Sie sind hier:  Cornies > Braun Archiv

Peter Braun Archiv

[Aus: University of Toronto Magazin. Spring 1994. S. 19-23. Nicht autorisierte Übersetzung von Almut Stephan und Heiderun v. Issendorff.]

Als die Sowjetunion sich auflöste, ging Harvey Dyck rasch an die Arbeit, die Vergangenheit eines Volkes zu erhalten

                                                                      Von David Todd

Svetlana Vishtalenko konnte nicht verstehen, warum ihr kanadischer Freund so aufgeregt erschien. Harvey Dyck war in einem derartigen Zustand angekommen, dass er kaum sprechen konnte und der eher misstrauische Wachmann an der Eingangstür zur Rundfunkanstalt erst zögerte, ihn hereinzulassen. Als Vishtalenko in den Empfangsbereich heraustrat, um ihn zu begrüßen, bemerkte sie mit Erstaunen, dass seine Lippen zitterten. Schließlich gelang es ihm, herauszubringen, was ihn bewegte. „Svetlana“, sagte Dyck, „ich habe meinen Stein von Rosetta gefunden.“ 

Sie hatten sich ein paar Wochen vorher getroffen, nicht lange nach der Ankunft des Historikers der Universität von Toronto in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Er war über den Sommer dort, um in den regionalen Staatsarchiven Odessas zu forschen. Vishtalenko, eine Rundfunkjournalistin, hatte ihn für ihr Radioprogramm interviewt und danach übernommen, seinen Kontakt zu den Angestellten des Archivs zu ebnen, die offen misstrauisch gegen über dem Fremden waren, der methodisch die Aktenberge durchpflügte.Seine Nachforschungen bezogen sich hauptsächlich auf die Geschichte der Landwirtschaft der südlichen Ukraine: sicher eine wichtige Sache, aber keineswegs etwas, das das Herz rasen lässt. Worum ging also die ganze Aufregung?

Als er sich beruhigt hatte, begann er eine bemerkenswerte Geschichte zu erzählen – ganz per Zufall hatte er eine lang vergessene Sammlung von Akten gefunden, die die Geschichte von dem dokumentierte, was einst die wichtigste Mennonitische Gemeinschaft im kaiserlichen Russland war, der Molotschna Siedlung in der Südukraine.

Als Wissenschaftler von russischer und europäischer Geschichte und selbst ein Mennonite, wusste er, dass er eine wichtige Entdeckung gemacht hatte.

Es zeigte sich jedoch ein Dilemma.

Es war der Sommer 1990 und die politische Situation in der Sowjetunion schien von Tag zu Tag unsicherer zu werden. Wer konnte voraussagen, was das Schicksal dieser und anderer Materialien in den Archiven sein würde, oder ob westliche Wissenschaftler in einem Jahr noch in der Lage sein würden, Einsicht zu erhalten. Für Dyck war die Lösung klar: die ganzen 140 000 Seiten der Molotschna Sammlung mussten auf Mikrofilm aufgenommen werden und eine Kopie nach Kanada mitgenommen werden. Vishtalenko willigte schnell ein, ihm bei seiner ehrgeizigen Mission zu helfen.

Sie erreichten entsprechende Zusagen von den Zuständigen der Odessa Archive und im August des folgenden Jahres, nur Tage vor dem fehlgeschlagenen Staatsstreich, der der Auflösung der Sowjetunion voranging, flog Dyck heim nach Toronto mit den letzten der wertvollen Mikrofilmrollen in seinem Koffer.

Sowohl die University of Toronto als auch das Conrad Grebel College an der University of Waterloo, beide arbeiten gemeinsam an einem Studienprogramm über russische Mennoniten, haben jetzt Kopien der Sammlung, ebenso das in Winnipeg stationierte Mennonite Heritage Centre, das die beiden anderen Institute bei der Finanzierung des Projekts unterstützte.

