Sie sind hier:  Molotschna > Tiege, Taubstummenschule

„Marien- Taubstummenschule“ in Tiege, Molotschna.

Einen besonderen Platz in der Geschichte des mennonitischen Schulwesens gebührt der „Marien- Taubstummenschule“ in Tiege, Molotschna.

Das wunderschöne Gebäude für diese Schule wurde 1890 gebaut. Zum Glück es steht immer noch, trotz der schrecklichen Zeiten, die alles zerstört haben. Seit dem ich im Sommer 2013 diese ehemalige Taubstummenschule gesehen habe, stelle ich mir einige Fragen:

- Wieso überhaupt eine Taubstummenschule in einer mennonitischen Kolonie?

- Wer finanzierte den Bau?

- Welche Ausbildung hatten die Lehrer?

- Wie viel Kinder und wie lange besuchten sie diese Schule?

- Was kostete es für die Eltern? Und so weiter....

Ich finde es sehr faszinierend, dass eine ziemlich kleine Bevölkerungsgruppe (Mennoniten) in Russland so ein großes Projekt mit einem sichtbarem Erfolg aufgebaut hatte.

Die Antworten auf meine Fragen fand ich in zwei wichtigen mennonitischen Werken:

- P.M. Friesen, „Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft“, 1911

- F.F. Isaac, „Die Molotschnaer Mennoniten“, 1908

 

Beide Bücher sind in alter „Fraktur“ gedruckt. Hier ist meine Übertragung und Zusammenfassung aus diesen Werken.

„Da es unter den Mennoniten mehrere Taubstumme gibt, so wurde in den siebziger Jahren der Wunsch rege, auch für diese bedauernswürdigen Kinder etwas zu tun.“ „Ihr (der Taubstummenschule )geistiger Initiator war nicht ein Mennonit, sondern ein der Gemeinschaft formell ganz Fremder, der evangelische Armenier A.G. Ambarzumow („Ambarzumianz“). Während seiner Ausbildung in dem Armenschullehrer- Seminar von Zeller in Beuggen, Schweiz, lernte er die Taubstemmenschule eines gewissen Zurlinden kennen und wurde tief und für sein ganzes Leben für die Taubstummensache interessiert. Wie es geschah, dass er zu den Mennoniten Südrusslands kam, ist uns nicht bekannt. Wiederholentlich aber hielt er sich unter ihnen kürzere oder längere Zeit auf, suchte die Taubstummen auf und bemühte sich, durch Beeinflussung hervorragender Personen die Gesellschaft zur Errichtung einer Bildungs- und Erziehungsanstalt zu bewegen. Am meisten reellen Erfolg hatte er unter anderen bei dem unter „Schulrat“ schon genannten Gerhard Klassen (Blumenort) und bei dem damaligen Halbstädter Oberschulzen Abraham Wiebe (Lichtenau). Dieser verstand es, die Dinge in solche Bahnen zu leiten, dass der Halbstädter Bezirk sich entschloß, die Sache auf seine formelle Verantwortlichkeit zu nehmen, unter moralischer Unterstützung der Kirchengemeinden, wofür er die Zustimmung der Kirchenkonvente gewann. Wiebe und andere gaben der Sache einen noch mehr ernsten Charakter dadurch, dass man die Schule als ein Denkmal der fünfundzwanzigjährigen Regierung des Kaisers Alexanders II. gründete. Darüber geben wir folgendes Aktum im Original und in Übersetzung:

 

„Копия с копии,- М. В. Д. - Таврический Губернатор. - Губернское по крестьянским делам Присутствие.- Декабря 22-го дня 1881 г. - N 1059, - Симферополь. - В Бердянское по крестьянским делам Присутствие. - Временный Одесский Генерал — Губернатор от 5-го сего декабря за N 16 уведомил меня, что по всеподданнейшему докладу Г. Министра Внутренних Дел о предложении Гальбштадского волостного схода в память двадцатипятилетия прошедшего царствования устроить училище для глухонемых с наименованием онаго именем ГОСУДАРЫНИ ИМПЕРАТРИЦЫ, в Боз почивший ИМПЕРАТОР АЛЕКСАНДР II. ВСЕМИЛОСТИВШИЙ соизволил на присвоение предложенному училищу наименования «МАРИИНСКАГО» и повелел благодарить за сие крестьян означенной волости. - О такой ВЫСОЧАЙШЕЙ воле имею честь сообщить Уездному по крестьянским делам Присутствию для обьявления Гальбштадскому волосному сходу. - Подлинное подписал И. д. Губернатора Вице- Губернатор А. Булюбаш. Секретарь N. N. - С подлинным верно. Волосной Старшина К. Энс. Волосной писарь Тренкеншу.»

