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Die Siemens Dampfmühle

1825 nutzten die Chortitzer Bauern im Durchschnitt nur 4,3 Desjatinen ihrer landwirtschaftlichen Fläche als Ackerland. Trotzdem brauchte jedes Dorf einen Müller, der die kleine Ernte verarbeiten konnte. Das Mühlengewerbe gewann stark an Bedeutung, als um 1840 immer mehr Weideland umgepflügt und in Ackerland umgewandelt wurde. Bereits im Jahr 1841 hatten die Einnahmen aus dem Getreideanbau schon eine beträchtliche Größe erreicht. Auch in Europa stieg die Nachfrage nach Mehl guter Qualität und das mennonitische Mühlengewerbe blühte auf. 1872 baute Hermann Niebuhr seine erste Dampfmühle, die 40 Sack Mehl täglich lieferte. Alle Müller wurden ziemlich schnell reich. Das ließ den Beruf des Müllers attraktiv erscheinen, in der Folge erlernten viele diese Tätigkeit und übten diesen Beruf auch aus.

In der 60iger und 70iger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts entwickelte sich das russische Eisenbahnwesen sehr rasch, es war die bedeutendste Epoche der Industrialisierung Russlands.

Aus diesem Grund breitete sich das mennonitische Mühlengewerbe am Dnjepr, am Don, in den mennonitischen Kolonien und größeren Orten und vor allem in der Nachbarschaft von Eisenbahnknotenpunkten aus. 

Ende des 19. Jahrhunderts erließ der Finanzminister Rußlands die für die Müller wichtige Anordnung, den Export ins Ausland der im Inland hergestellten Erzeugnissen zu fördern, indem man diese Waren steuerlich begünstigte und staatliche Gebühren reduzierte. Das bezog sich ganz besonders auf Russlands größtes Exporterzeugnis, den Weizen. Die Agenten durften auch Weizen ins Ausland verkaufen, aber der Export von Mehl wurde von der Regierung bevorzugt gefördert. Nichts hat das Mühlengewerbe so stark gefördert wie dieser Erlass!

Dann brachte die Hungersnot an der Wolga dem Bauern in Neurussland, aber erst recht den Müllern Vorteile. Sie konnten nicht genug mahlen, um den Bedarf zu befriedigen. Der scheinbar niemals endete „Segen“ der Müller wurde immer verlockender, es setzte das „Mühlenfieber“ ein: Bauern verkauften ihre Wirtschaft, versuchten sich im Mühlengewerbe, um schneller reich zu werden. Manche schafften es, aber viele verloren alles, weil sie weder vom Mühlen- noch vom Finanzgeschäft etwas verstanden. Meistens hatten sie auch nicht die Geldreserven, um in schlechten Jahren durchzuhalten. 

1914 waren etwa 60% aller großen Mühlen in Neurussland in den Händen tüchtiger mennonitischer Müller.

Kolonie Ignatievo, Atlas Schröder, Seite 49

Julius Julius Siemens hatte 5 Söhne. Sein ältester Sohn Julius übernahm Familienwirtschaft in Schönwiese und war, genau wie sein Vater, einige Zeit Dorfschulze. 

Wahrscheinlich wurden die anderen vier Brüder von der Idee inspiriert, eine Mühle gemeinsam zu betreiben. Zuerst zogen die drei mittleren Brüder aus Schönwiese aus. Wann, läßt sich leider nicht nachvollziehen!

Sie wohnten mit den Familien einige Zeit in Nikolaevka, Bachmut Uesd (село Николаевка,  Бахмутский уезд).

Dieses Dorf wurde im Jahr 1884 von Mennoniten gegründet. Mein Großvater ist in Nikolaevka geboren, d.h. im Jahr 1900 wohnten sie schon nicht mehr in Schönwiese. 

Die drei Brüder Johann, Peter und Jacob Siemens besaßen in Nikolaevka eine Dampfmühle. Aus dem Buch 

„Фабрично-заводские предприятия Российской Империи (исключая Финляндию).“ von  Л. К. Езиоранский, Л. П. Кандауров и сын, 2. Auflage, S.Petersburg, 1914, Seite 1612.:

Unter  № 568. steht:

 

Зименс Братья Иоган, Петр и Якоб Юлиус., паров. Мельница.

Siemens Brüder Johann, Peter und Jacob Julius,  Dampfmühle

Местопол. Бахмутск. у., Сантуриновск. вол., с. Николаевка.

Ort Bachmut Uesd, Santurinovskaja Volost, dorf Nikolaevka

Почт. адр. Нью-Йоркъ, Екатер. Губ.

Postadresse New-York, Ekaterinburgskaja Gubernija

Телгр. адр. Железная—Зименс.

Telegraphadresse Geleznoya - Siemens

Двиг. 1 паров. обш. сил. 35 л. с.

Motor Dampf, Leistung 35 PS

Раб, 20.

Arbeiter 20

Перемол пшен.

mahlen von Weizen

Год. произв. 250.000 р

Jahresproduktion 250.000 pud (4.095.172 kg)

 

Auf welches Jahr sich diese Daten beziehen, steht nicht in dem Buch (2. Auflage 1914). 1913 wurde Jacobs jüngste Tochter schon in Gussarovka geboren. Das bedeutet, daß die Information über Mühle in Nikolaevka aus den Jahren vor 1913 stammen muß. 

Aus dem Brief von Lisa Siemens, Jacobs Tochter, "meine Eltern hatten eine Dampfmühle von 1910 bis 1924, dann wurde alles Eigentum enteignet." Ob sich das nur auf die Dampfmühle in Gussarovka bezieht oder auf beide Orte (Nikolaevka und Gussarovka), konnte ich nicht feststellen.