Für Dyck war das Wiederfinden der Molotschna Archive ein besonders erfreuliches Ereignis. Seine Eltern waren russische Mennoniten, die in den 1920ern emigrierten, um in Kanada ein neues Leben aufzubauen. Seine Mutter war noch in der Molotschna geboren. Daher hatte all diese Arbeit auch persönliche Bedeutung. Allgemein gesehen bietet sich dadurch auch die Möglichkeit, die Geschichte einer Gesellschaft zu erhalten, die nicht mehr existiert. die Emigration von Mennoniten aus Russland begann in den 1870ern und hält in Auswanderungswellen bis heute an. Heute teilen sich mehr als eine halbe Millionen Menschen diese Vorfahren.

Ihr historisches Erbe ist in vieler Hinsicht ein tragisches. Die Mennoniten des zaristischen Russlands im 19ten Jahrhundert waren Herren ihres eigenen Schicksals: eine autonome, religiöse Gemeinschaft mit einem eindrucksvollen Aufgebot an politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen. All das wurde jedoch in den Jahren, die der russischen Revolution folgten, hinweggefegt. Unter dem kommunistischen Regime wurden sie brutal behandelt und ins Exil geschickt, herabgewürdigt vom Akteuren der Geschichte zu bloßen Opfern.

Die Mehrheit der mehr als 100 000 Mennoniten, die heute in Kanada leben, kommen von diesem Hintergrund. Wie jede Immigrantengemeinde sind sie eine vielschichtige Gruppe – einige völlig weltlich, andere immer noch tief verwurzelt in den Traditionen ihres Glaubens. Dennoch teilen sehr viele das Interesse, eine Kontinuität mit der Vergangenheit zu bewahren. Das Problem ist, dass so wenig Archivmaterial die Zerstörungen in Russland überlebt hat,  sodass die Geschichte mit Mythologie vermischt wurde.

Dyck hofft, dass die in Odessa entdeckte Sammlung helfen wird, die beiden zu entwirren. „Für viele Menschen dieses Hintergrundes ist es wichtig“, sagt er, „etwas Authentisches über die Welt, der sie entstammen, zu erfahren. Um sich selbst zu verstehen, müssen sie sich mit dieser Geschichte befassen. Daher kann hier eine Menge Selbsterkenntnis gefunden werden.

**********

Die Mennoniten, eine protestantische Glaubensgemeinschaft , aus der Wiedertäuferbewegung entstanden, kann ihre Ursprünge ins nördliche Europa des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. Ihr Glaube, geschichtlich gesehen, ist sowohl ein Glaubenssystem als auch eine Lebensweise. Innerhalb der Mennonitischen Gemeinden formt es die Basis der gesellschaftlichen Regeln, die demokratische Gleichheit betonen, Widerstandslosigkeit fordern – die Gläubigen dürfen nicht Teil einer Institution werden, die auf der Grundlage von Gewalt arbeitet – und Gewissensfreiheit in Sachen Religion betonen.

In ihren Heimatländern als Ketzer verfolgt, breiteten sie sich von Deutschland und den Niederlanden ostwärts aus, siedelten erst in Polen und Ende des 18. Jahrhunderts auch in Russland. Die Molotschnaer Siedlung wurde im frühen 19. Jahrhundert gegründet und wuchs rapide bis sie die größte ausländische Siedlung im zaristischen Russland darstellte. Mit mehr als 60 Siedlungen der Gemeinde, die sich auf über 500 Quadratmeilen nördlich des Asowschen Meers ausbreiteten, wurde das Siedlungsgebiet ein Motor für landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung in der gesamten südlichen Ukraine.

In den 1870ern jedoch, begann die Politik der russischen Regierung das Leben für die Siedler unangenehm zu machen und die ersten Wellen der Emigration setzten ein. Die Einführung der Militärpflicht, die direkt mit der Mennonitischen Doktrin der Gewaltlosigkeit kollidierte, führte zu einem Exodus von nahezu 18 000 Gemeindemitgliedern, von denen mehr als ein Drittel  schließlich im südlichen Manitoba siedeln würden.