 

Übersetzung.

„Kopie von einer Kopie. - M. d. I.- Der Taurische Gouverneur. - Gouvernementsbehörde in Bauerangelegenheiten. - D. 22. Dezember 1881. - N 1059. - Simferopol. - An die Berdjanskische Kreis- Bauernbehörde. - Der zeitweilige General- Gouverneur von Odessa hat mich unterm 5. dieses Dezember sub. N 16 benachrichtigt, dass auf alleruntertänigsten Bericht des H. Ministers des Innern über den Vorschlag der Halbstädter Wolostversammlung, zum Gedächtnis der verflossenen fünfundzwanzigjährigen Regierung eine Taubstummenschule zu errichten und dieselbe nach dem Namen der HERRIN UND KEISERIN zu benennen, der in Gott ruhende KAISER ALEXANDER II. ALLERGNÄDIGST die Benennung der vorgeschlagenen Taubstummenschule als „MARIEN- SCHULE“ genehmigt und befohlen hat, den Ansiedlern der genannten Wolost zu danken.- Von solchen ALLERHÖCHSTEN Willen habe ich die Ehre, die Bauernbehörde zu benachrichtigen zur Eröffnung an die Halbstädter Wolostversammlung. - Das Original hat unterschrieben: In Betretung des Gouverneurs der Vice- Gouverneur A. Buljubasch. Der Sekretär N.N. - Mit dem Original gleichlaufend. Oberschulz K. Ens. Schriftführer Trenkenschu.“ (Siegel).“

 

„Eröffnet wurde die Schule erst im Jahr 1885 (am 28. Januar) in einem Hause des genannten Gerhard Klassen in Blumenort, der viele Jahre für die Schule Eifer und Liebe an den Tag legte;“

„Für diese Schule wurden nachstehende Bedingungen festgestellt:

Johann Karl Klatt,
P.M. Friesen, „Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft“, Seite 646

Aufnahmebedingungen der Taubstummenkinder in
                        die Marientaubstummenschule.

Die Dauer des Lehrkursus in der Anstalt ist sechsjährig.

Der Unterricht beginnt jährlich zum 15. August und dauert bis zum 15. Juni.

1) In die Anstalt werden aufgenommen taubstumme Kinder im Alter von 8- 12 Jahren. ( In besonderen Fällen können Ausnahmen stattfinden.)

2) Die Anmeldungen durch die Eltern oder Vormünder der Kinder müssen zum 1. Juni des laufenden Jahres erfolgen und an den Molotschnaer Mennoniten- Schulrat in Ohrloff, Poststation Halbstadt, Gouvernement Taurien, adressiert werden.

3) Das Kind muss körperlich und geistig gesund sein.

4) Das Kind muss mit ganzer, mit dem Namenzeichen versehener Wäsche, bestehend aus sechs Hemden, 6 Paar Strümpfe, einem Dutzend Taschentücher und Handtücher, außerdem mit Fußzeug und genügender Sommer- und Winterkleidung auf ein Jahr versehen sein.

5) Die jährliche Zahlung für Schul- und Kostgeld mit Versorgung der Wäsche beträgt 160 Rbl. und muss halbjährlich voraus an den Kassierer der Anstalt eingezahlt werden. Für Kinder mennonitischen Eltern beträgt das jährliche Schul- und Kostgeld 130 Rbl. und Kinder ganz unbemittelter Eltern werden unentgeltlich aufgenommen.

6) Das Bett mit allem Zubehör, sowie auch alle erforderlichen Schreibmaterialien und Bücher liefert die Anstalt und muss dafür noch jährlich 8 Rbl. besonders für jedes Kind gezahlt werden.

7) Die durch Krankheitsfälle der Kinder der Anstalt verursachten Kosten werden nachträglich beim Abholen der Kinder aus der Anstalt von den Eltern oder Vormündern zurückerstattet.