Sicher ist, daß die Brüder in Nikolaevka 20 Arbeiter beschäftigten und 4.095.172 kg Mehl im Jahr lieferten.

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Im Jahr 1869 wurde eine neue Eisenbahnlinie gebaut. Dabei entstanden neue Stationen, u. a.  Gavrilovka, Barvenkovo und Gussarovka. Für eine Mühle war natürlich die Nähe zu Eisenbahn sehr vorteilhaft. Die Brüder sind nach Gussarovka (Hussarovka, oder ukr. Husarivka) umgezogen und bauten dort eine neue Dampfmühle. Ich vermute, daß Bruder Abraham auch dazu kam.

Zum Glück habe ich ein Foto, auf dem im Hintergrund die Siemens Dampfmühle abgebildet ist. Im Vordergrund stehen die Häuser der Gebrüder Siemens. Das waren sehr schöne Häuser, gebaut aus weißen Ziegelsteinen. Hinter jedem Haus befand sich ein großes Garten.

 

Siemens Dampfmühle in Gussarovka

Die Jahresproduktion vor dem 1. Weltkrieg betrug 300.000 Pud (4.914.206 kg) Mehl.  1915 beschäftigten die Gebrüder Siemens 20 Arbeiter. 

„Поселяне-нѣмцы въ изюмскомъ уѣздѣ построили много паровыхъ мельницъ, производящихъ 1.000 и болѣе пудовъ муки въ день и дающихъ хорошій заработокъ мѣстнымъ крестьянамъ....одна только мельница бр. Зименъ (близъ станціи Гусарово) выплатила въ 1916 году рабочимъ болѣе 25.000 рублей!1

Deutsche Kolonisten in Isjüm Uesd bauten viele Dampfmühlen mit einer Tagesproduktion von mehr als 1.000 Pud (16380,7 kg) Mehl und gaben Ortsansässigen eine Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen. Die Dampfmühle der Brüder Siemens (in der Nähe Bahnstation Gussarovka) bezahlte 1916 mehr als 25.000 Rubel an Löhnen an ihre Arbeiter aus!

 

Aus den Erzählungen der Verwandtschaft weiß ich, daß die Gebrüder Siemens auch Mehl ins Ausland exportierten. Das Mehl konnte auch deshalb exportiert werden, weil es von sehr guter Qualität war (Aussage von Liesa Siemens Löwen).

1913
1915
"Mennonite Life", June 1994

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Nach der Revolution wurde die Mühle enteignet. Johann, Peter und Abraham Siemens zogen mit ihren Familien von Gussarovka weg. Jacob (mein Urgroßvater) blieb mit seiner Familie da. Sie durften in ihrem Haus bis 1924 bleiben. Danach wurde das Haus enteignet. Jacob Siemens kaufte ein Haus (5) aus roten Ziegelsteinen gegenüber vom Bahnhof. Auf dem Bild sitzt die ganze Familie vor diesem Haus. 1927 wurde ihnen auch dieses Haus weggenommen. Jacob Siemens besaß noch ein Stück Land am Ende des Dorfes. Und dort bauten er und sein Sohn Julius (mein Großvater) für seine Familie Häuser (8)(9). Sie wollten auch große Gärten anlegen, aber dazu kam es nicht mehr.

 

Dank meiner Tante Agata Siemens entstand eine Zeichnung von Gussarovka. Obwohl sie damals noch ein Kind war, kann sie sich noch gut an alles erinnern. Laut Tante Agata war in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Haus (4) ein Altenheim untergebracht. Im Haus (3) wohnte der Leiter des Heims.

diese Zeichnung von Gussarovka entstand dank meiner Tante Agata.
Jacob Julius Familie vor dem Haus aus roten Ziegelsteinen, ca. 1924

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Im Buch „Весь С.С.С.Р. справочная и адресная книга на 1926 год.“ Teil 2, Москва. 1926, Seite 344 gibt es folgende Information:

„Мельница Гусаровского Простого Товарищества (бывшая Зименс, 10. К.). С. Гусаровка; ст. Гусаровка, Дон. ж. д. Раб. — 9. Двиг. — 1 пар., мощп. — 75 л. с.“

Die Mühle  Kollektivswirtschaft in Gussarovka (ehemalige Siemens, 10. K.(?)) Dorf Gussarovka; Station Gussarovka, Donezk Eisenbahnlinie, Arbeiter – 9, Motor – 1 Dampf, Leistung – 75 PS.

Vom Leiter des Museums aus Barvenkovo Yri Mitin habe ich aktuelle Fotos von Gussarovka bekommen. Von einer mennonitischen Siedlung ist nichts mehr zu sehen.  Auch das Mühlengebäude existiert nicht mehr. Nur ein einziges Haus aus der damaligen Zeit steht noch (drei Bilder unten), dort ist jetzt ein Geschäft untergebracht. Der kleine Fluss "Suhoj Torez" fließt noch wie vor 100 Jahren!

 

Meine Mama erzählte mir, daß ihr Vater Julius Siemens ganz oft von der Mühle träumte. Er besaß auch die Baupläne der Dampfmühle der Gebrüder Siemens.

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Quelle:

 

1  Линдеман Карл Эдуардович Прекращение землевладения и землепользования поселян-собственников. Указы 2 февраля и 13 декабря 1915 г.; 10, 15 июля и 19 августа 1916 г. и их влияние на экономическое состояние Южной России. - Москва, 1917.