Während des ersten Weltkriegs fanden sich deutsch sprechende Gemeinden in Russland, inklusive der Mennoniten, als Zielscheibe einer bitteren Kampagne russischer Nationalisten, die ihnen Treulosigkeit vorwarfen. In der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen wurde verboten und die deutschsprachige Presse wurde geknebelt. Bedroht mit der Enteignung ihrer Ländereien, einigten sich die führenden Mennoniten darauf, dass eine Art zentrales Archiv notwendig sei, um ihre langjährige Loyalität zu belegen und so ihr Erbe zu erhalten. Im Juni1917 wurde Peter Jacovlevich Braun, ein scheuer, leise sprechender Lehrer, Schulverwalter und Amateurhistoriker, zum Archivar ernannt.

Innerhalb von Monaten begann die Russische Revolution, die das Land in einen blutigen Bürgerkrieg stürzte. Obwohl er mit Tuberkulose kämpfte, verbrachte Braun während der nächsten drei Jahre viel Zeit damit, mitten im Chaos von Dorf zu Dorf zu ziehen, um die örtlichen Autoritäten zu überzeugen, ihm dabei zu helfen, offizielle Aufzeichnungen und Protokolle, private und offizielle Briefe, Tagebücher, Verträge, sogar Hochzeitseinladungen –alles was einen Bezug zur Geschichte der Mennoniten in Russland hatte – zusammenzutragen. Ein ganzer Raum in seinem Haus in Neu Halbstadt wurde das Lager für einen Berg von Papieren.

Im Jahr 1924 entschloss sich Braun, einem Flüchtlingsstrom von Mennoniten anzuschließen, die gerade dem Sowjetregime entflohen. Bevor er nach Deutschland aufbrach, organisierte er, dass das Archiv in die Dachgeschossräume der Schule für Taubstumme in dem Dorf Tiege umgelagert werden sollte, da selten Fremde dorthin kamen. Die Lehrer der dortigen Schule kamen aber bei genauerer Überlegung zu dem Entschluss, die Sammlung zu einem Gut der Cornies (Peter Cornies), einer prominenten Familie nähe Orlow, zu transferieren. Unglücklicherweise war die Familie eine von vielen, die 1929 im Zuge der Verstaatlichung von Ländereien von ihrem Grundbesitz vertrieben wurde und das Archiv fiel in die Hand der sowjetischen Regierung. Zeugen beschrieben später, dass sie drei Wagen voller Dokumente davon rollen sahen.

Braun starb 1933 im Aller von 53 Jahren. In einem persönlichen Brief, den er während seiner letzten Jahre in Deutschland schrieb, sagte er, dass ihn der Verlust dieser unersetzlichen Sammlung zu Tränen gerührt hatte. Ein Artikel, den er in der gleichen Zeit geschrieben hatte, summierte die Geschichte mit unerbittlicher Endgültigkeit: „Ich war nicht in der Lage, herauszufinden, was mit diesem reichhaltigen Archiv, das mit so großer Sorgfalt zusammengetragen wurde, geschehen ist. Es scheint ….dass es für die Mennoniten verloren ist.“

Das Schicksal der Molotschna Sammlung geriet in den folgenden Jahren weitgehend in Vergessenheit. Nur Wissenschaftler und andere an der Geschichte der Mennoniten Interessierte blieben mit deren Existenz vertraut. „Unter diesen eingeweihten Personen“, sagte Dyck, „war die Ahnung, dass etwas verloren gegangen war, etwas schrecklich Kostbares.“ Er war einer dieser „Wissenden“, aber Gedanken an die Sammlung waren ihm fern, als er 1990 nach Odessa reiste, um den Sommer über in dem Staatsarchiv zu arbeiten.