 

Es wird gebeten, bei den Anmeldungen taubstummer Kinder, die genaue Adresse anzugeben und zu berichten, ob das Kind taubstumm geboren oder durch Krankheit oder andere Ursachen taubstumm geworden ist.

                                                 Stellvertretender Präsident

                                                 des Molotschnaer Mennoniten- Schulrats:

                                                 Johann Klatt

Peter Heinrich Heese, P.M. Friesen, „Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft“, Seite 646

Seit Neujahr 1890 befindet sie sich in ihrem eigenen Hause, bei dessen Erbauung P.H. Heese besonders viel Anteil genommen.“

„Gleich anfangs war es Absicht der Gründer dieser Anstalt, einen dazu geeigneten Bau aufzuführen, und als die Tieger Dorfsgemeinde das Anerbieten machte, eine geeignete Baustelle zu solcher Anstalt unentgeltlich herzugeben, wurde im Herbst 1887 mit dem Bau angefangen, und im Laufe von zwei Jahren wurde dieser Bau vollendet. Die Kosten des Baues, welche durch Kollekten und Privatbeiträge gedeckt wurden, belaufen sich auf 40 138 Rbl., d. h. , so viel wurde von den Bauherrn verausgabt. Das böhmische Fensterglas zu dem ganzen Bau wie auch das Ausfärben und die eisernen Treppen, wurden von einzelnen Wohltätern beschafft und ist außer obiger Rechnung.

Im Dezember 1889 wurden Lehrer, Schüler und alles was zur Schule gehörte, in den neuen Bau, in diese erste und einzige Wohltätigkeitsanstalt ihrer Art, übergeführt und am 3. Januar 1890 wurde dieser schöne Bau unter zahlreicher Beteiligung feierlich eingeweiht, und da er in Bezug auf Räumlichkeit und Einrichtung vollkommen seinem Zweck entspricht, so fühlen sich Lehrer und Zöglinge vollkommen heimlich in demselben und mit noch größerem Recht als von der Schule in A. kann man von diesem Bau sagen: Schon das Äußere des Gebäudes zieht des Vorbeireisenden Aufmerksamkeit auf sich und zeigt seine hohe Bestimmung.“

Nach oben

„Marien- Taubstummenschule“, Strassenfront,
P.M. Friesen, „Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft“, S. 654

 „ Den Verwaltungsrat der Anstalt bilden zwei Vertreter der Molotschnaer Wolosten und des Kirchenkonvents ( früher – Schulratsmitglieger ); einer ist immer ein Ältester oder Prediger; das dritte Mitglied ist der Kassierer und Fürsorger („Vorsteher“), der auf drei Jahre vom Molotschnaer Kirchenkonvent und beiden ( also hat der Gnadenfelder Bezirk die Mitverantwortlichkeit u. Mitverwaltung gleichmässig mit dem Halbstädter übernommen) Bezirken gewählt wird. Dazu kommen noch 6 Mitglieder, die aus der Zahl der vom Verwaltungsrat vorgeschlagenen Personen von beiden Molotschnaer Bezirksversammlungen auf 6 Jahre gewählt werden. Der Fürsorger und Kassierer ladet 1-2 mal jährlich zu Sitzungen ein. Der Leiter der Schule nimmt daran Teil bei pädagogischen Fragen. - Der ökonomischen Teil und die Beköstigung, wie überhaupt die leibliche Besorgung der Schüler versieht ein „Hauselternpaar“. - Gegenwärtig hat die Schule einen neunjährigen Kursus; unterrichtet wird nur in deutscher Sprache; das Programm ist nach Inhalt das der mennonitischen Dorfschulen; es werden, wenn Vakanzen sind, Kinder aller deutschsprechenden Kreise neben mennonitischen aufgenommen. - Gegenwärtig arbeiten an der Schule 4 Lehrer und 1 Lehrerin – Die Anstalt besitzt in dem Hauptgebäude und auf dem Hof Lern-, Kranken-, Speise-, Schlaf-, Spiel- und Haushaltungs- Räume für 40 Schüler, eine Lehrerfamilien- Wohnung, je eine Wohnung für die Hauseltern, für die ledige Lehrerin und für einen ledigen Lehrer. - Außerdem besitzt die Schule zwei separate Lehrerfamilien- Wohnungen und ein Reservehaus mit Obst- und Gemüsegärten.“

                „Lehrer an der Anstalt waren:

