1900 und auch 1904, als wir den Holzhof anlegten, im Umkreis von circa 20 Werst (15 Meilen) kein Geschäft dem ähnlich existierte, hatten wir großen Erfolg. Handwerker und auch Bauer waren unsere Abnehmer, unsere Kunden. Da viel gebaut wurde zu der damaligen Zeit, versuchten wir dem Käufer das ganze Material zu einer großen Querscheune, oder Stall, oder auch ein Wohnhaus, oder anderen Bauten, herzustellen: das Holz bis zu den größten und längsten Balken, all'die verschiedensten Nägel 1/2" bis zu 6" oder 7" lang, Boltzen, Blech zu Dachzinnen, Glas zu den Fenstern u.s.w. Ebenso bekam auch der Schmiedemeister außer all'die Sorten Eisen, was er zu den Wagen brauchte, auch den nötigen Amboss, die Blasebalge, Feilen, Hämmern und dergl.“

Man handelte nicht nur mit Eisen, sondern auch mit anderen Baumaterialien. Holz wurde meistens in Jekaterinoslav, aber auch von Kamenka oder direkt aus dem hohen Norden gekauft; oft 5 bis 10 Wagenladungen  auf einmal. Dafür wurden zwei große Holzspeicher auf dem Dück Hof gebaut. Das Eisen kam aus Rostov, aber auch aus Jekaterinoslav. Nur das Eisen aus Rostov, welches vom Fürst Paul Djemidov kam, das „Demidowsche“ genannt wurde, war das Beste. Es kam aus dem Uralgebirge von einer 200- Jahre alten Firma. Das Schmiedezubehör, wie Ambosse, Schraubstöcke, Hammer und Feilen u.s.w. ließ Gerhard Dück aus Hamburg kommen, über Odessa.  Am Anfang des 20 Jahrhundert bauten Gerhard Dück und seine ältesten Söhne zusätzlich einen Maschinenhandel auf, in welchen es Milchseparatoren, Dreschmaschinen, Mähmaschinen, Drillpflüge und dergleichen gab.  

 

Aus dem Jahresbericht des Bevollmächtigten der Mennonitengemeinden in Russland  im Jahre 1908 von Michael Penner geht hervor, daß der Wert des Eisengeschäftes von Gerhard Dück 1908 12 000 Rubel betrug.

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Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„Da wir aber außer Eisenhandel auch noch Landwirtschaft betrieben, wurde beides etwas vernachlässigt; was nicht hätte sein brauchen, den der Eisenhandel damals, war eine "Goldgrube". Doch Zeiten sind veränderlich wie und so ging es auch auf diesem Gebiet: da man im Süden wie "Njieschniedneprowsk" und anderen Plätzen, Eisengießereien gründete, was die Möglichkeit gab, das Eisen leichter und billiger zu bekommen (früher bezogen wir das djemiedowsche Eisen vom Ural über Rostov - Berdjansk ) fand sich Conkurenz, wodurch der Verdienst kleiner wurde und der Absatz weniger. Ich war damals dafür den Handel, das Geschäft, nochmals von Neuem zu beleben was sehr gut möglich gewesen wäre, aber, und das war der Grund, da standen soviel "aber" im Wege, dass auch ich mich dem Einerlei hingab und so führte auch ich bald ein halbiertes Leben: halb Geschäftsmann und halb Bauer; beides ging mir gut, doch, anstatt Materiell höher zu kommen, was zu jenen alten guten Zeiten keine Kunst war, blieb es so wie es war; und uns allen ist ja das Sprichwort bekannt: Stillstand ist Rückgang.“ 

 

 

1913 starb Gerhard Dück im Alter von 54 Jahren. Die erste Zeit betreute sein Sohn Jacob (Jasch) den Eisenhandel . Bald kam der 1. Weltkrieg und auch Jasch wurde eingezogen. Als er nach Hause zurück kam existierte das „Eisengeschäft“ der Familie Dück nicht mehr.

 

Aus der Erinnerungen von Jacob Dyck:

„Ich war noch nicht ganz abgekühlt und hatte mich zu Hause kaum umgesehen, fassten wir beide (gemeint ist seine Ehefrau Tina) uns an die Hand und machten einen Rundgang, zuallererst auf den Geschäftshof; doch, o weh'! Der Warenlager war undenkbar sehr zusammengeschrumpft: der Eisenspeicher enthielt fast kein Eisen mehr; der zweistöckige Holzspeicher - kein Holz, die Magasin, woselbst das Contor (Offic) war und die "Hardware", auch fast leer; der Holzhof verweist und verwüstet, hin und wider ein Häuflein Bretter und paar Balken, etliche Spahren und Latten lagen sich herum; die 2 deutsche Männer hatten uns inzwischen verlassen (nach 10 Jährigem Dienst). Doch wir hatten noch unser Heim, die Wirtschaftsgebäude mit etlichen Kühen, Pferden, Schweine und Fuhrwerke, wie: Obojaner, einspännige Droschke, Verdeckfederwagen und dergl. Vieles aus dem Geschäft und auch aus der Wirtschaft hatte meine Frau auf meinen Rat und Wunsch von meinem Dienst aus, veräußert, verhandelt, um nicht Not zu leiden und den Pflichten der Dorfgemeinde und dergl. mehr gerecht zu werden. Der Materielle Verlust war groß; doch der größte Reichtum war mir geblieben: meine Familie.“

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