Eines Tages legte ein Mitarbeiter einen unscheinbaren Katalog auf den Tisch, an dem er im Leseraum arbeitete und sagte nebenbei: „Dies könnte von Interesse sein.“

Dycks Herz hüpfte, als er es öffnete und innen den Titel las : Mennonitische Gesellschaft im Bezirk Berdiansk, Tauride Guberniia, 1803 – 1920. Als er durch die langen Auflistungen von Dokumenten – mehr als 3600 insgesamt - blätterte, konnte er es fast nicht glauben, was er sah. Irgendwie, so schien es, hatten die Aufzeichnungen der Molotschna Mennoniten 60 Jahre in den Odessa Archiven überdauert. Etwa 17 Prozent der Dokumente, sowie verschiedene Bücher und Manuskripte fehlten, aber das Material war ansonsten relativ unversehrt. Es gab keinen Hinweis darauf, dass irgendein Wissenschaftler jemals Gebrauch davon gemacht hatte.

Es würde nicht leicht sein, die Verantwortlichen des Archivs zu überzeugen, eine Aufnahme der Sammlung auf Mikrofilm zu arrangieren. „Es war das letzte Ende der Existenz der Sowjetunion und die Beamten waren überall übervorsichtig und verunsichert.“ Dyck, der in den frühen 1980ern Präsident seiner Fakultät an der Universität von Toronto war, sah sich als „alter Hase“ für Verhandlungen. Aber er erkannte schnell, dass seine Erfahrung nicht ausreichte, um das Projekt bei der in Auflösung begriffenen sowjetischen Bürokratie durchzudrücken. Daher wandte er sich an seine befreundete Journalistin Vishtalenko um Hilfe.

Geld schien die beste Vorgehensweise zu sein, bis die Beamten im Archiv erkannten, dass sie die nötigen Bankarrangements nicht machen konnten, um harte Währung anzunehmen. Die Alternative war Handel: ein neues Mikrofilmsystem, um das alte zu ersetzen, das nahezu täglich zu Ausfällen neigte, war dringend nötig in den Archiven. Dyck versprach gleich, eine neue Ausstattung für Mikrofotografie und Fotokopie zu beschaffen im Austausch für eine komplette Kopie der Molotschna Akten. Dies im September vollendete Arrangement wurde nur wegen des Direktors des Archivs möglich, dem klar war, dass die Verhandlungen mit den Behörden in Kiew und Moskau, um die notwendigen Genehmigungen zu erlangen, möglicherweise Jahre dauern würden, und der deshalb gewillt war, die offiziellen Kanäle zu umgehen. „Tatsächlich haben wir völlig illegal gehandelt“, lachte Vishtalenko, die nun in Kanada lebt.

Die Arbeit der Mikrofilmaufnahmen der Sammlung begann. Zuerst ging es schmerzhaft langsam: Bis Dyck die neue Ausstattung liefern konnte, mussten die Mitarbeiter des Archivs mit der antiquierten Maschinerie arbeiten. Viele waren auch nur zögerlich in ihren Bemühungen für einen Ausländer, der sie, ihrer Meinung nach, womöglich nur ausnutzte. Dyck hatte währenddessen mit weiteren Komplikationen zu tun. Ein anderer Wissenschaftler, George Epp, Präsident des Menno Simons Collegs in Winnipeg, war auch in diesem Sommer auf die Molotschna Sammlung gestoßen und hatte die Behörden in Kiew wegen Wiedererlangung der Sammlung kontaktiert. Da er befürchtete, dass das die bereits gemachten Arrangements gefährden würde, überzeugte er Epp  geschwind, seine Anfragen fallen zu lassen.

Im Dezember flog Dyck zurück nach Odessa, zusammen mit einer riesigen Holzkiste, die das neue Mikrofilmsystem für das Archiv enthielt. Der Direktor begrüßte ihn am Flughafen und zusammen packten sie das Gerät auf die Ladefläche eines kleinen Lastwagens. Die Straßenlaternen waren ausgeschaltet, um Energie zu sparen und Dyck erinnert sich an die gespenstische Fahrt durch die nebligen dunklen Straßen zur alten Synagoge, wo die Archive lagen.