1) Ambarzum Grigorjewitsch Amburzumow (gegenwärtig Lehrer an der Moskauer Taubstummenschule)- 1885- 91

2) Jacob Jac. Dörksen (jetzt Geschäftsmann), Absolvent d. Taubstummen- Lehreranstalt in Frankfurt a. M.1886- 95

3) Christian Christ. Efenwein, Absolvent d. Taubstummen- Lehreranstalt in Frankfurt a. M. - 1887- 1907; gegenwärtig in T-L. In Zürich

4) Herr Rau (ein halbes Jahr) , Abs. ders. Anstalt; gegenwärtig Direktor der Taubstummenschule in Moskau.

5) Heinrich Heinr. Janzen – seit 1893; Abs. ders. Anstalt.

6) Wilhelm Wilh. Sudermann – seit 1895, Abs. d. Hlbst. Päd. C.-Sch. u. d. gen. Anst.

7) Frau Bajkowskaja – 1898- 1900, Hilfslehrerin.

8) Jacob Fast – 1901- 03, Hilfslehrer.

9) Frl. Sophie Franz. Peters – 1901- 03 und 1907- 09, Hilfslehrerin.

10) Peter Wiens – 1903- 04, Hilfslehrer.

11) Frl. Anna Dörksen, 1903 – 08, Taubstumme, Abs. d. Schule in Tiege, für Handarb. u. Aufs.

12) Abraham Jul. Unruh – seit 1905, Abs. d. Gnadenfelder Sch., d. Hlbst. Päd. Kurs. u. d. Anstalt in Frankfurt a. M.

13) H.H. Peters – seit 1908, Abs. d. Hlbst. Päd. C.-Sch. u. einer Taubst. -Lehrerbild. -Anst. in Berlin

14) Frl. Hoheifel – seit 1909, Abs. einer Taubst.- Lehrerbild.- Anst. im Baltikum.

Das Collegium in der Gegenwart (Dez. 1910) bilden: Sudermann (Leiter), Janzen, Unruh, Frl. Hoheifel und Peters.

Die Lehrergage beginnt mit 600 Rbl. und schließt ab mit 1400 mit dem 17. Dienstjahr bei Amtswohnung und 100 Rbl zu Beheizung. Die (ledige) Lehrerin erhält 400 Rbl bei Dienstwohnung und Tisch. Altersversorgung besteht nicht. 

Nach oben

Johannes Philip Wiebe,
Nikolai Regehr "Johann Philipp Wiebe", S. 39

Fürsorger oder Vorsteher waren:

Gerhard Klassen- 1885- 93;

Johannes Philippow. Wiebe- 1893- 1905;

Jacob Petr. Schröder – seit 1905.

 

Hauseltern:

A.G.Ambarzumow (d.Lehrer) u. Frau – bis 1891;

Prd. Heinr.Joh. Janzen (f. ob. „Schulr.“) u. Frau – 1891- 93;

Herr und Frau Quiring- 1893- 95;

Prd. Abr. Epp u. Frau – 1895- 99;

Gerhard Giesbrecht u. Frau- 1899- 1908;

Jacob Fröse u. Frau – seit 1908

 

Unterhalten wird Schule von freiwilligen Beiträgen, an der sich alle Mennoniten Russlands beteiligen unter Wohlwollen und Förderung der Allgemeinen Mennonitischen Konferenz. Die Anstalt besitzt einen Fonds, dessen Zinsen aber noch lange nicht ausreichen

Hofseite der Schule
Klassenzimmer

 

Die Resultate dieser Schule sind große: die Absolventen lesen und schreiben mit vollem Verständnis, rechnen, wissen viel aus der bibl. Geschichte, der Geografie und Korbflechten für die Knaben und weibl. Handarbeiten für die Mädchen. Viele sprechen sehr ordentlich. Manche früheren Zöglinge nehmen eine unabhängige ökonomische Stellung im Leben ein, alle sind dem Menschen- und Christentum um ein Unendliches näher gebracht; der Weg zu einer klaren Gotteserkenntnis ist ihnen geebnet. - Diese erste Wohltätigkeitsinstitut aller Mennoniten Russlands ist für sie ein kostbarer Schmuck und aller Liebe und allen Miteiferns wert.“

Heute ist hier ein Dorfsklub, 2013

Nach oben