Sie sind hier:  Molotschna > Blumenort

die Bartholomäusnacht von Blumenort

Das Massengrab, Blumenort, 1919. Foto aus Lohrenz, Seite 258

"Nach der Befreiung der Siedlung durch die Weiße Armee, waren die Weißen bemüht, die staatliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Um die Dörfer zu beschützen, bildeten und rüsteten Weiße Offiziere eine Abteilung von etwa hundert Männern aus, welche unter dem Namen Chortitzer Otrijad bekannt war. Viele der jungen Männer kooperierten gerne mit Denikin. Spät im Frühling rückte die Weiße Armee in das Molotschna-Gebiet ein. Anfangs Juni 1919 wurde Halbstadt von Denikins Truppen zurückerobert und im Juli war das ganze Gebiet in den Händen der Weißen. Aber nur drei Monate währte die Stille, nachdem die letzte Front vorübergezogen war. In einem unerwarteten Angriff durchbrachen etwa 6000 Machnoanhänger Denikins Verteidigungslinie und erreichten im Oktober 1919 die Molotschna. Eine Zeit unerhörten Terrors folgte. Die Angreifer erklärten frei ihre Absicht, die Kolonie zu vernichten. Mit wehenden Fahnen zogen sie reitend in ein Dorf nach dem ändern ein, plündernd, vergewaltigend und mordend. Des kalten Wetters wegen wurde das Militär in den Heimen einquartiert. Als Resultat der entstandenen unsanitären Verhältnisse trat eine schwere Typhusepidemie .

In der Molotschna war ein geheimer Plan für einen Gegenangriff entworfen worden, um Machnos Schreckensherrschaft zu brechen. Die zerstreuten Anhänger des Selbstschutzes wurden gesammelt, um einen Angriff auf Machnos Zentrale in Orloff auszuführen. Mehrere Einheiten erreichten in der Dämmerung des 10. November 1919 das Dorf Blumenort. Der Einzug der bewaffneten Männer blieb unbemerkt. Übers Feld und auf Nebenwegen kommend, erreichten sie den Hof eines der wohlhabenden Bauern des Dorfes. Überzeugt, dass die Anwesenheit der Männer Unheil bringe, bat er sie abzuziehen. "Aber Leute, was wollt Ihr hier? Das gibt nur grosses Unglück; kehrt doch sofort um und laßt uns allein." Die Männer weigerten sich und verlangten, dass ihre Pferde und Wagen in der großen Scheune auf dem Hofe versteckt werden möchten. Kaum waren die Scheunentüren geschlossen worden, als ein Hilferuf aus dem Dorfe erschallte: "Nun nehmen sie unsern Heinrich! Kommt und helft uns doch!" Mehrere der Machnowzen nahmen einen Dorfbewohner fest. Die soeben angekommenen Partisanen hatten nicht mit solchem Ereignis gerechnet. Schnell ergriffen sie ihre Gewehre und schössen auf die Belästiger. Nur zwei der berittenen Banditen entkamen. Die Selbstschutz-Gruppe verließ sofort nach dem Gemetzel das Dorf, während die Dorfbewohner in großer Besorgnis den Rächern entgegensahen. Und diese ließen nicht lange auf sich warten. In der Frühe des nächsten Tages traf eine bewaffnete Truppe in Blumenort ein, um die Bewohner zu bestrafen, die sie kollektiv für den Tod ihrer Kameraden in der vorherigen Nacht verantwortlich hielten. Bitten mit Hinweis auf ihre Unschuld wurden ignoriert. Eine Anzahl Geisel wurden im Keller des früheren Kaufladens eingekerkert. Um die Mittagszeit zog ein größeres Regiment mit wehenden Bannern in Rosenort ein. Einer der jüngeren Dorfbewohner versuchte dem Truppenführer die wirkliche Sachlage zu erklären. Dieser schien anfänglich auf den Bittsteller zu horchen. Dann ertönte der Ruf einer Russin, welche die Gruppe begleitete: "Was, wenn es um ihre geht, dann haben sie es nicht getan, wenn es aber um unsere Leute geht, dann ist alles einerlei." Dieser Protest wirkte elektrisierend. Ein Flintenschuß erlegte den sich zurück­ziehenden Bittsteller. Das Morden hatte begonnen. Bewaffnete Reiter töteten alle Siedler, die sie fanden. Die eingefangenen Geiseln wurden mit Säbelhieben, Flinten und Handgranaten niedergemacht. Bis Montag abend wartete eine große Anzahl Leichen der Bestattung. Man begann ein Massengrab zu graben. Die Leichenfeier konnte aber noch nicht abgehalten werden, da am Mittwoch neue rachesüchtige Horden von Melitopol ankamen und durch die Dörfer Altonau,Orloff und Tiege zogen und in der Dämmerung Blumenort erreichten. Ihr Pfad war durch Gewalttätigkeit und Mord gezeichnet. In Blumenort mußten noch einige Bürger ihr Leben lassen und eine Anzahl der Wirtschaften wurde eine Raub der Flammen. Endlich hatte sich am 14. November die Lage soweit stabilisiert, dass die Massenbestattung der Opfer möglich war. Ungefähre eine Woche nach dem Blutbad in Blumenort wurden die meisten der beteiligten Banditen von einem Kosakenregiment getötet."1

Quelle:

 

1 John Toews " Ein Vaterland verloren"