Es schien ein ungünstiger Moment für die Ankunft zu sein, das politische Klima im Land war nahezu unerträglich mit Gerüchten eines drohenden Militärschlags. Aber Dycks Rückkehr mit einer brandneuen Ausstattung im Gepäck, beflügelte die Mitarbeiter des Archivs das Projekt mit neuer Tatkraft anzugehen.

„Professor Dyck hat eine riesige Menge an Energie“, erklärt Vishtenko, „und er beflügelt andere damit. Die Menschen hier sahen sein Interesse an der Arbeit, sie erkannten die Bedeutung und ihre Einstellung wandelte sich. Sie fingen an, sich persönlich involviert zu fühlen – seine Hingabe gab dem was sie taten eine Bedeutung.“

Dyck kehrte einige Tage vor Weihnachten nach Toronto zurück und nahm alle Mikrofilme mit, die bisher fertiggestellt waren. Im Sommer, als er nach Odessa zurückkam, um den Rest zu holen, hatte sich sie politische Situation von angespannt zu chaotisch gewandelt.

Wenige Tage vor dem August-Coup 1991,  fand sich Dyck auf dem Flughafen in Moskau, einen kleinen Koffer voller Mikrofilme bei sich, inmitten chaotischer Zustände. Er hatte alle notwendigen Papiere, aber wer hätte vorhersagen können, welchen Horror nervöse Beamte beim Zoll auslösen könnten. Er hätte sich nicht sorgen brauchen. „Letztendlich wurde ich mit der Menge geradezu hindurchgespült“, sagte er, „Ich habe die Mikrofilme noch nicht einmal deklariert, als ich die Sowjetunion verließ.“

Die Neuigkeit von seiner Entdeckung elektrifizierte die Wissenschaftler der mennonitischen Geschichte. „Anfangs war da Ungläubigkeit, dass eine so große Sammlung gefunden werden konnte“, sagt Leonard Friesen, ein Assistenzprofessor für Geschichte am Conrad Grebel und Mitvorsitzender des gemeinsamen Forschungsprogramms der U of T. „Es ist so wie der Fund der Schriftrollen vom Toten Meer.“ 

Die Menge des vorhandenen Archivmaterials über russische Mennoniten war – bis jetzt – recht beschränkt. Während Wissenschaftler Zugang zu privaten Papieren und Memoiren hatten, sowie zu russischen Regierungsdokumenten, waren Materialien über die vielen Institutionen der mennonitischen Gemeinden Mangelware. Historiker wissen zum Beispiel fast nichts über die Erziehung, ein Thema, auf das die Archive jetzt Licht werfen werden. Diejenigen, die an der Rolle interessiert sind, die die mennonitischen Gemeinden in Landwirtschaft und Industrie spielten, - ihnen wurde zum Ende des Jahrhunderts ein Großteil der industriellen Produktion zugeschrieben – werden auch einen Schatz an wichtigen Materialien finden.

Kurz gesagt, es ist eine unvorhergesehene Gelegenheit, einen Blick in das tägliche Leben und das wirtschaftliche Leben der Siedlung zu werfen. „Es gibt nichts, das sich wirklich mit der Odessa Sammlung in puncto Größe und Einblick in die Gemeinschaft vergleichen lässt“, sagt Friesen.

Vielleicht liegt die eindrucksvollste Forschung, die die Sammlung ermöglicht, auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Geschichte. Ingrid Epp, eine Bibliothekarin der U of T im Ruhestand, die ein Inventar der Sammlung aufbereitet hat, sieht ein spezielles Interesse an den Papieren von Johann Cornies voraus, ein Führer in den 1830ern und1840ern.  Dem ehrgeizigen und unternehmungsfreudigen Cornies wurde enorme Macht von der russischen Regierung übertragen, um eine Reihe von übergreifenden landwirtschaftlichen und bildungspolitischen Reformen in der Molotschna Ansiedlung durchzuführen. Seine autokratischen Tendenzen widersprachen jedoch einigen der strengsten Prinzipien der Gemeinschaft und machten ihn äußerst unpopulär unter vielen seiner mennonitischen Glaubensbrüder. „Einige“, sagt Epp, „hielten ihn für den personifizierten Teufel.“

Die Cornies Papiere sind nicht die einzigen Highlights der Sammlung. Für einige Gelehrte mag die Kopie einer Erhebung von 1835, die detailliert alle Personen in allen Dörfern aufzählt, das Juwel sein, eine großartige Quelle für demographische Studien.

Für andere mögen es die Aufzeichnungen des in den 1870ern organisierten Forstwirtschaftswesens sein, das als Alternative zum verpflichtenden Militärdienst für die Gemeinschaft eingeführt worden war.

Das Mennonite Heritage Center in Winnipeg erwarb den ersten Teil seiner Kopie der Sammlung Anfang letzten Jahres und erhielt sofort eine Flut von Anrufen von Leuten, die das Material unbedingt sehen wollten. Peter Rempel, zu der Zeit der zuständige Archivar, sagte, dass viel dieses Anfangsinteresses von Genealogen kam, die Familiengeschichten erforschen wollten. Es zeigte sich, dass Schulregister für diesen Fall besonders wertvoll waren. Rempel selbst war beglückt, die Schülerregistraturen des Dorfes zu finden, wo seine Eltern lebten. „Die Information in den Dokumenten ist zwar lückenhaft, aber weitaus mehr, als wir bisher hatten.“

Währen der stalinistischen „Säuberungsaktionen“ Ende der 30er Jahre wurden die Anführer vieler Bevölkerungsgruppen in der Sowjetunion einschließlich der Mennoniten verhaftet und exekutiert. Später, während des zweiten Weltkriegs wurden nahezu zwei Drittel der Mennoniten aus der Molotschna nach Zentralasien und Sibirien deportiert. Einigen der  übrigen gelang es später, nach Kanada und Südamerika zu gelangen. 

Friesen sagt, dass der Verlust der Gemeindedokumente gepaart mit dem Trauma des Heimatverlusts den russischen mennonitischen Immigranten im Westen das Gefühl gab, von ihrer Geschichte abgeschnitten worden zu sein und dass sie weder Willens noch in der Lage waren, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Als Kind russischer mennonitischer Eltern in Kanada aufgewachsen, hörte Friesen wenige Geschichten über das Leben in der Sowjetunion – und die, die er hörte, waren nicht mehr als Fabeln von Gut und Böse, bei denen die Kommunisten die schändlichen Ungeheuer waren. Die Wiederentdeckung der Molotschna Sammlung, sagt er, schafft den Kindern von heute die Möglichkeit, ihre Geschichte in einem Maße zu erkunden, wie es ihre Eltern nicht konnten. „Ich freue mich für meine Kinder. Falls sie je daran interessiert sind, mich nach meiner Herkunft zu fragen, wird mir das jetzt viel leichter sein, Ihnen zu erzählen.“

Das Material mag noch wichtiger sein für die 80 000 Menschen mit russisch mennonitischem Hintergrund, die aus der ehemaligen Sowjetunion in den letzten 15 Jahren nach Deutschland emigriert sind. Seit der Stalin Ära bemühten sich die Sowjetbehörden intensiv, den Minderheiten jegliche Information über ihre Geschichte zu verweigern, erklärt Dyck. Das Ausmaß, in dem dies ihnen gelang, wurde ihm bei einem Besuch in Russland letztes Jahr klar, als er eine Kusine seiner Frau traf – eine Frau, deren Vater unter den Menschen war, die in den mennonitischen Dörfern von den Stalinisten 1937 und 1938 ermordet worden waren. „Wir fuhren durch die Gegend, als sie mich anschaute und fragte :“Wer waren eigentlich die Mennoniten?“ Sie hatte wirklich keine Ahnung davon. Da gab es diffuse Familienerinnerungen, aber nichts Authentisches, mit dem sie eine Identität verbinden konnte.“

Dies trifft auch auf die russisch mennonitischen Immigranten zu, die jetzt damit schwer tun, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Aus diesem Grund möchte Dyck gerne, dass eine Kopie der Molotschna Sammlung ihren Weg nach Deutschland findet, um ihnen zu helfen, ihre Vergangenheit zu verstehen. Es ist wichtig, betont er, dass sie Dokumentationen einer Zeit sehen, in der sie nicht nur Opfer waren, damit sie daraus Kraft und Inspiration schöpfen können.“ Die Studium von Geschichte kann sehr therapeutisch sein“, sagt er, „Es ist viel besser als die Couch.“

Während er eifrig die Vergangenheit ans Tageslicht befördert, ist Dyck fest in der Gegenwart verankert. Er arbeitet an einem Buch über politisches, kulturelles und wirtschaftliches Leben im heutigen Odessa basierend auf Interviews von vor und nach dem Staatsstreich 1991. Er hofft, es irgendwann in diesem Jahr zu veröffentlichen, passend zur 200-Jahrfeier der Gründung der Stadt. Svetlana Vishtalenko, deren Hilfe bei der Wiederbeschaffung der Molotschna Sammlung so unschätzbar war, ist Mitautorin. Nach dem Staatsstreich floh sie mit ihrer Tochter  aus der Sowjetunion und kam in Kanada mit nur 6 Dollar und einer Tasche voller Manuskripte und Fotografien an. Sie hat kürzlich ihren Master  in slawischen Sprachen und Literatur an der U of T gemacht.

Dyck arbeitet auch an einem Forschungsprojekt über die Volkszählung von 1835 und wird als Chefredakteur einer neuen Serie über russisch mennonitische Geschichte tätig sein, die die University of Toronto Press veröffentlichen wird. Ein anderes Nebenprodukt wird vermutlich die internationale wissenschaftliche Konferenz 1996 oder 1997. Zusätzlich ist er regelmäßig unterwegs, um seine Geschichte von der Sammlung in Gemeinden und historischen Vereinigungen in verschiedenen Teilen des Landes, inclusive Toronto, das eine Anzahl mennonitischer Kirchen hat, zu erzählen. Es war, sagt er, befriedigend, das Interesse und die Erregung zu sehen, die durch seinen Ausblick in eine verlorene Welt inspiriert wurden.“ „Das Archiv wird wirklich ein enormer Wissensfundus sein, wenn die Menschen anfangen, es richtig zu nutzen. Diese Geschichte wird später zu erzählen sein.“

Nach oben

Harvey Dyck, Rita Dick(ich),Ingrid Epp,
2015, Toronto
Peter Cornies mit seiner Frau Elisabeth Wiebe (Ur-Enkelin von Johann Cornies I.), 1908. (das Bild aus dem Privat Archiv von Frau Heiderun von Issendorff)
An dieses Bild kann ich mich ganz gut erinnern aus dem Album von meiner Oma

Noch eine Erwähnung über das Schicksal des Archivs findet man in "Susannas Töws Briefe". Teile Susannas Briefe wurden vom Historiker John B. Toews in English übersetzt, bearbeitet und zusammengestellt und im Jahr 1988 von Bethel College, North Newton, Kansas veröffentlicht. Das Buch hat den Titel "Letters from Susan".

Die Töws Familie in Ohrloff waren Nachbarn von Peter Cornies. Ein bedeutendes Ereignis dass diese Cornies Familie betraf wurde von Susanna Töws in drei Briefen an ihren Bruder, Gerhard, in Kanada dokumentiert.

Die Einzelheiten dieser Geschichte wurden durch mündliche Überlieferung in den Erinnerungen der Töws Familie behalten und von Generation zu Generation weitergegeben, zuletzt noch zu Susannas Großnichten, Katharina Petker und Antonina Lammert.

In einem Brief von 21.05.1929 schrieb Susan,

 

"Hier ist in den letzten Wochen sehr viel passiert, aber nichts Erfreuliches. Carfreitag gegen Abend, als wir den vorigen Brief eben abgeschickt hatten, bekamen Peter Corniesen (Cornies) die Nachricht, dass sie innerhalb 5 Tage von Haus und Hof [weg] sein sollten, mit einem Wort gesagt, sie wurden fortgejagt. Da war denn Ostern letzten Feiertag großer Ausruf, haben alles verkauft und auch sehr gut eingenommen, dann sind sie des andern Tages abgefahren nach Memrik.

Die Tanten aus der Kanzlei sollen auch bald fort, da hat es schon viel Schererei gegeben wegen ihren Möbeln, welche sie im zweiten Stock haben, denn das Pöbel sagt, dass die Sachen Cornies gehören, der oberste Stock und das ganze Wohngebäude sind alle verriegelt.".

 

Dann, am 11.06.1929, schrieb Susan wieder,

 

"Gestern haben drei Fuhrwerke das Archiv von Cornies nach Halbstadt gebracht."

 

Der Verlust von diesen unersetzlichen Aufzeichnungen war eine Tragödie für die gesamte Ohrloffer Gemeinschaft und die Einzelheiten ihrer Abholung wurden Jahrzehnte lang in der Töws Familie wiederholt. Die Erzählung, was passiert ist, sowie es von den lebenden Nachkommen erwähnt war, ist die folgende von Katharina geschrieben,

"Paar Leute kamen herein und sagten der Hausfrau sie soll zwei Bettlaken auf dem Boden ausbreiten. Auf diese Laken wurde das ganze Archiv gelegt- Kirchenbücher, die über hundert Jahre angesammelt wurden, die Laken wurden dann an die Zipfel genommen, hinausgebracht und in die Fuhren geladen .

Im selben Archiv befand sich auch das Dokument, welches Katharina die Große und Friedrich der Große beide eigenhändig unterschrieben hatten wegen Entlassung aus Preußen und Aufnahme der Mennoniten in Rußland."

 

Susannas letzter Hinweis auf diese Geschichte wurde in ihrem Brief von 21.07.1929 geschildert,

 

"In Pet. Kor. (Peter Cornies) ihr Gebäude da ist der Vieharzt hineingezogen, und in der Kanzlei da hausen die Tanten noch immer, wer weiß wie lange noch,..."

Frau von Issendorff schrieb mir:

"Zum Thema Cornies'sches Archiv habe ich in den Aufzeichnungen meiner Mutter folgendes gefunden (Meine Mutter hat bei einem Besuch bei Agnes und Lenchen Cornies (die Töchter von Peter und Elisabeth Cornies), den Nichten von Onkel Hans (der Bruder von Elisabeth Cornies, geb. Wiebe), deren Erzählungen aufgezeichnet:

"...Das Archiv war im Haus von Lenchens Familie, dem alten Cornies'schen Haus. Alles war aufbewahrt bis 1929. Als sie raus sollten, bat Philipp Cornies, ein Verwandter, ihm die Urkunden zu übergeben; Das taten sie auch, weil sie ja alles sonst stehen  und liegen lassen mußten. Die Möbel, die sie dem alten Knecht, der schon seit Großpapas Zeiten auf dem Hof lebte und nun das "Gnadenbrot" bekam, überließen, wurden diesem von dem Dorfrat weggenommen.  Die Urkunden waren hinter einer Tür, die mit einem großen Schrank zugestellt war, in einem schmalen Raum in  Regalen sorgsam aufbewahrt, eben bis zum Tag der Ausweisung. Dem Peter Cornies wurden all die Urkunden über Ein- und Auswanderung der Mennoniten und noch viele Unterlagen mehr von der "Gebietsverwaltung" abgenommen. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt. Zur Zeit der Machnow-Banden....""

 

 

Nach oben